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Frisch, Max: Andorra
Max Frisch:
" Andorra "
Die wichtigsten Daten im Leben von Max Frisch:
15. Mai 1911: Geburt in Zürich
1924 - 1930: Besuch des Realgymnasiums in Zürich
1931 - 1933: Studium der Germanistik in Zürich, abgebrochen, freier
Journalist
1936 - 1941: Studium der Architektur, Diplom
1942: Heirat mit Constanze von Meyenburg
1939 - 1945: Militärdienst als Kanonier
1942: Architekturbüro in Zürich
1948: Kontakt mit Bertholt Brecht
1954: Auflösung des Architekturbüros, freier
Schriftsteller
1960 - 1965: Wohnsitz in Rom
1962: Dr. h. c. der Phillipps-Universität Marburg
1965: Wohnsitz in Tessin, Schweiz
1968: Politische Publizistik in Zürich
4. April 1991: Tod in Zürich im Alter von 79 Jahren
Wichtige Werke von Max Frisch:
- Als der Krieg zu Ende war (1949)
- Tagebuch 1946 - 1949 (1950)
- Stiller (1954)
- Homo faber (1957)
- Biedermann und die Brandstifter (1958)
- Andorra (1961)
Einige Preise, die Max Frisch in seinem Leben erhalten
hat:
- Conrad Ferdinand Meyer-Preis (1938)
- Wilhelm Raabe-Preis (1955)
- Georg Büchner-Preis (1958)
- Preis der Stadt Jerusalem (1965)
- Großer Schillerpreis (1974)
- Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1976)
- Heinrich Heine-Preis der Stadt Düsseldorf
(1989)
Entstehungsgeschichte
Erste Vorfassung im "Tagebuch 1946 - 1949"
Erste Niederschriften "Andorras" 1958
Herbst 1961 wird das Stück fertiggestellt
Uraufführung war am 2. November 1961 in Zürich
Uraufführung in Deutschland am 20. Januar 1962 mit sehr großem
Erfolg
INHALT (ausführlich):
Gang der Handlung
- Bild (Straße, Pinte)
Barblin weißelt ihr Haus, dabei wird sie von Peider (Soldat) begafft.
Barblins Protest, sie sei verlobt, ignoriert der Soldat mit Spott. Der Pater ist
erfreut über ihre Weißelarbeit, "wir werden ein schneeweißes
Andorra haben, ihr Jungfrauen, ein schneeweißes Andorra, wenn nur kein
Platzregen kommt über Nacht" (S. 9). Peider quittiert dies mit blankem
Hohn, "... seine Kirche ist nicht so weiß, wie sie tut ... und wenn ein
Platzregen kommt, das saut euch jedesmal die Tünche herab, als hätte
man eine Sau darauf geschlachtet" (S. 9).
Barblin will vom Pater wissen, ob es wahr sei, daß die Schwarzen, die
Nachbarn Andorras, sie überfallen würden. Der Pater weicht aus, indem
er Barblins Vater kritisiert, auf die Armut verweist und schließlich
überraschend beteuert: "Kein Mensch verfolgt euren Andri" (S.
10).
Im zweiten Teil des Bildes verhandelt der Lehrer mit dem Tischler um eine
Lehrstelle für seinen Pflegesohn Andri. Der Tischler verlangt fünfzig
Pfund mit der Begründung, "Tischler werden, das ist nicht einfach, wenn`s
einer nicht im Blut hat. Und woher soll er`s im Blut haben?" (S. 13). Ein Pfahl,
den der Tischler offenbar nicht sieht, versetzt den Lehrer während des
Gesprächs in höchste Aufregung. Der Tischler geht schließlich,
ohne auf seine Forderungen zu verzichten. Der Wirt schaltet sich in die Sache
ein und verweist darauf, daß wenn es ums Geld gehe, der Andorraner "wie
der Jud" sei. Er bietet aber selber nur fünfzig Pfund dafür, daß
der Lehrer ein Stück Land anbietet, genau genommen verkaufen muß, um
die Tischlerlehre bezahlen zu können.
2. Bild (Vor Barblins Kammer)
Andri spricht mit seiner Verlobten Barblin über das, was andere von
ihm sagen. Er will wissen, ob er wirklich kein Gefühl habe, ob er geil sei.
Er vergleicht sich mit den anderen und weiß keine Antwort darauf, warum er
anders ist als alle. Barblin will ihn beruhigen, doch seine Selbstzweifel
gipfeln in der Vision: "Es gibt Menschen, die verflucht sind, und man kann mit
ihnen machen, was man will, ein Blick genügt, plötzlich bist du so,
wie sie sagen" (S. 28).
3. Bild (Tischlerwerkstatt)
Andri bespricht mit dem Tischlergesellen die Möglichkeit, in dessen
Fußballmannschaft mitzuspielen. Dabei überprüft der Geselle
Andris erstmals fertiggestellten Stuhl. Er hält jeder Belastung stand, denn
er ist verzapft und verleimt, wie es sich gehört. Als der Meister kommt und
irgend einen Stuhl überprüft, der sofort aus dem Leim geht, meint er
nur, daß man von Andri ja nichts anderes erwarten könne, "wenn`s
einer nicht im Blut" habe. Andris Hinweis, der Tischler sitze auf dem von ihm
gefertigten Stuhl, bleibt ohne Wirkung, denn der Geselle gibt nicht zu,
daß er den aus dem Leim gegangenen Stuhl gemacht habe. Der Tischler
ignoriert Andris heftigen Protest, "Wieso hab ich kein Recht vor euch? (....)
Sie machen sich nichts aus Beweisen. Sie sitzen auf meinem Stuhl. Das
kümmert Sie aber nicht? Ich kann tun, was ich will, ihr dreht es immer
gegen mich, und der Hohn nimmt kein Ende. (...) Sie wollen nicht, daß ich
tauge" (S. 34). Der Meister bietet ihm statt dessen an, mit seiner "Schnorrerei"
Bestellungen hereinzubringen, ein Pfund für drei Bestellungen, "Das ist`s,
was deinesgleichen im Blut hat" (S. 35).
4. Bild (Stube beim Lehrer)
Der Doktor untersucht Andri. Dabei erzählt er, daß er Andris
Vater als jungen Lehrer gekannt habe. "Immer mit dem Kopf durch die Wand. Er hat
von sich reden gemacht damals, ein junger Lehrer, der die Schulbücher
zerreißt, er wollte andere haben" (S. 37f). Er selber sei Professor, mache
sich aber nichts aus Titeln. Er sei in der Welt herumgekommen, dabei habe er
erfahren müssen, daß wo man hinkomme, der Jud schon in allen
Ländern der Welt auf allen Lehrstühlen hocke. Er habe nichts gegen den
Jud, er sei nicht für Greuel. Auch er habe Juden gerettet, obwohl er sie
nicht riechen könne. Als Andri abweisend reagiert, erfährt er erst,
daß Andri Jude ist. Der Lehrer erscheint, er wirft den Doktor aus dem Haus
und bezeichnet ihn als "verkrachten Akademiker". Anschließend sitzt die
Familie bei Tisch und Andri eröffnet seinem Pflegevater, daß er
Barblin heiraten möchte. Sie habe das kommen sehen, meint die Mutter, doch
Can reagiert entsetzt. "Es ist das erste Nein, Andri, das ich dir sagen
muß" (S. 46). Barblin läuft weg, und für Andri gibt es nur eine
Erklärung: "Weil ich Jud bin" (S. 47). Der Lehrer verläßt das
Haus, um sich zu betrinken, wie die Mutter befürchtet.
5. Bild (Pinte)
Can trinkt Schnaps. Er deutet an, daß er alle belogen habe und Andri
seine Schwester heiraten möchte. Der Jemand versteht ihn nicht und verweist
auf die Drohungen des Nachbarlandes.
6. Bild (Vor Barblins Kammer)
Der Soldat schleicht über den schlafenden Andri hinweg in Barblins
Kammer. Andri erwacht und wundert sich über die verriegelte Kammertür.
Er bekundet freimütig seinen Haß. So fühle er sich wohler, und
es erlaube ihm, Pläne zu schmieden, Pläne für sich und Barblin.
Der betrunkene Can tritt auf. Er will die Wahrheit sagen, doch Andri sieht nur
seine Trunkenheit und schleudert ihm seine Verachtung entgegen: "Ich verdanke
dir mein Leben. Ich weiß. Wenn du Wert darauf legst, ich kann es jeden Tag
einmal sagen: ich verdanke dir mein Leben (...) Du ekelst mich (...) Geh pissen
(...) Heul nicht deinen Schnaps aus den Augen, wenn du ihn nicht halten kannst,
sag ich, geh" (S. 54ff). Nachdem der Lehrer gegangen ist, tritt der Soldat mit
nacktem Oberkörper und offener Hose aus Barblins Kammer und jagt ihn davon.
Andri kann es nicht glauben.
7. Bild (Sakristei)
Der Pater führt ein Gespräch mit Andri auf Wunsch der
Pflegemutter, die ihn großer Sorge um ihn ist. Andri wiederholt dem Pater
gegenüber alles, was ihm von den Andorranern entgegengehalten wird, er sei
vorlaut, denke alleweil ans Geld, niemand möge ihn, er sei ehrgeizig,
seinesgleichen habe kein Gemüt, er sei feig. Schließlich bricht er
zusammen und weint um seine Barblin. Sie könne ihn nicht lieben, niemand
könne das, er selbst auch nicht. Der Pater entgegnet ihm: "Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst. Er sagt: Wie dich selbst" (S. 63). Er müsse
sein Judsein annehmen und verweist auf Andris herausragende Eigenschaften. "Kein
Mensch, Andri, kann aus seiner Haut (...) Gott will, daß wir sind, wie er
uns geschaffen hat. (...) Du bist nun einmal anders als wir" (S. 64).
8. Bild (Platz vor Andorra)
Die Andorraner unterhalten sich über die gespannte politische Lage,
weil die Schwarzen Truppen an der Grenze zusammengezogen haben. Eine Senora von
drüben mietet ein Zimmer beim Wirt, was diesen veranlaßt,
gegenüber den anderen Andorraner das Gastrecht zu beschwören. Der
Doktor gibt Phrasen von sich über die Beliebtheit der Andorraner in der
ganzen Welt, weil "jedes Kind in der Welt weiß, daß Andorra ein Hort
ist, ein Hort des Friedens und der Freiheit und der Menschenrechte" (S. 68). So
ist er überzeugt, daß jene von drüben es nicht wagen werden,
Andorra anzugreifen, weil sich Andorra aufs Weltgewissen berufen kann. Diese
scheinbare Gewißheit und Rechtschaffenheit hindert die Andorraner jedoch
nicht daran, in der Senora eine "Spitzelin" zu sehen, wobei besonders der Soldat
und der Tischlergeselle offen ihre Ablehnung der Fremden gegenüber
bekunden. Die Senora tritt auf, setzt sich an einen freien Tisch, was die
Andorraner außer Peider und Fedri veranlaßt zu gehen. Peider begafft
die Fremde unverhohlen, da erscheint Andri. Er beginnt mit dem Soldaten einen
Streit, er wird deshalb von den Soldaten zusammengeschlagen. Die Senora geht
dazwischen, hilft ihm und verlangt nach einem Arzt. Sie läßt sich
schließlich von Andri zu seinem Vater führen.
Vordergrund
In der folgenden Szene wird endlich offenbar, was seit der ersten
Vordergrundszene bekannt ist: Andri ist der leibliche Sohn Cans und der Senora.
In dem Gespräch der beiden werden auch die Ängste deutlich, die beide
dazu veranlaßt haben, ihr gemeinsames Kind vor dem jeweils eigenen Volk zu
verleugnen: "Du hast mich gehaßt, weil ich feige war, als das Kind kam.
Weil ich Angst hatte vor meinen Leuten. Als du an die Grenze kamst, sagtest du,
es sei ein Judenkind, das du gerettet hast vor uns. Warum? Weil auch du feige
warst, als du wieder nach Hause kamst. Weil auch du Angst hattest vor deinen
Leuten" (S. 77f).
9. Bild (Stube beim Lehrer)
Die Senora verabschiedet sich von Andri und deutet an, daß sich sein
Leben ändern werde. Andri fühlt sich von ihr angezogen. Er begleitet
sie zunächst. In der Zwischenzeit beauftragen Can und die Mutter den Pater,
Andri die Wahrheit zu sagen. Andri kommt vorzeitig zurück, die Senora wolle
alleine gehen. Sie hat ihm ihren Ring mit einem Topas geschenkt. Der Lehrer
macht sich auf den Weg, die Senora zu begleiten.
Der Pater versucht nun mühsam, mit Andri ins Gespräch zu kommen,
während dieser gelöst und heiter wirkt und dabei dem Pater anvertraut,
daß er auswandern wolle, der Ring verschaffe ihm die Möglichkeit
dazu. Als der Pater die Wahrheit schließlich ausspricht, will Andri nichts
davon wissen. Und er erzählt, wie er, seit er hören könne, gesagt
bekommen hat, wie er sei und wie er schließlich erkannt hat, daß er
wirklich so sei, wie man ihm nachsage: "Hochwürden haben gesagt, man
muß das annehmen, und ich hab`s angenommen. Jetzt ist es an Euch, euren
Jud anzunehmen" (S. 86). Der Lehrer kommt zurück und meldet, man habe die
Senora mit einem Stein getötet, und
es heiße, Andri habe den Stein geworfen. Er appelliert an den Pater,
er sei Zeuge, daß Andri bei ihm gewesen sei.
10. Bild (Platz von Andorra)
Andri ist allein. Seit den frühen Morgenstunden ist er, wie er sagt,
durch die Gassen geschlendert, und niemand ist zu sehen gewesen. er habe den
Stein nicht geworfen, er brauche sich nicht zu verstecken. Eine Stimme
flüstert ihm etwas zu. Der Lehrer tritt auf mit einem Gewehr. Er versucht
Andri zum Weggehen zu bewegen, die Schwarzen seien da. Andri hört nicht auf
ihn. Aus Lautsprechern ist zu hören, daß kein Andorraner etwas zu
befürchten habe. Er verhöhnt die kapitulierenden Andorraner und macht
seinem Vater klar, daß er nicht der erste sei, der verloren ist. "Es hat
keinen Zweck, was du redest. Ich weiß, wer meine Vorfahren sind. Tausende
und Hunderttausende sind gestorben am Pfahl. Ihr Schicksal ist mein Schicksal"
(S. 95). Er wirft eine Münze ins Orchestrion und geht. Danach
patrouillieren Soldaten (im Vordergrund) in schwarzen Uniformen mit
Maschinenpistolen.
11. Bild (Vor Barblins Kammer)
Barblin ist verzweifelt, während Andri scheinbar gefühllos sich
danach erkundigt, wie oft sie mit dem Soldaten geschlafen habe. In der Folge
werden seine Vorhaltungen immer roher, bis er sie schließlich auffordert,
sich auszuziehen und ihn zu küssen. "Kannst du nicht, was du mit jedem
kannst, fröhlich und nackt. (...) Was ist anders mit den anderen? Sag es
doch. Was ist anders? Ich küß dich, Soldatenbraut! Einer mehr oder
weniger, zier dich nicht" (S. 101). Barblin beschwört ihn vergeblich, sich
zu verstecken. Ein Soldat führt Andri schließlich zur
Judenschau.
12. Bild (Platz von Andorra)
Die Andorraner erwarten stumm das weitere Geschehen. Barblin versucht
vergeblich, auf sie einzuwirken. Der Doktor meint, man dürfe keinen
Widerstand leisten, während der Wirt mehrfach betont, Andri habe den Stein
geworfen, er jedenfalls nicht. Soldaten und der Judenschauer treten auf. Die
Andorraner müssen sich schwarze Tücher über den Kopf ziehen und
die Schuhe ausziehen. Die Angst, der Judenschauer könne sich vielleicht
irren, wird mit dem Hinweis verdrängt: "Der riecht`s. Der sieht`s am
bloßen Gang" (S. 109). Der Lehrer versucht, den Andorranern ins Gewissen
zu reden. Andri
sei sein Sohn. "Wer unter ihnen der Mörder ist, sie untersuchen es
nicht. Tuch drüber! Sie wollen`s nicht wissen. Tuch drüber! Daß
fortan sie einer bewirtet mit Mörderhänden, es stört sie nicht"
(S. 113). Der kollaborierende (mit Feind zusammenarbeitend) Peider erteilt
letzte Instruktionen. Noch einmal versucht Barblin, die Andorraner zu passivem
Widerstand zu bewegen, sie wird von den Soldaten weggeschleppt. Die Andorraner
gehen schließlich nacheinander unter den kritischen Augen des
Judenschauers über den Platz. Der Jemand wird als erster genauer
inspiziert, darf aber dann weitergehen - mit Peiders Hilfe. Schließlich
muß Andri sein Tuch abnehmen. Zum Beweis seiner richtigen Wahl
kehrt der Judenschauer Andris Taschen um, Münzen fallen heraus.
"Judengeld", kommentiert der Soldat. Die Beschwörungen des Lehrers und der
Mutter, Andri sei Cans Sohn, helfen nichts mehr. Andri wird abgeführt, man
reißt ihm den Finger ab, weil er den Ring der Senora nicht hergeben will,
und tötet ihn. Die Szene endet ähnlich wie das Stück angefangen
hat. Barblin, jetzt geschoren, weißelt das Haus ihres Vaters. "Ich
weißle, ich weißle, auf das wir ein weißes Andorra haben, ihr
Mörder, ein schneeweißes Andorra, ich weißle euch alle - alle"
(S. 125). Can hat sich im Schulzimmer erhängt. Der Pater versucht
vergeblich, auf Barblin einzureden, während die Andris Schuhe bewacht, die
stehengeblieben sind. "Rührt sie nicht an! Wenn er wiederkommt, das sind
seine Schuhe."
Die Zeugenschranke
Nach dem 1., 2., 3., 6., 7., 9. und 11. Bild treten die Andorraner im
Vordergrund vor der Bühne vor eine Zeugenschranke. Diese Zwischenszenen
spielen zeitlich lange nach dem eigentlichen Bühnengeschehen. Mit Ausnahme
des Paters beteuern alle Andorraner ihre Unschuld am Ausgang der Geschichte.
Einzig der Soldat gibt zu, daß er Andri nicht leiden konnte und er nach
wie vor der Meinung sei, er sei ein Jude gewesen. Der Doktor, der vorgibt, sich
kurz zu fassen, hält die längste Rechtfertigungsrede. Der Pater -
nicht in der Zeugenschranke, sondern im Vordergrund kniend - sagt: "Auch ich
habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe
ihn an den Pfahl gebracht" (S. 65). Mit diesem "auch" drückt er neben
seiner eigenen Schuld die Kollektivschuld der Andorraner aus.
I Allgemeine Betrachtungen zum Stück
"Andorra"
II Die wichtigsten Personen, welche die Handlung des
Stückes "Andorra" bestimmen
III Form und Struktur
IV Interpretation
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I Allgemeine Betrachtungen zum Stück "Andorra"
I.I Die Fabel
Das Stück spielt in einer nicht näher bestimmten Zeit in Andorra
- "gemeint ist natürlich nicht der wirkliche Kleinstaat dieses Namens
(...). Andorra ist der Name für ein Modell" (Max Frisch). Hier begegnet der
Zuschauer dem jungen Andri, dem Pflegesohn des Lehrers Can. Der Lehrer hat ihn
nach seiner Darstellung als Judenkind aus dem Nachbarland gerettet, dem Land der
"Schwarzen", wo er der lebensbedrohlichen Verfolgung durch dieses Volk
ausgesetzt gewesen wäre. Andri ist aber in Wirklichkeit der leibliche Sohn
Cans und der Senora, einer Schwarzen von drüben, was aber niemand
weiß, auch Andri nicht. So sehen die Andorraner in ihm den typischen Juden
und behandeln ihn nach diesem vorgefaßten Bild. Unter dem Zwang der an ihn
herangetragenen Vorurteile übernimmt Andri nach und nach dieses Bild des
Juden und sieht sich schließlich in seinem Anderssein bestätigt, als
ihm Can die Heirat mit seiner Tochter Barblin verweigert. Von dieser ihm
auferzwungenen Identität rückt er auch nicht mehr ab, als ihm nach
einem Besuch der Senora seine wahre Herkunft mitgeteilt wird. Die Senora wird
vor ihrer Abreise von einem Steinwurf getötet. Deshalb rücken die
Schwarzen in Andorra ein, was die Andorraner veranlaßt, Andri den Mord an
der Senora in die Schuhe zu schieben. In einer spektakulären "Show" wird
Andri von den Schwarzen als Jude "identifiziert" und schließlich ermordet.
Der Lehrer bezeugt zwar öffentlich die Wahrheit; aber niemand glaubt ihm.
Er erhängt sich in einem Schulzimmer, seine Tochter Barblin verfällt
in geistiger Umnachtung.
I.II Die Bedeutung des Namens "Andorra"
Gemeint ist natürlich nicht der wirkliche Kleinstaat dieses Namens,
Andorra ist der Name für ein Modell. Es zeigt den Prozeß einer
Bewußtseinsveränderung, abgehandelt an der Figur des jungen Andri,
den die Umwelt so lange zum Anderssein zwingt, bis er es als sein Schicksal
annimmt. Dieses Schicksal heißt in Max Frischs Stück "Judsein".
I.III Die Symbolik in dem Stück
Zum einen wird die Symbolik der Farben in diesem Stück offenkundig. Da
wird immer dieses schneeweiße Andorra in den Mittelpunkt gestellt. Doch
dieses Andorra ist in Wirklichkeit blutrot. Die Bedrohung durch das Nachbarland,
Tod und Hinrichtung sind alles Hinweise auf das katastrophale Ende.
Die Folge der 12 Bilder:
Die Folge der 12 Bilder läßt sich in zwei Sequenzen
aufteilen:
Im Verlaufe der ersten sechs Bilder versucht Andri, seine Lebensgeschichte
zu verwirklichen. Eine Lebensgrundlage (Tischlerlehre) zu schaffen und eine
Familie zu gründen (Heirat mit Barblin). Die Vorstellung von dieser
Zukunft, die sich in nichts von dem unterscheidet, was man gemeinhin als normal
bezeichnet, versetzt Andri in höchste Glücksempfindungen. Dieses
Glück verhindern die Andorraner, auch sein Vater. Die ersten sechs Bilder
demonstrieren diesen Vorgang. Sie zeigen, wie der Jude Andri mit den Vorurteilen
konfrontiert wird, wie die Andorraner ihm begegnen. Dabei fällt das 5. Bild
sicher heraus, denn hier deutet der Lehrer konkret an, was man schon weiß:
Andri ist sein Sohn.
Die Bilder acht bis zwölf zeigen Andris Reaktion und schließlich
sein Ende im zwölften Bild. Die Reaktion ist gegen die Andorraner, gegen
Can und Barblin. doch im Grunde gegen sich gerichtet, und sie wird getragen vom
Haß gegen seine Umwelt; gegen Can und gegen sich. Nur so ist seine
Provokation im achten Bild verständlich, auch seine Weigerung, die Annahme
der neuen Identität wieder zurückzunehmen oder sein Heil in der Flucht
zu suchen. Äußerer Anlaß dieser Reaktion ist die Weigerung
Cans, ihm Barblin zur Frau zu geben (4.Bild) und dann vor allem die Szene vor
Barblins Kammer im 6. Bild, als der Soldat aus der Türe tritt. Die Wende
dieser Entwicklung von der Selbstbeobachtung und Auflehnung gegen das für
ihn bereitgestellt Bild des Juden zur Übernahme der ihm aufgezwungenen
Identität vollzieht sich im Verlaufe des 7. Bildes: “Ich versteh
schon, daß mich niemand mag. Ich mag mich selbst nicht.”
Das 9. Bild bringt ein retardierendes Moment, die Begegnung Andris mit der
Senora, der Schwarzen aus dem Nachbarland, seiner Mutter, die ihm
schließlich einen wertvollen Ring schenkt. Es scheint, daß die
Mutter die sich anbahnende Katastrophe noch aufhalten kann. Darauf deutet auch
Andris euphorische Stimmung zu Beginn des zweiten Gesprächs mit dem Pater
hin. Letztlich bewirkt das Auftauchen der Mutter das Gegenteil: sie wird von
einem Stein erschlagen. Motiv war wahrscheinlich die Bereitschaft der Senora, in
aller Öffentlichkeit für einen Juden einzutreten.
Was nun folgt ist nur noch die Konsequenz dessen, was sich schon angebahnt
hat. Der Mord an der Senora ist Auslöser von jenem Ende, das sich Andri
prophezeit, das aber gleichzeitig die Andorraner zu Verdammten stempelt.
Angesichts des schreienden Unrechts seines Endes haben sie nichts anderes im
Sinn, als ihre Vorurteile weiterhin auszuspielen, "Judengeld", um ihre
erbärmliche Haut zu retten.
II Die wichtigsten Personen, welche die Handlung des
Stückes "Andorra" bestimmen
II.I Die Andorraner
Die Andorraner sind die tatsächlichen Akteure, Andris Aktion ist
Reaktion im eigentlichen Sinne des Wortes. Das strukturelle Grundmerkmal der
schicksalhaften Begegnung ist geprägt von dieser Aktion und Reaktion, wobei
bezeichnenderweise die Aktionen der Andorraner nach dem Mord und der
Machtübernahme durch die Schwarzen kaum noch auszumachen sind.
Das Tun der Andorraner ist nicht also Handeln im eigentlichen Sinn, sondern
Denken, Sagen, Geisteshaltung. Deshalb kann man den Andorranern auch direkt
nichts vorwerfen, läßt man einmal streng moralische Kategorien
außer acht. Die Andorraner verfallen also dem Klischeedenken, indem sie
die Züge des "Judas" erkennen wollen.
II.II Andri
Andri ist der Pflegesohn des Lehrers Can. Andri ist aber in Wirklichkeit
der leibliche Sohn Cans und der Senora, einer Schwarzen von drüben, was
aber niemand weiß, auch Andri nicht. So sehen die Andorraner in ihm den
typischen Juden und behandeln ihn nach diesem vorgefaßten Bild. Unter dem
Zwang, der an ihn herangetretene Vorurteile übernimmt Andri nach und nach
dieses Bild des Juden und sieht sich schließlich in seinem Anderssein
bestätigt. Von dieser aufgezwungenen Identität rückt er auch
nicht mehr ab, als ihm nach einem Besuch der Senora seine wahre Herkunft
mitgeteilt wird. In einer spektakulären "Show" wird Andri von den Schwarzen
als Jude "identifiziert" und schließlich ermordet.
II.III Barblin
Barblin ist die leibliche Tochter Cans (Lehrer). Andri und Barblin sind
ineinander verliebt, was sich als höchst schwierig erweist, da Andri
unwissentlich der leibliche Sohn Cans ist. Barblin ist bis zum Ende auf der
Seite Andris, bei seinem Tod und dem Tod ihres Vaters fällt sie in geistige
Umnachtung.
II.IV Der Lehrer (Can)
Der Lehrer hat Andri nach seiner Darstellung als Judenkind aus dem
Nachbarland gerettet, dem Land der "Schwarzen", wo er der lebensbedrohlichen
Verfolgung durch dieses Volk ausgesetzt gewesen wäre. In Wahrheit ist er
aber der leibliche Vater Andris. Später kann er seinen Sohn auch nicht mehr
überzeugen seine wahre Identität wieder anzunehmen. Nach Andris Tod
erhängt sich der Lehrer wegen seinen Schuldgefühlen in seinem
Schulzimmer.
III Form und Struktur
Frisch nennt seine Szenen wohl in der Tradition Bertolt Brechts "Bilder".
Die Fabel des Stückes vollzieht sich in zwölf Bildern ganz
unterschiedlicher Länge und Struktur. So besteht das erste Bild
genaugenommen aus vier Szenen, die Exposition des Stückes:
1. Barblin, Pater
2. Lehrer, Tischler; Lehrer, Wirt
3. Andri, Barblin
4. Wirt, Soldat; Andri, Soldat
Der Zuschauer wird im Verlaufe dieser vier Szenen des ersten Bildes mit der
gesamten Thematik und den wichtigsten Figuren konfrontiert:
- das schneeweiße Andorra, das eben in
Wirklichkeit blutrot ist, wobei dem Zuschauer die Symbolik der Farben
offenkundig wird;
- die Bedrohung durch das Nachbarland;
- Tod, Hinrichtung (Pfahl), bzw. Hinweis auf das
katastrophale Ende;
- die Geringschätzung der Juden aufgrund
haltloser Vorurteile;
- die Liebenden Andri und
Barblin.
Das zweite Bild vervollständigt den thematischen
Reigen: die Suche nach demIch bzw. nach der eigenen Identität. Einige
dieser Bilder wirken skizzenhaft, z.B. das 5. Bild, in dem der betrunkene Lehrer
sein Dilemma andeutet, oder das 11. Bild, in dem das Dilemma der
Geschwisterliebe noch einmal offenbar wird. Andere Bilder leben von ihrem
dramatischen Spannungsbogen. Das sind vor allem das 4., das 6.
und das 7. Bild, die Andris Verhaltensänderung zum Märtyrer
entwickeln. Zwischen den Bildern stehen die Vordergrundszenen, in der Regel sind
das die Szenen der Andorraner vor der Zeugenschranke. Ausgenommen aus dieser
Schematisierung sind die Bilderfolgen 5/6 (keine Vordergrundszene), 8/9 (Senora,
Lehrer) und 10/11 (patrouillierende Soldaten). Grundlage des Stückes ist
Frischs Parabel im ersten Tagebuch: "Der andorranische Jude". Es liegt auf der
Hand, aufgrund des berichtenden wie aufzählenden Charakters dieser Parabel
eine Liste der Vorurteile zu erstellen, sie in Beziehung zu dem angeblichen
Juden zu bringen, der sich als Andorraner entpuppt, wodurch diese Vorurteile auf
die Andorraner zurückfallen (Spiegel).
Die Schlüsselaussage ist "tun ihm nichts", was Frisch postwendend
kommentiert: "also auch nichts Gutes". Das Tun der Andorraner, dessen Ergebnis
das fertige Bildnis des Juden ist, ist nicht "Aktion", also Handeln im
eigentlichen Sinn, sondern Denken, Sagen, Geisteshaltung. Deshalb kann man den
Andorranern auch direkt nichts vorwerfen, läßt man einmal streng
moralische Kategorien außer acht. Die Reaktion ist im Grunde nichts
anderes als die Suche nach seiner Identität, die damit endet, daß er
das Bild übernimmt, das die Andorraner für das Bild des Juden halten.
Das dieses Bild logischerweise als Spiegel wirken muß, dann nämlich,
als der Jude sich als Andorraner erweist, bedarf eigentlich keiner
Erläuterung. Viel bezeichnender ist, daß Frisch selbst
dem Klischeedenken verfällt, wenn er die Andorraner die Züge des
"Judas" erkennen läßt.
Die Folge der zwölf Bilder läßt sich in zwei Sequenzen
aufteilen: Im Verlaufe der ersten sechs Bilder versucht Andri, seine
Lebensgeschichte zu verwirklichen. Eine Lebensgrundlage (Tischlerlehre) schaffen
und eine Familie gründen (Heirat mit Barblin). Die Vorstellung von dieser
Zukunft, die sich in nichts von dem unterscheidet, was man gemeinhin als normal
bezeichnet, versetzt Andri in höchste Glücksempfindungen. Dieses
Glück verhindern die Andorraner, auch sein Vater. Die ersten sechs Bilder
demonstrieren diesen Vorgang. Sie zeigen, wie der Jude Andri mit den Vorurteilen
konfrontiert wird, wie die Andorraner ihm begegnen. Dabei fällt
das 5. Bild sicher heraus, denn hier deutet der Lehrer konkret an, was man
schon weiß: Andri ist sein Sohn.
Die Begegnungen zwischen Andri und den Andorranern bestimmen die
Andorraner
mit ebenso subtiler wie offener Gewalt. Sie mißbrauchen ihre
Machtposition schamlos, denn die meisten haben ein persönliches Interesse,
daß diese Begegnung zu ihren Gunsten ausgeht:
- Der Soldat will Barblin haben.
- Der Tischler verspricht sich mehr Umsatz mit
Andri im Verkauf.
- Der Wirt ersteht billig Land und erhält
einen Sündenbock für sein Verbrechen.
- Der Jemand will seine Ruhe haben und steht dabei
für all jene, die diese Gewalt tolerieren oder nicht sehen wollen, sich
dumm stellen oder ganz einfach zu gleichgültig
sind.
Die Mauer, die die Andorraner so errichten, wird für Andri mehr und
mehr unüberwindbar. Diese Begegnungen führen dazu, daß Andri
sich beobachtet fühlt und argwöhnisch darüber reflektiert,
inwiefern die ihm nachgesagten Eigenschaften und Verhaltensweisen
zutreffen.
Die Bilder acht bis zwölf zeigen Andris Reaktion und schließlich
sein Ende im zwölften Bild. Die Reaktion ist gegen die Andorraner, gegen
Can und Barblin, doch im Grunde gegen sich gerichtet, und sie wird getragen vom
Haß gegen seine Umwelt; gegen Can und gegen sich. Nur so ist seine
Provokation im 8. Bild verständlich, auch seine Weigerung, die Annahme der
neuen Identität wieder zurückzunehmen oder sein Heil in der Flucht zu
suchen. Äußerer Anlaß dieser Reaktion ist die Weigerung Cans,
ihm Barblin zur Frau zu geben (4. Bild) und dann vor allem die Szene vor
Barblins Kammer im 6. Bild, als der Soldat aus der Türe tritt. Die Wende
dieser Entwicklung von
der Selbstbeobachtung und Auflehnung gegen das für ihn bereitgestellte
Bild des Juden zur Übernahme der ihm aufgezwungenen Identität
vollzieht sich im Verlaufe des 7. Bildes: "Ich versteh schon, daß mich
niemand mag. Ich mag mich selbst nicht, wenn ich an mich selbst denke" (S.
61).
Das 9. Bild bringt ein retardierendes Moment, die Begegnung Andris mit der
Senora, der Schwarzen aus dem Nachbarland, seiner Mutter, die ihm
schließlich einen wertvollen Ring schenkt. Es scheint, daß die
Mutter die sich anbahnende Katastrophe noch aufhalten könnte. Darauf deutet
auch Andris euphorische Stimmung zu Beginn des zweiten Gesprächs mit dem
Pater hin. Letztlich bewirkt das Auftauchen der leiblichen Mutter das Gegenteil:
Im "Hort der Freiheit und der Menschenrechte", wo man auf das "Gastrecht pocht",
auch bei unangenehmen Ausländern, wird der Gast mit einem Stein erschlagen.
Vielleicht war das auslösende Moment zu dieser Tat die
Bereitschaft der Senora, in aller Öffentlichkeit für den
Schwächeren, den Juden einzutreten, sie, eine Schwarze von drüben,
denen man in Andorra Greueltaten gegenüber Juden nachsagt.
"Er trug sein Anderssein sogar mit einer Art von Trotz, von Stolz und
lauernder Feindschaft dahinter" (Tagebuch 1946 - 1949, S. 29). Dies zeigt sich
auch in Andri, als ihm der Pater seine wahre Identität vermitteln
möchte: "Jetzt ist es an Euch, Hochwürden, euren Juden anzunehmen" (S.
86). Sehen wir ihn im 7. Bild nach und nach stumm werden, so ist es jetzt der
Pater, der verstummt, während Andri redet. Aber Andri nimmt nicht nur sein
ihm aufgezwungenes Anderssein an, er nimmt auch sein Schicksal, seine
Hoffnungslosigkeit, sein Ende an: "Meine Trauer erhebt mich über euch alle,
und so werde ich stürzen. Meine Augen sind groß von Schwermut, mein
Blut weiß alles, und ich möchte tot sein. Aber mir graut vor dem
Sterben. Es
gibt keine Gnade -" (S. 87). Hören wir ihn im ersten Bild im
Hochgefühl seiner sich ihm abzeichnenden Zukunftsperspektive sagen: "Die
Sonne scheint grün in den Bäumen heut", so muß er jetzt
resigniert feststellen, daß diese Hoffnung für ihn ein
bedeutungsloses Bild geworden ist: "Gnade ist ein ewiges Gerücht, die Sonne
scheint grün in den Bäumen, auch wenn sie mich holen" (S.
88).
Was nun folgt, ist nur noch die Konsequenz dessen, was sich schon angebahnt
hat. Der Mord an der Senora, der die Schwarzen auf den Plan ruft, ist
Auslöser von jenem Ende, das sich Andri prophezeit, das aber
gleichermaßen die Andorraner zu Verdammten stempelt. Angesichts des
schreienden Unrechts seines Endes haben sich nichts anderes im Sinn, als ihre
Vorurteile weiterhin auszuspielen, "Judengeld", um ihre erbärmliche Haut zu
retten.
Andris Tragik ist in dem Umstand zu sehen, daß er bei der Suche nach
seinem Ich eine Identität annimmt, annehmen muß, die seine Isolation
festigt, die um so hassenswerter wird, je mehr er sie anzunehmen bereit
ist.
Das strukturale Grundelement dieses Stückes ist also diese oben
analysierte Begegnung zwischen den Andorranern und dem angeblichen Juden Andri.
Eine Begegnung, die auf der Seite der Andorraner zunächst einmal durch ihre
Geisteshaltung, durch ihr Sagen und Denken, auch durch ihre Verneinung
gekennzeichnet ist. Letztlich wird die Begegnung auch bestimmt durch Formen
subtiler Gewalt, durch verschiedenste Formen von Gewaltanwendung, vom Ausspielen
vorhandener Machtstrukturen bis hin zur Anwendung roher Gewalt. Diese von den
Andorranern bestimmte Begegnung hat Andris Reaktion zur Folge, die eine
Korrektur des Bildnisses nicht mehr möglich macht. "Ich wollte ja nachher
mit ihm reden, aber da war er schon so, daß man halt nicht mehr reden
konnte mit ihm" (S. 36), sagt der Tischlergeselle vor der Zeugenschranke und
verdeutlicht damit den schon im Zusammenhang mit dem Pater hervorgehobenen
Sachverhalt. Die tragische Konsequenz desselben kulminiert im 9. Bild,
läßt aber gleichzeitig erkennen, wie hoffnungslos und weitreichend
die Schuldverstrickung der Andorraner gediehen ist: "Und alle, alle, nicht nur
mich. Sehen Sie die Soldaten. Lauter Verdammte. Sehen
Sie sich selbst. (...) Sie werden beten. Für mich und für sich.
Ihr Gebet hilft nicht einmal Ihnen, Sie werden trotzdem ein Verräter" (S.
88).
So zeigen sich Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede zwischen der
Vorlage aus dem Tagebuch und dem Bühnenstück. Die Andorraner des
Modells sind die tatsächlichen Akteure. Andris Aktion ist Reaktion im
eigentlichen Sinne des Wortes. Was bleibt ihm auch anderes zu tun? Das
strukturale Grundmerkmal der schicksalhaften Begegnung ist geprägt von
dieser Aktion und Reaktion, wobei bezeichnenderweise die Aktionen der Andorraner
nach dem Mord und der Machtübernahme durch die Schwarzen kaum noch
auszumachen sind. Das Handeln, die Handlung erhält nach deren Auftauchen
eine mechanische Eigendynamik, welche Eingriffe von außen nicht mehr
zulassen.
"Du sollst dir kein Bildnis machen"
Es kommt nicht von ungefähr, daß sich Max Frisch 1948 in seinem
Tagebuch eine Inhaltsnotiz zu einer Szene von Dürrenmatts "Der Blinde"
macht, in der ein Blinder die Zerstörung seines Herzogtums nicht
wahrgenommen hat und deshalb glaubt, er lebe immer noch in seiner Burg. In
Wirklichkeit sitzt er inmitten von Ruinen, umgeben von üblem Volk -
Söldner, Räuber, Zuhälter und Dirnen, welche mit ihm ihren
Spaß treiben und sich von ihm empfangen lassen als Herzöge,
Feldherren oder Äbtissinnen. Die Vorstellungen, welche die Menschen von
sich oder ihrer Umwelt haben oder sich machen, durchzieht thematisch Frischs
Werk wie ein roter Faden. Diese Thematik ist eng mit Frischs Vorstellungen von
der Wirklichkeit, wie sie der Mensch erlebt und
deutet, verknüpft:
- "Wirklich nennen wir nicht, was geschieht,
sondern wirklich nennen wir, was ich an einem Geschehen erlebe, und dieses
Erleben, wie wir wissen, kümmert sich nicht um die Zeit: es ist
möglich, daß wir ein Geschehen immer wieder erleben"
(Tagebuch).
Genauer betrachtet, bedeutet diese These nichts anderes, als daß
unsere - oder zumindest Frischs - Erfahrungen und Erlebnisse erst die
Vorfälle bewirken, aus denen sie zu folgen scheinen. Oder anders
ausgedrückt: Das, was wir für die Wirklichkeit halten, kann erst zur
Wirklichkeit, zur Wahrheit werden, wenn sie unseren Vorstellungen von ihr
standhält. Hier und genau hier liegt die Problematik der Andorraner, von
Andri, von Andorra begründet:
Die Andorraner ziehen ihre Folgerungen aus Andris Sosein nicht aus ihren
Erlebnissen und ihrer Begegnung mit Andri. Ihre Vorstellungen von der
Wirklichkeit bestimmen diese Begegnung. Nicht anderes ist das Verhalten des
Tischlers im 3. Bild beispielsweise zu erklären. Verhielte es sich anders,
müßte er sich irgendwann von Andris Beteuerungen oder gar Beweisen
überzeugen lassen, denn der Geselle hat mit keinem Wort gesagt, daß
er den aus dem Leim gegangenen Stuhl nicht gemacht habe.
Auch der Stückeschreiber eines technischen Zeitalters, wie sich
Bertolt Brecht bezeichnet, der seinen Galilei an die Macht und die
Verführbarkeit der Beweise glauben läßt, stellt in seinem
gleichnamigen Stück eine Welt dar, in der nicht ist, was nicht sein darf,
was letztlich seine Titelfigur zum Scheitern zwingt. Wenn Dürrenmatt seine
Werke als das Produkt "erdachter Geschichten" bezeichnet - als Gegenwelten zur
wirklichen Welt, erdacht, weil er im Gegensatz zu Frisch nichts erlebt habe -,
so sind
Frischs Werke als Produkt seiner Erlebnisse Metaphern der wirklichen Welt.
Belegen läßt sich dies mit seine Äußerungen im Interview
mit Horst Bienek (Werktstattgespräche):
- "Offenbar gibt es kein anderes Mittel, um
Erfahrungen darzustellen, als das Erzählen von Geschichten: als wären
es die Geschichten, aus denen unsere Erfahrungen hervorgegangen sind. Es ist
umgekehrt. Die Erfahrung erfindet sich ihren
Anlaß."
Im Falle Andorras ist das eine dramatische Metapher, welche durch
Erlebnisse nicht nur gedeutet, sondern auch neu gedichtet worden ist, von der
Wirklichkeit abgehoben, in die sie dann als neugeformte Realität
zurückfällt. In Frischs Roman "Stiller", "die Geschichte eines
Menschen (...), der seiner Existenz entfliehen will" (Horst Bienek,
Werkstattgespräche mit Schriftstellern) sagt der jugen Jesuit im
Sanatorium von Davos zu Julika:
- "... Daß es das Zeichen von Nicht-Liebe
sei, also Sünde, von seinem Nächsten oder überhaupt von einem
Menschen ein fertiges Bild zu machen, zu sagen: So und so bist du, und fertig",
worauf Julika, so belehrt, wiederum Stiller vorwerfen kann: "Wenn man einen
Menschen liebt, so läßt man ihm jede Möglichkeit offen und ist
trotzt aller Erinnerungen einfach bereit, zu staunen, immer wieder zu staunen,
wie
anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so,
nicht ein fertiges Bildnis, wie du es dir machst von deiner Julika." (Max
Frisch: Stiller. Suhrkamp Taschenbuch 105. Frankfurt (M) 1974, S.116 und S.
150)
Deutet man diese Stelle im Hinblick auf das eingangs erwähnte
Tagebuch-Zitat, so folgert daraus, daß die Wirklichkeit eines Menschen gar
nicht gesehen werden kann. Die Einschränkung des Jesuiten bzw. von Julika
findet sich sowohl in Frischs Vorlage zu Andorra im Tagebuch: "Ausgenommen, wenn
wir lieben", als auch in dem Essay auf S. 26 des Tagebuchs "Du sollst dir kein
Bildnis machen". Die Wirklichkeit kann nicht gesehen werden, weil ein
Widerspruch besteht zwischen der möglichen wahren und der tatsächlich
gelebten Existenz des Menschen. Das Problem liegt vor allem in der
Veränderung der menschlichen Natur, einer sicher schrittweisen
Veränderung, deren Ergebnis wir allenfalls wahrzunehmen bereit sind, aber
nicht die Veränderung selbst, den Prozeß.
Andorra ist die tragische Metapher dieser Grunderfahrung Max Frischs. Sie
führt dem immer mehr und mehr betroffenen Zuschauer vor, welches Bild sich
das Individuum von sich selber macht, dann welches Bild es sich von seinen
Mitmenschen, von seinem Vaterland, von den Nachbarn macht und schließlich,
wie das Bild des einzelnen von seinen Zeitgenossen geprägt ist und wird.
Die Wirklichkeit, die Wahrheit wird dabei eher zufällig
getroffen.
IV Interpretation
Max Frischs "Andorra" kann als ein Lehrstück der Nachkriegszeit
aufgefaßt werden, da es die Probleme der Juden zur Zeit des 2. Weltkrieges
deutlich erkennen läßt. Er zeigt deutlich die Probleme des Rassismus
und der Vorurteile gegenüber Minderheiten. Auch zeigt er seine Abneigung
gegen das Militär, da er die Soldaten als äußerst primitive
Menschen darstellt. Gegen all diese Verbrechen an den Juden geht Max Frisch in
seinem Lehrstück "Andorra" vor. Aber sein Drama "Andorra" bezieht sich
nicht nur auf Vergangenheitsbewältigung, es geht ebenso um Heutiges,
Gelebtes und Zukünftiges.
Nennung der schlimmsten Charaktereigenschaften: Geiz, Feigheit.
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