|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Hodjak, Franz: Am Eck
Hodjak, Franz: Am Eck
Deutsche Hausarbeit Martin Schöbel
04.-11. März 1998
(Franz Hodjak: “Am Eck”)
In seiner Kurzgeschichte “Am Eck” schreibt Franz Hodjak
über die Orientierungs-
losigkeit der jungen Leute in der Gesellschaft.
Hauptfiguren sind 7 junge Männer: Nik, Toni, Gerd, Siggi, Roal, Fredi
und der Ich-Erzähler. Dieses Kollektiv, wie sie sich selber bezeichnen (Z.
7), scheint dem Alltagstrott, tagein, tagaus immer das gleiche, nicht mehr
entkommen zu können. Ihr Tagesablauf ist von Gewohnheiten geprägt und
wird teilweise nur noch vom Wetter beeinflußt (Z. 27).
Der einzige Versuch den Teufelskreis zu unterbrechen, nämlich der
Diebstahl eines Straßenbahnwagens, scheitert an dem Eintreten einer
unbedeutenden Kleinigkeit. Trotz ihrer “großen Sehnsucht, eine Nacht
lang mit der Straßenbahn durch die Stadt zu fahren”(Z. 75) brechen
sie ihr Vorhaben ab und “gehen bedrückt auseinander”(Z.
77).
Deutlich kann man das Motiv der Freundschaft erkennen, was fast die einzige
Verbindung zwischen den 7 Personen ist. Doch diese Art Freundschaft scheint mir
eher notgedrungen zu sein. Sie resultiert mehr aus den Gemeinsamkeiten der
“Freunde” und dem gleichen alltäglichen Ablauf, der sie zu
einem Kollektiv vereinigt. Daß eine Bindung untereinander besteht ist aber
unbestritten, nach dem Motto “Einer für alle, alle für
einen”(siehe auch Z. 8).
Außerdem ist noch das Motiv jugendlicher Realitätsferne
vorhanden. So deutet Hodjak darauf hin, daß immer mehr Jugendliche den
Reiz am Leben selbst verlieren. Sie leben nur von einem Tag zum nächsten,
sind innovations- und ideenlos, und schlagen sich teilweise mit
Gelegenheitsarbeiten durchs Leben (s.a. Z. 12/13).
Es gibt nur eine Haupthandlung, die auf den Versuch hinausläuft, dem
Alltagstrott zu entfliehen.
Meiner Meinung nach kann man klar von einer äußeren Handlung
ausgehen. Der Ich-Erzähler spricht nicht von den Gefühle und den
Gedanken der einzelnen Personen, sondern aus seiner eigenen Erfahrung mit den
Anderen. Er beschreibt nur. (Bsp.: Z. 14-25 oder 31-33).
Die Erzählform ist eindeutig Ich-Erzählung. Doch steht sehr
häufig anstatt dem personalem Ich das personale Wir. Daraus kann man
erschließen, daß nicht der Ich-Erzähler im Mittelpunkt stehen
will, sondern er viel mehr das gesamte Kollektiv vertreten möchte. Sie
agieren immer zusammen, nie allein. Es führt sogar dazu, daß wenn
“einer einmal aus irgendeinem Grund die Schicht wechseln” muß,
sie noch am gleichen Tag Gesuche einreichen, um “wieder alle in der
gleichen Schicht arbeiten” zu
können.(Z. 8/9)
Der Standort des Ich-Erzählers ist sehr nah; er ist “direkt
dabei”. Durch den “limited point of view” des Erzählers
können wir nicht die Gedanken und die Gefühle der anderen
“erkennen”. Er beschreibt den Handlungsablauf, aber auch die
Gewohnheiten und Besonderheiten seiner Mitmenschen.
Das Erzählverhalten ist personal, was sich aus der Erzählform
ergibt.(Z. 64)
Die Erzählperspektive ist Außenansicht. Wir können nur
aufgrund der Beschreibung
des Erzählers Rückschlüsse auf die Charaktereigenschaften
der anderen Hauptfiguren schließen. (Bsp.: Z. 14-25)
Eine Erzählhaltung ist nicht feststellbar, da der Erzähler die
Gewohnheiten und Eigenschaften der Jugendlichen mit keinerlei Anteilnahme
darstellt.
Die Darbietungsweise ist eine durchgehende Beschreibung. Erst am Ende kann
man dramatisierte Szenen erkennen, wie beispielsweise in Zeile 67.
Auffällig ist aber, daß Hodjak auf Anführungsstriche verzichtet
hat, d.h. es ergibt sich keine oberflächliche Veränderung. Der Text
bleibt genauso wie die 7 Freunde die ganze Zeit gleich.
Die Struktur ist sehr linear aufgebaut. Man kann den Text deutlich in
mehrere Abschnitte einteilen, was durch die starke
“Zerstückelung” mit Hilfe von Absätzen sehr vereinfacht
wird. So ist der Text bis Zeile 65 eine reine Beschreibung des erlebten Alltags;
doch dann findet ein regelrechter Bruch statt, “jetzt ist es endlich an
der Zeit, etwas zu tun”.(Z. 66).
Die erzählte Zeit entspricht nicht der Erzählzeit. Man kann von
einer Zeitraffung sprechen. Wieviel erzählte Zeit vergeht ist unklar, da
immer der alltägliche Handlungsablauf geschildert wird. Dadurch wird auch
die Zeitlosigkeit ausgedrückt, die durch die stetige Langeweile
aufkommt.
Ein besonders häufig vorkommendes Stilmittel in Hodjaks Text ist die
Alliteration.
So in den Zeilen 12 und 13: “ Flasche vom”, “gibt’s
Gelegenheitsarbeiten” und “mal dies, mal das”. In Zeile 41
eine, aus 3 Teilen bestehende: “Getue, Getummel, Gebaren”.
“Siggi kann kaum”(Z. 59). In Zeile 75 kommt sogar eine
Alliteration bestehend aus zwei gleichen Wörtern vor, um die riesige
Sehnsucht auszudrücken: “große, große”.
Hyperbeln findet man beispielsweise in Zeile 15 “Ja selbst die ganze
Nacht über”.
Parallelismen kommen zu Beispiel in Zeile 17 vor oder auch in den Zeilen 29
und 35, “Regnet es....”. Die Parallelismen verkörpern wieder
die Langeweile und den Alltag, der so auch durch sprachlichen Mitteln vertreten
wird .
Ein sehr wichtiger Parallelismus scheint mir in den Zeilen 67 und 75,
“Der süße Duft des Flieders, sagt Toni, macht die Lerchen
verrückt, die einfach durchdrehn in der Luft”.
Hier ist er auch noch gleichzeitig Variation. Symbole wären dann
“Duft des Flieders”, der wohl für die aufkommende Abenteuerlust
und die damit verbundene Freiheit steht, “die Lerchen verrückt”
, Symbol für den Widerstand der Jugend gegen den Alltagstrott und
“durchdrehen”, Synonym für Erwachen. Außerdem
repräsentieren diese Elemente auch eindeutig den Frühlingsbeginn.
Letzteres hat auf jeden Fall Symbolcharakter. Er steht für
Aufbruchsstimmung und für frischen Wind.
Ein weiteres Element mit Symbolcharakter läßt sich in Zeile 48
finden: “Wir kauen Gummi”. Kaugummi kauen tut man normalerweise nur
aus Langeweile, d.h. wenn man keiner Beschäftigung nachgeht, steht demnach
für ihre Inaktivität.
Doch Nik antwortet auf die Frage, was sie denn machten, mit “Wir
orientieren uns”. Bei ihrer “Orientierung” richten sie sich
also nach dem Verhalten der anderen Leute. Diese Art Orientierung durch Kopieren
kann man in Zeile 60 vertreten durch den Charakter Fredi erneut erkennen.
“Fredi kauft sich stets sofort das Neueste, mit dem einer von uns
erscheint...”.
Ihr Alltagstrott zeigt sich auch darin, daß sie sich immer am Eck
treffen (Zeile 5) und dies bereits seit fast 3 Jahren tun. “Siggi kann
kaum das Jubiläum erwarten, an dem wir das dritte Jahr feiern, seit wir
täglich am Eck stehen” (Zeile 59). Die Gewohnheit wird hier auch
durch das Wort “täglich” verstärkt. Auch diese Eigenschaft
wird wieder durch eine Person, Nik, spezifiziert. Er kann sich einfach nicht von
seinem Casettenrecorder trennen. Er hat sich an ihn in allen Lebenslagen
vollkommen gewöhnt, jedoch hat er keine Ahnung warum (Zeile 14-16). Sie
versuchen anscheinend zum ersten mal seit langer Zeit, wenn nicht sogar zum
ersten mal in ihrem Leben, ihrem Alltagstrott zu entkommen. Dies wird durch das
Wörtchen “endlich” in Zeile 66 deutlich. “...jetzt ist es
endlich an der Zeit, etwas zu tun.” An dieser Stelle wird auch ein Umbruch
in der Geschichte deutlich. Sie versuchen jetzt etwas, den
Straßenbahndiebstahl, jedoch scheitern sie, da keiner von ihnen eine
Straßenbahn betätigen kann. Anstatt es zu versuchen geben sie sofort
auf, und führen ihr Vorhaben nicht zu Ende. Dies läßt sich
wieder in einer Person widerspiegeln. Siggi hat bereits 6-mal versucht zu
studieren, ist jedoch immer gescheitert und hat sein Vorhaben nie zu Ende
geführt.
Zu guter Letzt vertreten auch noch die anderen Charaktere bestimmte
Eigenschaften. Toni ist phantasielos (Stichwort 7 Hunde), Gerd ist ein
“Spinner”( er besitzt “die Fähigkeit, mit Toten
kommunizieren zu können.”) und Roal steht für die
Inaktivität, die “mir-ist-alles-egal” Einstellung oder die
Tagträumerei.
Abschließend greife ich noch einmal das Thema bzw. Den Grundgedanke
des Textes auf.
Hodjak will das gravierende Problem “Perspektivenlosigkeit der
Jugend” mit all seinen zur Verfügung stehenden Mitteln aufzeigen.
Daß es aber immer einen Hoffnungsschimmer gibt, drückt er mit dem
Symbol der Straßenbahn aus, die hier auf jeden Fall für die
eigentlich ersehnte Freiheit steht. Doch auch dieses Symbol wird noch
überschattet von dem Alltagstrott, von dem eigentlich nicht nur die Jugend
befallen ist, sondern auch die gesamte Welt. So ist nämlich eine
Straßenbahn in ihrer Freiheit zu entscheiden ziemlich
begrenzt......
|