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Konflikte am Balkan
Die Balkankonflikte von 1908 - 1913
vor dem Hintergrund der rivalisierenden europäischen
Mächte
1 Vorbemerkung
Das Gebiet, das die heutigen Länder Bulgarien,
Makedonien, Griechenland, Serbien, Bosnien und Albanien umfasst, nannte man im
übrigen Europa noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts
“Europäische Türkei”. Erst im 19. Jahrhundert war der
Begriff “Balkan” im Westen aufgetaucht. Die Geographen beseitigten
damals die letzten weißen Flecken auf der Landkarte Europas und nannten
den längs durch Bulgarien laufenden Bergriegel “Balkan” und
danach die gesamte Landmasse zwischen Adria, Ägäis und Schwarzem Meer
die
“Balkanhalbinsel”.[1]
Das Wort Balkan selbst stammt von den türkischen
Eroberern des späten Mittelalters und bedeutet soviel wie
“Gebirge” oder “Bergland”. Damit haben sie dem Gebiet,
das sie vom 14. bis zum 16. Jahrhundert eingenommen hatten, einen treffenden
Namen gegeben. Es wird kreuz und quer von in sich verschachtelten
Gebirgszügen und Tallandschaften durchzogen: unbewohnbar, unkultivierbar
und ein Hindernis auf dem Weg von Osten nach Westen und
umgekehrt[2].
Diese Lage Südosteuropas und die daraus
resultierende Abgeschlossenheit hatte weitreichende Folgen für seine
Geschichte. Eine erste wesentliche Konsequenz war, dass die Gebirge eine
Entstehung mächtiger südosteuropäischer Staaten verhinderten. Die
politische Macht musste aufgeteilt und zersplittert bleiben wie das Land selbst.
Die Völker, die hier wohnten, waren immer durch die Geographie auf ihre in
sich abgeschlossenen Siedlungsräume verwiesen. Den landschaftlichen
Kontrasten entsprechen der Partikularismus, die Differenzierung und
Zersplitterung seiner Bevölkerung in eine Vielzahl sich abgrenzender
kultureller, religiöser und politischer Gruppen. Daraus ergab sich, dass
Südosteuropa des öfteren zum Spielball der Großmächte
wurde. Zu diesen gehörten das oströmische Reich (Byzantinische Reich),
das Habsburger Reich, Venedig und das Osmanische Reich. Dies bedeutete, dass
Südosteuropa oder zumindest der größte Teil davon, immer nur
eine Nebenrolle spielte. Keine noch so gewaltige Großmacht schaffte es
jedoch, die Gebirgsbereiche vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen.
Verfolgte und bedrohte Menschen flüchteten sich immer wieder in die
Gebirge. So konnten uralte Völker, wie zum Beispiel die Albaner, mit ihren
Kultur- und Lebensformen bis heute
überleben[3].
2 Die Annexionskrise
1908
2.1 Revolution der Jungtürken
Anfang Juli des Jahres 1908 ging von Makedonien eine
Revolte türkischer nationalistisch gesinnter Offiziere aus, die in der
Folge auf weitere Provinzen übergriff. Diese Offiziere, die sogenannten
Jungtürken, hofften, durch die Schaffung eines Verfassungs- und
Rechtsstaates nach dem Muster der westeuropäischen Demokratien das
Osmanische Reich vor dem Verfall zu
retten[4]. Sie
forderten die Wiederherstellung der suspendierten Verfassung von 1876. Sultan
Abd Al Hamid II . musste dem Druck nachgeben, die
Konstitution wieder in Kraft setzen und Parlamentswahlen ankündigen. Aus
den Wahlen gingen die Jungtürken als stärkste Partei
hervor[5].
Gegenüber den nationalen Minderheiten auf dem Balkan betrieben sie eine
zunehmend repressive Politik, wodurch sich die innenpolitischen Spannungen und
Konflikte weiter verschärften.
2.2 Folgen der
Revolution
2.2.1 Unabhängigkeit Bulgariens
Bulgarien befürchtete, die neue türkische
Regierung könne ihre Rechtstitel in den okkupierten Provinzen
durchsetzen[6].
Fürst Ferdinand erklärte deshalb sein Land, das bisher in einem
Abhängigkeitsverhältnis zu der Türkei stand, am 5. Oktober zu
einem selbstständigen Königreich. Dem neuen Staat gehörte auch
Ostrumelien an, das bisher eine tributpflichtige türkische Provinz gewesen
war. Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass hinter dieser Aktion keine
Großmacht stand.
Die türkische Regierung protestierte heftig gegen
die einseitige Verletzung des Berliner Vertrags von 1878, der dem Osmanischen
Reich die Oberherrschaft über Bulgarien gesichert hatte. Die
Entrüstung der Türkei fand aber keine Anteilnahme, da nach
internationaler Meinung die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens dem
nationalen Selbstbestimmungsrecht der Völker
entsprach[7].
2.2.2 Annexion Bosniens und Herzegowinas
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Abbildung 1: [14] Der ruhelose Balkan, S.16;
Im Herbst 1906 wurde der relativ moderate
österreichische Außenminister Goluchowski durch den kompromissloseren
und aggressiveren Baron Aehrenthal abgelöst. Aehrenthal richtete seine
Außenpolitik bereits von Beginn an auf eine Schwächung oder
mögliche Zerstörung Serbiens. Seiner Meinung nach hätte nur die
Annexion Bosniens und Herzegowinas sowie die Aufteilung Serbiens unter der
Doppelmonarchie und Bulgarien die südlichen Grenzen des habsburgischen
Reiches endgültig gesichert. Ein erster Schritt in diese Richtung war die
Verkündung des österreichischen Planes, eine Bahnlinie durch den
Sandzak[8] Novi Pazar
zu bauen.
Vom April des Jahres 1908 an startete der ehrgeizige
russische Außenminister Izvolskii zahlreiche Versuche, eine russisch -
österreichische Einigung in verschiedenen Balkanproblemen zu erreichen. Der
Eisenbahnbau, die bis jetzt noch nicht genau definierten Grenzen des Sandzak
Novi Pazar und die Makedonische Frage sollten diskutiert werden. Insbesondere
zeigte er sich bereit, einer österreichischen Annexion Bosniens und
Herzegowinas zuzustimmen, wenn Wien im Gegenzug gewillt war, seine
Okkupationstruppen aus dem Sandzak Novi Pazar abzuziehen und eine Öffnung
der Dardanellen für russische Kriegsschiffe zu unterstützen.
Dieser Vorschlag Izvolskiis bedeutete aber in
Wirklichkeit eine Zustimmung Russlands zu der weiteren Etablierung
Österreichs auf dem Balkan. Er riskierte quasi den Verlust der russophilen
Haltung der Belgrader Regierung oder die Vernichtung Serbiens durch die
Doppelmonarchie. Zudem wäre eine freie Passage durch die Dardanellen
für die schwache Schwarzmeerflotte Russlands zu diesem Zeitpunkt von
geringem Wert gewesen. Das russischen Außenministerium kam in einer
Untersuchung aus den Jahren 1904 bis 1905 zu der Ansicht, dass eine Beibehaltung
der damaligen Situation günstig sei, weil dadurch Russland vor Angriffen
stärkerer Seemächte sicher war. Einzig der Gewinn des Sandzaks Novi
Pazar, der ein österreichischer Keil zwischen Serbien und Montenegro war,
hätte einen Vorteil bedeutet.
Trotzdem stellte Izvolskii in einem an Wien gerichteten
Aidemémoire klar , dass Russland unter Umständen bereit sei diesem
Handel zuzustimmen. Die beiden Außenminister Aehrenthal und Izvolskii
einigten sich schließlich am 15. September 1908 in Buchlau in Mähren.
Dort wurde allerdings keine schriftliche Vereinbarung getroffen, eine Tatsache,
die die späteren Unstimmigkeiten noch verschärfen
sollte[9].
Am 5. Oktober 1908 verkündete der
österreichische Kaiser Franz Joseph I . dann, ohne
andere Regierungen vorher zu informieren, die Annexion der Balkanländer
Bosnien und Herzegowina mit den Worten: “Eingedenk
der in alten Zeiten zwischen Unseren glorreichen Vorfahren auf dem ungarischen
Thron und diesen Ländern bestandenen Bande, erstrecken Wir die Rechte
Unserer Souveränität auf Bosnien und Hercegovina und wollen, dass auch
für diese Länder die für Unser Haus geltende Erbfolgeordnung zur
Anwendung
gelange”[10].
Die Gebiete wurden zwar schon seit dem Berliner Kongreß 1878 von
Österreich - Ungarn verwaltet, waren aber staatsrechtlich immer noch
Provinzen des Osmanischen Reichs. Die Annexion löste daher eine
internationale Krise
aus[11].
Für Russland erfüllten sich die mit der
Einigung von Buchlau verbundenen Erwartungen nicht. Zar Nikolaus
II. missfiel die Rolle, die sein Außenminister
bei den Verhandlungen gespielt hatte. Izvolskii hatte seine Kompetenzen durch
die Vereinbarung mit Wien überschritten, die den Eindruck erweckte, dass
der Zar es ohne weiteres akzeptiere, Slawen unter österreichische
Herrschaft fallen zu lassen. Die internationale Situation stand ebenfalls
ungünstig für Russland. Der einzige Alliierte, Frankreich, war nicht
bereit, einer Veränderung an der momentanen Stellung der Dardanellen
zuzustimmen. Großbritannien verweigerte gleichermaßen die
Unterstützung der Pläne Izvolskiis. Somit konnte Russland sein
Anliegen, die Öffnung der Dardanellen für seine Marine, wegen des
internationalen Widerstandes nicht durchsetzen und protestierte nun gegen die
bosnische Annexion. Einen Ausweg aus dieser isolierten Position Russlands sah
Izvolskiis in einer internationalen Konferenz, die über die Lösung der
Annexionskrise beraten sollte.
Die Schlüsselrolle in diesem Konflikt fiel nun dem
Deutschen Reich zu, das von Österreich - Ungarn über die geplante
Annexion nicht im Voraus informiert worden war. Wilhelm
II . beklagte sich darüber, dass er als Alliierter
nicht in die Pläne des österreichischen Kaisers Franz Joseph
eingeweiht worden
war[12].
Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow ließ allerdings keinen
Zweifel an Deutschlands Haltung und stellte sich, trotz heftiger Kritik aus
eigenen Reihen, vorbehaltlos auf die Seite der Donaumonarchie. Am 29. März
beschwor Bülow in einer Rede die “Nibelungentreue”
gegenüber Österreich - Ungarn und erklärte, das Deutsche Reich
sei bereit, an der Seite des Verbündeten zu kämpfen. Bülow wusste
nämlich, dass Russland nicht imstande war, einen Krieg gegen die
Mittelmächte zu führen und folglich keinerlei Gefahr für
Deutschland
bestand[13].
Österreich - Ungarn befand sich nun in einer fast unangreifbaren Position:
Es war sich der deutschen Hilfe sicher und konnte die Teilnahme an einer
internationale Konferenz, in der die strittigen Fragen hätten diskutiert
werden sollen, verweigern. Russland hingegen war angeschlagen und isoliert, da
weder Großbritannien noch Frankreich bereit waren, seine Politik zu
unterstützen.
Die Annexion Bosniens und Herzegowinas, die ein
gezielter Schlag gegen Serbien war, stieß dort auf einhellige Ablehnung:
Serbien erkannte die Annexion nicht an, da es seine Ansprüche auf die
annektierten Gebiete und demnach den Traum von einem Großserbischen Reich
der Serben, Kroaten und Slowenen gefährdet sah. Aus diesem Grund wurde die
gesamte serbische Armee mobilisiert und die Regierung protestierte vehement
gegen die Aktion der
Donaumonarchie[14].
Anfang des Jahres 1909 verdeutlichten sich nochmals die
einzelnen Positionen. Deutschland würde, falls nötig, Österreich
- Ungarn militärisch unterstützen. Frankreich und Großbritannien
schreckten aber vor einem bewaffneten Eingreifen zugunsten Russlands
zurück. Hinzu kam noch das Einlenken der Türkei, die anfänglich
auf den endgültigen Verlust ihrer Provinzen mit Empörung reagiert
hatte. Es kam zu einem wochenlangen Boykott von Waren aus Österreich -
Ungarn und zur Forderung nach einer Entschädigungszahlung. Wien erzielte
schließlich unter deutscher Vermittlung am 26. Februar mit der
Pforte[15] eine
Einigung über Bosnien und die Herzegowina. Der Türkei bekam
umfangreiche Entschädigungsleistungen: “den
Sandzak von Novi Pazar und 54 Millionen
Goldkronen”[16].
Für Russland und Serbien blieb deswegen kein
anderer Ausweg, als die neue Lage zu akzeptieren. Izvolskii ließ am 27.
Februar 1909 in Belgrad mitteilen, dass Serbien von jeglichem territorialen
Anspruch an die annektierten Gebiete Abstand nehmen solle und weitere
Provokationen zu unterlassen habe. Aufgrund der nun fehlenden Rückendeckung
durch St. Petersburg erklärte Serbien am 31. Februar:
“[to] abandon the attitude of protest and opposition
which she has maintained towards the annexation since the last autumn [and to]
change the direction of her present policy towards Austria - Hungary in order to
live henceforth on terms of good neighbourliness with the
latter.”[17]
Darüber hinaus wurde sogar eine serbische Truppenreduzierung
bekanntgegeben. Damit war die Krise ausgestanden. Die Mittelmächte hatten
gewonnen[18].
2.3 Mittelbare Folgen der Annexionskrise
Die bosnische Annexionskrise konnte noch auf
diplomatische Weise beigelegt werden, da die betroffenen Staaten, wie zum
Beispiel Serbien, die Türkei oder Russland im Hintergrund, nicht für
einen Kampf mit den Mittelmächten gerüstet waren. Die Folgen sollten
sich aber als unübersehbar erweisen:
- In Belgrad steigerte man sich
immer mehr in eine Todfeindschaft gegen Österreich - Ungarn hinein.
- Der alte russisch -
österreichische Antagonismus in Südosteuropa lebte durch die
Annexionskrise und die außenpolitische Blamage Nikolaus’ II.
vor der Weltöffentlichkeit wieder auf.
- Die Annexionskrise war mit
eine Ursache für die beiden Balkankriege.
- Die Mächtekonstellation
des Ersten Weltkriegs formierte sich.
- Das Attentat von Sarajevo,
ausgeführt durch eine von der serbischen Regierung geduldete
Geheimorganisation, wurde durch den österreichisch - serbischen Konflikt
provoziert. Österreich - Ungarn sah sich daraufhin gezwungen zu handeln und
löste durch sein Ultimatum den Ersten Weltkrieg aus.
3 Der 1. Balkankrieg
1912
3.1 Vorgeschichte des 1. Balkankriegs
Seit der diplomatischen Niederlage in der Annexionskrise
war es das Hauptziel der russischen Außenpolitik, auf dem Balkan das
österreichische Expansionsstreben einzudämmen; zeitweise wurde dabei
sogar eine Einbeziehung der Türkei in eine Balkanallianz in Erwägung
gezogen. Erst in zweiter Linie richtete sich Russlands Politik gegen den
Nationalismus der Jungtürken. Deshalb hatte die russische Regierung wohl
die Balkanstaaten zum Interessenausgleich
bewogen[19].
Bereits von April 1909 an wurde des öfteren der
bulgarischen Regierung von Serbien ein gemeinsames Bündnis vorgeschlagen.
Anfang des Jahres 1912 überzeugten die russischen Minister in Serbien und
Bulgarien, Hartwig und Nekhlyudov, die beiden Staaten von der Notwendigkeit
einer gemeinsamen Allianz. In einem Abkommen vom 13. März 1912
erklärten Serbien und Bulgarien, zur Verteidigung ihrer Unabhängigkeit
und Integrität zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig wollten sie jeglichen
Versuch einer Großmacht, in die Balkanterritorien des Osmanischen Reiches
einzudringen, zusammen abwehren. Ein geheimes Beiblatt des Vertrages sah vor,
dass im Falle eines gemeinsamen Sieges der beiden Staaten über die
Türkei Serbien ein Teil von Nordmakedonien zugeteilt werde und Bulgarien
einen Großteil des Restes der Provinz Makedonien erhalte. Der Besitz einer
“zone
contestée”[20]
(strittige Zone) sollte durch Nikolaus II . von
Russland entschieden werden. Dies war allerdings nur ein Mittel, Serbien mehr
Land zu geben als den Anteil, worauf es ein Anrecht hatte und gleichzeitig
Bulgariens Gesicht zu wahren. Es war für die beteiligten Staaten bereits
klar, dass der Schiedsspruch des Zaren zugunsten Serbiens ausfallen würde.
Makedonien war insofern von Bedeutung, als von dort die wichtige
Verbindungsstraße am Vardar entlang kontrolliert werden konnte. Es
ermöglichte auch über den Hafen von Saloniki Kontakt mit den
Handelszentren der Ägäis und des Mittelmeers.
Die Allianz war allerdings bereits von Beginn an
geschwächt, da die Staaten unterschiedliche Absichten zu dem Bündnis
bewogen: Für die Serben war der Vertrag ein Bollwerk gegen Österreich
- Ungarn genauso wie gegen die Türken; obendrein hofften sie auf
Gebietszuwachs sowohl in Makedonien als auch an der Adriaküste, wobei das
Chaos, das in Albanien herrschte, ihnen große Chancen einzuräumen
schien. Für die Bulgaren war der Vertrag jedoch einzig und allein gegen die
Türken gerichtet. (Schon König Ferdinand hatte von einem triumphalen
Einzug in Konstantinopel geträumt.) Außerdem wurde die gegenseitige
Übereinkunft die Gebietsverteilung Makedoniens betreffend nur unter
größten Schwierigkeiten erreicht. Für Russland, dessen Vertreter
bei den Verhandlungen eine entscheidende Rolle gespielt hatten, war die
wichtigste Funktion die Blockade jeglichen weiteren Einflusses von
Österreich - Ungarn auf den Balkan. Deshalb war Russland gegen eine weitere
territoriale Schwächung des Osmanischen Reiches.
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Abbildung 2: [5] Von den Balkankriegen zum ersten Weltkrieg,
S.39;
Das Übereinkommen von Serbien und Bulgarien war der
Grundstock einer
Balkankoalition[21].
“Schon am 29. Mai 1912 schloss sich ein bulgarisch - griechischer Vertrag
an. Der Beitritt Montenegros im September/Oktober 1912 bedeutete nicht nur den
Schlussstein am Gebäude des Balkanbundes, er kehrte auch die
antitürkische Blickrichtung offen
hervor.”[22]
Aggressor war ausgerechnet der schwächste der Balkanstaaten: Montenegro.
Die Unterstützung des Aufstandes in Nordalbanien hatte den montenegrischen
König Nikola schon im Verlauf des Jahres 1912 in einen Konflikt mit der
türkischen Macht gebracht. Am 6. Oktober brach er die diplomatischen
Beziehungen ab und erklärte der Pforte zwei Tage später den
Krieg[23]. Ein Anlass
für diesen Waffengang auf dem Balkan war leicht zu finden, da dieser
dauernd durch Guerillakrieg, Anschläge und Überfälle heimgesucht
wurde[24]. So
überreichte der montenegrische Geschäftsführer Plamenac am
Vormittag des 8. Oktober 1912 folgende Note an die Pforte:
“Da die Türkei die
Wünsche Montenegros nicht erfüllen und die strittigen Fragen nicht
ordnen wollte, sieht sich Montenegro gezwungen, mit den Waffen Gerechtigkeit zu
schaffen.”[25]
Ein weiterer Kriegsgrund für Montenegro war der
Versuch König Nikolas’, das Prestige seiner Dynastie zu
vergrößern und als natürlicher Führer der
südslawischen Bevölkerung Serbien zu ersetzen. Er hoffte auch, durch
einen schnellen Sieg über die Türkei die Großmächte vor
vollendete Tatsachen zu stellen und dadurch ihre schwachen Versuche, den
Balkankrieg abzuwenden, zunichte zu machen. Noch am selben Tag, als die
Kämpfe begannen, warnten Russland und Österreich gemeinsam die
Balkanstaaten vor einer Verletzung des status quo. Die erste Folge dieser
Erklärung war für Montenegro die Beendigung der finanziellen und
militärischen Hilfe, die es seit einigen Jahren von Russland bekommen
hatte. Innerhalb weniger Tage (18. Oktober 1912) zogen, entgegen der Anweisung
der Großmächte, die verbündeten Serben, Bulgaren und Griechen
nach. In Serbien und Bulgarien war das öffentliche Verlangen nach einem
Krieg gegen die Türken so stark, dass ein Kriegseintritt nur unter der
Gefahr einer Revolution zu verhindern
war[26].
3.2 Kriegsverlauf im 1. Balkankrieg
Die Hauptkriegsschauplätze befanden sich im Oktober
1912 in Albanien, im Kosovo, in Makedonien und Thrakien. Die angegriffenen
türkischen Armeen, auf deren Seite noch die
Arnauten[27] sowie
christliche Albanerstämme kämpften, waren zahlenmäßig stark
unterlegen. “The Balkan forces numbered about 700 000, against 320 000 for
their
adversary”[28].
Bei Kumanovo errangen die Serben unter Kronprinz Alexander einen schwer
erkämpften Sieg und besetzen daraufhin Üsküb, das wieder in
Skopje umbenannt wurde. Die türkische Herrschaft im Westbalkan war damit
beendet. Die üblichen Greueltaten an der Zivilbevölkerung durch ein
geschlagenes Heer auf dem Rückzug schoben sich die Türken und Arnauten
gegenseitig zu. In Thrakien und Makedonien rächte sich die einheimische
orthodoxe Bevölkerung an den Türken. In Panik zogen sich daraufhin
zehntausende Muslime in Richtung Istanbul zurück und kamen dabei dem
bulgarischen Vormarsch in die Quere. Die Griechen stießen vom Süden
her über die Pässe von Sarantaporos vor und sicherten sich
Saloniki[29]. Anfang
November war der Zusammenbruch der Türkei unabwendbar geworden. Das durch
den italienisch - türkischen Krieg sowie die innenpolitischen Krisen
geschwächte Osmanische Reich erkannte, dass es seine Machstellung kaum
halten konnte und bemühte sich deshalb schon im November um
Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen. Sie begannen am 3. Dezember 1912,
wurden aber im Januar 1913 ergebnislos abgebrochen, was die Fortsetzung des
Krieges am 30. Januar 1913 zur Folge
hatte[30]. In
Thrakien, auf dem Westbalkan und bei Saloniki hatten die Türken unter dem
Verlust von zehntausenden Toten und Gefangenen ihr Territorium bis auf die
Festungen Janina im Epirus, Skutari an der albanischen Küste, Adrianopel
und die Dardanellenforts
verloren[31]. Das
bulgarische Heer wurde an der Çatalça
- Linie, 35 Kilometer vor Istanbul, erfolgreich
aufgehalten. Bis April 1913 fielen nichtsdestoweniger Adrianopel, Janina und
Skutari. Das Kriegsziel war dadurch erreicht, die Türken wurden erfolgreich
aus Europa
verdrängt[32].
Die Pforte konnte schließlich am 19. April 1913 ein
Waffenstillstandsabkommen mit der Balkanallianz erwirken. Eine weitere Konferenz
fand am 20. Mai in London statt, in der die europäischen
Großmächte als Vermittler auftraten. Der Friede von London wurde am
30. Mai unterzeichnet und beschränkte die europäischen Besitzungen der
Türkei auf einen kleinen Landstreifen vor
Konstantinopel[33].
3.3 Die Folgen des 1. Balkankriegs
Vor den Augen der überraschten Europäer hatte
die Großmacht Türkei in kürzester Zeit den europäischen
Teil ihrer Besitzungen fast vollständig verloren. Dies bedeutete auch den
Zusammenbruch der Militärmacht Türkei, die bis dahin von allen
Fachleuten in ihren strategischen Überlegungen als wichtiger Faktor mit
einbezogen worden war. Das durch den Wegfall der Türkei entstandene
Machtvakuum in Südosteuropa hatte Auswirkungen auf alle
Großmächte[34].
Deren Ziel war nun, das politische Gleichgewicht wiederherzustellen und den
europäischen Frieden durch die Beilegung von Konflikten zu sichern.
Konflikte entstanden vor allem durch die Rivalitäten um den
größeren Einfluss in Südeuropa zwischen den beiden Hauptgegnern
Russland und Österreich -
Ungarn[35].
3.3.1 Positionen Österreich - Ungarns, Italiens und Deutschlands
Wien befürchtete in erster Linie; dass mit der
Vergrößerung Serbiens Russland auf dem Balkan eine stärkere
Position einnehmen könnte. Die Lösung, die deshalb das Habsburger
Reich bevorzugt hätte, war die komplette Rückkehr zu den
Vorkriegsverhältnissen. Da dies nicht erreichbar war, wollte Wien unter
allen Umständen verhindern, dass Serbien einen Korridor zum Mittelmeer und
infolgedessen einen Hafen an der Adriaküste bekommt. Dabei war es
Österreich - Ungarn gleichgültig, welche Gebietsforderungen Serbien
dann als territorialen Ausgleich für den nicht erhaltenen Adriahafen in
Makedonien gewinnen sollte. Falls Serbien diesen Hafen bekommen hätte,
wäre es noch unabhängiger von Österreich - Ungarn gewesen. Der
Hafen hätte sogar von Russland als Basis benutzt werden können, um die
Adria für österreichische Schiffe unbefahrbar zu machen. Auf der Suche
nach Möglichkeiten, um Serbien von der Adria abzuschotten, schien es am
effektivsten und sichersten, einen möglichst großen,
unabhängigen albanischen Staat zu
schaffen[36].
Italien war der Krieg willkommen, da die Türkei nun
gezwungen war, Libyen aufzugeben. Des weiteren stimmte Rom mit Österreich -
Ungarn überein, dass Serbien keinen Adriakorridor erhalten solle. Rom
spekulierte dort nämlich auf Albanien als zusätzliches
Kolonialgebiet[37].
Deutschlands Südosteuropapolitik sah während
des Balkankriegs kein aktives Eingreifen in die Kämpfe vor, ansonsten
strebte man die Beibehaltung des damaligen Zustandes an: Schon allein wegen der
wirtschaftlichen Interessen des Reichs sollte Österreich - Ungarns
Vormachtstellung auf dem Balkan sowie der Bestand der asiatischen Türkei
nicht gefährdet
werden[38].
3.3.2 Positionen Russlands, Frankreichs und Englands
Die großen Verluste, die die Türkei hinnehmen
musste, waren in St. Petersburg genauso unerwünscht wie in Österreich.
Alarmiert durch das schnelle Vorstoßen der Bulgaren, erwog man teilweise
sogar den Einsatz eines russischen Schwarzmeer - Geschwaders auf türkischer
Seite, um eine bulgarische Eroberung Konstantinopels und ein Überschreiten
der Çatalça -
Linie zu verhindern. Der Zar zeigte sich auch nicht bereit, den Bitten
Ferdinands von Bulgarien nachzugeben, ihm einen Durchlass zum Marmarameer oder
die Inbesitznahme der Inseln Samothraki und Thasos zu gewähren.
Großbritanniens Ziel war, zum einen die Schaffung
eines unabhängigen albanischen Staates durchzusetzen zum anderen auf jeden
Fall eine Störung der Handelsschifffahrt an den Dardanellen zu vermeiden.
Frankreichs Präsident
Poincaré stellte in
seinem Brief vom 16. November an Izvolskii klar, dass er die Initiative auf dem
Balkan Russland überlasse.
3.3.3 Friedensschluss
Die Gesandten der Großmächte und der
Balkanstaaten trafen sich vom 20. bis zum 30. Mai in London, um über einen
Waffenstillstand und einen gemeinsamen Friedensvertrag zu verhandeln. Die
Großmächte hofften, durch ihre Beteiligung an den Verhandlungen, die
Lage wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie einigten sich jedoch nur
darauf, dass die Dardanellen und Konstantinopel weiterhin türkisch bleiben
müssten[39]. Des
weiteren vereinbarten die Großmächte, dass ein unabhängiger
albanischer Staat mit der Hauptstadt
Durrës (Durazzo)
geschaffen werden solle. Allerdings war man sich über dessen Grenzen
völlig im Unklaren. Montenegro forderte Skodra
(Shkodër, Skutari),
Griechenland beanspruchte den ganzen Südteil mit
Korça und die Serben
wollten den gesamten Kosovo mit
Durrës als Hafen.
Schließlich setzte sich im Friedensvertrag 1913 nur Serbien, mit Russland
im Hintergrund, durch: Es bekam den gesamten Kosovo zugesprochen, der allerdings
überwiegend albanisch besiedelt war. Durch diesen rein diplomatischen
Entschluss wurde eine gefährliche Brandregion auf dem Balkan geschaffen.
Für den jungen Staat Albanien bedeutete dies zudem eine starke
wirtschaftliche Einschränkung. Der Kosovo - Konflikt wurde dadurch 1913
für die Zukunft vorprogrammiert. Griechenland wurde mit der
Çameria, einem zum
Teil albanisch besiedelten Küstenstreifen im Nordepirus, kompensiert.
Montenegro erhielt Pec (Ipek), einen alten serbischen Patriarchensitz. Durch den
bewusst hervorgerufenen Streit um Pec wurde die Eintracht der ansonsten sehr gut
zusammenarbeitenden Königshäuser in Cetinje und Belgrad empfindlich
gestört. Bei der Gebietszuweisung versuchten die Großmächte
Reibungsflächen zwischen den kleinen Völkern zu schaffen und sie
gegeneinander auszuspielen, um die eigene Vormachtstellung zu erhalten, getreu
dem Leitsatz “divide et impera”. 1913 wurde also nur ein
unvollständiges Albanien geboren, da gut ein Drittel der Albaner
außerhalb der festgesetzten Staatsgrenzen blieb. Die Unabhängigkeit
Albaniens sollte durch die Großmächte garantiert werden und als
oberste Instanz wurde der deutsche Prinz Wilhelm zu Wied gewählt. Dieser
sah sich allerdings mit solch chaotischen Zuständen konfrontiert, dass er
bereits nach sechs Monaten wieder
abreiste[40].
4 Der 2. Balkankrieg
1913
4.1 Vorgeschichte des 2. Balkankriegs
Bereits lange vor dem Waffenstillstand vom 30. Mai in
London gab es Anzeichen für einen neuen Zwist auf dem Balkan. Von Beginn
des ersten Balkankrieges an versuchte Rumänien, das bis jetzt keine Rolle
gespielt hatte, ebenfalls von der Niederlage der Türken zu profitieren. Es
forderte von Bulgarien als Entschädigung für dessen Eroberungen eine
Veränderung der südliche Grenze und insbesondere die Abtretung der
Festung Silistra, deren Bevölkerung rein bulgarisch war. Im Januar 1913
spielte die rumänische Regierung sogar mit dem Gedanken, die geforderten
Gebiete ohne Kriegserklärung mit Gewalt in Besitz zu nehmen. Anfang Mai war
die bulgarische Regierung dann auch bereit, Silistra mit einem kleinen
Gebietsstreifen abzugeben, aber Rumänien wies dieses Angebot als zu
geringfügig zurück.
Noch bedrohlicher erschien der scheinbar kurz
bevorstehende Zusammenbruch der antitürkische Koalition. Die serbische
Regierung fürchtete, dass Bulgarien den Vertrag vom März 1912, den
Grundstein der Balkanallianz, nicht anerkennen könne und selbst einen
Großteil Makedoniens okkupiere. Ein strittiger Punkt war ferner der Besitz
Salonikis. Schon im März und dann wieder im Mai brachen teilweise kurze
Feuergefechte zwischen griechischen und bulgarischen Soldaten im Strumatal aus.
Zu dieser Situation kam außerdem noch die Tendenz
Serbiens und Griechenlands, sich gegen Bulgarien zu verbünden. Im Januar
1913 trafen sich Kronprinz Alexander von Serbien und Prinz Nikolas von
Griechenland in Saloniki und verhandelten über eine Allianz, um auf einen
möglichen Angriff Bulgariens vorbereitet zu sein. Am 1. Juni wurde dieser
serbisch - griechische Vertrag unterzeichnet. Darin wurden die Grenzen
festgelegt, die Serbien und Griechenland im Falle eines Sieges über
Bulgarien fordern würden. Beide Staaten begannen umgehend, die Türkei
für ihre Pläne zu gewinnen.
Abbildung 3: [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre zwischen Orient und
Okzident, S.325
Bulgarien befand sich nun in einer sehr schwierigen
Lage. Zum einen war es außenpolitisch isoliert und durch die Feindschaft
der Nachbarländer bedroht. Gleichzeitig forderten aktive makedonische
Emigranten in Bulgarien, den serbischen und griechischen Gebietsforderungen
bezüglich Makedoniens nicht
nachzugeben[41]. Da
eine diplomatische Aufteilung des Gebiets aufgrund der
“Unersättlichkeit der balkanischen
Vertreter ”[42]
fast unmöglich schien, entschloss sich das bulgarische Hauptquartier, nun
in einer militärischen Blitzaktion ein fait accompli zu schaffen.
Geplant war die rasche Inbesitznahme Makedoniens mittels eines gleichzeitigen
Aufmarsches gegen die Serben und Griechen. In der Nacht vom 29. auf den 30. Juni
begann der sogenannte 2. Balkankrieg durch einen Überraschungsangriff gegen
die Serben[43].
Kriegsverlauf im 2. Balkankrieg
Eine Reihe von Schlachten in der ersten Juliwoche um
Bregalnitsa endete siegreich für die serbische Armee; währenddessen
unternahmen die Griechen von Süden her Entlastungsangriffe und
überrannten Thrakien bis zum Fluß Maritza. Der bulgarische
Vorstoß war gescheitert. Dazu kam noch, dass die rumänische Armee die
Gunst der Stunde nutzte, am 13. Juli die Donau überschritt und nahezu ohne
Widerstand bis fast nach Sofia vorstoßen konnte. Die Türkei startete
eine Offensive von der
Çatalça -
Linie und eroberten am 20. Juli Adrianopel zurück. Am 7. Juli bat Bulgarien
Russland, als Vermittler aufzutreten, und am 14 Juli akzeptierte es die vom
Zaren vorgeschlagene Grenzziehung in Makedonien, die vorsah, einen
Großteil dieser Provinz Serbien zu überlassen. Durch den Vertrag von
Bukarest am 10. August 1913 wurde der 2. Balkankrieg nach einer Dauer von gerade
einem Monat
beendet[44].
4.3 Gebietsverteilung nach dem 2. Balkankrieg
|
Gebietsstand und Bevölkerung im
Herbst 1912
|
|
Gebietsstand und Bevölkerung im
Herbst 1913
|
|
Zuwachs
|
|
|
|
|
|
|
|
Serbien
|
48 300 km²
|
|
87 400 km²
|
|
81,0%
|
|
3,0 Millionen
|
|
4,5 Millionen
|
|
50,0%
|
|
|
|
|
|
|
|
Montenegro etwa
|
9 000km²
|
|
14 250 km²
|
|
58,3%
|
|
etwa
|
0,275 Millionen
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0,5 Millionen
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80,0%
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Bulgarien
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99 000 km²
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112 000 km²
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12,1%
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4,3 Millionen
|
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4,5 Millionen
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5,0%
|
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|
|
|
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Rumänien
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131 000 km²
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139 000 km²
|
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5,7%
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7,2 Millionen
|
|
7,5 Millionen
|
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4,1%
|
Tabelle 1: [21] Handbuch der europäischen Geschichte,
S.582;
Das Abkommen von Bukarest sah Gebietsabtretungen
Bulgariens an alle Gegner vor. Von den Eroberungen im 1. Balkankrieg behielt es
nur einen kleinen etwa 13 km breiten Küstenstreifen Thrakiens und die
Region Strumica. Serbien erhielt Binnenmakedonien mit Skopje, den Kosovo und den
Sandzak Novi Pazar. Es konnte sein Staatsgebiet dadurch etwa verdoppeln.
Griechenland besetzte Küstenmakedonien mit Thessaloniki und Kavalla. Wenn
man dazu noch das eroberte Epirus nimmt, hatte Griechenland ebenfalls einen
gewaltigen Gebietszuwachs zu verzeichnen. Rumänien begnügte sich mit
dem Südteil der Dobrudscha, wodurch auch Silistra rumänisch wurde.
Sogar das Osmanische Reich, das kurz vorher noch bekämpft worden war,
erhielt wieder Adrianopel und Ostthrakien
zurück[45].
4.4 Die Folgen des 2. Balkankriegs
Vor allem für das Habsburger Reich war das Abkommen
von Bukarest ein schwerer Schlag, der das europäische
Kräftegleichgewicht empfindlich störte. Im Frühling des Jahres
1913 favorisierte die Haltung der österreichischen Regierung Bulgarien
stark. General Stabschef Conrad von Hötzendorff war sogar bereit, eine
militärische Allianz mit Bulgarien einzugehen. Am 24. Juni 1913, als der
Krieg bereits drohend bevorstand, teilte die bulgarische Regierung dem
Habsburger Außenminister in Sofia mit, dass in Anbetracht der offenen
Feindseligkeit Serbiens, eine weitere materielle und moralische
Unterstützung Serbiens auf Kosten Bulgariens völlig gegen
Österreichs Interessen
verstieße[46].
Dennoch erfuhr Serbien einen weiteren Machtzuwachs während Wien, dessen
Politik durchweg probulgarisch war, nichts Effektives unternahm, um dies zu
verhindern. Die Verantwortlichen in Wien waren sich keineswegs darüber
einig, welche Balkanpolitik von Österreich verfolgt werden solle. Weiter
spielte eine Rolle, dass Rumänien, zumindest auf dem Papier, seit 1883 ein
Alliierter Österreich - Ungarns war. Es erwies sich folglich als sehr
schwierig, Bulgarien gegen Serbien zu unterstützen, ohne Bulgarien
gleichzeitig gegen Rumänien zu stärken. Entscheidend war, dass keiner
der beiden möglichen Verbündeten Österreich - Ungarns,
Deutschland und Italien, bereit war, auf dem Balkan einzugreifen. Bethmann
Hollweg, der deutsche Kanzler seit Bülows Entlassung im Juli 1909, zeigte
weniger Verständnis für Österreichs nationale Probleme als seine
Vorgänger. Ein Wiedererstarken der Türkei durch die Rückeroberung
Adrianopels war in Deutschland ebenfalls willkommen. Zudem war Wilhelm
II. ein Stiefbruder des griechischen Königs und
verfolgte deshalb eine wohlwollende Außenpolitik gegenüber
Griechenland in den Jahren 1912 bis 1913. Eine Ausnahme gab es allerdings in der
Streitfrage über die Ägäischen Inseln, in der sich griechische
und türkische Interessen direkt gegenüberstanden. Deutschland
bevorzugte dabei eine starke Position der Türkei, weil dadurch die
Kontrolle über die Dardanellen gesichert war. Italien sah keinen casus
foederis gegeben, da Österreich nicht angegriffen worden sei und
darüber hinaus ein Krieg gegen Serbien ein aggressiver, kein defensiver,
sei. Der Versuch des Habsburger Reiches, Deutschland und Italien für eine
Tripelallianz gegen Serbien zu gewinnen, wurde folglich von beiden abgelehnt.
Österreich musste deshalb dem Aufblühen
Serbiens durch den Bukarester Vertrag widerwillig zustimmen. Doch wurde von den
Herrschern noch nicht die Idee aufgegeben, die Stellung, die Serbien so
plötzlich erreicht hatte, zu schwächen. Im Oktober 1913 zwangen sie
die Serben durch ein Ultimatum, ihre Truppen aus dem albanischen Territorium
zurückzuziehen, das sie wegen der chaotischen Zustände in dem Land
besetzt hatten. Wien ermutigte Bulgarien und die Türkei zu einer
gemeinsamen Allianz gegen Serbien. Es versuchte auch, unter Einbeziehung
Italiens, die angestrebte Union zwischen Montenegro und Serbien zu verhindern.
Dies alles konnte allerdings die Entwicklung nicht mehr rückgängig
machen. Serbien war nun, zum ersten Mal in seiner Geschichte, in einer Stellung,
in der es sich dem Druck von Österreich - Ungarn oder Russland erfolgreich
widersetzen
konnte[47].
Der Vertrag von Bukarest ließ ein große
Anzahl gefährlicher Probleme ungelöst. Die Grenzziehung verursachte
ein System gegenseitiger Feindschaften, das von den Großmächten
beliebig in Schach gehalten oder zum kriegerischen Ausbruch hin verändert
werden konnte. Das “orientalische Geschwür” wurde also offen
gehalten. Insbesondere löste der Vertrag nicht den Streit um die
Ägäischen Inseln zwischen der Türkei und
Griechenland[48].
Die Regierung in Sofia, durch die erlittene Niederlage
verbittert, erkannte, dass einzig Österreich - Ungarn versucht hatte,
Bulgariens Interessen zu schützen. Deshalb tendierte Sofia dazu, eine
engere Beziehung zur Doppelmonarchie und gleichzeitig mit Österreichs
Alliiertem, Deutschland, aufzubauen. Ein riesiger Kredit Deutschlands deckte
zudem die gesamten bulgarischen Kriegsschulden. Die Regierung in Sofia unter
Radoslavov begann daraufhin, eine nicht ausgeschlossene Allianz mit den
Mittelmächten auszuloten.
Trotz Deutschlands hoher Investitionen in Rumänien
wendete Bukarest sich allmählich von den Mittelmächten ab, zum einen
weil eine große Anzahl von Rumänen in Transsylvanien von Ungarn
unterdrückt wurden, zum anderen weil Österreich im 2. Balkankrieg
Bulgarien diplomatisch unterstützt hatte. Herzog Czernin, der neu ernannte
österreichische Botschafter in Bukarest, berichtete im Dezember 1913, dass
die Allianz zwischen Österreich und Rumänien, die aus dem Jahre 1883
datierte, “nicht einmal das Papier und die Tinte, auf dem sie vereinbart
wurde, wert sei”. Rumänien wechselte ins französisch - russische
Lager über[49].
Deutlich zeichnete sich nun bereits die kommende
Mächtekonstellation der Mittelmächte und der Tripelentente ab. Die
diplomatisch bis jetzt unter Kontrolle gehaltenen Interessengegensätze der
Machtblöcke summierten sich auf der Balkanhalbinsel zu einem Konfliktherd
mit großem Potenzial. Eine Folge der Balkankriege war der Beginn der
Aufrüstung in ganz
Europa[50].
5 Zusammenfassung
Mit dem territorialen Zerfall des Osmanischen Reiches
vergrößerte sich der innerbalkanische Nationalitätenkampf immer
weiter. Eine Verschwörung türkischer Offiziere im Juli 1908 zwang den
regierenden Sultan Abd ul Hamid zur verfassungsmäßigen
Regierungsweise zurückzukehren. Allerdings konnte auch ihr Reformprogramm
zur Erhaltung des Osmanischen Reiches ein Erwachen der Nationalitäten nicht
verhindern, sondern beschleunigte sogar dessen Zerfall.
Aus Furcht, die neue türkische Regierung könne
ihre Rechtstitel in den okkupierten Gebieten durchsetzen, erklärte
Ferdinand von Bulgarien am 5. Oktober 1908 sein Land für unabhängig.
Am selben Tag annektierte Österreich - Ungarn Bosnien und die Herzegowina,
die es seit 1878 besetzt hielt. Die darauf folgende bosnische Annexionskrise
konnte diplomatisch gelöst werden, da keiner der betroffenen Staaten zum
Kampf bereit war. Daraus ergab sich jedoch ein Aufleben des österreichisch
- russischen Antagonismus und der Feindschaft Serbiens zur Doppelmonarchie.
Die Niederlage in der Annexionskrise bewog Russland,
Verhandlungen zwischen den Balkanstaaten zu fördern, um Österreichs
Einfluss auf den Balkan einzudämmen und das Osmanische Reich von seinen
europäischen Besitzungen zu vertreiben. Durch die Vermittlung Russlands
gründeten Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro 1912 den
Balkanbund, der sich klar gegen die Türkei richtete. Nach der
Kriegserklärung des Balkanbundes an die Pforte waren der Krieg schnell
entschieden, da die Verteidigung der türkischen Armee unter dem Angriff der
Allianz nach kurzer Zeit zusammenbrach. Der Friede von London, der unter dem
Druck der Großmächte zustande kam, schränkte die
europäischen Besitzungen der Türkei auf einen kleinen Gebietsstreifen
vor Konstantinopel ein.
Über die Aufteilung der Beute brachen jedoch die
alten Interessengegensätze wieder auf. Man konnte sich nicht auf eine
diplomatische Aufteilung Makedoniens einigen. Bulgarien versuchte deshalb, in
einer Blitzaktion Makedonien zu erobern. Serbien, Griechenland, Montenegro,
Rumänien und die Türkei beantworteten diesen Schlag Bulgariens. Im 2.
Balkankrieg vom 29. Juni bis 10. August 1913 verlor Bulgarien fast alle
Eroberungen aus dem 1. Balkankrieg und musste noch die Süddobrudscha an
Rumänien abgeben. Serbien und Griechenland teilten sich Makedonien auf und
die Türkei bekam wieder Adrianopel und Ostthrakien zurück. Trotz der
territorialen Neugestaltung blieb Südosteuropa weiterhin ein Unruheherd.
Die Gegensätze der europäischen Machtblöcke, die von den
Auseinandersetzungen auf dem Balkan indirekt betroffen waren, verhärteten
sich während der beiden Balkankriege, was mit zum Ausbruch des Ersten
Weltkriegs beitrug.
Literaturverzeichnis
- © Akademie Verlag GmbH, Südosteuropa im 19.
und 20. Jahrhundert: Fremde Wege - Eigene Wege, Berlin 1994;
- © F.A. Brockhaus, Brockhaus Kompaktwissen von A bis
Z: in 5 Bd, Wiesbaden 1983;
- © Sebastian Lux, Historisches Lexikon, München
1953;
- Anderson, The eastern question 1774 - 1923, A study in
international relations, New York 1966;
- Boeckh Katrin, Von den Balkankriegen zum ersten
Weltkrieg, München 1996;
- Hösch Edgar, Geschichte der Balkanländer von
der Frühzeit bis zur Gegenwart, 3. Auflage, München 1995;
- Flottau Heiko, Druck von außerhalb, in
Süddeutschen Zeitung vom 27. März 1996;
- Hemberger A., Illustrierte Geschichte des Balkankrieges
1912-1912, Wien und Leipzig, o.J.
- Kaser Karl, Südosteuropäische Geschichte und
Geschichtswissenschaft, Köln: Böhlau 1990;
- Kleber M., Musselmann T. (Hrsg), Grundkurs Geschichte
Band 2, Freising 1988;
- Microsoft ® Encarta, 1994 Microsoft Corporation
©, 1994 Funk & Wagnalls Corporation ©; o.o.;
- Noel Malcolm, Geschichte Bosniens, aus dem Englischen
von Ilse Strasmann, Frankfurt 1996;
- Schulte Bernd F., Vor dem Kriegsausbruch 1914,
Düsseldorf 1980;
- Weithmann Michael (Hrsg), Der ruhelose Balkan,
München 1993;
- Weithmann Michael W., Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, Regensburg 1995;
- Chronik des 20. Jahrhunderts, © Bertelsmann AG,
1993 o.O.
- Kennedy Paul, Aufstieg und Fall der
Großmächte, Frankfurt am Main 1989;
- Hem Gerhard, Der Balkan - Das Pulverfaß Europas,
Düsseldorf 1993;
- Jelavich, Barbara Brightfield, History of the Balkans,
Cambridge 1983;
- E. C. Helmreich, The diplomacy of the Balkan Wars,
Cambridge 1938;
- Schieder Theodor, Handbuch der europäischen
Geschichte, Stuttgart 1968;
Ich erkläre hiermit, dass ich die
Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis
angeführten Quellen und Hilfsmittel benützt habe.
Weißenburg, den 1. Februar
1997
[1] vgl. [14] Der ruhelose Balkan,
S.7;
[2] vgl. [14] Der ruhelose Balkan, S.7;
[3] vgl. [9] Südosteuropäische
Geschichte und Geschichtswissenschaft, S.19/20;
[4] vgl. [3] Historisches Lexikon, S.326;
[5] vgl. [16] Chronik des 20. Jahrhunderts;
[6] vgl. [10] Grundkurs Geschichte Band 2,
S.75;
[7] vgl. [16] Chronik des 20. Jahrhunderts;
[8] Sandzak (türk. Fahne, Gebiet) war
im Osmanischen Reich die größte territoriale administrative und
militärische Einheit. Im engeren Sinn ein etwa 7100 qkm großes
Gebiet, östlich der Herzegovina wie ein Keil zwischen Serbien und
Montenegro. [14] Der ruhelose Balkan, S.205;
[9] vgl. [4] The eastern question 1774 -
1923, S.279-281;
[10] vgl. [18] Der Balkan - Das
Pulverfaß Europas, S.303/304;
[11] vgl. [16] Chronik des 20.
Jahrhunderts;
[12] vgl. [4] The eastern question 1774 -
1923, S.282/283;
[13] vgl. [16] Chronik des 20.
Jahrhunderts;
[14] “An Austrio-Serbian conflict
provoked by Serbian demands for “compensation” would have been
welcomed by the Austrian Chief of Staff, Conrad von Hötzendorff, and
probably by Aehrenthal himself, as an opportunity to destroy Serbia for
good”. [4] The eastern question 1774 - 1923, S.283;
[15] Hohe Pforte: Osmanisches
Außenministerium im Serail (Sultansresidenz) zu Istanbul/Konstantinopel.
Im übertragenen Sinne als Synonym für die gesamte osmanische Regierung
verwendet. [14] Der ruhelose Balkan, S.315;
[16] [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.313;
[17] [4] The eastern question 1774 - 1923,
S.285;
[18] vgl. [4] The eastern question 1774 -
1923, S.283-285;
[19] vgl. [6] Geschichte der
Balkanländer von der Frühzeit bis zur Gegenwart, S.182/183;
[20] [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.315;
[21] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.291;
[22] [6] Geschichte der Balkanländer
von der Frühzeit bis zur Gegenwart, S.183;
[23] vgl. [6] Geschichte der
Balkanländer von der Frühzeit bis zur Gegenwart, S.183;
[24] vgl. [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.315;
[25] [8] Illustrierte Geschichte des
Balkankrieges 1911-1912, Band 1 S.24;
[26] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.293;
[27] Arnauten: türkische
Sonderbezeichnung für muslimische Albaner, [14] Der ruhelose Balkan, S.313;
[28] [19] History of the Balkans, S.97;
[29] vgl. [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.316;
[30] vgl. [16] Chronik des 20.
Jahrhunderts;
[31] vgl. [13] Vor dem Kriegsausbruch
1914, S.28;
[32] vgl. [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.316;
[33] vgl. [11] Microsoft ® Encarta;
[34] vgl. [13] Vor dem Kriegsausbruch
1914, S.13;
[35] vgl. [5] Von den Balkankriegen zum
ersten Weltkrieg, S.41;
[36] The Habsburg government had already
been trying for some years to stimulate national feeling in Albania, notably by
subsiding schools and a newspaper there. That the greatest multi-national state
in modern history should be driven to act in this way is an illuminating
paradox. ( [4] The eastern question 1774-1923, S.294 )
[37] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.293/294;
[38] vgl. [5] Von den Balkankriegen zum
ersten Weltkrieg, S.41;
[39] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.294/295;
[40] [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.323;
[41] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.297/298;
[42] [15] Balkan-Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.317;
[43] vgl. [6] Geschichte der
Balkanländer von der Frühzeit bis zur Gegenwart, S.183;
[44] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.299;
[45] vgl. [15] Balkan Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.326/327;
[46] [20] The diplomacy of the Balkan
Wars, S.372;
[47] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.299-302;
[48] vgl. [15] Balkan Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.327;
[49] vgl. [4] The eastern question
1774-1923, S.302;
[50] vgl. [15] Balkan Chronik: 2000 Jahre
zwischen Orient und Okzident, S.327/328;
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