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Machiavelli, Niccolò: Der Fürst
Niccolò Machiavelli - Der
Fürst
Christian Ilaender
9. September 1996
Freie Literatur
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enthalten.
Vorwort:
Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine Zusammenfassung von
Machiavellis Der Fürst. Ich, ein zwanzig jähriger Abiturient,
der gerade seinen Zivildienst ableistet, habe Machiavellis Text mit eigenen
Worten verkürzt, aber (hoffentlich) sinngemäß,
wiedergegeben. Danken möchte ich meinem Bruder Stephan und Melanie
Siegmann, die mir beim Verfassen und Abtippen des Textes geholfen haben. Mein
Ziel ist es, dem geneigten Leser den oft zu unrecht verteufelten Machiavelli
näherzubringen und ihn als Mann seiner Zeit (Renaissance) darzustellen.
Vorbemerkungen:
Niccolò Machiavelli: Geboren am 3.5.1469 in Florenz als Sohn
eines Rechtsgelehrten. Beamtenlaufbahn im Dienst der Stadtrepublik Florenz.
Dieses befreite sich 1494 vorläufig von der Herrschaft der Medici.
1497 wird Machiavelli in den Rat der Zehn gewählt, welcher dem
Rat der Signorie, dem höchsten Organ, untergeordnet war. Später
übernahm er dessen Vorsitz. Machiavellis Position führte viele
Auslandsreisen im Namen Florenz mit sich, z.B. an den Hof der römischen
Kurie, nach Frankreich zu Ludwig dem XII., zu Kaiser Maximilian (Haus Habsburg)
oder zu italienischen Kleinfürsten wie Cesare Borgia. Nach 14 Jahren
Tätigkeit im Dienste seiner Heimatstadt kehrten die Medici nach Florenz
zurück. Sie warfen Machiavelli unter dem Vorwurf der Verschwörung ins
Gefängnis und ließen ihn foltern. Schließlich stellte sich
seine Unschuld heraus.
1513 wurde Machiavelli auf sein Landgut verbannt und begann im selben Jahr
mit der Niederschrift von DER FüRST. Obwohl die Medici 1527 erneut aus
Florenz vertrieben wurden, wurde er (da er der Kollaboration mit den Medici
verdächtigt wurde) nicht wieder in den Staatsdienst aufgenommen. Er
verstarb im selben Jahr. Außerdem entstanden in der Zeit von 1513 bis zu
seinem Tode am 22.6.1527 noch mehrere andere Werke: ABHANDLUNG ODER
GESPRäCH üBER UNSERE SPRACHE, welche zum Ziel hatte, die toskanische
Sprache als italienische Nationalsprache zu etablieren. ABHANDLUNG üBER
DIE ERSTEN 10 BüCHER DES TITUS LIVIUS, ein staatstheoretisches Werk mit
Ähnlichkeiten und Unterschieden zu DER FüRST. MANDRAGOLA, eine
bissige Komödie. L`ARTE DELLA GUERRA (DIE KRIEGSKUNST) Und im Auftrag
von Giulio de Medici (des späteren Papsts Clemens VII.) DIE GESCHICHTE VON
FLORENZ.
Das Erscheinungsdatum von IL PRINCIPE (DER FüRST) ist 1532. Verfasst
wurde der Text 1513.
Machiavellis DER FüRST ist im Laufe der Geschichte immer wieder,
bewußt oder unbewußt, falsch interpretiert worden. Die abartigen
Interpretationen von Machiavellis Werk lassen sich vergleichen mit der
Pervertierung von Darwins Theorien. Zum Beispiel benutzten die Nazis eben diese
beiden, um einen faschistischen Obrigkeitsstaat zu legitimieren.
Machiavellis Werk aber muß streng in seinem geschichtlichen Kontext
gesehen werden. Er verfasste es im angehenden 16. Jahrhundert in Italien. Dieses
war zerrissen in Kleinstaaten, Teilstaaten, Zwergkönigreiche,
Fürstentümer und den Vatikanstaat. Verschiedene größere
Staatsgebilde und mächtige Monarchen, wie der französische König
Ludwig der XII. und der spanische König Ferdinand von Aragonien, versuchten
in Italien einzufallen. Sie wollten sich Gebiete auf Kosten der ansässigen
verfeindeten Geschlechter einverleiben. Machiavelli ist vordergründig von
dem Nationalstaatsgedanken überzeugt.
Überschrift Kapitel 26: Aufruf zur Befreiung Italiens von den Barbaren
Dies war für seine Zeit geradezu visionär und
revolutionär. Machiavelli wünschte sich nichts sehnlicher als einen
italienischen Nationalstaat, der groß und mächtig genug war mit den
anderen Großmächten, wie Frankreich, England, Spanien und der
Habsburger Monarchie konkurieren zu können. Wie weit Machiavellis
Gedankengut seiner Zeit voraus war, zeigt sich darin, daß sein Traum eines
italienischen Nationalstaates erst in den Jahren von 1861-1870 durch Guiseppe
Garibaldi verwirklicht wurde. Wären Machiavellis Ideen verwirklicht worden,
hätte Italien sicherlich schon vor dieser Zeit eine bedeutendere Rolle
spielen können.
Die Abhandlung DER FüRST war speziell an das zu der Zeit in Florenz
regierende Geschlecht der Medici gerichtet. Dieses wurde zwar 1527 zum
wiederholten male aus Florenz vertrieben, schwang sich aber ab 1551 zu
Herzögen (bzw. ab 1569 Großherzögen) der Toskana auf. Dieses
machtvolle Geschlecht stellte unter anderem 3 Päpste und 2 Königinnen
von Frankreich (Katharina, welche die Bartholomäusnacht verursachte, und
Maria) 1737 erlosch das Haus der Medici. Machiavelli gestand diesem Geschlecht
die Chance zur Verwirklichung eines italienischen Nationalstaates zu.
,,So verharrt Italien immer noch in Todesstarre und Erwartung, bis der kommt,
der es von seinen Schlägen heile, (...)´´
,,Seht auch, wie es durchaus bereit und geneigt ist, einem Banner zu folgen,
wofern es nur Einer begriffe. Es gibt aber gegenwärtig niemanden, auf den
es mehr Hoffnung setzen könnte als auf euer berühmtes Geschlecht,
(...), es könnte die Führung der Befreiung übernehmen´´
Machiavelli drückt sich sehr nüchtern und
unbeteiligt aus. Er verlangt vom Fürsten Handlungsweisen, die in unserer
Zeit als unmenschlich und realitätsfern erscheinen. Man muß seine
Ausdrucksweise aber unbedingt im Kontext seiner Zeit sehen. DER FüRST ist
gedacht als eine Anleitung oder Gebrauchsanweisung zur Lebenserhaltung von
Fürstenhäusern und Staatsgebilden. Warum also bedient sich Machiavelli
einer trockenen, manchmal brutal anmutenden Ausdrucksweise?
Fürst wurde man in der Regel nicht aufgrund seiner Qualifikation, oder
durch Wahl, so wie es uns heute selbstverständlich ist, sondern durch
Geburt oder durch Gewalt. Hierfür nur das Beispiel der Medici, die aufgrund
ihrer finanziellen und territoriellen Macht in Italien 3 Päpste stellen
konnten, welche sich sicherlich nicht durch besondere Frömmigkeit für
dieses heilige Amt auszeichneten. Allein ihre Herkunft machte sie zu
Päpsten. Daraus muß man folgern, daß einem großen Teil
aller Fürsten (weltlicher wie kirchlicher) wohl kaum alle nötigen
Fähigkeiten, wie Charisma oder Führungsqualitäten, zur Erhaltung
eines Fürstentums in die Wiege gelegt wurden. Darum konnten sich schlechte,
unintelligente und brutale Fürsten, die wie auch immer zu ihrer Würde
gekommen waren, nur durch Lügen, Betrügen, Verraten und Bestechen
halten. Wenn also ein großer Teil der Fürsten anders nicht
überlebensfähig waren, so mußten auch alle guten und
fähigen Fürsten diese Mittel anwenden können, um zu
überleben. Man lebte in einer Welt, in der ein jeder Fürst
eifersüchtig danach trachtete sich selbst zu erhalten und sich nach
Möglichkeit an Macht, Land und Leuten zu vergrößern. Unter den
Fürstentümern und Monarchien herrschte das Prinzip von fressen und
gefressen werden. Auch die niedrigeren Leute waren nach unseren heutigen
Maßstäben nicht viel besser; da sie von den Großen extrem
ausgenutzt wurden, suchten sie ihrerseits nach jeder sich bietenden Gelegenheit
um die Großen auszunutzen oder sie zu Fall zu bringen. Deshalb kommt
Machiavelli zu für uns heute eigenartigen Feststellungen, wie
,,Denn von den Menschen kann man im allgemeinen das sagen: Sie sind undankbar,
wankelmütig, heuchlerisch, scheuen die Gefahr und sind gewinnsüchtig;
(...)´´, Kap.17 Machiavelli beschreibt
tatsächlich nichts weiter, als die Zustände der Menschheit seiner Zeit
und speziell seines Landes. Machiavelli ist nun aber nicht nur unbeteiligter
Beobachter ohne moralische Bedenken. Er erscheint vielmehr als ein
desillusionierter Idealist, der zwar alle guten Eigenschaften begrüßt
und für wünschenswert hält, sie aber dem Überleben in seiner
Welt unterordnet.
,,(...) [ich] behaupte, daß es gut ist für freigebig zu gelten. Aber
die Freigebigkeit, die du übst und die nicht anerkannt ist, ist dir
schädlich.´´, Kap.16
,,So hat er mit seiner Freigebigkeit sehr viele beleidigt und nur wenige
beglückt [wenn er durch seine Freigebigkeit höhere Steuern verlangen
muß]; (...)´´, Kap.16
,,(...), das jeder Fürst danach streben muß, für mitleidig und
nicht für grausam zu gelten; (...)´´, Kap.17
,,Daher kommt die Streitfrage, ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu
werden oder umgekehrt. Ich antworte: Man sollte beides sein.´´, Kap.17
Es läßt sich viel Zynismus in seiner Niederschrift
erkennen, vor allem, wenn er von Cesare Borgia spricht, einem
rücksichtslosen und machthungrigen Fürsten und Ursupator, der aber
andererseits die Ansprüche seiner Zeit erfüllte und sehr erfolgreich
war. Machiavellis Visionen (und dies sollten sie für Jahrhunderte bleiben)
erfassen allerdings noch weitaus größere Dimensionen. Machiavelli
toleriert zwar Grausamkeiten bei der Erschaffung und Sicherung eines neuen
Staatsgebildes (wobei er immer die Vorstellung eines italienischen
Nationalstaates vor Augen hat), lehnt sie jedoch bei erfolgter Stabilisierung
ab.
,,Die Mühen, die sie bei der Eroberung der Herrschaft haben, kommen zum
Teil von der neuen Ordnung und den neuen Formen, die sie zur Begründung
ihres Staates und zu ihrer Sicherheit einführen müssen.´´,
Kap.6
,,Cesare Borgia galt als grausam; trotzdem hatte diese Grausamkeit die Romagna
wiederhergestellt, geeint und wieder zu Frieden und treuer Ergebenheit
gebracht.´´, Kap.17 Der nüchterne Tonfall, in
dem er den Fürsten davon abrät verhaßt zu werden, ist
nicht als eine weitere Form einer durchtriebenen Listigkeit eines
rücksichtslosen, machtverherlichenden Staatstheoretikers zu werten, sondern
als dringlich vorgebrachte Aufforderung eines Bürgerlichen an die
Feudalherren/Fürsten (in Machiavellis Falle die Medici). Machiavelli bringt
seine Thesen in angemessener Formulierung (vorsichtig und zurückhaltend)
den Fürsten (die, wie es seiner Zeit entsprach, um so viel höher
standen als er selbst) näher. Sei sollten nach der Konsolidierung gerecht,
ehrenhaft, rücksichtsvoll und maßvoll regieren. Somit erklärt
sich Machiavellis emotionsloser, einem unaufgeklärten Leser kalt und
grausam erscheinender Schreibstil. DER FüRST sollte nicht als Provokation
aufgefaßt werden.
Zwar liest sich der Text wie die Betriebsanleitung eines Videorecorders,
dennoch bringt Machiavelli oft seine staatsbürgerlich geprägten
Tendenzen ein. Er versucht diese unauffällig zu verpacken, dennoch
läßt er manchmal seinen Zynismus durchblicken. Besonders
beißend allerdings läßt er seinem Spott für Kirchenstaaten
freien Lauf, bei denen er ebenso die fehlende Legitimation und Kompetenz zur
Fürstengewalt vermißt, wie auch den Willen des Volkes sich von dieser
Mißwirtschaft frei zu machen. Er kritisiert des Volkes Dummheit, welches
aufgrund von Glauben und Tradition die Kirche weiter verehrt und die Patriarchen
im Amt läßt.
,,Nur sie [die Kirchenfürsten] sind Alleinherrscher im Staat und
verteidigen ihn nicht; sie haben Untertanen und regieren sie nicht; und obwohl
ihre Staaten ungeschützt sind, werden sie ihnen nicht genommen; und obwohl
ihre Untertanen nicht regiert werden, kümmern sich diese nicht darum und
denken nicht daran, sich ihnen zu entziehen; (...)´´, Kap.11
,,(...); denn da diese Fürstentümer von Gott errichtet und erhalten
werden, würde es ein Zeichen von Anmaßung und Vermessenheit sein,
darüber zu räsonieren.´´, Kap.11 Insgesamt
läßt sich das obengenannte in der Kommentierung des konservativen
preußischen Geschichtsschreibers Leopold von Runke (19. Jht)
zusammenfassen:
,,Machiavelli suchte die Heilung Italiens, doch der Zustand desselben schien ihm
so verzweifelt, daß er kühn genug war, ihm Gift zu
verschreiben.´´ Machiavelli beweist seine
herausragende staatstheoretische Vorsehungskraft aber noch an andere Stelle.
,,Ferner muß ein Fürst immer der Tüchtigkeit zugetan sein und
die Hervorragenden jedes Faches belohnen. (...) [ohne das sich] nicht der Eine
davor scheut, seine Besitzungen zu erweitern, aus Angst, sie könnten ihm
weggenommen werden, und der andere, einen Handel aufzumachen, aus Furcht vor den
Steuern; sondern er muß Auszeichnungen für die bereitstellen, die so
etwas tun wollen und auf irgendeine Weise seine Stadt und den Staat
bereichern.´´, Kap.21 Im weiteren Sinne könnte
man Machiavelli laut des Zitates als Vordenker der freien Marktwirtschaft
bezeichnen. Diese wurde zwei Jahrhunderte später von Adam Smith (1790)
entwickelt. Diese geht vom Prinzip des freien Wettbewerbs aus, frei von
staatlicher Lenkung. Der Staat übernimmt die Rolle eines Beobachters und
Bewachers (Nachtwächterstaat). Adam Smiths Theorien bestimmten die
wirtschaftpolitische Gestaltung aller Industrienationen des 19. Jahrhunderts und
bestimmen noch heute in wirtschaftpolitischen Konzeptionen konservativer
Parteien (CDU, Republicans/USA, Conservatives/GB). Seine Ideen finden
nämlich auch noch ihren Platz in der stark modifizierten sozialen
Marktwirtschaft (nach Müller-Armack, Freiburger Schule), für die
die CDU und vernünftige Teile der SPD sich entgegen der sozialistischen
Planwirtschaft entschieden. Ein Teil dieser Theorien finden sich auch in
Machiavellis Der Fürst wieder, wenn auch der zweite zentrale
Grundgedanke Adam Smiths fehlt: Das individuell egoistische Interesse des
Einzelnen vom naturrechtlichen Blickpunkt, in welchem das Individuum durch
Vermehrung seines eigenen Wohlstandes zum Wohle aller beiträgt. Machiavelli
kann sich aber, getreu seinem Zeitalter, nichts anderes als eine Monarchie,
verbunden mit einer Feudalherrschaft oder ähnlichen Oligarchien vorstellen
(anders als ein Adam Smith, der einen starken 3. Stand gewohnt war). Laut
Machiavelli sollen Monarch und Bürgertum stark miteinander verkettet sein.
Der Bürger hat sich bedingungslos in die Dienste des Staates stellen,
ebenso wie der Fürst, sollten sich die Bürger verdient machen, die
Dienste des Volkes belohnen soll.
,,Daher muß ein kluger Fürst eine Form ausfindig machen, bei der
seine Bürger immer und in jeder Lage den Staat nötig haben; und sie
werden ihm dann immer treu und ergeben sein´´, Kap.9
,,(...); sondern er muß Auszeichnungen für die [Bürger]
bereitstellen, die so etwas tun wollen und auf irgendeine Weise seine Stadt und
den Staat bereichern.´´, Kap.21 (siehe vorhergehende Zitierung der
selben Stelle) Ist der Fürst intelligent, gutartig und
charismatisch (wovon Machiavelli offenbar nicht viele kannte), so fällt ihm
dies leicht. Ist ein Fürst dies aber nicht, so muß der Fürst
auch zu den schlimmen Mitteln greifen, die Machiavelli beschreibt, um das Wohl
des Staates und der Bürger zu erreichen. Im Gegensatz zu seinem Titel
beweist sein Werk Machiavellis Vorliebe für das Bürgertum. Machiavelli
ist zwar der Meinung, daß nur eine Fürst es schaffen kann, einem
Staat zu Ruhe, Ordnung, Sicherheit und angemessener Gesetzgebung verhelfen kann,
dennoch ist der 3. Stand am wichtigsten. Alle seine Ratschläge, die
vordergründig dem Wohle des Fürsten dienen, dienen ebenso, oder vor
allem dem Wohle des Bürgertums. Zustände wie oben beschrieben, oder
der freien wirtschaftlichen Individualität sollten allerdings erst zwei bis
drei Jahrhunderte später zu den Forderungen des aufstrebenden
Bürgertums werden. Machiavelli sah vielleicht voraus, daß das
Bürgertum die Feudalherren irgendwann ablösen würde. Zumindest
möchte er die Gleichstellung des Bürgertums gegenüber den
Fürsten erreichen. Er versucht seine Tendenz zum Bürgertum nicht allzu
offensichtlich darzustellen, läßt sich aber trotzdem ab und zu zu
deutlichen Kommentaren hinreißen.
,,(...) denn das Ziel des Volkes ist viel sittlicher als das der Großen:
diese wollen unterdrücken und jenes nur nicht unterdrückt
werden.´´, Kap.9 Er wünschte sich ebenso eine
wirtschaftliche wie auch kulturelle Entfaltung des 3. Standes.
,,Ferner muß ein Fürst immer der Tüchtigkeit zugetan sein und
die Hervorragenden jedes Faches belohnen. Er soll seine Bürger
anregen, ruhig ihrer Beschäftigung im Handel, in der Landwirtschaft und
jedem anderen Gewerbe nachzugehen, (...)´´, Kap.21
Machiavelli zeigt sich außerdem in ganz entschiedenem
Maße geprägt von den geistigen und kulturellen Einflüssen seiner
Zeit. Er ist ein typischer Intelektueller der Renaissance (von rinascimento =
Wiedergeburt), einer geistigen Kulturrevolution des 15. und 16. Jahrhunderts. In
ihr wurde, ausgehend von Italien, die Wiederbelebung der Antike betrieben, was
eine geistige Umformung des Welt- und Menschenbildes mit sich brachte.
Machiavellis starke Beeinflussung durch diese Bewegung, obwohl sie eher noch an
ihrem Beginn stand, zeigt sich allein an der Tatsache, daß er oft
Handlungen und Lebensweise antiker Persönlichkeiten wie Schriftstellern,
Kriegern und Herrschern beschreibt und zitiert. Die Renaissance förderte
auch den menschlichen Drang nach wissentschaftlichen Entdeckungen und sonstig
gearteten neuen Erkenntnissen, entgegen dem Geiste des Mittelalters, in welchem
man technischen, politischen und geistig/theologischen Fortschritt mit vielen
Maßnahmen entgegenwirkte. Stark beeinflußt von der Renaissance zeigt
sich auch ein Shakespeare (1564, 1616) in dessen klassischen Dramen es oft um
die Auflehnung des einzelnen gegen das kulturelle Erbe des Mittelalters geht.
Oft nehmen die Hauptrollen seiner Dramen (z.B. MACBETH ihr Schicksal in die
eigenen Hände (Renaissance) und verstoßen somit gegen die
göttliche Ordnung (mittelalterliches Weltbild). Meistens werden sie ihrehr
gerechten Bestrafung zugeführt. Daraus ergibt sich aber genau das
Gedankengut, welches die Renaissance-Bewegung fördern wollte: die
Eigenbestimmung des Individuums, die Auflehnung gegen vorherbestimmte
Schicksale, das Lenken der eigenen Geschicke, In-Die-Hand-Nahme des eigenen
Schicksals. Eine göttliche Ordnung, in welcher sich jedes Lebewesen in die
ihm zugewiesene Stellung oder Position zu fügen habe, wurde nicht mehr
anerkannt. Mit einer Vielzahl von Kommentaren zeichnet sich Machiavelli als
Vereinnahmter und Vorantreiber der Renaissance aus, z.B. in Kapitel 25, in
welchem er beschreibt wie man Fortuna (oder der göttlichen
Vorsehung/ Schicksal) entgegenwirken kann, oder in seinem 26. Kapitel, welches
einen feurigen Apell an die Medici enthält, Italien von den Fremdherren zu
befreien und zu vereinigen.
,,Daher beugten die Römer immer vor, weil sie Ereignisse voraussahen,
(...). (...) Ihnen mißfiel jenes Wort, daß jeder sagt und das die
weisen Leute unserer Tage im Munde Führen: ´Kommt Zeit,kommt
Rat`;(...)´´, Kap. 3
,,Ich meine daher, daß es besser sei, stürmisch als vorsichtig zu
sein; denn Fortuna ist ein Weib, und wenn man sie unterwerfen will, muß
man mit ihr streiten und kämpfen. Man weiß, daß sie sich eher
von Stürmischen besiegen läßt als von jenen, die kalt
erägend vorgehen.´´, Kap. 25
,,Seht, wie es Gott bittet, daß er doch jemanden sende, der es von der
Grausamkeit und der Qual der Barbaren befreie. Seht auch, wie es durchaus bereit
und geneigt ist, einem Banner zu folgen, wofern es nur einer
ergriffe.´´, Kap. 26
Kapitel
1: Wieviel Herrschaftsformen es gibt und wie man eine Herrschaft
erwirbt
- Herrschaftsformen sind Republiken oder
Fürstentümer. Fürstenherrschaften sind entweder erblich oder neu
erworben. Die Letzteren sind entweder völlig neu oder beruhen auf
Eroberung. Man erobert sie entweder durch eigene oder fremde Waffen, entweder
durch Glück oder Tüchtigkeit.
Kapitel
2: Von den erblichen Herrschaften
- Erbliche Staaten, die schon lange an das
Herrschergeschlecht gewöhnt sind, sind leichter zu regieren als
Neugegründete. Ein Erbfürst kann seinen Staat nach Verlust beim ersten
Fehler des Eroberers zurückerobern. Denn der Erbfürst hat weniger
Notwendigkeit Grausamkeiten zu begehen. Macht er sich nicht durch
ungewöhnliche Missetaten verhaßt, so wird er naturgemäß
gern akzeptiert. Das Alter und die Tradition seiner Herrschaft ersticken das
Verlangen nach Erneuerung.
,,(...); denn eine Veränderung gibt immer Anlaß zu
weiteren.´´
Kapitel
3: Von den vermischten Fürstenherrschaften
- Kolonien (Schlüsselpositionen): Ureinwohner,
die für Kolonien enteignet wurden, müssen arm und hilflos bleiben.
Nicht enteignete Bürger werden fügsamer aus Angst vor Enteignung.
,,Menschen sind entweder liebenswürdig zu behandeln, oder unschädlich
zu machen.´´ Des weiteren sind Kolonien billiger als
Besetzung.
- Für den Erhalt einer neuen Provinz muß
man Oberhaupt und Verteidiger der umliegenden Provinzen sein. Gegner im Inneren
des eroberten Gebietes rufen nämlich grundsätzlich Gegner von
Außerhalb ins Land. Die vormals Mächtigen müssen
mittelmäßig klein gehalten werden. Als Beispiel: Die Römer
erschufen Kolonien, verpflichteten die weniger Starken, ohne deren Macht zu
mehren, hielten die Mächtigen klein und ließen fremde Herren keinen
Einfluß gewinnen.
- Grundsatz: Was man weit voraussieht,
läßt sich leichter vermeiden.
,,[Die Krankheit] ist im Anfangsstadium leicht zu heilen und schwer zu erkennen,
(...), dann ist es [später] leicht sie zu sehen und schwer sie zu
heilen.´´ Als Beispiel: Die Römer nahmen
Ereignisse vorweg und ließen es nicht darauf ankommen, Probleme entstehen
zu lassen, um einen Krieg zu vermeiden. Dieser würde nur zugunsten des
Gegners aufgeschoben werden. Der Fürst sollte nicht nach der Maxime leben:
Kommt Zeit, kommt Rat.
,,(...) Die Zeit jagt alles vor sich her und kann Gutes und Schlechtes mit sich
führen.´´
,,Eroberungslust ist durchaus der Menschennatur entsprechend (...).´´
Die sechs Fehler Ludwigs XII. in Italien:
- Vernichtung der minder Starken
- vermehrte die Macht der ohnehin Starken (Kirche/Papst)
- stattete einem weiteren Landesfremden mit Macht aus (König vom
Spanien)
- er schlug seine Residenz nicht in Italien auf
- er errichtete keine Kolonien
- er enteignete die Venetianer.
,,Wer die Ursache dazu ist, daß ein anderer mächtig wird, der
gräbt sich selbst das Grab.´´
Kapitel
4: Warum das von Alexander eroberte Reich des Darius nach seinem Tode von seinen
Nachfolgern nicht abgefallen ist
a)
Ein Fürstenstaat mit absolutem Monarchen ist schwer zu erobern, weil
sie staatsbürgerliche Loyalität sich auf einen Mann konzentriert. Bei
einer erfolgreichen Eroberung muß man allerdings nur das
Herrschergeschlecht vernichten, um die Eroberung zu sichern. Als Beispiel:
Herrschaftsstruktur des Osmanischen Reiches.
b)
In Fürstenstaaten mit Teilfürstentümern bestehen getrennte
Loyalitäten (Monarch/Regionalfürst). Man kann leicht in diesen
Fürstenstaat eindringen (unzufriedener Regionalfürst), allerdings
Schwierigkeiten bei der Niederhaltung der verschiedenen Regionalfürsten,
auch nach der Vernichtung des Herrschergeschlechtes. Als Beispiel: Frankreich
(König/Adel)
Kapitel 5: Auf welche Weise man die Städte oder
Fürstentümer regieren muß, die vor ihrer Eroberung nach eigenem
Gesetz lebten
- Regionen, die gewohnt waren in Freiheit und nach
eigenen Gesetzen zu leben erhält man am besten, indem man ausgesuchte
einheimische Bürger als Regierung einsetzt (Oder man liefert das eroberte
Gebiet der völligen Zerstörung aus. Dies wäre die sicherste
Methode.).
,,Aber in Republiken herrscht mehr Lebensgeist, stärkerer Haß und
mehr Sehnsucht nach Rache.´´
,,(...), so ist es das bessere Mittel, die Republiken zu zerstören, oder in
ihnen zu residieren.´´
Kapitel
6: Von neuen Herrschaften, die man durch eigene Waffengewalt und
Tüchtigkeit erobert
- Kann der Fürst aus eigener Kraft heraus
Maßnahmen durchsetzen, so ist er mächtig. Muß er sich dabei auf
andere verlassen, so hat er eine schwache Position.
,,Daher siegen alle bewaffneten Propheten, und die nicht bewaffneten gehen
zugrunde.´´ Auch der Wankelmut des Volkes mag die
Regentschaft eines Fürsten beenden.
,,Darum muß man es so einrichten, daß man [das Volk] mit Gewalt zum
Glauben zwingt, wenn es nicht mehr glauben will.´´
Kapitel
7: Von neuen Herrschaften, die man mit fremder Waffengewalt und durch Glück
gewinnt
- Als Beispiel: Cesare Borgia; dieser führte
die gegnerische Partei (die Familie Orsini) unter einem Höflichkeitsvorwand
zusammen und ließ sie ermorden. Die daraufhin eingenommene Romagna wurde
von unfähigen Fürsten regiert und Gesetzlosigkeit war Dauerzustand. CB
setzte Ramiro von Orco als Regenten ein. Dieser war ebenso zielstrebig wie
gnadenlos und regierte mit harter Hand. So brachte er wieder Ordnung in die
Romagna. CB setzte dann RvO ab, da dieser von der Bevölkerung aufgrund
seiner Grausamkeiten gehaßt wurde. RvO wurde in Cesena von CB
öffentlich hingerichtet. Mit dem Tod des Tyrannen befriedigt CB die
Rachegelüste der Bevölkerung und verängstigt sie
gleichzeitig.
- CB versucht Frankreich und Spanien gegeneinander
auszuspielen. Auch gegen die Gefahr eines neuen Papstes (der regierende Papst
Alexander XI. war sein Vater) konnte er etwas unternehmen:
- Ausrottung aller Geschlechter, denen er die Herrschaft raubte, damit ein
neuer Papst keine Möglichkeit zum Eingreifen mehr hat.
- Alle Edelleute Roms für sich gewinnen, um den Papst im Zaum zu
halten.
- Das Kardinalskolegium für sich gewinnen
- Vor dem Tode seines Vaters genügend Macht zusammenraffen um einem
Angriff widerstehen zu können.
CB hatte die ersten drei
Punkte erledigt und den vierten nahezu (Eroberungen). CB scheiterte letztlich am
frühen Tode seines Vaters, an Frankreich und Spaniens Heeren, vor allem
aber an seiner eigenen schweren Krankheit.
,,Denn die Menschen befehden einander aus Haß oder Furcht.´´
Es erfolgte die unglückliche Papstwahl von Julius II
,,Wer glaubt, daß bei großen Männern neue Wohltaten altes
Unrecht vergessen macht, irrt sich.´´
Kapitel
8: Von denen, die durch Verbrechen zur Herrschaft gelangt
sind
- Beispiel: Agathokles von Syrakus (circa 300
v.Chr.), Sohn eines Töpfers, der zeitlebens einen verbrecherischen
Charakter hatte. Trotzdem durchlief er alle militärischen
Offiziersränge und beschloß dann, die Fürstenwürde an sich
zu reißen. Er rief Volk und Senat von Syrakus zu ,,Beratungen´´
zusammen und ließ Senat und reiche Bürger von seinen Soldaten
erschlagen. Dadurch wurde er unangefochtener Herrscher.
,,Man kann das freilich keine besondere Tugend nennen, seine Mitbürger
niederzuschlagen, die Freunde zu verraten, und ohne Treue, Ehrfurcht und
Religion dahinzulegen.´´ Trotz seiner Leistungen
kann man ihn aufgrund seiner Würdelosigkeit nicht mit den großen
Männern vergleichen.
- Ein verbrecherischer Herrscher behauptet sich nur
durch den richtigen Gebrauch der Grausamkeit. Gute Grausamkeiten sind die, die
einmalig und möglichst zu Nutzen des Volkes geschehen. Schlecht sind
ständige Grausamkeiten. Beim Raub eines Staates muß man sich also
alle nötigen Schandtaten vorher überlegen und auf einen Schlag
ausführen, um sie nicht mehr wiederholen zu müssen. Durch Wohltaten
kann er dann versuchen das Volk für sich zu gewinnen.
,,(...), und das Gute, was du tust, hilft dir nicht; denn es gilt als erzwungen
und rechnet es dir nicht zum Dank an.´´
Kapitel
9: Vom Volksfürsten
Zum Volksfürsten wird man durch die Volksgunst oder die
Gunst der Großen.
,,Es ist immer so, daß das Volk nicht von den Großen beherrscht und
unterdrückt zu werden wünscht und daß die großen Herren
über dem Volk seien und es knechten wollen. Aus dem Kampf dieser Richtungen
entstehen in einer Stadt Alleinherrschaft, Freiheit oder
Zügellosigkeit.´´ Die Großen erheben dann
einen Fürsten aus ihrer Mitte, wenn es gilt, das Volk besser kontrollieren
zu können. So ein Fürst kann sich aber nicht leicht halten. Ein
Volksfürst vermag Loyalität anzuziehen und außerdem das
Volk besser zufriedenzustellen.
,,Außerdem kann man die Großen nicht in Ehren, und ohne den anderen
Unrecht zu tun, zufriedenstellen, wohl aber das Volk; denn das Ziel des Volkes
ist viel sittlicher als das der Großen: diese wollen unterdrücken,
und jenes nicht nur unterdrückt werden.´´ Der
Fürst kann ohne die Großen regieren, da er alle Tage welche dazu
machen kann. Die Großen muß man auf zwei Arten behandeln, unter dem
Gesichtspunkt, ob sie für oder gegen dich sind. Die, die gegen dich sind,
muß man nach Möglichkeit benutzen oder, wenn sie aus Ehrgeiz gegen
dich handeln, als Feinde betrachten. Ein Volksfürst muß Freundschaft
mit dem Volk halten. Ein Fürst der Großen muß sich die
Freundschaft des Volkes erschleichen. Gute Maßnahmen machen denjenigen,
von dem man im vorhinein Schlechtes erwartet hat (von den Großen
oktrohierter Fürst), populär.
,,Ich komme nun zu dem Schluß, daß ein Fürst mit seinem Volk
befreundet sein muß; sonst hat er keine Hilfe im Unglück.´´
Kapitel
10: Wie man die Kräfte aller Fürstentümer zu bemessen
hat
- Diejenigen Staaten, die aufgrund ihres Menschen-
und Geldüberflusses ein zweckmäßiges Heer auszurüsten
imstande sind, sind unabhängig. Andere müssen ihre Stadt so gut als
möglich befestigen und ihr Volk so behandeln, wie schon beschrieben und im
Folgenden. Angreifer lieben Unternehmungen nicht, bei denen es Schwierigkeiten
geben wird und ein vom Volke anerkannter Fürst, in einer gut befestigten
Stadt, stellt eine Menge solcher Schwierigkeiten dar.
- Wenn das Volk aufsässig wird, da sein Besitz
außerhalb der Stadt gebrandschatzt wird, kann ein mutiger Fürst durch
geschicktes Handeln jedes Revoltieren vermeiden. Er muß dem Volk Hoffnung
machen, ihm Angst vor der Grausamkeit des Feindes machen und sich
unauffällig der Rädelsführer bemächtigen. Nach einiger Zeit
wird das Volk glauben, ihre Besitzungen wären der Preis für ihren
Schutz. Somit werden sie dem Fürsten Dankbarkeit zeigen.
Kapitel
11: Von den geistlichen Fürstentümern
Kirchenstaaten halten sich aufgrund von Tradition und Gottesfurcht ewig und
unantastbar.
Kapitel 12: Von den Heeresarten und
Söldnerheeren
Ein Fürst muß gute Grundlagen haben. Fundament alter, wie neuer
Staaten, sind gute Gesetze und fähige Truppen. Das eine setzt das andere
voraus. Söldner sind als Truppe gefährlich und lockern das
Staatsfundament.
,,(...), denn sie sind uneinig, ehrgeizig, disziplinlos und untreu,
überheblich den Freunden und feig dem Feind gegenüber; sie sind ohne
Furcht vor Gott und ohne Treue gegen die Menschen.´´
,,Du schiebst deinen Untergang so lange auf, wie du den Angriff aufschiebst; im
Frieden wirst du von ihnen ausgeplündert und im Kriege von deinem
Feinde.´´ Söldner wollen nur des Soldes wegen
deine Soldaten sein und sind nur im Frieden treu.
,,Rom und Sparta sind viele Jahrhunderte durch ihre [Volks]heere
freigeblieben.´´ Ehrgeizige, erfolgreiche
Söldnerführer trachten auch danach, die Herrschaft an sich zu
reißen. Venedig z.B. verlor durch Söldnerheere an einem Tag,
wofür man achthundert Jahre gekämpft hatte.
Kapitel 13: Von Hilfstruppen, gemischten Truppen und
Volksheeren
- Auch Hilfstruppen sind dem Fürsten nicht
nützlich. Ihre Niederlage zerstört dich, ihr Sieg liefert dich ihnen
aus. Da Hilfstruppen eine Einheit sind, sind sie noch gefährlicher als
Söldner. Folglich ist bei Söldnern die Feigheit und bei Hilfstruppen
die Tapferkeit gefährlicher.
,,Kurz, fremde Waffen fallen von dir ab, erdrücken oder erdrosseln
dich´´
- Insgesamt kann man sagen, wer in einer Herrschaft
die Übel an ihrer Wurzel nicht erkennt, der ist nicht wirklich weise, was
ja nur wenigen gegeben ist. Als Beispiel: Der Anfang des römischen
Untergangs begann mit den gotischen Hilfs-/ Söldnertruppen.
Kapitel
14: Was ein Fürst im Kriegswesen zu beachten hat
Die Kriegsführung ist die einzige Kunst, die man von Befehlenden
(Fürsten) erwartet. So ist es auch zu erklären, wie andere, die diese
Kunst beherrschen und keine Geburtsfürsten sind, Fürsten werden, und
Geburtsfürsten, die die Kunst nicht beherrschen, ihren Thron verlieren
können. Erster Grund für den Verlust eines Landes ist die
Vernachlässigung der Kriegskunst, erste Voraussetzung für den
Neuerwerb eines Landes ist die Perfektion der Kriegskunst.
,,Weil Francesco Sforza gerüstet war, wurde er, der Privatmann, zum Herzog
von Mailand; seine Söhne, die Herzöge waren, wurden Privatleute, weil
sie Waffenübungen scheuten´´ Ein unbewaffneter
Fürst wird von Nachbarstaaten verachtet und kann sich niemals sicher
fühlen. Denn auf der einen Seite besteht Mißtrauen, auf der anderen
Verachtung. Ein Fürst, der von der Kriegsführung nichts versteht, wird
zudem von den eigenen Soldaten verachtet.
- Kriegswerk kann auf zwei Arten nicht
vernachlässigt werden.
- Durch Taten: Das Heer muß in Ordnung und in Ordnung und in Übung
gehalten werden. Der Fürst muß auf die Jagd gehen, um sich selbst fit
zu halten und das Terrain seines Landes kennenzu- lernen. So lernt er auch
taktisch wichtige Landeseigenarten kennen und im Falle des Falles nutzen. Solche
Gebietskenntnis ist für den Kriegsherren unerläßlich, um den
Gegner aufzuspüren, Lager aufzuschlagen und taktisch geschickte
Entscheidungen zu treffen.
- Ein Fürst muß durch Nachdenken, also Bildung, die Kriegskunst
erlernen. Er muß die Geschichte studieren und die Handlungen großer
Männer. Er muß die Gründe für ihre Siege und für ihre
Niederlagen kennen, um erstere zu wiederholen und letztere zu vermeiden.
- Außerdem sollte ein Fürst einen
älteren Heerführer nachahmen, der seinerseits einen älteren
Heerführer nachahmte und dabei ebenso erfolgreich war. Der Fürst darf
auch im Frieden nie müßig sein, damit er in Unglückszeiten
Widerstand leisten kann.
Kapitel
15: Wodurch die Menschen und besonders die Fürsten Lob und Tadel
erwerben
,,Aber da es meine Absicht ist, etwas nützliches für den zu schreiben,
der es versteht, scheint es mir angemessener, der wirklichen Wahrheit der
Tatsachen nachzugehen, als den Warngebilden jener Leute.´´
Wer das Leben nicht so sieht, wie es ist, sondern wie es sein
sollte, arbeitet auf seinen eigenen Ruin hin. Ein ausschließlich guter
Mensch wird inmitten der großen Überzahl schlechter Menschen
untergehen. Ein Fürst, der sich halten will, muß lernen, schlecht zu
sein und davon, je nach Bedarf, gebrauch machen.
,,Ich übergehe also die Dinge, die einem Fürsten angedichtet werden,
und setze mich nur mit der Wirklichkeit auseinander.´´
Aufgrund des menschlichen Charakters vereinigt auch ein jeder
Fürst ebenso gute wie schlechte Eigenschaften in sich. Der Fürst
muß deshalb so klug sein, üble Nachrede über seine schlechten
Eigenschaften zu vermeiden, vor allem, wenn das Gerede seine
Staatsgeschäfte beeinträchtigen könnte. Tut er dies aber nicht,
kann er sich in dieser schlechten Eigenschaft um so mehr gehen lassen.
Außerdem sollte man manche schlechte Eigenschaft nicht unbedingt als
solche ansehen und bei Notwendigkeit eventuell ausleben.
,,Denn betrachtet man das Ganze, so wird man finden, daß es scheinbare
Tugenden gibt, bei deren Ausübung man zugrunde geht, und scheinbare Laster,
bei denen Sicherheit und Besitz gewährleistet sind.´´
Kapitel
16: Von der Freigiebigkeit und der Sparsamkeit
- Es ist prinzipiell gut, als freigiebig zu gelten.
Großzügigkeiten, die nicht anerkannt werden, sind schädlich. Um
den Ruf von Freigiebigkeit zu erhalten, muß ein Fürst jede erdenkbare
Ausgabe auf sich nehmen. Diese werden ihn früher oder später zur
Erlassung höherer Steuern zwingen. Dadurch wird er bei seinen Untertanen
verhaßt und gerät selbst in Armut. So beleidigt Freigiebigkeit viele
und erfreut nur wenige. Wenn er dann nicht mehr freigiebig ist, wird der
Fürst bald als geizig gelten. Da man also offensichtlich nicht
uneingeschränkt freigiebig sein kann, soll der Fürst sich nicht
scheuen, als geizig zu gelten. Denn im Laufe der Zeit wird er doch als
freigiebig gelten, wenn das Volk bemerkt, daß seine Sparsamkeit in
bestimmten Situationen dem Volke nutzt.
,,(...), daß er sich im Kriege verteidigen und angreifen kann, ohne sein
Volk zu belasten.´´ So hat der Fürst denen
gegenüber als freigiebig zu gelten, denen er nichts nimmt. In unserer Zeit
gibt es viele Beispiele, großer knauseriger Männer.
,,Der jetzige König von Frankreich hat so viele Kriege geführt, ohne
seinem Land einen Pfennig außerordentlicher Abgabe aufzuerlegen; denn alle
außergewöhnlichen Kosten hatte er durch seine lange Sparsamkeit im
voraus gedeckt.´´
- Ein Fürst sollte den Ruf als Knauserer nicht
meiden, solange er dafür seine Untertanen nicht belastet, sich verteidigen
kann, nicht verarmt und nicht zum Ausbeuter zu werden braucht. Geiz mag eines
der Laster sein, welches seine Herrschaft erhält. Vor allem sollte
man schon in der Position des Fürsten sein, wenn man geizig ist. Ist man
auf dem Weg zur Fürstenwürde, ist ein freigiebiger Ruf von Vorteil. Es
gibt Fürsten, die mit ihren Heeren großes vollbrachten und dennoch
freigiebig waren. Dies hängt aber davon ab, ob der Fürst sein eigenes
Geld, das der Untertanen oder das Fremder ausgibt. Im ersten Falle darf er nur
wenig ausgeben, im zweiten und im dritten Falle muß er freigiebig sein,
sonst würden ihm seine Soldaten nicht folgen. Vermögen, welches nicht
ihm gehört, darf er ausgeben, ohne daß es ihm schadet. Eigenes Geld
ausgeben kann nur Schaden ausrichten.
,,(...), denn indem du [Freigiebigkeit] übst, verlierst du die Kraft dazu;
du wirst entweder arm oder verachtet, oder, um der Armut zu entgehen,
räuberisch und verhaßt. Aber vor allem muß sich ein Fürst
hüten, verachtet und verhaßt zu werden; und die Freigiebigkeit
führt zu beidem.´´ Es ist also klüger, als
geizig zu gelten, denn dies führt zu Murren, aber nicht zu Haß.
Kapitel 17: Von der Grausamkeit und dem Mitleid und ob es
besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden
- Jeder Fürst sollte für mitleidig und
nicht für grausam gehalten werden. Dennoch muß dieses Mitleid
vorsichtig angewendet werden. Als Beispiel Cesare Borgia (s.o., Kap.7), der als
grausam galt, und dennoch Romagna wiederherstellen konnte. Ein Fürst
braucht sich nicht vor der Nachrede der Grausamkeit schützten, wenn er
dadurch seine Untertanen eint und treu macht. Denn wenn man durch wenige
Grausamkeiten Ordnung hält, ist dies besser, als wenn man durch sein
Mitleid Mord und Gesetzlosigkeit hervorruft.
- Der Fürst, der einem neuerworbenen Staat
vorsteht, kann der Grausamkeit kaum ausweichen. Aeneis I, 563-564:
,,Hierzu zwingt mich die Not und die Jugend des geschaffenen Reiches, seine
weiten Grenzen zu schützen, mit bewaffneter Wehr.´´
Dennoch muß ein Fürst mit aller gebotenen Vorsicht
und Menschlichkeit vorgehen.
- Ein Fürst sollte ebenso geliebt wie
gefürchtet werden. Da sich dies aber kaum vereinen läßt, ist es
für ihn sicherer, gehaßt zu werden, wenn er schon auf eines von
beiden verzichten muß. Dies ist so, weil man von den Menschen im
allgemeinen sagen kann, sie sind undankbar, wankelmütig, heuchlerisch,
feige und gierig. Sie dienen dir ohne Wenn und Aber, doch nur, solange die Not
fern ist. Ist die Not aber erst da, so wird der Fürst, der sich auf ihr
Wort verlassen hat, untergehen. Denn Treue, die nicht durch Persönlichkeit
oder Charakter entstanden ist (also nur auf vager Zuneigung basiert), existiert
zwar, bewährt sich aber nie. Die Menschen haben weniger Angst davor, einen
Fürsten anzugreifen, der beliebt ist. Liebe ist an die Dankbarkeit
gebunden, die in der Not aber leicht verschwindet. Grausamkeit aber ist ein Ruf,
der sich lange erhält.
,,(...); denn die Liebe wird von der Fessel der Dankbarkeit zusammengehalten,
die, wie die Menschen leider sind, sofort zerbricht, wenn der Eigennutz im
Spiele ist; aber die Furcht erhält sich durch die Angst bestraft zu werden,
die niemals aufhört.´´ Allerdings sollte der
Fürst versuchen, dem Haß zu entgehen. Gefürchtet zu werden, ohne
Haß hervorzurufen, ist ideal. Haß entsteht, wenn man sich am
Eigentum oder den Weibern der Bürger vergreift. Grausamkeiten dürfen
nur im Schutze des Gesetzes stattfinden. Vor allem muß der Besitz anderer
unangetastet bleiben.
,,(...), denn die Menschen vergessen schneller den Tod ihres Vaters, als den
Verlust des väterlichen Erbes.´´ Wer von
Ausbeutung lebt, wird allerdings oft die Gelegenheit dazu finden.
Blutvergießen, welches dadurch hervorgerufen wird, gibt es aber
vergleichsweise seltener.
- Auch im Krieg kann der Fürst als grausam
gelten, sonst könnte sein Heer meutern oder desertieren. Als Beispiel
Hannibal, der seine großen Taten mit seinem aus etlichen Völkern
gemischtem Heer nicht hätte verbringen können, hätte er bei
seinen Soldaten nicht als grausam gegolten.
,,Unüberlegte Schriftsteller bewundern einerseits diese [großartigen]
Tatsachen und tadeln andererseits ihre Hauptursache [die
Grausamkeit].´´
- Ein Fürst muß ein solch großes
Maß an Liebe zu seiner Person erschaffen, wie es ihm möglich ist. Da
er sich nicht auf andere verlassen kann, darf er aber auch den Ruf der
Grausamkeit, wenn er dazu gezwungen ist, nicht schrecken. Vor allem muß
ein Fürst sich davor hüten, gehaßt zu werden.
Kapitel
18: Wie die Fürsten ihr Wort halten sollen
- Es ist lobenswert, wenn ein Fürst sein Wort
hält. Dennoch haben viele Fürsten durch Wortbruch viel
vollbracht.
- Für den Fürsten gibt es zwei
Vorgehensweisen: durch das Gesetz oder durch die Gewalt. Das Erste
sollte eigentlich dem Menschen zukommen, das Zweite den Tieren. Wenn das Erste
aber unwirksam ist, muß man zum Zweiten greifen.
,,Daher muß der Fürst gut verstehen, Mensch oder Tier zu
spielen.´´ ,,(...), eines ohne das andere birgt keine
Dauer.´´ Ein Fürst muß wortbrüchig
werden, wenn sein Versprechen für ihn ein Nachteil ist und wenn die
Gründe, warum er es gegeben hat, wegfallen.
,,Wenn alle Menschen Engel wären, wäre dieser Vorschlag nicht gut;
aber sie sind es leider nicht und würden dir nicht Wort halten; daher
brauchst du es ihnen auch nicht halten.´´
Außerdem findet ein Fürst immer viele Gründe,
Vertragsbruch zu rechtfertigen. Ein Fürst braucht nicht alle guten
Eigenschaften zu haben, er sollte sie bloß vortäuschen können.
Alle guten Eigenschaften sind schädlich, wenn man sich streng an sie
hält. Also sollte man sie solange praktizieren, bis die Not schlecht
Eigenschaften fordert. Diese müssen in Notzeiten vorhanden und anwendbar
sein. Ein Fürst muß, vor allem in neugegründeten Staaten, oft
gegen die Menschlichkeit, Milde, Treue, Aufrichtigkeit und Frömmigkeit
verstoßen, um den Staat am Leben zu erhalten.
,,Daher muß er [der Fürst] einen Geist besitzen, der sich nach dem
Wind und nach dem Wechsel des Schicksals drehen kann, und der, falls es
möglich ist, nicht vom Wege des Guten abweicht, aber in Zwanglagen auch das
Böse zu tun vermag.´´
- Menschen urteilen meist eher nach ihren Augen als
nach ihren Gefühlen. Deshalb muß der Fürst den Anschein der
absoluten Tugendhaftigkeit erwecken. Nur Wenige werden dein wahres Ich erkennen,
und jene werden nicht handeln können, da sie nicht gegen die Masse antreten
werden wollen. Beurteilt wird ein Fürst nur nach seinen Endergebnissen:
ob er siegreich war, ob er den Staat erhalten konnte. Denn jede schlechte
Tat wird scheinbar gut, wenn der Pöbel die Tat als Erfolg bewertet. Die
klugen Leute kommen nur dann zur Geltung, wenn der Pöbel ratlos ist und die
Klugen um Hilfe bittet.
Kapitel
19: Verachtung und Haß sind zu meiden
- Der Fürst muß alle Dinge meiden, die
ihn verhaßt und verachtet machen. Verhaßt macht er sich durch den
Zugriff auf Besitz und die Frauen seiner Bürger. Wenn er dies vermeidet, so
wird er nur mit einigen wenigen Ehrgeizigen zu kämpfen haben. Verachtet
wird jemand, der als verweichlicht, leichtsinnig, kleinherzig und unentschlossen
gilt. Deshalb muß der Fürst dafür sorgen, daß seine Taten
Größe, Mut, Ernsthaftigkeit und Tapferkeit widerspiegeln. Seine
Beschlüsse müssen als unwiderruflich gelten, damit kein Bürger
versuchen kann, ihn zu betrügen.
- Der Fürst hat zwei Arten von Gegnern: die
innerhalb und die außerhalb des Landes. Gegen äußere Feinde
hilft eine gute Truppe und ein oder mehrere gute Bündnispartner. Ist die
auswärtige Lage gesichert, so wird es auch im Inland zu weniger Unruhen
kommen. Gibt es Krieg, wir der Fürst, der sich wie im vorherigen
beschrieben benommen hat, jedem Angriff standhalten. Bei Frieden sind nur
geheime Verschwörungen zu fürchten, denen der Fürst vorbeugt,
indem er Haß und Verachtung vermeidet und das Volk zufriedenstellt.
Haß muß vor allem vermieden werden, da ein Verschwörer zumeist
glaubt, dem Volk einen Gefallen zu erweisen, wenn er den Fürsten beseitigt.
Wird es durch dessen Tod aber erbost, so schadet der Verschwörer sich
selbst. Deshalb nehmen auch eher weniger Verschwörungen ein gutes Ende, da
sie sich nur auf die Basis der eventuell Unzufriedenen stützen.
Eine standfeste Herrschaft, pragmatische Gesetzgebung, Truppen,
Bündnispartner und das Wohlwollen des Volkes nehmen jeder Verschwörung
die Grundvoraussetzungen.
- Als Beispiel: Die Canni erschlugen Messer
Hannibal Bentivoglio, den Fürsten von Bologna. Aufgrund des Wohlwollens
gegenüber dem Ermordeten, erschlug das Volk daraufhin alle Canni und
schickte sogar bis nach Florenz, für ein Familienmitglied der Bentivoglios,
welches für den unmündigen Erben die Regentschaft übernahm.
- Ein Fürst braucht nicht viel zu
fürchten, ist ihm das Volk wohlgesonnen. Haßt es ihn aber, so
muß er jeden Menschen fürchten. So haben wohlgeordnete Staaten und
kluge Fürsten darauf geachtet, die Mächtigen nicht zur Verzweiflung zu
bringen und das Volk zufriedenzustellen. Als Beispiel: In Frankreich wurden die
Parlamente (Gerichtshöfe) eingerichtet, damit sie den Ehrgeiz des Adels und
des Großbürgertums beschränkten und die weniger Mächtigen
stützten. Sie haben sich als eine wichtige Stütze des Königs
erwiesen. Auf eine einfache Formel gebracht bedeutet dies:
,,Ein Fürst muß auf die Großen achten, aber darf sich nicht
beim Volk verhaßt machen.´´
- Die Gegenbeispiele, die römische Kaiser
geliefert haben mögen, können widerlegt werden. Im römischen
Staatsgebilde kamen zu dem Mächtigen und Schwachen auch noch die Soldaten.
Das Volk bevorzugte gemäßigte Kaiser, während die Soldaten einen
verbrecherischen und räuberischen Kaiser wollten, über den die ihren
Sold und ihre Beute auf Kosten des Volkes vergrößern konnten. Die
Kaiser, die keine starke Persönlichkeit hatten und keine Taten
vollbrachten, die Heer und Volk gebändigt hätten, gingen unter. Solche
Kaiser bevorzugten es, sich an die Armee, als die stärkere beider Parteien,
anzubiedern. Dies gelang ihnen, oder nicht, je nachdem, wie sie mit ihren
Soldaten umsprangen.
,,So ist, (...), ein Fürst, der den Staat erhalten will, häufig
gezwungen, nicht gut zu handeln, denn wenn jene Partei, mag es das Volk, die
Soldaten oder die Großen sein, die du deiner Meinung nach zur Erhaltung
nötig hast, verdorben ist, so mußt du wohl ihrer Laune folgen, um sie
zu befriedigen, und dann wären dir gute Handlungen
schädlich.´´
- (...)
- (...)
- (...)
- (...)
- (...)
- (...)
- (...)
- Fürsten unserer Zeit haben weniger
Mühe, Soldaten zufriedenzustellen, da die Heere weniger mit den Regierungen
und den Provinzialverwaltungen verflochten sind, als im alten Rom. Früher
mußte man eher das Heer, heute eher das Volk zufriedenstellen.
Kapitel
20: Ob Festungen und andere gewöhnliche Maßnahmen der Fürsten
nützlich sind oder nicht
- (...)
- Ein Fürst sollt neu erobertes Gebiet nicht
völlig entwaffnen. Dieser Vertrauensbeweis macht die neue hinzugewonnene
Bevölkerung zu Parteigängern. Entwaffnet man sie, ruft dieses
Mißtrauen und die Verletzung des Ergefühls, Haß und
Mißgunst hervor. Eine entwaffnete Neuerwerbung müßte von
Söldnern bewacht werden. Diese aber sind absolut unzuverlässig (siehe
oben).
,,Ein neuer Fürst hat immer in seinem neuen Lande ein Heer aufgestellt. Er
sollte aber nur diejenigen bewaffnen, die ihm gut gesonnen sind und auch diese
schwach halten. Seine eigene Armee darf sich nur aus Truppen des Mutterlandes
rekrutieren.´´ Zwistigkeiten stiften selten etwas
gutes, da die unterlegene Partei sich immer an fremde Eindringlinge wendet, um
Hilfe zu erlangen. Zwistigkeiten können im Frieden nutzen, da die sich
uneinigen Parteien sich nicht gegen den Fürsten verbünden. In
Kriegszeiten können sie allerdings auch den Fall des Fürsten
verursachen.
,,(...); denn niemals fehlt es dem Volk, wenn es einmal die Waffen ergriffen
hat, an Fremden, die ihnen helfen.´´
- Fürsten erlangen Größe, wenn sich
großen Widerstand überwinden. Deshalb gibt es einige, die meinen, ein
Fürst sollte sich gewisse Feindschaften erhalten, um durch deren
Überwindung Größe zu erlangen. Dies wechselt aber je nach den
Umständen. Diejenigen Gegner, die ohne Unterstützung ihre
oppositionelle Position nicht aufrecht erhalten können, sind leicht zu
besiegen. Diese müssen dem Fürsten dann umso treuer dienen, um ihre
vorherige Gegnerschaft zu verwischen. Von diesen kann der Fürst mehr Nutzen
haben, als von jenen, die ihm von Anfang an wohlgesonnen waren. Desweiteren
muß ein Fürst erkennen, warum ihn die Einwohner eines neuerworbenen
Staates zu Hilfe gerufen haben. Geschah dies, weil die Bevölkerung mit den
früheren Zuständen unzufrieden war, wird er sie nur schwer
zufriedenstellen können. Dies kommt daher, daß man sich die, die mit
dem alten Staat zufrieden waren, wie oben beschrieben, eher zunutze machen kann,
als die, die unzufrieden waren und in der Regel in der Überzahl sind.
- Festungen sind je nach Umständen
nützlich, oder nicht. Wenn sie gut für die eine Seite sind, sind sie
schlecht für die andere. Feststellen läßt sich folgendes: Hat
man mehr Angst vor dem eigenen Volk, sollte man Festungen bauen. Hat man mehr
Angst vor Fremden, braucht man sie nicht.
,,Die beste Festung ist die, nicht vom Volk gehaßt zu werden.´´
Die besten Festungen helfen dir nicht gegen das eigene Volk,
denn dieses wird in einem Aufstand immer Hilfe von Außen erhalten.
,,(...), so will ich den loben, der Festungen baut, und den, der keine baut,
aber den tadeln, der im Vertrauen auf sie es für nichts erachtet, beim Volk
verhaßt zu sein.´´
Kapitel
21: Was ein Fürst tun muß, um zu Ansehen zu
kommen
- Ehre erwirbt sich der Fürst durch
große Unternehmungen und Beweise seines Mutes. Als Beispiel Ferdinand von
Aragonien, dem es durch seinen Krieg gegen die Mauren (1492, Granada) gelang,
Aragonien und Kastilien unter seiner Krone zu vereinigen. Er finanzierte den
Krieg durch Gelder der Kirche und des Volkes. Unter religiösem Vorwand
plünderte und vertrieb er die Marranos (Juden), griff Afrika, Italien und
Frankreich an und war erfolgreich. Auch im Inland muß man als
großzügiger und bedeutender Mensch gelten (z.B. durch Belohnung
strebsamer Bürger).
- Ein ehrenvoller Fürst gilt als echter Freund
oder ehrlicher Feind. In einem Konflikt zweier weiterer Staaten ist es besser,
sich offen zu einer der Parteien zu bekennen und einen ehrlichen Krieg zu
führen, als neutral zu bleiben. Sonst könnte der jeweilige Sieger,
wahrscheinlich mit dem Wohlwollen des Besiegten, deinen Staat als weitere Beute
einheimsen. Niemand wird dir dann zur Hilfe eilen, da der Sieger keine
verdächtigen Neutralen in seiner Nähe haben will, und der Besiegte
hilft ihm nicht, da du ihm zuvor auch nicht geholfen hast.
,,Und so wird dich immer derjenige, der es nicht gut mit dir meint, um
Neutralität bitten, und der dir wirklich wohl will, wird immer wieder
Unterstützung und Waffenhilfe verlangen.´´
Unentschlossene Fürsten, die die Neutralität
bevorzugen, gehen deshalb oft zugrunde. Schlägst du dich aber auf die Seite
des Siegers, so ist dir dieser zu Dank verpflichtet, egal wie mächtig er
ist. Unterliegt dein Bündnispartner aber, so wird er dir dennoch weiterhin
beistehen, solange er kann, vielleicht, bis das Blatt sich wieder wendet. Hast
du dich vor dem Sieger nicht zu fürchten, solltest du um so eher Partei
für ihn ergreifen, denn der Sieg ist mit deiner Hilfe ganz sicher, und
Sieger und Besiegter geraten in deine Abhängigkeit.
- Ein Fürst sollte niemals mit einem
mächtigerem Staat zusammenarbeiten, wenn ihn nicht die Notwendigkeit dazu
zwingt. Im Falle des Sieges, wärst du dem Größeren ausgeliefert,
und ein Fürst muß es vermeiden, von anderen abhängig zu sein.
Der Fürst muß sich vor seiner Entscheidung, ob er Partei für die
eine oder andere Nation ergreift oder neutral bleibt, darüber im Klaren
sein, daß keine seiner Entscheidungen totale Sicherheit
gewährleistet.
,,Denn es liegt nun einmal im Lauf der Welt, daß man einer
Unbequemlichkeit zu entgehen sucht und wieder in eine andere fällt; aber
die Klugheit besteht darin, die Größe der Unbequemlichkeiten zu
erkennen und das kleinere Übel zu wählen.´´
- Ein Fürst muß jede Art von
Tüchtigkeit belohnen. Jeder Bürger muß seinen Geschäften
ungestört nachgehen dürfen und sollte niemals zu befürchten
haben, daß ihm seinen Gewinne vom Staate in unangemessener Weise
geschmälert werden könnten. Der Fürst muß vielmehr die
belohnen, die in irgend einer Weise zum Wohle des Staates beitragen.
Außerdem sollte der Fürst Feste und Feiern
fördern, um den Bürgern Wohlbefinden zu ermöglichen. Er sollte
Bürger-, Gilden- und Zunftversammlungen bei Gelegenheit beiwohnen und dort,
ohne würdelos zu wirken, als menschenfreundlich und freigiebig auftreten.
Kapitel 22: Über die Minister der
Fürsten
- Die Ministerwahl hängt von der Klugheit des
Fürsten ab, denn sie sind nützlich, oder wertlos. Bildet man sich ein
Urteil über einen Fürsten, betrachtet man zuerst diejenigen, mit denen
er sich umgibt. Sind sie kompetent und treu, so wird über den Fürsten
wahrscheinlich das selbe Urteil gesprochen, denn schließlich hat er die
Tüchtigen erwählt und kann sie loyal halten. Wenn er aber schlechte
Minister gewählt hat, so kann man kein gutes Urteil über ihn
fällen, denn schließlich hat er seinen ersten Fehler schon mit der
Wahl seiner Minister begangen.
Der Fürst kann über drei
Arten von Intelligenz verfügen. Er versteht alles von sich aus, er erkennt,
was andere zu begreifen vermögen oder aber er erkennt, weder von sich aus,
noch mit Hilfe anderer, irgendetwas.
,,Die erste ist die bedeutendste, die zweite ist gut und die dritte
unbrauchbar.´´ Verfügt ein Fürst nur
über die zweite Intelligenz, so vermag er immerhin, das gute und das
schlechte einer Tat zu bewerten, auch wenn sie nicht von ihm ist. Er kann seine
Minister durchschauen, sie entsprechend loben oder tadeln, und diese werden
nicht versuchen, ihn zu betrügen.
- Wie sind Minister zu bewerten? Sind sie
egoistisch, so können sie sich nie als brauchbare Minister erweisen. Wer
Staatsgeschäfte führt, darf nie an sich denken, sondern nur an das
Wohl seines Fürsten. Der Fürst seinerseits muß, um die
Loyalität seines Ministers zu würdigen, an ihn denken, ihm Ehre
erweisen, ihn reich machen und alle erdenklichen Reichtümer und Ämter
zukommen lassen, sodaß er nicht nach mehr streben kann und jede
Änderung der Verhältnisse fürchten muß. Stehen Fürst
und Minister so zusammen, dann können sie einander trauen. Ist es nicht so,
wird der eine oder der andere schlimm enden.
Kapitel
23: Wie Schmeichler zu fliehen sind
- Unter den Höflingen findet sich eine
Vielzahl von Schmeichlern. Selbstgefällige Menschen hüten sich vor
dieser Pest nicht und laufen somit Gefahr, verachtet zu werden. Das einzige
Mittel, Schmeicheleien zu verhindern, ist, den Leuten klarzumachen, daß
sie ungestraft die Wahrheit sagen können. Sagt dir aber jeder die Wahrheit,
so büßt du an Ansehen ein. Also muß der Fürst die
klügstem Männer erwählen und darf nur ihnen erlauben, ihm die
Wahrheit zu sagen, und zwar nur in Dingen, nach denen er fragt. Er sollte jedoch
möglichst viel fragen und dann entsprechende Entscheidungen treffen. Seine
Berater sollten demnach umso angesehener sein, je offener sie sprechen, und nur
auf diese soll er hören. Gefaßte Beschlüsse müssen
unanfechtbar sein, denn wer aufgrund von Schmeichlern zu oft seine
Beschlüsse ändert, wird verachtet.
- Ein Fürst soll sich nur dann beraten lassen,
wenn er es wünscht, und niemals sonst. Es sollte ihm auch niemand ungefragt
einen Rat erteilen, er soll jedoch häufig fragen, Antworten geduldig
abwarten und verärgert reagieren, sollt man ihm Antworten vorenthalten, da
ihn die Wahrheit wütend machen könnte.
,,Ein Fürst, der nicht von sich aus klug ist, kann niemals gut beraten
werden, es sei denn, er verläßt sich auf einen einzelnen sehr
gescheiten Mann, der ihn völlig leitet.´´ Dann
jedoch besteht die Gefahr, daß dieser Mann ihm die Krone entreißt.
Ein unkluger Fürst wird seine Ratgeber niemals zu einem Entschluß
bringen können, wenn sie uneins sind, da diese immer an ihren Vorteil
denken.
,,Andere wird man nie finden; denn die Menschen sind traurige Gesellen, wenn sie
nicht die Not zwingt, gut zu sein.´´
,,Daher schließe ich: gute Ratschläge, (...), müssen durch die
Klugheit des Fürsten zustande kommen und nicht die Klugheit des
Fürsten durch gute Ratschläge.´´
Kapitel
24: Warum die Fürsten Italiens ihre Herrschaft verloren
haben
- Ein neuer Fürst wird in seiner
Handlungsweise viel mehr beobachtet, als ein alteingesessener Erbfürst.
Sind seine Taten von Größe geprägt, so kommt er zu
größerem Ruhm als ein Erbfürst, denn Menschen lassen sich eher
durch die Gegenwart als durch die Vergangenheit bestimmen.
,,(...) und wenn sie heute das Glück finden, dann freuen sie sich daran und
suchen nichts anderes; sie werden in jeder Weise zu seinem Schutze für ihn
[den Fürsten] eintreten, falls er es nur einerseits an allem übrigen
nicht fehlen läßt.´´
,,So wird er doppelten Ruhm erwerben, weil er einer neuen Herrschaft den
Fürsten gegeben, sie durch seine guten Gesetze zu Ehren gebracht und durch
ein tüchtiges Heer und bedeutende Taten bestärkt hat. Doch den trifft
doppelte Schande, der, obwohl Fürst von Abstammung, sie durch seine Torheit
verloren hat.´´
- (...)
- So sollen auch Erbfürsten in Zeiten der Ruhe
keinen Aufwand und keine Aufgabe scheuen.
,,(Es ist ein allgemeiner Fehler der Menschen, nicht in den Zeiten der
Meeresstille mit dem Sturm zu rechnen.)´´ Auf das
Volk sollte man sich nicht verlassen, denn dann steht es nicht in deiner Macht,
ob du im Amt bleibst oder nicht, oder ob du in den Amt zurückgeholt wirst
oder nicht.
,,Nur der Selbstschutz ist brauchbar, zuverlässig, dauerhaft und ist von
dir persönlich und deiner Tüchtigkeit abhängig.´´
Kapitel
25: Wieviel Fortuna in den menschlichen Dingen vermag und wie man ihr
entgegenwirken kann
- Zweifellos gibt es Schicksale und Abläufe,
an denen wir nichts ändern können. Unser freier Wille aber bleibt
immer bestehen. Also gleicht sich Schicksal und Selbstbestimmung aus. Dies
läßt sich vergleichen mit den Urgewalten einer Überschwemmung,
die jeden Menschen in die Flucht schlägt. Dennoch können diese in
ruhigeren Zeiten Deiche und Gräben bauen um die Fluten aufzuhalten.
,,Ähnlich steht es mit dem Schicksal; es zeigt seine Macht, wo keine Kraft
zum Widerstand bereitgestellt ist, und es wälzt dorthin seine Macht, wo
keine Dämme und Deiche da sind, es aufzuhalten.´´
- Der Fürst, der sich nur auf das Glück
verläßt, geht unter, sobald sich das Glück abmeldet. Derjenige
wird glücklich leben, der sich dem Zeitgeist anpaßt und versucht,
zukünftigen Schicksalsschlägen nach Möglichkeit in der Gegenwart
vorzubeugen.
Es gibt verschiedene Arten, zur Macht zu kommen und
diese zu halten: Vorsicht, Gewalt, Geschick und Ungestüm. Welches von den
letzteren gerade angebracht ist um eine Herrschaft zu halten, hängt von dem
entsprechenden Zeitgeist ab. Dabei kommt auch das Glück ins Spiel: Der eine
hat Erfolg mit einer bestimmten Methode. Wechselt der Zeitgeist, hat der
nächste, der diese Methode anwendet, keinen Erfolg. Dennoch kann man
schlecht seine Natur wandeln, und wenn einem auf einem bestimmten Wege immer
Glück beschieden war, ist es schwer, den Weg zu verlassen. Also wird ein
vorsichtiger Mann untergehen.
- Es scheint daher besser zu sein, stürmisch
zu sein, denn so kann man das Schicksal vielleicht in jene Bahnen zwingen, in
denen man es haben will.
,,Denn Fortuna ist ein Weib, und wenn man sie unterwerfen will, muß man
mit ihr streiten und kämpfen.´´
,,Daher ist das Schicksal wie das Weib der Jugend hold, weil sie ihm weniger
vorsichtig, wilder und kühner ihren Willen aufzwingt.´´
Kapitel
26: Aufruf zur Befreiung Italiens von der Barbaren
- Italien ist zur Befreiung bereit. Es liegt brach
für ein großes Geschlecht oder einen großen Mann, der es
befreien will. Seine Sache wäre ebenso gerecht und genauso leicht (oder
schwer), wie die anderer großer Männer, doch handelt es sich
zweifellos um eine gerechte Sache.
,,Gerecht ist der Krieg in der Not, und gesegnet sind die Waffen, wenn sie die
einzige Hoffnung sind.´´
,,Gott will nicht alles tun, um uns nicht den freien Willen und den Teil des
Ruhms zu nehmen, der uns gebührt.´´ Als letztes
rufe ich die Medici zur Errichtung eines Heeres und zur Befreiung Italiens auf.
Nachwort
Der größte Fehler, den wir Machiavelli antun können, ist,
ihn, und seinen Text, nicht im Kontext seiner Zeit zu betrachten. Immer wieder
wurde sein DER FüRST für zumeist verbrecherische Absichten
mißbraucht, wenn Regime und Diktaturen sich auf ihn beriefen, ohne die
volle Größe und Reichweite seines Werkes zu beachten (siehe Vorwort),
und ohne die Zeit zu beachten, in der er DER FüRST schrieb. So ist
es unmöglich, Machiavellis Vorstellungen auf die heutige Zeit in
irgendeiner Form zu übertragen, außer man pickt sich einzelne
Standpunkte heraus (und dabei natürlich diejenigen, die einem am
dienlichsten sind), und vergißt alles darüberhinausgehende.
(Näheres siehe Vorwort)
Durch alle Zeiten hindurch haben Könige, Königinnen und andere
Monarchen und Regierungssysteme Machiavelli bewußt oder unbewußt
angewendet, was beweist, daß DER FüRST teilweise nur eine
Tatsachenbeschreibung von Regierungsmethodik ist. So zeigt sich, daß
besonders allgemein als ,,groß´´ bezeichnete Monarchen gezwungen
waren, Machiavellismus anzuwenden. Ein Beispiel wäre Königin Elisabeth
I. von England (1533 - 1603). Diese belog und betrog König Phillip von
Spanien. Jener war zuvor mit Elisabeths Schwester bis zu deren Tod verheiratet (
,,Bloody´´- Mary), und war somit daran interessiert, auch Elisabeth zu
heiraten, um sich wieder König von England nennen zu können. Elisabeth
hielt ihren Umwerber mit geschickten Hinhaltetaktiken von sich fern. Sie
heuchelte zwar Interesse, vertröstete Phillip aber immer wieder auf
spätere Zeitpunkte. Währenddessen schickte sie ihre berühmten
Freibeuter (aus spanischer Sicht Piraten) aus, auf das sie die Reichtümer
Spaniens in Übersee plünderten. Zu dieser Zeit war England nicht an
einer offenen Konfrontation mit Spanien interessiert, und hätte sie wohl
auch kaum überlebt. Deshalb mußte Elisabeth Phillip betrügen, um
auf seine Kosten England zu Größe zu verhelfen. Elisabeths
berühmtester ,,Pirat´´ war Francis Drake, der, nachdem er die
spanischen Kolonien an der amerikanischen Westküste ausgeplündert
hatte, und die Welt umsegelt hatte, bei seiner Rückkehr nicht wie von
Spanien gefordert enthauptet, sondern in den Adelsstand erhoben wurde. Phillip
übertrug seinem General Medina Sidonia den Befehl über die
Armada, welche den Auftrag hatte, England zu erobern. Elisabeth vergab
das Oberkommando über ihre Flotte aber nicht dem Rang nach, sondern der
Befähigung nach, und hielt sich somit wiederrum an Machiavellis Denkweisen.
Die englische Flotte siegte (1588) über die zahlenmäßig haushoch
überlegene Armada, da sowohl die englischen Offiziere qualifizierter waren,
wie auch ihre Flotte wesentlich moderner als die spanische war (ebenfalls
Machiavellinismus).
Ein weiteres Beispiel liefert uns König Ludwig XIV. von Frankreich
(Sonnenkönig, (1638 -1715). Dessen absolutistisches
Herrschaftssystem verwirklicht wohl am besten Machiavellis Vorstellung von einem
Fürsten, der die entscheidenden Zügel seines Landes fest in der Hand
halten soll, und dessen Entscheidungsgewalt unanfechtbar sein soll. Dafür
standen Ludwig beratend der Ministerrat und die Notablenversammlung zur Seite.
Die Gerichte, die bürgerlich geprägt waren, hatten Möglichkeiten
königliche Beschlüße abzulehnen, oder sie zumindest zu
verzögern. Ludwigs Entmachtug des Adels zeigt seine Orientierung in
Richtung Bürgertum, ähnlich wie es Machiavelli vorschwebte. Das unter
Ludwig praktizierte Handelssystem des Merkantilismus stellt allerdings
eher das Gegenteil zum Machiavellismus dar, welcher ja eher in Richtung freie
Marktwirtschaft, wenn auch in abgeänderter Form, tendiert. Der
Merkantilismus sollte im 19. Jahrhundert durch eben diese abgelöst
werden. Sogar Herrscher, die sich offen gegen Machiavelli ausgesprachen,
wendeten ihn später an. So zum Beispiel Friedrich II. von Preussen (Der
Große), der in seiner Jugendzeit einen Anti-Machiavelli
verfasste, aber ohne die Anwendung des Machiavellismus (vor allem im Sieben
Jährigen Krieg) heute wohl kaum Der Große genannt werden
würde.
Sogar seinen scheinbar heftigsten Gegnern kann man vorwerfen, sich an
Machiavelli gehalten zu haben, wenn die Not es von ihnen verlangte. So stimmte
zum Beispiel die SPD 1914 dem sogenannten Burgfrieden zu, also einer
Budgeterhöhung im Reichstag, welche den ersten Weltkrieg ermöglichte.
Man beugte der von konservativer Seite geschürten Kriegs-Euphorie, und der
daraus resultierenden Stimmung im Volke wider besseren Wissens, weil eine
unpopulärere Entscheidung die SPD, die zu der Zeit ohnehin an Profilverlust
litt, vielleicht eine Unmenge von Wählerstimmen gekostet hätte. Um
dies zu kommentieren, zitiere ich einfach Machiavelli:
,,(...), denn wenn jene Partei, mag es das Volk, die die Armee,
oder die Großen sein, die du deiner Meinung nach zur Erhaltung nötig
hast, verdorben ist, so mußt du wohl ihrer Laune folgen, um sie zu
befriedigen, und dann wären dir gute Handlungen schädlich´´
(Kap.19) Machiavelli beschreibt unvermeidliche politische
Tatsachen, an welchen keine Monarchie, Oligarchie oder demokratische
Regierungsform vorbeikommt. Machiavelli will, im Gegensatz zu weitläufigen
(und uninformierten) Meinungen, nicht das Wohle einzelner (der Fürsten)
fördern, sondern das Wohle aller, und dabei besonders das des
Bürgertums. Er stuppst in allen Kapiteln und Passagen in denen es es darum
geht ,,nicht verhaßt zu werden´´ den Fürsten mit der Nase
darauf, daß sein Wohl und Wehe vom Volke abhängt. Wer Machiavelli
komplett liest, wird ihn nicht andersherum interpretieren können. Um das
Wohl des Volkes zu erreichen muß ein Fürst ab und an auch
unpopuläre Entscheidungen fällen. Solche müssen aber auch
demokratischen Abgeordnete (wie zum Beispiel die der Bundesrepublik) fällen
können. Daher wurde ein freies Mandat für Abgeordnete
gesetzlich festgelegt, damit sie jederzeit die Möglichkeit haben, den
wahren Volkswillen herauszufinden (auch wenn dieser nicht der aktuellen
Meinung im Volke entsprechen sollte, und danach zu entscheiden, auch wenn die
Entscheidung absolut unpopulär sein sollte.
Machiavellis erstaunliche und nahezu nihilistische Einsicht in die
Schlechtigkeit der Menschheit, beruht, womit sich der Kreis schließt und
ich wieder auf den Ausgangspunkt zurückkomme, auf dem Bild, welches die
Menschheit in seiner Zeit abgab. Dieses war sicherlich ein ziemlich trauriges
(siehe auch Vorwort). Sicherlich treffen manche von Machiavellis Aussagen
nichtsdestotrotz heute noch zu, denn auch heute kann man nicht behaupten, die
Menschheit wäre durch und durch gut. Schlechte Menschen gab es
damals, wie heute, und es wird sie immer geben.
Vieles hat sich aber doch verändert, und so sollte man aus der
Lektüre Machiavellis lernen, sich kopfschüttelnd bedanken
daß man in unserer Zeit leben darf (jedenfalls politisch gesehen), und
nicht versuchen ihn wortgetreu auf heute zu übertragen.
Literatur
1
Niccolò Machiavelli, DER FüRST, 1980 VMA-Verlag
Wiesbaden. Mit einem Vorwort und Anmerkungen vom Herausgeber Werner Bahner.
2
Niccolò Machiavelli, PRINCIPELE, Bucuresti 1960.
3
Niccolò Machiavelli, DER FüRST, Meiners philosophische
Bibliothek, 1924 Leipzig
4
HERDERS BILDUNGSBUCH, Der Mensch in seiner Welt, 1953 Verlag Herder
Freiburg.
CREDITS: MR (nicht MERCIFUL RELEASE, sonder Matthias Schweinke), AKS
(´´Turn-Over``), SB (wann machst du die Tür sauber?!), The
Sisters Of Mercy, SKI, Melanie S. (danke!), Papi & Mami , CE (kaufst du die
Schläger nun?), CK (Autofahren kann er nicht, aber sonst ganz nett), Hotty
(Mr. 100%), N. Schwager (na, Surflehrer), MMS (ich vermisse Englisch, manchmal
Geschichte, und die Abi-Nacht), 1.FC Köln, Deine Lakaien, The Mission, NM
(mein erster Trink-Bruder), BS (danke für das Übernachtungsheim um 4
Uhr morgens), AK (einmal Döner, Teppichhändler. Was machen die
Souvenirs), Sascha S. (Du bist zu geil für diese Welt), Tom, Werner, Jens,
Dirk, den Papst und alle die mich sonst noch liebhaben.
Über dieses Dokument ...
Niccolò Machiavelli - Der Fürst
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Nikos Drakos, Computer
Based Learning Unit, University of Leeds.
The translation was initiated by Stephan Ilaender on Mon Sep 9 17:03:04 MET
DST 1996
Stephan Ilaender Mon Sep 9 17:03:04 MET DST 1996
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