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Kundera, Milan (1929- )
GLIEDERUNG
Erörterung der
zwischenmenschlichen Beziehungen von Milan Kundera
1 LEBENSLAUF KUNDERAS
Milan Kundera wurde am 1.4.1929 in Brünn
(Tschechoslowakei) als Sohn eines Musikwissenschaftlers geboren. 1950 wird er
wegen individualistischen Neigungen aus der Kommunistischen Partei
ausgeschlossen. Er veröffentlicht Gedichte, Essays und Theaterstücke.
Nach seinem Engagement m Prager Frühling 1970 wurde ihm ein
Publikationsverbot auferlegt. 1979 wurde ihm auch die Staatsbürgerschaft
der Tschechoslowakei aberkannt. Seit 1981 ist er französischer
Staatsbürger und lebt in Paris, wo er als Schriftsteller tätig
ist.
1987 erhielt er den Österreichischen Staatspreis
für europäische Literatur.
Weitere Werke:
1967: Der Scherz
1974: Das Leben ist anderswo
1981: Das Buch vom Lachen und
Vergessen
1985: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
(1987 verfilmt)
1990: Die Unsterblichkeit
2 DER GESCHICHTLICHE HINTERGRUND
Kundera hat die politische Geschichte seines Landes in
exemplarischer Weise miterlebt und erlitten. 1948 trat er wie so viele
Intellektuelle voller Enthusiasmus in die kommunistische Partei ein, aus der er
bereits 1950 wegen individualistischer Neigung ausgestoßen wird. Die
bitteren Erfahrungen mit dem stalinistischen System führen Kundera zu
grundsätzlichen Fragen. Im Stalinismus verkehrten sich für ihn die
Tugenden, auf denen der Kommunismus ursprünglich beruhte, ins Gegenteil. In
einer Rede vor dem Schriftstellerkongreß, der den Prager Frühling
vorbereitete, sagte Kundera über den Stalinismus, die Erfahrung mit ihm
eröffne...
unglaubliche Blicke auf das Wesen der menschlichen
Werte und der menschlichen Würde. Was ist die Geschichte, und was ist der
Mensch in der Geschichte, und was ist der Mensch überhaupt? Auf keine
dieser Fragen kann man nach dieser Erfahrung noch antworten wie
bisher.
Diesen Fragen geht Kundera in seinen Romanen nach. Das
Politische interessiert ihn nur insofern, als es `Erkenntnisse über das
existentielle Dilemma des Menschen ermöglicht. Dies zeigt er am Beispiel
von Teresa und Tomas in seinem Werk "Die unerträgliche Leichtigkeit des
Seins": Beide halten sich im Zentrum der Ereignisse des Jahres 1968 auf, erleben
die Phase der liberalen Reform und erst recht das kommunistische
Unterdrückungssystem samt dem verbreiteten Opportunismus. Sie müssen
erkennen, wie sich nach der Invasion das ganze Land in ein "imaginäres
Rußland" (159) verwandelt. Als Tomas sich weigert, seinen Ödipus -
Artikel zu widerrufen und Selbstkritik zu üben, macht er die Erfahrung,
daß man auf seine Ehrlosigkeit und nicht auf seine Ehrlichkeit setzt ,
daß seine Vorgesetzten und Kollegen ihn fallenlassen. Kundera
läßt keinen Zweifel, daß dieser spätstalinistische
Kommunismus ein "Verbrecherregime" (168) ist.
3 SEINE
WERKE
3.1 Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
3.1.1.1 Das Werk
Der Roman handelt von der Geschichte zweier ungleicher
Liebespaare. Das erste Paar besteht aus Tomas, einem Chirurgen und Teresa, einer
Serviererin. Thomas ist eine Kombination aus Don Juan und Tristan. Sex ist
für ihn ein Spiel oder eine Frage des Prestiges ohne emotionale oder
moralische Verpflichtung. Als er Teresa begegnet wird Tomas von einem
Gefühl der Verantwortung, des Mitgefühls und der Zärtlichkeit
ergriffen, das er bisher nicht kannte und das eine Wende in seinem Leben
herbeiführt. Teresa ist der schwächere Pol dieser Beziehung, sie ist
Tomas gesellschaftlich und intellektuell unterlegen. Sie liebt Tomas ohne
Vorbehalte und versucht vergeblich, die Schwere ihrer Liebe durch eine einzige
Untreue leichter zu machen. Sie leidet unter Tomas` Seitensprüngen und die
Sorge um das Schicksal ihrer Liebe prägt auch ihre Angstträume. Gerade
in Teresa`s Schwäche, in ihrer Verletzlichkeit, liegt jedoch auch ihre
Stärke. Als sie erkennt, daß Tomas auch in der Schweiz, wohin sie
nach der russischen Invasion 1968 geflüchtet sind, seine Seitensprünge
nicht aufgibt, beschließt sie, nach Prag zurückzukehren. Tomas folgt
ihr, obwohl er sich bewußt ist, daß er dadurch seine berufliche
Existenz riskiert. Unter dem Druck der "Normalisierung" muß er seine
Stelle als Chirurg aufgeben und putzt Fenster. Zuguterletzt verläßt
er Prag. Der Grund für seinen gesellschaftlichen Abstiegs ist ein Text, den
er sich weigert, öffentlich zu widerrufen.
Auf dem Lande, wo Tomas und Teresa eine Arbeit bei einer
heruntergekommenen landwirtschaftlichen Genossenschaft angenommen haben, ist
Teresa nur in Gesellschaft ihres Hundes Karenin ruhiger. Denn bei ihm muß
sie keine Untreue befürchten. Sie wirft Tomas vor, daß die Briefe,
die er seit einiger Zeit erhält, von einer heimlichen Liebe stammen. Als
Tomas ihr offenbart, daß diese von seinem Sohn kommen, muß sich
Teresa eingestehen, daß sie ihm unrecht getan hat. In diesem Moment des
Ausgleichs, in dem sie erkennen, daß der eine nicht stärker ist als
der andere, kommen beide durch einen Autounfall ums Leben.
Anders entwickelt der Erzähler die Geschichte von
Sabina und Franz, dem zweiten Liebespaar. Hier ist Sabina der stärkere Pol
der Beziehung. Franz` Verhältnis zu ihr beruht auf Unverständnis:
Für Sabina haben die Wörter, die er gebraucht eine andere Bedeutung
als für ihn. Im Roman erstellt Kundera ein Verzeichnis der unverstandenen
Wörter: Das erste Wort des Verzeichnisses, "Frau", erhellt die Beziehung
zwischen Franz und Sabina. Die unterschiedliche Kindheit der beiden, die ganz
anders geartete Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, verleihen identischen
sprachlichen Ausdrücken einen unterschiedlichen Sinn. Die Liebe zur vom
Ehemann verlassenen Mutter hat Franz` Beziehung zur Frau geprägt, denen er
vor allem Mitgefühl, Verehrung und Treue entgegenbringt. Für Sabina
hingegen war die Liebe der Fluchtweg aus einer Welt der Pflichten, einer Welt,
in der den Menschen sogar Geschmack, Freude und Glück aufgezwungen werden
sollten.
3.1.2 Interpretation
Kundera versucht mit diesem Roman zwischen dem Leichten
und dem Schweren zu unterscheiden. Die Leichtigkeit unserer Existenz wird damit
aufgehoben und ins Schwere gedreht indem er schreibt, daß die
Unwiderrufbarkeit einer Entscheidung oder Handlung auf uns lastet wie eine
unendlich schwere Last. Er wirft die Frage auf, ob wir, wenn wir auf einem
fernen Planeten wiedergeboren werden würden und all die Erfahrung aus
unserer Welt hätten, genau so gut oder gar besser handeln würden.
Kundera selbst bezweifelt diesen Sachverhalt, läßt dem Leser jedoch
selbst seine persönliche Entscheidung
über.
3.2 Abschiedswalzer
3.2.1 Das Werk
Der Roman "Abschiedswalzer" spielt in einem
westböhmischen Badestädtchen, in dem unfruchtbare Frauen eine Kur
machen, und basiert auf einer Reihe von Mißverständnissen und
Intrigen zwischen fünf Paaren: Rosa Franta, Klima und seiner Frau Kamila,
Jakub und Olga, Dr. Skreta und Miti, Bertlef und seiner Frau. Die meisten
Charaktere haben aber keine tiefgreifende moralische Bedeutung: Rosa ist eine
heiratslustige Blondine, Franta ein treuer, naiver Geliebter, Klima ein Mann,
der von zwei Frauen verfolgt wird und versucht, sich den Folgen einer
Vaterschaft zu entziehen. Nur Jakub und Bertlef sind Träger von Motiven und
Themen. Anders als in Kunderas übrigen Werken. Es ist nicht von wechselnden
Erzähltempi geprägt und ist in narrativer Form
geschrieben.
Die Geschichte beginnt mit einer Intrige: Rosa versucht,
Klima mit einer behaupteten Vaterschaft zu Heirat zu zwingen. Für die
Krankenschwester Rosa ist die Schwangerschaft eine Gelegenheit, die
frustrierende Langeweile des von Frauen überfüllten
Badestädtchens zu entrinnen. Für Klima ist die Nachricht von Rosas
Schwangerschaft eine Katastrophe. Er liebt seine schöne Frau Kamila, die
krankhaft eifersüchtig ist. Als sich Klima zu einer Reise ins
Badestädtchen entschließt, um Rosa von der Notwendigkeit eines
Schwangerschaftsabbruchs zu überzeugen, folgt ihm Kamila heimlich. Der
reiche Amerikaner Bertlef ist zur Kur im Badestädtchen und huldigt aus
Angst vor dem Tod dem Kult der Liebe und der Kunst. Dr. Skreta, der seine
Patientinnen künstlich befruchtet, träumt davon, Bertlefs Adoptivsohn
zu werden.
Zu diesem Zeitpunkt kommt Jakub ins Badestädtchen.
Er sinniert darüber, wie leicht Menschen nicht nur zu Opfern, sondern auch
zu Tätern werden: "Die meisten Menschen bewegen sich in einem idyllischen
Kreis zwischen Zuhause und Arbeit. Sie leben in einem sicheren Bereich
außerhalb von Gut und Böse. Sie sind entsetzt beim Anblick eines
mordenden Menschen. Dabei genügt es, sie aus diesem friedlichen Bereich
hinauszuführen, und sie werden zu Mörder, ehe sie wissen, wie ihnen
geschieht. Es gibt Prüfungen und Verführungen, die kommen in der
Geschichte nur ab und zu vor, und niemand widersteht ihnen." (80) Trotz dieser
Erkenntnis wird Jakub selbst durch die List des Erzählers zum Mörder:
er verschuldet den Tod der Krankenschwester Rosa.
3.3 Das Leben ist anderswo
Der Roman "Das Leben ist anderswo spielt in der 1.
Hälfte des 20. Jahrhunderts in der
Tschechoslowakei.
3.3.1 Das Werk
Der Stoff ist die Biographie eines fiktiven Dichter. Der
Roman wird in einer epischen Breite und Vielfalt erzählt, die nur dem
“allwissenden” neutralen Erzähler möglich ist. Dh.: der
Erzähler weiß viel mehr als die einzelnen Figuren des Romans wissen
können. Das Erzählschema der Biographie wird im großen und
ganzen eingehalten, der Roman beginnt mit der Geburt des Dichters Jaromil,
fährt chronologisch fort und endet mit dessen Tod. Zu beginn erzählt
der Roman von Jaromil’s Mutter, die sich von ihrem Mann unverstanden
fühlt deshalb um so mehr auf ihren Sohn fixiert ist. Der Vater stirbt
während der Besetzung Böhmens durch die Nationalsozialisten im
Konzentrationslager. Jaromil wächst daher nur in der Umgebung von Frauen
auf, der Mutter und der Großmutter. Jaromil reagiert auf die Neurosen der
Mutter mit einem Ödipuskomplex. Er bleibt sein ganzes Leben lang an die
Mutter gebunden. Sie entdeckt in ihm schon bald den Dichter und vergöttert
diese “höhere Welt der Kunst”, die ihr das Entkommen aus der
unbefriedigenden bürgerlichen Existenz verspricht. Ihr Liebhaber, ein
surrealistischer Maler, weiht den jungen Jaromil in die Geheimnisse der modernen
Malerei und Poesie ein.
Jaromil ist ein schwaches und unselbständiges Kind
und begreift rasch, daß er mit seiner “originellen inneren
Welt” die Mißerfolge in der äußeren Welt kompensieren
kann. Er begibt sich schon sehr bald auf die Suche nach dem anderen Geschlecht.
Wobei er mit den üblichen "Jungenproblemen" zu kämpfen hat. Er steht
aber immer noch unter dem starken Einfluß der Mutter, die ihm noch immer
Morgen für Morgen die Wäsche auf sein Bett legt. Jaromil ist damit
sehr unzufrieden und sucht nach eigener Identität. Dies gelingt ihm aber
nicht wirklich, da er jedesmal wenn er Erfolg hat, bemerkt, daß dieser nur
entstanden ist, weil er andere Menschen kopiert hat. Er wendet sich mehr und
mehr seiner Freundin zu. Dies bemerkt auch die Mutter, die angst hat, ihren
Sohn, die einzige Erinnerung an ihren ehemaligen Ehemann, an dessen Freundin zu
verlieren. Deshalb spielt sie die verletzte Mutter um wenigstens zeitweise die
Zuwendung ihres Sohnes zu erreichen.
Jaromil strebt nach Höherem. Er schreibt ein Gesuch
an einen anerkannten, großen Dichter, er solle doch gnädigerweise
seine Gedichte lesen. Weiters schreibt er Briefe an diverse Zeitschriften, sie
mögen doch seine Werke veröffentlichen. Der Erfolg will sich aber
nicht einstellen. Im Gegenteil: Seine Freundin verläßt ihn. Ihm wird
immer mehr und mehr bewußt, daß er sich nicht wirklich von seiner
Mutter lösen kann. Er trifft einen alten Schulkollegen, der eine eigene
Wohnung hat und verheiratet ist, also all das, wovon Jaromil träumt, und
wird weiter gedemütigt. Bald darauf "entdeckt" er eine blonde,
gutaussehende Verkäuferin, die er aber aus Schüchternheit nicht wagt
anzusprechen. Als er eines Tages vor deren Haus steht und auf sie wartet, wird
er von dessen Freundin ertappt, die ihm erzählt, daß seine angebetete
nicht mehr in dieser Stadt wohne. Ihre Freundin offenbart ihm, daß sie ihn
liebe. Daraufhin entwickelt sich eine intime Liebesbeziehung zwischen den
beiden. Jaromil`s Mutter reagiert darauf mit Eifersucht, da sie mehr und mehr
das Gefühl hat, in Jaromil`s Leben keinen Platz mehr zu finden. Dieser
jedoch, der bedacht darauf ist Macht zu besitzen, macht seiner Freundin
Vorwürfe, daß sie sich vor dem Frauenarzt entblößte. Er
will sie voll und ganz besitzen und niemand dürfe sie berühren. Auch
als ihr Bruder nach Prag kommt verbietet er ihr, ihn zu
besuchen.
Langsam aber sicher stellt sich auch der Erfolg für
den jungen Dichter ein. Er wird von der Redaktion einer namhaften Zeitung
eingeladen, einige Gedichte zur Veröffentlichung vorzulegen. Weiters wird
er gebeten, auf einem Polizeiball, gemeinsam mit anderen Künstlern, einige
seiner Gedichte vorzutragen. Auf diesem Ball wird er als der neue
Künstler gehandelt. Von nun an beginnt er, sich selbst in den Mittelpunkt
zu stellen, da ihm anscheinend die Loslösung von der Mutter gelingt.
Deshalb braucht er auch seine Freundin nicht mehr und zeigt sie, gemeinsam mit
ihrem Bruder, bei der Staatspolizei wegen Hochverrats an.
Jaromil stirbt mit zwanzig Jahren an
Lungenentzündung.
4 DIE CHARAKTERE DER
PERSONEN
4.1 Jakub, der Resignierende - Abschiedswalzer
Jakub ist eine typische Kunderafigur: ein skeptischer
Intellektueller, der durch bittere Erfahrungen in der Resignation versinkt. Er
hat eine `Ausreisegenehmigung erhalten, nachdem er in den fünfziger Jahren
Opfer politischer Prozesse geworden war. Seine Erfahrungen sind die eines
Mannes, der von seinen ehemaligen Freunden ins Gefängnis gesteckt worden
ist, von Menschen mit derselben politischen Überzeugung.
Als er Rosa begegnet, sieht er in ihr die
Verkörperung all dessen, was ihn aus seinem Heimatland vertreibt:
selbstgefällige Aufgeblasenheit, Mittelmäßigkeit und
teilnahmslose Leere. "Es schien ihm, als sei sein ganzes Leben nichts als ein
endloser Dialog mit genau diesem Gesicht gewesen. Wenn er versuchte, ihm etwas
zu erklären, sah dieses Gesicht beleidigt zur Seite, seine Beweise
beantwortete es mit Gerede über etwas ganz
anderes"(143)
4.2 Tomas, Don Juan der Neuzeit - Die unerträgliche Leichtigkeit des
Seins
Tomas lebt wie ein moderner Don Juan: immer auf der Jagd
nach dem sexuellen Abenteuer. Wie dieser begehrt er die Frauen und erfährt
im flüchtigen Liebesakt ein ebenso flüchtiges Glück. Angst und
Verlangen vor den Frauen halten sich bei ihm die Waage und treiben ihn in
Abenteuer, die aus Angst vor einer Bindung kurz und emotionslos sein
müssen. Tomas ist der Meinung, es gibt zwischen Hitler und Einstein,
Napoleon und Maria Theresia, zwischen den Tätern und Opfern kaum einen
Unterschied. Wollte man diesen in Zahlen ausdrücken, so "gäbe es
zwischen ihnen ein Millionstel Unähnliches und
neunhundertneunundneunzigtausenneunhunderneunundneunzig Millionstel Gleiches
(190). Tomas ist davon besessen, dieses "Millionstel Unähnliches" im
sexuellen Akt zu erfahren. Der sexuelle Akt eignet sich besonders dazu, weil die
Frau erst erobert werden muß und weil dieser Bereich der privateste und
intimste ist. Der Erzähler vergleicht diese Ichsuche mit der Tätigkeit
des Chirurgen: wie dieser will der Chirurg und Liebhaber Tomas die
Oberfläche aufschneiden und sich dessen bemächtigen, was tief in ihrem
Inneren verborgen
liegt.
4.3 Jaromil, auf der Suche nach seinem Ich - Das Leben ist anderswo
Jaromil, ist sein ganzes (wenn auch sehr kurzes) Leben
auf der suche nach seiner eigenen Identität. Schon von kleinster Kindheit
auf ist er auf Frauen fixiert. Sein Vater ist in einem Konzentrationslager
ermordet worden. Deshalb wächst er fast ausschließlich im Umfeld von
Frauen, seiner Mutter und Großmutter, auf. Seine Mutter bringt ihn dazu,
bei ihrem Freund, Unterricht zu nehmen, damit er einmal ein großer Dichter
werde, und sie aus diesem bürgerlichen Milieu zu retten. Von diesem Moment
an, ist sein Lebensweg vorgezeichnet. Bis zu seinem Tode versucht er, mit der
erlernten Dichtkunst zu Erfolg zu gelangen. Er wird aber immer wieder mit der
Tatsache konfrontiert, daß er eigentlich immer noch im Bann der Mutter
steht und kein eigenes Leben führt. Als er bei einer hitzigen Diskussion
als "guter Redner" geehrt wird, wird ihm sofort bewußt, daß er
eigentlich nur seinen Lehrer, nachahmt. Erst als sich der Erfolg mit der
Dichterei einstellt, glaubt Jaromil, endlich etwas erreicht zu haben. Doch
dieses Glück ist nicht von langer Dauer: Kurz nach der
Veröffentlichung eines seiner Gedichte stirbt Jaromil zwanzigjährig an
Lungenentzündung.
Der Erzähler läßt Jaromil von einer
Falle in die nächste Tappen. Dem Leser ist schon lange vor Jaromil
bewußt, daß er niemals Erfolg haben wird. Er ist sein ganzes Leben
lang auf der Suche nach seinem eigenen Ich. Jaromil will ein Ziel erreichen, das
er nie -und davon wird der Leser schon nach kurzer Zeit informiert- erreichen
kann.
5 STILMITTEL
5.1 Tempowechsel
Kundera verwendet in seinen Werken das Stilmittel der
Änderung des Erzähltempos in den verschiedenen Kapiteln. Das ergibt
sich einerseits aus dem Verhältnis von der Länge des Werks zu den
gliedernden Kapiteln, andererseits durch das Verhältnis von der Länge
des Erzählens zur Länge der erzählten Zeit.
Der Autor hebt die Bedeutung der Beziehung zwischen
Erzählzeit und erzählter Zeit hervor. (So behandelt der fünfte
Teil des Buches "Das Leben ist anderswo" ein ganzes Jahr im Leben des Dichters
(96 Seiten), der sechste aber nur wenige Stunden im Leben des
Vierzigjährigen (26 Seiten).
Wie wichtig die Erzähltempi für die
Architektur seiner Romane sind, zeigt auch, welche emotionale Szenarien er in
den Kapiteln schafft: Im sechsten Teil des gleichnamigen Romans baut er eine
Atmosphäre der Geborgenheit, der Stille und des Mitgefühls auf,
wogegen der siebente Teil eine hektische tragikomische Umgebung den Tod des
Dichters unterstreicht.
Kundera selbst sagt, daß er die Kontraste der
Tempi als außerordentlich wichtig erachtet. Schon oft gehören sie zu
den ersten Vorstellungen, die er von seinem Roman habe, lange bevor er ihn
schreibt.
5.2 Die Erzählfigur
Kundera hat sich für die Erzählung seiner
Romane für einen auktorial auftretenden und sich einmischenden
Erzähler entschieden, der den Erzählvorgang thematisiert und die
Fiktionalität aufbricht. Er führt dank seiner Allwissenheit in der
Erzählung selbst Regie, kommentiert dem Leser das Erzählte, zum
Beispiel das Fehlverhalten und die Schwierigkeiten seiner Figuren,
erläutert sein Erzählkonzept und seine philosophischen Grundgedanken.
Zu einem entscheidenden Merkmal der Erzählfunktion dieses Romans
gehört, daß der Erzähler seinem Leser regelrecht den Vorgang des
Erzählens offenlegt und somit die Illusion zerstört, wie an folgendem
Textzitat deutlich wird:
Wie schon gesagt, werden Romanpersonen nicht wie
lebendige Menschen aus dem Mutterleib, sondern aus einer Situation, einem Satz,
einer Metapher geboren, in deren Kern eine Möglichkeit des Menschen
verborgen liegt, von der der Autor meint, daß sie noch nicht entdeckt oder
daß noch nichts Wesentliches darüber gesagt worden sei. ... Die
Personen meines Romans sind meine eigenen Möglichkeiten, die sich nicht
verwirklicht haben.[1]
Der Erzähler überblickt von seiner
überlegenen Position die verschiedenen auseinanderlegenden
Schauplätze, die verschiedenen Zeiten und auch die Vorgeschichte seiner
Figuren. Die Figuren sind für ihn ein "experimentelle Egos", welche die
eigenen Möglichkeiten des Erzählers vorleben, die sich nicht
verwirklicht
haben.
5.3 Ironie und Satire
Milan Kundera weist in seinen Werken immer wieder darauf
hin, daß die Charaktere seiner Erzählungen nur fiktive Personen sind.
Man gewinnt den Eindruck, daß er nur mit ihnen spielen will oder sie
für gedankliche Experimente verwendet. Er läßt sie in Fallen
tappen, die der Leser schon lange vor der fiktiven Person kennt. Kundera kann
auch nicht verheimlichen, daß er eine gewisse Genugtuung empfindet, wenn
diese geradewegs in diese Falle tappen.
Der ironische Blick durchschaut das Einseitige und
ermöglicht die Gegenperspektive. So kommt keine der Figuren mit ihren
Vorstellungen, Aussagen und ihrer Lebensplanung zurecht . allein dadurch nicht,
daß sich die Erzählerstimme kommentierend einmischt.
Es gibt Passagen, in denen sich die Ironie besonders
eindringlich und direkt zeigt, und bereits in Satire übergeht. Dies zeigt
das Beispiel einer geheimen, unter Ausschluß der Öffentlichkeit,
Beerdigung, bei der ein berühmter Biologe beerdigt wird. Der
Krematoriumssaal gleicht einem Filmstudio. Zwar ist der Bestattungstermin
geheim, aber die Polizei hat Scheinwerfer und Kameras aufgebaut, und die wenigen
Teilnehmer werden für den beobachtenden Tomas zu Filmschauspielern.
Entlarvt wird das Ausmaß und der Wahnwitz des Kontrollsystems, das selbst
vor dem Tod keine Pietät kennt. (220)
Die ironische Grundhaltung schimmert in allen
Beschreibungen und Kommentaren durch, so in Aussagen wie "Im Kontext der Idylle
ist selbst der Humor dem süßen Gesetz der Wiederholung untergeordnet"
(286)
5.4 Elliptische Erzähltechnik
Kundera verwendet diese Technik, um direkt auf das
Zentrum der Dinge loszusteuern. Er verdeutlicht die elliptische Technik am
Beispiel der Musikkomponisten: Wie in der Musik "nur der Ton, der etwas
Wesentliches ausdrückt, eine Existenzberechtigung hat und statt
Überleitungen eine brutale Aneinanderreihung, statt Variationen die
Wiederholung zu fordern ist, soll auch der Roman dem Willen zu Knappheit
unterworfen werden" (). Konkret heißt das: Der Autor soll sich von den
Konventionen der Gattung lösen, zum Beispiel davon, eine Figur zu
entwickeln, ein Milieu zu beschreiben, die Handlung in einer bestimmten
historischen Situation anzusiedeln. Er soll sich von unnützen Episoden
befreien.
[1] Die
unerträgliche Leichtigkeit des Seins, S 211
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