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Hesse, Hermann: Emil Kolb
Literaturprotokoll, Gabriel Maresch
Februar
1996
Hermann Hesse: “Emil Kolb”
Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw/Württemberg als Sohn eines
baltendeutschen Missionars und einer württembergischen Missionarstochter
geboren. Er lebte seit 1919 im Tessin und erlangte 1923 die schweizerische
Staatsbürgerschaft. 1946 wurde er mit dem Literaturnobelpreis
ausgezeichnet. Hermann Hesse starb am 9. August 1962 in Montagnola bei Lugano.
Hesse beeinflußte ganze Generationen von Jugendlichen durch seine
romantischen Frühwerke und die von indischen Weisheiten geprägten
Bücher der folgenden Reifezeit; daneben verfaßte Hesse Lyrik, Essays
und Betrachtungen. Seine Bücher, Romane, Erzählungen, Betrachtungen,
Gedichte, literatur- und kulturkritischen Schriften sind mittlerweile in einer
Auflage von mehr als 60 Millionen Exemplaren in aller Welt verbreitet und haben
Hesse zum meistgelesenen europäischen Autor des 20. Jahrhunderts in den USA
und in Japan gemacht.
Werke (Auszug)
“Peter Camenzind”, 1904
“Unterm Rad”, 1906
“Demion”, 1919
“Der Steppenwolf”, 1927
“Narziß und Goldmund”, 1930
“Das Glasperlenspiel”, 1943
Inhaltsangabe:
Emil Kolb, der Sohn eines armen Flickschusters, wohnt in Gerbersau. Ihm ist
es weder möglich im Walten der Natur und in der Entfaltung menschlicher
Schicksale das Unabänderliche zu erkennen, noch anzuerkennen. Von
frühester Kindheit an fühlt Emil den Mut in sich, einmal das Schicksal
eines bedeutenden Menschen auf sich zu nehmen, das eines Bürgermeisters
oder Millionärs, getrieben von den väterlichen Wünschen,
Erwartungen und Träumen. Schon früh verachtet Emil diejenigen, welche
es vorziehen, sich Idealen zu opfern, anstatt für ihre Dienste Geld zu
verlangen. Eine Besondere Hochachtung hat er aber vor der Kunst der Sprache, der
Pflege des Ausdrucksvermögens zugunsten geschäftlicher oder
rechtlicher Briefe. Diese Vorliebe für den Kanzleistil ist der Grundstein
für seine einzige Freundschaft. Franz Remppis, der zwölfjährige
Sohn des Kannenwirts, muß in der Schule seinen Aufsatz über das Thema
Frühling vorlesen. Nach den ersten Worten wird Emil klar, daß er hier
einen ihm Gleichgesinnten gefunden hat. Er spricht Franz seine Bewunderung aus
und schließt mit ihm Freundschaft.
Aufgrund der schlechten finanziellen Lage von Emils Familie könnte ein
Studium niemals finanziert werden. Doch Vater Kolb, bemüht seinen Sohn
einen besonderen Platz im Leben zu verschaffen, gelingt es, diesen als Lehrling
im Bankgeschäft der Brüder Dreiß unterzubringen, welches in
Gerbersau hoch angesehen ist. Emil Kolb ist der einzige neu eintretende
Lehrling. Deshalb muß er fast ausschließlich jene Arbeiten
verrichten, die die anderen für niedrig erachten. Er erhält lediglich
frei Kost, jedoch keinen Lohn.
Die Trennung von Franz Remppis macht ihm zu schaffen. Doch bald erhält
er einen Brief des Freundes, der in Lächstetten eine Lehrlingsausbildung
angetreten hat. Emil verfaßt sofort ein Antwortschreiben, kann sich eine
Briefmarke aber nicht leisten. Als er etliche Briefe zur Post tragen muß,
beklebt er seinen Brief mit einer für einen Geschäftsbrief bestimmten
Marke. Zuerst plagt Emil sein schlechtes Gewissen und fürchtet die
Entdeckung seines Vergehens.
Doch nichts geschieht und das Kind armer Eltern beneidet seine
gleichaltrigen Kameraden, die schon Geld verdienen und sich Dinge, welche Emil
als Luxus und somit als unerreichbar erachtet, leisten. Auch stört es ihn
keine Mädchen ausführen zu können. Bei aller Torheit ist Emil
aber schlau genug, sein erstes Lehrjahr tadelfrei abzudienen, um so im zweiten
Jahr die sogenannte Portokasse verwalten zu dürfen. Daher ist er
bemüht als besonders eifrig zu erscheinen.
Sein Freund Franz lädt ihn im Sommer zu einem Ausflug ein, der
verspricht ein Erfolg zu werden. Emil trifft sich mit Franz, dessen Freunden,
und später auch mit einigen Mädchen in Lächstetten. Er verliebt
sich in “Fräulein Emma”, ein Mädchen aus sozial niedriger
Schicht. Traurig nimmt er Abschied von ihr und empfindet von neuem alle
Ernüchterung der Rückkehr zu Arbeit und Entbehrung. Im Laufe des
Sommers werden sich die beiden Freunde immer fremder. Franz ist selbst vom Emma
fasziniert und versucht seinen Freund auszustechen. Im Herbst wird Emil die
langersehnte Portokasse übergeben. Zuerst verwaltet er gewissenhaft die
wenigen Taler. Seit Monaten mit dem Gedanken vertraut, aus dieser Quelle zu
schöpfen, wagt er es dennoch nicht Geld abzuzweigen.
An einem Montagmorgen im November kündigt ein Ausrufer einer ziehenden
Schaustellergruppe die letzte Vorstellung an. Emil kann der Versuchung nicht
widerstehen; an diesem Tag schreibt er zum ersten Mal falsche Zahlen in sein
Kassabuch und nimmt einige Nickelstücke an sich. Von diesem Moment an hat
die Portokasse des Hauses Dreiß ein unsichtbares Loch, durch welches das
Geld geradewegs in die Taschen Emil Kolbs fließt, der sich damit
schöne Tage macht.
Sein Wohlstand macht einige Leute in Gerbersau stutzig; sie berichten Emils
Prinzipal davon. Trotz aller Vorsicht wird Emil, wie jeder Gewohnheitsdieb, zu
gierig und unvorsichtig. Herr Dreiß entdeckt seine Diebstähle und
entläßt den Lehrling sofort, ohne lang zu überlegen. Emil
reißt aus, weil er glaubt die Schande nicht ertragen zu können. Nach
einem Tag kehrt er nach Hause zurück, wo sein Vater kein Verständnis
für seine Taten aufbringt, sondern alles Elend, Last und Enttäuschung
auf den halbwüchsigen Sohn lädt. Die Bemühungen, für Emil
einen neuen Arbeitsplatz in Gerbersau zu finden, bleiben erfolglos, denn niemand
will einen Dieb aufnehmen. Der einzige Ausweg ist eine Arbeit in der Fabrik
anzunehmen, wo er nun mit den vormals so verachteten Fabrikarbeitern zusammen
ist. Sein ehemaliger Freund Franz zeigt ihm seine Mißachtung und Abneigung
und läßt ihn wissen, daß er in Zukunft mit ihm nicht mehr
verkehre, da dies seinem Ansehen schade.
Die Arbeit in der Fabrik ist nicht so schlimm, wie Emil geschildert worden
ist. Bald schon sitzt Emil an seinem eigenen Webstuhl. Er gerät in
schlechte Gesellschaft, besucht die heiligen Messen nicht mehr und zeigt den
Höhergestellten seine Verachtung. Eines Tages trifft Emil Fräulein
Emma wieder und wird zu ihrem Liebhaber. Obwohl er nun genug Geld verdient und
dieses beliebig ausgeben kann, fehlt ihm die Lust des unrechtmäßigen
Besitzes, der Kitzel des schlechten Gewissens. Die Energie des
planmäßigen Denkens, welche er zu redlichen Zwecken kaum aufbringt,
findet sich in seinen Diebesplänen wieder. Er beschließt im Laden, in
welchem Franz Remppis als Lehrling dient, einzubrechen. Fräulein Emma
erwartet ein Kind, was Emil ziemlich aus der Fassung bringt. Je näher die
Geburt des Kindes rückt, desto fester wird sein Entschluß den Ort, so
bald wie möglich zu verlassen. Es erscheint ihm als schlau, seinen Abgang
mit dem Einbruch zu verbinden. Emil kündigt. Gegen Abend schleicht er sich
ins Magazin des Ladens, welches mit diesem in direkter Verbindung steht. Nachdem
alle das Haus verlassen haben, begibt er sich in das Geschäft und bricht
die Kassa auf, im Bewußtsein, ein schweres Verbrechen zu verüben. Er
nimmt neben dem Geld noch einige Zigarren und Ansichtskarten, aus Ärger
über den geringen Wert der Beute. Am nächsten Morgen
verläßt er bereits Lächstetten mit der Bahn.
Nach der Entdeckung des Einbruchs herrscht große Aufregung im Hause
der Geschädigten. Polizei und Amtsrichter erscheinen, nehmen einigen Leute
ins Verhör, müssen aber zugeben, daß jegliche Spur vom Dieb
fehlt. Dieser befindet sich im Bodenseeraum in einem Wirtshaus, denkt an seine
Emma und beschließt nach dem Genuß etlicher Biere ihr eine der
erbeuteten Ansichtskarten zu schreiben. Diese wird in Lächstetten von den
Polizeibeamten wiedererkannt und führt letztendlich zur Ergreifung des
Diebes; seine Einlieferung in Lächstetten verläuft wie ein Volksfest.
Die Einwohnerschaft triumphiert über den 18-jährigen Dieb einer
kleinen Ladenkasse.
Stoff
Die bereits 1904 entstandene Erzählung über die Voraussetzungen
und den psychologischen Ablauf von Jugendkriminalität ist immer noch
aktuell. Die Absicht Hesses war unter anderem wahrscheinlich, alle Eltern und
Erzieher von Jugendlichen aufzufordern, junge Menschen, die sich in
Schwierigkeiten befinden, Halt zu geben, ihnen eine echte Stütze zu sein
und sie nicht aufzugeben. Der Autor weist darauf hin, daß oft kleinere
Verbrechen, wie das Stehlen einer Ladenkasse, durch einen labilen Jugendlichen,
von manchen Dorfbewohnern als spektakulärer und verwerflicher angesehen
wird, als so mancher großer Kriminalfall, den man lieber gar nicht erst
wahrhaben will.
Thema
Das Thema dieser Erzählung ist die Jugendkriminalität im
beginnenden 20. Jahrhundert, mitsamt deren psychologischen Ursachen und
Abläufen.
Motive
Literarisches Hauptmotiv ist die Projektion der väterlichen
Wünsche auf den hoffnungsvollen Sohn, der letzten Endes aber scheitert. Der
ärmliche Vater sieht als einzigen Ausweg aus seinen bescheidenen
Verhältnissen die Karriere des Sohnes, für die er alles zu geben
bereit ist und dies auch nach Kräften tut.
Schauplatz & Milieu
Hesses Erzählung spielt in den kleinen deutschen Orten Gerbersau und
Lächstetten in der Zeit um die Jahrhundertwende. Das Milieu ist
dörflich und durchwegs von konservativen Wertvorstellungen
geprägt.
Charaktere & Konstellation
Emil Kolb:
In Emil entsteht schon früh der Wunsch, unerbittlich das zu ernten,
was das Glück ihm nach so langer Entbehrung zu schulden scheinen muß.
Er fühlt sich ebenso bereits als Kind dazu berufen, später etwas
Besonderes zu werden, seinem ehrgeizigen Vater Ehre zu machen. Vom Vater in
seine Rolle gedrängt nimmt er sich gleich in den ersten Schuljahren vor,
“der Messias seiner armen Familie zu
werden” [1]. Emil verachtet diejenigen
Menschen, die nach hehren Zielen streben. Das und sein ausgeprägter
Egoismus sind auch Gründe, weshalb Emil in seinem Leben nur einen einzigen
Freund finden kann. Von diesem wird er aber später enttäuscht. Als ihn
dieser im Stich läßt, verliert Emil den Glauben und geht, gleich den
Zynikern, vom Schlechten im Menschen aus. Er entwickelt Neid- und
Haßgefühle, die sich vor allem gegen sozial Höhergestellte
richten. Gleichzeitig ist er sich aber auch der Unmöglichkeit eines
gesellschaftlichen Aufstieges, nach den von ihm begangenen Verbrechen
bewußt. Während der Schulzeit prägt sich bei Emil eine besondere
Hochachtung vor dem sogenannten “feinen” Kanzleistil aus. Die Briefe
an seinen Freund lassen dies deutlich erkennen:
“Lieber, sehr geehrter Freund! In umgehender Beantwortung Deines
Geschätzten von gestern sage ich für Deine gütige Einladung
besten Dank, und wird es mir eine Freude sein, derselben Folge zu leisten
...” [2]
Typische Charaktermerkmale für Kolb sind seine Geldgier, Gerissenheit,
aber auch seine ihm nicht absprechbare Intelligenz. Er ist nicht nur kühn
und verwegen, sondern auch geduldig und immer auf seinen Vorteil bedacht. Nach
und nach beginnt das Geld, sowie der Akt der unrechtmäßigen
Beschaffung, eine immer größere Rolle zu spielen. Emil setzt seinen
klaren Verstand ein, um seine Diebstähle exakt zu planen. Seine Intelligenz
seht im Gegensatz zum eher primitiv anmutenden Geltungsdrang und der, wenn auch
nur selten zu Tage tretenden, Feigheit. Von Emil erhält man das Bild eines
Jugendlichen, dem, gerade in einem entscheidenden Augenblick des Lebens, wenig
beziehungsweise gar kein Verständnis entgegengebracht wird. Am Beginn
seiner Diebeslaufbahn plagt ihn noch das schlechte Gewissen, er steht in einem
Konflikt. Emil wird aber zusehends abgebrühter, ein Gewohnheitsdieb, und
steuert zielsicher auf sein unrühmliches Ende zu.
Vater Kolb:
Der Vater projiziert seine Träume, all das, was er niemals erreichte,
auf seinen Sohn. Er möchte, daß Emil einmal etwas
“Besseres” wird und tut alles nur erdenkliche, um seinem Sohn eine
möglichst gute Ausbildung zu ermöglichen. Er selbst schwelgt gerne in
Selbstmitleid und in der Vorstellung eines reicheren, schöneren und
angenehmeren Lebens, zu dem ihm sein Sohn verhelfen soll. Diese materialistische
Weltbild lebt in seinem Sohn weiter und wird diesem letztendlich auch zum
Verhängnis. Vater Kolb ist ob des ihm versagt gebliebenen Wohlstandes
verbittert. Er bietet dem Sohn in jenem Augenblick, in welchem dieser den
väterlichen Beistand wohl am nötigsten hätte, nur Vorwürfe
und läßt ihn seine Frustration spüren. Seine Figur steht als die
eines schlechten Anthropognosten im Raum.
Franz Remppis:
Franz ist Emils einziger Freund. Die beiden verbindet ihre Vorliebe
für jene Sprache, die Geschäftsbriefe beherrscht. Ihre
Persönlichkeiten ähneln einander sehr. Einzig der Umstand, daß
Franz aus einem etwas besseren Elternhaus kommt, unterscheidet sie. Wäre
Emil in der Familie Franz’ aufgewachsen, und umgekehrt, so wage ich zu
bezweifeln, ob sich die Erzählung anders entwickelt hätte. Franz,
ebenfalls nur auf seinen Vorteil bedacht, bricht schließlich den Kontakt
zu Emil ab, da ihm dieser als Fabrikarbeiter nicht mehr gut genug ist.
Erzählform & -perspektive
Hesses Werk ist in der Er-Form geschrieben. Der Autor wahrt somit in jedem
Teil der Erzählung eine klare Distanz zu den agierenden Personen. Seine
Sprache ist gekennzeichnet durch expressionistische Bilder, sie ist zuweilen
schlicht, mitunter kann man sentimentale Züge erkennen. Der Autor verwendet
nur vereinzelt Fremdwörter und Metapher. Die in “Emil Kolb”
enthaltenen Briefe verdeutlichen die Sprache der Jahrhundertwende. Hesse
beschreibt mit diesen Wesen auch indirekt das Wesen des Emil Kolb und des Franz
Remppis. Hesses Erzählweise ist von vielen Parataxen und verschlungenen
Satzgefügen geprägt.
Verständnis
Da der Autor beim vorliegenden Werk trotz der teilweise etwas langen
Sätze einen durchaus klaren Stil einhält, dürfte der Leser kaum
auf Verständnisprobleme stoßen. Auch der vergleichsweise geringe
Umfang der Erzählung (gerade 66 Seiten) überfordert wohl die
wenigsten. Das Buch besteht zum größten Teil aus Handlung; die
psychologischen Aspekte werden niemals getrennt vom Erzählstrang behandelt.
Überhaupt verzichtet der Autor auf das allzu deutliche Kundtun seiner
Meinung, mit Ausnahme der Kommentare am Beginn und Ende, und Einschätzung
der Taten des Emil Kolb. Die Erzählung erscheint dadurch als flüssig
und aus einem Guß.
Wirkung & Wertung
Hesse beabsichtigt wohl den Leser zum Nachdenken über den steten
Abstieg der Figur des Emil Kolb zu bewegen. Tatsächlich verfehlt das Buch
dieses Wirkung auch nicht; bis zu einem gewissen Grad jedenfalls. Obwohl das
Thema Jugendkriminalität heute immer noch sehr aktuell ist, wirken manche
Stelle von Hesses Opus doch sehr antiquiert und vor allem konstruiert.
Auch der geringe Umfang der Erzählung, und somit die Unmöglichkeit
das Thema ausführlicher zu behandeln, sorgten wohl dafür, daß
“Emil Kolb” niemand ernsthaft als Meilenstein bezeichnen wird, weder
im Werkschaffen des Autors, und schon gar nicht in der deutschsprachigen
Literatur. Dennoch besitzt das Werk durchaus seine Berechtigung: Hesse fordert
auf, labilen Jugendlichen den Beistand nicht zu versagen und sie nicht
aufzugeben. So gesehen kann man die Lektüre von “Emil Kolb”
nicht bereuen, wenngleich sie ebenfalls auch nicht zu Begeisterungsstürmen
hinreißen wird.
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