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Kaschnitz, Marie Luise: Lange Schatten
Buchbesprechung: Johannes Pöckl,
1995
Marie Luise Kaschnitz:
Lange Schatten
Die Offizierstochter Marie Luise von Holzing-Berstett wurde am 31.
Jänner 1901 in Karlruhe geboren und wuchs in Potsdam und Berlin auf. Nach
einer Buchhandelslehre in Weimar und München war sie in einem Antiquariat
in Rom tätig. Erst nach ihrer Heirat (1925) und nach der Geburt ihrer
Tochter (1928) wendet sie sich intensiv der Literatur zu und beginnt ihre Werke
zu veröffentlichen. Mit ihrem Mann, dem Archäologen Guido von
Kaschnitz-Weinberg, bereiste sie in den dreißiger Jahren fast das gesamte
Abendland, was ihr viele Anregungen zum Schreiben gab. Sie lebte bis 1932 in
Italien, dann in Königsberg und Marburg/Lahn, seit 1941 in Frankfurt/Main
und Rom. Für ihre literarischen Werke wurde sie mit zahlreichen Preisen und
Ehrungen ausgezeichnet, u. a. 1955 mit dem Georg-Büchner-Preis und 1957 mit
dem Immermann-Preis. Marie Luise Freifrau von Kaschnitz-Weinberg, wie sie mit
ihrem vollen Namen hieß, starb am 10. Oktober 1974 in Rom.
Die Dichterin schrieb Lyrik, Erzählungen, Essays und Hörspiele;
sie begann mit einem autobiographisch bestimmten Roman Liebe beginnt
(1933); es folgte der Roman Elissa (1936) vom Irren, Suchen, Leiden und
Lieben eines heranwachsenden jungen Mädchens, und der Lebensroman des
französichen Malers Gustave Courbet (1949), der von 1819-1877 lebte,
anfangs häufig bekämpft wurde und dann großen Einfluß auch
auf die deutsche Malerei ausübte.
Weiters erzählte und deutete sie neu die Griechischen Mythen
(1943) von Jason und Medea, von Sybille, Perseus, Niobe, Theseus, Odysseus; es
folgte die Autobiographie Das Haus der Kindheit (1956) und ihr
erzählerisches Hauptwerk, die 21 Geschichten der Sammlung Lange
Schatten (1960).
Charakteristisch für ihre weitere Entwicklung als Lyrikerin (Dein
Schweigen - meine Stimme, 1962; Ein Wort weiter, 1965; Kein
Zauberspruch, 1972) ist, daß sie nicht mehr abseits steht, sondern
sich in Gesellschaft und Politik einmischt, daß sie sich den
Abgründen und Selbstzweifeln ihres Ich stellt. Einhergeht eine immer
stärkere spachliche Verdichtung und Verknappung, ein “lockerer,
sozusagen hingemurmelter”, ganz und gar unpathetischer, lakonischer
Ton.
“Das dicke Kind” ist, wie viele ihrer Erzählungen, eine
Angst-Geschichte, wie überhaupt unter ihren zahlreichen Erzählungen
(Das dicke Kind und andere Erzählungen, 1952; Lange
Schatten,1962; Ferngespräche, 1966; Vogel Rock, 1969)
diejenigen am gelungensten erscheinen, wo ein leidenschaftlicher Wahn, eine
Befallenheit mit im Spiel ist.
Rettung durch die Phantasie (1974) überschrieb sie den letzten
Vortrag, den sie nicht mehr halten konnte. Der Titel signalisiert die
verwandelnde Kraft der Kunst, an die sie bis zuletzt geglaubt hat: “Adorno
hat mir einmal von den Gegenbildern gesprochen, die es gälte aufzurichten,
um die Bilder des Friedens und der Harmonie erst recht zur Geltung zu
bringen.” (GW VII,995.)
Lange Schatten:
Rosie verbringt ihre Ferien, so wie alljährlich, mit ihren Eltern und
jüngeren Geschwistern am Mittelmeer, irgendwo in Italien.
Sie langweilt sich entsetzlich; sie - die noch mitten in der
Pubertätsphase steckt - empfindet ihre Eltern, die andauernd an ihr
“herumerziehen”, als lästig und hat den großen Wunsch,
endlich allein und unabhängig zu sein.
Unter dem Vorwand, Postkarten einkaufen zu wollen, macht sie sich eines
Nachmittags auch wirklich allein auf den Weg ins Dorf, während ihre Eltern
den gewohnten alltäglichen Mittagsschlaf halten.
Dieser Weg wird für Rosie eine einzige Entdeckungsreise: “Wenn
man allein ist, wird alles groß und merkwürdig und beginnt einem
allein zu gehören, meine Straße, meine schwarze, räudige Katze,
mein toter Vogel, eklig, von Ameisen zerfressen, aber unbedingt in die Hand zu
nehmen, mein.” [S.8]
Das Mädchen kauft einige Karten als Alibi, verläßt dann das
Dorf und schlendert durch einen Steineichenwald auf dem Hang zwischen Meer und
Höhenstraße. Sie wird von einem ungefähr zwölfjährigen
Jungen aus dem Dorfe verfolgt, mit dessen Hund sie bereits Bekanntschaft
geschlossen hatte. Zuerst ist Rosie nur verärgert, sie fühlt sich in
ihrer selbst gewählten Einsamkeit gestört.
Dann aber, als der Junge sich ihr nähert und ihr eindeutige Angebote
macht, in ihr nur mehr die Frau und nicht mehr das Mädchen sieht, bekommt
sie es plötzlich mit der Angst zu tun. In letzter Minute fällt ihr ein
Ratschlag ihres Vaters ein, der einmal sagte: “Gegen Tiere kann man sich
wehren - man muß nur fest genug in ihre Augen blicken ...” Rosie
wendet diesen Rat an, der Junge zieht sich zurück. “... entsetzlich
muß Rosies Blick gewesen sein, etwas von einer Urkraft muß in ihm
gelegen haben, Urkraft der Abwehr, so wie in dem Flehen und Stammeln und in der
letzten wilden Geste des Knaben die Urkraft des Begehrens lag.”
[S.14]
Beide, das Mädchen und der Gassenjunge, treten den Heimweg an. Beide
um eine Erfahrung reicher, und obwohl nur ein einziger Nachmittag darüber
vergangen ist, hat sich in beiden jungen Menschen doch ungeheuer viel ereignet:
“Alles neu, alles erst erwacht an diesem heißen, strahlenden
Nachmittag, lauter Erfahrungen, Lebensliebe, Begehren und Scham, diese Kinder,
Frühlingserwachen, aber ohne Liebe, nur Sehnsucht und Angst.”
[S.14]
Die Titelerzählung Lange Schatten schildert das
Spannungsverhältnis zwischen dem halbwüchsigen Mädchen Rosie, das
gerade pubertiert, und den Erwachsenen, den Eltern und Strandnachbarn in einer
kleinen Küstenstadt.
Alle Konflikte, Ängste, Sorgen und Zweifel, die gerade in dieser Zeit
in beinahe “massiver” Form auftreten, werden dargestellt: der
Konflikt des Mädchens mit den Eltern , die Kluft zwischen zwei Generationen
einerseits, die anscheinend ebenfalls unüberwindbar scheinende Kluft
zwischen den verschiedenen Geschlechtern andererseits. Beide, das Mädchen
und der Junge, befinden sich auch selbst in einer “Zwischenhaltung”,
einer Zwischenstellung. Die langsame Entdeckung der Erwachsenenwelt, die Suche
nach einem Standpunkt, bringen Unzufriedenheit, Unentschlossenheit, ja
Unsicherheit mit sich.
Die Charaktere sind ausschließlich aus Rosies Sicht gesehen und
beschrieben. Zwangsläufig werden dadurch alle übrigen Personen zu
Nebencharakteren, zu Randfiguren fast, die nur in Beziehung zur Hauptheldin
(runder Charakter, Hauptcharakter) zu sehen sind.
Rosie macht im Laufe der Erzählung eine Entwicklung durch - es bleibt
allerdings gänzlich offen, wie sich Rosie in Zukunft, also nach diesem
Erlebnis verhalten wird. Sie ist ein Mädchen, das typische
Pubertätserscheinungen zeigt. Allerdings scheint sie etwas reifer zu sein
als ihre gleichaltrigen Klassenkameradinnen. (“diese dummen
Gören....alberne Gänse....” [S.7]) - zumindest gibt sie sich so.
Aber durch den einen Mann am Strand, den sie “Schah” tauft, zeigt
sie, daß sie sich von Illustriertenklischees durchaus beeinflussen
läßt. Rosie vergöttert diesen Schah, er ist für sie der
ideale Erwachsene schlechthin, der aber genauso wie sie selbst, ein
lästiges, hemmendes Anhängsel hat, nämlich die Familie.
Die von manipulatorisch ausgerichteten Klatschblättern hochgespielten
Äußerlichkeiten, wie hier das Goldkettchen des Schahs oder sein
schnittiges Motorboot, spielen eine große Rolle. - Sie befindet sich also
in einem Zwischenstadium: versuchte echte Selbstfindung und erste Orientierung
in der Werthierarchie der Gesellschaft einerseits, und doch noch Fixiertheit auf
äußere Dinge andererseits; auf der einen Seite noch Kind,
Mädchen, auf der anderen Seite schon Erwachsene, Frau.
Ganz im Gegensatz zu Rosies flexiblem, rundem Charakter stehen die
Charaktere von Vater und Mutter des Mädchens. Sie sind flach,
bürgerlich, bieder. - Das Klischeebild einer gutsituierten Familie aus der
Mittelschicht in Reinkultur: Urlaub am Mittelmeer, eher aus Prestigegründen
(“man” fährt eben ans Meer) als aus gesundheitlichen. Der
unbewegliche Tagesrhythmus, das jeden Tag gleiche, starre Programm ist Sinnbild
für die Unveränderlichkeit und Fixiertheit ihrer Charaktere. Es kann
kommen, was immer auch mag, sie werden sich nicht mehr ändern.
Interessant ist der “Gegenspieler” der Hauptfigur Rosie - der
Gassenjunge aus dem Dorf.
Seine Beschreibung ist eher dürftig; Rückschlüsse auf seinen
Charakter müssen daher vorsichtig gezogen werden: Er ist ein
Straßenjunge, zerlumpt, ungepflegt, ein Clochard im üblichen Sinne
von den Erwachsenen vernachlässigt - und irgendwie in derselben Lage wie
Rosie: zum Spielen zu groß, aber für das Erwachsen-Sein doch noch
viel zu klein. Auch er macht, wie Rosie, eine Entwicklung durch. Zuerst noch
ganz Kind - er sieht Rosie mit seinem Hund spielen, er schließt sich ihr
an und geht ich nach. Plötzlich verliert er sein Nur-Kindsein.
Der Junge möchte von Rosie nun das, wovon er bisher seine älteren
Brüder nur geheimnisvoll hat flüstern hören.
Als Rosie aber zurückweicht und ihn wegstößt,
“fährt er sozusagen vor ihren Augen aus seiner Kinderhaut
...”, mit einem letzten verzweifelten Versuch will er den Erwachsenen
spielen (“er steht plötzlich nackt in der grellheißen
Steinmulde” [S.13]) - aber genau in diesem Moment bricht das Kind wieder
in ihm durch (“er schweigt erschrocken”), er fürchtet sich
plötzlich vor seinem eigenen Mut. Schließlich gibt er auf, packt
seine Sachen und läuft zurück ins Dorf (zurück in die
Kindheit?).
Wie schon aus dem Bisherigen ersichtlich, ergeben sich die Konflikte aus
der “Charakterbeschaffenheit” der Personen.
Rosies Konflikt ist in gewisser Hinsicht zweidimensional, er wird auf zwei
Ebenen ausgetragen. Da ist einmal der innere Konflikt mit ihren Eltern, der
Erwachsenenwelt. - Konflikte, wie sie in der Pubertät alltäglich und
normal sind. Das Mädchen löst diesen Konflikt, zumindest für
einen Nachmittag dadurch, daß es sich ganz allein auf den Weg ins Dorf
macht, um der Bevormundung, dem Freiheitsentzug zu entgehen und um endlich
einmal sie selbst zu sein.
Neben diesem inneren Konflikt existiert ein äußerer: die Szene
mit dem Gassenjungen.
Rosie löst diesen Konflikt ohne Hilfe von außen, nur kraft ihrer
Persönlichkeit. Allerdings stützt sie sich auf einen Rat ihres Vaters,
allein kann sie ihr Leben doch noch nicht bewältigen.
Konfliktdarstellung und -lösung, wie überhaupt die ganze
Geschichte sind glaubhaft, realitätsbezogen. Und doch hat die
Erzählung eine fast poetische Wirkung; sie strahlt einen eigenartigen Reiz
aus, der sie vom Gewöhnlichen, Alltäglichen abhebt.
Nicht zuletzt sind es die vielen Symbole, die die Geschichte so reizvoll
und interessant machen. Marie Luise Kaschnitz beweist viel psychologische
Feinfühligkeit und Einfühlungsvermögen - kein Gegenstand, und
mag er noch so nebensächlich sein, ist bloß zufällig oder
unbeabsichtigt.
Der Weg ins Dorf zum Beispiel wird weit mehr als ein bloßer
Spaziergang, um Postkarten einzukaufen. Er ist vielmehr die erste
Loslösung, das erste Mal frei sein, tun und lassen können, was man
will. Dieses Dorf selbst, in dem Rosie nach einer Weile anlangt, steht
stellvertretend für die Welt, die Rosie bis jetzt verschlossen geblieben
war - die Welt der Erwachsenen schlechthin. Das Stadttor wird zur Tür, zum
neuen Lebensabschnitt. Das Kastell und die Kirchenfassade, die von
kunstbegeisterten Erwachsenen bewundert werden, lassen sie kalt. Sie geht
unberührt daran vorbei. Interessierte Blicke hingegen wirft sie in die
bescheidenen Auslagen und in die Fenster der ebenerdigen Schlafzimmer, auf die
verschnörkelten Betten und süßlichen Madonnenbilder - dies weist
auf ihre erwachende Sexualität hin bzw. auf das Interesse an allem, was
damit zusammenhängt.
Starken Symbolcharakter weisen auch der Hund und sein Besitzer auf. Der
Hund, eine schmutzige und verwahrloste Promenadenmischung, aber Rosie findet
trotzdem Gefallen an ihm. Er stört sie nicht in ihren Gedanken und gibt ihr
doch das Gefühl, nicht allein zu sein.
Zuerst interessiert sich Rosie auch für den Jungen, vielleicht weil er
so anders ist als sie: schmutzig und verwahrlost wie sein Hund. Es könnte
sein, daß das Mädchen aufgrund des Äußeren des Jungen den
Schluß gezogen hat: er lebt freier als ich, er wird von seinen Eltern
nicht so gegängelt und bevormundet ...
Als sie aber sieht, daß er ihr nichts Neues bieten kann,
“daß das Meer das Meer, der Berg der Berg und die Insel die Insel
sind” [S.10], ist sie enttäuscht und will ihn loswerden.
Nicht einmal die Landschaft, in die Kaschnitz das Geschehen hineinstellt,
ist zufällig. - Die Landschaft, besonders aber die Sonne und das Meer,
“das blitzt und blendet”, spiegeln die Urkräfte wider, von
denen auf der letzten Seite zu lesen ist. (Ur-Menschsein, Urlandschaft,
Urkräfte [S.14]); die intensiven Düfte der Pflanzen, überhaupt
die Atmosphäre des ganzen Nichmittags und der Nachmittag an sich sind
Symbol für einen neuen Zeitabschnitt - “neue Lebenserfahrungen,
Lebensliebe, Begehren ...”.
Die Gegend (Strand, Meer, das Dorf auf dem Hügel) ist für Rosie
nicht nur in geographischer Hinsicht Neuland. Auch alle Erfahrungen, die sie
macht, ihre Gefühle und Empfindungen, Reaktionen sind ebenfalls unbekannt
und neu. Typisch dafür ist der Schluß der Erzählung:
“Und so viel Zeit ist über all dem vergangen, daß die
Sonne bereits schräg über dem Berge steht und daß sowohl Rosie
als auch der Junge im Gehen lange Schatten werfen, lange, weit voneinander
entfernte Schatten, über die Kronen der jungen Pinien am Abhang, über
das schon blassere Meer.” [S.15]
Dieses auf den Schluß vorbehaltene Symbol erscheint mir als eines der
wichtigsten. Nicht umsonst trägt die Erzählung auch den Titel
“Lange Schatten”. Mehrere Interpretationen sind möglich: Die
zwei jungen Menschen werfen nun plötzlich Schatten. Schatten an sich sind
etwas Geheimnisvolles und Unbekanntes, aber stets vermischt mit etwas Angst und
Unbehagen. Vielleicht fällt nun durch das eben Erlebte ein Schatten auf die
bisher glückliche und unbeschwerte Kindheit der beiden? Es gibt ab jetzt
nicht mehr bloß Sonne, Spiel und Heiterkeit; auch Schatten sind zum
weiteren Bestandteil des künftigen Lebens geworden. “... lange, weit
voneinander entfernte Schatten.” [S.15] - So wie die Schatten sind auch
die beiden als Menschen weit voneinander entfernt, ihre Denkweise, innere
Haltung berühren einander nicht.
Daß das Meer blasser erscheint als zuvor, kann auf die mögliche
Enttäuschung Rosies hinweisen. Das soll also die Welt der Erwachsenen sein,
die Liebe? - Etwas, von dem man trauriger als vorher den Strand entlang
heimtrottet?
“Rosie läuft den Zickzackweg hinab und will erleichtert sein,
noch einmal davongekommen ... und ist im Grunde nichts als traurig ...
tränenblind.” [S.14]
Die bereits erwähnte eigenartige Wirkung der Erzählung rührt
zum Teil daher, daß Kaschnitz keine grammatikalisch vollständigen
Sätze verwendet. “Langweilig, alles langweilig, die Hotelhalle, der
Speisesaal, der Strand, wo die Eltern in der Sonne liegen, einschlafen, den Mund
offen stehen lassen, aufwachen, gähnen, ins Wasser gehen ...” - Die
Reihe ließe sich beliebig fortsetzten. Weiter fallen die zwei
verschiedenen Erzählzeiten auf: Alles, was die Eltern beispielsweise tun,
steht im Imperfekt. es hat für Rosie keine Bedeutung. Alle Schilderungen
(Landschaft, bestimmte Gefühle, etc.) stehen in der Gegenwart. - Es reicht
weiter und ist für das Mädchen ausschlaggebend.
Nomina und Verben, vor allem Tätigkeitsverben, sind die am meisten
verwendeten Wortarten.
Die Gedanken Rosies fließen in den Text ein, sind aber nicht als
solche gekennzeichnet. “Rosie benützt den Abkürzungsweg durch
die Gärten, eine alte Frau kommt ihr entgegen, eine Mumie, um Gottes
Willen, was da noch so herumläuft und gehört doch längst ins
Grab. Ein junger Mann überholt Rosie ...” [S.8]
Im weiteren Verlauf werden der Junge und sein Hund auf dieselbe Stufe
gestellt. Der Bub erhält die gleichen Adjektiva wie der Hund und auch
solche, die sonst im üblichen Sprachgebrauch nur bei Tieren angewendet
werden, z. B. “der vierschrötige Junge.” --- “Der Junge
ist ein streunender Hund, er stinkt, er hat Aas gefressen, vielleicht hat er die
Tollwut ...”
Die Erzählung Lange Schatten ist sehr lebensbezogen, die
gesamte Problematik, die sich in der Pubertät ergibt, wird aufgezeigt. Eine
Identifikation mit dem Mädchen Rosie oder dem Gassenjungen ist für
Jugendliche, die sich mitten im Pubertätsalter befinden,
möglich.
Die Selbstentdeckung der jungen Menschen wird glaubhaft und vor allem
realitätsbezogen dargestellt. Deshalb wird diese Geschichte bei
Jugendlichen meiner Altersgruppe großen Anklang finden.
Das Buch Lange Schatten beinhaltet 21 Erzählungen:
Lange Schatten
Gespenster
Das rote Netz
Der Strohhalm
Die übermäßige Liebe zu Trois Sapins
Der schwarze See
Der Mönch Benda
Das ewige Licht
Das Wunder
Popp und Mingel
Am Circeo
Das dicke Kind
Eines Mittags, Mitte Juni
Wege
Die Reise nach Jerusalem
Christine
Das fremde Land
Der Deserteur
Schneeschmelze
Laternen
Die späten Abenteuer
Marie Luise Kaschnitz schildert darin mit subtiler Einfühlung
Konflikte, denen wir alle ausgesetzt sind oder sein könnten. Hinter den
realistisch nacherzählten Ereignissen steht das Rätselhafte, das
Geheimnisvolle und Unerklärliche.
Ihre Erzählungen spielen in Frankfurt am Main und London, in Rom und
am Meer und in den Albaner Bergen.
Literaturhinweise:
• Marie Luise Kaschnitz: Lange Schatten,
Erzählungen; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1994
• Wilhelm Bortenschlager: Deutsche
Literaturgeschichte 2; Verlag Leitner, Wien, 1986
• Wolf Wucherpfennig: Von den
Anfängen bis zur Gegenwart; Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart,
1986
• Hrsg. H. Pleticha: dtv. junior
Literatur-Lexikon; Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1991
• Hrsg. Gunter E. Grimm & F. R. Max:
Deutsche Dichter, Band 8; Reclam, Stuttgart, 1994
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