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Fermat, Pierre de (1601-1665)
...wir verstehen dieses besondere
Gefühl, das jeden Gelehrten er-
greift, der versucht, in das Geheim-
nis des Großen Fermatschen Satzes
einzudringen, weil er den tiefsten
Grundlagen der Arithmetik, jenen
erhabenen Gesetzen, die die Welt
der Zahlen regieren und auf wel-
chen sich unser gesamtes Wissen
über diese Welt gründet, gegenübersteht.
Pierre de Fermat (A. J. Chintschin)
Am Anfang des 17. Jahrhunderts hat Frankreich zwei Männer
hervorgebracht, die beide bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der
europäischen Mathematik erlangt haben, René Descartes und Pierre de
Fermat. In Charakter, Herkunft, Lebensverhältnissen, Beruf und
wissenschaftlichen Absichten waren sie nahezu extrem verschieden. Es erweist
sich jedoch, daß beide einen entscheidenden Anteil an der Begründung
einer mathematischen Disziplin gehabt haben, die wir heute als
“analytische Geometrie der Ebene” bezeichnen. Während Descartes
diese seine mathematischen Ambitionen als Probe auf die Vorzüglichkeit
seiner philosophischen Denkweise dargelegt hat und überhaupt seine
eigentlichen Interessen philosophischer Art waren, befaßte sich der Jurist
de Fermat außerhalb seiner Berufstätigkeit aus Neigung und Interesse,
sozusagen aus Liebhaberei, mit mathematischen Studien. Er wurde einer der
erfolgreichsten Mathematiker. Von ihm stammen grundlegende Entdeckungen nicht
nur zur analytischen Geometrie, sondern auch zur Infinitesimalrechnung,
Wahrscheinlichkeitsrechnung und Zahlentheorie.
Im Unterschied zu dem um fünf Jahre älteren Descartes hat Fermat
in der von militärischen, religiösen und politischen Unruhen
erschütterten ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein
äußerlich ruhiges Leben geführt, ohne besondere Höhepunkte
und bemerkenswerte Einschnitte. Geboren im August des Jahres 1601 in Beaumont de
Lomagne - einer Kleinstadt in der Gascogne, in der Nähe von Toulouse -
konnte Pierre de Fermat als Sohn eines begüterten Lederhändlers in
Toulouse die Rechtswissenschaften studieren, wurde Anwalt und bekleidete seit
1631 verschiedene Ämter am obersten Gerichtshof (parlement) zu
Toulouse.
Die Neigung zur Mathematik kann nicht aus seinem Studiengang direkt
abgeleitet werden, da damals höhere Mathematik noch nicht an den
Universitäten als Lehrfach aufgenommen worden war. Man hat Fermat vielmehr
jener um die damalige Zeit rasch zunehmenden Gruppe von Amateuren und Liebhabern
der sich außerhalb der Universitäten formierenden
Experimentalwissenschaften und Naturphilosophie zuzurechnen; diese
“Virtuosi”, wie sie sich nannten - Kaufleute, Ärzte,
Handwerker, Künstler, Beamte - leiteten die Erneuerung und Herausbildung
der modernen Naturwissenschaften ein.
Im Zusammenhang mit seinen zurückgezogenen Lebensgewohnheiten steht
auch die Tatsache, daß Fermat von seinen mathematischen Entdeckungen nur
den allergeringsten Teil selbst publizierte. Fermats ältester Sohn
Clément-Samuel hat aus dem Nachlaß seines Vaters noch vorhandene
Notizen, Fragmente und Zettel zusammengetragen und 1679 das damals Erreichbare
herausgegeben. Seitdem sind die Arbeiten von Pierre de Fermat systematisch
zusammengetragen worden.
Heute steht Fermat nicht nur als ein ideenreicher Erfinder, sondern auch
als fleißiger Autor auf mathematischem Gebiet vor uns. Freilich ist es
schwer, in vielen Fällen sogar ganz unmöglich, die zahlreichen
Abhandlungen du datieren. Ein Teil seiner Forschungsergebisse ist in einem
umfangreichen Briefwechsel mit Mathematikern seiner Zeit enhalten, da es damals
noch keine wissenschaftlichen Zeitschriften gab.
Der Name Fermat erlangte eine merkwürdige Berühmtheit durch die
bewegte Geschichte eines seiner Probleme, des sogenannten Großen
Fermatschen Satzes:
Es wird berichtet, daß Fermat ständig die Arithmetika des
Diophantos in der 1621 erschienenen, griechisch-lateinischen Ausgabe des Bachet
bei sich trug. Pierre de Fermat, der Begründer der neuzeitlichen
Zahlentheorie, schrieb etwa 1637 in sein Exemplar der Bachetschen Ausgabe der
Arithmetika des Diophantos bei der Aufgabe, eine Quadratzahl in die Summe zweier
Quadratzahlen zu zerlegen, folgende Bemerkung:
Eine Kubikzahl in zwei Kubikzahlen, eine vierte Potenz in zwei vierte
Potenzen und allgemein eine beliebige Potenz, die höher ist als ein Quadrat
in zwei Potenzen mit demselben Exponenten zu zerlegen ist unmöglich; ich
habe dafür einen wirklich wunderbaren Beweis entdeckt. Aber der Rand hier
ist zu klein, um ihn darauf aufzuschreiben.
Damit hat Fermat den späteren Mathematikergenerationen eine Nuß
hinterlassen, die sie bis heute nicht knacken konnten, der “wirklich
wunderbare” Beweis von Fermat konnte nämlich trotz intensiver
Bemühungen vieler Mathematiker nicht gefunden werden, so daß die
Behauptung Fermats noch immer offen ist.
Die Folgezeit sah eine Fülle von Anstengungen, diesen recht harmlos
klingenden Satz zu beweisen, zumal Fermat den Beweis schon besessen haben
wollte. Er trotzte aber sogar den Bemühungen solch genialer Mathematiker
wie L. Euler und C. F. Gauß. Der deutsche Mathematiker E. E. Kummer
vermochte den Satz auch nur für n = 3, 4, ..., 100 zu beweisen. Es ist bis
heute nicht gelungen, den Satz für alle n
≥ 3 zu beweisen; zwar für eine sehr
umfangreiche Klasse von Exponenten n, aber eben nicht für alle n.
1983 kam man der Lösung des Fermat-Problems einen entscheidenden
Schritt näher. Der deutsche Mathematiker Gerd Faltings bewies für eine
sehr umfassende Klasse ebener algebraischer Kurven, daß jede von ihnen
höchstens endlich viele Punkte mit rationalen Koordinaten enthalten
könne. Als Folgerung aus diesem Satz ergibt sich, daß Gleichungen der
Form xn + yn = zn, n
⊂ Ν, n
> 3, höchstens endlich viele ganzzahlige
teilerfremde Lösungen haben können, falls solche überhaupt
existieren.
Ursprünglich blieb der “Große Fermat”, das
heißt die Fermatsche Vermutung, Gegenstand der Bemühungen von
professionellen Mathematikern. Das änderte sich schlagartig, als im Jahre
1905 der Göttinger Professor P. Wolfskehl der Göttinger Gesellschaft
der Wissenschaften die beträchtliche Summe von 100 000 Mark als Preis
für denjenigen zur Verfügung stellte, der den Beweis des Satzes
gefunden hätte. Von nun an liefen Tausende von sogenannten Beweisen ein;
meist waren sich die Autoren der eigentlichen Schwierigkeit nicht bewußt.
Sie übersahen, weil das Problem so schnell zu verstehen ist, die
Tücken von zahlentheoretischen Untersuchungen. Es gab viel Ärger - bei
den Autoren, die sich schon im Besitz der Summe sahen, bei den Assistenten, die
jedesmal den jeweiligen Fehlschluß in mühevoller Arbeit nachzuweisen
hatten. Es soll an den großen mathematischen Instituten mehrerer deutscher
Hochschulen jeweils einen Assistenten gegeben haben, der speziell mit dem
“Abtöten” der vorgeblichen Fermat-Lösungen
beschäftigt war. Bis Anfang 1911 hatte man so 111 Beweise abgeschlachtet.
Viele Beweise waren so töricht, daß sich eine nähere
Untersuchung gar nicht lohnte. Es ist überhaupt fraglich, ob Wolfskehl mit
seiner Stiftung der Mathematik einen Dienst erwiesen hat. Viel geistige Arbeit
ist auf diese Weise nutzlos vertan worden, die in anderen Richtungen
nutzbringender hätte verwendet werden können.
Man kann annehmen, daß der große Fermatsche Satz richtig ist;
aber man darf auch annehmen, daß Fermat selbst einer Täuschung
erlegen ist, als er glaubte, dafür einen “wunderbaren Beweis”
gefunden zu haben. Fermat hat sich, bei seinen zahlreichen kühnen
Vorstößen in mathematisches Neuland, auch sonst gelegentlich
geirrt.
Soll man die Gleichung xn + yn = zn, wobei
n die Zahlen 1, 2, 3 ... durchläuft, in ganzzahligen x, y und z
auflösen, so ist diese Gleichung für n = 1 trivial lösbar.
Für n = 2 erhält man die ganzzahligen Seitenlängen rechtwinkliger
Dreiecke (Pythagoreische Zahlentripel).
x² + y² = z²
Es gibt unendlich viele solcher Zahlen, die diese Gleichung erfüllen,
und man kann sie alle durch ein einfaches Verfahren finden. Sind nämlich a
und b zwei beliebige ungerade Zahlen ohne gemeinsamen Teiler und setzten
wir:
x = ½ (a² - b²); y = a * b; z = ½ (a² +
b²),
so sind x, y, z immer Pythagoreische Zahlen.
|
a
|
b
|
x
|
y
|
z
|
x² +
|
y² =
|
z²
|
|
3
|
1
|
4
|
3
|
5
|
16 +
|
9 =
|
25
|
|
5
|
1
|
12
|
5
|
13
|
144 +
|
25 =
|
169
|
|
5
|
3
|
8
|
15
|
17
|
64 +
|
225 =
|
289
|
|
7
|
1
|
24
|
7
|
25
|
576 +
|
49 =
|
625
|
|
7
|
3
|
20
|
21
|
29
|
400 +
|
441 =
|
841
|
|
7
|
5
|
12
|
35
|
37
|
144 +
|
1225 =
|
1369
|
Die nächste Frage, welche sich die Zahlentheoretiker vorlegten, war
nun die: Gibt es auch drei Zahlen x, y, z von der Art, daß
x³ + y³ = z³,
d. h. gibt es zwei dritte Potenzen, deren Summe wieder eine dritte Potenz
ist? Fermat behauptet, daß es keine ganze Zahl der Form z³ gibt, die
man als Summe x³ + y³ schreiben kann, und daß es keine Zahl der
Form z4 gibt, die man als Summe x4 + y4
schreiben kann. Diese beiden Aussagen hat Fermat an anderer Stelle
bewiesen.
Die Behauptung am Rand der Diophant-Ausgabe geht weiter: Es soll für
ein beliebiges n keine Zerlegung einer Zahl der Form zn in die Summe
xn + yn geben. Für diese Aussage gibt es bis heute
noch keinen Beweis.
Fermat selbst hat die Unmöglichkeit von x4 + y4
= z4 demonstriert, und zwar mit seiner Methode der
“unbegrenzten Abnahme” (descente infinie), die auf der
ständigen Verkleinerung der für die Behauptung maßgebenden
Größen beruht.
Die Gleichung a) xn + yn = zn hat
für natürliche n größer als 2 keine Lösung in
positiven ganzen Zahlen x, y, z.
Wir führen den Beweis indirekt. Wir nehemen an, es existiert ein n
> 2, so daß die Gleichung a) eine Lösung (x0,
y0, z0) in positiven ganzen Zahlen besitzt. Dafür
gilt x0, y0 < z0.
Keiner wird den Satz des Pythagoras anzweifeln, für den Hunderte von
Beweisen gefunden wurden. Er läßt sich in folgender Form
schreiben:
- x² + y² = z²,
wobei x, y, z die Längen
der Katheten bzw. der Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks sind. Die
Gleichungen a) und b) können wir wie folgt umformen:
- (x/z)n + (y/z)n = 1, d) (x/z)² + (y/z)² =
1
Die rechten Seiten dieser beiden Gleichungen sind gleich, also
gilt
- (x/z)n + (y/z)n = (x/z)² +
(y/z)²
Die Gleichung e) hat aber nur für n = 2
Lösungen (x0, y0, z0) mit x0,
y0 < z0. Also sind wir ausgehend davon, daß der
Große Fermatsche Satz falsch ist, zu einem Widerspruch gelangt, was
bedeutet, daß das Gegenteil unserer Annahme wahr ist, daß
heißt, der Große Fermatsche Satz ist wahr.
Der Widerspruch in der Gleichung e) hängt nicht davon ab, ob der
Große Fermatsche Satz richtig ist oder nicht. Zunächst haben wir beim
Übergang von den Gleichungen c), d) zur Gleichung e) die in den Gleichungen
c), d) auftredende Variablen ungerechtfertigterweise gleichgesetzt. Vor allem
aber besagt unser Unlösbarkeitsresultat für Gleichung e) und n > 2
nur, daß kein pythagoräisches Zahlentripel Gleichung a) für ein
n > 2 erfüllt.
Erst mit modernsten mathematischen Theorien, für die Fermats
Behauptung nur einen Spezialfall allgemeinerer Probleme darstellt, gelang 1993
die angebliche Lösung dieses Rätsels.
Quellen:
- Gerhard Kropp: “Geschichte der
Mathematik”
- Kaiser - Nöbauer: “Geschichte der
Mathematik”
- A. G. Konforowitsch: “Logischen
Katastrophen auf der Spur”
- Wußing und Arnold: “Biographien
bedeutender Mathematiker”
- Erich Schneider: “Von der Null zur
Unendlichkeit”
- Walter Popp: “Wege des exakten
Denkens”
- Walter Kranzer: “So interessant ist
Mathematik”
- Neunzert/Rosenberger: “Schlüssel zur
Mathematik”
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