|
Du bist hier: Referate Datenbank | Philosophie
| Jugendlichkeit als Wert und Leitbild modernen Lebe
Jugendlichkeit als Wert und Leitbild modernen Lebe
Humboldt-Universität zu Berlin,
Institut für Kulturwissenschaft
07.02.96
Dr. sc. Anneliese Neef: Seminar: Kindheit-Jugend-Alter,
Kulturgeschichtliche Entwicklungslinien
"Jugendlichkeit" als Wert und Leitbild
modernen Lebensstils im 20. Jh.
Referat von Henrik Pantle
Gliederung:
- Einleitung
- Jugendlichkeit und Lebensstil
- Lebensstil
- Jugendlichkeit
- Jugendlichkeit als Lebensstil
- Jugendlichkeit ist "in"
- Individualisierung und Selbstbestimmtheit als moderner Lebensstil
- Schluß
- Literatur
1. Einleitung
In diesem Referat sollen im ersten Teil die Begriffe Lebensstil und
Jugendlichkeit eingeführt werden. Der zweite Teil des Referats
beschäftigt sich mit dem "In-Sein" der Jugendlichkeit und daß damit,
daß Wert und Leitbild des modernen Lebensstils Individualisierung und
Selbstbestimmung sind. Individualisierung und Selbstbestimmung als Wert waren
bis nach der Hälfte unseres Jahrhunderts "das Recht der Jugend"; die
Ausführungen werden zeigen, daß Individualisierung und
Selbstbestimmung auch nur für privilegierte Heranwachsende möglich
waren. Abschließend stellt sich die Frage, in wie weit o. g. Werte und
Leitbilder lediglich mit "Jugendlichkeit" bezeichnet werden und welche Probleme
für Jugendliche entstehen, ihren höchst eigenen Lebensstil
auszuprägen. Bei der Lektüre zeigte es sich, daß
Jugendlichkeit als Begriff in der Literatur kaum vorkommt. So mußten
Überschneidungen aus den Quellen zu Jugend und Lebensstil gefunden
werden.
2. Jugendlichkeit und
Lebensstil
2.1 Lebensstil
(Becher)In der Verwendung des Begriffs Lebensstil trifft man am
ehesten auf die Zuordnung zur Freizeitsphäre. Als Beispiele für einen
bestimmten Lebensstil werden etwa die Wahl bestimmter Speisen und Getränke,
Mode, Wohnungseinrichtungen und Musik- oder Sport- Vorlieben genannt. All dies
gehört vorrangig zum Privatleben. Für kulturwissenschaftliche
Untersuchungen mag dieser Aspekt am interessantesten scheinen, doch der
Lebensstil- Begriff umfasst neben sozialen und kulturellen Erfahrungen als
Orientierungsmuster auch ökonomische und politische Ursachen.
Ökonomische Ursachen durch Beruf, Status, Einkommen sowie politische
Ursachen im Maß der Freiheit, welches die Politik dem einzelnen
gewährt oder vorenthält. Dies wird in den frühen Deutungen des
Lebensstilbegriffs von Max Weber berücksichtigt. Er verwendet die Begriffe
"Lebensführung" und "Stilisierung des Lebens". in seiner Unterscheidung von
Klassen, Ständen und Parteien. Dabei hat der Begriff "Lebensführung"
mehr den Akteur oder eine Gruppe von Handelnden im Auge, "Stilisierung des
Lebens" beschreibt die ritualisierten Handlungen. Pierre Bourdieu führt
den Habitus als zentralen Schlüsselbegriff ein; damit meint er
Dispositionen, die auf ein System verinnerlichter Wahrnehmuns- und
Handlungsmuster zurückgehen, die allen Mitgliedern einer Gruppe oder Klasse
gemeinsam sind. Diese Handlungsmuster stammen also aus der objektiven
Realität sozialer Strukturen, sind aber von den Individuen aufgenommen,
verarbeitet, gelernt und internalisiert. Dies soll hier genügen um die
Komplexität des Lebensstil-Begriffs deutlich zu machen. Wenn verschiedene
Lebensweisen als Lebensstile gelesen werden sollen, ergibt sich die
Schwierigkeit, daß man sich an den jeweils dominanten Formen zu
orientieren hat. Was nun als "dominant" zu gelten habe, läßt sich
nicht einfach mit "mehrheitlich" gleichsetzen; neue Entwicklungen werden
zunächst von einer Avantgarde aufgegriffen und ausgebildet, bevor sie zum
vorherrschenden Typus werden, neben dem ältere Lebensweisen noch lange
bestehen können. So ist unzweifelhaft, daß "moderner Lebensstil" aus
der urbanen Lebensweise hervorgeht und sich weitgehend in der Auseinandersetzung
mit städtischen und dann industriell bestimmten Lebensbedingungen
entwickelt. Mittlerweile dürften die Stadt/Land-Unterschiede durch die
Schnelligkeit sowie ständige Präsenz der Medien und der hohen
individuellen Mobilität aber immer schneller ausgeglichen
werden.
2.2 Jugendlichkeit
(Liesenfeld) Jugendlichkeit bezeichnet die charakteristischen
Eigenschaften der "Jugend". Dabei bedeutet Jugend genauso die Jugendzeit wie die
Jugendlichen selbst. Der Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein ist
gekennzeichnet mit dem suchen nach einem Lebenspartner und einem Beruf, d. h.
Existenzsicherung. Einhergehend geschieht die Abnabelung von der
"Fremdbestimmtheit" durch die Eltern. Zum Jugendbild aller Zeitsrömmungen
gehören Kraft, Energie, Stärke, jenes Urvertrauen zu sich selbst,
einzig und allein resultierend aus der Tatsache des Jungseins, aber auch des
Mangels an Erfahrungen. In der Romantik finden wir Jugendlichkeit in der Person
des Taugenichts, der Freisein, Lebensfreude, bukolisches Genießen,
Einssein mit der Natur und Abenteuerlust, himmelhoch jauchzend oder zu Tode
betrübt in eine für ihn unerschöpfliche Zeit einbettet. Um diese
geht es auch Faust, der sogar, um seine Jugend wieder zu erlangen, bereit ist,
seine Seele an Mephisto zu verkaufen. Denn nur so scheint Faust seine Neugier,
seinen Wissensdurst und seinen Drang nach Erkenntnis befriedigen zu können.
Einen weiteren Aspekt liefern die verschiedenen Solidarisierungen junger
Menschen im Laufe der Geschichte. Anzuführen ist das oppositionelle,
aufrührerische Element, das mit unterschiedlichen Inhalten und
Zielsetzungen etwa in der Französischen Revolution, in den napoleonischen
Freiheitskriegen oder aber auch in der Studentenbewegung der achtundsechziger
Jahre und die Friedensbewegung der achziger Jahre zum Tragen kam. Generell kann
behauptet werden, daß vor allem in der Jugendzeit in einer Gruppe
Gemeinschaftserlebnise gemacht werden. Dabei muß die Gruppe nicht
unbedingt oppositionell ausgerichtet sein. Wenn der Abschnitt des
Jugendalters als "zwischen Kind und Erwachsener" definiert ist, haben viele
Jugendliche eine Jugend ohne viel Jugendlichkeit erlebt. Jugendlichkeit für
alle Jugendliche einer Generation gibt es erst seit diesem Jahrhundert: "Das
Bild einer sozialen Eigenwelt der Jugend lebt von dem Bewußsein eines
Eigenwertes der Jugendzeit, die sich auch als Recht der Jugend auf eine autonome
soziale Stellung im Gesellschaftsganzen" dokumentieren muß" meint der
Soziologe Schelsky. Die Ausbildung eines solchen Eigenwertes ist, nach
Rosenmayr, in "patriarchalisch strukturierten archaischen Gesellschaften mit
punktuellen Herrschaftssitzen ..", die auf der "Unterordnung des Sohnes unter
den Vater oder Männerbund" basieren, nicht gegeben. Demnach scheint im
Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine Jugendphase in ihrer
Eigengesetzlichkeit lediglich für bestimmte Gruppen wie etwa die
höfischen Knappen oder die fahrenden Scholaren möglich gewesen zu
sein. Auch in der Gesellschaft des frühen 18. Jahrhunderts blieb das
Ausleben diverser Spielarten von Jugendlichkeit bloß einer elitären,
kleinen Gruppe vorbehalten. Für das Gros der damaligen Bevölkerung
herrschte jedoch drückende Not, die kaum Freiräume zuließ. So
war auch die Gesellenwanderung, die vielfach als ein Zeichen der Freiheit und
"Freizügigkeit" dargestellt wird, meist eine Phase größter
ökonomischer Unsicherheit und Entbehrung. Ledige Dienstboten unterstanden
der Verfügungsgewalt des Hausherrn. Im ausgehenden 19. Jahrhundert in
Berlin suchten soziale Einrichtungen, Fürsorgevereine und Obdachlosenasyle
der Not der Arbeitslosen entgegen zu wirken und vom Land stammende
Dienstmädchen mußten in den städtischen Familien des
Bürgertums als isolierte, sozial tief stehende Klasse oft mehr als 16
Stunden pro Tag ihre Arbeit leisten. Dagegen frönten in den
Verbindungskneipen Studenten und "Alte Herren" bei Bier und in "voller Wichs"
lauthals ihrer Jugend mit dem
"Gaudeamus igitur iuvenes dum
sumus ..."
Der Heidelberger Ethnologe Mühlmann stellt fest:
"Nur unter den seltenen Bedingungen einer stabilen Existenzgesichertheit
(Wegfall der Sorge um die unmittelbare Befriedigung der elementaren
Lebensbedürfnisse, ausgedehnte Friedenszone) kann sich so etwas wie eine
ŒHeimweltŒ entwickeln, wo im milden Klima pädagogischer Zuwendung
spezifisch jugendliche Eigenschaften wie Sorglosigkeit, Übermut,
Spielfreude, aber auch Diposition zur Revolte, gedeihen."
3. Jugendlichkeit als
Lebensstil
3.1 Jugendlichkeit ist "in"
(Liesenfeld)Der größte Unterschied des Jugendbildes
unserer heutigen Industrie- und Freizeitgesellschaft ist der, daß dieses
Jugendbild nicht mehr auf die Generation der sich in diesem Alter befindlichen
Personen beschränkt bleibt. Jugendliche aller Schattiereungen
lächeln von Plakat- und Leinwänden auf uns herab und vermitteln
unterschwellig oder aufdringlich: kosmetisches Gepflegtsein und Sportlichkeit
sind "ein muß". Beides steht für Jugendlichkeit oder aber ist
bemüht, diese zu stimulieren bzw. zu ersetzen. Unzählige Beispiele
vor allem aus Kosmetik- Mode-, Erfrischungsgetränke- und Lebesmittelwerbung
belegen dies. Ein Grund hierfür ist sicherlich auch, daß heute
Jugendliche selbst eine große zu bewerbende Konsumentengruppe sind, nicht
nur weil die Jugendphase mittlerweile oft bis zum 30. Lebensjahr dauert. Nicht
nur wenn wir die "Mode-Seiten" sondern auch wenn wir die Annoncenteile von
Illustrierten und Zeitungen aufschlagen sehen wir, wie sehr jugendliches
Aussehen gefragt ist oder zumindest angepriesen wird: Schlankheitstrunks,
Anti-Fältchen-Cremes, Diät-Käse und -Wurst sowie Schönheits-
und Fitnesskuren werden an die Frau oder den Mann gebracht. In diversen
Frauenzeitschriften finden sich auch regelmässig die Anzeigen der
"Kosmetischen Chirurgie" für diejenigen, welche meinen es hülfe nur
noch das Skalpell. Ein Blick in die Partnerschafts- und Heiratsinserate
bestätigt das "In-Sein" von Jugendlichkeit. Oft finden sich Formulierungen
wie "Jugendlicher Endvierziger, gutaussehend, sportlich sucht ..." oder "Er, 38,
erfolgreich im Beruf, wünscht attraktive junge Frau bis 30, zwecks
..." Aber auch der u. U. aus der Fernsehwerbung bekannte " Herr Kaiser, der
Mann von der Hamburg-Mannheimer" ist durch einen jüngeren Darsteller
"modernisiert" worden. Für eine Bausparkasse wirbt ein Model so, wie es
auch für koffeinfreien Kaffee, oder besonders bequeme Binden posieren
könnte. Mit Studentenservice und besonderen Konditionen vermittlen Banken
und Versicherungen Offenheit, Aufgeschlossenheit, Freundschaftlichkeit,
Partnerschaftlichkeit, Dynamik etc. Dies ermöglicht den Institutionen
einerseits, sich selbst einen jugenlichen Anstrich zu geben und andererseits,
ihre Geschäftsintressen hinter dem jugendlichen Image zu
verschleiern. An dieser Stelle wenigstens erwähnt werden muß auch
die Sprache, sowie Musikvorlieben als Indikator für
Jugendlichkeit. Ebenso wäre Jugendlichkeit in der Mode ein Thema
für ein extra Referat, an dieser Stelle lediglich folgendes: Wer trägt
heute keine Blue-Jeans? Wenn festgestellt wird, daß Jugendlichkeit
heute besonders "in" sei, darf allerdings nicht vergessen werden, daß der
Wunsch nach immerwährendem Jung-Sein ein nicht sehr neuer ist.
Unzählige Geschichten und Volkslieder von Jungbrunnen oder -bädern,
welche ihren Nutzern sofortige und unter Umständen immerwährende
Jugend bringen und "Altweibermühlen", in denen Frauen zu jungen
Mädchen gemahlen werden, geben davon
Zeugnis.
3.2 Individualisierung und Selbstbestimmtheit als
moderner Lebensstil
(Baacke / Becher)Jugend ist zur Aufgrund ihrer Zahl und ihrer
Kaufkraft Modemacht geworden. Sie ist auch Trendsetter: was Töchter und
Söhne tragen, regt oft Mütter und Väter an, führt sie zur
Nachahmung. In der Mode ist der Vorgang retroaktiver Sozalisation (nicht:
Ältere führen jüngere in die Welt ein, sondern umgekehrt)
besonders Aktiv und vehement. Weiter: Jugendmode ist ein Spielfeld für
Orgiginalität für alle. Stil und Mode hängen zusammen. Ihre
gemeinsame Leistung ist die Entdeckung und Förderung der
Individualität. Heranwachsende suchen sich einen Lebensstil, der zu ihrer
Persönlichkeit passt. Da die Persönlichkei erst im Begriff ist, sich
zu festigen, ist die Wahl eines Lebensstils nicht unbedingt eine Entscheidung
für längere Zeit. Zu unterstreichen ist aber, daß so eben gerade
Jugenliche ihren eigenen, persönlichen Lebensstil wählen, bzw.
zumindest suchen. Dieses selbstständige suchen und ausprobieren von
verschiedenen Lebensstilen oder auch Trends oder Moden war bis in die 68er der
Jugend oder Künstlern vorbehalten. Bis in die fünfziger- sechziger
Jahre hinein war der neue Wohlstand und der damit verbundene Konsum ein hohes
Ziel, für das es sich lohnte seine ganze Arbeitskraft in seinen Dienst zu
stellen. Schon vor 1968 fragten sich nicht nur Studenten ob es nicht wichtiger
wäre ein erfülltes Leben, persönliche Entfaltung und solidarische
Tugenden anzustreben. Erfülltes Leben - das hieß für die meisten
Menschen: ein selbstbestimmtes Leben. Wichtiger als religiöse Orientierung
aber auch berufliche Motive ist der Bereich der Freizeit und des Privatlebens
geworden, welcher am ehesten nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden kann.
Für junge Menschen unvorstellbar ist wohl auch die Zunahme der
Selbstbestimmung der Frauen. Berufstätigkeit und veränderte
Wertvorstellungen der Gesellschaft ermöglichen die Unabhängigkeit und
bei Bedarf die Trennung vom Mann. Aber auch die Selbstbestimmtheit der
Männer nahm zu, immer mehr konnten sich Kinder gegen die Erwartungen und
Vorstellungen ihrer Elten durchsetzen; dies nicht zuletzt deshalb, weil
Einkommenssicherung im Alter voll und ganz vom Staat übernommen
wurde. Früher legte der "Erfolgsmensch" seine Jugendlichkeit ab. Es
zählte ein fester Lebenspartner und die zugehörige glückliche
Familie. Der Beruf (des Mannes) mußte Verantwortung und Geltung mit sich
bringen und finanzielle Sicherheit schaffen. Ein Ausscheiden aus dem Beruf war
nur aufgrund eigenem, groben Versagen denkbar. Kurzum: Es zählt die
Seriosität. Heute nimmt der "Erfolsmensch" familiäre Bindungen
weniger wichtig. Die Partnerwahl erfolgt nicht mehr unbedingt für das ganze
Leben, wenn eine feste Beziehung nicht sowieso generell in Frage gestellt wird.
Weiter wird die Enttabuisierung des Sexualverhaltens und Formen der
Zärtlichkeit von Jugendlichen übernommen. Der Arbeitsplatz ist auch
bei erfolgreicher Erfüllung der Position nicht mehr sicher. Die geforderte
Tugend lautet: Mobilität und Flexibilität. Die fortschreitende
Technisierung des Alltags fordert eine weitere jugendliche Eigenschaft von allen
Mitgliedern der Gesellschaft ein: Die Fähigkeit und der Wille ständig
zu lernen und sich auf einmal gelerntes nicht zu verlassen. Als Beispiel sei
nicht nur der Computer auf dem Schreibtisch, sondern auch moderne
Fahrkartenautomaten, Viedeorecorder und Automobile genannt. Die
sogenannte Œ68er-Generation, mit ihren im Vergleich zur Vorher-Generation
auffällig anderen Werten, wuchs mit den Jahren zu einer starken
Bevölkerungs- und auch Konsumentenschicht heran. Damit bilden sie eine
wertebildende Gruppe in der Gesamtgesellschaft. Sie werden nicht mehr unbedingt
als die Nachfolge-Generation wahrgenommen, weil sie entweder keine Jugendlichen
mehr sind oder weil sie als Konsumenten genauso umworben und ernst genommen
werden, wie die Erwachsenen. Der Wertewandel der (ehemals) Jugendlichen
wächst zum allgemeinen Wertewandel heran. Auch so kann jugendlicher
Lebensstil oder zumindest jugendliche Wertvorstellungen vom sogenannten modernen
Lebensstil übernommen werden. Durch das "In-Sein" von Jugendlichkeit wird
diese Übernahme natürlich
gefördert.
4. Schluß
(Becher / Hüetlin)Durch die Massenmedien und den
Massenkonsum, werden die Besonderheiten von Sub- und d. h. vor allem
Jugendkulturen breitenwirksam und dadurch von immer mehr Leuten benutzt. Um
Subkultur zu erhalten, müssen neue Besonderheiten gefunden werden welche
dann erneut vom Mainstream "dankbar" aufgegriffen werden. Wenn das Phantom
Generation X überhaupt etwas mehr ist als ein Buch, dann hat es mit der
modernen Welt ganz gut klarzukommen, auch mit der Werbung. Keine Generation hat
die Flucht vor dem Mainstream besser perfektioniert, keine Generation ist durch
das Erfinden neuer Trends und Minitrends immer schneller auf der Flucht. Der
Veränderungswille war von allem Anfang an mit dem Programm der Moderne
verbunden. Er hat sich in der Gegenwart zu einem "Anarchismus der Sile und
Denkrichtungen" potenziert, dem eine gewisse Beliebigkeit innewohnt. Man sieht
darin ein Signum der Postmoderne, die an die Stelle einer erschöpften und
obsolet gewordenen Moderne getreten sei. Es fragt sich nur, ob die freie
Verfügung über kulturelle Muster und das Vorhandensein alternativer
Lebensformen tatsächlich einen "postmoderenen" Lebensstil charakterisieren
oder nicht vielmehr das Programm der Moderne, so wie es die Aufklärung des
18. Jahrhunderts formulierte, zu einem voläufigen Abschluß
bringen. Es ist unübersehbar, wie stark Politik und öffentliche
Meinung einen Typus favorisieren, der jung, leistungsorientiert und
leistungsstark, sein Leben und seine Arbeit selbständig meistert und keine
öffentliche Hilfe nötig hat. Was diesem Bilde widerspricht: Krankheit
und Behinderung, Alter und Tod, Tatsachen also, mit denen ein jeder eines Tages
konfrontiert sein wird, werden weitgehend aus dem Bewußtsein
verdrängt.
5. Literatur
- Becher, Ursula A. J. "Geschichte des modernen
Lebensstils" München: Beck 1990.
- Liesenfeld, Gertraud "Wir sind jung, die Welt ist
offen... Vom ŒIn-SeinŒ der Jugendlichkeit" in: Beitl, Klaus (Hg.)
"Gegenwartsvolkskunde und Jugendkultur" Wien: Östereichische Akademie der
Wissenschaften 1987.
- Baacke, Dieter "Jugend und Mode" Opladen: Leske +
Budrich 1988.
- Hüetlin, Thomas "Zielgruppe X" in SPIEGEL
special Nov 1994.
- ?, "Eine infantile Gesellschaft" in SPIEGEL 9/97
S. 222, 224.
- Bly, Robert "Die Kindliche Gesellschaft,
München 1997.
Henrik Pantle Erstellt am 07-02-96, zuletzt
geändert am 01-05-97
|