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Roth, Joseph: Radetzkymarsch
Verwendete Literatur:
[1] Radetzkymarsch, Joseph Roth
[2] Joseph Roth - Leben und Werk in Bildern, Heinz & Victoria
Lunzer
[3] Deutsche Prosadichtungen des XX. Jahrhunderts, Werner
Zimmermann
[4] Historische Ereignisse im österreichischen Roman, Alfred Doppler
aus:
Geschichte in der österreichischen Literatur, Hrsg. Institut
für Österreichkunde
[5] Neuer Romanführer, Paul Wimmer
Joseph Roth
[2] Abb. 391
[2] Seite 10, Absatz 1-2
Jene Stadt, seine Geburtsstadt, von der Moses Joseph Roth hier spricht war
Brody, das heute in der Ukraine Liegt. Damals aber, als Joseph Roth geboren
wurde, gehörte es noch zu Österreich, und da im Kronland Galizien.
Galizien, noch schlimmer Ostgalizien, nahe an der russischen Grenze, das
bedeutete Rückständigkeit und Armut. Die unglaublich weite Entfernung
vom Zentrum des Reiches ließ einen manches mal zweifeln, ob man sich
überhaupt noch in Europa befand.
[2] Seite 18, Absatz 2 (Sätze 1-2), dann erst Absatz
1
In Brody, was nichts anderes als “Furt” bedeutet, kam also Roth
im September des Jahres 1894 auf die Welt. Seine Eltern waren jüdisch und
lebten in vergleichsweise wohlhabenden Verhältnissen. Joseph besuchte
Volksschule und Gymnasium, wo er mit Auszeichnung maturierte in seiner
Heimatstadt. Bereits in seiner Jugend machte Roth erste schriftstellerische
Versuche, was ihn dann dazu bewog in Wien ein Studium der Germanistik zu
beginnen.
Im Mai 1916, der “große” Krieg hatte bereits vor knapp
zwei Jahren begonnen, meldeten sich Roth und ein Studienkollege als Freiwillige.
Über sein Schicksal im Krieg ist wenig bekannt, obwohl diese Jahre
prägend für ihn als Schriftsteller sein sollte. Angeblich in russische
Gefangenschaft geraten, kehrt er im Dezember 1918 nach Wien zurück. Fest
steht aber, daß in dieser Zeit Roths journalistische Anfänge zu
finden sind: Gelegenheitsgedichte ebnen ihm den Weg und bringen ihn über
Umwege zu durchaus bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften, für die er
Artikel und Reportagen in erstaunlicher Qualität verfaßt.
1920 sieht sich Roth gezwungen nach Berlin zu gehen, da die Tageszeitung
“Neuer Tag”, sein wichtigster Arbeitgeber, die Auflage eingestellt
hat. Er veröffentlicht nun hauptsächlich in deutschen, später
aber auch wieder in tschechischen und österreichischen Blättern.
Ebenfalls in den frühen 20er-Jahren nimmt er seine ersten Romanprojekte,
unter ihnen “Das Spinnennetz” und “Hotel Savoy”, in
Angriff. Der hohe literarische Wert seiner Veröffentlichungen macht Roth
schnell berühmt und verhilft ihm zu lukrativen Verträgen bei der
“Frankfurter Zeitung” und den “Münchner
Nachrichten”.
Roth entwickelt sich zum regelrechten Starjournalisten und verlegt seinen
Wohnsitz nach Frankreich. In den nächsten Jahren bringen ihn
Reisereportagen nach Italien, Albanien, Jugoslawien - und Rußland. Wichtig
zu erwähnen ist, daß Joseph Roth bis zu seiner Rußlandfahrt
eher mit dem Sozialismus sympathisierte (teilweise hatte er sogar unter dem
Namen der “rote Joseph” publiziert). Diese Reise aber änderte
seine Einstellung grundlegend. Er erkannte das Scheitern der Revolution und
wandte sich ernüchtert ab.
Roth, der sein Honorar stets sofort ausgibt, kommt durch eine teilweise
Loslösung von der “Frankfurter Zeitung” in ernstliche
finanzielle Schwierigkeiten. Er wendet sich nun neuen Roman zu, schreibt unter
ständigem Zeitdruck, um die erhaltenen Vorauszahlungen zu
rechtfertigen.
Von Herbst 1930-32 schreibt er an jenem Roman, den man später als
eines seiner Hauptwerke bezeichnen sollte, und der auch im Mittelpunkt dieses
Referates steht: den Radetzkymarsch. Obwohl noch weitere, ausgezeichnete Werke
folgen, ist jenes das packendste und charakteristischste. Denn in ihm spiegelt
sich fast gleichnishaft die Jugend seines Autors wieder. Bevor ich mich nun dem
eigentlichen Thema zuwende, möchte ich noch die Lebensgeschichte Joseph
Roths beenden, die, wie ich meine, ebenso wichtig für das Wissen um die
historischen Fakten die diesem zugrunde liegen.
Der große Verkaufserfolg des Radetzkymarsches ließ Roth auf die
Sanierung seiner Finanzen hoffen, die unter seinem sehr aufwendigen Lebensstil
stark gelitten hatten. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten
1933 wurden seiner Bücher verboten und er zur Emigration gezwungen. Roth
setzt seine literarische Arbeit zwar fort, leidet aber nunmehr unter
ständigem Geldmangel, den er nie überwindet, zumal er sich nun noch
stärker seiner Trunksucht hingibt. Im niederländischen Exil versucht
sein Freund Stephan Zweig vergeblich ihn vom Alkohol abzubringen. In seinen
späten Lebensjahren engagiert er sich immer mehr für Habsburg und die
Wiedereinsetzung der Monarchie. Roth lebt in bitterster Armut wie folgender Text
verdeutlicht.
[2] Abb. 354
Die Amerikareise kam allerdings nie zustande; ob aus Roths finanziellem
Unvermögen oder seiner Krankheit, wissen wir nicht. Das Erscheinen seines
letzten Buches, das den bezeichnenden Titel “Die Legende vom heiligen
Trinker” trägt, erlebt er nicht mehr. Der Schluß, [2] Abb.
345, erfüllte sich für ihn nicht. Roths Zustand verschlechtert
sich aufgrund seines ungehemmten Alkoholkonsums, ohne den er nicht schreiben
konnte. In einem Pariser Café bricht er zusammen und stirbt im Mai des
Jahres 1939 in einem Armenspital, völlig unzureichend behandelt und mit
Lederriemen ans Bett gefesselt.
Doch es wäre nicht jener Joseph Roth gewesen, den ich anfangs gezeigt
habe, wenn sein Begräbnis reibungslos und ohne Skurilität abgelaufen
wäre. In einer Gedenkschrift ist zu lesen:
[2] Seite 274, Absatz 3
Ich hoffe nun die nötige Vorbereitung zum besseren Verständnis
des Radetzkymarsches erbracht zu haben und möchte mich nun dessen Inhalt
zuwenden.
Radetzkymarsch
Der von slowenischen Bauern abstammende Leutnant der k.k. Armee Joseph
Trotta rettet in der historischen Schlacht von Solferino anno 1859 dem jungen
Monarchen Kaiser Franz Joseph das Leben. Er wird dabei verwundet und nach seiner
Genesung zum Hauptmann befördert und in den Adelsstand erhoben.
Jahre später stößt er beim Durchblättern des
Lesebuches seines Sohnes auf das Textstück Nr. 15, in welchem seine
Heldentat dargestellt wird. Doch so glorifiziert und übertrieben
verklärt wird erzählt, daß Trotta bis zum Kaiser geht, um das
Stück zu streichen.
[1] Seite 19
Joseph von Trotta nimmt daraufhin Abschied von der Armee und zieht sich auf
das schwieger- elterliche Gut zurück. Seinem Sohn Franz verbietet er eine
militärische Laufbahn und bestimmt statt dessen für ihn den Beruf
eines Juristen. Zwei Jahre vor der Ernennung seines Sohnes zum Bezirkshauptmann
stirbt der alte Herr von Trotta.
[1] Seite 27
Als Bezirkshauptmann versieht sein Sohn untadeligen Dienst und fühlt
sich als treuer Diener seines Kaisers. Für seinen Sohn wiederum, Carl
Joseph, hat er die Karriere als Berufsoffizier gewählt. Die erste Liebe des
jungen Kadetten ist tragisch umschattet: von der Frau des
Gendarmeriewachtmeisters verführt stirbt sie bei der Geburt des Kindes.
Bereits Leutnant bei der Kavallerie, den Ulanen, verschuldet er ein Duell
zwischen seinem einzigen Freund, dem jüdischen Regimentsarzt Max Demant und
dem Rittmeister Trattbach. Beide Gegner kommen dabei ums Leben.
[1] Seite 124/125
Carl Joseph verläßt zutiefst erschüttert die Kavallerie und
läßt sich mit dem Einverständnis seines Vaters in eine entfernte
galizische Garnisonsstadt versetzen, wo er nun bei der Infanterie dient. Er und
seine Kameraden entfliehen der Langeweile durch den Genuß von sogenanntem
Neunziggrädigem, den Roth folgendermaßen beschreibt:
[1] Seite 185/186
Als der alte Herr von Trott nach dem Tod des langjährigen Hausdieners
seine Sohn in der Grenzstadt besucht, trifft man sich bei Graf Chojnicki, der
etwas obskur aber immens reich ist. Dort fallen die prophetischen
Worte:
[1] Seite 180-182
Der Bezirkshauptmann nimmt diese Rede zwar nicht ernst, doch Carl Joseph
ahnt bereits ihr “finsteres” Gewicht.
Als Carl Joseph mit seinem Zug gegen streikende Arbeiter der heimischen
Borstenfabrik eingesetzt wird, verliert er in Panik die Nerven und erteilt den
Schießbefehl.
[1] Seite 233
Der Schieber und Menschenhändler Kapturak, eine Figur, die in Joseph
Roths Romanen immer wieder auftritt, eröffnet im einzigen Hotel der Stadt
ein Spielcasino und tritt dabei gleichzeitig auch als Kreditgeber auf. Carl
Joseph übernimmt für zwei seiner Kameraden die Bürgschaft,
außerdem leiht er immer mehr Geld um die kostspieligen Wienaufenthalte mit
seiner neuen Geliebten zu finanzieren. Als sich einer der beiden erschießt
und der andere als Spion verhaftet wird, verlangt Kapturak sein Geld, inzwischen
mehr als 7.000 Kronen, binnen einer Woche zurück.
Verzweifelt schreibt Carl Joseph seinem Vater. Doch auch er kann diese
gewaltige Summe nicht auftreiben. So entschließt sich Franz Freiherr von
Trott in einer eiligst organisierten Audienz beim Kaiser um Gnade zu bitte. Nur
ihm ist die Rettung vor dem Skandal, den eine unehrenhafte Entlassung aus dem
Militär für die Familie Trotta bedeutet hätte zu
danken.
Die Meldung vom Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo
trifft Carl Joseph und seine Kameraden völlig unvorbereitet. Bei einem
eiligst einberufenen Treffen der Offiziere und höheren Gäste verliert
Carl Joseph die Nerven als einige ungarische Adelige den Toten lauthals
beschimpfen. Dann artet die Situation ins Groteske aus.
[1] Seite 333/334
Carl Joseph reicht am nächsten Morgen seinen Abschied beim
Militär ein; doch einen Monat später wird er wieder zu den Waffen
gerufen. Der erste Weltkrieg hat begonnen. Er fällt noch im ersten Jahr,
bei dem Versuch während eines Kosakenangriffs Wasser für seine
Kameraden zu holen. Auch sein Vater erlebt den Zusammenbruch des
Vielvölkerstaates nicht mehr. Der Roman endet mit dem Tod Franz von
Trottas, der im Jahre 1916, wenige Tage nach dem Ableben Kaiser Franz Josephs
stirbt.
Deutung
Einen Roman vollständig zu deuten ist sehr langwierig, deshalb will
ich mich auf die wichtigsten Möglichkeiten, die sicher auch die
interessantesten sind, beschränken.
Der Titel Radetzkymarsch scheint, zumindest nach der Inhaltsangabe keinen
Bezug zum Text zu haben. Doch kommen im Roman drei Textstellen vor, die auf
dieses Leitmotiv zurückgreifen.
- Zu Beginn der Erzählung bedeutet das Erklingen des Radetzkymarsches,
gespielt von der örtlichen Militärmusik, für den Knaben Carl
Joseph Begeisterung für den Heldentod, den er für die Mitglieder des
Kaiserhauses, die er in kindlicher Ergebenheit liebt, zu sterben bereit
ist.
- Als Leutnant kehren die Kindheitserinnerungen wieder als er einer Parade
beiwohnt. Er denkt noch immer an die heilige Aufgabe und wünscht sich durch
Hingabe seines Lebens für Kaiser und Vaterland ebenso ein Held zu werden,
wie sein Großvater.
- Traum und Wirklichkeit vermischen sich vollends als Carl Joseph den
Radetzkymarsch zu hören glaubt, während er von den Feinden unter
Beschuß genommen im Kugelhagel sein Leben
läßt.
Diese drei Stellen, an denen der Radetzkymarsch erklingt, könnte man
mit Aufbau-Bewahrung-
Zusammenbruch bezeichnen. Diese Dreiheit kommt in Roths Roman immer wieder
vor. Genau so gut könnte man nämlich auch die Mitglieder der Familie
Trotta damit beschreiben. Der Held von Solferino stünde für den
Aufstieg seines Geschlechtes, der Bezirkshauptmann für die Bewahrung des
Ruhmes und unter Carl Joseph erfolgte der Zusammenbruch. Auch aufgrund der
Kapitelaufteilung, die dem Enkel am meisten, dem Großvater am wenigsten
Platz einräumt, wird klar, daß das vorherrschende Thema Zusammenbruch
und Verfall ist. In der Literaturwissenschaft bezeichnet man den Radetzkymarsch
daher auch als Dekadenzroman.
Die Dekadenz, das heißt der Verfall, ist sowohl innerhalb der Familie
Trotta als auch in der Monarchie als Staatengebilde unübersehbar. Die alte,
feudale Gesellschaftsordnung steht einer neuen, dem Sozialismus gegenüber -
und es ist unübersehbar daß die alte der neuen Platz machen
muß. Ebenso ist es in der Familie Trotta, denn alle Charaktere, auch Carl
Joseph, werden als alte, oder vorzeitig gealterte Personen gezeigt, die ihre
Prinzipien und Weltanschauungen nicht mehr ändern wollen und können.
Die Vertreter des Sozialismus kommen in vielerlei Gestalt vor: seien es die
streikenden Arbeiter oder die neuen Hausdiener, die dem Bezirkshauptmann v.
Trotta allesamt nicht passen. Von Trotta ist nicht einmal bereit die
Möglichkeit eines Umbruches in Betracht zu ziehen. So bessert er in seinen
Protokollen stets die Worte “revolutionärer Agitator” in
“verdächtiges Individuum” aus, da er fest überzeugt ist,
daß es keine Revolution geben werde.
Das Symbol für die noch herrschende alte Ordnung und als Garant
für deren Weiterbestehen ist der Kaiser. Franz Joseph, mit 68 Jahren
Regierungszeit jener Monarch Mitteleuropas mit der längsten Amtszeit,
verdeutlicht durch seine Greisenhaftigkeit die “alte” Zeit. Wenn
Roth von ihm spricht, findet sich stets auch ein Bezug zu Gott. Ebenso wie Franz
Josephs Untertanen ihrem Kaiser ergeben sind, sieht auch dieser Gott wie einen
Vorgesetzten dem man zu gehorchen hat.
Historiker sind sich heute einig, daß der Bestand der Monarchie in
den letzten Jahren allein durch eine dem Kaiserhaus ergebene Armee und ein
pflichtbewußtes Beamtentum gesichert worden ist. Franz von Trotta
repräsentiert dieses Beamtentum. Er ist ein altehrwürdiger
Hauspatriarch und Anhänger der monarchistischen Weltordnung. Seine
Identifikation und Loyalität zu Österreich geht so weit, daß er
sich im Alter immer mehr dem Kaiser angleicht. Am Ende der Erzählung
spricht Roth von “zwei Brüdern, von denen der eine Kaiser, der andere
Bezirkshauptmann geworden war.”
Carl Joseph wirkt hilflos und verloren. Der Verlust seines Freundes Max
Demant und der Tod seiner ersten Geliebten, an der er Schuld trägt machen
ihn zu einem gebrochenen und alten Mann, obwohl er noch jung ist. Stets
fühlt er eine gewisse Todessehnsucht und tröstete sich mit
Hochprozentigem. In der galizischen Grenzstadt sieht er den Untergang und
Verfall noch schneller auf sich zukommen, als der Vater, der in Mähren
wohnt.
Carl Joseph sieht sich vor allem als Enkel des Helden von Solferino. So
schildert auch Roth in erstaunlicher Synchronität den Anfang und das Ende
der Familie Trotta: die Heldentat des Großvaters und den kläglichen
Tod des Enkels. Überhaupt zieht sich das Enkel-Motiv durch den gesamten
Roman. Auch Max Demant, jener jüdische Intellektuelle, der wissend in
seinen sinnlosen Tod gegangen ist und mich von allen Figuren am meisten
beeindruckt hat, erzählt in einem Gespräch mit Carl Joseph von seinem
Großvater. Ich möchte dazu ein Bild von Roths Großvater zeigen,
der ja ebenfalls jüdisch war.
Mit dem Enkel Joseph Roth, dem Schnapstrinker Joseph Roth und dem
Monarchisten Joseph Roth, der seiner Zeit stets kritisch gegenüberstand und
dem Vergangenen nachtrauerte sei der Bogen zu seiner Biographie geschlossen. So
möchte ich mein Referat mit seinen Worten beschließen:
[2] Seite 197
Gabriel Maresch, im Jänner 1997 Bad Goisern/Bad Ischl
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