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Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft
Übergang von
der Plan- zur Marktwirtschaft
Zur Jahrhundertwende lebten zwei Fünftel der Weltbevölkerung
unter einer Ideologie, die es ausschließlich dem Staat vorbehielt,
Eigentümer von Produktionsmitteln zu sein. Lenin verbot sofort in einem
seiner ersten Dekrete (“Über das Land”) privaten Landbesitz,
aber in Osteuropa führten dann die Regierungen nach 1945 eine
durchgreifende Landreform gegen die “Landlosigkeit” durch.
Später wurde jedoch in allen diesen Staaten außer Polen und
Jugoslawien das formale Eigentums- oder Fruchtgenußrecht durch staatlich
dominierte Kooperativen oder Kommunen überlagert.
Die Eigentumsrechte blieben global während der folgenden Jahrzehnte
relativ stabil. Ende der 70er Jahre begann weltweit eine Globalisierung des
Marktes, die durch die verbesserte Datenverarbeitung und der Geschwindigkeit der
Telekommunikation unterstützt wurde. Die UdSSR und ihre östlichen
Verbündeten blieben allerdings davon abgeschnitten. Ihr Staatsmonopolismus
und ihr Protektionismus
[Protektionísmus: eine Außen]wirtschaftspolitik, die dem
Schutz der Binnenwirtschaft vor ausländ. Konkurrenten dient.
Maßnahmen: Zölle, Kontingentierung, Devisenbewirtschaftung,
Einfuhrbeschränkungen und -verbote. [1]]
wirkten hemmend. Die Produktivität ging generell zurück seit die
Sowjetführung die 1965 begonnene vorsichtige Dezentralisierung wieder
zurücknahm.
Die nachgewiesene verminderte ökonomische Performance im Vergleich zu
Unternehmen im Westen allein hätte nicht gereicht, die kommunistischen
Staaten zur Wiederherstellung des Privateigentums zu bewegen, aber er untergrub
das Vertrauen in die zentrale Planung. Unzählige, aber beschränkte
Reformen wurden von Mitte der sechziger Jahre bis zum Umsturz 1989 versucht.
Das Scheitern der Reformen und ein Internationaler
“Duesenberry-Effekt” (zu versuchen mit den Nachbarn Schritt zu
halten; hier: mit dem Konsum im Westen) waren dabei wichtige Faktoren.
Notwendige Voraussetzungen waren politische Bedingungen, von denen die Wahl
Gorbatschows 1985 die wichtigste war. Doch erst im Frühjahr 1987 weitete
Gorbatschow die Politik der Perestroika
[Perestroika [russ. piri`strcjka; ›Umbau‹], von M.S.
Gorbatschow nach seinem Amtsantritt als GenSekr. der KPdSU eingeleitete
›Umgestaltung‹ des gesellschaftl., v.)a. wirtschaftl. Gefüges
der UdSSR. Ideologisch gesehen sollte die P. ein ›neues Denken‹
fördern und im Sinne einer stärkeren Demokratisierung
›stalinist.‹ Strukturen abbauen. Orthodox kommunist. Kräfte
suchten dies u.)a. mit dem Putsch vom 19.8. 1991 zu
verhindern. [2]]
auch auf die Regierung des Landes aus - mit den Konsequenzen, die wir heute
sehen. Zumindest die gesetzlichen Bestimmungen zur Privatisierung sind bereits
geschaffen.
Planwirtschaft - Ziel ohne Weg
Planung ist ein Wesensmerkmal jeder fortgeschrittenen
Industriegesellschaft. Auch die auf dezentralen Entscheidungen basierende
Marktwirtschaft funktioniert nicht ohne Plan; die Tatsache der Planung selbst
ist daher kein bedeutsames Entscheidungsmerkmal für verschiedene
Wirtschaftssysteme, sondern der Unterschied findet sich nur in der Art der
Planung. In Marktwirtschaften gibt es allerdings keine umfassende und
verbindliche Planung der einzelwirtschaftlichen Aktivitäten durch eine
zentrale Institution. Die Planung erfolgt vielmehr dezentral, das heißt,
Haushalte und Unternehmen, Konsumenten und Produzenten können ihr
wirtschaftliches Verhalten weitgehend in eigener Verantwortung planen. Die
notwendige Koordination erfolgt nicht vorher in einem vorgefaßten Plan,
sondern nachher über das Marktregulativ. Privateigentum an den
Produktionsmitteln bedeutet unter anderem auch private Planungsmacht mit dem
Markt als letztem Informations- und Koordinationssystem.
Anders liegen die Verhältnisse in der zentralgelenkten Planwirtschaft
(“Kommandowirtschaft”). Diese ist grundsätzlich zunächst
durch einen “Primat der Politik über die Ökonomie”
gekennzeichnet. Das bedeutet weniger eine Dominanz des Politischen in der
Wirtschaft, sondern, im Grunde genommen, eine Verschmelzung von Politik und
Wirtschaft. “Wirtschaftspolitik” erhält damit
grundsätzlich eine andere Dimension. Wirtschaftliche Tätigkeit wird
als politische Tätigkeit verstanden. Da der “reale Sozialismus”
de facto gleichzeitig auch mit dem Einparteiensystem verbunden ist, wird die
Partei zur alles bestimmenden Instanz auch in der Ökonomie.
Die politische Machthierachie setzt sich aus dem Partei- und Staatsapparat
zusammen, wobei die Partei die Führungsrolle in Wirtschaft und Gesellschaft
übernimmt. Die Staatsmacht fungiert als Hauptinstrument der politischen
Führung, ihr kommt die Aufgabe zu, die politischen und ökonomischen
Weisungen in konkrete Handlungsprogramme umzusetzen. Zwischen Partei- und
Staatsapparat besteht eine enge personelle Verflechtung.
Produktion und Verbrauch werden also durch “imperative Planung”
der zentralen politischen Instanzen festgelegt. Die zentralgelenkte
Planwirtschaft ist daher durch die Dominanz politisch besetzter
bürokratischer Institutionen charakterisiert. Privateigentum an den
Produktionsmitteln ist im Prinzip untersagt und wird höchstens in
Ausnahmefällen zugelassen. Wirtschaftliche Vorgänge wie die Festlegung
der Preise und die Nutzung und der koordinative Einsatz der Produktionsfaktoren
sind an staatliche Genehmigungen und Kontrolle gebunden. Der freie Handel ist
ebenfalls prinzipiell untersagt. Die volkswirtschaftliche Planung erfolgt
über eine zentrale und hierarchisch durchorganisierte
Planungsbürokratie, die von der Parteispitze und der personell häufig
nahezu identen Regierung eingesetzt wird. Diese entwickeln einen
Fünfjahresplan zur längerfristigen Orientierung und darauf aufbauend
dann verbindliche Einjahrespläne.
Der Fünfjahresplan ist das wichtigste Instrument der staatlichen
Wirtschaftspolitik. Er bestimmt in quantitativer [mengenmäßig] Form
das Wachstum des Nationaleinkommens und dessen Struktur, untergliedert nach
Sektoren, Branchen und Regionen. Ferner legt er die Entwicklung
makroökonomischer
[Ma|kro|öko|no|mie [auch: makro...; gr.-nlat.] die; -: Betrachtung
wirtschaftlicher Größen, die sich auf die Volkswirtschaft als Ganzes
beziehen (Wirtsch.); Ggs.
Mikroökonomie. [3]]
Strukturen und Niveaugrößen fest, wie z.B. das Verhältnis
von Konsumenten und Akkumulation [die fortschreitende Ansammlung von
Produktionsmitteln. [4]], die Steigerungsraten des
Preisniveaus, usw. Die Jahresplanug bestimmt die praktischen operativen
Aufgaben der Wirtschaftslenkung. Sie ist der Fünfjahresplanung
untergeordnet und soll zur Realisierung der dort formulierten Ziele
beitragen.
Die gesamtwirtschaftlichen Beschlüsse der Parteiführung über
Wirtschaftswachstum, Investitionen, Konsum usw. werden also im Jahresplan sehr
detailliert ausgearbeitet und an die Betriebe als Vorgabe weitergegeben; diese
melden hierauf ihre Produktionskapazität und den Bedarf an
Arbeitskräften, Investitionsmitteln und Rohstoffen an. Diese werden nun zu
einem Gesamtplan zusammengefaßt, der von der Parteiführung
anschließend gesetzlich beschlossen und über die Ministerien an die
Betreibe weitergegeben wird. In diesem Anhäufen und Abbauen großer
wirtschaftlicher Datenmengen liegt bereits eines der großen Probleme der
Planwirtschaft begründet. Denn in einem arbeitsteilig organisierten
komplexen Industriesystem gehen Tausende Daten in jeden einzelnen
Produktionsprozeß ein, das heißt aber, daß in einer
entwickelten Industriegesellschaft die zentrale Planung Milliarden derartiger
Daten richtig einplanen müßte. Das übersteigt aber die
Kapazität bisheriger Instrumentarien bei weitem, so daß sich immer
wieder Planungsfehler und logistische Probleme einstellen, wie das Fehlen von
Ressourcen am richtigen Ort zur richtigen Zeit, die vielfach schwerwiegende
Folgen haben.
Zusammenfassend kann man die zentralgelenkte Planwirtschaft durch folgende
Merkmale kennzeichnen:
- Es gibt eine Priorität der Politik über
die Ökonomie. Daraus folgt:
- Eine politische Besetzung der
Führungspositionen in der Wirtschaft und eine
- bürokrtatisch-Hierarchische Organisation der
volkswirtschaftlichen Produktion.
- Die zentrale Planung von Produktion und
Konsumtion erfolgt auf ein Jahr bzw. fünf Jahre und verlangt
- ein öffentliches Eigentum an den
Produktionsmitteln.
- “Marktwirtschaftliches” Handeln
findet höchstens in Randbereichen der Ökonomie (Kleinbetriebe in der
Landwirtschaft und im Dienstleistungsbereich) statt.
Durch die schlechte Versorgungslage nach dem Krieg konnte erst Lenins
Nachfolger Stalin 1928 den ersten Fünfjahresplan einführen; die
Schwerpunkte lagen auf der forcierung der Schwerindustrie und der zwangsweisen
Kollektivierung der Landwirtschaft.
Ausgehend von einem äußerst niedrigem Niveau, erzielte die junge
Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit vergleichsweise gute Wirtschaftsdaten; das
Land war weitgehend vom internationalen Kapitalmarkt und Welthandelssystem
abgeschnitten, was dazu führte, daß sie auch der Niedergang in der
Weltwirtschaft in den dreißiger Jahren kaum betraf. Für viele schien
daher das größte Experiment des Jahrhunderts erfolgreich. Durch den
Sieg der UdSSR im 2. Weltkrieg kam es zu einer Ausdehnung des Systems auf die
von ihnen abhängigen Länder Mittel- und Südosteuropas. Auch wurde
sie zu einem Vorbild der Entwicklungsländer wie der VR China.
Das System der zentralen Planwirtschaft hat in allen Ländern zu einer
mangelnden betrieblichen Effizienz geführt. Das Hauptinteresse der
Unternehmen besteht nicht an Gewinn oder Umsatz, sondern an der
Planerfüllung bzw. Überfüllung. Die Nichterfüllung des Plans
wird als Vergehen bestraft. Die verantwortliche Unternehmensleitung muß
zudem mit dem Entzug der privilegierten Position und mit der Gefährdung des
wirtschaftlichen und politischen Aufstiegs rechnen. Vor diesem Hintergrund ist
es verständlich, daß die Direktoren versuchen, leicht erfüllbare
Planungsauflagen zu bekommen. Dieser Widerspruch zwischen betrieblichem und
gesellschaftlichem Interesse ist in der zentralen Marktwirtschaft systemimmanent
[sy|stem|im|ma|nent: a) einem System innewohnend, in den Rahmen eines Systems
(3, 4) gehörend; b) sich [im Denken u. Handeln] innerhalb der Grenzen eines
Systems (4) bewegend;
angepaßt. [5]]
und beginnt bereits in der Phase der Planerstellung. Die Betriebe wissen,
daß ihre Informationen die Grundlage für die zentrale Planung bildet.
Die zentralen Behörden sind auf diese Informationen angewiesen, da sie
selbst die betrieblichen Verhältnisse nicht ausreichend überblicken
können. Die leitenden Direktoren sind daher darauf aus, nur solche
Informationen weiterzugeben, die “weiche”, das heißt leicht
erfüllbare Planauflagen garantieren.
Aufgrund der Soll-Ist Logik besteht kein großes Interesse an
Innovation und Rationalisierung, da ja nicht produziert wird um Gewinn zu
erzielen. Die Leistung wird also nicht vom Konsumenten bewertet sondern von den
übergeordneten Organen. Seit den sechziger Jahren wurden die
Planwirtschaften zunehmend anhängig vom Technologietransfer aus den
westlichen Industrieländern. Der Konsument wird mit dem Produkt immer
weniger zufriedengestellt und da er auf kein Konkurrenzprodukt umsteigen kann
und auch sonst jede Meinungsäußerung verboten ist, bildet sich ein
nicht ungefährliches Krisenpotential. Die Furcht vor der Ausweitung einer
Versorgungskrise zur politischen Krise war auch der Auslöser für
partielle Reformen des Wirtschaftssystem, die aber immer schon in den
Anfängen steckenblieben.
Marktwirtschaft - Weg oder Ziel?
In den vierziger Jahren schrieb der Ökonom Friedrich August von Hayek
ein Buch mit dem Titel “Der Weg in die Knechtschaft” , in dem er
darauf hinwies, daß in der Wirtschaft jede Staatsintervention eine
Störung des Marktgleichgewichts nach sich zieht und zwangsläufig
weitere Interventionen zur Folge haben. Ist einmal der
“Sündenfall” getan, so gibt es seiner Meinung nach kaum mehr
einen Weg zurück, und am Ende stehen der alles dominierende Staat und die
Ausschaltung der Marktkräfte. Die Länder Ost- und Ostmitteleuropas
versuchen heute diesen Weg in die umgekehrte Richtung zu gehen, indem sie die
Kommandowirtschaft zentraler staatlicher Planung durch den Übergang zur
Marktwirtschaft zu ersetzten beabsichtigen.
Die politischen Veränderungen sind in einer “friedlichen
Revolution” relativ schnell vor sich gegangen; die wirtschaftlichen
Probleme, die mehr als 40 bzw. 70 Jahre Planwirtschaft hinterlassen haben,
halten aber weiter an. Eine rasche Lösung im Sinne eines Übergangs zur
Marktwirtschaft wird aber nicht friktionsfrei ablaufen. Vielmehr ist zu
befürchten, daß der dabei zugrunde zu legende Zeithorizont bisher
viel zu optimistisch eingeschätzt wurde. Die Möglichkeiten der
Wirtschaftspolitik sind in solchen Situationen zunächst auf die Lösung
elementarer Probleme eingeengt, nämlich auf:
- die Sicherung der wirtschaftlichen Souveränität,
- die Bereitstellung der notwendigen rechtlichen und administrativen
Rahmenbedingungen,
- die Bewältigung der Versorgungsprobleme und Rekonstruktion der
Infrastruktur,
- entsprechende Ordnungsmaßnahmen auf dem Währungssektor und
- die Erneuerung des Produktionsapparates.
Probleme der “Übergangswirtschaft”
Zunächst stellt sich bei derartigen dramatischen Veränderungen
das Problem der Stabilisierung nach außen und innen d.h. zur politischen
Stabilisierung müssen zuerst die alten Machthaber entfernt werden, was aber
nicht bedeuten muß, daß alle politischen und wirtschaftlichen
Funktionäre des alten Systems aus ihrer Position entfernt werden
müssen. Man muß sogar, um chaotische Zustände zu vermeiden
“Minderbelastete” in den mittleren und unteren Ebenen zu
übernehmen, weil diese als einzige über das nötige
Managementwissen verfügen.
Um das Vertrauen der ausländischen Kreditgeber wiederherzustellen,
werden zumindest teilweise die Rechte der ehemaliger Eigentümer anerkannt,
deren Besitz damals einer zwangsweisen Enteignung zugeführt wurde.
Die Währungsfrage - ein Schlüssel zur Bewältigung des
Übergangs
Die Beibehaltung einer teilweisen Bewirtschaftung erscheint zumindest
für eine Übergangsperiode notwendig, sonst droht der Abfluß von
Waren ins Ausland und das Entstehen von Versorgungsengpässen im Inland. Die
Erhöhung der Produktion und Produktivität (selbst um den Preis einer
vorübergehenden Erhöhung der Arbeitslosigkeit) muß aber das Ziel
sein, gemeinsam mit realistischen Preisen, da sonst schwarze und graue
Märkte und geringe Ablieferungsdisziplin der Produzenten die Folge sein
werden. Der notwendige Subventionsabbau bei Lebensmitteln, Mieten, Energie etc.
muß aber durch Lohn- und andere Beihilfen zunächst abgefangen werden,
und diese Subventionen können wohl erst allmählich, mit dem
tatsächlichen Wirksamwerden der Marktmechanismen wieder abgebaut werden. In
der schwierigen Übergangssituation muß ein Sozialnetz für die
notwendige Umstrukturierung erst geknüpft werden. Vor einer Preisfreigabe
muß aber auch erst ein wirkungsvoller Konkurenzmechanismus geschaffen
sein. Zur Verbesserung der Wirtschaftsleistung erscheint vor allem der Aufbau
der Infrastruktur unverzichtbar, etwa die Erneuerung des minderwertigen
Telefonsystems, der Straßen und Eisenbahnen.
Im Geldwesen ist das Fernziel ohne Zweifel die Konvertibilität der
Währung, denn ohne solche kann man auch weder ausländische Investoren
anlocken noch zur Ausbildung eines Systems freier Finanzmärkte gelangen.
Die Schaffung einer vom Staat unabhängigen Zentralbank und von
eigenständigen Banken, also eines dualen Bankensystems, ist dazu nur ein
erster Schritt. Das Ziel der Entwicklung echter Finanzmärkte ist aber eher
als mittelfristige Zielvorgabe zu sehen und wird nach Ansicht etwa der
internationalen Finanzberatungsfirma Morgan Stanley in Osteuropa zwischen
fünf bis fünfzehn Jahren dauern.
Bisher wurde der Außenhandel in den
“Ostblockländern” weitgehend über die staatliche
Außenhandelsorganisation abgewickelt, die alle finanziellen Transaktionen
abwickelte. Dieses staatliche Außenhandelsmonopol schirmte die
inländischen Produktionsbetriebe von den internationalen Märkten ab.
Die Abkoppelung vom Weltmarkt führte aber zur Strukturkonservierung und
Unterkapitalisierung der Betriebe.
Der Zeitfaktor
In diesem Zusammenhang ist nach der Belastbarkeit und
Veränderungsbereitschaft der Betroffenen, die Frage, ob die
Bevölkerung bereit sein wird, jene erheblichen Belastungen und
Einschränkungen auf sich zu nehmen, die der Wegfall von subventionierten
“Preisen”, von Arbeitsplatzsicherheit, von mietergeschützten
Wohnungen, von landwirtschaftlichen Kooperativen mit Naturalvergünstigungen
und Urlaubsgarantie usw. mit sich bringen werde. Eine Diskrepanz entsteht nicht
zuletzt dadurch, daß durch die Macht der heutigen
grenzüberschreitenden Telekommunikation Erwartungshaltungen erzeugt werden,
die in absehbarer Zeit wohl nicht einzulösen sein werden. Die
Veränderungen wurden ja nicht zuletzt durch diese Tendenz der vernetzten
“Informationsgesellschaft”, des “global village”
erzwungen. Der Konsumbedarf wird aber noch lange nicht zu befriedigen sein, so
daß Wirtschaftsflüchtlinge auch weiterhin wohl nicht zu vermeiden
sein werden.
Ein wichtiger Faktor ist jedenfalls die Zeit. Auch hier wird es fünf
bis sieben Jahre dauern , bis die unmittelbare wirtschaftliche
Rekonstruktionsphase abgeschlossen war. Weit länger wird es jedenfalls dort
dauern, wo all diese Voraussetzungen nach Jahrzehnten eines totalitären
Kollektivismus
[Kol|lek|ti|vis|mus [...wÐß...] der; -: 1. Anschauung, die mit
Nachdruck den Vorrang des gesellschaftlichen Ganzen vor dem Individuum betont u.
letzterem jedes Eigenrecht abspricht. 2. kollektive Wirtschaftslenkung mit
Vergesellschaftung des
Privateigentums. [6]]
und Staatsmonopolismus nicht mehr vorhanden sind, so daß man sich
bewußt sein muß, daß die Sanierung - selbst wenn sie
erfolgreich verlaufen sollte, was aber durchaus nicht sicher ist - wohl erst
nach fünf bis zehn Jahren eine fühlbare Verbesserung der
wirtschaftlichen Gesamtlage bringen wird.
Die Rolle der Banken als Finanziers und Berater
Banken können heute ohne permanente, schöpferische Innovation vor
Ort (Financial Engineering) im Wettbewerb nicht mehr bestehen.
5 Fälle zur wirtschaftlichen Entwicklung von der Plan- zur
Marktwirtschaft:
- Einführung neuer, vorher unbekannter
Güter oder Produktionsqualitäten,
- Einführung neuer Produktionsmethoden,
- Erschließung neuer Absatzmärkte,
- Durchführung einer Neuorganisation,
- Eroberung neuer
Bezugsquellen.
Durch die Unbeständigkeit ist daher die unternehmerische
Lernfähigkeit der Banken herausgefordert. Probleme ergeben sich oft aus
der besonders hartnäckigen Umsetzung der strukturellen Reformen wie
Privatisierungen der Staatsbetriebe, Schaffung neuer Institutionen und
Rechtsnormen sowie Aufbau eines leistungsfähigen Finanzsektors. Dabei
zeigte sich, daß die zu reformierenden Wirtschaften nicht im erwarteten
Ausmaß auf die neuen Liberalisierungsanreize reagierten.
Hier muß es nun zu Taten oder zur Selbsthilfe kommen.
Planwirtschaftliche Strukturen müssen durch flexiblere marktwirtschaftliche
Mechanismen ersetzt werden. Die ersten Versuche mit marktwirtschaftlichen
Elementen in der Planwirtschaft haben gezeigt, daß ein langgestreckter
aber schmerzloser Systemübergang nicht möglich ist.
Der Aufbruch ist eine Herausforderung sowohl für die im Übergang
befindlichen Staaten als auch für die Banken. Auf beiden Seiten wird ein
Überdenken bisheriger Positionen notwendig.
Nach einer Studie des Conference Board, einer Forschungsstelle der
amerikanischen Industrie, brauchen die ehemaligen Ostblockländer noch bis
zu 20 Jahren, bis sie den Anschluß an den westlichen Lebensstandard
erreicht haben.
Man darf sich vor dem vom Conference Board prognostizierten jährlichen
Kapital- und Investitionsbedarf der ehemaligen Ostblockländer von rund 70
Milliarden Dollar nicht abschrecken lassen. Es muß aber auch erwähnt
werden, daß eine finanzielle Hilfe dieses Ausmaßes sicher nicht
selbstlos ist. Erhofft werden neue Märkte.
Der Internationale Währungsfond schätzte allein für 1991 den
anfallenden Außenfinanzierungsbedarf Ost- und Mitteleuropas auf rund 20
Milliarden Dollar. Davon wurden etwa 2 Drittel aus multilateralen Quellen
gespeist:
Dies sind nur einige Beispiele für die Finanzierung des
Ostens.
- Die Weltbank hat im Jahr 1991 den sechs Zentral-
und osteuropäischen Mitgliedsstaaten des Internationalen
Währungsfonds rund 5 Milliarden Dollar in Form von Beistandskrediten und
rund 2 Milliarden Dollar in Form von Energiekostenzuschüssen
beigesteuert.
- Die Europäische Investitionsbank wird den
derzeitigen Kreditrahmen von 14 Milliarden Schilling für die Finanzierung
von Entwicklungsvorhaben zur Verbesserung der Infrastruktur in Osteuropa
innerhalb der nächsten drei Jahre verdoppeln.
Bruttoverschuldung Osteuropas Im Juni 1991 (geschätzt)
|
Gesamt
|
168 Mrd. US-$
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UdSSR
|
65 Mrd. US-$
|
|
Polen
|
46 Mrd. US-$
|
|
Ungarn
|
20 Mrd. US-$
|
|
Bulgarien
|
11 Mrd. US-$
|
|
CSFR
|
9 Mrd. US-$
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Zitat Schumpeter:
[Schumpeter, Joseph Alois, *)Triesch (Südmähr. Gebiet) 8.2.
1883, †)Taconic (Conn.) 8.1. 1950, österr.- amerikan.
Nationalökonom. Prof. in Graz und Bonn, seit 1932 an der Harvard
University. S. entwickelte als einer der Wegbereiter der Ökonometrie in
seiner ›Theorie der wirtschaftl. Entwicklung‹ (1912) ein
geschlossenes Modell der kapitalist. Dynamik, das er zu einer umfassenden
sozialwiss. Interpretation wirtschaftl. Entwicklung
ausbaute. [7]]
“Der Bankier eröffnet dem Unternehmer den Zutritt zu den
Produktionsmitteln der Volkswirtschaft. Wie der Unternehmer König, so ist
der Bankier oberster Aufseher des Marktes.”
Auch westliche Banken, die systembedingt Gewinne erwirtschaften
müssen, sind somit herausgefordert, ihren Beitrag zur Umgestaltung der
Planwirtschaften einzubringen. In der Vergangenheit erfolgte ein nicht
unbeträchtlicher Teil der Auslandsfinanzierung der heutigen
Reformländer durch Bankkredite, meist in syndizierter (in einem Syndikat
zusammengefaßt) Form.
Seit dem Ausbruch der internationalen Verschuldungskrise ist sichtbar
geworden, daß diese Art der Finanzierung für Banken problematisch
ist. Sie ist losgelöst von konkreten Geschäftsfällen, und es gibt
keine Möglichkeit der Einflußnahme auf die Verwendung der Mittel.
Im Sinne einer Aufgabenteilung erwarten die Bankinstitute vor allem von den
westlichen Regierungen sowie den multilateralen Finanzierungsinstituten, die
externen Finanzierungsmittel für die sich reformierenden östlichen
Länder aufzubringen. Als bankkreditfähiges Geschäft wird daher im
wesentlichen das Projektfinanzierungsgeschäft angesehen, wobei die
Projektfinanzierung stark vom Engagement westlicher Industrieunternehmen
abhängt.
[1](c) Meyers
Lexikonverlag.
[2](c) Meyers
Lexikonverlag.
[4](c) Meyers
Lexikonverlag.
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