|
Du bist hier: Referate Datenbank | Physik
| Atomenergie & Atomkraftwerke sowie die damit verbu
Atomenergie & Atomkraftwerke sowie die damit verbu
Ein Referet über die
Atomenergie
&
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Atomkraftwerke sowie die damit verbundenen
Probleme
DAS GRUNDPRINZIP DER KERNSPALTUNG
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Kernspaltung wird herbeigeführt, wenn man Uranatom (2) mit einem
Neutron (1) beschießt. Diese Atomgeschosse durchdringen die Atomhülle
und zertrümmern den Atomkern (2) in einzelne Bestandteile (3). Dadurch
werden weitere Neutronen frei (1), die wiederum andere Atomkerne (2) spalten.
Bei dieser Kettenreaktion entstehen radioaktive Spaltprodukte.
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Kernfusion
ist eine Verschmelzung zweier Atomkerne (2). Dabei lagern sich Protonen
(weiß) an Neutronen (blau) zusammen (3) zusammen. Unter großer Hitze
entsteht ein neuer Kern (4), ein Neutron (1) wird frei. 100 Kilogramm
Fusionsbrennstoff haben hierbei soviel Energie wie 1 Million Tonnen
Kohle.
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Kernkraftwerke
auch Atomkraftwerke genannt (AKW), wandeln Kernenergie in elektrischen Strom um.
Im Kernreaktor (5) entsteht durch Kernspaltung Hitze, die Wasser im
Dampferzeuger (6) zu Wasserdampf verwandelt. Damit wird die Dampfturbine mit dem
angeschlossenen Generator (7) betrieben. Der elektrische Strom wird in das Netz
eingespeist (8). Das Wasser wird im Kühltrum (9) gekühlt und erneut
durch den Kernreaktor geleitet.
Die Kernenergie stellt hierbei eigentlich eine sehr umweltfreundliche und
effiziente Art der Stromgewinnung dar. Zu den gravierenden Nachteilen kommen wir
später...
GESCHICHTLICHES
Wie alles begann
Entdeckung der Kernspaltung
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Ende 1938/Anfang 1939 entdeckte Otto Hahn in Berlin zusammen mit
Fritz
Straßmann die Spaltung des Uran-Atomkerns.
Wichtige Beiträge lieferte seit 1907 auch Hahns Mitarbeiterin Lise
Meitner,
die allerdings den Erfolg ihrer Arbeiten nicht mehr in Berlin
erleben
konnte.
Aus ihrem Exil lieferte sie aber die entscheidenden theoretischen
Berechnungen, die Hahn letztendlich dazu veranlaßten, seine
Entdeckung zu
veröffentlichen.
(Bild von Otto Hahn)
Hier ein Bild des Arbeitstisches von Hahn.
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Nicht vergessen sollte man allerdings auch die junge Freiburger
Chemikerin
Ida Noddack, die schon 1934 in der "Zeitschrift für angewandte Chemie"
die Vermutung des Zerplatzens der Kerne nach dem Beschuß mit Neutronen
äußerte aber von Fermi und Hahn nicht ernst genommen worden
war.
Gefahr eines Bombensprengstoffes
Bald darauf wurde erkannt, daß sich hieraus womöglich eine
Kettenreaktion solcher Spaltungen unter großer Energiefreisetzung
entwickeln ließe. Schon im Sommer 1939 veröffentlichte Siegfried
Flügge einen Zeitungsaufsatz, in dem diese Möglichkeit öffentlich
erörtert wurde.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Arbeiten als geheim
erklärt und in die Verantwortung des Herreswaffenamtes in Berlin gelegt und
von Kurt Diebner betreut. Diebner setzte auch das
Kaiser-Wilhelm-Institut
für Physik ein. Die Leitung übernahm Werner Heisenberg.
Die Arbeiten im Krieg
Die gesamten deutschen Arbeiten während des Krieges konzentrierten
sich auf den Bau eines Atomreaktors. Allerdings erkannte v. Weizsäcker
früh, daß mit Plutonium, das im Reaktor entstehen und leicht
abzutrennen sein würde, eine Atombombe realisierbar sein würde.
Die Entscheidung
Auf einer Sitzung im Herreswaffenamt im Februar 1942 antwortete Heisenberg
auf die Frage, ob innerhalb eines dreiviertel Jahres eine kriegsentscheidende
Waffe produziert werden könne, mit einem klaren Nein. Daraufhin verloren
die Nazis ihr Interesse an dem Projekt und das ganze Unternehmen wurde dem
Heereswaffenamt entzogen und dem Reichsforschungsrat unterstellt. 1944
übernahm Walther Gerlach dessen Leitung.
Über Spionagekanäle wurde die Möglichkeit eine Bombe zu
bauen, den deutschen Kriegsgegnern bekannt und verstze diese in großen
Schrecken. Mit dem Einsatz großer Mittel wurde daher in Amerika die
Atombombe entwickelt, welche später in Hiroshima eingesetzt
wurde.
DER ERSTE ATOMREAKTOR
Der Versuch B8 in Haigerloch
Die Verlegung des Labors nach Haigerloch
Wahrscheinlich erinnerte sich Prof. Gerlach, der in Tübingen Physik
studierte und dort auch Professor war, der Gegend um Hechingen und Haigerloch.
Er machte den Vorschlag, im schmalen Muschelkalktal der Eyach ein Bunkerlabor zu
bauen, da man sich hier sicherer fühlte vor Luftangriffen. Zufällig
entdeckten die Wissenschaftler den Bierkeller des Schwanenwirtes in Haigerloch
und mieteten diesen für ihre Arbeit an.
In einer abenteuerlichen Lastwagenfahrt wurde Uran und Schweres Wasser von
Berlin nach Haigerloch überführt, wo Ende März/Anfang April 1945
der Versuch begann.
Der Aufbau
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Der Kernreaktor befand sich in einem Betonzylinder. Zwischen der
äßeren Betonummantelung und dem inneren Mantel aus Aluminium war zu
Kühlung normales Wasser eingefüllt. In diesem Aluminiumkessel mit 210
cm Querschnitt und 210 cm Höhe war ein weiterer Kessel aus Magnesium.
Zwischen die beiden Kesselwände kam eine etwa 40 cm dicke Graphitschicht.
Dadurch sollte der Reaktor nach außen hin abgeschirmt werden, damit die
enstehenden Neutronen nicht entweichen konnten. Die am Deckel festgemachte
Anordnung mit 664 Uranwürfel(Kantenlänge 5 cm) wurde nun in den
inneren Magnesiumzylinder eingelassen. Es lag also ein räumliches Gitter
vor, der Abstand nächster Nachbarn betrug 14 cm. Dann wurde der Deckel auf
das Reaktorgefäß aufgeschraubt.
Die Durchführung
Im Zentrum der Anordnung befand sich die Neutronenquelle, die durch den
sog. Kamin eingelassen wurde. Außerdem befanden sich im Deckel
Kanäle, durch die Neutronensonden eingeführt werden konnten. Damit
erhielt man eine genaue Messung der Neutronenverteilung im Inneren der
Anordnung, in dem umgebenden Graphit und im Leichten Wasser des
Außenraumes. Das Schwere Wasser wurde zuletzt und vorsichtig
eingefüllt und dauernd die Vermehrung der Neutronen verfolgt. Wäre der
Reaktor kritisch geworden, dann wäre der Versuch abgebrochen
worden.
Das Ergebnis
Leermessung: Man bestimmte die Neutronenzahl ohne Uran und ohne Schwerers
Wasser, aber mit eingefahrener Neutronenquelle, im Außenraum.
Vollmessung: Man bestimmte die Neutronenzahl ebenfalls im Außenraum
mit eingebrachter Uran- und Schwerwasserfüllung.
Der Vermehrungsfaktor (das Verhätnis Voll- zu Leermessung) ergab sich
etwa zu 7. Damit war der Haigerlocher Reaktor nicht kritisch geworden.
Berechnungen ergaben, daß etwa die eineinhalbfache Reaktorgröße
notwendig gewesen wäre. Eine Vergrößerung war im April 1945
nicht mehr möglich, weil weder weiteres Uran noch Schweres Wasser vorhanden
war.
AUFBAU EINES KERNREAKTORS
Hier am Beispiel des Unglücksreaktors der (bis jetzt)
größten Atomkatastrophe in Tschernobyl im Jahre 1986. Dabei wurden
weite Teile Europas strahlenverseucht
Die Reaktoreinheit 4 des AKW Tschernobyl war von Typ RBMK-1000. Sie hatte
eine thermische Leistung von 3200 MW sowie eine elektrische Leistung von 1000
MW. Sie wurde im Dezember 1983 in Betrieb genommen.
Der Aufbau dieses Reaktortyps stellt sich folgendermaßen dar (siehe
Grafik): Eine Reihe von Graphitblöcken sind zwischen den senkrechten
Kanäle mit dem Brennstoff und den Kanälen für die
Leichtwasser-Siedekühlung plaziert. Das Graphit fungiert hier als Moderator
und bremst den Ausstoß von Neutronen während der Spaltung
ab.
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Der Wärmeaustausch zwischen den Grafikblöcken wird durch eine
Mischung aus Helium und Stickstoff reguliert. Dieser Aufbau hat den Vorteil,
daß, anders als in PWR oder BWR-Reaktoren, kein großer
Druckkörper erforderlich ist. Das Graphit erlaubt die Verwendung von
Brennstoff der nur niedrig mit Uran-235 angereichert wurde.
Schema eines Reaktors vom Typ RBMK-1000
In einem Reaktor vom Typ RBMK-1000 zirkuliert das Kühlmittel in einem
Kreislauf, der unter Druck steht. Der erzeugte Dampf wird direkt auf die
Generatorturbine geleitet. Nachdem der Dampf die Turbine angetrieben hat, wird
er kondensiert und zurückgeleitet. Es gibt zwei getrennte Kühlsysteme.
Jedes von ihnen besitzt vier Pumpen. Es gibt auch ein Notkühlsystem, das in
Aktion tritt, wenn ein Kühlkreislauf versagt. Daß das Kühlmittel
durch Röhren gepumpt wird, ist einer der größten Unterschiede zu
den meisten anderen Reaktortypen, bei denen ein großes
Druckgefäß alle Elemente des Kerns enthält.
Kleine Kügelchen, sogenannte “Pellets” mit Urandioxid,
angereichert mit 2% Uran-235 werde in eine 3,65m lange Röhre , den
“Brennstab” eingeschlossen. Zwei Sätze von 18 Brennstäben
sind zu einem Bündel von 10 Meter Länge zusammenmontiert. Diese
Brennelementbündel können durch die Bohrungen in den Reaktor hinein-
und wieder herausgefahren werden. Es gab in Block 4 insgesamt 1659 solcher
Brennelementbündel mit rund 114,7 kg Uran pro Bündel. Die Gesamtmasse
des Urans im Reaktorkern betrug somit 190,2 Tonnen.
Die besondere Reaktorkonstruktion erlaubt das Ersetzen des Brennstoffes,
während der Reaktor in Betrieb ist. Es gab zum Zeitpunkt des Unfalls
Brennelementbündel mit sehr unterschiedlich stark abgebrannten
Uran.
Der Reaktorkern ist mit einem biologischen Schild in Form eines
zylindrischen, koaxialen Tanks mit einem Durchmesser von 16,6 Metern umgeben,
der mit Wasser gefüllt ist. Dieser blieb nach dem Unfall übrigens
praktisch unbeschädigt. Tank und Reaktorkern sind oben und unten mit zwei
zylindrischen Deckeln aus Spezialstahl verschlossen, durch die verschiedene
Leitungen hindurchführen. Während der Explosion wurden diese Teile des
Reaktors herausgerissen. Durch die entstandenen Öffnungen gelangte der
Inhalt des Kerns dann nach außen.
Das Kontroll- und Sicherheitssystem beruht im wesentlichen auf 211
Kontrollstäben, die mit Borkarbid gefüllt sind. Diese Stäbe
können manuell, automatisch und in besonderen Notfällen in den
Reaktorkern eingeschoben werden. Normalerweise wird das Ein- und Ausfahren der
Kontrollstäbe durch besondere Detektoren im Kern automatisch geregelt. Gibt
es Störungen, so können die Kontrollstäbe sofort in den Kern
fallen gelassen werden. Dadurch wird dann die Spaltungsaktivität
-theoretisch sofort gestoppt. Nach Auffassung einer Gruppe internationaler
Experten, entsprechen die im AKW Tschernobyl vorhandenen Kontroll- und
Schutzvorschriften aber mit Abstand nicht den modernen Sicherheitsanforderungen,
wie sie in westlichen Atomkraftwerken Standard sind.
Es gibt zwar ein System zum Auffangen von radioaktivem Material. Dieses
dient aber nur zum Sammeln von kondensiertem radioaktiven Wasser und ist nicht
für den Zusammenbruch des Kerns gedacht. Was im Unterschied zu westlichen
Reaktoren völlig fehlt, daß ist ein zusätzlicher
Stahlbetonmantel, der die ganze Reaktoreinheit umgibt, und der theoretisch auch
einer Zerstörung des Reaktorkern standhalten soll.
KERNENERGIEAUSBAU WELTWEIT
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Jahr für Jahr gehen in aller Welt neue Kernkraftwerke ans Netz. 1996
waren es fünf in vier Ländern: In Frankreich, Japan (2), Rumänien
und den Vereinigten Staaten. Dadurch erhöhte sich die Gesamtzahl weltweit
auf 442 Anlagen. In 14 Ländern befinden sich weitere 36 in Bau. Im
vergangenen Jahr steuerte Kernenergie wieder 17 Prozent zur weltweiten
Stromversorgung bei, in Deutschland 34 Prozent. Aber in einigen Ländern wie
Frankreich, Belgien und Schweden liegt der Beitrag zum Teil weit über 50
Prozent.
KERNENERGIE IN EUROPA
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Europaweit sind derzeit in 17 Ländern 218 Kernkraftwerke (weltweit
434) mit einer installierten Leistung von 178 Millionen Kilowatt in Betrieb. 151
dieser Anlagen werden in den Staaten West- und Südeuropas sowie in
Skandinavien zur Nuklearstromerzeugung eingesetzt. Die GUS-Länder (einschl.
Armenien und Kasachstan) betreiben 49, die mittel- und osteuropäischen
Länder insgesamt 18 Kernkraftwerke.
Spitzenreiter in Europa ist im Ländervergleich Frankreich mit 56
Kernkraftwerken, die rund 75 Prozent des Strombedarfs decken. Deutschland
erzeugt in 20 Anlagen rund ein Drittel des benötigten Stroms mit
Kernenergie. Europaweit sind 25 Kernkraftwerke in Bau. In 15 der 17
europäischen Staaten mit eigener Kernenergiewirtschaft stammt mehr als 20
Prozent der Stromproduktion aus Kernenergie; in sieben Ländern liegt der
Anteil sogar über 40
Prozent.
DIE SCHATTENSEITEN DER KERNENERGIE:
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
DER REAKTORUNFALL IN TSCHERNOBYL IM JAHRE 1986
Im ukrainischen “Lenin”-Kernkraftwerk Tschernobyl wird ein
Experiment gestartet: Es soll geprüft
werden, wie lange die Turbine mit der Restwärme des abgeschalteten
Reaktors weiterläuft. Der Reaktor wird zuerst zur Leistungsspitze gebracht
und soll dann heruntergefahren werden. Damit der Probelauf des Reaktors nicht
unterbrochen wird, werden die Sicherheitssysteme mit Absicht außer
Funktion gesetzt.
26. April, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden: Es kommt zum Turbinenstillstand.
Der Kühlwasserzufluß ist eingeschränkt, die automatische
Abschaltung unterbrochen, es entwickelt sich ein Hitzestau. Innerhalb von
Sekunden steigt die Leistung des Meilers um ein Vielfaches an. 6 Sekunden nach
der Notabschaltung ereignet sich der größte anzunehmende Unfall
(GAU). Der Block 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl explodiert. Die 256 Arbeiter
der Nachtschicht dürfen das Kraftwerk nicht verlassen. In der unmittelbaren
Umgebung des Reaktors und in der benachbarten Stadt Pripjat ahnt die
Bevölkerung nichts von dem Ausmaß des Feuers im Kraftwerk.
27.April 1986: Die Stadt Pripjat ist abgeriegelt, die Telefone
funktionieren nicht, die Behörden informieren die Bewohner darüber,
daß sie für 3 Tage in Zelten untergebracht werden. Die
Löscharbeiten im Kraftwerk dauern an. Von Hubschraubern aus wird Sand,
Stahl, Blei und Lehm auf den brennenden Reaktor geworfen.
28. April 1986: In Schweden, Norwegen und Finnland wird erhöhte
Radioaktivität gemessen. Eine schwedische Militärforschungsanstalt
schließt einen Unfall in einem russischen Atomkraftwerk nicht aus. Die
sowjetische Atomenergiebehörde bestreitet eine
Reaktorkatastrophe.
28. April, 21 Uhr: Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS teilt mit,
daß es im Kernkraftwerk Tschernobyl einen Unfall gegeben habe. Es seien
Menschen zu Schaden gekommen. Es werde eine Untersuchungskommission gebildet.
Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen des Unglücks seien
eingeleitet.
28.April, 23 Uhr: Ein dänisches Laboratorium für Nuklearforschung
gibt bekannt, daß im Atommeiler Tschernobyl ein GAU stattgefunden habe,
wobei eine Reaktorstufe vollständig geschmolzen sei. Beim Durchschmelzen
des Reaktorkerns werde die gesamte Radioaktivität an die Außenwelt
abgegeben.
29.April 1986: In Deutschland erfolgt die erste offizielleMeldung
darüber, daß sich in der Sowjetunion “offenbar ein ernster
Atomunfall ereignet hat.” Mehr als 40 Stunden sind seit dem GAU vergangen.
Bundesforschungsminister Riesenhuber teilt mit, daß auf Grund der
Windverhältnisse nicht damit zu rechnen sei, daß die freigesetzte
Radioaktivität auf die Bundesrepublik zutreibt. Bundesinnenminister
Zimmermann schließt eine Gefährdung der bundesdeutschen
Bevölkerung aus, “...denn eine Gefährdung besteht nur im Umkreis
von 30 bis 50 Kilometer um den Reaktor herum.” Die UdSSR bittet Schweden
um Löschhilfe beim Brand des Kernkraftwerks Tschernobyl.
Es soll eine 30-Kilometer-Sicherheitszone um das Kraftwerk gezogen werden.
Mehrere zehntausend Menschen seien aus diesem Bereich zu evakuieren.
30.April 1986, 17 Uhr: Der Reaktorbrand ist angeblich
gelöscht.
1.Mai 1986: Die Bevölkerung nimmt überall in den betroffenen
Gebieten an den Feiern zum “Tag der Arbeit” teil. Der
Demonstrationszug in Kiew befindet sich sowohl räumlich als auch zeitlich
in dem Gebiet der höchsten radioaktiven Belastung. Nach offiziellen Angaben
der sowjetischen Behörden handelt es sich bei dem Unfall in Tschernobyl
nach wie vor um eine “Havarie”, nicht um einen GAU.
3.Mai 1986: Die deutschen Behörden warnen erstmals vor den
Auswirkungen der Reaktorkatastrophe. Bei der Explosion wurde etwa ein Viertel
der radioaktiven Stoffe sofort aus dem Reaktor nach außen gestoßen,
der Rest gelangte innerhalb der folgenden 14 Tage in die Atmosphäre. Allein
in der Katastrophennacht wurden “vorsichtigen Annahmen” der
Wissenschaftler zufolge rund 180 Millionen Curie frei. Die strahlende Wolke
verteilte sich danach in drei Windrichtungen. Am 26.4. über Skandinavien,
am 27. und 28.4. über Westeuropa, am 29. und 30.4. über dem Balkan.
Am stärksten betroffen sind weite Regionen von Weißrußland,
Rußland und der Ukraine. (Mehr dazu unter dem Menüpunkt: Die Fakten)
Die höchste Strahlenbelastung innerhalb der Bundesrepublik wird in Bayern
gemessen. Sie beträgt ein Curie.
21. Mai 1986: Pripjat wird offiziell vollständig evakuiert.
26. Juni 1986: Anweisung der Dritten Hauptabteilung des
Gesundheitsministeriums der UdSSR: “Alle Mitteilungen über die
Havarie sind geheim zu behandeln.” Ende des Jahres 1986 ist Tschernobyl
wieder am Netz.
29. Juli 1987: Wegen grober Verletzung von Sicherheitsregeln und
kriminellen Fahrlässigkeit werden sechs ehemalige Beamte und Techniker des
Atomkraftwerkes Tschernobyl zu Höchststrafen verurteilt.
29. Februar 1988: Nuklearmediziner stellen fest, daß niedrige
Strahlendosen gefährlicher sind als bisher angenommen.
16. April 1988: Aus sozialen Gründen sind bereits ca. 100, meist
ältere Menschen in die radioaktiv verseuchten Gebiete zurückgekehrt.
Weitere werden folgen.
18. April 1988: Der Generaldirektor der Internationalen
Atomenergieorganisation in Wien (IAEA), Blix, bestreitet die katastrophalen
Ausmaße des Reaktorunfalls. Abgesehen von einigen “Hot spots”
und radioaktiven Niederschlägen sei der Fallout in Europa nicht sehr ernst
gewesen.
18. Mai 1988: In Kiew werden auf Drängen der Bevölkerung erstmals
die Strahlenwerte von Lebensmitteln veröffentlicht. Bislang hieß es
von offizieller Seite lediglich, die Höhe der Strahlung sei
ungefährlich. In Weißrußland werden nach wie vor keine
Kontrollen der Produkte durchgeführt.
22. Dezember 1988: Sowjetische Wissenschaftler teilen mit, daß sich
noch ca. 90 Brennstäbe im Reaktorblock 4 von Tschernobyl befinden. Sie
weisen außerdem darauf hin, daß die Sicherheit des Sarkophags, der
den Reaktor mittlerweile umhüllt, nur für 20 bis 30 Jahre berechnet
sei.
1989: Die zweite Umsiedlungsphase beginnt. Nachdem in der ersten Phase 1986
nur die Bevölkerung aus der 30-km-Sperrzone evakuiert wurde, müssen
jetzt über 100.000 weitere Menschen aus Gebieten mit einer Belastung
über 15 Curie umsiedeln.
24. März 1989: Anläßlich der Eröffnung des
Volksdeputiertenkongresses wird die Nachrichtensperre über die
Auswirkungen der Katastrophe aufgehoben.
20. April 1989: Die sowjetische Regierung beschließt einen Baustopp
für den fünften und sechsten Reaktorblock im Kraftwerk
Tschernobyl.
25.April 1989: In einigen Gebieten Nord- und Ostschwedens werden noch immer
erhöhte Strahlenbelastungen gemessen. Etwa 70.000 Rentiere sind mit bis zu
30.000 Becquerel pro Kilogramm radioaktiv verseucht.
26.Juli 1989: Auf einer Kundgebung in der Republik Belarus,
Weißrußland, kommen 30.000 Menschen zusammen. In einer
Resolution an die Volksdeputierten des Obersten Sowjet von
Weißrußland fordern sie eine Ermittlung gegen die Verursacher der
Reaktorkatastrophe wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Produktion verseuchter
Agrarerzeugnisse soll eingestellt werden. Grenzwerte sollen festgelegt
werden.
2. Oktober 1989: 15.000 Demonstranten beschuldigen die Parteiführung
in Minsk, Weißrußland, die Wahrheit über die Verseuchung
verschwiegen zu haben.
1990: Erste Zahlen über Erkrankungen und Todesopfer als Folge des
Unfalls gelangen an die Öffentlichkeit. (Mehr dazu unter dem
Menüpunkt: Die Fakten).
7. Juli 1990: Zum ersten mal in der Geschichte der Sowjetunion findet eine
Demonstration innerhalb des Moskauer Kremls statt. Bewohner aus
Weißrußland fordern vom KPdSU-Parteitag eine politische
Stellungnahme, Meßgeräte und eine bessere Versorgung der
Strahlenopfer.
12. Juli 1990: Weißrußland erklärt sich zum
ökologischen Notstandsgebiet. Die Ukraine beschließt eine kostenlose
medizinische Versorgung der Tschernobyl-Opfer aus dem Umkreis des Reaktors. Sie
sollen einen Lohnzuschlag und 30 Rubel zum Kauf radioaktiv unbelasteter
Lebensmittel erhalten.
27.Juli 1990: Weißrußland erklärt sich zum souveränen
Staat und will, einem Parlamentsbeschluß entsprechend, als
hauptbetroffenes Land zur “atomwaffenfreien Zone” werden.
19. August 1990: Die Internationale Atomenergiebehörde erklärt,
daß der Sarkophag des Reaktors möglicherweise den Belastungen durch
die hohen Temperaturen und den Strahlenbeschuß im Inneren nicht
standhalten wird. Eine neue Katastrophe sei nicht ausgeschlossen.
7. Dezember 1990: Deutsche Kernkraftwerksbetreiber fordern eine nukleare
Marshallplanhilfe für Kraftwerke in Osteuropa.
7. Februar 1991: Fünf Jahre nach der Katastrophe leitet der
Generalstaatsanwalt der UdSSR nach zahlreichen öffentlichen Appellen
Strafverfahren gegen verantwortliche Behördenvertreter wegen
Amtsmißbrauchs und Fahrlässigkeit ein. Die Beamten hätten bei
der Evakuierung versagt, objektive Daten über die Höhe der
Radioaktivität ignoriert und Gesundheitsbestimmungen über die
Beseitigung von Atommüll verletzt.
15. April 1991: Der Katastropheneinsatzleiter und ukrainische Kernphysiker
Tschernousenko gibt in einem Zeitungsinterview Auskunft über die Zahlen der
Todesopfer von Strahlenschäden. Die Katastrophe habe bereits sieben-bis
zehntausend Menschenleben gefordert. Offiziell wird weiterhin von 31 Toten
gesprochen.
23. April 1991: In offiziellen Schätzungen wird bekannt gegeben,
daß bei dem Reaktorunglück insgesamt 509 Millionen Curie freigesetzt
worden sind. Die Halbwertzeit des hochgiftigen Plutoniums beträgt 24.360
Jahre, d.h., daß erst nach 348 Generationen die Hälfte des
radioaktiven Stoffs zerfallen sein wird.
April 1991: Westliche Hilfsorganisationen berichten, daß die
Bevölkerung der betroffenen Regionen noch nicht über die Auswertung
der Bodenproben informiert worden sei. Zwar sei Getreideanbau und Viehzucht
offiziell verboten, werde jedoch nach wie vor betrieben.
26. April 1991: Über 100.000 Menschen leben wieder in den evakuierten
und gesperrten Regionen.
21. Mai 1991: Die IAEA legt einen Bericht einer internationalen
Studienkommission vor, in dem behauptet wird, daß es zwar signifikante,
aber nicht mit Radioaktivität in Verbindung zu bringende
Gesundheitsstörungen gegeben habe. Der Unfall habe zu Streß und
Unruhe geführt.
26. Mai 1991: Greenpeace und internationale Hilfsorganisationen
protestieren gegen die Verharmlosungspolitik der IAEA in Wien.
12. Oktober 1991: In Block 2 des Kernkraftwerkes Tschernobyl bricht ein
Feuer aus. Es wird nach wenigen Stunden gelöscht, der radioaktive Ausfall
liegt angeblich in den normalen Grenzen. Nachdem auch der Block 2 abgeschaltet
werden muß, beschließt das ukrainische Parlament die endgültige
Stillegung des AKW bis Ende 1993.
25. Januar 1992: Der ukrainische Kernphysiker Tschernousenko klagt in einem
Interview erneut die Atommafia, die Regierung und die IAEA an, die
Öffentlichkeit bewußt über die Ausmaße der Katastrophe von
Tschernobyl in die Irre geführt zu haben.
31.März 1992: Im Kernkraftwerk Sosnowyj Bor, St. Petersburg kommt es
zu einem schweren Störfall. Täglich treten 6.000 Curie in Form
radioaktiven Gases aus. Es handelt sich um einen Reaktor des
Tschernobyl-Typs.
1.Juni 1992: Durch den Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion fehlt es an
finanziellen Mitteln zur Beseitigung der Schäden der Reaktorkatastrophe.
Schätzungen zufolge wären ca. 200 Milliarden Mark nötig. Dazu
Boris Jelzin: “ Leider kann die russische Regierung unter den
gegenwärtigen wirtschaftlichen Umständen kein großangelegtes
Hilfsprogramm für Kinder auflegen.” Es treten immer mehr Fälle
von Schilddrüsenkrebs bei Kindern auf.
3.März 1993: Aufgrund eines Lecks in einer der Wasserpumpen des
Kühlkreislaufs muß das Atomkraftwerk Tschernobyl wiederholt
abgeschaltet werden. Immer wieder kommt es zu Störfällen im
Unglücksreaktor sowie im ukrainischen Atomkraftwerk Saporoschje, im
litauischen Ignalina und anderen Ost-Reaktoren.
15. Juni 1993: Messungen ergeben, daß der Schnee auf dem
Montblanc-Massiv in 20 Metern Tiefe noch immer durch die Folgen der
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl radioaktiv verseucht ist.
Ende 1993:
Die ukrainische Regierung und das Parlament beschließen mit Verweis
auf die Energiekrise des Landes, daß Tschernobyl am Netz bleibt. Das
Moratorium für die Inbetriebnahme weiterer Kraftwerksblöcke wird
aufgehoben.
18. April 1994: Greenpeace legt eine Studie vor, in der Vorschläge zur
Neuorientierung der Energiewirtschaft gemacht werden. Die Ukraine könne zur
Deckung ihres Strombedarfs auf Atomstrom verzichten.
6. Juli 1994: Mitarbeiter des Atomkraftwerkes Tschernobyl und westliche
Experten berichten, daß die Reaktoren 1 und 3 unter immer
gefährlicheren Bedingungen arbeiten. Die Alarmsysteme seien nicht
ausreichend. Verschlissene Teile könnten nicht immer ausgewechselt werden.
Der ukrainische Präsident Krawtschuk erwägt den Bau eines neuen
Atomkraftwerkes in der Nähe von Tschernobyl für den Fall, daß
der Unglücksreaktor geschlossen wird.
10. Juli 1994: Die G 7-Staaten wollen bis zu 200 Millionen Dollar für
die Stillegung von Tschernobyl bereitstellen. Mit dem Geld sollen drei im Bau
befindliche Atomreaktoren fertiggestellt und Reformen in der Energiewirtschaft
finanziert werden.
27. Juli 1994: Das Firmenkonsortium “Alliance” wird von der
Europäischen Kommission beauftragt, eine Studie zum Bau eines neuen
Sarkophags für den Reaktor von Tschernobyl anzufertigen.
27. Dezember 1994: Laut der Gesellschaft für Reaktorsicherheit weisen
10 Druckwasserreaktoren in Osteuropa größte Sicherheitsdefizite auf.
Von 16 Reaktoren des Tschernobyl-Typs müßten auch nach sowjetischer
Meinung sechs stillgelegt werden.
Februar 1995: Die erste Phase der EG-Machbarkeitsstudie zur Stabilität
des Sarkophags wird abgeschlossen. Die Ruine sei “eine riesige offene
Strahlenquelle mit unzureichend bekannter Auslegung, Zusammensetzung und
Eigenschaften”, so ein Bericht. Das Konsortium verweist auf die
Einsturzgefahr der ersten Hülle und auf die Atommüllprobleme bei der
Errichtung des zweiten Sarkophags. Mit dem Baubeginn wird im April 1996
gerechnet, dem zehnten Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl. Bauzeit ca. 10
Jahre.
16. Mai 1995: Die ukrainische Regierung legt neue Stillegungspläne
vor. Der erste Reaktor von Tschernobyl soll 1997, der Reaktor 3 im Jahr 1999
endgültig abgeschaltet werden. Für die Schließung von
Tschernobyl fordert die Ukraine 4 Milliarden Mark von den G7-Staaten. Die
Stromversorgung soll von einem Gaskraftwerk übernommen werden.
8. Dezember 1995: In einem Tschernobyl-Memorandum legen die Ukraine und die
G7-Staaten die Stillegung der zwei noch funktionierenden Reaktoren in
Tschernobyl fest. Nach der Aussage des ukrainischen Umweltministers Kostenko ist
jedoch in dem Memorandum kein fester Zeitpunkt mehr festgelegt. Von westlicher
Seite wird dies bestritten.
DIE FOLGEN VON STRAHLUNG
Mit der radioaktiv versuchten Wolke wurde eine rund 200fache Menge an
Radioaktivität freigesetzt wie bei den Atombombenabwürfen von
Hiroshima oder Nagasaki. Die Folgen dieser nuklearen Katastrophe sind auch
heute, zehn Jahre nach dem Unfall, noch immer nicht in ihrer ganzen Tragweite
absehbar. Besonders betroffen sind die Menschen, die in verstrahlten Gebieten in
Weißrußland, der Ukraine und Rußland leben. Die
gesundheitliche, wirtschaftliche und ökologische Zukunft ganzer Regionen
ist für Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zerstört. In
Weißrußland, der Ukraine und Rußland leben heute 5,8 Millionen
Menschen in Gebieten, die mit einer Strahlung von mehr als 185.000 Becquerel pro
Quadratmeter (Bq/m2) Boden belastet sind. Zum Vergleich: In den sechziger
Jahren, während der Hochphase der oberirdischen Atombombenversuche, kam es
zu Spitzenbelastungen von rund 5.000 Bq/m2. Insgesamt leben rund neun Millionen
Menschen in potentiell gesundheitsgefährdenden Gebieten. Allein in der
Ukraine werden offiziell über drei Millionen Menschen als
Tschernobyl-Betroffene eingestuft. Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten
Nationen (WHO) geht davon aus, daß gesicherte Erkenntnisse über das
tatsächliche Ausmaß an strahlenbedingtem Siechtum und Tod in Folge
von Tschernobyl frühestens in 20 Jahren vorliegen werden.
Unmittelbar nach dem Unfall starben laut offiziellen Angaben 31 Menschen an
Verbrennungen und akuter Strahlenkrankheit. Zwei- bis dreihundert weitere
schwere Krankheitsfälle wurden gemeldet. Hiervon betroffen waren
Angehörige des Betriebspersonals, Feuerwehrleute sowie Soldaten, die an
Aufräumarbeiten beteiligt waren. Insgesamt wurden nach dem Unfall etwa
800.000 Personen zu Räumungs- und Dekontaminationsarbeiten am
zerstörten Reaktorblock eingesetzt - meist junge Wehrdienstleistende, die
aus der gesamten Sowjetunion zusammengezogen wurden. Von diesen
Katastrophenhelfern, im sowjetischen Sprachgebrauch “Liquidatoren”
genannt, sind bis heute mindestens 7.000 Menschen verstorben. Die
Selbsthilfegruppe der Liquidatoren sprach allerdings schon vor einigen Jahren
von bis zu 10.000 Toten. Anderen Angaben zufolge starben bisher bereits 15.000
Personen aus dieser Gruppe. Über die Zahl der erkrankten Liquidatoren
liegen keine gesicherten Daten vor. Die WHO spricht jedoch von etwa 125.000
Erkrankten. Zu den Gesundheitsschäden, die bei Liquidatoren in den ersten
Jahren nach dem Unfall festgestellt wurden, gehören vor allem Erkrankungen
des Zentralnervensystems, des Herz-Kreislaufsystems, der Verdauungsorgane sowie
Störungen im Immunsystem. Nach offiziellen Angaben wurde eine Zunahme von
Leukämie bisher nicht nachgewiesen, wohl aber von festen Tumoren in der
Lunge, den Bronchien und im Magen. Darüberhinaus sind Hauterkrankungen
häufig, die in vielen Fällen plastische Operationen erforderlich
machen. Auch Krankheiten der Augen und verschiedene neurologische Störungen
treten häufig auf. Jeder fünfte Liquidator leidet unter
Schlafstörungen. Die Selbstmordrate unter den Betroffenen liegt mit 19
Prozent überdurchschnittlich hoch. Von den 200.000 ukrainischen
Liquidatoren wird heute ein Viertel offiziell als arbeitsunfähig
eingestuft. 38 Prozent ihrer russischen Kollegen gelten als krank.
SCHILDDRüSENKREBSFäLLE BEI KINDERN VOR UND NACH DEM UNFALL:
|
Jahr:
|
1985
|
1986
|
1987
|
1988
|
1989
|
1990
|
1991
|
1992
|
1993
|
1994
|
|
Rußland
|
0
|
0
|
1
|
0
|
0
|
2
|
0
|
4
|
6
|
11
|
|
Ukraine
|
5
|
8
|
7
|
8
|
11
|
26
|
22
|
47
|
42
|
37
|
|
Weißrußland
|
1
|
2
|
4
|
5
|
7
|
29
|
59
|
66
|
79
|
82
|
Innerhalb der nächsten 30 Jahre werden noch bis zu 50.000 Fälle
erwartet.
DER ANFANG VOM ENDE DER ATOMINDUSTRIE?
WAS SICH IN DEN 10 JAHREN SEIT DER TSCHERNOBYL-KATASTROPHE GETAN HAT
Tschernobyl hat der Atomwirtschaft zwar geschadet, doch die großen
Reaktoren laufen zehn Jahre später noch fast alle. Der folgende Artikel
zeichnet die Strategien der AKW-Betreiber in dieser Zeit nach, zeigt, wo ihre
Politik gescheitert ist, und welche Chancen sich für die Anti-AKW-Bewegung
daraus in naher Zukunft entwickeln können. (Red.)
Als vor zehn Jahren die radioaktive Wolke aus Tschernobyl über Europa
zog, als bisher exotische Maßeinheiten wie Becquerel oder rem, Curie oder
Sievert plötzlich zur Allgemeinbildung zählten, da waren viele
Menschen der Überzeugung, daß damit das Ende der Atomenergienutzung
besiegelt sei. Der Schrecken, daß wirklich eintreten kann, wovor kritische
WissenschaftlerInnen und die Anti- AKW-Bewegung immer wieder gewarnt hatten,
saß tief. Unzählige gingen damals auf die Strasse und forderten die
sofortige Stillegung aller Atomanlagen. Bald waren Energiewendeszenarios in
Umlauf, die zeigten, daß diese Forderung wirklich umsetzbar ist. Die
Atomindustrie und ihre Lobby in der Regierung wehrte sich mit allen Mitteln.
Zuerst wurde versucht, das Problem auf die unsicheren Ost-Reaktoren zu
beschränken. Die deutschen AKWs seien die sichersten der Welt. Dann wurde
in Bonn ein neues Ministerium (Umwelt und Reaktorsicherheit) geschaffen, um
eigenes Handeln vorzutäuschen. Aufgrund der Verunsicherung in der
Bevölkerung bezüglich der radioaktiven Belastung von Lebensmitteln
gelang es relativ schnell, den Schwerpunkt der Debatte weg vom Betrieb der
Atommeiler und hin zu der Diskussion um Grenzwerte zu lenken. So war einige
Monate nach Tschernobyl die Frage, was mit relativ gering strahlender Molke zu
geschehen habe, von größerem öffentlichen Interesse, als die
Gefahr eines Super-GAU in deutschen AKWs. Gleichzeitig wurden Demonstrationen
wie z.B. in Wackersdorf von massiven Polizeieinsätzen behindert und
zahlreiche AktivistInnen mit Strafprozessen überzogen.
Die AtomikerInnen verfolgten in den ersten Monaten und Jahren nach der
Reaktorkatastrophe folgende Ziele: Die bereits in Betrieb befindlichen
Kraftwerke sollten um die Stillegung herumkommen und die kurz vor der
Inbetriebnahme stehenden Reaktoren (z.B. in Neckarwestheim und Brokdorf) sollten
ans Netz gehen, damit sich die horrenden Baukosten amortisieren können.
Diese Ziele wurden erreicht. Selbst der Beinahe-GAU im AKW Biblis und der
Bestechungs-Skandal um die Hanauer Atomtransport-Firma Transnuklear 1987 hatten
darauf keinen Einfluß.
Doch die Erfolge der Atomindustrie in der Defensive mußten teuer
erkauft werden. An die Realisierung neuer AKW-Projekte war nicht im Traum zu
denken. Die Reaktorbauer von Siemens-KWU entließen nach und nach einen
Großteil ihrer Belegschaft. Zahlreiche sogenannte Zukunftsprojekte
mußten aufgegeben werden: Der Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop, der
Schnelle Brüter in Kalkar und vor allem die heftig umkämpfte
Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf wurden teilweise über Nacht zu
riesigen Investitionsruinen.
Im Laufe der Jahre verschwanden alte Argumente und neue kamen auf den
Tisch. Niemand redet inzwischen mehr davon, daß ohne Atomstrom die Lichter
ausgehen. Jetzt ist es das Klima, welches durch die AKWs gerettet werden soll.
Doch die Werbekampagnen der AKW-Betreiber haben wenig Erfolg. Die atomkritische
Stimmung in der Bevölkerung bleibt konstant erhalten, auch wenn
zwischenzeitlich nur noch wenige in Anti-Atom-Initiativen aktiv waren.
Nachdem die Auseinandersetzung in den Jahren nach Tschernobyl mit einem
Patt endete (die Atomindustrie warf zugunsten der bestehenden AKWs umstrittenen
Ballast ab), begann die mühsame Auseinandersetzung um die laufenden
Anlagen. Die Bilanz nach zehn Jahren:
Es ist bisher nicht gelungen, konkrete Planungen für AKW- Neubauten
durchzusetzen. Die nach der Annektierung der DDR kurzzeitig erwogene
Fertigstellung der Reaktoren in Stendal wurde bereits nach der ersten
größeren Demo an der Baustelle aufgegeben. Auch die Greifswalder AKWs
mußten stillgelegt werden. Damit gibt es im deutschen Osten keinen
kommerziell genutzten Reaktor mehr.
Von den 21 westdeutschen Leistungsreaktoren sind zwei auf Dauer vom Netz
genommen. Das AKW Mülheim-Kärlich ist seit Jahren gerichtlich
blockiert. Der Reaktor in Würgassen wurde aufgrund technischer Probleme
von den Betreibern 1995 aufgegeben. Bei anderen Kraftwerken mußten immer
wieder längere Stillstandszeiten in Kauf genommen werden. Mit den anderen
Anlagen in Brunsbüttel, Krümmel, Obrigheim und Biblis konnten die
Stromkonzerne so teilweise über Jahre keine müde Mark erwirtschaften.
Nach langer Auseinandersetzung gab Siemens die Brennelemente-Fertigung in Hanau
auf.
Im Streit um den Atommüll konnten die Projekte in Ahaus
(Zwischenlager), Gorleben (Zwischenlager und Endlager, Konditionierungsanlage),
Salzgitter (Endlager) und Greifswald (Zwischenlager) teilweise um mehr als ein
Jahrzehnt verzögert werden. Das Ausweichen der AKW-Betreiber ins Ausland
ist kostenintensiv und umstritten. Die Atommülltransporte zur
Wiederaufarbeitung nach Sellafield und La Hagü sind seit Jahren bevorzugtes
Aktionsziel der Anti-AKW-Bewegung.
Die 1992 begonnenen sogenannten Energiekonsensgespräche zwischen
Bundesregierung und Atomwirtschaft auf der einen und der sozialdemokratischen
Partei auf der anderen Seite waren der Versuch, die SPD von ihrer nach
Tschernobyl formulierten “sowohl als auch”-Atompolitik wieder auf
den rechten Weg zu bringen. So ging es am Anfang darum, die Möglichkeit
zukünftiger AKW-Neubauten auszuloten. Die letzten verbliebenen
Siemens-ReaktorbauingenieurInnen basteln gemeinsam mit französischen
KollegInnen an einem neuen Kraftwerkstyp. Zu der von der Stromindustrie
geforderten Investitionssicherheit für Neubauten konnte sich die SPD
aufgrund der gesellschaftlichen Stimmung nicht durchringen, obwohl
Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder massiv dafür
geworben hatte.
Damit blieb den Energiekonzernen auch in den Konsens-Gesprächen nur
die Bestandssicherung. Schröder war ihr stärkster Propagandist, indem
er sogenannte “Restlaufzeiten” von 30 Jahren vorschlug. Nachdem die
ersten beiden Konsens-Runden 1993 und 1995 aufgrund des massiven Drucks aus der
Anti-AKW-Bewegung gescheitert sind, geht es inzwischen nur noch um den
Atommüll. Die Betreiber wünschen sich eine Klärung in der
Entsorgungsfrage, damit sie ungestört weiter strahlende Abfälle
produzieren können. Doch damit bewegen sie sich auf dem Politikfeld, in dem
die Anti-Atom-AktivistInnen ihre größte Aktionsfähigkeit
erhalten haben.
Ein zweites Tschernobyl, darin sind sich die Bundesregierung und
AKW-Betreiber einig, würde die Branche wohl kaum überleben. Wie lange
sie sich noch über Wasser halten kann, bevor uns (oder ihr) das
berühmt-berüchtigte Restrisiko den Rest gibt, hängt entscheidend
davon ab, ob sich der Trend der letzten zwei Jahre fortsetzt, in denen die
Anti-AKW-Bewegung wieder erfreulichen Zulauf bekommen hat. Vielen wird klar,
daß es geradezu zynisch wäre, auf den nächsten GAU oder das
Durchrosten der Alt-AKWs zu warten.
Die letzten zehn Jahre haben gezeigt, daß sich die Atomindustrie
nicht von selbst erledigt. Um einmal in militärischen Kategorien zu
sprechen: Nur dort, wo sich die Menschen entschieden zur Wehr setzen,
können neue Atom-Offensiven verhindert werden und die Rückzugsgefechte
der Betreiber sind dann aussichtslos, wenn diejenigen, die sich bei Umfragen
immer gegen die AKWs aussprechen, anfangen, ihre Überzeugung in die Tat
umzusetzen.
Die Demonstrationen zum 10. Tschernobyl-Jahrestag und der Widerstand gegen
die Anfang Mai geplanten nächsten Castor-Transporte nach Gorleben werden
zeigen, ob die atomkritische Masse in der Bundesrepublik dazu in der Lage ist,
das Patt im Streit um die AKWs zu beenden. 1997 kann der Anfang vom Ende der
Atomindustrie sein. Es liegt an jedem und jeder Einzelnen.
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
|