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| Rembrandt, Harmenszoon van Rijn (1606-1669)
Rembrandt, Harmenszoon van Rijn (1606-1669)
Rembrandt
© 1998 by Martin Burgard und Dirk
Feß
Auf einer kleinen Anhöhe am Rande der
holländischen Stadt Leiden stand die Mühle des Harmen Gerritsz, der
sich, da sein Anwesen nahe dem Ufer des Flüßchen Tihn gelegen war,
dessen Namen zulegt und “von Rijn” nannte. In einem bescheidenen
Haus unweit der Mühle, wo er mit seiner Frau, der Bäckerstochter
Neeltgen von Zuybrouck lebte, wurde ihm als fünftes von sechs Kindern am
15. Juli 1606 ein Sohn geboren, den er auf den Namen Rembrandt taufte.
Frühzeitig muß der Knabe eine besondere Begabung gezeigt haben, denn
während seine Brüder handwerkliche Berufe ergriffen, hat sein
aufgeschlossenes Wesen die schlichten Eltern dazu bewogen, ihm für eine
wissenschaftliche Laufbahn zu bestimmen; er erhielt sorgsame siebenjährige
humanistische Erziehung und schrieb sich am 20. Mai 1620 als Student in der
berühmten Universität seiner Vaterstadt ein. Doch schon wenige Monate
später gab der Jüngling seiner künstlerischen Neigung nach,
verließ die Hochschule und trat ein in die Werkstatt des Malers Jacob
Isaaksz von Swanenburch, der in Leiden ansässig war. Die sorgfältige
Ausbildung der Jugendjahre sollte ihm auch in diesem Fache weiterhin von Nutzen
sein, derart, daß die Kunst ihm niemals zum Handwerk wurde und sein Wissen
ihm dazu verhalf, die Grenzen seiner Vorstellungs- und Bilderwelt entscheidend
zu weiten. Bei Swanenburch, den lediglich eine gewisse Weltläufigkeit ,
erworben während eines jahrelangen Italienaufenthaltes in Venedig, Rom und
Neapel, empfahl, konnte der junge Rembrandt kaum mehr als handwerkliche
Kenntnisse erwerben. So wechselte er nach wenigen Jahren zu kurzen
abschließenden Lehrgang in die Werkstatt des Pieter Lastman über.
Dieser ebenfalls in Italien gebildete recht erfolgreich Künstler gab seinem
Schüler nicht nur die Vorliebe für ein kräftiges Herausarbeiten
dramatischer Bildeffekte, verbunden mit einer drastischen, einprägsamen
Gesetzessprache mit auf den Weg, sondern er weckte auch dessen Sinn für
Darstellungen prunkvollen Beiwerks, bestehend aus kostbaren Gerätschaften
und reich geschmückten Stoffen. Mit Jan Livens, den er im Atelier des
Pieter Lastman kennengelernt hatte, eröffnete der junge Maler mit dem
Amsterdamer Kunsthändler Hendrik van Uylenburgh in Verbindung, der ihm
offenbar Porträtaufträger vermittelte, die schließlich so
zahlreich und bedeutsam wurden, daß Rembrandt sich im folgenden Jahre zu
einer Übersiedlung in diese Stadt entschloß. Überaus erfolgreich
und mit einer Fülle von Aufträgen versehen, konnte er bald hohe Preise
verlangen. Im Juli 1634 heiratete er seines Gönners frühverwaiste
Base, Saskia van Uylenburgh, deren Vermögen den rasch wachsenden Wohlstand
des strebsamen Künstlers erheblich vermehrte. Ein repräsentatives
Haus, welches er 1639 erwarb, gab den Rahmen ab für das Leben eines
angesehenen und reichen Bürgers, das Rembrandt nun als Vorstand eines
großen Haushaltes führte.
In die Lage versetzt, seiner bis zur Leidenschaft sich
steigernden Freude am sammeln zu folgen, füllte er sein Heim mit
Kunstwerken aller Art, alten Gerätschaften, prunkvollem Geschirr, kostbaren
Stoffen, seltsamen Waffen und erlesenem Schmuck diese auffallend Interesse an
altertümliche Dingen entsprang bei ihm nicht allein dem verständliche
Wunsch, kuriose Modelle und Vorbilder als Anregung für eigen
künstlerische Tätigkeit zu besitzen; vielmehr lag ein echter
historischer Sinn, eine wache, fast wissenschaftliche Vorliebe für
Vergangenes dem Sammeleifer zugrunde. So glücklich die wirtschaftlichen
Umstände auch sein mochten, so hart sind die privaten
Schicksalsschläge in dieser Zeit gewesen. Drei Kinder mußte der Maler
im Laufe weniger Jahre begraben. Seine junge Frau, von schwacher Konstitution,
kränkelte immer öfter und war wiederholt gänzlich ans Bett
gefesselt. Im September 1641 schenkte sie einem Sohn das Leben, den man Titus
taufte, doch nach der Geburt schien wie vollends erschöpft, siechte langsam
dahin und starb im Sommer des folgenden Jahres. Zur Wahrung des Kindes kam eine
Witwe ins Haus und drängte sich mehr und mehr in die Stelle der Hausfrau.
Erst 1649 löste sich Rembrandt von ihr und vertraute die Führung der
Wirtschaft der jungen Hendrickje Stoffels an, die seit etwa 1645 als schlichte
Magd in seinem Haushalt diente. Dieses Mädchen, fast noch ein Kind, als sie
das Haus betrat, wurde dem Künstler zur zweiten Gemahlin und gebar ihm 1654
eine Tochter Cornelia. Allein die Tatsache, daß eine Bestimmung in Saskias
Testament dem Maler im Falle der Wiederverheiratung die Nutzungsrechte der
Erbsaft entzogen hätte, hielt ihn, trotz vielfacher Anfeindungen, davon ab,
die Gemeinschaft mit Hendrickje zu legalisieren. Überlegungen dieser Art
waren um so wichtiger, als, je ausgeprägter und eigenwilliger die Kunst
Rembrandts wurde, er um so nachhaltiger seine Stellung eines vom Publikum
gesuchten Modemalers verlor. Die Bildnisaufträge gingen zurück, das
Einkommen schmälerte sich mithin, doch seine Lust am Sammeln von
Kostbarkeiten und Raritäten nahm immer noch zu. Der Versuch, den
Geldschwierigkeiten zu entgehen, führte zu Spekulationskäufen von
Grundbesitz, doch konnte Rembrandt den daraus erwachsenden Schuldverpflichtungen
nicht nachkommen, und Unerfahrenheit Leichtfertigkeit in finanziellen Fragen
führten ihn unaufhaltsam dem wirtschaftlichen Zusammenbruch entgegen. Um
Titus das mütterliche Erbe zu retten, überschrieb ihm der Maler die
Hälfte des Hauses und meldete dann, im Juli 1656, dem Hohen Rat seine
Insolvenz an. Das Inventar seines Haushaltes gib einen Überblick über
den Reichtum seiner Sammlungen. Die drei großen Versteigerungen, in denen
während der beiden folgenden Jahre dieser Besitz veräußert
wurde, reichten nicht hin, die Gläubiger zu befriedigen, doch gelang es dem
Vormund des Titus‘, dessen bevorrechtete Ansprüche durchzusetzen.
Dieser benutzte sein aus der Katastrophe gerettetes
Kapital, um zusammen mit Hendrije einen Kunsthandel zu begründen, in den
Rembrandt als Angestellter eintrat, wobei er gegen eine Vergütung seine
gesamte Produktion gewissermaßen im voraus verkaufte. Auf diese Weise
waren des Künstlers Werke seinen Gläubigern entzogen, und der Maler
konnte ein zwar bescheidenes, doch immerhin auskömmliches Leben
führen. Die Erschütterung seiner bürgerlichen Stellung ertrug der
alternde Mann mit großem Gleichmut. Die Vereinsamung, in die er mehr und
mehr geriet, war als Folge seiner zurückgezogenen Lebensführung und
seiner Gewohnheiten als Sonderling offenbar selbst gewollt; sie scheint ihn
jedenfalls nicht gekränkt zu haben. Als Hendrickje 1662 starb, sorgte Titus
für den bescheidenen väterlichen Haushalt, in dem auch die kleine
Cornelia lebte. Daß er den Tod des Sohnes erleben mußte, mag
Rembrandt tief erschüttert haben. Wenige Monate nach seiner
Eheschließung mit Magdalena van Loo ist Titus 1668 gestorben. Mit Cornelia
und einer alten Magd blieb Rembrandt allein in seinem Haus. Im März des
folgenden Jahres wurde Titus‘ Tochter geboren; zu Ehren des toten Vater
hat man sie Titia genannt, und der Maler nahm teil an der Taufe. Wenige Monate
später trug man Rembrandt zu Grabe. Am 4. Oktober 1669 war er gestorben, am
8. Oktober wurde er beigesetzt, ganz ohne Anteilnahme der Zeitgenossen. Seine
Hinterlassenschaft konnte damals als ärmlich gelten, denn sie bestand aus
einigen Bildern und nur aus wenig irdischem Gut, aus Kleidern von Wolle und
Leinen und einem Malgerät.
DIE HOLLÄNDISCHE MALEREI des 17.
Jahrhunderts wird gekennzeichnet durch ein ausgeprägtes Spezialistentum.
Die vielfältigen Aufgaben, die sich den Künstlern stellen, sind
eingeteilt in enge Themenkreise, deren sich einzelne Maler annehmen, um sie
immer wieder von neuem und mit mehr oder minder wechselnden Abweichungen zu
gestalten. So leistet der eine sein Bestes in der Darstellung von
Winterlandschaften, der andere ist auf Strandszenen spezialisiert, dieser tritt
mit immer neuen Kircheninterieurs hervor, für jenen sind Alchimistenstuben
das ständig beibehaltene, stets variierte Sujet. Die Themen sind unendlich
zahlreich; auf manchem Gebiet betätigen sich viele Meister, etliche
beherrschen das Ihre in bereicherter Vielfalt, einige sind auf zwei oder gar
drei der Aufgabenfelder zu Hause, nur wenige meistern deren mehrere, universell
und ohne Bindung an irgendein Spezialgebiet schafft in diesem ganzen
holländischen Jahrhundert nur Rembrandt.
Groß ist die Reihe von Bildnisschöpfungen
Rembrandts. Sie überwiegen in den Jahren zwischen 1630 und 1645, in denen
Porträtaufträge die wesentliche Erwerbsquelle des Künstlers
darstellen. Neben der Vielzahl von bestellten Arbeiten stehen, besonders zu
Anfang seiner künstlerischen Laufbahn, dann wieder in der späteren
Zeit, Selbstbildnisse und Darstellungen von Verwandten und Freunden,
schließlich Studienköpfe charakteristischer Typen, nicht zum Verkauf
bestimmt, sondern Frucht der immer wiederholten Bemühungen um die Erfassung
des menschlichen Antlitzes.
Mit dem Verlust an äußerer Repräsentanz
geht ein Gewinn an Möglichkeiten zur Gestaltung geistiger Kräfte Hand
in Hand, das Abbilden oberflächlicher physiognomischer Ähnlichkeit
weicht dem Aufspüren psychischer Eigenheiten. Diese Entwicklung
verscheucht die biederen Amsterdamer Bürgersleute, die sich um 1640 in
Scharen von Rembrandt malen ließen. Nur ganz vereinzelt entstehen
später Porträts im Auftrag, doch zählen gerade sie zu des
Meisters großartigsten Schöpfungen, da sie weniger Abbild sind, als
fein erfaßte Darstellung eines besonderen seelischen Zustandes; das
Bildnis des Nicolaes Bruyning von 1652 gibt ebenso ein Beispiel
dafür wie das des Bürgermeisters Jan Six von 1654. Meist aber
sind es in den beiden letzten Jahren vertraute Personen, die in immer neuen
Stimmungen von Rembrandt geschildert werden, Hendrickje erscheint, Titus sieht
man in einer langen Reihe von Bildern zum Manne reifen, bärtige
Greisentypen geben ein wohlfeiles Modell ab, um 1658 zu wiederholten Malen ein
jüdischer Jüngling mit schönem klarem Christusgesicht, und immer
wieder taucht des Künstlers eigenes Antlitz auf, Studienobjekt in jener
Zeit wie dreißig Jahre zuvor, als der Jüngling, noch ohne Ruhm und
wenig beschäftigt, sich in stets neuen Selbstdarstellungen
übte.
Eine der besonderen Aufgaben der Porträtisten jener
Epoche war das Gruppenbildnis. Rembrandt ist auf diesem Gebiet ganz eigene Wege
gegangen, vergleichbar nur den Leistungen des Frans Hals, der, in Haarlem als
Bildnismaler tätig, sich entsprechenden künstlerischen Problemen
gegenüber sah. Beider Bemühungen liefen darauf hinaus, die
langweilige Reihung von Figuren, die untereinander völlig beziehungslos
waren, lediglich zu dem Zwecke gemeinsamer Abbildung versammelt erschienen,
aufzulösen und die Dargestellten als Teilhaber eines alle vereinenden
Geschehens zu Trägern einer verbindenden Handlung zu machen. In Rembrandts
erster Schöpfung dieser Art, der Anatomie des Dr. Tulp ist es eine
Sektion, welche die Gestalten des Gruppenbildes, die dem Vorgang mit mehr oder
minder großer Anteilnahme folgen, zu einer psychischen wie
kompositorischen Einheit zusammenfügt. Die sogenannte Nachtwache
ist nichts anderes als das Gruppenporträt einer Schützenkompanie,
dem Rembrandt die Form des gemeinsamen Aufbruchs einer scheinbar
unübersehbaren Menge gegeben hat, die durch das Portal drängt, sich
nun auf der Straße zerstreut. Die eigenwilligste Lösung fand der
Meister bei dem Bilde der Staalmeesters, wo die Vorsteher der Amsterdamer
Tuchmacherzunft in einer Sitzung vereint erscheinen und der Betrachter gleichsam
einbezogen wird in die Handlung, indem er die Blicke aller Teilnehmer auf sich
gerichtet sieht, so als habe er eben einen schwerwiegenden Einwand erhoben, und
die versammelten Herren schickten sich an, den Vorwurf an Hand ihres
Rechnungsbuches zu entkräften.
Darstellungen religiösen Inhalts sind rar in der
holländischen Kunst des 17. Jahrhunderts, wo die Bilderfeindlichkeit des
Protestantismus die Kirchen nüchtern und schmucklos hatte werden lassen.
Rembrandt gehört zu den wenigen Künstlern der
Epoche, in deren Schaffen biblisches Geschehen behandelt wird, ja man kann
sagen, daß ihn neben dem Bild des Menschen die Gestaltung religiöser
Themen am stärksten gefesselt hat. Ihre Behandlung jedoch geschieht in
völlig neuartiger Weise, derart, daß er die Szenen einem festgelegten
Darstellungsschema entfremdet und sie mit ursprünglicher Frische und
überraschender Lebendigkeit begabt. Anfangs prägt sich ein
kräftiger, oft derber Realismus aus. Die von Lastman übernommene
Vorliebe für eine dramatische Zuspitzung der dargestellten Handlung, die
bei ihm erlernte drastische Gebärdensprache kommen zu ihrem Recht. Der
Künstler wählt Themen, die augenfällige Effekte fordern: Der
ungläubige Thomas, Christus erscheint als Gärtner, Auferweckung des
Lazarus, Christus und die junger in Emmaus und Die Auferstehung. Das
Einbrechen des Wunders, des Unfaßbaren in die alltägliche Welt
reizt seine künstlerische Phantasie. Daneben treten Szenen von wilder
Bewegtheit, die durch ihre Grausamkeit den Betrachter packen, Abrahams Opfer
zum Beispiel oder die Blendung des Simson. Um 1640 löst sich
der Maler von derart vordergründigen Wirkungen und formt nun, um
äußerste Vermenschlichung der Vorgänge bemüht, seine
Andachtsbilder zu einer Art von Genredarstellungen um oder spürt
verborgener psychologischer Problematik nach und gewinnt ihnen Stimmungen ab,
die vor ihm nie jemand erfaßt hatte. Schon die Themenwahl macht das
wiederum deutlich. Rembrandt bevorzugt nun Darstellungen der Heiligen Familie
oder Szenen aus dem Tobiasgeschichte, bei denen sich der Betrachter an
der Wärme menschlicher Beziehungen erfreut, die in privater
Häuslichkeit, in der Behaglichkeit und Intimität einer
kleinbürgerlichen Welt herrscht.
Daneben entstehen in reicher Zahl Bilder, deren
Geschehen sich oft nur aus der Begegnung zweier Menschen entwickelt, bei denen
die dramatische Aussagekraft mithin gering, der geistige Gehalt jedoch von
unsagbarem Reichtum ist. Mit meisterhafter Verfeinerung der Mittel spürt
der Maler in diesen Bildern seelischen Regungen nach. Versöhnung
erbittend, sinkt Absalom dem David an die Brust, und der Vater umfängt den
Sohn und gewährt dem Weinenden Halt und Vergebung und Tröstung
zugleich; Christus und die Samariterin begegnen einander am Brunnen im
bekehrenden Zwiegespräch; David spielt Harfe vor Saul, und die Klänge,
die der Knabe dem Instrument entlockt, rühren den reifen Mann so, daß
er zum Vorhang greift, um damit die Träne zu trocknen; zerlumpt und elend
kniet der verlorene Sohn wiedergekehrt vor dem Vater, müde birgt er sein
Haupt in des Alten Mantel, tastend und streichelnd zugleich gleiten die schweren
Hände des halbblinden Greises über den Rücken des lange
Vermißten. Zeitweilig gehen religiöse Darstellung und Bildnis
ineinander über, so wenn Rembrandt selbst, mit Saskia auf dem Schoß,
das in der holländischen Kunst geläufige Thema vom verschwenderischen
Leben des verlorenen Sohnes spielt.
Sein Glas erhebend, trinkt der Künstler mit
lachender Miene dem Betrachter zu, und da auch die junge Frau aus dem Bilde
herausschaut, wird jener in fesselnder Weise in das Geschehen hineingezogen, ist
gewissermaßen die dritte Person in der kleinen Szene und unmittelbar an
der Handlung beteiligt. Als Bathseba und Susanna erscheint zunächst
Saskia, später Hendrickje; andere Bildnisse nehmen die Gestalt von
Darstellungen der Evangelisten oder Apostel an. Auch als mythologische oder
historische Figuren verkleidet, tauchen oftmals Menschen aus Rembrandts Umgebung
auf. Dem reichen Schatz seiner Sammlung entnimmt der Künstler kostbare
Stoffe, Waffen, Schmuck und Geräte und staffiert damit Verwandte und
Freunde aus, um sie dann in dieser Kostümierung zu malen. Als Minerva
aufgeputzt erscheint seine Schwester, mit dem goldenen Helm und Harnischkragen
in einen Krieger verwandelt sein Bruder. Als Flora, Bellona und Sophonisbe wird
Saskia dargestellt; für eine Flora und Pallas Athene steht auch Hendrickje
Modell und spielt, das Töchterchen Cornelia im Arm, die Venus mit dem
Amorknaben. In prächtige Rüstung gekleidet, mit Helm, Schild und
Lanze bewehrt, erscheint Titus zweimal als Mars, und Rembrandt selbst malt sich
in immer neuer Verkleidung, meist kriegerisch aufgeputzt, mit einer Sturmhaube
oder als Fahnenträger oder in Landknechtstracht, mit prachtvollem
Federhüt, Harnisch und Kette, einen Zweihänder in der
Linken.
Mythologische Szenen sind selten in Rembrandts Schaffen.
In seiner Frühzeit schildert er, auf der Suche nach dramatischen und
effektvoll bewegten Stoffen, den Raub der Europa und die Entführung
Proserpinas und stellt dar, wie Aktäon Diana und ihr Gefolge beim Bade
überrascht. Danach wendet er sich auch in diesem Themenkreis weniger
aufwendigen Motiven zu; der Tod der Lukretia, den er in der Spätzeit
zweimal gestaltet hat, wird wie ein packender Monolog zum stillen
psychologischen Drama. Der Auftrag, mit einem großen Wandbild der
Verschwörung des Claudius Civilis den Bürgersaal des Amsterdamer
Rathauses zu schmücken, wobei das Thema, Aufstand der Bataver gegen die
Römer, als eine Anspielung auf den Freiheitskampf der Niederländer
gegen die Spanier gedacht war, ließ Rembrandt in seinen letzten
Schaffensjahren das Gebiet der monumentalen Historienmalerei betreten. Das
Unternehmen wurde ein Fehlschlag. Die Auftraggeber sahen, als das Werk
vollendet war, statt einer prächtigen und würdevollen
Heldenversammlung einen Haufen verwegener und höchst zweifelhafter Gesellen
sich zum Treueschwur vereinen, und es konnte ihnen nicht in den Sinn kommen,
sich mit diesen Barbaren zu identifizieren. So wiesen sie das Bild mit
kleinlichen Änderungswünschen zurück, und Rembrandt machte es
ihnen leicht, indem er, auf den Auftrag verzichtend, die Leinwand zerschnitt, um
die Hauptszene einem Kunstfreund zu verkaufen. Diese Entheroisierung
historischen oder mythologischen Geschehens läßt sich mit der
weitgehenden Vermenschlichung biblischer Themen vergleichen.
Sie wird jedoch zur bewußten Farce, wenn im Bild
vorn Raub des Ganymed der begehrenswerte Götterliebling als ein fettes
Bübchen erscheint, das greinend und strampelnd in den Fängen des
Adlers hängt, wobei ihm im ersten Schrecken etwas allzu Menschliches
passiert` Genrebilder, die bei anderen holländischen Malern der Zeit meist
figurenreich und erzählfreudig von einem alltäglichen Ereignis
berichten, werden bei Rembrandt fast ausnahmslos auf eine Person reduziert.
Gelehrte erscheinen, gebückt über große Folianten und versunken
in ihr einsames Tun, Goldwägerinnen, die mit Sorgfalt ihrem Geschäft
nachkommen, junge Frauen, die verzaubert den Glanz eines Schmuckstückes im
Spiegel betrachten, Mägde, wie träumend ins Fenster gelehnt, alte
Frauen, die Bibel im Schoß, nachsinnend über das Gelesene. An Stelle
der Handlung tritt bei Rembrandt die Reflektion, die Erzählung lebt allein
vom psychologischen Gehalt. Am Ende der dreißiger Jahre tauchen auch
Landschaftsgemälde in Rembrandts Schaffen auf. In wenig mehr als zehn
Jahren entsteht ein gutes Dutzend von ihnen, später wendet sich der
Künstler von diesen Themen wieder ab. Es sind - sowohl ideale wie
realistisch anmutende, heimische Landschaften, die er gestaltet, doch erscheinen
sie nie als Abbildungen eines Naturausschnittes, sondern sind stets
Schilderungen eines besonderen Zustandes, der die Alltäglichkeit der Umwelt
dramatisiert. In der Regel verdüstern Gewitterwolken den Himmel. Irgendwo
bricht dennoch die Sonne durch, und während sich alles andere in noch
schwerere Schatten hüllt, geistert ihr bleiches und krankes Licht
höchst unheimlich über einige Baumwipfel, läßt ein
Gemäuer aufleuchten oder legt sich als fahler Fleck über die weite
Ebene. Stilleben hat Rembrandt kaum gemalt, doch erscheint in
größerem Bildzusammenhang des öfteren stillebenhaft angeordnetes
Beiwerk - Folianten und wissenschaftliches Gerät umgeben die greisen
Gelehrten in ihren Studierstuben, Bücher und ein Kerzenhalter fügen
sich gefällig zusammen auf dem Tisch des Predigers Anslo; Münzen,
Waage und Gewichte gehören zur Welt von Wechsler und Goldwägerin. Nur
einmal verdrängt in einem Bild mit erlegten Pfauen die tote Natur das
Leben, und in einer kleinen Reihe von Gemälden schließlich wird die
brutale Nacktheit eines geschlachteten, gehäuteten und ausgeweideten
Ochsen, der an den Hinterbeinen zum Ausbluten aufgehängt ist, als Motiv
benutzt, Rembrandts Schaffen läßt sich in drei große Perioden
einteilen. Vom Ausgang der zwanziger `bis zum Beginn der vierziger Jahre
währt sein Frühstil, in die vierziger und frühen fünfziger
Jahre fällt seine Reifezeit, Mitte der fünfziger Jahre setzt dann sein
Spätstil ein. Die frühesten Werke standen, das hatten wir zu
verdeutlichen gesucht, unter dem Eindruck des Pieter Lastman. Sie lassen ein
Übermaß an deklamatorischer Gestik erkennen, leiden oft unter zuviel
Bewegung und zeigen eine theaterhafte Steigerung der Stimmung, die nicht aus der
Situation erwächst, sondern von außen herangetragen erscheint und
daher anfängerhaft wirken muß. Mit dem Beginn der dreißiger
Jahre erwacht Rembrandts Eigenart, und im Laufe dieses Jahrzehnts erreicht er
jene Weite, die sich in der beschriebenen Vielfalt seiner Themen offenbart. Was
sich in dreifachem Wandel verändertest seine Gestaltungsweise, sein Stil.
Die Bildnisse der dreißiger Jahre sind
überaus lebendig. Der Blick des Dargestellten ist auf den Beschauer
gerichtet, oftmals verrät das Mienenspiel, ein leises Lächeln,
gefurchte Stirn, ein aufmerksamer, ja sogar fragender Ausdruck, die lebhafte
Anteilnahme am Gegenüber. Diese Steigerung ins Momentane wird gelegentlich
noch erhöht durch das zufällige oder jähe Spiel der Hände,
die einen Gegenstand halten, einen Redefluß unterstreichend, wie beteuernd
auf die Brust gelegt erscheinen oder, zu erklärender Geste sich
öffnend, etwas unvermittelt im Raume stehen. In Bildern erzählenden
Inhalts erkennt man deutlich die Bevorzugung eines diagonalen
Kompositionsschemas, das stets spannungsreich und dramatisch wirkt. Auch
wählt der Künstler oft große, meist feierlich gewölbte
Bildräume, in denen die Figuren verhältnismäßig klein
erscheinen. Der Wechsel von stark belichteten und tief dunklen Partien, jene
für Rembrandts Schaffen charakteristische Helldunkel - Malerei, zeigt sich
in den Werken der Frühzeit besonders deutlich. Zunächst wird dieses
Kunstmittel zu ziemlich groben Effekten verwendet, indem mit Hilfe einer Art
aufblitzender Scheinwerferbeleuchtung die dargestellte Handlung eine höchst
äußerliche Steigerung erfährt. Später durchflutet das
Licht den dunklen Bildraum, wirkt nicht mehr isolierend, sondern bindet mit
sanftem Schein Menschen und Dinge zusammen, schafft mit seinem oft
geheimnisvollen Weben jene Raumintimität, die den Gemälden der
vierziger Jahre eigen ist. Alles wird stiller in diesem Jahrzehnt. Die Figuren
stellen ihre Gefühle nicht mehr mit großen Gesten zur Schau, sie
ordnen sich in klaren, vielfach symmetrischen Kompositionen, und die Umrisse der
Gruppen schließen sich und werden weich und flüssig. Dieses
Verschmelzen der Einzelheiten zu einer Gesamtharmonie ergreift auch die Farben,
ihr greller Klang tritt zurück zugunsten eines matteren Tons. Bei den
Bildnissen tritt an Stelle des wachen Interesses ein Zug von Zurückhaltung
in die Gesichtern der Dargestellten. Sie scheinen schweigsamer und
verschlossener geworden zu sein; ihre Blicke haben die zupackende Schärfe
verloren, die schweifenden Augen scheinen wie versonnen in die Weite gerichtet,
ja manchmal sind sie sogar gesenkt oder schauen zur Seite. Die Gebärden
sind sparsam geworden und bleiben meistens ohne Beziehung, zum Gegenüber.
Im Spätstil des Künstlers, der sich mit Beginn der fünfziger
Jahre vorbereitet, wird die menschliche Gestalt von ganz besonderer Wichtigkeit,
der Raum schrumpft zum bloßen Hintergrund zusammen, vor dem die Figuren
erscheinen, die ihrerseits eine Art von Entkörperung erfahren. Das
geschieht mit Hilfe des Lichtes, das nun nicht mehr von außen auf die
Dinge fällt und sie umgreift, sondern den Körpern innezuwohnen
scheint. Ein geheimnisvolles inneres Leuchten löst die Formen auf,
läßt die Umrisse gänzlich verfließen. Dabei erlischt
jegliche Handlung; nicht äußere Vorgänge werden geschildert,
sondern Seelenzustände und Stimmungen; so erscheinen kaum mehr als je zwei
Personen im Bild, und wiederholt wählt der Künstler die
Darstellungsform des großen Monologes.
Die Bildnisse ordnen sich dieser Entwicklung ein. Sie
werden, was die physiognomische Ähnlichkeit betrifft, weniger präzise,
zeigen den Dargestellten weder in wacher Reaktion an einem äußeren
Vorgang interessiert, noch mit jenem in die Ferne schweifenden, alles
umfassenden Blick, sondern vielmehr versunken in eine innere Schau und ganz mit
sich selbst beschäftigt.
Die Bilder von Rembrandt zeigen, daß eines seiner
wesentlichen Gestaltungsmittel der Wechsel zwischen starkem Licht und schweren
Schatten gewesen ist; man nennt ihn einen der großen Meister der
Helldunkel - Malerei. So liegt es nahe, daß er sich schon frühzeitig
der Radierung als einem künstlerischen Ausdrucksmittel zuwandte, das mit
seiner Schwarz-Weiß-Wirkung von diesem Kontrast belebt wird. 19 der 150
graphischen Blätter stammen von seiner Hand. Um 1627 hat der Künstler
die ersten Gravüren gemacht, dann folgen die Arbeiten einander Jahr um
Jahr. Nur in seinem allerletzten Lebensjahrzehnt hat er so gut wie nicht mehr
radiert, und mit Ausnahme des Porträts von Jan van der Linden, Professor
der Medizin in Leiden, das auf Grund einer Bestellung 1665 entstand, ist kein
Werk dieser Art aus seiner Spätzeit bekannt. Die Radierungen verteilen
sich thematisch auf alle Gebiete, die Rembrandt auch als Maler pflegte, und
zeigen sich mit der Entwicklung seiner Malerei so eng verhaftet, daß man
auch an ihnen in ganz entsprechender Weise die Wandlungen des Künstlers
ablesen kann.
Eine reiche Zahl von Schülern ist durch Rembrandts
Werkstatt gegangen, in den Jahre 1635 bis 1650 muß sein Atelier
überfüllt gewesen sein mit eifrigen Eleven. Fast alle haben sie sich
in den Jahren, da sie an des Meisters Seite schaffen durften, über das
Mittelmaß ihrer Begabung erhoben, haben jedoch gleichzeitig ihre Eigenart
weitgehend eingebüßt und sich erschöpft in der Nachahmung ihres
Vorbildes. Bei vielen hielt der Einfluß nicht lange an, sie schlugen
später andere Wege ein und folgten dem wechselnden Geschmack der Zeit. Als
Rembrandt starb, war seine Kunst in den Augen der Zeitgenossen überlebt.
Nur so erklärt es sich, daß er noch vor seinem Tode gänzlich
vergessen war. Das achtzehnte und frühe neunzehnte Jahrhundert stand
seinem Schaffen verständnislos, ja ablehnend gegenüber. Erst in der
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entdeckte man mit geschärftem
Auge für eine nach Licht-Schatten-Wirkungen trachtende Gestaltungsweise,
mit erwachendem Sinn für psychologische Problematik, die Bedeutung von
Rembrandts Kunst wieder. Seither ist sein Werk durch immer neue Funde
bereichert, die Eigentümlichkeit seiner Künstlerpersönlichkeit
durch vielfältige Forschungen erschlossen worden.
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