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Der literarische Reisebericht
Der literarische Reisebericht
EINFüHRUNG
Wenn jemand eine Reise tut, so kann er er was erzählen. Nicht erst
Matthias Claudius erkannte den intimen Zusammenhang zwischen Reisen und
erzählen. Diese Verbindung hatte sich über Jahrhunderte entwickelt,
und jede Epoche hatte ihre typische Reiseform, jeweils verbunden mit einer
gewissen Vor- und Nachzeitigkeit: Die Pilgerreise im Mittelalter, Die
Grand Tour im 17. Jh., als Weiterführung die Italienreise im 18.
Jh., die Auswanderungswellen im 19. Jh. und die Moderne im 20.
Jh.
Reisende stehen seit je her unter dem Verdacht, zu lügen. Der
Reisebericht wird schon seit der Antike als eine Gattung mit wenig
Wahrheitsgehalt gesehen. Diese Lügen haben verschiedene Ursachen, wie
kommerzielle Bedürfnisse oder daß der Reisende den Erfahrungen, die
die Konfrontation mit dem Fremden bietet, nicht gewachsen ist.
Hier stellt sich auch die Frage, was eigentlich fremd ist und nach den
Bedingungen einer Erfahrung dieses. Eine einfache Abweichung vom Bekannten
reicht sicherlich nicht aus, um etwas als kulturell fremd darzustellen. Der
Prozeß, in dem sich die Wahrnehmungsformen herausbildetenn, ist
eingebettet in weiträumige Entwicklungen. In dessen Verlauf wandelte sich
die Gestalt des Fremden und der Wirklichkeitsauffassung von einem geteilten
Weltbild nach dem Mittelalter in eine einheitliche Wirklichkeit. Wie auch immer
das Verhältnis zwischen Eigenem und Fremden gefaßt wurde, das
entscheidende bleibt, daß das Andere stets genau abgrenzbar erschien, egal
ob es geächtet, respektiert oder idealisiert wurde. Eine
grundsätzliche Neubestimmung brachte erst die frühe Neuzeit. Dieser
Prozeß hat Konsequenzen für die Formen, in denen der Reisebericht das
Fremde beschreibt. Seine Wahrnehmungs- und Darstellungsformen sind durch den
sozialen Status des Reisenden und durch seine Einbindung in die Mentalität
gesellschaftlicher Gruppen bestimmt und hängen wesentlich vom technischen
und organisatorischen Stand der Verkehrsmittel ab.
ALTNORDISCHE REISELITERATUR
Die früh- und hochmittelalterliche Gesellschaft Skandinaviens ist
durch starken Expansionsdrang und Reisefreudigkeit gekennzeichnet. So
gehörten zur aristokratischen Ausbildung auch eine Reise nach England oder
Frankreich. Die Frage nach der Zuverlässigkeit der Quellen kann man nicht
generell beantworten, da einerseits zwischen Ereignis und literarischer
Darstellung oft mehrere hundert Jahre liegen, andererseits manche Teile
historisch nachweisbar sind.
Der älteste Bericht ist von Ottar über seine
Heimat, den er, da er nicht schreiben konnte, am westsächsischen Hof von
König Alfred vortrug. Von Fahrten in der Osten gibt es nur wenige
märchenhafte Berichte, mehr Material dagegen von den Fahrten in den Westen,
das überwiegend von den Isländern stammt. So entstand unter anderem
das “Buch von der Landnahme”, in dem genau verzeichnet
ist, wer nach Island kam, und die “Eiriks Saga”, die
die Fahrt nach Amerika und die Begegnung mit den Eingeborenen beschreibt. Von
den Reisen in den Süden gibt es nur die “Geschichte von den
Orkadenjarlen”, die von Jarl Rögnwalds
Palästinafahrt erzählt. Zur gleichen Zeit entstand auch der einzige
erhaltene Reiseführer für die Wege nach Rom.
DEUTSCHSPRACHIGE REISEBERICHTE IM SPäTMITTELALTER
Im Mittelalter gibt es nur einen Reisegrund: die Pilgerreise. Die
wichtigsten Reiseziele sind Jerusalem, Rom und Santiago. Im Wesentlichen gibt es
3 Berichtarten: Die Pilgerführer, meist lateinisch geschrieben,
haben im 12. Jh. einen großen Erfolg. In ihnen sind nur die wichtigsten
Orte verzeichnet, aber nie eigene Erfahrungen des Autors. Außerdem sind
sie alle sehr ähnlich, da die Autoren von einer einzigen Vorlagen
abschrieben. Die 2. Gruppe sind die Itinerare, in denen eine selbst
erlebte Reise in Ichform erzählt wird. Sie sind meist kurz und stilistisch
schlecht. Im Gegensatz dazu steht der literarische Reisebericht, der
Aufgrund seines Umfanges vor allem zur Belehrung und Unterhaltung eines
Publikums zu Hause dient. Deshalb setzt er auch keine persönliche
Reiseerfahrung des Autors voraus, wie das Werk
“Voyages” von Jean de Bourone beweist.
Obwohl er Europa nie verlassen hat, beschreibt er die gesamte damals bekannte
Welt. Der früheste deutschsprachige Reisebericht ist die Übersetzung
des “Itinerarium” von Wilhelm von
Boldensele. Ebenfalls erwähnenswert ist der Mönch Felix
Fabri, der seine Jerusalemreisen in 4 verschiedenen Werken verarbeitet
hat: Im “literarischem Evagatorium” für seine
Klosterbrüder weist er auf die Gefahren hin, um sie von einer Pilgerfahrt
abzuhalten. Als Ersatz dafür ist dieses sehr umfangreiche Buch gedacht.
Einen ähnlichen Zweck die für Nonnen geschriebene
“Sionpilgerin”. Im Gegensatz dazu steht die
“eigentliche Beschreibung der hin und wider farth zu dem heiligen
Lande”, die sein adeliges Publikum zu einer Reise ermuntert,
ebenso wie sein 1480 geschriebenes, sehr spannendes Gedicht.
Zur gleichen Zeit entstehen auch wenige Berichte, die keine Pilgerreise
beschreiben, z.B. Marco Polos Schilderung der Asienreise, in der
neben realen Erlebnissen auch fabelhafte Geschichten enthalten sind.
HODOEPORICA
Die meisten lateinischen Reiseberichte, die in Renaissance und Barock
entstehen, sind, da überwiegend von Studenten verfaßt, in Gedichtform
geschrieben und meist adeligen Gönner gewidmet. Durch Gedichte über
akademische Reisen kann der Autor außerdem Ehrungen bekommen.
Als Hodoeporica werden Gedichte und Prosabeschreibungen bezeichnet,
denen eine echte Reise zugrundeliegt. Die gewählte Art läßt auch
Schlüsse auf die Art der Darstellung zu: Während die im epischen
Hexameter verfaßten Stücke eher eine objektive
Information anstreben, sind elegische Gedichte eher subjektiv.
Interessant für die Natureinstellung der Neulateiner ist das Erleben der
Alpen, das sich bei Georg Sabinus (1508 - 1560) zeigt: Er schildert die
Bedrohung des Reisenden ohne irgendeiner Romantik. Reiseziele dieser Zeit waren
Italien und die Türkei. Dabei wurden die Türken sehr grausam
geschildert, wie das Reisegedicht von Paulus Rubigallus zeigt. Am
Anfang des 17. Jh. wird die Neulateinische Reisedichtung durch die
Volkssprachliche Reiseliteratur abgelöst.
Zur gleichen Zeit entstehen auch Reiseanleitungen, z.B. von Theodor
Zwinger (1533 - 1588). Für diese Kunstlehre des Reisens setzte sich
der Name Ars Apodemica durch. Sie enthalten unter anderem eine Definition
des Reisens, Argumente für und dagegen, ärztliche, religiöse und
praktische Ratschläge, Beschreibungen der wichtigsten Nationen und
Instruktionen, wie man auf Reisen Beobachtungen macht und auswertet.
Die ebenfalls im 16. Jh. stattfindenden Entdeckungsfahrten der
Spanier und Portugiesen finden in Deutschland vor allem wegen der Reformation
nur geringe Beachtung. Es gibt nur wenige Berichte über die neue Welt,
erwähnenswert ist nur die “Wahrhaftige Historia”
von Hans Staden (1525 - 1576). Er kann die Kultur der dortigen
Einwohner sehr genau beschreiben, da er selbst ein Gefangener von ihnen
war.
DIE KAVALIERSTOUR IM 16. UND 17. JH.
Schon seit dem Mittelalter gibt es in Deutschland viele Wanderstudenten,
was sich auch durch Universitätsgründungen nicht ändert.
Während am Anfang nur die Bürger studieren, kommen im 16. Jh. auch die
Adeligen dazu. Jedes Land hat eigene Vorteile zu bieten: Frankreich besitzt eine
gute Infrastruktur, in der die Studenten gute Manieren lernen können, in
Italien gibt es eine Einführung in die Antike und in der
Niederländischen Republik kann man eine neue Staatsform
kennenlernen.
Von den Adeligen Studenten gibt es nur äußerst wenige Berichte,
da sie nur Briefe an die Eltern schicken. Einen ausführlichen Reisebericht
schreibt dagegen der Paedagogus, der den Studenten begleitet. Ganz
persönlich gehalten ist der Reisebericht von Konrad von
Uffenbach (1683 - 1734). der auch die Infrastruktur der
Universitätsstädte betrachtet. Um 1600 entsteht das
Itinerarium, das als Vorbereitung für eine Grand Tour gedacht ist.
Das erste deutsche Itinerarium stammt von Paul Hentzer (1558 -
1623). Eine Ergänzung dieser Berichte sind Stammbücher, in die
sich Bekannte eintragen.
REISEN AN DIE GRENZEN DER ALTEN WELT
Im gesamten gibt es 5 Reisearten nach Asien: diplomatische Reisen,
Handelsreisen, Christliche Missionsreisen, wissenschaftliche Forschungsreisen
und die Individualreise einzelner Personen.
Einer der literarisch besten Reiseberichte ist die
“Allerneueste und wahrhaftige Ost-Indianische
Reise-Beschreibung” von Christoph Barchewitz. Er
will seine Leser nicht nur belehren, sondern auch unterhalten und webt deshalb
Reisebeschreibung, Bemerkungen zum Holländischen Kolonialsystem,
Sittendarstellungen der Einheimischen und Naturbeschreibungen
zusammen.
Lange vor Barchewitz hat Adam Olearius die Persische
Gesellschaft beschrieben. Trotz der deutschen Sprache richtet er sich an ein
gelehrtes Publikum. Das wichtigste Bauprinzip seines Berichtes ist die Trennung
von Reisebeschreibung und Landeskunde. Die Reise wird zum Anlaß für
eine Darstellung der fremden Zivilisation genommen. Seine Darstellung von
Persien und Rußland behielt bis zum Erscheinen des Persienwerkes von Sir
John Jardins Gültigkeit.
Ebenfalls ein Reisebericht über Persien stammt von Engelbert
Kaempfer, der aber durch seine Japanreise berühmt wird. Im
Gegensatz zu Persien lebt er dort aber unter strikter Aufsicht und ist so auf
inländische Informanten angewiesen. Deshalb durchschaut er das japanische
Polit- und Gesellschaftssystem nicht ganz. Doch alles, was er sieht, z.B. die
Reise zum Königshof, beschreibt er sehr genau.
Carsten Niebuhr beginnt seine Asienreise mit dem
Zweck, mehr über das noch nicht detailliert erforschte
“glückliche Arabien” zu erfahren und in Begleitung von 4
anderen Wissenschaftern, die aber bald sterben. So zieht er alleine über
Südpersien und Bagdad nach Konstantinopel. Da er es im Gegensatz zu
Kaempfer mit vielen verschiedenen Kulturen und Landschaften zu tun hatte, folgt
seine “Reisebeschreibung von Arabien” chronologisch
dem Reiseverlauf.
REISEFACETTEN DER AUFKLäRUNGSZEIT
Im 18. Jh. macht sich vor allem der bildungsbeflissene Bürger auf die
Reise. Alles, was ihm auffälliges begegnet, notiert er und
veröffentlicht es nach der Rückkehr. Viele reisen auch mit exakten
Vorstellungen. So entstehen die geologische, biologische und literarische
Reise. In der Aufklärungszeit entstehen etwa 10.000 Reisebeschreibungen in
verschiedensten Formen, z.B. Tagebuch, Brief, Stationenchronik.
Die absolutistischen Verwaltungen sehen das Reisen fremder Untertanen unter
2 Gesichtspunkten: Einerseits kann der Reisende Wehrverhältnisse und
ökonomische Verhältnisse (Einwohnerzahl, Sterblichkeit,
Schulwesen), die sonst geheim sind, in Erfahrung bringen, andererseits sind die
als Geldbringer willkommen. Die eigenen Untertanen sollen erst reisen, wenn sie
Zeit und Geld sinnvoll nutzen können und keine schlechten Manieren
annehmen.
Um 1780 reisen die Deutschen vor allem ins westliche und südliche
Ausland. Aber die Reisenden haben jetzt nicht mehr im Sinn, technische und
künstlerische Wunderwerke zu besichtigen. Sie sind eher sozial orientiert,
schreiben über die Gerichtsbarkeit, Gesundheitswesen und Erziehungssystem
und kritisieren auch, wenn sie etwas vernachlässigt sehen. Sie
äußern sich befriedigt, wenn in Deutschland etwas besser ist als in
Frankreich, erkennen aber auch bessere französische Verhältnisse, wie
die Straßengüte und das Nachrichtenwesen, an.
Bei den Reisenden in Deutschland setzt sich der politische oder
sozialkritische Reisebericht durch. Als Ersten kann man die
“Reise durch Oberdeutschland” von Ludwig
Werkhlin ansehen, der Entrüstung hervorruft, da er
Mißstände bei der Verwaltung, beim Zoll und Steuerwesen und die
kulturelle Misere in Schwaben öffentlich macht.
Die umfangreichste und berühmteste Beschreibung einer
Aufklärungsreise ist die “Beschreibung einer Reise durch
Deutschland und die Schweiz” von Friedrich Nicolai
(1733 - 1811). Sein Bericht zielt auf Gemeinnützigkeit will durch Wahrheit
nutzen stiften und ein wohlgeregeltes und industrielles Gemeinleben
fördern. Darum lobt er den Fleiß der bäuerlichen und
städtischen Bevölkerung, vergleicht die Tüchtigkeit der
Katholiken und Protestanten, registriert den Zustand der Straßen und
stellt die Preise verschiedener Dinge in umfangreichen Tabellen dar. Nicolai
erklärte die Freimütigkeit zur wichtigsten Tugend der Reiseliteraten.
Der Reisende soll weder vor Regierungen zurückschrecken noch den Zorn der
Obrigkeiten scheuen. Ebenso dazu gehört eine Fürsprache für
unterdrückte Bevölkerungsgruppen.
ITALIENREISEN IM 18. JH.
Als um 1700 auch das gehobene Bürgertum auf Kavalierstour geht,
erfolgt eine Wandlung zurück zum Herkömmlichen Prinzip der
Studienreise: Die zu Hause den Büchern entnommenen Kenntnisse sollen mit
eigenen Augen selbst überprüft werden. Die Interessen der Reisenden
sind weitgehend gleich, auch die Reiseroute ist bereits vereinheitlicht. Die
Reise von Johann Caspar Goethe darf als repräsentativ
für die Laienkultur der bürgerlichen Aufklärung angesehen werden.
Entscheidend ist die moralische Deutung der Sehenswürdigkeiten: Der
Karneval wird zur Warnung vor dem Glücksspiel verwendet, auch die
Aktmodelle in den venezianischen Malerakademien empören ihn. Dabei wird ein
allgemeingültiger Maßstab angelegt, der auf Besonderheiten keine
Rücksicht nimmt. Johann Caspar Goethe hat Italien als Beobachter
durchreist, der zwar alles registriert, sich auf Andersartigkeiten aber nicht
einläßt.
Im Gegensatz dazu steht Johann Wolfgang Goethes Italienreise
von 1786 bis 88, bei der das ethnisch-politische bereits durch das
ästhetische abgelöst worden war. Die norminierte kritische Reise
differenziert sich zu individuellen Formen, die Kavalierstour wird
endgültig abgelöst. Im deutschen Bereich initiiert dies Johann
Joachim Winckelmann (1717 - 1768), der Italien von der Heimat der
römischen Kultur zu der der griechischen Kultur umdeutet und Sizilien in
das italienische Reiseprogramm integriert.
Aber erst Wilhelm Heine (1746 - 1803) erkennt den sinnlichen
Reiz der mediteranen Landschaft und stellt die Sozialkritik in den Hintergrund.
Deutlich wird die Distanzierung von der ethnischen Wahrnehmung in seinem Roman
“Ardingrello oder die Glückseligen Inseln”, der
ein sinnliches Bild Italiens entwirft.
DAS SCHAUSPIEL DER REVOLUTION
Seit 1789 gibt es in Paris etwas besonderes zu betrachten: die Revolution,
hinter der alle anderen Interessen, wie Natur, Kunst und Landschaft
zurücktreten. Galt bis dahin London als Hauptstadt der Welt, so wird sie
nun von Paris abgelöst.
Die meisten Paris-Reiseberichte werden in Zeitschriften
veröffentlicht, z.B. Georg Friedrich Recharts
“Vertraute Briefe über Frankreich” in seiner
Zeitschrift “Frankreich. Aus den Briefen deutscher Männer in
Paris”. Oft verwendet sind die Metapher des Schauspiels, bei dem
die Reisenden als Zuschauer dargestellt werden, und des Vergleiches des Staates
mit einem Schiff.
Georg Forster (1754 - 1794) wendet sich in seinen
“Pariser Umrissen” gegen jene Zuschauer, die das auf
hoher See fahrende Staatsschiff in einen bestimmten Hafen bringen möchten.
Die Revolution sollte sich frei entwickeln, bis ihre ganze Kraft aufgebraucht
ist.
REISEBERICHTE IM VORMäRZ
Zwischen 1815 und 1848 wird das Reisen von der industriellen Revolution
erfaßt. Nicht nur die Verkehrsmittel, auch die Reiseziele, wie Paris und
London, werden von der Modernisierung ergriffen. Neben den neuen
Wahrnehmungsformen, die inhaltlich Zukünftiges beschreiben, existieren auch
weiterhin andere Formen, wie die von Alexander von Humboldt
vertretene Wissenschaftliche Reisebeschreibung. Eine eigene Kategorie ist der
Kriegsbericht, z.B. “Aus den Wanderbuche eines
verabschiedeten Lanzknechtes” von Friedrich von
Schwarzenberg. Die Reiseberichte lassen sich in 2 Gruppen einteilen,
wobei Mischformen häufig sind: den Reisebericht von Heine und den von
Hahn-Hahn.
Am Anfang von Harry Heines (1797 - 1856) “Briefen
aus Berlin”, die er für den Rheinisch-Westfällischen
Anzeiger schreibt, steht der Gedanke an zwei verschiedene Lesertüpen:
Einerseits den Journalleser, der nicht noch einmal das lesen will, was in der
Zeitung steht, andererseits den Zensor, den er vom Lesen abhalten will, z.B. mit
38 Namen in einem Absatz. Der Reisebericht von Heine ist subjektzentriert, d.h.
er hat einen Icherzähler, der den Leser mit Du anspricht. Die
Abhängigkeit vom Leser wird von Heine vorgezeigt und mit Zeitmangel
begründet, der auch der Grund für die Ablehnung der Systematie
und für die Hinwendung zur Assoziation der Ideen ist, d.h. er
behält sich vor, Dinge später oder gar nicht zu beschreiben. Bereits
der durch Berlin eilende Heine hat Probleme, wie man die Wahrnehmungen
literarisch vermitteln sollte.
Im Gegensatz zu den Liberalen reist Ida Hahn-Hahn (1805 -
1880) nicht, um möglichst schnell anzukommen, wird von Paris nicht
überzeugt und benützt nicht die Journale. Sie lehnt die Briefform ab,
weil sie langweilig und hinderlich ist. Zwar beginnen und enden ihre
“Erinnerungen aus und an Frankreich” mit einem Brief
dazwischen liegen jedoch über 500 Druckseiten.
DIE AMERIKAAUSWANDERUNG IM 19. JH.
Als im 19. Jh. die Auswanderungszahlen steigen, wächst das
Bedürfnis nach Informationen über Reise- und
Ansiedelungsmöglichkeiten. Während bei der ersten großen
Auswanderungswelle 1816 - 1817 neben Briefen vor allem Reiseberichte ohne genaue
Informationen diese Rolle übernehmen, nehmen sich 1840 die
“Ratgeber”, eine Mischform von Reisebeschreibung und
Reiseführer, dieses Problems an. Die Reiseberichte dieser Zeit sind fast
immer aus der Sicht eines Erkunders und Erporbers geschrieben, der die
Ansiedelungsmöglichkeiten prüft.
Ein Beispiel dafür ist Gottfried Dudens (1785 - 1856)
1829 veröffentlichter “Bericht über eine Reise nach den
westlichen Staaten Nordamerikas”,. In ihm beschreibt Duden alles,
was ein vorsichtiger Auswanderer wissen muß: Die Schiffsreise über
den Atlantik, die Weiterfahrt ins Landesinnere und die besten
Siedlungsmöglichkeiten. Um das herauszufinden, macht er eine Versuchsreise
in das Gebiet des Missouri und schreibt darüber 36 Briefe an einen
fingierten Adressaten, die er mit einer Abhandlung über die politischen
Zustände veröffentlicht.
Carl de Haas beginnt seine 20 Jahre später
veröffentlichten “Winke für Auswandere” erst
in Amerika, die Anreise wird als lästiges Übel gesehen und
übergangen. Er reist von Ort zu Ort, ohne dem Leser seine Eindrücke
mitzuteilen und beschränkt sich auf die Darstellung verschiedener
Verkehrsmittel, Entfernungs- und Preistabellen und geographischen
Informationen.
DEUTSCHE ENGLANDREISEBERICHTE IM 19. JH.
Im Laufe des 18. Jh. wird England in die Kavalierstour integriert und
gehört fortan zu den Bestandteilen jeder bürgerlichen Bildungsreise.
Als die jährlichen Sommerreisen aufkommen, wird England wegen seiner
leichten Erreichbarkeit von Deutschland aus zu einem beliebten Reiseziel. Ein
weiterer Grund ist die Schönheit Schottlands und des walisischen
Berglandes, die erst um 1800 im Zuge der malerischen Landschaftsreisen entdeckt
wird. Im 19. Jh. kommt noch die Entwicklung der Verkehrsmittel hinzu,
durch die alle Orte rasch erreicht werden können. Gleichzeitig treten auch
Reaktionen gegen das Durchfliegen der Landschaft auf. Während die
Englandreisen der Aufklärung eigentlich Londonreisen waren, rückt nun
jeder Punkt im Landesinneren und auf den Inseln in Reichweite. Dennoch dominiert
London auch weiterhin jedes Englanderlebnis.
Johanna Schoppenhauer (1766 - 1838) vertritt in ihren
“Erinnerungen an eine Reise in den Jahren 1803, 1804 und
1805” einen vernünftigen Genuß des Lebens mit
Maß. Ihre propagierten Werte des bürgerlichen Lebens sind
Reinlichkeit Ordnung und Ruhe. Da sie ihr Reisebuch erst 10 Jahre nach der Reise
schreibt, fehlt politisches und wirtschaftliches fast vollständig. Sie
beschreibt nur gleichbleibende Sitten und Lebensweisen, wie den Ablauf eines
englischen Sonntags.
Georg Weerth (1822 - 1856) beginnt seine “Skizzen
aus dem sozialen und politischen Leben der Briten” als einen
subjektiven Reisebericht, gegen Ende fügt er aber immer mehr vorgefundene
Texte ein, wie politische Verhandlungen, soziale und wirtschaftliche Daten. Er
erkennt, daß die industriellen Verhältnisse Englands bald auf
Deutschland übergreifen werden. So sind seine herausgearbeiteten Kontraste
etwas wehmütig, da sie nicht mehr lange gelten werden.
REISEBERICHTE IM FRüHEN 20. JH.
Am Beginn des 20. Jh. wird das Soziale der Berichte durch das Belehrende
ersetzt. Führende Verlage unterstützen die Reisenden, da die
Reisekosten auch für erfolgreiche Autoren unerschwinglich sind. Bevorzugt
werden weit entfernte Ziele, auch in Europa zieht man die früher
unbeachteten Länder Spanien und Rußland vor. Doch diese
Entdeckerfreude kommt genau zu dem Zeitpunkt, als es nichts mehr zu entdecken
gibt. Selbst China ist im Zuge der Europäisierung schon in
Interessensgebiete aufgeteilt worden. Die Faszination durch das Fremde, die
Hinneigung zu diesem und der Versuch seiner Aneignung wird mit dem Begriff
“Exotismus” bezeichnet.
Bernhard Kellermann (1779 - 1851) will bei seiner Japanreise
1910 das Land auf sich wirken lassen und entlegene Landesteile bereisen. In
seinem Buch “Ein Spaziergang in Japan” beschreibt er
ein rein ästhetisches Bild ohne einer Begegnung mit der fremden Kultur.
Auch das Soziale und Politische bleibt ausgeklammert. Sein Werk besteht nur aus
hintereinandergereiten Impressionen, alles, was seinem Japanbild nicht
entspricht, ignoriert er. Schon sein Reiseziel stimmt mit der
impressionistischen Vorliebe für Japan überein. Von diesem Typ sind
auch Alfred Kerrs “Die Welt im Licht”
und Otto Julius Bierbaums “Eine empfindsame Reise im
Automobil”, die Beschreibung einer Autoreise durch
Italien.
Obwohl Arthur Holitscher (1869 - 1941) um 10 Jahre älter
ist als Kellermann, fehlt ihm bei seinem Bericht “Das unruhige
Asien” die Haltung des impressionistischen Weltenbummlers
gänzlich. Ihn bewegt nicht die Reiselust, sondern die Sehnsucht nach der
Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Diese Verknüpfung des Reisens mit
Heilserwartungen wird immer wieder durch die Realität enttäuscht. In
Katastrophenvisionen prophezeit er den Untergang der westlichen Welt und den
Aufstieg des Kommunismus, obwohl er nie ein Verfechter von diesem war. Sein
hohes Vermögen, die Realität zu erfassen, erweist sich im Bereich
unmittelbarer Realitätserfahrung als seine Stärke, z.B. die
Beschreibung der Tropen in Ceylon. Weitere Beispiele von diesem kommunistischen
Exotismus sind Alfons Paquets “In
Palästina” und “Im kommunistischen
Rußland” und Armin Wegners “Im
Haus der Glückseligkeit”.
REISELITERATUR DER WEIMARER REPUBLIK
Alfred Kerr (1867 - 1948) durchreist Amerika nicht als
Kritiker, sondern als Müßiggänger, der das Land zweckfrei
genießt. In seiner dritten Reise durch das “Yankee -
Land” beschreibt er nur die Großstädte ohne dem
Reiseweg. Der Höhepunkt der Reise ist San Franzisko, das moderne Erfahrung
und Schönheit vereint. Der Freudenblick seiner Reiseerfahrung taucht selbst
soziale Probleme in die Harmonie eines kapitalistischen Optimismus.
Im Gegensatz dazu ist Egon Erwin Kisch (1885 - 1948) ein
kritischer Reporter, der in seinem “Paradies Amerika”
die soziale Realität darstellt. Seine Recherchen decken
Mißstände auf, die er mit Statistiken und Interviews dokumentiert.
Auch ihn fasziniert die Moderne der Amerikanischen Städte, die
Wolkenkratzer und exotischen Schaufenster der Juwelengeschäfte und
Schuhläden. Doch da er gerade der Moderne auf der Spur ist, sucht er hinter
den Fassaden nach einem sozial entlarvenden Bild der Wirklichkeit.
Das ideologische Traumziel aller linkskritsichen Weimarer Reisenden ist
Moskau. Ernst Taller, der bei seinen
“Amerikanischen Reisebildern” die Impressionen der
Recherche unterordnete, beobachtet nun das reizvolle Treiben auf Moskaus
Straßen. Auch weiterhin sieht er alles positiv: zufriedene Arbeiter,
Milderung des Strafvollzugs und Technisierung der Produktion. Auf die selbe
Weise sehen auch Alfons Goldschmidt und Welfen
Benjamin die Reise nach Moskau.
DER REISEBERICHT IM MASSENTOURISMUS
Heute hat der Reisebericht seine einstige Bedeutung fast vollständig
verloren und wird kaum noch geschrieben. Lediglich die Schilderungen der
Abenteurer, wie Extrembergsteiger und Weltumselgler, finden noch Beachtung. Das
liegt daran, daß heute eine Reise nur noch als erfolgreich gilt, wenn sie
von der Gemeinschaft des Reisenden anerkannt wird. Der Reisende reist diesen
Kriterien entsprechend, da er Selbstbestätigung sucht. Weil aber die
Reiseziele ohnehin jedem bekannt sind, reichen als Bericht darüber Fotos
oder an die Freunde geschickte Ansichtskarten mit dem Text: “Ich war
da!”.
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