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Frisch, Max: Andorra
walter-ludwig skolud <waluliso@gmx.net>
Werk: Andorra
Autor: Max Frisch
In einem imaginären Kleinstaat Andorra, leben die Einwohner in
Vorurteilen voneinander getrennt als "Schwarze" und als "Weiße". Der junge
Andri wächst nun im weißen Andorra auf. Auf Grund des Gerüchts,
sein Pflegevater, der Lehrer, habe ihn als Judenkind vor dem Zugriff der
"Schwarzen" gerettet und aufgezogen, wird ihm das Schandmahl des Andersartigen
aufgeprägt. Die "Weißen" haben nun einerseits die Angriffe auf die
Juden seitens der "Schwarzen" geächtet und als Andri klein war ihn
liebevoll behandelt, andererseits demaskieren sie ihre heuchlerische
Mildtätigkeit nun, da sie Andri in ein für Juden bestimmtes
Klischeeverhalten hineindrängen wollen. Sie wollen gar nicht in ihm einen
Menschen erkennen, sondern sehen in ihm nur einen Juden, der er nun gar nicht
ist.Der Tischlermeister meint er sei als Tischler untragber, da ja jeder wisse,
daß Juden nur für das Geschäftliche, nicht aber für ein
Handwerk taugen.Der Tischler verlangt nun einen hohen Betrag für die
Ausbildung Andris zum Tischler, da er meint er tauge nichts als Handwerker.
Andri erweist sich zwar als sehr geschickt, doch der Tischler testet den
fertigen Stuhl des Gesellen, dieser zerbricht, Geselle und Tischler behaupten
nun der Stuhl sei von Andri. Der Tischler hat nun seinen Vorwand unter dem er
ihm in den Verkauf schickt. Dort verdient nun Andri wenigstens mehr Geld,
fühlt sich aber nich selbstverwirklicht. Der Soldat mißhandelt ihn -
der Arzt beleidigt ihn aus bornierter Eitelkeit. Der Pater hält ihn vor "er
solle sich selber helfen", vermag ihm aber nicht zu helfen, da auch er sich an
ein falsches Bild hält. Von einer Mauer des Vorurteils umgeben, klammert
sich Andri an seine Liebe zu Bablin, der ehelichen Tochter seines Pflegevaters.
Er will mit ihr, um seinen Quälgeistern zu entkommen, sobald er Geld genug
hat, fliehen. Als ihm die Hand des Mädchens verweigert wird - da sie ja in
Wirklichkeit seine Halbschwester ist - ,bildet Andri eben jene Eigenschaften
aus, die seine Umgebung ihm unablässig einzuhämmern versucht. Der Wahn
seiner Umwelt wird zum Wunschbild seiner Existenz: "Ich will anders sein." Das
Verhängnis nimmt nun seinen Lauf.
Andris Mutter, eine "Schwarze", kommt nun in das Dorf Andris. Da
Gerüchte umgehen, es solle Krieg geben zwischen den "Schwarzen", un den
"Weißen", spielt sich der Soldat auf - die hübsche Frau soll eine
Spionin sein. Der Wirt will nichts mit dem Soldaten zu tun haben. In diesem
Augenblickt tritt Andri auf, will sich an dem Soldaten wegen seiner
Beleidigungen rächen. Doch dieser kann ihn mit Hilfe mehrerer Freunde
zusammenschlagen. Die Mutter nimmt sich seiner an, ohne zu wissen wer er ist.
Erst als sie ihn zu seinem Vater führt, erkennt sie seinen Vater, und
verlangt von ihm Rechenschaft, warum er dieses Gerücht in die Welt gesetzt
hat. Nun kommt die Feigheit des Vaters zum Vorschein, die Mutter versucht nun
Andri verzweifelt zu erklären, daß Bablin seine Halbschwester ist.
Sie schenkt ihm ihren Ring, damit er eine Existenz hätte. Auf dem
Rückweg, wird sie mit einem Stein erschlagen. Wer der Mörder ist,
bleibt unklar - Aufgrund der Ängste des Wirtes ist es aber wahrscheinlich
das er es war. Unklar bleibt auch ob die Mutter deswegen getötet wurde,
weil sie nun eine Schwarze ist, oder, weil die Dorfbewohner eine Gelegenheit
suchten Andri endültig fertigzumachen. Die "Schwarzen" sind weiters schon
einmarschiert. Die Soldaten die vorher so groß und national getan haben,
laufen als erste über. Die "Schwarzen" versuchen ntürlich den Mord an
der Frau zu klären - daß ein Jude in dem Dorf ist, ist natürlich
sehr angenehm. Der Vater versucht nun verzweifelt den Menschen klarzumachen,
daß Andri sein leibhaftiger Sohn ist. Doch es ist bereits zu spät -
selbst wenn sie ihm glauben - sie benötigen einen Schuldigen, und sie
wollen lieber den unbeliebten Andri, als den tatsächlichen Mörder
preisgeben. Die "Schwarzen" verabstalten nun eine "Judenschau": Ein eigener
"Judenschauer" soll den Schuldigen erkennen. Andri, der nun die Rolle in der er
hineingedrängt wurde, angenommen hat, wird "erkannt" und erschossen. Sein
Vater, sich seiner Schuld bewußt, erhängt sich. Seine Schwester,
übrigens die Einzige die wenn auch schwach, Widerstand leistete, kann den
psychischen Druck nicht verarbeiten und wird geisteskrank. Mit irrer
Gebärde weißelt sie die Stadt, als Mahnmal erinnert sie so an die
Grausamkeit, Feigheit und Verlogenheit der Dorfbewohner.
Max Frisch 1911-1991
Das Werk zeigt den Prozeß einer Bewußtseinsveränderung.
Der junge Andri wird von der Umgebung so lange zum Andersdenken gezwungen, bis
er sein Schicksal annimmt. Frisch hat ein Drama eines unheilbaren Vorurteils
geschrieben. Er beschreibt dabei nicht warum die Andorraner antisemitisch
reagieren, sondern wie. Er zeigt nicht was sich in den Menschen abspielt,
sondern auf welche Weise sie es tun. Weiters durchbricht er das
Illusionstheater, indem er die Schuldigen zwischen den einzelnen Bildern in den
Zeugenstand ruft, diese streiten aber alle, bis auf den Pater, ihre Schuld
ab.
Frisch zeigt auf, daß Antisemitismus lediglich eine Form von
sozialem, gesellschaftlichen Vorurteil ist, das auch auf andere Menschen, die
keine Juden sind übertragbar ist. Judenproblem und Identitätsproblem
werden auf eine verwirrende Weise miteinander vermengt. Der Autor, ist wie sein
Tagebuch berichtet, auf die Idee zu Andorra durch das Bibelwort "Du sollst dir
kein Bildnis machen" gekommen. Das Werk mit seinem politischen Rahmen, sowie dem
aktuellen Zeitbezug, verdrängt die Frage nach der Suche des Menschen nach
seiner Identität, sowie die Frage der Abhängigkeit des Einzelnen von
seiner Umgebung.
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