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| Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkei
Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkei
P A U L W A T Z L A W I C K:
WIE WIRKLICH IST DIE WIRKLICHKEIT?
WAHN - TÄUSCHUNG - VERSTEHEN
Was ist der Konstruktivismus?
Ist die in der Philosophie der Mathematik zwischen Formalismus und
Platonismus stehende Position, nach der die Existenz mathematischer Objekte zwar
prinzipiell nicht geleugnet, aber nur insoweit anerkannt wird, als ihre Existenz
beweisbar ist.
Dieses Buch handelt davon, daß die sogenannte Wirklichkeit das
Ergebnis von KOMMUNIKATION ist.
Die Wirklichkeit ist das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur
die Art und Weise
sie zu beschreiben und mitzuteilen.
Wir müssen oft Tatsachen verdrehen, damit sie unserer
Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen. Es gibt zahllose
Wirklichkeitsauffassungen, die sehr widersprüchlich sein können, die
alle das Ergebnis von Kommunikation sind.
Das Studium der sogenannten Pragmatik der menschl. Kommunikation, das
heißt der Art und Weise, in der sich Menschen durch Kommunikation
gegenseitig beeinflussen, dieses Studium ist ein verhältnismäßig
neuer Zweig der Forschung. (Es können dadurch ganz verschiedene
“Wirklichkeiten”, Weltanschauungen und Wahnvorstellungen
entstehen.)
ACHTUNG: Buch wurde schon 1978 veröffentlicht!
Der Glaube, daß die eigene Sicht der Wirklichkeit die Wiklichkeit
schlechthin bedeute, ist eine “gefährliche” Wahnidee.
EINTEILUNG DES BUCHES:
TEIL I:
Es handelt von KONFUSION, das heißt von Kommunikationsstörungen
und der daraus folgenden Verzerrungen des Wirklichkeitserlebnisses.
TEIL 2:
Es untersucht den Begriff der DESINFORMATION, womit jene Komplikationen und
Störungen der zwischenmenschlichen Wirklichkeit gemeint sind, die sich bei
der aktiven Suche nach Information ergeben können.
TEIL 3:
Dieser Teil ist den faszinierenden Problemen der Anbahnung von
Kommunikation dort gewidmet, wo noch keine besteht.
K O N F U S I O N:
Konfusion ist die Folge gescheiteter Kommunikation und
hinterläßt den Empfänger in einem Zustand der Ungewißheit
oder eines Mißverständnisses.
Konfusion ist ein recht alltägliches Ereignis, sie ist
unerwünscht und daher zu vermeiden.
Konfusion ist das Spiegelbild “guter” Kommunikation.
Es gibt Formen sprachlicher Konfusion die sich aus der
unterschiedlichen Bedeutung gleicher oder ähnlicher Worte
ergeben.
z.B.: BURRO = spanisch: Esel
= italienisch: Butter
BILLION = USA/Frankreich: 10
= England: 10
Eine sprachliche Konfusion besteht ebenfalls bei den österreichischen
und italienischen Bienen bei der Beschreibung der Entfernung der
Futterquelle.
RUNDTANZ: wenn sich der gefundene Nektar in unmittelbarer Nähe des
Stocks befindet.
SICHELTANZ: Futter befindet sich in mittlerer Entfernung vom
Stock.
SCHWÄNZELTANZ: Futter ist weit vom Stock entfernt.
Diese Bienenarten kreuzen sich, leben friedlich zusammen, sprechen aber
unterschiedliche DIALEKTE, das heißt, die erwähnten
Entfernungsangaben haben für sie verschiedene Bedeutung.
Die italienische Biene verwendet den Schwänzeltanz zur Angabe von
Entfernungen über 40 Meter, während für die österreichische
dasselbe Signal eine Entfernung von mindestens 90 Metern bedeutet.
Es gibt unzählige Verhaltensformen, die allen Mitgliedern einer
bestimmten Kultur zur Vermittlung AVERBALER KOMMUNIKATION dienen.
Diese Verhaltensweisen sind das Resultat des Aufwachsens und der
Sozialisierung in einer bestimmten Kulturform, Familientradition usw. und werden
dadurch sozusagen in uns hineinprogrammiert.
Die Ethnologen verweisen darauf, daß es in verschiedenen Kulturen
buchstäblich Hunderte von Formen der Begrüßung, des Ausdrucks
von Freude oder Trauer, des Sitzens, Stehens, Gehens, Lachens usw.
gibt.
In jeder Kultur gibt es eine Regel über den richtigen Abstand, den man
einem Fremden gegenüber z.B.: bei der Begrüßung einzunehmen
hat.
Bei Nordamerikanern und Westeuropäern ist der Abstand wesentlich
größer als bei Lateinamerianern. Solange die Kommunikationsteilnehmer
denselben Abstand einhalten, kann zwischen diesen kein Konflikt entstehen. Wenn
sich nun aber ein Nordamerikaner und ein Südamerikaner in dieser Situation
befinden, werden beide das Gefühl haben, daß sich der andere
“falsch” benimmt und beide werden versuchen, die Situation zu
korrigieren.
Der Nordamerikaner wird die Situation als unangenehm empfinden und durch
Zurücktreten die für ihn “richtige” Distanz herstellen,
der Südamerikaner hat aber dann das Gefühl, daß etwas nicht
stimmt, und wird aufrücken.
Weiteres Beispiel: Ehezwist/ Flitterwochen (verschiedene Interpretationen
vom Zweck und der Bedeutung der Flitterwochen S.18)
In beiden Fällen bräuchte man einen
“Übersetzer”, der mehr als nur Sprachen kennen
muß.
Wichtig ist auch die Tatsache, daß eine Sprache nicht nur INFORMATION
übermittelt, sondern auch Ausdruck einer ganz bestimmten
WIRKLICHKEITSAUFFASSUNG ist.
Verschiedene Sprachen sind nicht ebensoviele Bezeichnungen einer
Sache, es sind verschiedene Ansichten derselben.
Diese Eigenschaft aller Sprachen fällt besonders in internationalen
Konferenzen ins Gewicht, wo es zum Zusammenprall von Ideologien kommt.
PARADOXIEN:
Man sieht, daß Konfusion überall dort auftreten kann, wo von
einer Sprache (im weitesten Sinne) in eine andere übersetzt werden
muß. Es kann sich aus verschiedenen Gründen ergeben, daß eine
Mitteilung für Sender und Empfänger verschiedenen Sinn und Bedeutung
hat.
Die Konfusion ist im nächsten Beispiel nicht als Folge einer
Störung des Übertragungsvorganges aufgetreten, sondern sie ist in der
Struktur der Mitteilung selbst enthalten.
1.BEISPIEL:
Der Teufel stellte die Allmacht Gottes dadurch in Frage, daß er ihn
aufforderte, einen Felsen zu schaffen, der so riesengroß war, daß
nicht einmal Gott selbst ihn aufheben konnte. Wie vereinbart sich das mit Gottes
Allmächtigkeit?
Solange er den Felsen aufheben kann, hat er es nicht fertiggebracht, ihn
groß genug zu schaffen; kann er ihn aber nicht heben, so ist er aus diesem
Grunde nicht allmächtig.
2.BEISPIEL:
IGNORE THIS SIGN
Um diese Aufforderung zu befolgen, muß man das Schild erst lesen.
Damit verletzt man die Anweisung der Nichtbeachtung.
3.BEISPIEL:
MARY POPPINS: Corry fragt Mary Poppins, ob ihre Tochter noch keine
Pfefferkuchen hergegeben hat, andererseits beklagt sie sich darüber,
daß ihre Tochter gerade im Begriff war, dieses zu tun, ohne die Erlaubnis
der Mutter.
Bei Corrys Tochter lassen sich 3 Variationen des Grundthemas
unterscheiden:
- Wer für seine Wirklichkeitswahrnehmungen oder für die Art und
Weise, wie er sich selbst sieht, von Menschen, die für ihn
lebenswichtig sind, getadelt wird, wird schließlich dazu neigen, seinen
Sinnen zu mißtrauen.
Durch Unsicherheit kommt es zu der
Aufforderung der anderern, sich mehr anzustrengen und die Dinge
“richtig” zu sehen. Es wird der Person immer wieder nahegelegt, sie
habe Unrecht, dadurch fällt es ihr noch schwerer, sich in der Welt und in
zwischenmenschlichen Situationen zurechtzufinden.
Sie wird in ihrer KONFUSION dazu neigen, auf immer abwegigere Weise nach
jenen Sinnzusammmenhängen und jener Ordnung der Wirklichkeit zu suchen, die
den anderen anscheinend so klar sind, ihr aber nicht.
Ihr Verhalten (in künstlicher Isolierung) würde dem klinischen
Bild der SCHIZOPHRENIE entsprechen.
- Wer von für ihn lebenswichtigen Personen dafür verantwortlich
gemacht wird, anders zu
fühlen, als er
fühlen sollte, wird sich schließlich dafür schuldig fühlen,
nicht die richtigen
Gefühle in sich erwecken zu könen.
Ein Dilemma ergibt sich dann, wenn Eltern der Meinung sind, ein
richtig erzogenes Kind
müsse ein fröhliches Kind sein. “Nach allem, was wir
für dich getan haben, solltest du
froh und zufrieden sein.”
Auf diese Weise wird die kleinste Traurigkeit oder Verzagtheit des
Kindes zu Undank-
barkeit und Böswilligkeit abgestempelt und kann in ihm endlose
Gewissensqualen
erzeugen.
Das sich daraus ergebende Verhalten (in künstlicher Isolierung)
des Kindes entspricht
dem klinischen Bild der DEPRESSION.
- Wer von Personen, die für ihn lebenswichtig sind, Verhaltensanweisungen
erhält, die
bestimmte Handlungen sowohl erfordern als auch
verbieten, wird dadurch in eine
paradoxe Situation versetzt, in der er nur durch Ungehorsam gehorchen
kann.
BEISPIEL: Es gibt Eltern, die sehr großen Wert auf Gewinnen bei ihren
Kindern legen, ihnen würde auch jedes Mittel recht sein. Andererseits legen
sie auch großen Wert auf Fairneß und Ehrlichkeit.
BEISPIEL: Wenn eine Mutter ihre Tochter bereits in sehr frühem Alter
vor der Häßlichkeit und den Gefahren alles Sexuellen zu warnen
beginnt, gleichzeitig aber dem Mädchen “eintrichtert”,
daß man sich als Frau von Männern umschwärmen und begehren
lassen soll.
Das sich aus diesem Widerspruch ergebende Verhalten entspricht häufig
der sozialen Definition der HALTLOSIGKEIT.
- Die “Sei spontan!”- Paradoxien:
Entstehen dann,
wenn ein Partner vom anderen ein ganz bestimmtes SPONTANES Verhalten fordert,
das sich aber deswegen nicht spontan ergeben kann, weil es gefordert wurde.
Geforderte Spontanität führt in die paradoxe Situation, in der
die Forderung ihre eigene Erfüllung unmöglich macht.
BEISPIEL: Ehefrau beklagt sich bei ihrem Mann, ihr doch gelegentlich Blumen
mitzubringen. Sie hat sich nun die Erfüllung ihrer Sehnsucht endgültig
verbaut.
- Wenn er ihren Wunsch ignoriert, wird sie sich
noch weniger geliebt fühlen.
- Kommt er aber doch einmal mit Blumen, so wird sie
trotzdem unzufrieden sein, denn er bringt ihr die Blumen ja nicht spontan von
sich aus, sondern nur, weil sie es verlangte.
PARADOXIEN sind
universal, und sie können ihr Unwesen in allen möglichen Gebieten
menschlicher Beziehungen treiben.
Es besteht guter Grund zur Annahme, daß sie unsere
WIRKLICHKEITSAUFFASSUNG nachhaltig beeinflussen können.
DIE VORTEILE DER KONFUSION:
Situation: Susi betritt ein Zimmer, und die dort Anwesenden brechen in
lautes Lachen aus. Für sie ist das sehr verwirrend, denn entweder sehen sie
die Situation anders, oder sie sind im Besitz von Informationen, die ihr
unbekannt sind.
Sie sucht nun nach ANHALTSPUNKTEN für das Lachen (dreht sich z.B. um,
ob irgendjemand Faxen hinter ihrem Rücken macht, verlangt eine
Erklärung für ihr Verhalten...)
Jeder Zustand der Konfusion löst also eine sofortige Suche nach
Anhaltspunkten aus, die zur Klärung der Ungewißheit und dem damit
verbundenen Unbehagen dienen können.
Eine Folge von Konfusion, nämlich die Tatsache, daß sie unsere
Wahrnehmung für unter Umständen kleinste Einzelheiten schärft,
ist von großem Interesse.
In ungewöhnlichen Lagen, zum Beispiel in großer Gefahr, sind wir
unvermutet gewisser Reaktionen fähig, die vollkommen aus dem Rahmen unseres
Alltagsverhaltens fallen können.
Im Bruchteil einer Sekunde und ohne auch nur zu überlegen, können
wir komplizierte, lebensrettende Entscheidungen treffen und
durchführen.
DER KLUGE HANS:
Ein gewisses Maß an absichtlicher Unaufmerksamkeit erhöht unsere
Sensibilität gerade für die besonders kleinen, averbalen
Kommunikationen, die in zwischenmenschlichen Situationen oder solchen zwischen
Mensch und Tier von besonders ausschlaggebender Bedeutung sein
können.
Diese Phänomene sind von großem Interesse für die
KOMMUNIKATIONSFORSCHUNG und für Untersuchungen der Natur dessen, was wir
WIRKLICHKEIT nennen.
1904 ging einer der ältesten Wunschträume der Menschheit in
Erfüllung: Die Verständigung zwischen Mensch und Tier.
Ein pensionierter Lehrer in Berlin hat seinem Pferd Hans, einem
8-jährigen Hengst, Arithmetik beigebracht, auch die Fähigkeit, die Uhr
zu lesen, und Fotos von Leuten zu erkennen, die ihm vorgestellt worden
waren.
Der Kluge Hans klopfte das Ergebnis mathematischer Aufgaben mit seinem Huf.
Die Ergebnisse nichtnumerischer Aufgaben buchstabierte er (indem er für a
einmal klopfte, für b zweimal usw.)
Seine Fähigkeiten wurden äußerst sorgfältigen,
wissenschaftlichen Prüfungen unterzogen, man wollte die Möglichkeit
einer Täuschung durch geheimes Signalisieren seitens seines Herrn
gänzlich ausschalten.
(Hans Leistungen waren in Abwesenheit seines Herrn fast ebenso gut wie in
dessen Gegenwart!) Wissenschaftler und Fachleute schlossen eine absichtliche
Täuschung aus wie auch eine unwillkürliche Zeichengebung.
Jedoch im Dezember 1904 hatte Prof. Dr. Carl Stumpf festgestellt, daß
das Pferd versagt, wenn die Lösung der gestellten Aufgabe keinem der
Anwesenden bekannt ist.
Das Pferd versagt auch, wenn es durch große Scheuklappen die
Personen, denen die Lösung der Aufgabe bekannt ist, (meistens der
Fragesteller) nicht sehen kann.
= Das Pferd muß im Laufe des langen Rechenunterrichts gelernt haben,
während des Tretens immer genauer die kleinen Veränderungen der
Körperhaltung, mit denen der Lehrer UNBEWUSST die Ergebnisse seines eigenen
Denkens begleitet, zu beachten und als Schlußzeichen zu
benutzen.
Wir Menschen senden fortwährend Signale aus, deren wir uns
unbewußt sind und über die wir daher keinen Einfluß
haben.
Jeder, der eine enge Beziehung zu einem Tier (besonders Katze, Hund, Pferd)
hat, weiß, wie erstaunlich genau die Wahrnehmungen und das
Verständnis dieses Tieres besonders dann zu sein scheint, wenn es sich um
AFFEKTGELADENE Situationen handelt. In solchen Situationen geben wir
vorübergehend einige unserer intellektuellen Haltungen auf und werden somit
dem Tier viel verständlich. Tiere sind total auf die richtige Wahrnehmung
und Auslegung kleinster Anhaltspunkte angewiesen.
In ihrem täglichen Leben, vor allem auf freier Wildbahn, sind sie
dauernd Situationen ausgesetzt, die für ihr Überleben die richtige
Einschätzung der Situation und die richtige Entscheidung in Bruchteilen von
Sekunden erfordern.
SUBTILE BEEINFLUSSUNGEN:
Nicht nur Tiere, sondern auch wir Menschen unterliegen also
Beeinflussungen, die uns nicht bewußt sind und zu denen wir daher auch
keine bewußte Stellung ergreifen können.
Wir selbst sind nicht nur EMPFÄNGER, sondern auch SENDER solcher
außerbewußter Beeinflussungen, wie sehr wir uns auch bemühen
mögen, sie zu vermeiden.
Wir beeinflussen unsere Mitmenschen fortwährend in verschiedenster
Weise, ohne uns dessen bewußt zu sein. Diese Sparte der
Kommunikationsforschung stellt uns vor philosophische und ethische Probleme der
Verantwortlichkeit. Sie zeigt nämlich, daß wir die Urheber von
Einflüssen sein können, von denen wir nichts wissen, und die uns unter
Umständen völlig unannehmbar wären, wenn wir von ihnen
wüßten.
BEISPIEL: Die Mutter eines Jugendkriminellen legt oft zwei sehr
widersprüchliche Haltungen an den Tag:
- eine “offizielle” kritische, die
gutes Benehmen und Respekt für gesellschaftl. Normen verlangt
- und eine ganz andere, averbale, indirekte und
provozierende Haltung, der sie sich selbst in Tat und Wahrheit unbewußt
ist. Dem Außenstehenden, und vor allem ihrem Sohn, ist das Leuchten ihrer
Augen und ein gewisser “Stolz” bei der Aufzählung des
Sündenregisters ihres Kindes unverkennbar.
Eckhard H. Hess (Universität Chicago) beschäftigte sich mit
solchen averbalen, mittelbaren Einflüssen. Er fand heraus, daß die
Pupillengröße keineswegs nur von der Stärke des einfallenden
Lichts abhängt, sondern auch von GEFÜHLSMÄSSIGEN
FAKTOREN.
Er konnte im Laufe seiner Untersuchungen feststellen, daß
Zauberkünsteler und Taschenspieler plötzliche Veränderungen der
Pupillengröße genau beachten und daraus ihre Schlußfolgerungen
ziehen. Wird zum Beispiel jene Karte aufgeschlagen, die sich die Versuchsperson
merkte, so vergrößern sich meist ihre Pupillen.
(Experiment: 2 gleiche Bilder einer Frau, bei einem Bild Pupillen der Frau
vergrößert.
Reaktion: wirkt “fraulicher”, hübscher,
weicher.)
Pupillenreaktionen sind also nur eine von vielen averbalen und
außerbewußten Verhaltensweisen, die die zwischenmenschliche
Wirklichkeit alltäglich und nachhaltig beeinflussen.
AUSSERSINNLICHE WAHRNEHMUNGEN:
Es besteht also kein Zweifel, daß wir alle viel mehr wahrnehmen und
von unseren Wahrnehmungen viel mehr beeinflußt werden, als wir
wissen.
Wir sind in einem dauernden Austausch von Kommunikationen begriffen,
über die wir uns nicht bewußt Rechenschaft geben, die unser Verhalten
aber weitgehend bestimmen.
VERSUCH:
25 Karten, von denen je 5 dasselbe Symbol haben (Kreuz, Kreis, Quadrat,
Fünfeck oder Wellenlinie). Versuchsperson soll Symbol der Karte erraten,
die Versuchsleiter abhebt und ansieht.
Versuchsperson rät einmal pro Karte, Versuchsleiter teilt sofort mit,
ob sie richtig oder falsch geraten hat. Es wird eine Konfusion erzeugt, in der
die Versuchsperson zu den subtilsten Wahrnehmungen Zuflucht nimmt. Wenn nun der
Versuchsleiter beim Ansehen eines bestimmten Symbols jeweils dasselbe minimale
Anzeichen gibt (z.B.: winzige Kopfbewegung) steigt die Erfolgskurve der
Versuchsperson rasch an (vorausgesetzt, es wird dasselbe Minimalzeichen für
dasselbe Symbol gegeben).
Das Interessante ist, daß die Versuchsperson den wahren Grund
für den Erfolg nicht kennt und fest annimmt, tatsächlich
“außersinnliche” Fähigkeiten in sich entdeckt zu
haben.
Aller Wahrscheinlichkeit nach beruht ein Großteil angeblichen
Gedankenlesens und Hellsehens eben auf dieser menschlichen Wahrnehmungs –
und Deutungsfähigkeit minimaler Anzeichen.
D E S I N F O R M A T I O N:
Bisher hat sich Watzlawick mit Situationen befaßt, in denen eine
Mitteilung ihren Empfänger in der vom Sender beabsichtigten Form entweder
deswegen nicht erreicht, weil ein HINDERNIS in der Übermittlung oder
Übersetzung dies unmöglich machte oder weil die Mitteilung selbst so
geartet war, daß sie ihrer eigenen Bedeutung widersprach und damit eine
PARADOXIE schuf. In beiden Fällen führte dies zu KONFUSION.
Eine durch Konfusion erzeugte Wirklichkeit löst ein sofortige SUCHE
NACH ORDNUNG aus. Diese Form von Unwirklichkeit kann auch durch bestimmte
Experimente herbeigeführt werden. Sehr merkwürdige Störungen der
Wirklichkeitsauffassung können dann auftreten, wenn diese Ordnung schwer zu
erfassen ist oder überhaupt nicht besteht.
NICHTKONTINGENZ – oder: DIE ENTSTEHUNG VON
WIRKLICHKEITSAUFFASSUNGEN:
Es gibt genug Lebenssituationen, die neuartig sind und zu deren Lösung
keine oder nur untzureichende frühere Erfahrungen zur Verfügung
stehen.
Der Zustand von DESINFORMATION wird durch einen Mangel an direkt
anwendbarer Erfahrung und die sich daraus ergebende Unfähigkeit, das Wesen
der Situation auf Anhieb zu erfassen, gebildet.
Wenn nun eine solche Situation keinerlei innere Ordnung hat, dieser Umstand
dem Betreffenden aber unbekannt ist, so wird er nach Sinnbezügen zu
Wirklichkeitsauffassungen und Verhaltensformen suchen. Bei den folgenden
Experimenten besteht keine ursächliche Bezhiehung zwischen dem Verhalten
des Versuchstiers (oder der Versuchsperson) und der Belohnung (oder Bestrafung)
für dieses Verhalten.
Das betreffende Wesen glaubt, es besteht eine UNMITTELBARE ERFASSBARE
BEZIEHUNG (eine sogenannte KONTINGENZ) zwischen seinem VERHALTEN und den sich
daraus ergebenden FOLGEN, während diese nicht besteht.
DAS NEUROTISCHE PFERD:
(Ein nichtkontingentes Experiment)
Glocke läutet – kurze Zeit später leichter elektrischer
Schodk auf der Metallplatte im Boden – Pferd wird rasch eine
Kausalbeziehung zwischen dem Glockensignal und dem Schock vermuten. Es wird
daher beim Glockenzeichen den betreffenden Huf vom Boden abheben.
Schockapparat abmontieren – Pferd wird trotzdem beim Läuten der
Glocke Huf heben, um auf dies BEWÄHRTE und verläßliche Weise den
Schock zu vermeiden.
Dies führt zu dem interessanten Resultat, daß das Tier jedesmal,
wenn es den Huf hebt und “daher” keinen Schock erhält, in der
Annahme bestätigt wird, das Heben des Hufs sei das RICHTIGE VERHALTEN, das
vor einem unangenehmen Erlebnis schützt.
Dieses Verhalten macht es aber dem Pferd unmöglich, die wichtigste
Entdeckung zu machen, daß die Bedrohung durch den Schock nicht mehr
besteht.
Seine Lösung ist also zu einem PROBLEM geworden.
Beim Menschen würde man von einem NEUROTISCHEN oder PSYCHOTISCHEN
Symptom sprechen.
DIE ABERGLÄUBISCHE RATTE:
(Aberglauben gilt allgemein als eine typisch menschliche Schwäche oder
als magischer Versuch, Einfluß über die Unberechenbarkeit des Lebens
und der Welt zu gewinnen.)
Ratte wird in Raum gelassen, am anderen Ende steht Futternapf. 10 sec nach
Öffnen des Käfigs fällt Futter in den Napf, vorausgesetzt,
daß die Ratte erst 10 sec nach Öffnen des Käfigs zum Napf kommt.
Kommt sie früher dorthin, bleibt Napf leer.
Nach einigem blinden Ausprobieren (dem sogenannten VERSUCHS – oder
IRRTUMSVERFAHREN) erfaßt die Ratte die offensichtliche Beziehung zwischen
dem Erscheinen (bzw. Nichterscheinen) von Futter und dem Vergehen der
Zeit.
Ratte braucht nur 2 Sekunden um zum Napf zu gelangen, die restlichen 8
Sekunden muß sie in einer Weise vergehen lassen, die ihrem
NATÜRLICHEN IMPULS, direkt zum Futter zu laufen, widerspricht. Jedes, auch
das zufälligste Verhalten der Ratte ist in diesen Sekunden
SELBSTBESTÄTIGEND und SELBSTBESTÄRKEND. Es kann zu jener Handlung
kommen, von der sie annimmt, sie sei notwenig, um dafür durch das
Auftauchen von Futter belohnt zu werden – und das ist das Wesen dessen,
was wir im menschl. Bereich einen ABERGLAUBEN nennen.
Die Ratte führt nun Bewegungen aus, die sie zuerst rein zufällig
ausführte, nun aber sorgfältig wiederholt, da für sie der ERFOLG
mit dem Futter ausschließlich davon abhängt.
Denn jedesmal, wenn sie beim Ankommen am Napf Fressen vorfindet,
bestärkt dies die “Annahme”, es sei durch ihr “richtiges
Verhalten” erzeugt worden.
== Es besteht eine Ähnlichkeit mit menschlichen Zwangshandlungen, die
auf dem Aberglauben beruhen, sie seien zur BESCHWICHTIGUNG oder
Günstigstimmung einer höheren Macht notwendig.
DER VIELARMIGE BANDIT:
Der vielarmige Bandit ist eine Maschine, die von Wright an der Stanford
– Universität gebaut wurde. Sie hat 16 identische und unbezeichnete
Klingelknöpfe, die kreisförmig auf einem Schaltbrett angeordnet sind.
Im Mittelpunkt des Kreises ist ein 17. Druckknopf und über den Knöpfen
ein 3 – stelliges Zählwerk angebracht. Die Versuchsperson muß
die Knöpfe drücken und eine Höchstzahl von Punkten erzielen. Die
Versuchsperson weiß aber nicht, wie sie das Erreichen kann und muß
sich auf blindes Ausprobieren verlasssen.
Langsam wird sich aber die Leistung der Person verbessern. Wenn der
richtige Knopf gedrückt wird, ertönt ein Summerton und das
Zählwerk wird einen Punkt mehr anzeigen. Die Versuchsperson muß aber
nach dem Drücken eines Knopfes den Kontrollknopf in der Mitte drücken,
um herauszufinden, ob sie damit einen Punkt gewonnen hat.
== Was die Versuchsperson nicht weiß, ist, daß die
“Belohnung” der Summerton, der ihr mitteilt, daß sie den
“richtigen” Knopf gedrückt hat, NICHTKONTINGENT ist; das
heißt, es besteht kein Zusammenhang zwischen den von ihr gedrückten
Tasten und dem Ertönen des Summertons.
Im Verlauf der ersten 250 Versuche erhält die Versuchsperson eine
gewisse Anzahl von Bestätigungen (Summertönen), die aber WAHLLOS
gegeben werden. (Der Versuchsperson werden nur ungefähre Annahmen über
die Regeln gestattet).
Während der nächsten 50 versuche erhält die Versuchsperson
keinen einzigen Summerton, bei den letzten 25 Versuchen ertönt der Ton nach
jedem Tastendruck.
LAGE: Die Versuche schlagen anfangs fehl, bis der Ton auf einmal
ertönt. Die Situation scheint vorläufig weder Hand noch Fuß zu
haben. Langsam bilden sich einige SCHEINBAR VERLÄSSLICHE Annahmen heraus.
Gerade dann geht irgendetwas schief, das alles bisher Erarbeitete in Frage
stellt. Kein einziger Versuch erweist sich als richtig.
Doch dann kommt die entscheidende Entdeckung, man hat die Lösung
gefunden, der Erfolg ist 100%ig.
An diesem Punkt wird der Versuchsperson die Wahrheit über die
Versuchsanordnung mitgeteilt.
Ihr Vertrauen in die Richtigkeit der eben erst mühsamst erarbeiteten
Lösung ist aber so unerschüttlich, daß sie die Wahrheit
zunächst nicht glauben kann.
Einige nehmen sogar an, daß der Versuchsleiter derjenige ist, der
einer Täuschung zum Opfer fiel oder daß sie eine unentdeckte
Regelmäßigkeit gefunden haben.
== Wenn wir nach langem Suchen und peinlicher Ungewißheit uns
endlich einen bestimmten Sachverhalt erklären zu können glauben, kann
unser darin investierter emotionaler Einsatz so groß sein, daß wir
es vorziehen, unleugbare Tatsachen die unserer Erklärung widersprechen,
für unwahr oder unwirklich zu erklären, statt unsere Erklärung
diesen Tatsachen anzupassen. Dies kann bedenkliche Folgen für unsere
Wirklichkeitsanpassung haben.
Wright konnte nachweisen, daß die Versuchspersonen, deren Versuche
öfter als 50 % mit dem Summerton belohnt wurden,
verhältnismäßig einfache Erklärungen
entwickelten.
Andere, deren Versuche mit weit unter 50% liegender Häufigkeit
für richtig erklärt wurden, fanden das Problem häufig
unlösbar und gaben auf.
INTERPUNKTION – oder: DIE RATTE UND DER
VERSUCHSLEITER:
Eine Ratte erklärt sich wahrscheinlich das Verhalten des
Versuchsleiters so: “Ich habe diesen Mann so trainiert, daß er mir
jedesmal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke.”
Damit beweist die Ratte, daß sie in derselben REIZ –
REAKTIONSFOLGE eine andere Gesetzmäßigkeit sieht als der
Versuchsleiter.
Für ihn ist der Hebeldruck der Ratt eine von ihr erlernte RAKTION auf
einen von ihm unmittelbar vorher gegebenen Reiz. Die Ratte sieht aber die
Wirklichkeit anders:
Ihr Hebeldruck ist ein Reiz, den sie dem Versuchsleiter erteilt, worauf er
mit dem Geben von Futter als erlernte Reaktion antwortet.
Obwohl beide also dieselben Tatsachen sehen, schreiben sie ihnen zwei sehr
verschiedene Bedeutungen zu und erleben sie daher als zwei verschiedene
Wirklichkeiten.
Interpunktieren heißt hier, der Wirklichkeit eine bestimmte Ordnung
zuzuweisen und ohne diese Ordnung würde uns unsere Welt chaotisch,
völlig unvorhersehbar und daher äußerst bedrohlich erscheinen.
Man sieht also, daß das verschiedene Ordnen (INTERPUNKTIEREN) von
Ereignisabläufen im eigentlichen Sinne des Wortes VERSCHIEDENE
WIRKLICHKEITEN erzeugt.
BEISPIEL: Eine Mutter mag sich als einzige Brücke zwischen ihrem Mann
und ihren Kindern sehen. Ohne ihre dauernde Anstrengung, zwischen ihnen zu
vermitteln, bestünde zwischen ihm und den Kindern überhaupt keine
Bindung.
Für den Mann ist die Mutter ein dauerndes HINDERNIS zwischen ihm und
den Kindern – wenn sie sich nicht dauernd einmischen würde,
könnte er zu ihnen eine viel engere und herzlichere Beziehung haben.
Genau wie die Ratte und der Versuchsleiter sehen auch sie nicht die
einzelnen EREIGNISSE ALS SOLCHE anders, sondern die BEDEUTUNG, die innere
Ordnung ihres Ablaufs – und dies führt dann zu widersprüchlichen
Perspektiven wie “Brücke” oder
“Hindernis”.
Partner in einem Beziehungskonflikt begehen meist den Fehler, daß sie
übersehen, daß sie ihre zwischenpersönliche Wirklichkeit
widersprüchlich geordnet haben und nun blind annemen, daß es nur eine
Wirklichkeit und daher auch nur eine richtige Wirklichkeitsauffassung
(nämlich die eigene) gibt. Daraus folgt zwangsläufig, daß der
Partner verrückt oder böswillig sein muß, wenn er die Dinge ganz
anders sieht.
BEISPIEL:
In den letzten Phasen des Weltkriegs haben sich viele amerikanische
Soldaten vorübergehend in Großbritannien aufgehalten.
Vergleich des Paarungsverhaltens in den beiden Kulturen:
Es ergab sich, daß sowohl die amerikanischen Soldaten als auch die
englischen Mädchen sich gegenseitig des Mangels an sexuellem
Taktgefühl und Zurückhaltung bezichtigten.
Es kam ein TYPISCHES INTERPUNKTIONSPROBLEM ans Licht.
Das kulturspezifische Paarungsverhalten, vom ursprünglichen
Kennenlernen bis zum Geschlechtsverkehr durchläuft sowohl in England als
auch in den USA ungefähr dieselben 30 Verhaltensstufen; die REIHENFOLGE
dieser Verhaltensweisen ist aber in den beiden Kulturen verschieden.
Während in den USA Küssen zum Beispiel relativ früh kommt und
recht harmlos ist, gilt es in England für sehr erotisch und nimmt daher
einen viel späteren Platz im Verhaltensablauf ein.
Wenn also der Amerikaner annahm, es sei Zaeit für einen unschuldigen
Kuß, war dieser Kuß für die Engländerin durchaus kein
unschuldiges, sondern ein sehr unverschämtes Benehmen, das für sie
keineswegs in dieses Frühstadium der Beziehung paßte. Sie fühlte
sich irendwie um einen Teil des richtigen Paarungsverhaltens betrogen und sie
mußte sich auch entscheiden, ob sie diese Beziehung an diesem Punkt
abbrechen oder sich ihrem Freund sexuell hingeben sollte.
Nun fand der amerikanische Soldat das Verhalten seiner Freundin auf Grund
seiner außerbewußten Verhaltensregeln als nicht in das
Frühstadium der Beziehung passend und daher schamlos.
== Es handelt sich hier um Konflikte die nicht auf einen der Partner
reduziert werden können und dürfen, sondern die ausschließlich
im Wesen der BEZIEHUNG liegen.
Es ist typisch für solche Probleme, daß die Partner sie meist
nicht von sich aus lösen können, da ihnen die zwischenpersönliche
Natur des Konflikts verborgen bleibt und sie daher in einem Zustand der
DESINFORMATION leben.
DIE AUSBILDUNG VON REGELN:
Angst, mit der auch unbedeutende Desinformationssituationen besetzt sein
können, beweist, wie notwendig es ist, eine Ordnung im Laufe der Dinge zu
sehen, oder eine Ordnung in die Ereignisse einzuführen, das heißt zu
INTERPUNKTIEREN.
Es entsteht nun die Frage, wie Menschen sich in einer Situation verhalten,
die für sie so ungewöhnlich und neuartig ist, daß frühere
Erfahrung keinen Schlüssel zu ihrer Bewältigung bietet; eine
Situation, für die nicht bereits ein Interpunktionsschema
vorliegt.
BEISPIEL: Jemand hat sein erstes Rendevous mit einem Mädchen, sie
verspätet sich um 20 Minuten. Er erwähnt ihre Verspätung mit
keinem Wort. Mit dieser Nichterwähnung bildet sich aber die erste Regel
ihrer Beziehung heraus.
Sie hat nun sozusagen das Recht, auch zu den künftigen Rendevous zu
spät zu kommen, und er hat “kein Recht”, sie deswegen zu
kritisieren. Täte er dies, so könnte sie die berechtigte Frage
stellen: “Wieso beschwerst du dich heute plötzlich
darüber?”
Es tauchen Regeln und Gesetzmäßigkeiten auf, besonders in
zwischenmenschlichen Beziehungen verringert jeder Austausch von Verhalten die
Zahl der bis dahin offenen Möglichkeiten.
Es bedeutet, daß selbst dann, wenn ein bestimmtes Verhalten nicht
ausdrücklich erwähnt, geschweige denn vom Partner ausdrücklich
gutgeheißen wird, die bloße Tatsache seines Eintretens einen
Präzedenzfall schafft und damit eine REGEL herbeiführt.
Das Brechen solcher schweigender Regeln gilt als unannehmbares oder
zumindest unrichtiges Verhalten, obwohl die Regel als solche unter
Umständen beiden Partnern ganz außerbewußt sein mag.
INTERDEPENDENZ:
Jedermann weiß, was es bedeutet, wenn ein Ding im selben Maße
vom anderen abhängt. Wenn aber dieses andere, zweite Ding im selben
Maße vom ersten abhängt, so daß also beide sich gegenseitig
beeinflussen, so nennt man diese Beziehungsform INTERDEPENDENT. Dieses Muster
liegt dem nächsten Beispiel zugrunde: das Verhalten jedes Partners bedingt
das des anderen und ist seinerseits von dem des anderen bedingt.
DAS GEFANGENENDILEMMA:
Ein Staatsanwalt hält 2 Männer in Untersuchungshaft, die des
Raubs verdächtigt sind.
Die gegen die beiden vorliegenden Indizien reichen aber nicht aus, um den
Fall vor Gericht zu bringen. Er läßt sich die beiden Gefangenen
vorführen und teilt ihnen mit daß er zu ihrer Anklage ein
Geständnis brauche. Er erklärt ihnen, daß er sie dann, wenn
beide den Raubüberfall leugnen, nur wegen illegalen Waffenbesitzes zur
Anklage bringen kann und daß sie dafür schlimmstenfalls zu je 6
Monaten Gefängnis verurteilt werden könnten. Gestehen beide aber die
Tat ein, so werde er dafür sorgen, daß sie nur das Mindestmaß
für Raub, nämlich 2 Jahre Gefängnis, bekommen.
Wenn aber nur einer ein Geständnis ablegt, der andere aber weiterhin
die Tat leugnet, würde der Geständige damit zum Kronzeugen und ginge
frei aus, während der andere das Höchststrafmaß, nämlich 20
Jahre erhalten würde.
Ohne ihnen die Möglichkeit einer Aussprache zu geben, schickt er die
Gefangenen in getrennte Zellen zurück und macht damit jede Kommunikation
zwischen ihnen unmöglich.
1.Überlegung: Beide würden am besten abschneiden, wenn sie die
Tat leugnen (6Monate).
Doch es entstehen dann erste Zweifel.
2.Überlegung: Was aber, wenn der andere, der sich unschwer vorstellen
kann, daß ich zu
diesem Entschluß gekommen bin, die Situation
ausnützt und die Tat gesteht?
Er wird dann freigelassen, was für ihn
entscheidend ist, während ich nicht
6 Monate, sondern 20 Jahre bekomme. Ich bin besser
dran, wenn ich gestehe,
denn wenn er nicht gesteht, bin ich derjenige, der
freigelassen wird.
3.Überlegung: Wenn ich aber gestehe, so enttäusche ich nicht nur
sein Vertrauen, daß ich
vertrauenswürdig genug bin, um die für
uns beide vorteilhafteste Entscheidung
zu treffen (nämlich nicht zu gestehen und
daher mit 6 Monaten davonzu-
kommen), sondern ich laufe Gefahr, daß ich,
wenn er genauso egoistisch und
unzuverlässig ist wie ich selbst und daher aus
derselben Überlegung heraus
gesteht, zu 2 Jahren verurteilt werde, was viel
schlimmer wäre als die 6
Monate, die wir bekämen, wenn sie beide
leugneten.
Dies ist ihr Dilemma und es hat keine Lösung.
Denn selbst wenn die Gefangenen es fertigbrächten, irgendwie
miteinander zu kommunizieren und eine gemeinsame Entscheidung zu vereinbaren,
würde ihr Schicksal trotzdem von der Frage abhängen, ob sie es ihrem
Komplizen zutrauen können, sich im entscheidenden Moment der
Gerichtsverhandlung an diese Vereinbarung zu halten. Da sie dies aber auf keinen
Fall mit Sicherheit annehmen können, beginnt der obenerwähnte
TEUFELSKREIS ihrer Überlegungen an diesem Punkte VON NEUEM.
Und bei längerem Nachdenken werden beide begreifen, daß die
Vertrauenswürdigkeit ihres Komplizen weitgehend davon abhängt, wie
vertrauenswürdig sie selbst dem anderen erscheinen, und dies wiederum
hängt davon ab, wieviel Vertrauen jeder seinerseits dem anderen zu schenken
bereit ist.
Menschliche Situationen, die die Struktur des Gefangenendilemmas haben,
sind häufiger, als man annehmen möchte. Sie treten überall dort
auf, wo Menschen sich in einem Zustand der Desinformation befinden, weil sie
eine gemeinsame Entscheidung treffen MÜSSEN, sie andererseits nicht treffen
KÖNNEN, da ihnen die Möglichkeit direkter Kommunikation (und damit der
Vereinbarung des bestmöglichen Vorgehens) fehlt.
2 Gründe sind dafür verantwortlich: Mangel an gegenseitigem
Vertrauen und die physische Unmöglichkeit zu kommunizieren.
WAS ICH DENKE, DASS ER DENKT, DASS ICH DENKE...
Das zweitwichtigste Merkmal jedes Gefangenendilemmas ist die physische
Unmöglichkeit, über die bestmögliche gemeinsame Entscheidung zu
kommunizieren. Andererseits muß eine gemeinsame Entscheidung getroffen
werden.
Die Antwort ist nicht einfach, und wie so oft bei der Lösung
schwieriger Probleme ist es besser, die Frage umzudrehen: Was darf NICHT getan
werden?
Offensichtlich darf mein Beitrag zu einer interdependenten Entscheidung
nicht darauf beruhen, was ich aus rein persönlichen Gründen vorziehe
und dafür für die beste Lösung halte. Ich muß vielmehr
überlegen, was der andere für die beste Lösung
hält.
Und wie im Falle der beiden Gefangenen wird auch seine Entscheidung
weitgehend davon bestimmt sein, was er glaubt, daß sein Komplize für
die beste Entscheidung hält.
Alle interdependenten Entscheidungen, in denen offene und freie
Kommunikation aus irgendwelchen Gründen unmöglich ist, beruhen auf
diesem theoretisch unendlichen Regress dessen, was ich denke, daß er
denkt, daß ich denke.....
BEISPIEL: Wenn ein Mann seine Frau in einem Kaufhaus aus den Augen verliert
und die beiden keine Vereinbarung darüber getroffen haben, wo sie in diesem
Fall aufeinander warten werden, sind ihre Chancen, sich wiederzufinden, trotzdem
gut.
Man stellt sich nicht einfach vor, wohin der andere gehen wird, denn der
andere wird dorthin gehen, wovon er sich vorstellt, daß man selbst
hingehen wird.
Dieses Beispiel zeigt, daß eine interdependente Entscheidung (in
Abwesenheit direkter Kommunikation) nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie
auf der Basis einer von beiden Partnern geteilten Wirklichkeitsauffassung
beruht.
DROHUNGEN:
Eine Drohung ist eine Forderung nach einem bestimmten Verhalten. Sie ist
mit der Ankündigung bestimmter Folgen im Falle der Nichtausführung
verbunden.
Um erfolgreich zu sein, muß eine Drohung 3 Voraussetzungen
erfüllen:
- Sie muß glaubhaft, das heißt überzeugend sein, um
ernstgenommen zu werden.
- Sie muß ihr Ziel, also den zu Bedrohenden, erreichen.
- Der Bedrohte muß imstande sein, der Drohung
nachzukommen.
Wenn auch nur eine dieser Voraussetzungen nicht
gegeben ist oder verunmöglicht werden kann, ist die Drohung
wirkungslos.
DIE GLAUBHAFTIGKEIT EINER DROHUNG:
In der Regel muß man damit drohen, BESTIMMT und nicht VIELLEICHT zu
handeln, wenn der Forderung nicht stattgegeben wird. Vielleicht zu handeln
bedeutet, daß man vielleicht nicht handeln wird – daß man sich
nicht festgelegt hat.
Möglichkeiten einer Gegenmaßnahme ist eine Gegendrohung von
ähnlicher oder sogar größerer Glaubwürdigkeit und Schwere.
Auch hier hängt der Erfolg von der richtigen Einschätzung dessen ab,
was für den anderen (und nicht für einen selbst) ein zwingender Grund
ist.
DIE DROHUNG, DIE IHR ZIEL NICHT ERREICHEN KANN:
Es dürfte einleuchten, daß eine Drohung, die entweder nicht an
ihrem Ziel ankommt oder die, aus welchen Gründen auch immer, vom Bedrohten
nicht verstanden wird, scheitern muß. Geistesgestörte, Fanatiker,
Schwachsinnige oder Kinder mögen für Drohungen unzulänglich sein,
da sie sie nicht begreifen (oder dies zumindest glaubhaft
vorschützen).
Eine wirkungsvolle Maßnahme gegen eine Drohung besteht darin, ihren
Erhalt unmöglich zu machen. Dies läßt sich auf verschiedene
Weise bewerkstelligen. Es reicht manchmal eine vorgebliche Verstehensbehinderung
aus: Zerstreutheit, Taubheit, Unaufmerksamkeit, Betrunkenheit, die Vermeidung
eines warnenden Blickes durch Wegsehen, die Behauptung, Ausländer zu sein
und die Landessprache nicht zu verstehen, usw.
Selbstverständlich muß es glaubhaft sein, daß man die
Drohung nicht begreift.
Es zeigt sich, daß eine Drohung interdependente Merkmale hat: ihr
Urheber wie der Bedrohte müssen versuchen, den anderen im richtigen Erraten
dessen zu übertreffen, was jener für plausibel und überzeugend
hält.
Geistesgegenwärtigen Bankbeamten gelingt manchmal bei einem
Banküberfall eine erfolgreiche Weigerung, die die Lage von Grund auf
umdeutet und auf die der Räuber daher nicht vorbereitet ist. Bei der
Planung des Überfalls hat er versucht, alle nur möglichen Aspekte der
Wirklichkeit, in der er zu handeln hat, in Betracht zu ziehen. Nun ist er
plötzlich mit einer anderen Wirklichkeit konfrontiert. Der Schalterbeamte
spielt sozusagen ein anderes Spiel, auf das die Spielregeln des Räubers
nicht anwendbar sind.
“Nein, was für eine merkwürdige Idee!”
“Ich habe jetzt Mittagspause, bitte gehen Sie zum nächsten
Schalter.”
“Ich bin noch in Ausbildung und darf daher keine Auszahlungen machen
– bitte gedulden Sie sich, bis der Schalterbeamte
zurückkommt.”
DIE UNBEFOLGBARE DROHUNG:
Selbst dann, wenn eine Drohung glaubhaft ist und ihr Ziel erreicht hat, ist
noch nicht alles verloren. Wenn ich meinen Bedroher überzeugen kann,
daß es mir unmöglich ist, seiner Drohung nachzukommen, wird die
Drohung unwirksam
BEISPIEL: Wenn jemand von mir unter Todesdrohung eine Million Schilling
fordert, wird es mir nicht zu schwer fallen, ihm zu beweisen, daß ich
diese Summe nicht besitze und auch nicht aufbringen kann. Verlangt er dagegen
hundert oder zehntausend Schilling, ist meine Lage viel
gefährlicher.
Manchmal kann die unmittelbare Wirkung einer Drohung selbst eine Situation
herbeiführen, die ihre Erfüllung unmöglich macht. Eine Ohnmacht,
ein Herzanfall oder ein epileptischer Anfall, ob tatsächlich oder nur
vorgetäuscht, setzt nicht nur das Opfer, sondern auch den Urheber der
Drohung außer Gefecht.
Eine Todesdrohung kann auch dann unwirksam werden, wenn der Bedrohte
eiserne Nerven hat und überzeugend glaubhaft machen kann, daß er
ohnehin im Begriff war, Selbstmord zu begehen, oder daß er an einer
unheilbaren Krankheit leidet und sich bereits mit dem Tode abgefunden
hat.
Jede Drohung hat ein zugrunde liegendes Kommunikationsmuster. Der Erfolg
einer Drohung oder einer Gegenmaßnahme beruht fast ausschließlich
auf der korrekten Einschätzung der Wirklichkeitsauffassung des anderen.
Drohungen sind ebenso Phänomene der Interdependenz.
DIE ZWEI WIRKLICHKEITEN:
Es gibt keine absolute Wirklichkeit, sondern nur subjektive, zum Teil
völlig widersprüchliche Wirklichkeitsauffassungen, von denen naiv
angenommen wird, daß sie der “wirklichen” Wirklichkeit
entsprechen.
Wir vermischen meist 2 verschiedene Begriffe der Wirklichkeit: Der erste
bezieht sich auf die rein physischen und daher weitgehend objektiv
feststellbaren Eigenschaften von Dingen und damit entweder auf Fragen des
sogenannten gesunden Menschenverstands oder des objektiven wissenschaftlichen
Vorgehens. Der zweite beruht ausschließlich auf der Zuschreibung von Sinn
und Wert an diese Dinge und daher auf Kommunikation.
BEISPIEL: GOLD
Die Wirklichkeit erster Ordnung sind seine physischen
Eigenschaften.
Die Bedeutung, die das Gold aber seit Urzeiten im menschlichen Leben spielt
hat mit seinen physischen Eigenschaften sehr wenig zu tun. Diese andere, zweite
Wirklichkeit des Goldes ist es aber, die einen zum Krösus oder Bankrotteur
machen kann.
Ganz offensichtlich gibt es keinen objektiv “richtigen” Abstand
zwischen zwei Personen, und ebenso offensichtlich kann Küssen, je nach den
Normen einer Kultur, im Frühstadium oder erst gegen Ende des
Paarungsverhaltens für “richtig” gelten. Diese Regeln sind also
subjektiv. Im Bereich dieser WIRKLICHKEIT ZWEITER ORDNUNG ist es also absurd,
darüber zu streiten, was “wirklich” wirklich ist.
Wir verlieren diesen Unterschied nur zu leicht aus den Augen oder sind uns
des Bestehens dieser zwei verschiedenen Wirklichkeiten überhaupt nicht
bewußt. Wir leben dann unter der naiven Annahme, die Wirklichkeit sei
natürlich so wie WIR sie sehen, und jeder, der sie anders sieht, müsse
böswillig oder verrückt sein.
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