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Die Wende in der DDR im Spiegel der Presse
Fritz-Reuter-Gymnasium Kühlungsborn, Schuljahr 1997/98
Die Wende in der DDR im Spiegel der Presse
Justus Pilgrim, Klasse 10a
Inhalt
- Einleitung
- Geschichtlicher Überblick
- Politische Entwicklung bis zur Gründung der DDR
1949
- Wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung bis
1989
- Die Bedeutung der Presse in der
DDR
- Zuspitzung der Lage in der DDR
- Erste kritische Reaktionen der offiziellen
Presse
- Rückschritt in den alten
Stil
- Zusammenfassung
1. Einleitung
Es war zunächst nur ein Bürokraten-Satz:
“Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von
Voraussetzungen beantragt werden.” Es wurde der schönste Satz in der
deutsch-deutschen Geschichte. Er zerbrach die Mauer und öffnete die Grenze.
Aus der Geschichte der DDR wird klar, warum die Presse
immer ein Sprachorgan der Regierung war. Doch plötzlich wollten die
Menschen lesen, was sie bedrückt und wie sie damit umgehen können und
nicht, wie gut diese Regierung ist.
In wieweit hat die Presse der DDR diesen Wandel
geschafft und wurde sie den Anforderungen der Menschen im Aufbruch
gerecht?
2.1. Geschichtlicher Überblick: Politische
Entwicklung bis zur Gründung der DDR 1949
Nach dem 2. Weltkrieg teilten die vier
Siegermächte USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich Deutschland in
vier Besatzungszonen ein, rückten im Juli 1945 in die im Zonenabkommen
festgesetzten Besatzungszonen ein und übernahmen die Regierungsgewalt. Die
sowjetische Zone umfaßte Mecklenburg, Brandenburg, Sachsenanhalt, Sachsen
und Thüringen, die anderen Bundesländer wurden unter den übrigen
Alliierten aufgeteilt. Die Oberbefehlshaber der vier Zonen bildeten den
Alliierten Kontrollrat mit Sitz in Berlin, das zu keiner der vier
Besatzungszonen gehörte, sondern von Truppen aller vier Mächte
besetzt, in vier Sektoren aufgeteilt und der Alliierten Hohen Kommission Berlin
unterstellt worden war.
Auf der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945
einigten sich Großbritannien, die USA und die UdSSR darauf, Deutschland
als wirtschaftliche Einheit zu behandeln. Mit dem Beginn des Kalten Krieges
rückte allerdings die Vereinigung der vier Besatzungszonen zu einem
deutschen Staat in immer weitere Ferne. 1947 schlossen sich die britische und
die amerikanische Zone zur Bizone zusammen, 1948 vereinigten sie sich mit der
französischen Zone zur Trizone. Im März 1948 verließ der
sowjetische Vertreter den Alliierten Kontrollrat, der sich damit auflöste.
Im Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland erlassen, im
Oktober folgte die Verkündung der Verfassung der Deutschen Demokratischen
Republik – die DDR war entstanden.
2.2. Geschichtlicher Überblick:
Wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung der DDR bis
1989
Am 7. Oktober 1949 konstituierte sich der zweite
Deutsche Volksrat als provisorische Volkskammer, rief die “Deutsche
Demokratische Republik” aus und nahm eine gesamtdeutsch konzipierte,
parlametarisch-demokratische Verfassung an. Gleichzeitig bildete sich die
“Nationale Front des Demokratischen Deutschland” (die spätere
“Nationale Front” der DDR), ein Aktionsbündnis aller Parteien
und Massenorganisationen in der DDR, das unter der Führung der SED die
Parteien in ihrem Sinn koordinierte und die Wahl von Wilhelm Pieck zum
Staatspräsidenten der DDR und von Otto Grotewohl zum
Ministerpräsidenten durch die Volkskammer entscheidend unterstützte.
Grotewohl bildete eine Allparteien-Blockregierung; die
Macht übte jedoch allein die SED aus. Grotewohls Stellvertreter wurde
Walter Ulbricht. Die Oberhoheit über Staat und Verwaltung übernahm die
Sowjetische Kontrollkommission (SKK). Bis zum Jahresende nahm die DDR mit der
Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten diplomatische Beziehungen
auf.
Die SED wandte sich nun mehr und mehr von ihrem
ursprünglichen Ziel, dem “besonderen deutschen Weg zum
Sozialismus”, ab und orientierte ihre Politik in Partei, Staat und
Gesellschaft ausschließlich am sowjetischen Vorbild. Die Parteispitze
wurde umstrukturiert: Es wurde das Amt des Generalsekretärs geschaffen, das
Walter Ulbricht übernahm; die sozialdemokratische Fraktion innerhalb der
Partei wurde völlig in den Hintergrund gedrängt, die Partei
ideologisch diszipliniert und allmählich zu einer das ganze
gesellschaftliche Leben durchdringenden einheitlichen Kraft ausgeweitet. Mit dem
Ministerium für Staatssicherheit (MfS), im Februar 1950 gegründet,
baute sich die SED ein umfassendes Instrument der Kontrolle über die
Gesellschaft auf.
Auch die Wirtschaftspolitik der DDR folgte dem
sowjetischen Vorbild. Im September 1950 trat die DDR dem Rat für
Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) bei.
Die föderale Struktur mit ihren fünf selbst
verwalteten Ländern wurde beseitigt, statt dessen wurden 14 Bezirke
eingerichtet. Im Bereich der Wirtschaft kam es zu einem forcierten Aufbau der
Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zu einem Fortschreiten
der Enteignungen und zu einer Zunahme des “Volkseigentums” an
Produktionsmitteln und landwirtschaftlichen Betrieben.
Zur Steigerung der Produktion beschloß der
Ministerrat am 28. Mai eine zehnprozentige Erhöhung der Arbeitsnormen
ohne Lohnausgleich. Daraufhin kam es am 17. Juni 1953 in der gesamten DDR
zu Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Der Aufstand wurde von
sowjetischen Truppen niedergeschlagen, weit über 1000 Streikende
wurden inhaftiert und zwischen 25 und 300 Personen
getötet.
Dies sollte bis 1989 der letzte sichtbare Widerstand
in der DDR sein.
Der politische Druck gegen die Bevölkerung und
die gewaltsame Kollektivierung in der Landwirtschaft ließen den
Flüchtlingsstrom in den Westen anschwellen. Von 1949 bis 1961 flohen
insgesamt 2,7 Millionen in den Westen. Die Massenflucht entzog der DDR
dringend notwendige Arbeitskräfte und drohte die Wirtschaft der DDR in eine
existentielle Krise zu stürzen. Um der massiven Abwanderung Einhalt zu
gebieten, ließ die DDR-Führung am 13. August 1961 die Grenze zu
Westberlin sperren und den Bau der Berliner Mauer beginnen.
Damit war eine entscheidende Voraussetzung zur inneren
Stabilisierung der DDR geschaffen worden.
Gegen Ende der sechziger Jahre stellte Ulbricht unter
Hinweis auf die nicht zu bestreitenden wirtschaftlichen Erfolge – die DDR
war nach der Sowjetunion die zweitstärkste Wirtschaftsmacht im Ostblock
– die DDR als Modell und Vorbild für die anderen sozialistischen
Industriestaaten heraus.
Mit der Wahl des ehemaligen FDJ-Chefs Erich Honecker
zum 1. Sekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Nationalen
Verteidigungsrates vollzog sich ein Wandel in der DDR. 1972 wurden fast alle
noch privaten und halbstaatlichen Betriebe sowie industriell arbeitende
Produktionsgenossenschaften des Handwerks in Staatseigentum überführt.
Innenpolitisches Ziel blieb nach wie vor der Aufbau der sozialistischen
Gesellschaft.
Anfang der siebziger Jahr kam es zu deutlichen
Verbesserungen in der Beziehung zwischen der Bundesrepublik und der DDR. 1971
wurde das “Viermächteabkommen über Berlin” zur
Erleichterung des Transitverkehrs zwischen Berlin (West) und der Bundesrepublik
geschlossen. In der Folge wurde die DDR von den meisten Staaten der Welt
diplomatisch anerkannt und 1973 zusammen mit der Bundesrepublik in die UNO
aufgenommen.
Gerade angesichts der Verbesserung der Beziehungen zur
Bundesrepublik ging die DDR zu einem Kurs der Abschottung gegenüber
Einflüssen aus dem Westen über. Sie baute die Sperranlagen an der
innerdeutschen Grenze aus, erschwerte die Einreise durch eine deutliche
Erhöhung des Zwangsumtausches, und 1974 strich sie den Begriff
“deutsche Nation” aus der Verfassung. Parallel dazu verschärfte
die DDR die Disziplinierung nach innen: Das MfS perfektionierte sein
Spitzelsystem, die Zahl der politischen Häftlinge nahm wieder zu, Gesetze
wurden verschärft, Hausarreste waren an der Tagesordnung; Ausdruck dieser
härteren Gangart war 1976 die spektakuläre Ausbürgerung des
Sängers Wolf Biermann. Auf der anderen Seite hatte sich die DDR 1975 mit
der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte u. a. zur Einhaltung der Menschen-
und Bürgerrechte verpflichtet.
Ab Mitte der achtziger Jahre verstärkte sich der
innen- und außenpolitische Druck auf das SED-Regime. Der Reformkurs
Michail Gorbatschows wurde von der Staatsführung der DDR strikt abgelehnt,
ließ jedoch die Hoffnungen der Bevölkerung auf Liberalisierungen
wachsen. Der Unzufriedenheit in der Bevölkerung über den Mangel an
Demokratie und Freiheiten suchte die DDR-Führung sowohl durch
sozialpolitische Maßnahmen, wie z. B. Wohnungsbau, als auch mit einer
Lockerung der Ausreisepolitik entgegenzuwirken. Trotzdem bildeten sich
zahlreiche Oppositionsgruppen, deren Aktionsbereitschaft gegen Ende der
achtziger Jahre sichtlich zunahm. Die Eskalation der Situation in der DDR wurde
verursacht durch die Kommunalwahlen vom Mai 1989, bei denen oppositionelle
Bürgerrechtsbewegungen Wahlfälschungen nachgewiesen hatten. Die
Staatsführung reagierte mit Restriktionen wie Ausreiseverweigerungen und
Strafandrohungen. Im Laufe des Sommers 1989 flüchteten Tausende
DDR-Bürger in bundesdeutsche Botschaften, vor allem in der Tschechoslowakei
und Ungarn; Ende September ließen die Tschechoslowakei und Ungarn die
Flüchtlinge in den Westen ausreisen. Gleichzeitig kam es ab dem
25. September 1989 überall zu Massendemonstrationen, über die das
Regime keine Kontrolle mehr hatte. Am 17. Oktober wurde Honecker als
Staatsratsvorsitzender und 1. Sekretär durch Egon Krenz abgelöst,
aber die Massendemonstrationen gingen weiter...
2.3. Die Bedeutung der Presse in der
DDR
In der DDR war die Presse lediglich wie ein Amtsblatt
der Regierung. Die Zeitungen hießen “Organ der Bezirksleitung
Rostock” (“Ostsee Zeitung”) oder auch einfach “Zentral
Organ der SED” (“Neues Deutschland”). Es wurden gezielt die
Meinungen der SED wiedergegeben.
Daneben gab es Tageszeitungen der LDPD, der CDU und
der NDPD, die aber nur unwesentlich kleine Abweichungen in der großen
Linie der Politik andeuteten, stets aber der Zensur
entsprachen.
Eine Pressefreiheit existierte zwar nach der
Verfassung, trotzdem wurden alle Medien in der DDR vom Staat gesteuert,
kontrolliert und zensiert.
Das “Meyers Lexikon” der DDR
bestätigt dieses und definiert “Presse” so: “...heute
Gesamtheit des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens. Die Presse, die ihre Wirkung
mit (sprachl. und illustrativen) journalist. Mitteln erzielt, ist als eine
polit.-ideologische Institution Instrument gesellschaftlicher
Kräfte.” (Meyers Lexikon, 1. Auflage von 1980, Seite
720).
Noch konkreter wird die Presse unter dem Stichwort
“Massenmedien” beschrieben: “Massenmedien,
Massenkommunikationsmittel: Presse, Hörfunk, Fernsehen, Film und andere
Information und Ideologie verbreitende Einrichtungen, die auf breite Massen
einwirken und deren Bewußtsein nachhaltig beeinflussen; besitzen als
Instrumente der herrschenden Klasse große, durch den
wissenschaftlich-technischen Fortschritt weiter zunehmende Bedeutung. (Meyers
Lexikon, 1. Auflage von 1980, Seite 593)
So war die Presse für das Lob auf die Erfolge des
Sozialismus und auf der anderen Seite zur klaren ideologischen Abgrenzung gegen
den Klassenfeind “Instrument der herrschenden Klasse” – der
SED verantwortlich. (ebd.
Oder Norddeutsche Zeitung
?)
Erst in den letzten Monaten vor der Grenzöffnung
entwickelte sich die DDR-Presse zu einem von allen mit größter
Aufmerksamkeit beachteten Medium. Meterlange Schlangen bildeten sich vor
Kiosken, die die aktuelle Tagespresse verkauften. Die Menschen erwarteten
plötzlich Informationen. (vgl. Anlage, Norddeutsche Zeitung,
3.11.89)
Zuvor hatte sich bereits eine Untergrundpresse
entwickelt (Umweltblätter, “Die Plattform”), die über
Mißstände in der DDR berichteten; auch der “Sputnik” als
sowjetische Zeitschrift mit Tendenzen von Offenheit wurde interessiert als
Mangelware, aber wichtige Informationsquelle gelesen.
Maßstab für diese Art der Informationen war
mehr die westdeutsche Interpretation von “Presse”: “... Die
Presse erfüllt wichtige soziale Funktionen. Medien sind der Ausdruck der in
Rechtsstaaten garantierten Meinungsfreiheit und somit eine wichtige Institution
der politischen Öffentlichkeit. Oft ist daher die Pressefreiheit als Teil
der Meinungsfreiheit durch besondere Gesetze geschützt. So können
beispielsweise die Strafverfolgungsbehörden (Gerichte, Polizei) nur in
Ausnahmefällen von Journalisten verlangen,
daß diese ihre
Informanten preisgeben. Die Presse fördert durch Informations- und
Meinungsaustausch in Teilbereichen der Gesellschaft oder bestimmten Regionen die
kulturelle und soziale Integration. Sie legt aber auch kulturelle und soziale
Missstände offen. Die Presse versorgt die Öffentlichkeit mit aktuellen
Informationen, die zur Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung in verschiedenen
politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Bereichen wichtig sind.
Die Presse diskutiert und artikuliert die in der Gesellschaft anerkannten oder
sich entwickelnden Werte, Ziele, Interessen und Meinungen. Sie befriedigt
soziale Bedürfnisse nach Unterhaltung, Entspannung, Bildung und
Information... ” (Encarta 98, Stichwort
“Presse”)
3. Zuspitzung der Lage in der
DDR
3.1. Erste kritische Reaktionen
der offiziellen Presse
Am 5. November 1989 machte die Regierung erste
Eingeständnisse. Ein neues Reisegesetz wurde entworfen. Was vor einem
halben Jahr noch eine absolute Sensation gewesen wäre, wurde jetzt milde
belächelt und von fast allen Seiten abgelehnt. Es gab mehr Demonstrationen
und immer mehr Flüchtlinge, die in Kasernen und Schulen in der BRD
untergebracht wurden.
Fast unbemerkt passierte zeitgleich eine kleine
Sensation im DDR-Fernsehen. Auf dem ehemaligen Sendeplatz des “Schwarzen
Kanals” wurde eine Reportage über die Stadt Leipzig gebracht. In
dieser Reportage wurden die Schattenseiten Leipzigs gezeigt, Politiker wurden
befragt, warum Tausende Wohnungen kurz vor dem Zusammenfall stehen, und wann der
Staat dagegen etwas tun will.
Nie zuvor wurde in den DDR-Medien so etwas diskutiert,
nie zuvor wurde der Staat auf diese Weise kritisiert.
Am 6. November strahlte das DDR-Fernsehen die Sendung
“Elf 99”, ein Jugendmagazin, aus. In dieser Sendung wurden
Teilnehmer der zahlreichen Demonstrationen befragt, was denn ihre Ziele und ihre
Vorstellungen von einer neuen DDR sein. Während eines Gesprächs
über den Sozialismus in der DDR und dessen Möglichkeiten wurde mit
Laufschrift eingeblendet, daß das Politbüro geschlossen
zurückgetreten ist. In der “Aktuellen Kamera”, der einzigen
Nachrichtensendung der DDR, erklärte man den Bürgern der DDR,
daß dieser Schritt notwendig gewesen sei, um jüngeren Politikern den
Weg frei zu machen.
Nach und nach geriet die DDR neben den politischen
auch in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Es mangelt überall an
Fachkräften, allein 1.500 Ärzte sind bereits aus der DDR geflohen, ein
Ende der Fluchtwellen war nicht abzusehen. Die Schriftstellerin Christa Wolf
äußerte sich in einer Fernsehansprache zu diesen Problemen. Sie
bittet die Bürger der DDR, zu ihrem Vaterland zu halten und zu bleiben. Die
Lage wird immer gespannter, auf den Straßen sammeln sich immer mehr
Menschen, die Forderungen nach Veränderungen werden immer
lauter.
3.2. Rückschritt der Presse in den alten
Stil
Am 9. November wurde in der
“Ostseezeitung” auf Seite 1 die Neuwahl des Politbüros bekannt
geben. Der Artikel besteht zur Hälfte aus Namen; den alten
Politbüromitgliedern und den neuen. Der zweite Teil beinhaltet die
Dankesrede von Egon Krenz an die zurückgetretenen Mitarbeiter im
Politbüro: kein Wort über inhaltliche Veränderungen, kein Wort
über eine neue Politik. Krenz bedankt sich im Namen der ganzen DDR für
die Arbeit der zurückgetretenen Politiker, würdigt diese in
höchstem Maße, verurteilt aber gleichzeitig die Menschen, die
für die Probleme in der DDR verantwortlich sind: “Unser Land
durchlebt eine angespannte und äußerst schwierige Entwicklung. Die
Verantwortung dafür tragen nicht die Werktätigen, nicht die
Angehörigen der Intelligenz, nicht die Kulturschaffenden, Lehrer und
Studenten; die Verantwortung dafür tragen nicht die Millionen ehrlicher
Kommunisten, die schon seit langem auf die sich angestauten Probleme in unserer
Gesellschaft hingewiesen haben. Die Verantwortung tragen Genossen, die
Subjektivismus in der Betrachtungsweise der Entwicklung unseres Landes und in
der Entscheidung über wichtige Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung
als Meinung aller Parteimitglieder ausgegeben und durchgesetzt haben.”
(OZ, 9.11.89)
Passend zum Thema druckt die OZ neben diesem Artikel
einen Leserbrief ab, der Krenz‘ Aussage bestätigt und darauf
hinweist, daß es niemandem im Sozialismus schlecht ging und es entsetzlich
ist, mit anzusehen, wie viele Menschen plötzlich Veränderungen
fordern. “[...] Doch voller Bitterkeit fragen wir uns, ob es kulturvoll
und würdevoll ist, wenn sich welche hinstellen und in die erregte Menge
schreien, daß 40 Jahre DDR Chaos und Niederlagen wären? Das
entspricht nicht den Tatsachen, das bestätigen uns auch andere Völker,
und es beleidigt mich auch zutiefst. Sehe ich mir dann auch noch einige der
Schreihälse genauer an, verfolge ich ihren Lebenslauf, dann kann ich nur
warnen. Vorsicht! Demagogen! [...]” (OZ, 9.11.89)
Neben all diesen üblichen Jubelschreien auf die
DDR erscheint ein paar Seiten weiter eine kurze Notiz, daß das “Neue
Forum” als Partei zugelassen wurde. Das "Neue Forum" war bisher nur als
Herausgeber der illegalen Zeitung "Aufbruch" bekannt. Mit der Zulassung des
Neuen Forum versucht die SED ein letztes Mal, Spannungen zwischen Regierung und
Volk abzubauen und Oppositionelle zu besänftigen. Aber auch dazu
äußert sich kein Politiker der DDR in der Presse.
Um 18 Uhr desselben Abends beginnt eine
Pressekonferenz mit Günter Schabowski, im neuen Politbüro
verantwortlich für Informationspolitik.
Ein Reporter der italienischen Nachrichten Agentur
ANSA fragt routinemäßig , wie es denn nun aussehen solle mit einer
neuen Reiseregelung für DDR-Bürger. Schabowski liest monoton einen ihm
zugeschobenen Zettel ab: “Mir ist eben mitgeteilt worden – der
Ministerrat der DDR hat beschlossen: Privatreisen nach dem Ausland können
ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und
Verwandschaftverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen
werden kurzfristig erteilt. Versagungsgründe werden nur in besonderen
Ausnahmefällen angewandt.” Auch Visa zur ständigen Ausreise
würden erteilt, die Ausreisen könnten “über alle
Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West
erfolgen.” Stille herrscht im Saal, bis die Presseleute die Sensation
erfassen, die sich hinter dem dürren Amtsdeutsch verbirgt. Ab wann?
“Wenn ich richtig informiert bin, nach meiner Kenntnis
unverzüglich”, sagt Schabowski, jetzt selbst
zögernd.
Um 19:02 Uhr endet die Pressekonferenz. Fünf
Minuten später verbreitet ADN, die amtliche Nachrichtenagentur der DDR, die
neue Reiseregelung.
Um 20:30 Uhr werden die Ereignisse im Bundestag in
Bonn bekannt. Drei Abgeordnete stimmen spontan die Nationalhymne an, viele
Politiker haben Tränen in den Augen.
Gegen 21:30 Uhr stürmen die ersten Ostberliner an
die Grenzen nach Westberlin, noch herrscht Ungewißheit unter den Menschen,
niemand wird durchgelassen. Dann, um 22 Uhr brechen alle Dämme, der
Schießbefehl wird aufgehoben, die Grenzen sind offen. Überall
strömen die Menschen in den anderen Teil der Stadt, die Menschen sind
überglücklich und werden von den Westberlinern begrüßt und
umarmt, überall wird gefeiert.
Ein Team des DDR-Fernsehens ist an diesem Abend in
Berlin noch zufällig unterwegs. Es hört von der Grenzöffnung und
fragt sofort in seiner Redaktion nach: “Sollen wir diese unglaublichen
Bilder drehen ?” Antwort: Ein kategorisches “Nein”.
Ausdrückliches Drehverbot. Für das DDR-Fernsehen und die
regierungsamtliche
Nachrichtenagentur ADN findet das historische Ereignis nicht statt. Auch in den
Zeitungen des nächsten Tages ist nichts über die Grenzöffnung zu
finden. Keine neue Reiseverordnung, keine Pressekonferenz, nichts. Das Ereignis
wird totgeschwiegen.
Erst am darauffolgenden Montag, dem 13. November gibt
es erste Bilder und Stellungnahmen in den Zeitungen der DDR. Zeitgleich werden
aber auch die neuen Programme der SED zur Erneuerung der DDR bekanntgegeben, so
daß die Ereignisse des 9. Novembers schnell wieder in Vergessenheit
geraten sollten. 16 Zeilen ist die Zusammenfassung dieses Tages am 13. November
in der OZ lang. Viel größer dagegen sind die Schlagzeilen, in denen
die Rede davon ist, daß die DDR-Bürger “von den
BRD-Realitäten enttäuscht sind” (OZ, 13.11.89) oder auch wenn
über das “Eklatantes Versagen des Bundeskanzlers in entscheidender
Situation” (OZ, 13.11.89) berichtet wird.
Lediglich die Jugendzeitung “Junge Welt”
berichtet schon am 11. November mit ein paar Zeilen von den Ereignissen, jedoch
immer mit dem Unterton “Beeindruckt vom großen Intershop –
aber die Heimat ist die DDR” (JW, 11.11.89).
Die Westliche Presse informiert ihre Bürger
dagegen wesentlich ausführlicher. Die “Bild am Sonntag” bringt
zum Beispiel am 12.11.1989 einen 10-seitigen Sonderteil und informiert über
alle Ereignisse der letzten Tage und gibt sogleich praktische Tips, zum Beispiel
zur Identifikation der “Gäste” mit Hilfe des Autokennzeichens.
Während sich die “Berliner Zeitung”
Ende Dezember noch entschuldigt, daß jetzt auch Reklame von westlichen
Firmen in der Zeitung erscheinen wird, bringt die “Berliner
Illustrierte” eine Sonderausgabe zur “Revolution in der DDR”
heraus. In der “Neuen Zeit” erscheint eine Todesanzeige mit dem
Text: “Plötzlich und unerwartet, für uns alle unfaßbar,
verstarb die Mauer. 13.8.1961 – 9.11.1989. Wir weinen ihr keine Träne
nach...” (NZ, 8.12.89).
4. Zusammenfassung
Die Auffassung der DDR, was Presse zu sein hat - ein
Machtmittel der herrschenden Klasse – mußte in dem gleichen
Maße, wie die Macht des Staates selber zerbrach, auch der Funktion der
Presse Schaden zufügen. So war die Presse an den entscheidenden Punkten
sprachlos (10. Nov. 1989) und versuchte gegen alle Tatsachen parteilich und
optimistisch zu bleiben. Das Selbstbewußtsein der Redakteure schien aber
mit dem Anspruch, der unüberhörbar von der Bevölkerung ausging,
daß man von der Presse die “Wahrheit” hören wollte
– ohne jede Beschönigung und Verfälschung, zu wachsen. So wurde
die “freie Presse” endlich zu einem echten Ziel.
Die Phase um die Grenzöffnung zeigt zugleich
Grenzen und Chancen der Presse. Eine intensivere und schärfere
Konfrontation von Auffassungen der Bedeutung von Presse hat es in diesem
Jahrhundert wohl kaum gegeben. Sie ist auch nur auf dem historischen Hintergrund
der DDR zu verstehen, weshalb ich diesen Fakten in meiner Betrachtung auch
großen Raum gegeben habe. Fremdbestimmung und Machterhalt in einem Staat
formen eine Presse, die selber diese Form und Funktionen
übernimmt.
Quellen- und
Literaturverzeichnis:
- Video: “Chronik der Wende” vom ORB,
privater Mitschnitt vom 5.11.1994 bis 13.11.1994
- “Encarta 98 Enzyklopädie” von
Microsoft
- “Berliner Illustrierte”, Sonderausgabe vom
Dezember 1989
- “Ostseezeitung” (Organ der Bezirksleitung
Rostock der SED) vom 9.11.1989 bis 13.11.1989
- “Junge Welt” (Organ des Zentralrats der
FDJ) vom 11./12.11.1989
- “Norddeutsche Zeitung” (Tageszeitung der
LDPD) vom 3.11.1989
- “Schweriner Volkszeitung” (Organ der
Bezirksleitung Schwerin der SED) vom 4.10.1989
- “Bild am Sonntag” vom
12.11.1989
- “Berliner Zeitung” vom
21.12.1989
Hiermit bestätige ich, daß ich die Arbeit
eigenständig und ohne fremde Hilfe erstellt habe.
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