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Goethe, Johann Wolfgang von: Faust - Der Tragödie
Interpretation der Szene
“Kerker” aus Faust von Johann Wolfgang Goethe
geschrieben von Ralf Abramowitsch
Johann Wolfgang von Goethe war ein berühmter
deutscher Dichter, Kritiker und Naturforscher. Goethe ist die bis heute
bedeutendste Gestalt der deutschen Literatur, die nicht nur innerhalb ihrer
Epoche von großem Einfluß war und ihr den Namen gab (Goethezeit),
sondern darüber hinaus für folgende Generationen zum Inbegriff
deutscher Geistigkeit wurde. Mit der Tragödie Faust schuf Goethe das
zentrale Werk der nationalen Dichtung und ein Menschheitsdrama von zeitloser
Gültigkeit und weltliterarischem Rang.
Die von mir zu interpretierende Szene
“Kerker” steht am Ende des Dramas. Im Vorfeld zu dieser Szene steht
die große Liebe von Faust und Gretchen, welche durch die Verkupplung der
beiden durch Marthe und Mephisto entstanden ist.
Die Szene Kerker beschäftigt sich mit der
mißglückten Befreiung Gretchens.
Faust und Mephisto dringen in den Kerker ein. Faust
hält ein Bund Schlüssel und eine in seiner Hand und schließt die
Tür auf. Gretchen, die in ihrer geistigen Verwirrung Faust gar nicht
erkennt, warten im Grunde nur noch auf den Tod. Trotzdem wehrt sie sich gegen
den Tod: “Wer hat dir, Henker, diese Macht über mich gegeben ! [...]
Erbarme dich und laß mich leben ! [...] Bin ich doch noch so jung, so jung
! Und soll schon sterben ! ” (V4427-V4433). Hier wird sichtbar, daß
Gretchen derartig verwirrt ist, daß sie ihren Geliebten nicht mehr erkennt
und für einen Henker hält. Erst als Faust sie laut “Gretchen !
Gretchen !” (V4460) ruft, fängt sie an, ihn zu suchen: “Das war
des Freundes Stimme ! Wo ist er ? Ich hab’ ihn rufen hören.”
(V4461-4462). Als Gretchen ihren Faust letztendlich erkennt, umfaßt sie
ihn und verlangt ihn zu küssen. Das wird bei folgendem Zitat sichtbar:
“[...] und du mich küßest, als wolltest du mich ersticken.
Küsse mich ! Sonst küss’ ich dich !”. Gretchens Liebe zu
Faust ist wieder voll entbrannt. Aber als sie sagt “O weh! Deine Lippen
sind so kalt, sie sind stumm. Wo ist dein Lieben geblieben ?”
(V4490-4497), wird sie Faust gegenüber wieder mißtrauig. Während
Faust mit Gretchen aus dem Kerker fliehen will, erzählt diese aus der
Vergangenheit und klagt ihren Liebsten an: “Meine Mutter hab’ ich
umgebracht, mein Kind hab’ ich ertränkt. War es nicht dir und auch
mir geschenkt ? Dir auch. - Du bist’s ich glaub’ es kaum. [...] Ist
Blut dran. Ach Gott, was hast Du getan!” (V4503-4515). Mit den Worten
“War es nicht dir und auch mir geschenkte ? Dir auch - ...” macht
sie Faust für den Tod ihres Kindes mit verantwortlich. Sie interpretiert es
so, daß ihr Kind auch Faust gehörte und daß jeder gleichviel
Schuld an dem Tod hat.
Gretchen denkt schon weiter an den Tod. Sie möchte
so etwas wie ein Familiengrab errichten lassen. Von diesem Vorhaben erfährt
der Leser etwas in den Zeilen 4520-4535: “[...] Ich will dir die
Gräber beschreiben ! [...] Der Mutter den besten Platz geben, meinen Bruder
sogleich darneben, mich ein wenig bei Seit’, nur nicht gar zu
weit!”. Daran sieht man schon die Sterbeabsicht Gretchens. Sie möchte
nicht direkt neben der Familie liegen, weil sie sich wahrscheinlich auch so in
der Familie gesehen hat (Stellung in der Familie).
Faust drängt Gretchen immer mehr, den Kerker zu
verlassen, denn die Zeit für eine Flucht wird immer knapper. Doch Gretchen
weigert sich, mit ihm zu gehen. Sie hat dafür ein recht unsinniges
Argument: “Es ist so elend, betteln zu müssen, und noch dazu mit
bösem Gewissen!” (V4546-4547). Zum Ende der Szene hin beschreibt
Gretchen ihrem Faust nochmals, wo sie ihr Kind umgebracht hat. Sie hat also noch
Hoffnung, daß es lebt: “Geschwind ! Geschwind ! Rette dein armes
Kind ! Fort ! Immer den Weg am Bach hinauf, über der Steh in der Wald
hinein, links, wo die Planke steht, im Teich.” (V4551-4559). Als die Sonne
langsam aufgeht schwindet Fausts Hoffnung auf die Freiheit Gretchens und
Mephisto reißt förmlich Faust von ihr weg.
Der Anblick Mephistos reißt sie jedoch zu letzter
Klarheit empor: “Was steigt da aus dem Boden herauf ? [...] Was will der
an dem heiligen Ort ? Er will mich !” (V4601-4603). Sie befielt in reuiger
Gnade Gottes an. Es graut ihr selbst vor Faust. “Sie ist gerichtet”
ruft Mephisto. Doch aus der Höhe erklingt eine Stimme: “Ist
gerettet”. Mephisto reißt Faust in letzter Minute mit von
sich.
Als sprachliche Mittel setzt Goethe die Dreimaligkeit
ein. Ein gutes Beispiel zum Beleg zeigt sich in folgendem Zitat: “Fasse
mich nicht so gewaltsam an ! Schone mich ! Was hab’ ich dir
getan ? Laß mich nicht vergebens flehen, [...]” (V4437-4439).
Das Wort “mich” verwendet er 3 mal hintereinander. Diese
Dreimaligkeit bewirkt eine Steigerung der Dramatik in diesem Abschnitt. Ein
weiteres sprachliches Mittel ist die Wiederholung des Wortes
“Jammer” (V4406 und V4441). Man findest es unter anderem in
Wortverbindungen: “Jammerknechtschaft” (V4452). Ein anderes Beispiel
für derartige Wiederholungen findet man in den Versen 4479-4480: “O
weile ! Weil’ ich doch so gern, wo du
weilest.”. Auch hier benutzt Goethe die Wiederholung als Mittel um
diese Szene “Kerker” dramatischer zu gestalten und auch auf die
nahezu unendliche Liebe zwischen Faust und Gretchen hinzuweisen. Dies belegt
auch folgendes Zitat: “Wie ? Du kannst nicht mehr küssen ? [...], und
hast’s Küssen verlernt ? [...] Und du mich küßt, [...]
Küsse mich ! Sonst küss’ ich dich !” (V4484-4492). Hier
ist das Verlangen Gretchens nach Faust herauszulesen. Mit der ständigen
Wiederholung des Wortes “Komm” (z.B. V4506, V4503) wird der Eindruck
beim Leser erweckt, daß Faust in Eile ist und schnell weg
will.
Diese Szene läßt offene Fragen, so daß
der Leser auf den zweiten Teil gespannt sein darf. Meiner Meinung nach ist diese
Dramaturgie am Ende etwas zu stark übertrieben.
Wortzahl: 948
Seiten: 2
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