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Brecht, Bertolt: Mutter Courage und ihre Kinder
Florence Lewand
13. Jahrgang / LK Deutsch /
Bialké
Janusz-Korczak-Gesamtschule, Neuss
Projekt “Literatur des 20. Jahrhunderts”
Bertolt Brecht
Mutter Courage
und ihre Kinder
Hinweise zum Projekt
Die nachfolgende Arbeit entstand als sogenannte
Facharbeit im Schuljahr 1998/99 im Rahmen des Leistungskurses Deutsch der 13.
Jahrgangsstufe der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Neuss. Mit Genehmigung der
Schulaufsicht wurde die zweite Klausur des ersten Schulhalbjahres durch diese
Facharbeit ersetzt.
Die fachlichen Grundlagen für die Realisation
dieses Projektes wurden durch die bisherige gemeinsame Arbeit
gelegt:
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Kurshalbjahr
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Kursthemen, Unterthemen
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11/2
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- Die Rolle der Liebe und von Partnerschaft im
gesellschaftlichen Gefüge: Liebeslyrik in verschiedenen literarischen
Epochen an ausgewählten Beispielen
- Text und Wirklichkeit: der Roman und die Novelle
am Ende des 19.
Jahrhunderts
Fontane
“Effi Briest” und Keller “Romeo und Julia auf dem
Dorfe”
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12/1
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- Der Aufklärungsgedanke im bürgerlichen
Trauerspiel des 18. Jahrhunderts am Beispiel
von:
a.) G. E. Lessing
“Nathan der Weise”
b.) Friedrich Schiller “Kabale und
Liebe”
- Der Aufklärungsgedanke in der Literatur des
20. Jahrhunderts am Beispiel
von:
a.) Bertold Brecht
“Das Leben des Galileo Galilei”
b.) Max Frisch “homo
faber”
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12/2
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- Die Wandlung des Realitätsbegriffes in der
Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Beispiel von Franz Kafka
- Die Kurzgeschichte (bes. nach 1945) als
Widerspiegelung zeitgeschichtlicher Entwicklungen und geistesgeschichtlicher
Strömungen
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13/1
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- Die Weimarer Klassik am Beispiel von Goethes
“Faust I”
- Die Kunsttheorie der
Klassik
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Die Facharbeit wurde realisiert im Rahmen des
Unterrichtsvorhabens “Projekt: Literatur des 20. Jahrhunderts”: Aus
einer vorgegebenen Liste von Titeln der (deutschsprachigen) Literatur des 20.
Jahrhunderts hatte jede Schülerin / jeder Schüler einen Titel zu
wählen, wobei es möglich war, selbst Autoren bzw. Werke vorzuschlagen,
die in der Liste nicht erfasst waren. Es durfte allerdings kein Autor von zwei
Schülerinnen / Schülern zugleich bearbeitet werden. Die Gesichtspunkte
der Untersuchung des gewählten Werkes waren vorgegeben: Sie spiegeln sich
in den Kapitelüberschriften wider.
Es war darüber hinaus Auflage, die Facharbeit -
formatiert nach vorgegebenen Kriterien - auf Diskette und als Ausdruck
vorzulegen. Jeder Schülerin / jedem Schüler stand ein Beratungstermin
für seine Facharbeit zur Verfügung: Bei dieser Gelegenheit konnte man
sich Hilfestellungen und Tipps holen.
Ins Internet gestellt wurden die Arbeiten, welche mit
der Note “ausreichend” und besser bewertet wurden. Bis auf drei
zufällige Ausnahmen wurden alle Arbeiten (ähnlich wie bei
Abiturarbeiten) nicht nur von mir, als dem Fachlehrer, sondern von Kolleginnen /
Kollegen als “Zweitkorrektoren/Innen” beurteilt. (Die dabei
feststellbaren Abweichungen in der Bewertung waren in der Regel gering und nur
in einem Fall gravierend: Die Zweitkorrektorin bewertete - zutreffend - eine
Arbeit mit “mangelhaft”, im Unterschied zu mir, der ich
zunächst “ausreichend” erteilt hätte.) Insgesamt erwies
sich, dass die Erstellung einer solchen Facharbeit ein Leistungsvermögen
erfordert, das unter gewissen Gesichtspunkten höher ist als das bei einer
“normalen” Klausur.
Über die Home-page der Schule (unter der Adresse
http://www.jkg-neuss.de)
bzw. unter der Email-Adresse der Schule
(popjkgs@pop-gun.de)
oder unter der Email-Adresse des verantwortlichen Lehrers
(bialke@online-club.de)
können weitere Informationen eingeholt und - was durchaus erwünscht
ist - Kommentare abgegeben werden.
gez. Bialké
(Kursleiter)
1. Inhalte
1.1. Die Darstellung der Thematik
Bertolt Brechts “Mutter Courage und ihre
Kinder” ist ein gesellschaft-politisch geprägtes Drama, welches,
besonders zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die relativ schlechte
Kombinationsmöglichkeit von politischen Forderungen und gesellschaftlichen
Interessen verdeutlicht.
Das Stück besteht aus zwei
ineinanderfließende Hauptthemen :
1. Der Dreißigjährige Krieg, der wie ein
Leitfaden die ganze Handlung umschliesst.
2. Das Verhalten der Mutter Courage, welches sich
allerdings auch noch in zwei Themenbereiche unterteilen lässt
.
Da wäre einmal, das Verhalten der Mutter Courage
als Händlerin, die von dem Krieg profitieren möchte und zum anderen,
das Verhalten der Courage als Mutter, die sich um ihre Kinder sorgt und diese
eigentlich auch vom Krieg fernhalten möchte.
1.2. Skizze des Inhalts
Anna Fierling, auch Mutter Courage genannt, zieht im
Jahre 1624, zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, mit ihren drei
Kindern Eilif, Schweizerkas, ihrer stummen Tochter Kattrin und ihrem Marktwagen,
durchs Land. In Darlene begegnen sie einem Feldwebel und einem Werber, die
für den Feldzug in Polen Soldaten suchen. Als Wahrsagerin sagt sie dem
Feldwebel, aber auch ihren eigenen Kindern den Tod voraus, um ihren Sohn von dem
Soldatenleben fernzuhalten, was ihr aber durch einen Handel, der sie ablenkt,
nicht gelingt. 1625/26 trifft sie ihren Sohn Eilif, als Soldatenheld, in Polen
wieder. Auf seine Heldentat, einen Bauern zu erschlagen und sein Vieh zu
stehlen, reagiert sie sehr negativ.
Drei Jahre später gerät Mutter Courage,
gemeinsam mit dem finnischen Regiment, in die Gefangenschaft der Katholiken. Ihr
Sohn Schweizerkas, ist Zahlmeister geworden und verwaltet die Regimentskasse,
doch als er diese vor den Katholiken in Sicherheit bringen will, wird er
erwischt und in Gefangenschaft genommen. Um ihn freikaufen zu können,
versucht die Courage, ihren Marktwagen an den Obristen der Lagerhure Yvette, zu
verpfänden, doch durch ihre Geldgier und die lange Feilscherei um den
Preis, verliert sie doch ihren Sohn Schweizerkas.
Sie gerät immer wieder in den Konflikt, aus dem
Krieg Provit zu machen und ihre Mutterrolle wahrzunehmen.
Ihr zweiter Sohn Eilif wird zum Tode verurteilt, weil er
zur Zeit des Friedens eine Bauersfrau umgebracht hat. 1636 wird auch ihre
Tochter Kattrin erschossen, da sie versucht die Stadt Halle vor der Gefahr der
kaiserlichen Truppen zu warnen.
Im Unwissen über den Tod ihres zweiten Sohnes,
zieht die Courage mit ihrem Wagen weiter, ohne etwas aus ihrem Verhalten im
Krieg gelernt zu haben.
2. Stilistik
2.1. Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung des
Werkes insgesamt
Das Drama ist von sprachlichen Verfremdungen durchzogen,
wie z.B. Wortwitzen, Sinnesverdrehungen, Umformulierungen von Zitaten,
Paradoxien und Mißverständnissen.
Z.B. auf Seite 59, wo durch die Veränderung des
Kommas zum Doppelpunkt, der ganze Sinn des Orginalsatzes: “Der Mensch
denkt, Gott lenkt.” verändert wird.
In der Sprache der Mutter wird oft der Akkusativ
für den Dativ eingesetzt, wie z.B. auf der S.55: “ ...mit die
Säbel...” oder S.93: “... mitn
Wagen...”.
Ebenso benutzt die Mutter statt des Relativpronomen, das
Wort “wo”. S.40: “...,den Schweden, wo Hörner
aufhat” oder S.84: “Der Alte, wo beinah mein Wagen gekauft
hätt” oder “Der Pfeifenpieter! Wo die Weiber verrückt
gemacht hat!”
Es sind viele Ausdrücke aus der einfachen
Umgangssprache enthalten, wie z.B. auf S.62: “..., Krampen!” oder
S.10: “...umgestanden,...”.
Auch ihr Sprachwitz ist sehr auffällig, z.B. auf
S.10, wo der Werber sagt: “Im Lager brauchen wir Zucht.” und die
Mutter antwortet: “Ich dacht Würst.”
Brecht verwendet den Verfremdungseffekt des epischen
Theaters und beeinflußt damit ein unerwartetes Sprachmuster, was eine
gewisse Undurchsichtigkeit und Unklarheit der Reden hervorruft. Es geht ihm
nicht um eine Wortmagie, er will nicht verzaubern, sondern
entzaubern.
Dadurch wird dem Sprecher erlaubt, ungestraft subversive
Wahrheiten auszusprechen.
Z.B. auf Seite 64, wo sich die Mutter Courage zu dem Tod
des Feldhauptmanns äussert, wird die geheime Subversität durch
Ausdrücke von Hochachtung und Trauer
neutralisiert.1
Auch dadurch, dass er vor jeder Szene schon kurz
berichtet, was in dieser geschehen wird, nimmt er dem Leser die Spannung und
neutralisiert ihn.
2.2. Die detaillierte sprachliche Analyse einer
typischen Passage
In dem “ Lied von der großen
Kapitulation” wird die Grundhaltung der Mutter
verdeutlicht.
Das Lied besteht aus drei gleich aufgebauten Strophen.
An jeweils eine vierzeilige Strophe, schließt sich ein neunzeiliger
Refrain an. Die Strophen werden nach der zweiten und vierten Zeile, durch einen
in Klammern gesetzten Text, kommentiert.
In der ersten Strophe wird die Mutter als junges,
optimistisches Mädchen dargestellt, die sich für etwas Besonderes
hält. Der in der Klammer dargestellte Text zeigt, dass sie sich von der
Masse abheben will und ihr Leben selber gestalten möchte (die nächsten
beiden Zeilen). Durch in Klammern gesetzte Redewendungen, verstärkt sie
nochmals ihr Vertrauen an sich selbst.
Der Refrain nach der ersten Strophe wird mit
“Doch” eingeleitet und spricht die Courage, die noch nicht
kapituliert hat, durch das “du” direkt an. Es wurde das Bild der
Kapelle gewählt, da es nicht die Individualität, einer einzelnen
Person in der Masse, sehr gut darstellt. Die zweite Strophe beginnt damit, dass
sie an ihren Lebensumständen scheitert und ihre Ziele nicht mehr
verwirklichen kann. Der in Klammern geschriebene Kommentar enthält wieder
Redewendungen, die aber diesmal die Anpassung und nicht das Abheben von der
Gesellschaft beschreiben. Diesmal spricht der Refrain, durch “sie
marschiert”, die nun auch kapitulierende Courage direkt an. Die dritte
Strophe setzt diese, in Strophe eins und zwei auftretenden Antithesen,
gegeneinander. Es wird noch einmal das Selbstvertrauen bestärkt, doch
werden die Erfahrungen des Unmöglichen der Courage dagegen gesetzt.
2
2.3. Die Frage nach der Angemessenheit der sprachlichen
Mittel
Die Sprache ist gemessen an der Thematik eigentlich
ziemlich unpassend gewählt. Der Ernst des Krieges und die teilweise fast
komödienhafte Sprache der Mutter sind sehr wiedersprüchlich
zueinander. Anderseits versucht Brecht, durch genau diese
Wiedersprüchlichkeit, den Leser zu schockieren und ihn dadurch von dem
Verhalten der Personen zu distanzieren.3 Damit wäre die Sprache
im Sinne des epischen Theaters doch ganz gut gewählt.
3. Biographische Bezüge
3.1. Die Biographie des Autors
Am 10.Februar 1898 wird Bertolt Brecht (eigentlich
Bertolt Eugen), in Augsburg, als Sohn des kaufmännischen Angestellten
Bertolt Friedrich Brecht (1869-1939) und der Mutter Sofie (geborene Brenzin
1871-1920), geboren. Als Gymnasiast schreibt Brecht seine ersten provozierenden
Gedichte, in denen deutlich wird, dass er etwas gegen die herrschende Moral
seiner bürgerlichen Umgebung hat. Sein erstes Drama “Die Bibel”
entsteht. Brecht distanziert sich sehr schnell von seiner vorhergegangenen
Kriegsbegeisterung. 1971 legt Brecht sein Notabitur ab. Er beginnt in
München ein Medizinstudium, wird dann aber als Sanitätssoldat
eingezogen und erlebt das Kriegsende in einem Augsburger Lazarett. In seinem nun
fertiggewordenem Stück “Baal” wird wieder seine
Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Moral deutlich. 1919 wird Brechts
erster Sohn Frank geboren. Mutter ist seine damalige Jugendfreundin Paula
(“Bie”) Banholzer. Brecht sucht Kontakte mit Theatern und Verlegern
und verfasst Theaterkritiken für die USDAP-Zeitung
“Volkswille”. Nachdem es ihm gelingt an den Münchener
Kammerspielen einen Vertrag als Dramaturg abzuschließen, entsteht sein
zweites Stück “Trommeln in der Nacht”, in dem er sich mit dem
revolutionären Kampf der Spartakisten beschäftigt. 1920 verstarb seine
Mutter und er heiratet zwei Jahre später die Sängerin Marianne Zoff.
In München wird in der Uraufführung von “Trommeln in der
Nacht”, das Mittel der Verfremdung das erste Mal benutzt. 1923 wird seine
Tochter Hanne geboren. 1924 zieht Brecht nach Berlin und arbeitet auch dort als
Dramaturg am Deutschen Theater, wohnt dort allerdings mit seiner späteren
zweiten Frau, Helene Weigel, zusammen. Von ihr wird Brechts zweiter Sohn Stephan
geboren. Ein Jahr später erscheint die “Hauspostille”, eine
Sammlung von Gedichten aus den Jahren 1915-1926. Ebenfalls entsteht das
Stück “Mann ist Mann” und dann 1927 das Songbeispiel
“Mahagonny”. Brecht wird von seiner ersten Frau, Marianne Zoff,
geschieden. Durch seinen Freund, den marxistischen Kritiker Walter Benjamin
(1892-1940), wird er immer mehr über den Marxismus belehrt, so dass er
letztendlich die marxistische Arbeiterschule “MASCH” besucht und
sich Ende der zwanziger Jahre für die revolutionäre Arbeiterklasse
entscheidet. Als Auftragsarbeit entsteht dann 1928 “Die
Dreigroschenoper”. Am 10. April heiratet er Helene Weigel und sie bekommen
eine Tochter, Maria Barbara. Brecht erarbeitet mit verschiedenen Freunden die
Lehrstücke “Der Ozeanflug”, “Die Maßnahme”,
“Die Ausnahme und die Regel” und “Der Jasager und Der
Neinsager”, die schon seine endgültige marxistisch -
klassenkämpferische Position darstellen. Er wechselt, durch seine
veränderte gesellschaftspolitische Haltung, auch in der Theaterpraxis zu
dem “epischen Theater”, welches durch eine starke Distanzierung des
Zuschauers versucht, ihn eine unbeeinflusste, eigene Lösung finden zu
lassen.
Unter Mitarbeit von Slatan Dudow, Hans Eisler und
Günther Weisenborn entsteht das Stück “Die Mutter”.
1929/30 schreibt Brecht “Die heilige Johanna der Schlachthöfe”.
Am 28. Februar 1933 wandert Brecht über Prag, Wien, Zürich und Paris
von Deutschland nach Dänemark aus. Der “Dreigroschenroman” und
“Die Horatier und die Kuratier” entstehen. 1935 reist er nach
Moskau, wo ihm von den Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt
wird. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges entsteht das Stück
“Die Gewehre der Frau Carrar”, dann das Stück “Der gute
Mensch von Sezuan” und 1938 einige Novellen und theoretische Schriften mit
dem Titel “Der Messingkauf”. Ebenfalls wird “Das Leben des
Galilei” fertiggestellt. Diese Stücke haben alle eins gemeinsam, sie
analysieren die Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft und rufen den
Zuschauer zu Kritik und Veränderung auf.
Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges 1939, wandert
Brecht nach Schweden aus, wo er Ende 1939 auch das Stück “Mutter
Courage und ihre Kinder” fertigstellt.
Als im April 1940 deutsche Truppen in Dänemark und
Norwegen einmarschieren, verläßt Brecht Schweden und fährt nach
Helsinki, wo er dann unter anderem sein Stück “Herr Puntila und sein
Knecht Matti” beendet.
Brecht arbeitet an den “Geschichten vom Herrn
Keuner” und beginnt die “Flüchtlingsgespräche”
niederzuschreiben. 1941 entsteht unter Mitarbeit von Margarete Steffin
“Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui”. Im April 1941 wird in
Zürich “Mutter Courage und ihre Kinder” uraufgeführt, doch
ist Brecht mit dieser Aufführung sehr unzufrieden, da er merkt, dass er mit
seiner Absicht eines Lehrstückes mißverstanden wurde und es als eine
Tragödie aufgefasst wurde. Er gelang durch seine Flucht vor den Faschisten
nach Los Angeles. In Hollywood lässt er sich dann mit seiner Familie
nieder, wo er erfährt, dass sein Sohn als deutscher Soldat in Russland
starb. Sein Sohn Stephan wird amerikanischer Staatsbürger. “Die
Gesichte der Simone Machard” entsteht unter Zusammenarbeit mit Lion
Feuchtwanger. Er versucht alle Hitlergegner in einem Exil zu vereinen, was
allerdings nicht gelingt, da die Gegensätze zwischen marxistischen und
bürgerlichen Intellektuellen zu groß sind. 1944 entsteht “Der
kaukasische Kreidekreis” und “Schwejk im Zweiten Weltkrieg”.
Anfang 1945 entsteht durch eine Versübertragung des Kommunistischen
Manifests das “Lehrgedicht von der Natur der Menschen”. Sofort nach
Kriegsende versucht Brecht wieder nach Europa zurückzukehren. Er lebt dann
in Feldmeilen bei Zürich und schreibt das “Kleine Organon für
das Theater”. Er bemüht sich die österreichische
Staatsbürgerschaft für sich und seine Frau zu erhalten, was 1950
allerdings erst gelingt. Im Sommer beginnt er zusammen mit Helene Weigel die
Arbeit am “Berliner Ensemble” und findet in Berlin auch die
Möglichkeit seine Theorie des epischen Theaters auszuführen, was ihn
zur Bearbeitung von dem “Hofmeister” bringt und zur
Veröffentlichung der “Kalendergeschichten” beiträgt. Durch
SED Kritik, muss er den Titel von “Das Verhör des Lukullus” in
“Die Verurteilung des Lukullus” umändern. 1951 wird ihm der
Nationalpreis 1. Klasse der DDR verliehen. Er bearbeitet Shakespears
“Coriolan” und Anna Seghers “Der Prozeß der Jeane
d´Arc zu Ruoen 1431”. Brecht wird im Mai 1953 zum Präsidenten
des PEN-Zentrums Ost und West gewählt und schreibt im selben Jahr
“Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher”. Er
wird Vizepräsident der Deutschen Akademie der Künste und erhält
in Moskau im Mai 1955 den Stalin-Friedenspreis. Darauf beginnen Arbeiten zur
Verfilmung der “Mutter Courage...”, die aber wegen
Meinungsverschiedenheiten erst fünf Jahre später fertigestellt
wurden.
Brecht starb am 14. August 1956, mit achtundfünfzig
Jahren, an einem Herzinfakt und wurde auf dem Dorotheenfriedhof
beerdigt.4
3.2 Die Stellung des Werkes in der Vita des
Autors
Für den marxistischen Brecht hatte die Mutter
Courage eine wichtige Stellung in seinem Leben. Durch dieses Stück versucht
er die Menschen, von dem eben nicht unabwendbaren Schicksal des Krieges, zu
überzeugen. Er versucht seine marxistische Haltung mit dem epischen Theater
zu verdeutlichen und dem Menschen klar zu machen, dass er Dinge verändern
kann, wenn er es nur will (materialistische These “das gesellschaftliche
sein bestimmt das Bewußtsein”).
Durch seine Merkmale des epischen Theaters, wie z.B. das
des Verfremdungs-Effekts, will er eine Distanzierung und keine Identifizierung
des Zuschauers mit dem auf der Bühne Dargestellten. Damit zwingt er ihn
gleichzeitig zu einer eigenen, kritischen Stellungnahme, was ihn dazu bringt
eine eigene Entscheidung zu treffen.
Genau dieses wünscht sich Brecht auch in der
Realität. Der Mensch soll besonders das politische Geschehen nicht einfach
nur hinnehmen, sondern er soll sich damit auseinandersetzen und er soll es auch
mit beeinflussen.
Brecht richtet sich mit diesem Wunsch besonders an die
unterdrückten, unteren Schichten.5
4. Bewertungen
4.1. Die Bedeutung der Inhalte für das
Lesepublikum
4.1.1. Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall oder
wird mit dem Besonderen auch Allgemeines erfaßt?
Die Thematik, die sich mit den gesellschaftspolitischen
Problemen beschäftigt, ist nicht nur ein Problem der damaligen Zeit,
sondern lässt sich auch noch auf die heutige Zeit
übertragen.
Es ist die Sorge um den Frieden, mit der sich Brecht
damals beschäftigt hat und die sich an Beispielen wie dem Golfkrieg und
vielen anderen politischen Auseinandersetzungen auch immer wieder aktualisieren
lässt. Schon damals war Brecht der Ansicht, sein Stück wäre zu
spät gekommen (im Bezug darauf, dass er es als eine Art Lehre vor der
Hitlerzeit veröffentlichen wollte und dies aber nicht schaffte),
könnte aber dennoch aus der Furcht vor neuen Kriegen wieder gespielt
werden.6 Auch die Zwiespältigkeit der Menschen ist in der
heutigen Gesellschaft wiederzuerkennen. Der Mensch muss sich auch heute noch mit
dem Konflikt des gesellschaftlichen Seins und des Bewußtseins
auseinandersetzen.
4.1.2 Gelingt über die gewählten Inhalte die
Kontaktaufnahme zum Leser?
Brecht gelingt die Kontaktaufnahme zum Leser durch das
teilweise schockierende Verhalten der Mutter Courage, die durch ihre Geldgier
verursacht, dass ihre Kinder sterben.
Dieses schockierende, widersprüchliche Verhalten
zwischen Mutter und Händlerin soll dem Leser verdeutlichen, wie der Mensch
durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung zum unnatürlichem Handeln
getrieben wird, auch wenn er es eigentlich nicht will.
Der Leser wird durch das Verhalten der Mutter dazu
gebracht, über das Dargestellte, die Fehler und die Ursachen nachzudenken
und eventuell sogar eine eigene bessere Lösung zu finden.
Brecht versucht durch diese Inhalte die
Veränderlichkeit des Menschen und der Welt zu verdeutlichen. Es kommt
Brecht nicht darauf an, die Mutter Courage am Ende einsichtig zu machen, was in
der 6. Szene teilweise passiert, sich dann aber wieder zur Uneinsicht wandelt,
er möchte nur, dass der Leser am Ende etwas sieht, was ihm auch
gelingt.7
4.2. Die Bedeutung der Stilistik für die
Rezepienten: “lesbar” oder nicht?
Durch die bayrisch-alemannische
Dialektverfärbung8 der Mutter Courage, spricht sie sozusagen in
der Umgangssprache der damaligen Zeit, was dazu führt, dass die Sprache
für den Rezipienten relativ gut zu verstehen ist. Die Dialoge werden in
keiner hochgestochenen Art und Weise geführt und sind mit der Ausnahme
einer weniger Wörter gut nachzuvollziehen. Der größte Teil des
Wortschatzes, ist mit dem der heutigen Zeit noch ziemlich
übereinstimmend.
Jedoch wird der Leser, durch die in 2.1. schon
erklärten Verfremdungseffekte, in eine gewisse Unklarheit gebracht, die von
Brecht, durch seine Art des epischen Theaters, aber beabsichtigt wird.
5. Skizze eines produktorientierten
Interpretationsansatzes
In dem Drama “Mutter Courage und ihre
Kinder” von Bertolt Brecht, wird besonders die Widersprüchlichkeit
der Mutter Courage deutlich. Dies beginnt schon in der ersten Szene, wo sie
einerseits Handel mit dem Werber betreibt, andererseits dennoch versucht ihren
Sohn Eilif vom Kriegsgeschehen fernzuhalten. Doch überwiegt hier schon der
Drang zum Handel und die Rolle als sorgsame Mutter wird verdrängt. Der
Feldwebel erkennt schon in dieser Szene die Unvereinbarkeit dieser beiden Rollen
und sagt: “Du willst vom Krieg leben, aber dich und die Deinen willst du
draußen halten, wie?” und:
“Will vom Krieg leben
Wird wohl müssen ihm auch was geben.”
(S.19)
Auch in der zweiten Szene kommt dieser Konflikt wieder
durch, als sie die Heldentat ihres Sohnes ausnutzt, um bei ihrem Geschäft
zu profitieren.
Sie sieht den Krieg als etwas Positives, da er ihr hilft
durch die allgemeine Notlage Geld zu verdienen. Nur in der 6. Szene verflucht
sie den Krieg, weil ihre Tochter nur negative Erfahrungen mit ihm gemacht hat.
“Der Krieg soll verflucht sein.”(S.74). Sie schlüpft kurz in
die Rolle der Mutter.
Doch direkt in der Szene danach sieht sie wieder nur die
“positiven“ Seiten des Krieges.
Auch der Versuch ihren zweiten Sohn durch Bestechung vor
dem Tod zu retten, gelingt ihr durch ihre Habgier nicht.
Allerdings schlüpft sie in der 9. Szene wieder kurz
in die Mutterrolle, da sie sich statt für den Koch und eine gute
Unterkunft, für ihre Tochter entscheidet: “Ich brauch nix zu
überlegen. Ich laß sie nicht hier.” (S.96)
Es stellt sich dennoch heraus, dass sie nichts aus den
grauenhaften Kriegsereignissen gelernt hat, was sich durch den Satz: “Ich
muß wieder in den Handel kommen.”(S.107)
bestätigt.
Sie hat alle ihre Kinder durch das Kriegsgeschehen
verloren und sieht ihn dennoch als etwas Positives, etwas woraus sie profitieren
kann und der ihr das Überleben ermöglicht.
Es ist das Schockierende, was Brecht damit hervorzieht.
Er möchte das sich die Leute den grausamen Kriegen nicht einfach so
hingeben. Sie sollen anfangen mit dem Herzen und nicht, wie hier dargestellt, zu
sehr mit dem Kopf denken.
6. Zusammenfassende Darstellung der
Rezeptonsgeschichte
In der Spielzeit 1961/62 nahm das Theater der Stadt
Baden-Baden auf Drängen der Stadtverordnetenversammlung, aus Gründen
politischen Takts und moralischen Empfindens, das Stück aus dem Spielplan.
Zu dieser Zeit setzten auch neun weitere renommierte westdeutsche Bühnen
die Aufführung ab. Im April 1956 verbot das ZK der SED 700 Studenten der
Karl-Marx-Universität Leipzig eine Diskussion mit Brecht im
Schiffbauerdamm-Theater Berlin. Walter Ulbricht benannte das Stück als
“eine Brüskierung der Partei”. Brecht war zu seinen Lebzeiten
im Westen sowie auch im Osten umstritten.
Der Geist revolutionärer Dialektik war im ersten
deutschen Arbeiter- und Bauernstaat nicht gefragt.
Der IV. Schriftsteller-Kongreß der DDR warf ihm
sogar eine Vulgarisierung der Literatur vor.
In den sechziger und siebziger Jahren änderte sich
dies. Alleine in der Zeit zwischen 1969/70 wurde auf den westlichen
deutschsprachigen Bühnen “ Mutter Courage...” 145 Mal
aufgeführt.
Helmut Jendreiek unterschied 1969 im Rückblick auf
die Nachkriegsjahre drei Phasen der Brecht-Rezeption: die polemische, die
strukturalistische und die marxistische.9
Nach der vorherigen Ignorierung seiner Literatur wurde
Brecht seit Beginn der 60er Jahre immer mehr für den Deutschunterricht
verwendet, allerdings wurde der “politische” Brecht immer mehr von
dem “literarischen” getrennt. Die dritte Phase, seit dem Ende der
60er Jahren untersucht Brecht eher unter dem Aspekt des
Marxismus.10
7. Zusammenfassendes Urteil
(“Lesempfehlung”)
Das Drama “Mutter Courage und ihre Kinder”
von Bertolt Brecht ist sehr empfehlenswert, da es durch die Art des epischen
Theaters einmal eine andere Art von Drama darstellt.
Der Leser wird gezwungen sich zu diesem Stück
kritisch zu distanzieren und sich sein eigenes Bild von dem Ganzen zu machen,
ohne die typischen Wege in den Schoß gelegt zu bekommen. Man wird nicht in
ein märchenhaftes Geschehen einbezogen, sondern erhält eine Art
Denkanstoss, für Dinge die sich im wahren Leben abspielen.
Teilweise sind dargestellte Verhaltensweisen schwer
nachzuvollziehen, was aber von Brecht so beabsichtigt wurde und nur zum anderen
eigenen Denken führen soll.
Ansonsten ist “Mutter Courage und ihre
Kinder” ein wirklich etwas andersartiges, aber dennoch sehr
empfehlenswertes Drama.
Ammerkungen:
1 Edgar Hein
S.36ff.
2 Gert Eversberg
S.87ff.
3 Gert Eversberg
S.39ff.
4 Gert Eversberg
S.14ff.
5 Gert Eversberg
S.42ff.
6 Gert Eversberg
S.55
7 Gert Eversberg
S.99ff.
8 Edgar Hein
S.35
9 Edgar Hein
S.80
10 Gert Eversberg
S.10
Literaturverzeichnis
Einfach, oder in Klammern angegebene Seiten beziehen
sich auf:
Bertolt Brecht, Mutter Courage und ihre Kinder, edition
suhrkamp 49, Frankfurt am Main 1963
Edgar Hein, Bertolt Brecht, Mutter Courage und ihre
Kinder: Interpretation / von Edgar Hein.-2., überarb. u. korr. Aufl. in der
neuen Rechtschreibung-München, Oldenbourg, 1997. (Oldenbourg
Interpretationen; Bd. 66)
Gert Eversberg, Bertolt Brecht, Mutter Courage und ihre
Kinder, Beispiel für Theorie und Praxis des epischen Theaters, Analysen und
Reflexionen, Band 19, Joachim Beyer Verlag, 8601 Hollfeld/Ofr.
1976
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