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Canetti, Veza und Werke
Veza Canetti
Die gelbe Strasse
Das Gute und das Böse wohnen dicht nebeneinander in der Gelben
Straße, der Straße der Lederhändler in
der Wiener Leopoldstadt. Veza Canetti beschreibt diese knapp, prägnant
anrührend oder mit bissigem
Humor.
Der Unhold
Eines Tages, als die Runkel, eine schwerbehinderte Frau, von ihrer Dienerin
im Kinderwaden über die
Straße gefahren wird, überkommt sie eine solche Verzweiflung
über ihr elendes Leben, daß sie sich
wünscht von einem Lastwagen überfahren zu werden. Doch nicht sie,
sondern ihr treues Diestmädchen
Rosa wird von einem herannahenden Motorrad überfahren. Die Runkel
bricht sich durch den Aufprall
beide Arme.
Pilatus Vlk, in Iglau geboren und ledig, wohnt in der gelben Strasse Nr.
31. Er geht jeden Tag zur gleichen
Zeit außer Haus, in die Trafik und in das Restaurant. Er hat seinen
Tag genau eingeteilt. Herr Vlk hat ein
Auskunftsbüro beauftragt , ihn zu beobachten. Herr Vlk ist sehr
benibel und genau und vor allem sehr
eigen.
Die Trafik ist jeden Morgen der Treffpunkt aller Bewohner der gelben
Strasse. Lina - die Trafikantin - ist
immer bemüht, alle Kunden zuvorkommend zu behandeln. Der dicke
Lederhändler versucht Lina zu
küssen, sie aber gibt ihm eine Ohrfeige. Daraufhin gehen anonyme
Beschwerden bei Runkel, der Besitzerin
der Trafik, ein. Sie kündigt Lina.
Alle Kunden sind schockiert und wollen Lina helfen. Schwester Leopoldine,
eine ehemalige
Krankenschwester aus Kriegszeiten, heute Dienerin, möchte
Unterschriften gegen die Kündigung
sammeln. Knut Tell schlägt vor persönlich mit der Runkel zu
sprechen. Alle Anwesenden gehen
abwechselnd ins Seifengeschäft, welches ebenfalls der Runkel
gehört und in dem sie den ganzen Tag
hinter der Kasse arbeitet. Doch niemand, weder Knut Tell, noch die
Gnädige ( eine feine Dame), die
Hatvany, die rote Gusti, die Kohlenfrau, der Graf erreichen die
Rücknahme der Kündigung.
Der Oger
Herr Iger hat ebenfalls sein Geschäft in der gelben Strasse. Er kommt
gerade mit seiner jungen Frau Maja
von der Hochzeit zurück.. Maja ist enttäuscht von der
Einzimmerwohnung.
Herr Iger ist zu allen Menschen sehr großzügig, nur zu seiner
Frau nicht. Er schlägt sie sobald sie auch
nur einen Schilling zuviel ausgibt.
Da Maja aufgrund ihrer Ehe immer traurig ist, bedauern Alle ihren Mann, den
ja jeder nur als hilfsberei-
ten Menschen kennt. Maja bekommt einen Jungen. Einmal versucht sie die
Scheidung einzureichen, als ihr
Mann sie fast zu Tode schlug. Doch wegen dem Jungen zieht sie, nachdem sie
zur Nachbarin geflüchtet
war, wieder bei ihm ein. In der Nacht vergewaltigt er sie, Daraufhin
bekommt sie ein Mädchen.
Als ihr Vater stirbt und er ihr ein großes Erbe
hinterläßt, versucht Herr Iger mit allen Mitteln das Geld zu
bekommen. Er wird nett, verspricht ein besseres Leben.. Als alles nichts
nützt, schreit er Maja wieder an.
Doch Maja gibt das Geld nicht her.
Der Kanal
Die Frau Hatvany vermittelt "Hausgehilfinnen". Sie verlangt dafür die
Hälfte des ersten Lohnes. Einen
Wucherpreis! Abwechselt kommen alle Mädchen wieder zurück, da sie
mit der Stelle nicht zufrieden sind.
Mizzi Schaden bekommt eine Anstellung bei einer Baronin, diese verliebt
sich in sie. Daraufhin kommt
auch Mizzi wieder zurück. Nur Therese, die bei der Runkel zu arbeiten
anfängt, ist zufrieden mit ihrer
Stelle.
Die Hatvany ist mit den Mädchen, die sofort wieder von den
vermittelten Stellen zurückkommen, natürlich
unzufrieden. Sie schreit und meint, daß die Mädchen ins Wasser
gehen sollen. Emilie Jaksch sieht dies als
Wink des Schicksals an. Sie hatte schon davon gehört, daß junge
Selbstmörderinnen Herberge in einem
Obdachlosenheim und auch eine Stelle als Dienstmädchen bekommen.
Daraufhin springt sie ins Wasser
und wird von einem Polizisten "gerettet". Das Geschäft der Hatvany
wird aufgrund einiger Anzeigen zuge-
sperrt.
Der Tiger
Frau Andrea wurde eigentlich wegen ihres Geldes geheiratet. In der Familie
Sandoval fehlt es und daher
ist der Sohn der Retter der Familie.
Frau Andrea bekommt eine Tochter, Diana, die zur Schönheit
heranwächst. Herr Sandoval verliert das
ganze Geld durch Fehlinvestitionen. Frau Andrea hilft der Familie, indem
sie alle wertvollen Dinge
verkauft. Als es nichts mehr zu verkaufen gibt, arbeitet sie als
Klavierspielerin. Diana wird Bildhauerin.
Frau Andrea bekommt eine Anstellung in einem Kaffeehaus. Der Besitzer, von
allen "Tiger" genannt,
interessiert sich für Frau Andrea.
Tiger schließt mit Herrn Zierhut, dieser hatte ihm Andrea
vorgestellt, eine Wette. Tiger ist der Meinung,
daß jeder Mensch mit Geld "zu haben" sei. Tiger lockt Andrea unter
einem Vorwand ins Lusthaus. Doch
Andrea, die glücklich verheiratet ist, bleibt hart, und ihrem Mann
treu. Herr Zierhut ist darüber sehr
erfreut. Diana, die nachgekommen ist, sehr froh.
Der Zwinger
Im Stiegenhaus sitzt Hedi, fünf Jahre alt, und spielt mit einer
Geldbörse, gefüllt mit ausländischen Geld-
scheinen. Hedis Mutter ist Bedienerin. Neben Hedi sitzt ein großer
Hund, Grimm. Diesen haben sie von
einem früheren Herrn, nach dessen Tod, Unterkunft gegeben.
Jeder , der vorbeikommt, versucht das Geld an sich zu bringen. Doch Grimm
läßt niemanden an Hedi her-
an. Ein Wachmann wird geholt, der das Geld in Gewahrsam nimmt. Hedi sagt
dem Wachmann nicht, daß
das Geld dem Bankier gehört, da sie diesen nicht mag. Sie geht einen
Stock höher ins Kinderheim, dort
reden vornehme Damen über ein Fest, das sie veranstalten wollen. Das
Geld soll zur Erhaltung des
Kinderheimes verwendet werden. Hedi wird mit einer Geldbörse auf die
Straße geschickt, um Geld zu
sammeln. Als sie wiederkehrt bekommt sie ein Stück Kochschokolade als
Belohnung.
Helli Wunderer sitzt traurig beim Fenster. Sie möchte heim zu ihrer
Mutter. Hedi geht mutig zurück zur
Geldbüchse, die bei den vornehmen Damen steht, nimmt Geld heraus und
gibt es Helli, die daraufhin mit
dem Zug zur Mutter fährt. Als Helli vom Heim vermißt wird,
kommen viele Gerüchte auf. die einen mei-
nen, daß sie ertrunken, die anderen, daß sie ermordet worden
sei. Hedi erzählt alles ihrer Mutter, die ihr
aber nicht glaubt.
In der gelben Straße ist jeder so entrüstet über den "Mord"
an Helli, daß unaufhörlich anonyme Briefe bei
der Polizei eingehen. Herr Vlk wird am stärksten verdächtigt,
noch dazu, wo er einen Detektiv beauftragt
hat, ihn zu überwachen. Als er verhaftet wird, tobt er , sodaß
er in Steinhof eingeliefert werden muß.
Die Runkel erstickt mittlerweile unter einem zusammengefallenen Stapel in
ihrer Wäscherei.
Herr Iger löst auf dem Wohltätigkeitsfest das Geheimnis um Helli.
Er präsentiert sie stolz der erstaunten
Menge. Die Menschen sind erbost und beschimpfen ihn und die kleine Helli.
Die Spender wollen das
Geld zurück. Herr Iger verschwindet und läßt die Helli
alleine bei der erzürnten Meute.
Veza Canetti
Geboren 1897 in Wien als Tochter eines Kaufmanns. Anstellung an einem
Privatgymnasium als Lehrerin.
Nach vier Jahren war die Schule heruntergewirtschaftet, seitdem
Stundengeben und Übersetzungen. Erstes
Buch Kaspar-Hauser Roman-wurde nicht veröffentlicht.
Sie gehörte zum engeren Kreis um Karl Kraus, stand aber gleichzeitig
dem Austro- Marxismus nahe;
Veröffentlichungen in der Wiener "Arbeiter-Zeitung", im Malik-Verlag
und in Exil-Zeitschriften;
Übersetzerin aus dem Englischen (darunter Graham Greens "Die Macht und
die Herrlichkeit"); 1934
Heirat mit Elias Canetti; Exil in London, wo sie 1963 starb.
Veza Canetti war über Jahrzehnte hinweg literarische Ratgeberin ihres
Mannes Elias Canetti.
Weitere Werke: Das Augenspiel
Die Blendung
Die Fackel im Ohr
Die gerettete Zunge
Das Gewissen der Worte
Masse und Macht
Der Ohrenzeuge
Die Provinz des Menschen
Die Stimmen von Marrakesch
Hüter der Verwandlung
Persönliche Gedanken :
Veza Canetti beschreibt das Leben in der gelben Straße . Damit meint
Sie die Straße der Lederhändler in
der Wiener Leopoldstadt.
Die Straße ist überflutet. Vor jedem Geschäft stehen
Händler mit Lederwaren, die in hellem Gelb leuchten.
Veza Canetti erzählt Dinge, die sich wirklich zugetragen haben. Wie
beispielsweise die Familie Iger :
Herr Iger ist bei allen sehr beliebt. Er ist immer freundlich, hilfsbereit
und großzügig. Nur nicht zu seiner
eignen Frau! Er schlägt sie und rechnet ihr jeden Schilling vor, den
sie ausgibt.
Die Charaktere in dieser Geschichte sind sehr unterschiedlich. Veza Canetti
beschreibt die Menschen sehr
genau und in einer Art, daß alles sehr glaubwürdig erscheint. Es
ist gut vorstellbar, daß diese Menschen
tatsächlich gelebt und in der Gelben Straße gewohnt haben.
Die schwerbehinderte Frau Runkel, die von vielen Menschen aufgrund ihrer
Behinderung mit Ekel be-
trachtet wird. Einige Leute fürchten sie aber auch, da sie zwei
Geschäfte besitzt und dadurch einige Ange-
stellte von ihr abhängig sind. Abhängig von einer Frau, die von
ihren Dienern im Kinderwagen umher-
gefahren wird.
Die Runkel entläßt Lina, da einige anonyme Beschwerden laut
werden. Lina ist darüber sehr traurig und
fühlt sich ungerecht behandelt, wo sie doch immer zu Allen nett und
höflich war.
Die Runkel ist über ihr Leben nicht glücklich, sie muß als
Krüppel auf der Welt ihr Dasein fristen. Alle
Menschen haben nur wegen ihres Vermögen Respekt vor ihr. Hätte
sie dieses Vermögen nicht, hätte sie
auch keine Hilfe von Anderen zu erwarten. Als sie eines Tages eine solche
Verzweiflung über ihr Leben
überfällt und sie ihrer Dienerin verwirrende Anweisungen gibt,
wird diese beim Überqueren der Straße
getötet. Runkel selbst erleidet Armbrüche, ein unschuldiges
Mädchen verliert anstatt ihr das Leben.
Runkel stirbt später unter einem zusammengefallenen Stapel in ihrer
Wäscherei. Niemand war zu dieser
Zeit bei ihr, der ihr hätte helfen können. Sie hatte alle mit
Arbeiten beauftragt und weggeschickt.
Sehr gut gefällt mir vor allem die Geschichte der kleinen Hedi. Sie
hilft ihrer Freundin Helli, damit diese
zu ihrer Mutter fahren kann. Als das Verschwinden des Mädchens bemerkt
wird, nehmen alle sofort etwas
Schreckliches an. Einige vermuten einen Mord, andere eine Entführung.
Jeder glaubt zu wissen, was mit
dem kleinen Mädchen geschehen ist. Alle wollen helfen und sammeln. Die
Menschen sind betroffen und
zeigen Trauer. Als Herr Iger auf der Wohltätigkeitsveranstaltung das
Geheimnis um Helli aufklärt, sind
alle böse auf ihn. Niemand ist froh, daß Helli wohlauf und bei
ihrer Mutter ist, sondern alle sind böse dar-
über, daß sich alles in Wohlgefallen aufgelöst hat. Die
Leute wollen ihre Spenden zurück und bestürmen
Herrn Iger .
So gibt es jeden Tag in der gelben Straße immer wieder eine
Neuigkeit, die es lohnt, weiterzuerzählen . . .
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