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Australien
AUSTRALIEN
Eine fünfwöchige Reise durch drei
Bundesstaaten des fünften Kontinents.
Von Hubert Morawetz
1. Etappe: von Sydney nach Brisbane (28. Oktober
1995)
Nach einem 22stündigen Flug von Wien über
Singapur nach Sydney, standen wir (Walter Andlinger und Dietmar Koblbauer, zwei
erfahrene Kosmopoliten) physisch angeschlagen und ziemlich ratlos in der
Ankunftshalle herum und warteten was passieren würde. Wenig später
saßen wir müde aber bei bester Laune, in einem Bus, der uns in die
Stadt brachte. Der Busfahrer, ein älterer Herr, ließ es sich nicht
nehmen, uns bis vor die Haustüre unseres Hotels zu bringen. Später
vermuteten wir, daß er wohl Angst um uns hatte, da unsere Adresse
‘Kingscross, Darlinghurstroad’ lautete. Dieser Stadtteil, und
besonders diese Straße, ist in der ganzen Stadt als ‘die
sündige Meile’ ein Begriff. Der erste Eindruck, den wir noch in der
ersten Nacht von unserem Reiseziel erhielten, war ziemlich
ernüchternd.
Obwohl wir müde und abgespannt im Hotel ankamen,
waren wir so überdreht und aufgekratzt, daß an Schlafen nicht zu
denken war. So zogen wir noch spät in der Nacht durch die Straßen von
Kingscross. Draußen war es kühl und es roch nach Meeresluft und
Abfalleimer. Überall in den Hauseingängen standen fröstelnde
Prostituierte neben hell erleuchteten, meist zerschlagenen Schaufensterscheiben
mit roten Neonherzen. Die Gehsteige waren überfüllt mit allerlei
Müll. Eine größere Gruppe Jugendlicher, die offensichtlich in
Streit geraten war, zerschmetterte mit lautem Gebrüll, Stubbies
(Bierflaschen) auf der Straße. Wir kauften noch etwas Proviant in einem
Bottle Shop und verzogen uns ins Hotel.
Am nächsten Morgen, etwa gegen fünf Uhr, wurde
der gesamte Müll, mit viel Geschrei und dröhnenden Lastwagen, von den
Straßen entfernt. Nun sah alles viel freundlicher aus. Die kaputten
Auslagenscheiben wurden hinter Rolläden versteckt, die Bäume, die in
der Nacht noch wie graue Kulissen in einem schlechten Hinterhofkrimi
herumstanden, waren plötzlich leuchtend grün. Die Sonne hatte das
Neonlicht abgelöst, und kaum etwas erinnerte noch an das wilde Szenario der
letzten Stunden. Früh am Morgen zog es uns wieder hinaus, aber diesmal, um
das andere Sydney, das Sydney der Reiseprospekte, das Sydney, wie man es von
Fernsehberichten kennt, zu erkunden.
Das Sydney der Reiseprospekte
Der Weg zum Hafen führte uns vorbei an alten
viktorianischen Häusern und modernen Glaspalästen, die nur noch vom
Sydney Tower überragt wurden. Es dauerte auch nicht lange, bis wir an jenem
Punkt im Hafen ankamen, an dem wohl jeder Australientourist einmal vorbeikommt,
am Mrs. Macquaries Point, von wo man einen wunderbaren Ausblick auf das
Opernhaus und die Harbour Bridge im Hintergrund hat.
Das Opernhaus mit seiner eigenwilligen Dachkonstruktion,
symbolisiert die Segelschiffe, mit denen die europäischen Einwanderer Mitte
des 19. Jahrhunderts hier ankamen.
Die Australier behaupten respektlos, das Dach sehe aus,
als würden Nonnen Fußball spielen. Unter diesem Kuppeldach, das
übrigens zur Gänze mit weißen Fliesen verkleidet ist, verbirgt
sich nicht nur die Oper. Neben einer Konzerthalle, einem Schauspieltheater,
einer Studiobühne, einem Kinosaal, einer Ausstellungshalle und einer
Bühnenfachbibliothek befinden sich auch noch zwei Restaurants in diesem
mächtigen Gebäudekomplex. Von dort aus hat man auch einen schönen
Ausblick auf die Harbour Bridge, die hier den Hafeneingang überspannt.
Diese Brücke wird von den Australiern wiederum abwertend
‘Kleiderbügel’ genannt. Am linken Brückenkopf befindet
sich der historische Kern der Stadt. Schon 1788 entstand an dieser Stelle die
erste Einwanderer-Siedlung. Der Name ‘The Rocks’, wie dieser Teil
der Stadt genannt wird, kommt wohl von den vielen Geröllbrocken und Felsen,
die dort herumlagen, wo einst die ersten Zelte der damaligen
Sträflingskolonie standen. Heute sind nur noch wenige Häuser aus der
Zeit des 19. Jahrhunderts erhalten. Als die Pest um die Jahrhundertwende hier
wütete, wurden ganze Häuserreihen eingerissen, und beim Bau der
mächtigen Brückenpfeiler wurde nochmals wertvolle Bausubstanz
zerstört. Erst um 1970 hat man die verbliebenen Reste alter Architektur
restauriert.
Unbedingt empfehlenswert ist ein Besuch des Sydney
Towers, da man von dessen Spitze einen herrlichen Panoramablick auf die Stadt
genießen kann. Erst dort oben, in 305 m Höhe, wird deutlich, welche
unglaubliche Ausdehnung Australiens größte Stadt, mit ihren 3,7 Mio.
Einwohnern hat.
Schließlich stellten wir fest, daß Sydney
eine Großstadt wie jede andere ist. Aus diesem Grund flohen wir mit einem
Campingbus, den wir sicherheitshalber schon von Österreich aus gebucht
hatten, aus der Stadt. Mit diesem Fahrzeug, einem Ford Hightop 92,
verließen wir die brodelnde Metropole.
Aufbruch zum ‘Blue Mountains
Nationalpark’
Schier endlos erschien das Meer der Häuserfronten,
als wir die Stadt in Richtung ‘Blue Mountain’, einem etwa 120 km
westlich gelegenen Hochplateau, verließen. Nach anfänglichen
Umstellungsschwierigkeiten wegen des Linksverkehrs, ging die Fahrt nun
zügig weiter.
Unsere Stimmung erreichte einen ersten Höhepunkt,
als wir endlich auf dem ‘Great Western Highway’ durch kleine
verschlafene Dörfer mit meist einstöckigen, buntbemalten
Holzhäusern fuhren, und den Wind im Gesicht und den Kühlschrank voller
Stubbies mit der Aufschrift ‘XXXX’ hatten.
In Katoomba, einer kleinen Stadt im Herzen der Blue
Mountains angekommen, besorgten wir uns genügend Proviant für die
nächsten Tage und fuhren zum nahegelegenen ‘Blue Mountains
Nationalpark’.
Seit über hundert Jahren ist dieser Park das
Lieblingsausflugsziel der Einwohner von Sydney. Trotzdem hat sich diese
außergewöhnliche Berglandschaft mit steilen Schluchten,
Wasserfällen, Eukalyptuswäldern und gewaltigen Felsformationen, ihre
ursprüngliche Schönheit bewahren können. Manche dieser
Sandsteinschluchten sind so tief, daß kaum noch Sonnenlicht eindringen
kann. Dies sollte einer der letzten kühlen Orte auf unserer Reise durch
Australien sein.
An diesem Tag erfuhren wir auch wie unangenehm es sein
kann, wenn man sich in einem dichtbewaldeten, mit labyrinthartigen Wanderwegen
durchzogenen ‘Dschungel’ bewegt, ohne eine Wanderkarte zu haben.
Plötzlich waren wir nicht mehr sicher, in welche Richtung wir gehen
sollten. Kurz bevor wir uns dazu durchgerungen hatten, den ganzen Weg, den wir
gekommen waren, wieder zurückzugehen, tauchte vor uns eine Straße
auf. Und wir standen zu unser aller Glück genau dort, wo wir vor einigen
Stunden unseren Camper geparkt hatten.
In diesem großen Waldgebiet hofften wir zum
erstenmal Kontakt mit der australischen Tierwelt zu haben. Doch wir sahen nicht
einmal Ameisen!
Wir vermuteten, daß den Tieren dieser Teil von
New-South-Wales doch schon zu dicht besiedelt ist und sie sich deshalb schon
weiter zurückgezogen hatten. Und genau das, nämlich zurückziehen
ins Outback, wollten wir auch machen.
Das Abenteurer-Leben im
‘Outback’
Wir folgten dem ‘Great Western Highway’ bis
Bathurst und schlugen dann den Weg Richtung Norden ein. Dabei versuchten wir
stundenlang einen Ort namens Illford zu erreichen, der auf der
Straßenkarte als größere Ortschaft eingezeichnet war. Dort
angekommen mußten wir feststellen, daß Illford nur aus einer
Handvoll bescheidener Holzhäuser, verrosteten Wellblechhütten und
alten Autokarossen bestand.
Im weiter nördlich gelegenen ‘Wollemi
Nationalpark’ schlugen wir an diesem Tag unser Nachtlager auf. Die
dafür eigens, etwas abseits der Straße angelegten Rastplätze mit
gepflegten Toiletten, Duschen, Trinkwasser und öffentlichen Feuerstellen,
sind für Campingtouristen wie geschaffen. Auch kümmert es niemanden,
daß man mit dem Auto in den Nationalpark fährt und dort
übernachtet.
Als wir an diesem Abend, beim Studium der Karte
feststellen mußten, daß wir erst wenige Kilometer zurückgelegt
hatten, stellte sich wohl jeder von uns die Frage, wie wir in gut zwei Wochen
die ganze Strecke bis hinauf nach Cairns bewältigen sollten - aber niemand
sprach seine Zweifel laut aus.
Die Morgenstunden im Busch sind die ruhigsten Stunden
des ganzen Tages. Wenn mit der Sonne auch die Hitze über den Wald
hereinbricht, erhebt sich das Zirpen der Grillen zu einem mächtigen
Konzert, das bis spät in die Nacht, oft bis lange nach Mitternacht
anhält. Diese geruhsamen Morgenstunden nützten wir um Pläne zu
schmieden, wobei jeder von uns Vorschläge zum Tagesablauf einbringen
konnte.
Das Frühstück im Outback hat einen
wohlduftenden Abenteuerbeigeschmack. An dieser Stelle muß ich die
Vorzüge unseres Campers besonders herausstreichen, denn mit Gaskocher,
einer Spüle, Geschirr, einem Vorratsschrank, einem Trinkwassertank, viel
Stauraum und vor allem mit einem Kühlschrank, wurde das Reisen zu einem
unvergeßlichen Vergnügen. Immerhin wurde der Ford Hightop fester
Bestandteil unseres Teams. Er wurde ein Freund - ein vierter
Mann.
Die Zeit am Vormittag verging immer wie im Fluge, also
mußten wir möglichst früh aufbrechen um die ausgewählte
Route zu bewältigen.
Die kühlen Bars und die ruhigen
Australier
Wir fuhren westlich der ‘Great Dividing
Range’, auf dem ‘New England Highway’ immer Richtung Norden.
Riesige Weideflächen wechselten mit Waldgebieten ab, in denen das
Grillengeschrei schon fast unerträglich laut durch das geöffnete
Autofenster hereindrang.
Leider fiel schon am dritten Tag die Klimaanlage des
Autos aus und wir waren gezwungen, bei geöffneten Fenstern zu fahren, was
dazu führte, daß sich schon bald eine rote Staubschicht über
unsere Betten ausbreitete.
Über Muswellbrook, Murrurundi und Werris Creek,
alles mehr oder weniger große Ansiedlungen, die für Europäer
alle ziemlich gleich aussehen, fuhren wir weiter nach Norden. Eine breite
Durchzugsstraße im hellen Sonnenlicht, flankiert von Tankstellen,
Imbißrestaurants, Autowerkstätten, Supermärkten und Bottle
Shops. Am spärlich mit Bäumen bewachsenen Straßenrand standen
überall Range Rover und Landcruiser Pick-Up’s mit einem Hund auf der
Ladefläche und überall klebte der rote Staub an den Fahrzeugen. Das
Leben in diesen Orten läuft sehr ruhig ab. Nirgendwo läßt man
Streß aufkommen, in den Bars fällt kaum ein lautes Wort. Dort in
diesen dunklen Räumen, wo man dem grellen Sonnenlicht mit geschlossenen
Fensterläden keine Chance gibt, wo alte Männer mit noch älter
aussehenden Hüten, etwas ramponierten Hosen und stets staubigen
‘Aussie-Schuhen’ fast unbeweglich und lautlos ihr Bier trinken,
scheint die Zeit still zu stehen. Bereits der erste Eindruck, wenn man von der
Hitze des Tages in diese von großen Ventilatoren gekühlten, dunklen
Räume wechselt, sorgt dafür, daß man sich einfach wohl
fühlen muß. Man wird auch als Tourist von den Einwohnern freundlich
akzeptiert.
Etwas weiter im Norden befindet sich Tamworth, die
‘Hauptstadt’ der australischen Country Music. Alljährlich
kommen im Jänner tausende Besucher zum ‘Australien Country Music
Award’.
Und weiter ging die Fahrt über endloses Weideland.
Je weiter wir fuhren, desto heißer wurde das Klima.
Die Fahrt wurde nur dann unterbrochen, wenn wir Proviant
einkauften, einen Fahrerwechsel vornahmen oder tanken mußten. Denn leider
war unser vierter Mann ein großer Trinker. Mit 60 Liter Benzin schafften
wir kaum mehr als 400 km. Zum Glück sind die Benzinpreise nicht so hoch wie
in Österreich oder Deutschland. Es ist auch sehr angenehm, daß man
selbst in noch so kleinen und abgelegenen Orten mit Kreditkarte bezahlen
kann.
Die ersten Känguruhs
Abends erreichten wir den Washpool Nationalpark zwischen
Glen Innes und Grafton. Dieser Park ist ein riesiger Staatswald am Hauptkamm der
Great Dividing Range und bildet mit seiner üppigen Vegetation eine
Wetterscheide. Die meisten Regenwolken, die vom Südpazifik
landeinwärts ziehen, bleiben an dieser Bergkette ‘hängen’,
sodaß nur wenig Feuchtigkeit ins Landesinnere dringen
kann.
In diesem Gebiet haben wir auch die erste
größere Gruppe Känguruhs gesehen. Da sie hier im Weideland
gnadenlos gejagt werden, sind diese Tiere sehr scheu. Wir kamen nicht näher
als 150 Meter an sie heran. Dennoch war dies ein großartiges Erlebnis.
Nächsten Morgen beschlossen wir, an die Pazifikküste auszuweichen,
weil die Fahrt auf den Bergstraßen bei diesem Benzinverbrauch einfach zu
teuer wurde.
Der New England Highway führte uns in
östlicher Richtung, anfangs über eine steil abfallende
Bergstraße ins Tal des Clarence River. Aufgrund der höheren
Luftfeuchtigkeit auf dieser Seite der Bergkette, wuchert tropischer Regenwald
die Hänge hinauf und man hat den Eindruck, daß sich die Straße
nur mühsam der herandrängenden Vegetation erwehren kann. Am Talboden
gedeiht Zuckerrohr in großen Mengen.
Um diese Zeit, Anfang November, ist in Australien
Frühsommer. Die überwältigende Blütenpracht dieser Tage ist
ein Anblick, dem sich auch ein Nicht-Botaniker nur schwer entziehen kann. Auch
in Grafton, einer 21.000 Einwohner zählenden Stadt am Clarence River,
blühten die vielen Jacarandabäume entlang der breiten Straßen.
Diese Bäume mit ihren kräftig blauen Blättern verströmen
einen unbeschreiblich wohlriechenden Duft, der die ganze Stadt einhüllt.
Ende Oktober bis Anfang November findet hier regelmäßig das in ganz
New South Wales bekannte ‘Jacaranda Festival’ statt.
Ursprünglich war Grafton eine Goldgräbersiedlung, im Oberlauf des
Clarence River war man auf das Edelmetall gestoßen.
Etwa 140 km nördlich von Grafton erreichten wir den
Ort Ballina, einen kleinen Fischereihafen direkt am Pacific Highway. Dort sahen
wir nicht unerwartet aber doch plötzlich den mit Schaumkronen
geschmückten, azurblau bis türkis schimmernden Pazifischen (oder
stillen) Ozean, der am Horizont mit dem Blau des Himmels zu verschmelzen schien.
Der Anblick der sich an der selben Stelle an Land bot, läßt sich
unmöglich genauso poetisch beschreiben. Ein dicht besiedelter Landstrich,
durchschnitten von einer stark frequentierten Schnellstraße. Diese wenig
einladende Landschaft begleitete uns noch bis wir in Coolangatta New South Wales
verließen und die Grenze von Queensland passierten.
Die Stadt der Surfer, Nachtschwärmer und
Playboys
Dort an der Gold Coast, besonders in Surfers Paradise,
findet jeder Sonnenanbeter, Wassersportler, Nachtschwärmer, Spieler und
Schürzenjäger (Playboy) was sein Herz begehrt. Surfers Paradise mit
seiner beeindruckenden aber eigentlich häßlichen Skyline, ist
Australiens bekanntestes Ferienzentrum am Meer. Schon 1923 entstand hier das
erste Hotel und jetzt, siebzig Jahre später, droht diese pulsierende
Metropole aus allen Nähten zu platzen. Dicht drängen sich Hotels,
Restaurants und Souvenierläden zwischen riesigen Werbeplakaten für
Nachtclubs und Cocktailbars. Dem kritischen Betrachter erscheint diese wahllos
angelegte Ansammlung von Betontürmen, die einzig dem Zweck dienen, Urlauber
zu ‘melken’, als eine Mischung aus reizvoll-abstoßendem und
traumhaft-abscheulichem Tourismusgehege - ich wußte nicht so recht, was
ich davon halten sollte.
Besonders auffällig war die Tatsache, daß es
in dieser Stadt ausschließlich wunderhübsche Mädchen zu
bestaunen gab. In den Straßen oder am Strand, wo wir die
allgegenwärtige Weiblichkeit studierten, drohten uns die Augäpfel
auszutrocknen.
Unser fahrendes Quartier stand an einem Parkplatz,
umringt von himmelstürmenden Appartementsilos, die alle in Strandnähe
auf Gäste ‘lauerten’. Nachdem wir von der riesigen
‘Pizza’, belegt mit allerlei nächtlichen Aktivitäten,
gekostet hatten, verließen wir am frühen Morgen des nächsten
Tages mit einem bitteren Geschmack im Mund den Ort, der weder Tag noch Nacht
kennt, und in den wir nicht so richtig zu passen schienen
(Seufz!).
Jetzt trennten uns nur noch 200 km von Brisbane und wir
stellten fest, daß wir doch schneller nach Norden gelangten als wir
anfangs dachten. Dadurch konnten wir die Tagesetappen kürzer halten. Die
bisher zurückgelegten 1500 km schafften wir in nicht einmal einer Woche.
Mittlerweile war das Fahren nicht mehr so anstrengend als zu Beginn und wir
unterschätzten die großen Entfernungen nicht mehr.
Etwa 10 km südwestlich von Brisbane liegt das Lone
Pine Koala Sanctuary am Brisbane River. Dieser schön angelegte Tierpark war
unser nächstes Ziel.
Der australische Teddybär, der
Koala
Känguruhs und Koalas sind die absoluten Superstars
der australischen Tierwelt und hier kann man sie aus nächster Nähe
betrachten und sogar anfassen. Besonders die Koalas sind äußerst
liebenswürdige Geschöpfe. Diese, bis zu achtzig Zentimeter
großen, dickfelligen, etwas plump wirkenden, silbergrauen Beutelbären
mit Knopfaugen und breiter Stupsnase, hängen den größten Teil
des Tages schlafend oder dösend in den Astgabeln der Eukalyptusbäume.
Die kurze Zeit die sie wach sind, verbringen sie ausschließlich mit
Fressen. Doch auch da sind sie sehr wählerisch. Denn von den etwa
fünfhundert verschiedenen in Australien beheimateten Eukalyptusarten,
finden höchstens ein gutes Dutzend das Wohlgefallen des
Koalas.
Es gibt zwar seit 1927 ein Koala-Jagdverbot, aber nach
wie vor werden massenhaft Eukalyptuswälder gerodet, wodurch die
Beutelbären ihren natürlichen Lebensraum verlieren. Die Zahl der heute
noch lebenden Koalas wird auf etwa eine halbe Million geschätzt. Erst
düstere Prognosen, sie könnten schon bald ganz verschwunden sein,
brachte viele Australier zur Einsicht, es sei höchste Zeit, sich der Misere
dieser ‘Teddybären’ anzunehmen.
Absolut keine Rede vom Aussterben kann bei den
Känguruhs sein. Sie vermehren sich prächtig und haben, im Gegensatz zu
den Koalas, fast den gesamten Kontinent als Lebensraum zur Verfügung. Das
zutrauliche Verhalten, daß es uns sogar ermöglichte, uns mitten in
einer großen Gruppe niederzulassen, erweckte sofort unsere Sympathie
für diese Tiere. Beim Beobachten der großen Känguruhfamilie
bemerkten wir sehr viele menschliche Züge in ihrem Verhalten. So zum
Beispiel wie sie sich kratzen, wie sie die Vorderbeine als Hände benutzen,
wie sie, auf dem Ellbogen gestützt, auf dem Boden liegen oder wie liebevoll
sie mit dem Nachwuchs umgehen.
Das gespaltene Verhältnis der Australier zu ihrem
Wappentier
Im Gegensatz zu uns, hatten die Australier immer schon
ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Wappentier. In einer gesteigerten,
seitdem einige Bundesstaaten Abschußquoten festgelegt haben. Die
‘Kangaroos’ müssen vor allem deswegen sterben, weil sie als
Busch- und Graslandbewohner mit Rindern und Schafen um Wasser konkurrieren.
Tierschützer laufen Sturm gegen die staatlich legitimierten Killer, die
eine Reduzierung der Tiere von derzeit 20 Millionen auf weniger als 15 Millionen
fordern.
Seit James Cook 1770 das Tier zum ersten Mal sah, sind
an die 200 Millionen Känguruhs dem Jagdtreiben der Einwanderer zum Opfer
gefallen.
Als die ersten Einwanderer die Ureinwohner nach dem
Namen dieser seltsamen Tiere fragten, soll die Antwort ‘Kan-ga-roo’
gelautet haben, was im Aboroginal-Dialekt soviel bedeutet wie ‘Ich
verstehe dich nicht’.
Einige Kilometer flußabwärts liegt an einer
scharfen Biegung des Brisbane River das Stadtzentrum von Brisbane, der
Hauptstadt von Queensland. Brisbane ist eine junge, moderne Stadt, die sich in
ihrer erst 170-jährigen Geschichte vom Sträflingslager zur
Millionenstadt entwickelt hat. Seit der Weltausstellung ‘EXPO 88’
ist Brisbane auch international besser bekannt.
In dieser Stadt, wie in den meisten Ballungszentren
Australiens, fallen besonders die großzügig angelegten Parks mit
riesigen, uralten Bäumen auf. Überall zwischen den modernen
Spiegelglastürmen und den breit angelegten Straßen prägen
große, sehr gepflegte Grünanlagen das Stadtbild.
An einem Sonntag, an dem wir die Stadt besuchten, schien
sich die ganze Bevölkerung von Brisbane in einem zentralgelegenen Park
versammelt zu haben. Menschen aller Alters- und Gewichtsklassen drängten
durch die Tore des Parks, zwängten sich auf den schmalen Gehwegen
aneinander vorbei und überfluteten die frisch gemähten
Rasenflächen. In der Mitte der Anlage plärrten Lautsprecherboxen die
neueste Popmusik, unter den Bäumen versuchten fettige Mäuler Unmengen
von ‘French Frie’s, Burger, Chips und Popcorn’ zu
verschlingen. Schön gewachsene und gecremte Mädchenkörper
genossen nicht nur die wohltuenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut sondern auch
die Blicke der Bewunderer. Genervte Mütter versuchten vergeblich ihre
Kinder unter Kontrolle zu halten, und vom ganzen Trubel unbeeindruckt,
watschelten dicke Familienväter in großgeblümten Shorts und
Badesandalen - beladen mit Campingsesseln und großen Kühltaschen -
hinterher.
Vermutlich vergebens suchten die Menschen dort Erholung
vom Alltag. Nur in einem Punkt waren sie uns einen Schritt voraus. Die meisten
trugen nämlich einen Hut als Schutz vor der Sonne, deren Intensität
fast täglich zuzunehmen schien.
Also beglichen wir diesen Mangel, indem wir uns
‘Aussie-Hüte’ zulegten. Kurz entschlossen kauften wir dann auch
noch Proviant für die nächsten Tage und verließen die Stadt, von
der wir glaubten, genug gesehen zu haben.
Lange hatten wir dann noch den Geruch der Imbissbuden in
der Nase - und das Großstadtklischee, das sich wieder einmal bewahrheitet
hatte, vor Augen.
2. Etappe: von Brisbane nach Mackay.
Wir hatten Brisbane nun endgültig hinter uns
gelassen und fuhren auf dem ‘Bruce Highway’ die Sunshine Coast
entlang, Richtung Norden. Viele kleine, abgelegene Siedlungen, die
hauptsächlich vom Tourismus leben, liegen dort an der Küste, wie an
einer Schnur aufgefädelt. Die Sunshine Coast ist neben der Gold Coast einer
der wichtigsten Feriengebiete für Australier aber auch für
Südostasiaten. Anscheinend hat die Baubehörde dort mehr Gefühl
für die Landschaft als anderswo in Australien. Denn hier findet man keine
Hoteltürme oder Appartementsilos. Ganz im Gegenteil dazu sind hier die
Ferienorte in die Landschaft und vor allem in das üppige Grün des
subtropischen Buschwaldes eingebettet. Man fährt durch diese Orte wie durch
einen Wald. Meist sieht man nur die vielen Hauseinfahrten oder die
Zufahrtsstraßen zu entlegeneren Gebieten. Diese Hotels, Motels oder
Restaurants liegen etwas abseits der Durchzugsstraße und man muß
manchmal schon sehr genau hinsehen, um einen Ort überhaupt
wahrzunehmen.
Neben dem Fremdenverkehr lebt dieser Landesteil vor
allem vom Zuckerrohranbau. Überall sieht man dort die langen
Schmalspureisenbahnen, die mit zahlreichen Waggons das geerntete Zuckerrohr in
die Zuckerfabriken der Umgebung schaffen.
Eines der wichtigsten Zuckeranbaugebiete ist die Gegend
um Bundaberg, etwa 380 km nördlich von Brisbane, wo auch der bekannte
Bundaberg-Rum hergestellt wird.
Die ‘Green Turtles’
An diesem Abend wollten wir noch die Küste
erreichen und fuhren auf einer Nebenstraße, inmitten von endlos langen
Zuckerrohrfeldern Richtung Osten. Mehr oder weniger zufällig führte
uns der Weg direkt an die Pazifikküste, wo er plötzlich an einem
Parkplatz endete. Dieser Strand, Mon Repos genannt, dient den großen und
streng geschützten Meeresschildkröten als Eiablageplatz. Gleich neben
dem Parkplatz, auf dem bei unserer Ankunft gerade ein Froschkonzert mit mehreren
hundert ‘Orchestermitgliedern’ stattfand, befindet sich die
Forschungsstation für die Schildkröten. Drinnen brannte noch Licht.
Also gingen wir hinein, um zu sehen was hier geboten wird. Wiederum
zufällig kamen wir genau zur richtigen Zeit, um an einer Führung am
Strand teilzunehmen.
Erst konnten wir die hauseigene Ausstellung, in der man
sich genau über die Artenvielfalt der Meeresschildkröten informieren
konnte, besichtigen. Anschließend gingen wir in einer Gruppe von etwa
fünfundzwanzig Leuten mit einem Forscher den Strand entlang. In der
Eingangshalle zur Beobachtungsstation hingen schöne Fotos von früheren
Beobachtungsgängen, wo eine Gruppe wie wir, bei der Eiablage einer
grünen Meeresschildkröte zusehen und dabei so nahe an das Tier
herankommen konnte, daß sie es angreifen hätten können.
Dementsprechend groß war die Erwartungshaltung, aber es regte sich nichts.
Zwischendurch bekamen wir einen Videofilm über die faszinierenden
‘Green Turtles’ vorgeführt, bis schließlich die Nachricht
kam: “Yes Guys, we have a turtle!"
Wieder setzte sich die Gruppe in Bewegung und pilgerte
zum Strand. Dort angekommen, mußten wir unsere Erwartungen gleich wieder
zurückschrauben, denn man sagte uns, die Schildkröte sei wieder ins
Meer zurückgekehrt. Also mußten wir uns mit ihrer Fährte im Sand
begnügen. Der Spur nach zu schließen, muß es sich um eine recht
große Schildkröte gehandelt haben.
Im Laufe der Nacht dezimierte sich die Gruppe immer
mehr, bis schließlich auch die Forscher nach Hause gingen. Den Rest der
Nacht verbrachten ‘Walli’ und ich alleine am Strand und warteten
geduldig im Mondschein, ob nicht doch noch so ein gepanzertes Wesen aus der
Tiefe des Meeres auftaucht. Es wäre zu schön gewesen, aber nichts
geschah. Um 6 Uhr morgens, die Sonne war längst aufgegangen, gaben auch wir
auf und legten uns noch zwei Stunden aufs Ohr. Wir schliefen mit der
Gewißheit ein, die gesamten acht Dollar Eintrtittsgebühr voll
ausgekostet zu haben.
Leider war es nur wenig später schon wieder so
heiß im Auto, daß wir wieder aufstehen
mußten.
An diesem Morgen schlug ich vor, daß wir dem
monotonen Bruce Highway nur noch bis Gladstone folgen sollten. Von dort
könnten wir nach Westen abbiegen und einen großen Abstecher ins
Landesinnere von Queensland machen. Dieser Vorschlag wurde sofort einstimmig
angenommen und mit dem Prädikat ‘Ausgezeichnete Idee’ geehrt
(wir waren ein tolles Team, und unsere gute Laune konnte wirklich durch nichts
getrübt werden).
Dem Outback entgegen
Bald darauf lag auch Gladstone und der vielbefahrene
Highway Nr. 1 hinter uns und wir bewegten uns in der Hitze des Tages durch
knochentrockenes Weideland dem Outback entgegen. Es gibt wahrscheinlich in ganz
Australien kein Hinweisschild, das den Beginn des Outback’s
ankündigt. Trotzdem waren wir sicher, daß wir schon mittendrin
waren.
Für einen Europäer ist es sehr schwer
vorstellbar, daß zwischen manchen benachbarten Orten 150 bis 250 km nur
öde Steppenlandschaft ohne ein einziges Haus liegt. Auf den Straßen
grüßen sich die Autofahrer, weil Gegenverkehr hier draußen ein
besonderes Ereignis ist.
Große Rinderherden wandern auf der Suche nach
Wasser über weite Strecken durch das verdorrte Grasland. Immer öfter
machten wir Bekanntschaft mit den berüchtigten ‘Road Trains’.
Das sind riesige Lastwagen mit bis zu drei Anhängern. Diese Züge, die
an die fünfzig Meter lang werden, donnern oft mit weit über 100
Stundenkilometern die endlosen Geraden dahin. Im Busch stößt man oft
auf Hinweisschilder, die auf die Landschaft aufmerksam machen, damit man sie
nicht verpaßt.
Wenn man den ganzen Tag unterwegs war, konnte man sich
am Ende des Tages auf ein schönes Stück Gegend freuen, nachdem man den
ganzen Tag über die selben Attraktionen am Straßenrand gesehen hatte:
zu Schrott gefahrene Fahrzeuge, zerfetzte Autoreifen, von der Hitze
aufgeblähte Känguruhkadaver und die Reste zerschlagener
Windschutzscheiben. Diese Landschaft erweckte in uns den Eindruck - oder die
Befürchtung - daß sie nirgendwo enden könnte. Befährt man
dieses schwarze Band, das die weit verstreuten Siedlungen zusammenhält, und
man erreicht eine Kuppe, erwartet man auf der anderen Seite irgend eine
Abwechslung, wie ein Farmhaus, eine Tankstelle oder ein Dorf. Aber auf dem
Scheitel der Kuppe angekommen, bietet sich wieder derselbe Anblick wie hundert
Kilometer vorher. Ich war froh, hier nicht ganz alleine, ohne
Gesprächspartner fahren zu müssen.
Langsam wurde die Vegetation immer dürrer. Nur noch
vereinzelt standen Eukalyptusbäume, die ihre Rinde abgeworfen hatten, mit
blendend weißen Stämmen auf trockenem rotem Sand und auf
Steinböden. Die weißen Stämme, deren Farbe das Sonnenlicht
reflektiert, schützen sich auf diese Weise vor dem Austrocknen. Auf eine
andere Art schützt sich der Flaschenhalsbaum, der typisch für
Queensland ist, in der trockenen Jahreszeit. Er wirft all sein Laub ab und
speichert die Feuchtigkeit in seinem mächtigem Stamm um keine Energie zu
verschwenden.
Unser angestrebtes Ziel war der Carnavon George
Nationalpark, der in meinem Reiseführer als besonders sehenswert
beschrieben wurde. Bis zum Park waren es noch gut hundert Kilometer, als
plötzlich das schwarze, grob asphaltierte Straßenband aufhörte
und statt dessen eine rote, staubige Piste in gleicher Richtung
weiterführte. Auf dieser Waschbrettpiste mit vereinzelt herumliegenden,
größeren Steinen und Teilen von Autoreifen, war an ein Vorankommen
mit einer Geschwindigkeit von mehr als 40 km/h nicht zu denken. Diese Strapazen
waren für unser Auto fast zuviel. Die Stoßdämpfer ächzten
und stöhnten unter ihrer Last.
Die letzten zweieinhalb Autostunden dieses Tages zogen
sich endlos in die Länge, und der Kilometerzähler wollte diese hundert
Kilometer einfach nicht herunterspulen.
Ans ‘Ende der Welt’
Genau dann, wenn du bereits glaubst, daß du schon
ganz alleine auf der Welt bist, und du den Glauben an die menschliche
Zivilisation schon längst aufgegeben hast, genau dann taucht im
Rückspiegel ein daherrasender Road Train auf, der dir mit der Lichthupe zu
verstehen gibt, daß du auch hier, in diesen Weiten des Landes, im Weg
bist. So ein Sattelschlepperzug mit drei Anhängern ist für den
Reisenden, der ihm begegnet, einer der eindrucksvollsten und
furchteinflößendsten Anblicke im Outback. Sechzig rotierende
Räder wirbeln eine Menge Staub und Steine auf. Um diesem Chaos zu entgehen,
ist es am besten, man fährt zur Seite, schließt die Fenster und
wartet eine Weile, bis die rote ‘Luft’ wieder durchsichtig wird.
Eine Staubfahne in der Ferne verriet uns, daß der Laster seit unserer
Begegnung schon wieder einige Kilometer gefressen hatte. Etwas weniger rasant
aber auch fast am Limit der Leistungsfähigkeit, setzten wir unsere Fahrt
fort. Nur noch 60 km.
Mit heruntergekurbelten Fenstern und staubigen T-Shirts,
ratterten wir durch eine weite, rötlich flimmernde Landschaft, in der kein
Vogel fliegt, kein Tier aus seinem dürftigen Versteck herauskommt, und wo
nur das staubige Spinifexgras unsere Blicke in seinen Bann zieht. Der
heiße Wind konzentriert sich auf dein Gesicht und versucht ständig
dir den Hut vom Kopf zu wehen. Du atmest Insekten, Staub und den Geschmack von
verbranntem Spinifex ein. Du hängst einen Arm aus dem Fenster, der schon
doppelt so rot ist wie der andere und bereits Anzeichen eines ordentlichen
Sonnenbrandes zeigt. Man fährt einfach weiter ohne jede Erwartung, weil man
weiß, daß auch nach der nächsten Kurve kein Ort oder
dergleichen kommt. Noch 30 km.
Wir machten eine Pause und spülten den knirschenden
Staub zwischen unseren Zähnen mit einem kühlen Stubbie
‘XXXX’ hinunter. Nach einiger Zeit hielt ein Aussie neben uns seinen
Landcruiser an und fragte uns, ob wir ein Problem mit dem Auto hätten. Als
wir mit der Bierflasche in der Hand sagten, wir sind OK, zog es ein breites
Grinsen in sein zerknittertes Gesicht und er gab Gas. Irgendwann am Abend
erreichten wir doch noch den Nationalpark im Zentrum von Queensland. Noch nie
zuvor war ich so weit weg von jeder Zivilisation und frei von allen
Zwängen. Am wildromantischen Lagerfeuer ‘reinigten’ wir noch
einmal kräftig unsere Speiseröhren von den Strapazen des
Tages.
Das ‘Schluchtenlabyrinth’
Der 223.000 ha große Carnavon Nationalpark liegt
etwa 460 km südlich von Rockhampton. Der eindrucksvollste Teil des Parks
ist eine ca. 30 km lange, wildverzweigte Sandsteinschlucht mit bis zu 200 Meter
hohen, senkrechten Wänden. Durch diese Schlucht fließt der Carnavon
River, ein Fluß der auch in den heißesten Sommern nicht austrocknet.
Aus vielen Seitenschluchten kommen kleine Bäche, die den Hauptfluß am
Leben erhalten. Durch das feucht-heiße Klima konnte sich eine reichhaltige
Flora bilden. In der Hauptsache wachsen große Bäume (Eukalyptus,
Kasuarien und Palmen) entlang des Flusses, den wir auf unserer ganztägigen
Wanderung durch den Busch an die 30-mal überquert hatten. Überaus
reichhaltig ist die Tierwelt im Park. Ornithologen zählten nicht weniger
als 172 Vogelarten und 28 verschiedene Säugetiere. Hier begegneten wir
wiedereinmal frei lebenden Känguruhs, Waranen und sogar
Flußschildkröten. Allgegenwärtig war das Geschrei der
Papageien.
Die dichteste Vegetation findet man in einer kleinen
Nebenschlucht namens ‘Moss Gardens’. Von überall hört man
Wasser über die Felsen tropfen, welches von den vielen dicken
Moospölstern aufgesaugt und gespeichert wird. Das helle, frische Grün
der Farnblätter, das durch die Sonne noch verstärkt wird, ließ
uns für einige Zeit die tropischen Temperaturen vergessen. Nicht alle Teile
der Schlucht waren mit so paradiesischen Namen wie ‘Moss Gardens’
versehen. Manchmal fand man sich in ‘Deat’s End’ oder am
‘Devil’s Table’ wieder. Auch der ‘Snake Hill’ lud
nicht zu einer Besichtigung ein. Eine große, etwas überhängende
Felswand, auf der Malereien der Aborigines zu sehen sind, bezeichnet man
passenderweise als ‘Art Galerie’.
Das extrem schwüle Klima in der Schlucht, wo jede
körperliche Anstrengung einen Schweißausbruch zur Folge hat,
ließ uns bald erkennen, daß wir viel zu wenig Trinkwasser auf die
Tour mitgenommen hatten. So hatten wir beinahe bei der Hälfte des Weges
unsere Wasservorräte aufgebraucht.
Jetzt gab es nur noch ein Ziel für uns: unser Auto
am Eingang der Schlucht. Doch das befand sich zu diesem Zeitpunkt etwa
zweieinhalb Gehstunden von uns entfernt.
Wir marschierten mit einem Tempo, als ob wir auf der
Flucht wären. Dabei wurden wir ständig von den zahlreichen Fliegen,
die dauernd versuchten, uns in die Augen oder in den Mund zu fliegen,
belästigt. Mein Freund Didi murmelte während des Marsches oftmals
leise aber doch deutlich verständlich das Zauberwort “Stubbie ...
Stubbie ...". Wir wußten, sein Zustand war schon sehr
bedenklich!
Als wir glaubten, sämtliche Körpersäfte
verloren zu haben, und als wir uns damit abgefunden hatten, daß wir
früher oder später zu Staub würden, sahen wir an einem kleinen
Campingplatz eine Blockhütte und an der Rückseite dieser Hütte
stand wie eine Fata Morgana, durch seine Signalfarbe sich vom Grün der
Umgebung abhebend, ein gekühlter Cola-Automat. Solange ich denken kann, hat
ein kaltes Cola noch nie so herrlich geschmeckt wie dort im
Wald.
Etwa zehn Minuten später, als wir wieder
weitergingen, schlug der Durst erneut zu, diesmal mit noch größerer
Intensität. Das klebrige Zeug, das wir getrunken hatten, war in unseren
Speiseröhren verdampft und hinterließ eine gummiartige Schicht, die
schon wieder nach viel Feuchtigkeit verlangte.
Am Auto angelangt, mußten wir zu unserem Bedauern
feststellen, daß durch die intensive Sonneneinstrahlung unser
Kühlschrank ausgefallen war. Also tranken wir im Schatten eines
Eukalyptusbaumes zum ersten Mal heißes Bier.
Bis auf die Morgen- und Abendstimmungen macht die
Fülle von Licht das Land schier unsichtbar. Mittags zwingt es einen dazu,
die Augen zu schließen. Die Sonne scheint so unbarmherzig grell, das Licht
ist so weiß, die wenigen Schatten sind so undurchdringlich schwarz, der
Himmel ist fast farblos, daß man das Gefühl hat, geblendet zu werden.
Die Sonnenuntergänge mit dem einzigartigen Abendlicht sind brillant. Die
Australier sagen, die schlimmste Zeit des Tages ist fünf Uhr nachmittags,
wenn jeder Kieselstein grell leuchtet, die Augen blendet und den Atem zum
Stocken bringt. Um fünf Uhr nachmittags gibt es nur eine Farbe: das
brennende Ziegelrot.
Auf unserer Reise Richtung Norden passierten wir bald
Emerald und Clermont. Zwei etwa 6000 Seelen zählende Städte im
zentralen Hochland von Queensland, die sich kaum voneinander unterscheiden. Wir
kauften dort wieder Proviant und Benzin. Wir betraten verschiedene Läden
und Bars, doch wurden wir kaum eines Blickes gewürdigt, denn zu dieser Zeit
war der Melbourne Cup, das große Pferderennen von Flemmington (Melbourne)
gerade in seiner entscheidenden Phase. Der ‘Race Day’ ist
Australiens höchster Feiertag. Beinahe jeder Aussie fiebert diesem Tag
entgegen. Da sitzen dann Herren in feinen Anzügen auf umgedrehten
Milchkisten und starren auf irgendwelche Bildschirme in irgendwelchen
Räumen, wo sich mit der Zeit Freunde und Bekannte versammeln, um mit dem
Wettschein in der verschwitzten Hand, das Ende des Rennens abzuwarten und
anschließend entweder Sieg oder Niederlage zu feiern.
3. Etappe: von Mackay nach Cairns.
Mackay, die Zuckerhauptstadt Australiens, wo insgesamt
ein Drittel der Zuckermenge des Landes hergestellt wird, lag schon längst
hinter uns, als wir am Nachmittag in Arlie Beach, dem Tor zu den Whitsunday
Inseln, eintrafen.
Der Anblick des türkisfarbenen Ozeans, eingerahmt
von tropischer Vegetation, war ein herrlicher Kontrast zur öden,
staubtrockenen Landschaft der letzten Tage. Dazu die erfrischende Meeresluft im
Gegensatz zum heißen Wind im Auto.
Zu diesem Zeitpunkt waren wir an das Leben auf Achse
schon so sehr gewöhnt, daß wir oft den Wunsch äußerten,
noch viele Wochen und Monate auf diese Art und Weise das Land zu erkunden. Wir
waren es gewohnt, auf Parkplätzen zu übernachten, im
Straßenstaub das Frühstück einzunehmen, und wir waren sehr
flexibel, wenn es darum ging, ohne Toilette unser Geschäft zu verrichten.
So glaubten wir einmal, an einem langen weißen Sandstrand unbeobachtet zu
sein. Doch als wir anschließend um eine Sanddüne herumgegangen waren,
wurde uns bewußt, daß wir das Areal einer Hotelanlage beschmutzt
hatten.
Auch wurden wir immer geschickter beim Auffinden von
öffentlichen Duschgelegenheiten oder zumindest eines Wasserhahnes für
die bescheidene Körperpflege.
Daß wir dabei die Duschkabinen mit Spinnen,
Kakerlaken oder großen Käfern, die eine verblüffende
Ähnlichkeit mit großen, grünen Blättern hatten, teilen
mußten, störte uns absolut nicht. Etwas ungewöhnlich war es
auch, daß manche Duschkabinen entweder kein Türschloß hatten
oder es fehlte gleich die ganze Tür.
In Australien fährt man am besten, wenn man sich
dem Grundsatz des Einheimischen, ‘no worries’,
anschließt.
Im Bootshafen von Arlie Beach wurden Ausflüge zu
den Whitsunday’s Islands angeboten. Weil wir wissen wollten, ob sich
dieses wunderbare Szenario, mit traumhaft glasklarem Wasser, strahlendem
Sonnenschein und dem satten Grün der Umgebung, noch steigern
läßt, buchten wir eine solche Fahrt.
Schon früh am Morgen bestiegen wir eine Motorjacht,
die uns auf das einige Kilometer entfernte Archipel brachte. Die
Whitsunday’s sind eine Inselgruppe, bestehend aus insgesamt siebzig Inseln
am Rand des Great Barrier Reefs, von denen nur sieben bewohnt
sind.
Das zerbrechliche Gleichgewicht der
Korallenriffs
Die Bootsfahrt dauerte ungefähr zwei Stunden. Viele
kleinere und größere, dicht bewachsene Inseln, zogen an uns vorbei.
Das Boot pflügte durch das glasklare, königsblaue Wasser und
hinterließ eine türkisfarbene, mit weißen Gischtkronen
verzierte Spur. An Bord wurden wir über die Gefahren der Unterwasserwelt
belehrt. So etwa über eine kleine, harmlos aussehende Muschel, deren Gift
für den Menschen tödlich sein kann. Bewaffnet mit Taucherbrille,
Schnorchel und Flossen, gingen wir auf Cook Island von Bord. An einem
nahegelegenen Sandstrand, in einer wirklich paradiesischen Umgebung,
ließen wir uns nieder und verbrachten hier einen der schönsten Tage
unserer Reise. Die Welt um uns herum, mit dem nicht enden wollenden
Postkartenwetter, war so perfekt, daß es schon fast unwirklich aussah. Das
Meer dort draußen im Riff, war schon fast zu klar, zu türkisblau, die
Wolken am Himmel waren fast zu weiß und die üppige Vegetation der
Insel war beinahe zu grün. Nur die eigene Hochstimmung schien uns real.
Alles paßte wunderbar zusammen. Verspielt und übermütig tollten
wir am Strand umher.
Das Schnorcheln und Tauchen im glasklaren Wasser war ein
weiterer Höhepunkt des Tages. Erst als wir eintauchten und die
Unterwasserwelt deutlich vor Augen hatten, bemerkten wir viele, etwa 20 cm
lange, durchsichtige Fische, die oberhalb der Wasseroberfläche nicht zu
sehen waren. Das Tauchen im farbenprächtigen Korallenriff, umgeben von
‘Zierfischen’ der verschiedensten Arten (sogar kleine Rochen
tummelten sich dort) war ein wirkliche spektakuläres Erlebnis. Dort im Riff
scheint alles so perfekt und in einem zerbrechlichen Gleichgewicht zu sein,
daß man sich sehr leicht als Eindringling fühlt, und man hat Angst,
irgend etwas zu zerstören. Wer einmal einen so zarten, bis ins kleinste
ausgewogenen Lebensraum eines Korallenriffs gesehen hat und dabei das leichte
Gefühl gehabt hat, daß man hier zwar geduldet wird, sonst aber total
unnütz ist, der kann erst wirklich verstehen, wie grenzenlos
unverantwortlich und dumm es ist, andere, ähnliche Korallenriffe, die in
Jahrmillionen entstanden sind, mit Atombomben zu zerstören. Das gehört
zwar nicht ganz hierher, aber es ist mir persönlich sehr wichtig, das an
dieser Stelle anzubringen.
Das 20 Millionen Jahre alte und 2000 km lange Great
Barrier Reef besteht aus über 3000 einzelnen Korallenriffs und ist das
größte zusammenhängende Riff der Welt. Es beherbergt neben einer
Vielzahl von Krebsen, nicht weniger als 4000 Weichtier- und 400 Korallenarten
sowie mehr als 1500 Fischarten.
Das große Barriereriff gilt als gigantischer
Wellenbrecher für die gesamte Nordostküste Australiens bis hinauf nach
Papua Neuguinea. Leider setzt der Mensch dem Riff durch verschiedene
Umwelteinflüsse immer mehr zu.
So wurde zum Beispiel die giftige Tritonschnecke von den
Fischern fast ausgerottet. Diese Schnecke war aber der natürliche Feind des
Dornenkronen-Seesterns, der sich daraufhin explosionsartig vermehren konnte und
einen 500 Kilometer langen Korallenteppich kahlgefressen hat. Man glaubte schon
an das Ende eines großen ökologischen Gleichgewichts, doch dann
verschwand der Seestern plötzlich wieder. Wissenschaftler stellten fest,
daß sich die Korallen nach einiger Zeit gewehrt hatten. Sie hatten
ihrerseits ein Gegenmittel gegen die Attacken ihrer ärgsten Feinde
gefunden.
Viel schwerer tut sich die Natur bei Belastungen mit
Düngemitteln, Pestiziden und Ölrückständen. Eine der
größten Bedrohungen dieses Lebensraumes stellt die Schwerindustrie in
Papua Neuguinea dar. Über die Meeresströmung durch den Golf von Papua
Neuguinea, gelangen Jahr für Jahr tausende Tonnen Schwermetalle wie Blei
und Cadmium ins Barriereriff und zerstören viele wichtige Mikroorganismen.
Durch die globale Klimaerwärmung kommt das exakt ausgeglichene
Ökosystem immer stärker aus dem Gleichgewicht. Die Natur kann sich
dabei nicht rasch genug den immer häufigeren Belastungen anpassen. Dadurch,
daß der größte Teil des Barriereriffs für Besucher
gesperrt ist, will man die Schäden, die durch den Tourismus entstehen,
möglichst gering halten. Das Abreißen von Korallenstöcken wird
mit empfindlichen Geldstrafen geahndet.
Man bekommt auch von den wenigen zugänglichen
Inseln einen so beeindruckenden Einblick in diesen Lebensraum, daß man die
gesperrten Zonen gerne den Meeresbewohnern
überläßt.
Die Whitsynday’s sind auch ein El Dorado für
Cluburlauber, die auf sehr schönen Inseln, in ausgedehnten Ferienanlagen,
an den zahlreichen Bars und Swimmingpools herumhängen und von
professionellen Animateuren und plärrenden Lautsprecherboxen
‘künstlich am Leben gehalten werden’.
Dies war der Grund, warum wir sehnsüchtig an
unseren Campingbus dachten, der treu im Hafen von Arlie Beach stand und auf
unsere Rückkehr wartete. Wieder im Hafen angekommen, ließen wir das
Erlebnis ‘Barriereriff’ bei einem eiskalten Krug ‘XXXX’
gedanklich noch einmal auf uns einwirken.
‘Krokodile Dundee’
Auf allen unseren Wanderungen durch den Busch sahen wir
nur zweimal Schlangen, die aber sofort flüchteten, wenn wir ihnen zu nahe
kamen. Nicht selten aber kann man sie hören, wenn sie im trockenen Laub das
Weite suchen. Für eine einzige Schlange endete die Begegnung mit uns
tödlich. Sie lag quer über die Fahrbahn, als wir abends durch den
Dschungel fuhren und leider nicht mehr ausweichen konnten.
Eine andere Attraktion des Tierparks waren die
großen Krokodile, die über 6 Meter lang werden können. Einer der
Tierpfleger, ein besonders erfahrener Mann im Umgang mit Krokodilen, sprang
barfuß in das Krokodilgehege, um sich mit den Tieren zu beschäftigen.
Dabei war er nur mit einem etwa 50 cm langen Stöckchen
‘bewaffnet’. Er erklärte uns, daß er praktisch mit
Krokodilen aufgewachsen sei und daß ihn diese Tiere genau kennen. Die
Riesenechsen würden ihn auch niemals angreifen, solange er sich richtig
verhält. So zeigte er bei einem völlig reglos daliegenden Krokodil,
wie blitzschnell es zuschnappen konnte. Mit seinem Hut wedelte der
‘Krokodile Dundee’ vor dem gefährlichen Maul des Krokos herum,
worauf es mit einem lauten “wop...wop..." ins Leere schnappte. Dies
geschieht aber nicht aus Böswilligkeit, sondern ist reiner Instinkt. Bei
einer Begegnung mit einem Krokodil sollte man immer ein kleines Stöckchen
bei sich tragen, meinte ‘Dundee’ scherzhaft. Einem, mit
geöffnetem Maul daherknirschendem Krokodil, streichelte er mit dem Stock
über die Augen, worauf es plötzlich wie erstarrt vor ihm liegenblieb.
Die Augen, so erklärte er uns, sind die einzige, leicht verwundbare Stelle
des Reptils. Bei einer Berührung der Augen, schließt das Tier seine
gepanzerten Augenlieder und kann somit sein Opfer nicht mehr sehen. Es greift
nie mit geschlossenen Augen an, um nichts Unüberlegtes zu
machen.
Eine andere Art, sich vor einem Krokodil in Sicherheit
zu bringen, ist, sich auf den Rücken des Tieres zu setzt. In dieser
Position ist man für das Krokodil unerreichbar, meinte der urige Australier
mit einem lustigen Augenzwinkern, dessen Vater schon in den
Mangrovensümpfen von Nord-Queensland Krokodile jagte.
Mit diesem neu erworbenen Wissen, kampierten wir am
Abend, etwas nördlich von Townsville, in einer Flußlandschaft, wo
ausdrücklich auf die Präsenz von Krokodilen hingewiesen wird. Jedoch
wußten wir, wie wir uns im Ernstfall zu verhalten hatten - zumindest
theoretisch.
Die einzigen Echsen, die wir dort im Manrovendickicht zu
Gesicht bekamen, waren ein Leguan und ein Waran, beide sind völlig
ungefährlich. Der Respekt vor den im seichten Flußufer lauernden
Krokodilen, war aber doch so groß, daß wir an diesem Abend auf die
Körperpflege verzichteten.
Die restlichen 380 km bis Cairns legten wir in
gemächlichem Tempo, mit vielen Pausen zurück. Wir wunderten uns
anfangs, daß in diesem Teil des Landes keine Badetouristen die traumhaft
langen Sandstrände bevölkerten, bis wir die Warnschilder bemerkten,
die auf die mögliche Gefahr des ‘Box Jelly Fischs’ hinwiesen.
Eine Begegnung mit der Würfelqualle, die mit ihren langen Tentakeln schwere
Verbrennungen auf der menschlichen Haut hinterläßt, kann sogar
tödlich enden, wenn man nicht augenblicklich ein Gegenmittel findet (zum
Beispiel lindert Essig den Schmerz sehr gut).
Als wir in Cairns ankamen, hatten wir seit unserem Start
in Sydney 4700 Kilometer zurückgelegt und Unmengen von Benzin verbraucht.
Das Auto hielt, bis auf kleinere Mängel, den großen Anforderungen
stand, wofür wir sehr dankbar waren.
Im Atherton Tableland, westlich von Cairns, auf der
Steilstufe der Macalister Range, liegt mitten im tropischen Regenwald ein
kleiner Ort namens Kurunda, wohin man mit einer alten Eisenbahn von Cairns aus
gelangt. Diese Bahn, die 1888 mühevoll in den Berg gehauen wurde,
schlängelt sich mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit über
unzählige Brücken, durch Tunnels, vorbei am undurchdringlichen
Dschungel des Hochlandes. Das Grün des Urwaldes wechselt mit
Wasserfällen, Steinschluchten und prächtig blühenden Orchideen.
Der Bahnhof von Kurunda ist fast vollständig von tropischen Pflanzen und
Palmen überwachsen.
Als wir nach Cairns zurückgekehrt waren, buchten
wir einen Flug nach Darwin. An dieser Stelle muß ich den australischen
Fluggesellschaften, besonders QUANTAS (Queensland and Northern Territory Airial
Services), ein besonderes Lob aussprechen. Es war wirklich jederzeit
möglich, für den nächsten Tag einen Flug zu
bekommen.
Am nächsten Morgen gaben wir unseren treuen
Kameraden, den Campingbus, bei ‘Brits Australia’, dem
größten Autoverleiher Australiens, ab. Zuvor hatten wir ihn noch vom
gröbsten Schmutz, der sich in knapp drei Wochen angesammelt hat, befreit
(sonst hätten wir die 90 Dollar Kaution nicht wieder
bekommen).
Nachdem wir den Autoverleiher verlassen hatten, waren
wir plötzlich ‘Backpackers’ (Rucksacktouristen). Zu diesem
Zeitpunkt begann für uns ein völlig neuer Urlaub. Um uns an die neue
Situation zu gewöhnen, gingen wir die paar Kilometer zum Flughafen zu
Fuß. Es war ungewohnt, die Last unseres Gepäcks am Rücken zu
spüren und in der sengenden Sonne, schweißüberströmt
dahinzumarschieren.
Auf halbem Weg hielt ein Kleinbusfahrer unaufgefordert
neben uns an und fragte uns mitleidsvoll, ob unsere Wanderung um diese Tageszeit
nicht zu heiß wäre. Keuchend gaben wir ihm zu erkennen, daß es
wohl recht hätte. Lächelnd bot er uns an, uns zum Flughafen zu
bringen. Wir nahmen dankbar an.
Nach einem dreistündigen Flug, mit einer
Zwischenlandung in Nhulunbuy, landeten wir in Darwin, der Hauptstadt von
Northern Territory.
4. Etappe: Darwin - Kakadu Nationalpark -
Arnhemland
Als wir in Darwin das klimatisierte
Flughafengebäude verließen, glaubten wir geohrfeigt zu werden. Die
drückende Hitze war auch spät in der Nacht noch so stark, daß
schon das Verscheuchen einer Fliege einen Schweißausbruch zur Folge hatte.
Mit einem Shuttle-Bus fuhren wir in die Stadt, und es dauerte kaum eine halbe
Stunde, da waren wir auch schon in einer Jugendherberge (Backpackers Ressorts)
untergebracht. Es gibt in Australien etwa 140 solche, voneinander
unabhängige Ressorts, wo man im Gegensatz zu den eigens gekennzeichneten
Jugendherbergen (YHA) keine Mitgliedschaft benötigt. Der lockere
Lebensstil, der in solchen Unterkünften herrscht, sagte uns sofort zu und
wir waren in unserem einfachen, zweckmäßig eingerichteten Zimmer
sofort ‘zu Hause’.
Darwin ist die jüngste, australische Hauptstadt mit
interessanter, multikultureller Ausrichtung, denn Einwanderer aus fast
fünfzig Nationen sind hier ansässig geworden. Die Bevölkerung des
Nord Territoriums erwartet sich aufgrund der günstigen Lage Darwins
(Südostasien ist nicht weit), daß sich die Stadt zu einem weiteren,
wirtschaftlichen Zentrum oder zu einem australischen Singapur entwickeln
würde.
Zu Weihnachten 1974 zerstörte der Wirbelsturm
‘Tracy’ mit Windgeschwindigkeiten von 280 km/h die Stadt fast
vollständig. Am Wachstum und Wohlstand Darwins ist der Tourismus
unübersehbar beteiligt. Auf die 73.000 Einwohner kommen jährlich
495.000 Besucher, die das ‘Top End’ bereisen.
Bei einem Rundgang kann man die meisten
Sehenswürdigkeiten und die locker-lässige Atmosphäre der Stadt
kennenlernen. Wegen der tropischen Mittagshitze, unternimmt man solche
Spaziergänge schon früh am Morgen oder später am Abend. Die
Mittagszeit verbringt man am besten an einem Pool oder im Bett. Dabei kann man
den Mauergeckos zusehen, wie sie über die Wände huschen. In einem
kleinen Garten neben unserer Unterkunft bemerkten wir zwei Mungos, die sich auf
ihren nächtlichen Beutezügen ganz nahe an menschliche Behausungen
heranwagten.
Unser Ventilator im Zimmer hatte große Mühe,
die brütende Luft zumindest ein bißchen
durcheinanderzuwirbeln.
An jeder Ecke der Stadt wurden mehrtägige
Ausflüge in den Kakadu Nationalpark mit seinen Naturschönheiten
angeboten. Weil wir von Natur aus neugierig sind, buchten wir eine solche Tour.
Wir hatten Glück, denn unsere Reisegruppe bestand aus nicht mehr als zehn
jungen Leuten aus verschiedenen Nationen, und wir waren mit einem Führer
unterwegs, den wir den ‘Mann aus dem Sumpf’ nannten. Man hatte so
das Gefühl, daß sich Jason, so hieß er, nur dann richtig wohl
und zuhause fühlte, wenn er den Motor des Landcruiser hörte und er
selbst vor Dreck fast erstarrte. Die gewählte Richtung führte uns
zuerst aus der Stadt nach Osten, zum Adelaide River, wo wir ein Stück des
Flusses mit dem Boot befuhren. Kaum waren wir auf dem Wasser, tauchten auch
schon die ersten Krokodile aus dem trüben Wasser auf. Jeden von uns
beschlich das Gefühl, daß uns diese riesigen, gepanzerte Echsen, mit
ihren eiskalten Blicken beobachteten, als würden sie gerade an das
Abendessen denken. Würde man sich dabei über die Reeling lehnen,
gäbe man den Krokodilen zu verstehen, daß hier etwas zu holen ist.
Der Bootsführer bemerkte auch, daß diese Tiere kräftig genug
seien, um ins Boot zu springen. Es war ein unheimliches Gefühl, so
feindselig von allen Seiten beobachtet zu werden. Und wieder beschlich uns der
Gedanke, daß der Mensch in einer derart unberührten Natur ziemlich
fehl am Platz ist.
Im dichten Uferwald nistete ein seltener Seeadler, der
sich ein Stück Fleisch, das man ihm an einer langen Stange aus dem Boot
hielt, blitzschnell aus dem Flug schnappte.
In einer sicheren Entfernung zum Fluß, grasten
einige Wasserbüffel, die einst nur im asiatischen Raum beheimatet waren
aber von Einwanderern aus China mitgenommen wurden. Im tropischen Klima mit
seiner hohen Luftfeuchtigkeit fanden die Büffel auch hier einen geeigneten
Lebensraum.
Unser Weg führte uns weiter Richtung Osten auf dem
endlosen, schwarzen Asphaltstreifen des Arnhem Highways, der in die entlegene
Urwaldsiedlung Jabiru führt. Aufgrund der Tatsache, daß es in diesem
Teil Australiens ungefähr sieben Monate im Jahr regnet, überquerten
wir ein gigantisches Überschwemmungsgebiet, das als Trinkwasserreservoir
für Darwin dient. Vom Wandern durch dieses dichte, bodennah bewachsene
Gebiet wird, aufgrund der vielen Schlangen, Krokodile und Moskitoschwärme,
dringend abgeraten.
Als das ‘West Land’ bereits einige Kilometer
hinter uns lag, standen links und rechts der Straße tausende
Termitenbauten, von denen die größten mehr als vier Meter über
den Boden hinausragten. Im Inneren dieser Kathedralen lebt eine einzige
Königin, die bei einer konstanten Raumtemperatur von 45° für die
gesamte Nachkommenschaft des Termitenvolkes verantwortlich ist. Ein
Millionenheer von Arbeiterinnen ist ständig damit beschäftigt, den Bau
zu erweitern. Dabei reißen sie winzige Grasbüschel aus und kleben sie
mit Hilfe von Speichel und Exkrementen an das bestehende Bauwerk. An
regnerischen Tagen, so sagte man uns, würden diese Kathedralen, aufgrund
der hohen Innentemperatur, wie Schornsteine rauchen.
Während der mehrstündigen Fahrt durch den
tropischen Urwald, trat Jason, unser Fahrer, plötzlich auf die Bremse. Etwa
fünfzig Meter vor uns hatte sich eine Kragenechse mitten auf der Fahrbahn
drohend aufgerichtet. Jason, der tollkühne Buschläufer, sprang aus dem
Auto und hetzte der Echse, die inzwischen die Flucht ergriffen hatte, nach.
Selbst als das Tier in der Krone einer Palme verschwand, gab der Mann aus dem
Sumpf nicht auf. Gewandt verfolgte er die Echse bis in die Palmenkrone,
angefeuert von unseren beiden japanischen Reisegefährtinnen. Der Abstieg
gestaltete sich für Jason ungleich schwerer, weil ihn das Reptil
ständig zu beißen und kratzen versuchte. Schließlich ließ
er sich einfach, mit der Kragenechse in der Hand, vom Baum in den Dreck fallen.
Stolz präsentierte er seinen Fang, den es ausschließlich in
Nordaustralien zu bewundern gibt. Die sonst flach anliegende Kragenhaut stellt
das Tier nur dann auf, wenn es sich bedroht fühlt. Es versucht dann mit
Imponiergehabe und Zischlauten, größer und gefährlicher zu
wirken.
Das Eigenartigste an dem Reptil ist jedoch, daß es
sich auf der Flucht auf seine Hinterbeine stellt und hocherhobenen Hauptes
durchs Dickicht joggt.
Der Kakadu Nationalpark hat seinen Namen nicht von den
Kakadu-Vögeln, sondern von Gagadju, einer Sprache der Aborigines, die dort
im Arnhem Land schon mehr als dreißigtausend Jahre leben. Doch ist
anzunehmen, daß sie schon viel länger hier sind - als Teil der Natur
und Landschaft, wir ihre mythischen Geschichten von den Anfängen allen
Seins in der Traumzeit berichten.
Dieser Nationalpark ist nicht nur der größte
Australiens, sondern zugleich auch der drittgrößte der Welt. Er
umfaßt eine Fläche von 1,75 Millionen ha. Er hat eine Ausdehnung von
Nord nach Süd von über 200 km und von 100 km von Ost nach West. Im
Norden des Parks, am felsigen Hochplateau, wanderten wir zu Fuß durch
unwegsames Gebiet zum Ubirr Rock, einer wunderbaren Plattform, von wo man einen
grandiosen Ausblick auf endloses Buschland, auf Sumpflandschaften und auf das
weniger dicht bewachsene Felsplateau im Norden mit dem South Alligator River im
dunstigen Hintergrund, hat.
Der Aufstieg war aufgrund des extrem schwülen
Klimas eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit. Der
Flüssigkeitsverlust war enorm. Außerdem wurden wir dort ständig
von Fliegenschwärmen belästigt, die gnadenlos unsere Gesichter, vor
allem die Augen und den Mund, als Landeplatz bevorzugten.
Die Behausungen der Aborigines, mit ihren reichhaltig
ausgestatteten Wandmalereien, schienen so frisch verlassen und jederzeit wieder
bezugsfertig, als würden die Familien erst heute Morgen ausgezogen sein. In
Wirklichkeit haben sie aber schon vor Jahrzehnten diesen Teil von Arnhem Land
verlassen, als ihre heiligen Stätten für jedermann zugänglich
gemacht wurden.
Am Abend saßen wir am South Alligator River und
beobachteten einen großartigen und farbenprächtigen Sonnenuntergang.
Kurz danach fuhren wir bei völliger Dunkelheit auf einem einfachen Weg in
unser bescheidenes Camp, bestehend aus zwei großen Zelten. Schnell war ein
Feuer entfacht, auf dem wir große Stücke Rindersteaks braten konnten.
Dazu gab es allerlei frisches Gemüse und Obst. Vom Duft unserer Steaks und
vom Schein des Feuers angezogen, kamen Dingos aus dem Dschungel und beobachteten
uns.
Die Nacht war sehr warm, sodaß wir wie immer ohne
Schlafsack auf einer einfachen Matratze schliefen. Zur Vorsicht hatten wir uns
noch am Abend mit einem Insektenschutzmittel eingesprüht, und siehe da - es
hat überhaupt nichts genützt. Wir waren mit Stichen
übersäht. Schon um fünf Uhr früh standen wir auf, kratzten
unsere Einstichstellen und nahmen ein wohlschmeckendes Frühstück aus
Obst und Gemüse zu uns, und schon konnte die Fahrt durch den Kakadu
Nationalpark weitergehen. Zuvor bemerkten wir noch, daß alle Knochen
unserer Steaks feinsäuberlich abgenagt waren, aber von den Dingos war weit
und breit nichts mehr zu sehen.
Auf zum letzten Paradies
Unser Tagesziel waren die Twin- und Jim Jim-Falls im
südlichen Teil des Parks. Der Weg dorthin war ausschließlich mit
einem robusten und geländegängigen Fahrzeug zu bewältigen. 60
Kilometer unwegsamstes Gelände trennten uns vom Tagesziel. Wenn man Jason
beim Fahren durch den Urwald zusah, wie er lächelnd über Stock und
Stein hopste, so hatte man das Gefühl, daß er sich nur hier zuhause
fühlt. Wir mußten mit dem Auto Flüsse durchqueren, wobei Jason
keinen Augenblick zögerte, vorher zu Fuß den Wasserstand zu messen
und eine günstige Durchfahrtsmöglichkeit auszukundschaften. Es machte
ihm dabei nichts aus, dabei der Länge nach ins Wasser zu stürzen.
Völlig durchnäßt und schmutzig (aber glücklich), sprang er
dann wieder ins Auto und fuhr mit vorgestrecktem Kinn durch das Hindernis.
Mehrere Stunden manövrierte er auf diese Weise sein Fahrzeug durch die
Wildnis.
Endlich kamen wir an einer grandiosen Sandsteinschlucht
an. Vor der Begehung dieser Schlucht, verteilte Jason Luftmatratzen an jeden von
uns. Die Vegetation am Eingang der Schlucht war dicht, doch man kam in einem
breiten Pfad zügig voran. Bald schon war der Boden zu felsig, um noch
irgend einer Pflanze als Nährboden zu dienen, und so gab es bald nur noch
blanken Fels, der links und rechts 200 Meter senkrecht aufragte. Dazwischen war
nur der stille, ruhige Fluß und der staubige, ausgetretene Weg. An der
nächsten Biegung endete schließlich auch noch dieser Pfad. Jetzt
wußten wir wozu wir die Luftmatratzen mitschleppten mußten. Mit
diesen Schwimmbehelfen glitten wir durch das ruhige, 25° warme Wasser,
vorbei an steilen Felswänden und unter gefährlich
überhängenden Steinkolossen. Schon von weitem vernahmen wir das
Getöse eines Wasserfalls. Langsam und fast lautlos glitten wir etwa 800
Meter durch die schmale Schlucht. Plötzlich weitete sich das enge Tal zu
einem großen, runden Talkessel mit senkrechten, rostbraunen bis schwarzen
Steinwänden. Über diese Wände stürzten die Twin Falls 200
Meter in das Becken, das wir gerade erreichten.
Außerdem gab es dort noch einen kleinen,
strahlendweißen Sandstrand und einige grüne Sträucher. Staunend
ließen wir die unglaublich positive Stimmung, die von diesem
paradiesischen Ort ausging, auf uns einwirken. Eine besondere Genugtuung war es,
sich das erfrischende Naß das Wasserfalls, auf den Kopf und den
Rücken prasseln zu lassen.
Nie werde ich diese Stimmung vergessen, als wir staunend
und schweigend dastanden und dem Rauschen der Wasserfälle lauschten. Wenn
man dabei in die leuchtenden Augen der anderen gesehen hat, wußte man,
jeder ist überwältigt von der verschwenderischen Schönheit der
Natur, in der jedes gesprochene Wort als störend empfunden worden
wäre. Stundenlang, ja tagelang hätte ich an der Stelle bleiben wollen,
doch Jason, der an den Tagesplan dachte, drängte zum Aufbruch.
Gemächlich ließen wir uns wieder aus dem Paradies
hinaustreiben.
Als wir wieder beim Auto angelangt waren, spürten
wir erst wieder die Hitze des Tages und ein Fliegenschwarm stürzte sich
unbarmherzig in unsere Gesichter. Nur Jason konnten diese Viecher nichts
anhaben. “I love flys", versicherte er uns immer wieder. Einen japanischen
Mitreisenden brachten die Insekten jedoch zur Raserei. Laut schimpfend und
fluchend schlug er wie ein Karatekämpfer auf die Fliegen
ein.
Eine andere Schlucht führte zu den Jim-Jim
Fällen. Dieser Felseinschnitt war etwas breiter als der erste, es lagen
hier aber viel mehr Gesteinsbrocken umher, die das Vorankommen erheblich
erschwerten. Sehr schnell war die Anstrengung vergessen, als wir am Fuß
der Wasserfälle standen und in das angenehm kühle, glasklare Naß
eintauchten. Das frische Wasser war den Australiern viel zu kalt zum Schwimmen,
aber wir Europäer ließen es uns nicht nehmen, auch von dieser
gigantischen Naturdusche Gebrauch zu machen.
Leider drängte schon wieder die Zeit, und wir
kletterten durch die Geröllmassen, an zerklüfteten Felsformationen
vorbei zum geparkten Auto, das uns in der Nacht nach anstrengender,
fünfstündiger Fahrt zurück nach Darwin brachte. Wir waren sehr
froh, eine solche Tour mitgemacht zu haben. Denn ohne die Ortskenntnisse eines
erfahrenen Führers und ohne geeignetem Fahrzeug wären uns viele dieser
Naturschönheiten verborgen geblieben. Erleichtert waren wir, als im
brütend heißen Darwin, die Fliegenplage endlich ein Ende gefunden
hatte.
Am nächsten Morgen bestiegen wir einen
Überlandbus, der uns nach Alice Springs bringen sollte. Die 1500 Kilometer
lange Fahrt begann um 11 Uhr Vormittags und endete um 5 Uhr früh des
nächsten Tages. Irgendwann in der Nacht, hielt plötzlich der Bus und
alle Passagiere verließen das Fahrzeug. Verschlafen und völlig
verwirrt torkelten auch wir ins Freie und folgten den anderen in einen
Wartesaal. Ich benötigte noch einige Minuten um zu begreifen, wo ich war.
Egal, wenig später saßen wir wieder im Bus nach Alice Springs und
rollten über den schnurgeraden Stuart Highway Richtung
Süden.
5. Etappe: Alice Springs - Watarrka Nationalpark - Uluru
Nationalpark - Melbourne
Der erste Eindruck, den wir von Alice Springs erhielten,
war die Kälte. Um fünf Uhr früh war es so saukalt, sodaß
wir eiligst unsere langen Hosen aus dem Rucksack holten. Wir betraten das
nahegelegene Backpackerressort und bekamen, ohne ein Wort zu sagen, sofort ein
Zimmer zugeteilt. Das war ein buchstäblich überwältigendes
Service.
Alice Springs entstand genau an der Stelle, wo die
McDonnel-Ranges, eine langgezogene Hügelkette quer durch das Red Center,
unterbrochen ist. Dieser enge Einschnitt, durch den sich heute nicht nur der
Todd River sondern auch die Eisenbahn und der Stuart Highway zwängen, nennt
sich Heavitree Gap. An dieser Stelle führte einst die Telegraphenleitung,
die das 1700 km entfernte Adelaide mit dem 1500 km nördlich von Alice
Springs gelegenen Darwin verband, vorbei. Dort, wo einst die Telegraphenstation
stand, liegt heute, vor der Great Sandy Desert (große Sandwüste), mit
rasterförmig angelegten Straßen, Alice Springs. Diese Stadt mit
25.000 Einwohnern, die in der gleißenden Mittagshitze wie ausgestorben
scheint, bemüht sich sichtlich, mit künstlich gewässerten
Grünanlagen und buntbemalten Häusern, sich gegen den
allgegenwärtigen, roten Sandstaub, der permanent die Stadt zu ersticken
droht, zu wehren.
Bruce Chatwin, ein englischer Autor der Australien
bereiste, beschrieb Alice Springs so: “Diese Stadt ist ein Netz
verbrannter Wege, wo Männer in langen weißen Socken unaufhörlich
in Landcruiser einsteigen oder aus Landcruisern aussteigen und in irgendwelchen
Bars verschwinden." Und genauso war es auch!
Auffällig an Alice Springs ist der große
Bevölkerungsanteil der Schwarzen. Es ist ein sehr trauriges Bild, das man
als Besucher von den Aborigines erhält. Überall, unter
schattenspendenden Bäumen, sieht man Gruppen der Urbevölkerung,
entweder lautstark miteinander streitend oder sie sind betrunken, sodaß
sie nur mit glasigen Augen dasitzen und versuchen ihre Lage zu vergessen. Seit
die weißen Einwanderer ihnen das Land ihrer Ahnen weggenommen haben,
befinden Sie sich in einem schrecklichen Kreislauf. Daher sind sie gezwungen, in
der Nähe von Städten zu leben, wo sie sich regelmäßig einen
bescheidenen Geldbetrag abholen können, der ihnen laut Gesetz als
Entschädigung für ihr Land zusteht. Doch mit den paar Dollars kann man
sich keine Wohnung, geschweige denn ein Haus leisten. Also vertrinken sie das
Geld, daß für eine anständige Mahlzeit für die ganze
Familie ohnehin zuwenig wäre. Und als alkoholabhängiger Obdachloser
bekommt man auch in Australien keine Arbeit.
Das Schicksal der Aborigines
Diese Menschen, die seit 40.000 Jahren auf diesem
Kontinent leben, waren Nomaden, die es gewohnt waren, ausschließlich von
dem zu leben, was ihnen die Natur gab. Auf ihren ‘Songlines’, den
unsichtbaren Linien, die sich an fixen Punkten (markante Bäume, Felsen,
Büsche ...) kreuzten, wanderten die Aborigines durch ihr weites Land. Es
gab bei den Aborigines keine Schriften, deshalb lernte jeder von ihnen die Songs
(Kreuzungen) anhand von Liedertexten auswendig. Ihre ganze Orientierung basierte
einzig auf diesen ‘Texten’, die von Generation zu Generation
weitergegeben wurden. So hatten viele Stammesältere eine perfekte Landkarte
vom gesamten Kontinent im Kopf.
Die Aborigines suchten ihre Nahrung nicht, sie fanden
sie. Denn sie lebten streng nach dem Grundsatz: “Wer sucht und jagt, der
beutet aus. Wer aber Nahrung findet, dem hat das Schicksal seine Ration
bereitgelegt." Daß sie bei der Auswahl ihrer Nahrung nicht wählerisch
waren, erschreckte die europäischen Siedler seit jeher. So standen
allerlei, bitter schmeckende Früchte, die im Staub der Wüste wuchsen,
ebenso auf ihrem Speiseplan wie Engerlinge, Maden, Echsen, Schlangen, Kamele,
Wasserbüffel aber auch Nüsse, Kräuter, Gewürze, Pilze,
Gemüse sowie Vögel, Fische und vieles mehr, das heutzutage als
‘Bush Food’ auch auf den Speisekarten der Nobelrestaurants zu finden
ist.
Die Aborigines lebten in dreihundert verschiedenen
Stämmen. Dazu bedienten sie sich zweihundertfünfzig verschiedener
Sprachen, aus denen wiederum neunhundert verschiedene Dialekte hervorgingen,
welche untereinander nicht verstanden wurden. Diese Sprachen sind mit anderen
Sprachen dieser Welt nicht zu vergleichen, und es ist auch fast unmöglich
eine solche zu erlernen. Ein Wort, das vom Vater zum Sohn gesprochen wird, kann
eine ganz andere Bedeutung haben, als wenn die Mutter dieses Wort an ihre
Tochter richtet. Außerdem bedienen sie sich sehr, sehr langer, fast
unaussprechlicher Wörter. Die Bedeutung eines Satzes hängt auch sehr
von der Gestik und dem Tonfall ab. Wird ein Satz im Sitzen oder im Stehen
ausgesprochen, kann der Sinn des Gesagten schon verändert werden. Heute
gibt es nur mehr etwa fünfzig verschiedene Aborigine-Sprachen, und es
werden immer weniger.
Die Aborigines waren auch wahre Meister in der
telepatischen Kommunikation und großartige Naturmediziner, die mit der
Kraft ihrer geistigen Energie angeblich Krankheiten und sogar Knochenbrüche
innerhalb kürzester Zeit heilen konnten.
Als die ersten Einwanderer aus Europa in Australien
eintrafen, beschrieben sie dieses Naturvolk als schwarzes, unzivilisiertes (sie
waren nackt), primitives, dummes, dreckfressendes Gesindel, das ihnen das Vieh
stahl. Die Aborigines wußten nicht, daß diese Tiere jemandem
gehörten.
Bis zum heutigen Tag, so hat man das Gefühl, wird
dieses friedfertige Volk, mit dem enormen spirituellen Wissen, von den
weißen Mitbürgern nicht verstanden. ‘Mitbürger’
stimmt nicht ganz, denn erst in den sechziger Jahren wurden die Aborigines als
Bürger Australiens anerkannt, wenn auch mit eingeschränkten
Bürgerrechten.
Die Regierung hat sie in Reservate gepfercht, die viel
zu klein und zu unfruchtbar für so viele Menschen sind. Man gab ihnen
Wellblechhütten, die sie bewohnen sollten - und das schlimmste: man gibt
ihnen Geld statt Nahrung. Heute schaut man nur beschämt zur Seite, wenn ein
alter Aborigine mit dreckigem Gewand und zahnlosem Mund, vor einem Bottle Shop
um ein paar Cent’s bettelt. Groteskerweise lernen heute die schwarzen
Kinder die Kultur der Aborigines in der Schule von weißen
Lehrern.
Zu vieles wurde hier schon falsch gemacht, und ich
weiß nicht, ob ich bestürzt oder froh sein soll, daß sich
dieses Volk, das seine Ursprünglichkeit nicht mehr wiedererlangen kann,
aufgrund des zunehmenden Alkoholismus immer weniger vermehrt.
The School of the Air - ‘Funkunterricht’
seit 1951
Alice Springs ist eine der wichtigsten Funkstationen im
Red Center. Nicht nur das ‘Flying Doctor Service’ ist hier
beheimatet sondern auch ‘The School of the Air’ wird von hier aus in
die entlegensten Rinderfarmen und Stationen ausgestrahlt. Kinder, die so weit
entfernt von der Stadt wohnen, daß es für sie unmöglich ist,
jeden Tag eine Schule zu besuchen, werden schon seit 1951 via Funkgerät
unterrichtet.
Die Stadt lebt heute vom Bergbau und
größtenteils vom Fremdenverkehr. Die Ausrichtung auf den Tourismus
hat die Stadt völlig umgestaltet, von der isolierten, staubigen
Outbacksiedlung ist wenig geblieben. Das Bild des neuen Alice Springs wird
bestimmt von Restaurants, Luxushotels und Caravanparks, von Unterhaltungslokalen
(Spielcasinos) und von zahllosen Läden und Galerien. In vielen dieser
Läden wurden geführte Touren zum Watarrka- und dem Uluru Nationalpark
angeboten. Weil wir schon in Darwin von solch einer Tour begeistert waren,
griffen wir auch hier die Gelegenheit beim Schopf.
Früh Morgens um halb sechs ging es los. Unser
Fahrer hieß Glen. Er hatte sich sehr intensiv mit der Kultur der
Aborigines beschäftigt. Das einzige, das er nicht mochte, war
körperliche Anstrengung, wie zum Beispiel Bergsteigen.
Mit hoher Geschwindigkeit raste Glen mit dem Kleinbus
auf einer unbefestigten Waschbrettpiste hinaus in die Wüste. Daß er
dabei manchmal ein Schlagloch übersah, worauf wir drei in der letzten Reihe
an die Decke geschleudert wurden, sei ihm jetzt verziehen. Genauso wie wir
darüber hinwegsahen, daß er manchmal vergaß, die Türen des
Anhängers zu schließen, in dem sich unser Gepäck
befand.
Zufällig war auch eine ‘alte Bekannte’
mit von der Partie, die wir auch von der Tour in Darwin kannten. Es war eine
kleine Chinesin namens ‘Happy’.
An einer steil ansteigenden Hügelkette aus rotem,
brüchigem Sandstein, etwa 320 km südwestlich von Alice Springs, hielt
Glen seinen Boliden an und stattete uns mit Wasserflaschen aus, um für die
bevorstehende Wanderung im Watarraka Nationalpark gerüstet zu sein. Steil
führte der Weg hinauf auf ein Hochplateau. Die Hitze des Tages forderte
alle unsere Flüssigkeitsreserven, denn der Schweiß floß in
Strömen. Oben angekommen, tat sich vor uns die sogenannte verlorene Stadt
auf. ‘Lost City’, wie sie genannt wird, ist ein großes Gebiet
aus stark verwitterten Sandsteinkuppeln, die an verfallene Häuser und
Straßen erinnern. In dieser unwirtlichen Gegend, in der absolut kein
Geräusch zu hören war, wuchs - man sollte es nicht für
möglich halten - eine einsame Ananasstaude, die sogar eine Frucht trug.
Außerdem zeigte uns Glen ausgewaschene
Steingebilde, die man sonst nur an den Küsten der Meere findet. Er
erklärte uns, daß vor Jahrmillionen ein Ozean dieses Gebiet bedeckte
und daß man hier schon viele fossile Fische und Krebse gefunden hat. Es
war schwer vorstellbar, angesichts dieser knochentrockenen, wüstenartigen
Gegend. Aber es machte die Sache mit der Ananasstaude verständlicher, wenn
auch nicht ganz.
Als wir in der sengenden Hitze weiterwanderten,
gelangten wir an einen gewaltigen Riß in der Erdoberfläche, der sich
‘Kings Canyon’ nennt. Bis zu 270 Meter tief und 300 Meter breit, mit
senkrechten, glatten Wänden, als wären sie mit dem Messer geschnitten,
klaffte vor uns der Abgrund. Staunend und respektvoll traten wir an den Rand des
Abgrundes heran. An manchen Stellen des Canyons bildeten sich vor langer Zeit
Wassertümpel, die angeblich niemals austrocknen. Diese Plätze waren
mit Palmen und anderen Sträuchern umwachsen. Diese Oasen schienen Relikte
aus längst vergangenen Tagen zu sein. Einen Abschnitt des Canyons nennt man
‘Garden of Eden’, was mir angesichts der Umgebung als recht passend
erschien.
Der Watarrka Nationalpark grenzt direkt an ein
Aboriginal-Reservat. Watarrka ist die Bezeichnung für den Canyon und er
dient den Aborigines als Kult-, Rast- und
Versammlungsstätte.
Am Abend kamen wir gerade rechtzeitig zum
Sonnenuntergang im Uluru Nationalpark, etwa 450 km südwestlich von Alice
Springs, an. Zum ersten Mal standen wir ihm gegenüber. Auch wenn wir ihn
schon von vielen tausend Abbildungen kannten, so war es doch ein wunderbar
erhebender Augenblick, als wir ihn in der untergehenden Sonne, strahlend vor uns
sahen - den Ayers Rock.
Das ‘Herz’ Australiens, der Ayers
Rock
Majestätisch und vom letzten Sonnenlicht in ein
unglaubliches Rot getaucht, präsentierte sich der gigantische Felsen von
seiner schönsten Seite.
Der Ayers Rock, der 1872 erstmals von einem Weißen
gesehen wurde, und von den Aborigines ‘Uluru’ (schattiger Platz)
genannt wird, erhebt sich 348 Meter über die weite Ebene und hat einen
Umfang von fast 9 Kilometer. Weil sich der Berg ziemlich genau im geographischen
Mittelpunkt des Kontinents befindet und nicht zuletzt wegen seiner Farbe, wird
er gern das Herz Australiens genannt. Für die Aborigines war und ist dieser
Felsen einer der wichtigsten Versammlungspunkte überhaupt. Am Fuße
des Berges sind zahlreich natürliche Höhlen zu sehen, die als
Unterschlupf für ganze Stämme dienten. Sie hatten eigene Räume
für Familien, andere eigens für Männer, wieder andere eigens
für Frauen, die übrigens unabhängig von ihren Männern,
eigene Gesetze hatten und in der Familie als Mutter den höchsten Rang
innehatten. Die Aufgabe des Mannes war es lediglich für die Nahrung zu
sorgen.
Staunend standen wir hier, umgeben von hunderten
Touristen, die dieses Spektakel auch nicht versäumen wollten, und
beobachteten wie sich der Berg mit jeder Minute in eine andere Farbschattierung
hüllte, bis er schließlich von einem grellen Orange in ein tiefes
Purpurrot überwechselte. Kurz vor der absoluten Dunkelheit zeigte er sich
nur noch in grauen und schwarzen Tönen. Glen erzählte, daß der
Ayers Rock am schönsten ist, wenn er sich, vom Regen naß, in einem
glänzenden Schwarz präsentiert. Die Nacht verbrachten wir in Yulara,
einer langgestreckten, in die Gegend eingefügten Touristensiedlung mit
einfachen Camps. Wir schliefen in sogenannten Swag’s, den traditionellen
Reisebündeln der Viehtreiber. “A swag is the Bushman’s best
friend", pflegte Glen zu sagen. So ein Swag besteht aus einem groben, massiven,
rechteckigen Segeltuchsack, worin sich eine dünne Matratze und ein kleines
Kissen befinden. Zusätzlich zur äußeren Hülle schläft
man dann noch im Schlafsack in diesem komfortablen Bett. Vor dem Einschlafen
sieht man dann noch einen unbeschreiblichen Sternenhimmel über der
Wüste und man hört nur das knackende Geräusch des Lagerfeuers.
Wir mußten nur aufpassen, daß die Dingos unsere Schuhe nicht
davonschleppten. Ich glaube, man schläft kaum irgendwo besser als in der
kühlen Nachtluft der Wüste.
Um vier Uhr Morgens begann es im Camp unruhig zu werden.
Viele der Touristen wollten schon vor Sonnenaufgang den Ayers Rock bezwingen und
schepperten mit Kochtöpfen und schlugen mit Autotüren, daß an
ein Weiterschlafen nicht mehr zu denken war. Schnell standen wir auf, machten
Feuer, frühstückten, räumten auf und fuhren mit dem Bus zum Ayers
Rock, um am täglichen Rennen um den Gipfelsieg
teilzunehmen.
Ganze Scharen von Touristen quollen aus den Bussen, die
herbeigeeilt waren, und stürmten auf den markierten Anstieg
zu.
Bei völliger Dunkelheit und bei frischem,
böigem Wind, nahmen auch wir die sportliche Herausforderung an. Vergessen
war für einen Moment die Heiligkeit des Felsens. Wir wollten nur hinauf, um
von seiner Spitze den Sonnenaufgang zu beobachten. Schritt für Schritt
überholten wir schlecht ausgerüstete Besucher, die sich zuviel
vorgenommen hatten. Ohne mich herausheben zu wollen, stellte ich wohl an diesem
Morgen eine Bestzeit im ‘Uphil Race’ auf.
Unvergeßlich war der Augenblick, als die Sonne
über dem Horizont hervorkam und die 40 km weiter westlich gelegenen Olgas,
mit ihrem roten Licht beschien. Die ganze Welt schien in diesem Augenblick in
ein kräftiges, dunkles Orange getaucht zu sein. Wenn ich dabei in die
verschwitzten aber glücklichen Gesichter der anderen
‘Bergsteiger’ sah, wußte ich, daß ich nicht alleine so
bewegt von diesem Augenblick war.
Mir tun Australienbesucher, die glauben, man
müßte um diesen Berg, mit all seinem Tourismusrummel, einen
großen Bogen machen, sehr leid. Denn wenn auch dieser Felsen ein
vielbesuchtes Touristenziel ist, so war es doch eines der schönsten
Erlebnisse dieser Reise und ich bin stolz darauf, dort gewesen zu
sein.
Der Ayers Rock war für uns, wie auch für die
Aborigines, ein Ort der Begegnung. Drei Mädchen aus Salzburg, die wir
unterwegs schon zwei Mal getroffen hatten, erreichten gerade die Hochebene des
Berges, als wir uns schon an den Abstieg machten. Und als wir schon fast wieder
unten waren, begegneten uns auch noch unsere beiden japanischen Kollegen, die
wir aus dem Kakadu Nationalpark kannten, und die sich so lautstark über die
Fliegenplage beschwert hatten.
Kata Tjuta, die Olgas
Eine halbe Autostunde entfernt, ragen die Olgas, von den
Aborigines ‘Kata Tjuta’ genannt, wie riesige Sandsteinköpfe aus
dem Boden. Noch immer waren wir von den Erlebnissen am Ayers Rock so sehr
begeistert, daß wir die bestimmt genau so eindrucksvollen Olgas gar nicht
richtig wahrnahmen. Erst ein Spaziergang zwischen den riesigen Kuppeln, die
unterirdisch mit dem Ayers Rock verbunden sind, brachte uns ein reelles Bild von
diesen natürlichen Kunstwerken. Kata Tjuta gehört zum Aborigine-Land
und es ist daher nicht erwünscht, den Berg zu besteigen.
Der Uluru Nationalpark wurde 1958 eingerichtet und ist
seit 1985 wieder im Besitz der Aborigines, die seit jeher hier ansässig
sind. Die Verwaltung in Canberra bezahlt den Ureinwohnern jährlich 20.000
Dollar, um Touristen in dieses Gebiet bringen zu dürfen.
Leider drängte die Zeit schon wieder und wir
mußten zurück nach Alice Springs. Lange begleitete uns dabei noch der
wunderschöne Anblick des Ayers Rock, bis er schließlich hinter einer
Sanddüne verschwand.
Uns beschlich plötzlich das eigenartige
Gefühl, daß wir nun von Australien das meiste gesehen hatten und wir
nach Hause fahren konnten. Sehr viel mehr konnten wir auch die letzten drei Tage
unseres Urlaubs nicht mehr unternehmen.
Tags darauf stiegen wir in Alice Springs ins Flugzeug
und flogen noch einmal über diese beeindruckende Landschaft des
südlichen Nordterritoriums, Richtung Adelaide. Von dort aus ging es, nach
einem kurzen Aufenthalt, auch gleich weiter nach Melbourne, wo wir in einer sehr
schönen, neuen Jugendherberge untergebracht waren. Nach den vielen Tagen,
erst im Regenwald und dann in der Wüste, brauchten wir eine ganze Zeit, um
uns wieder an eine Großstadt zu gewöhnen.
Melbourne, die zweitgrößte Stadt Australiens
mit 3,1 Millionen Einwohnern, liegt im Südosten des Kontinents, an den
Ufern des Yarra Rivers, im Bundesstaat Victoria. Melbourne ist eine junge, sehr
moderne Stadt. Auf den ersten Blick ist sie wohl die amerikanischste Stadt
Australiens.
Die vorweihnachtliche Stimmung in den vielen
Einkaufszentren im Inneren der Stadt, machte uns nervös, sodaß wir
gleich in den Flinderspark flüchteten und das Tenniszentrum besichtigten,
in dem die Vorbereitungen für die bevorstehenden ‘Australien
Open’ auf Hochtouren liefen.
Nach einem erholsamen Spaziergang am Yarra River mit
Blick auf die gläserne Skyline von Melbourne, zogen wir uns in ein kleines
Straßencafe zurück und feierten Abschied von Australien. Jedem von
uns war klar, daß wir nicht zum letzten Mal auf diesem herrlichen
Kontinent waren.
Gegen Mitternacht bestiegen wir die Maschine der Lauda
Air, die uns in einem fast vierundzwanzigstündigen Flug nach Wien brachte,
wo wir Anfang Dezember heftig froren.
Wenn ich heute an Australien denke, so denke ich an
Eukalyptuswälder, Sandstrände, Staub, Hitze, ‘XXXX’, an
unseren Campingbus, Ayers Rock, Känguruhs, den lockeren Lebensstil der
Australier, an den unglaublichen Kakadu Nationalpark, an Regenwälder,
Krokodile, Koalas und vor allem an die erstklassige Zusammenarbeit unseres
Teams.
Einen gelungen und erholsamen Urlaub wünschen
Ihnen
Hubert Morawetz
und das CDA-Team.
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