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Mann, Thomas: Mario und der Zauberer
Lesetagebuch
zu "Mario und der
Zauberer" von
Robert Vater
Thomas Mann wurde am 6.6. 1875 in Lübeck
geboren und starb am 12.8. 1955 in Zürich. Er war ein deutscher
Schriftsteller. 1896-98 hielt er sich mit seinem Bruder Heinrich Mann in Italien
auf; 1898/99 Redakteur des `Simplicissimus`; ab 1905 verheiratet mit Katia Mann,
sie war eine geborene Pringsheim (geboren 1883, gestorben 1980; `Meine
ungeschriebenen Memoiren`, hg. 1983); zunächst Verteidiger des
kriegführenden Wilhelmin. Reiches (`Betrachtungen eines Unpolitischen`,
1918) bekannte er sich nach 1922 zur Republik. Lebte 1933-39 in der Schweiz
(1936 nach Ausbürgerung tschechoslowakischer Staatsbürgerschaft),
1939-52 in den USA (ab 1944 amerikanischer. Staatsbürger), 1949 Reise in
das geteilte Deutschland (Verleihung der Goethe-Preise der Städte Frankfurt
am Main und Weimar), ab 1954 in Kilchberg bei Zürich.- In der Tradition der
großen Realisten des 19. Jh. stehend, gehört sein Erzählwerk zur
Weltliteratur des 20. Jh. Von den frühen Novellen (`Tonio Kröger`, in:
`Tristan`, 1903; `Der Tod in Venedig`, 1912) bis zu seinem Alterswerk (`Doktor
Faustus. Das Leben des dt. Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von
einem Freunde`, R. 1947; `Die Entstehung des Doktor Faustus. Roman eines
Romans`, 1949) reflektiert M. mit deutlichen. Bezug auf die Philosophie
Nietzsches und unter Einsatz der Technik des Leitmotivs das
Spannungsverhältnis zwischen humanistischer Aufklärung und
ästhetisierendem Verfallsdenken oder den Widerspruch zwischen
bürgerlichen Leben und Kunst. Im Unterschied zu dem unmittelbaren Erfolg
der Romane seines Bruders Heinrich gewann Thomas Mann erst mit dem Roman `Der
Zauberberg` (1924) an Wirkungsbreite; für seinen ersten Roman
`Buddenbrooks. Verfall einer Familie` (1901) erhielt er 1929 den Nobelpreis;
auch zahlr. Essays zu literarischen, philosophischen. und politischen Fragen
(u.a. `Achtung Europa! Aufsätze zur Zeit`, 1938).
Weitere Werke: Königliche Hoheit (R., 1909), Joseph
und seine Brüder (R.-Tetralogie, 1933-43), Lotte in Weimar (R., 1939), Der
Erwählte (1951), Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Teildruck 1922,
vollständig 1954), Tagebücher (hg. 1977-92)
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INHALTSANGABE
VON "MARIO UND DER ZAUBERER"
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Die Novelle "Mario und der Zauberer" von Thomas Mann
spielt in Italien am Tyrrhenischen Meer - genauer gesagt in Torre di Venere -
und handelt von einer vierköpfigen, deutschsprachigen Familie, die im
Italien der 20er Jahre unseres Jahrhunderts ihren Sommerurlaub verlebt und die
eine als Zauberveranstalltung deklarierte Show, die ein gewisser Cavaliere
Cipolla leitet, der sich selbst Illusionista (Zauberkünstler) nennt,
besucht. Eine vierköpfige Familie, deren Vater
der Erzähler (bzw. der Sprecher) ist macht Urlaub im italienischen Seebad
Torre di Venere, das um diese hochsommerliche Zeit vor allem von italienischen
Badegästen gut besucht ist. Das Treiben in Torre kann man nach den
Erzählungen des Vaters als recht hektisch einstufen.
Zuerst ist die Familie, der neben Vater und Mutter
noch eine achtjähriges Mädchen und ein kleiner Jung angehören, im
"Grand Hotel" einquartiert. Da um diese Jahreszeit fast ausschließlich
Italiener in diesem Hotel wohnen, kommt sich die deutschsprachige Familie wie
ein Gast zweiter Klasse vor. Als das Hotelmanagement dann auch noch die Bitte an
sie heranträgt, in einem anderen Hoteltrakt umzuziehen, da eine
(italienische) Adlige durch den abklingenden Keuchhusten der zwei kleineren
Familienmitglieder ihre eigenen Kinder in Gefahr sieht, obwohl ein Arzt
versichert hat, daß der Husten der Kinder nicht ansteckend sie, zieht die
Familie in eine kleine Pension, die sie daher kennen, das die vier dort schon
vermehrt gespeist haben. Die Familie bekommst immer
wieder den Nationalstolz der Italiener zu spüren. Kleine Spitzen seitens
der italienischen Strandbevölkerung lassen den Familienvater am eigenen
Leib erfahren, daß er kein Italiener ist, sondern ein Fremder. Aus diesem
Grunde kann sich bei ihm kein richtiges Wohlgefühl
einstellen. Die Tatsache, daß die
achtjährige Tochter nackt am Strand kniet, um ihren Badeanzug auszuwaschen,
löst bei den italienischen Badegästen enorme Empörung aus. Es
kommt sogar soweit, daß ein Mann, der in diesem Handeln einen Angriff auf
die Gastfreundschaft Italiens sieht, die Polizei ruft. Nachdem die Polizei
dieses Vergehen als relativ schwerwiegend eingestuft hat müssen 50 Lire
Sühnegeld bezahlt werden. Es kommen Gedanken seitens der Familie auf
abzureisen, die dann allerdings verworfen
werden. Eine wohltuende Veränderung tritt ein,
als mehr und mehr internationale Gäste anreisen, denn die Hochsaison
für die italienischen Urlauber neigt sich mittlerweile dem Ende zu.
Den mit der Zeit überall hängenden
Plakaten ist zu entnehmen, daß ein Zauberkünstler namens Cavaliere
Cipolla bald Station in Torre die Venere machen wird. Die zwei Kinder sind
sofort von der Sache angetan, und so kommt es, daß die vier kurze Zeit
später der Vorstellung bewohnen. Ziemlich
schnell wird klar, daß es sich hier nicht um eine Zaubervorstellung
handelt. Der verkrüppelte Cipolla zeigt deutlich, daß man mit richtig
angewendeter Rhetorik und gekonnter Hypnose die Psyche einzelner Zuhörer,
sowie der ganzen Zuhörer- schaft beeinflussen kann. Mit Hilfe dieser Mittel
sowie einer Reitpeitsche, die er durch die Luft schnalzen läßt, zieht
er die Hörerschaft in eine Art Bann und nutzt diesen, um einige
imponierende und interessante Darbietungen aufzuführen. Dies allerdings
immer auf Kosten von Teilen des
Publikums. Während der zehnminütigen Pause
überlegt die Familie zu gehen, zumal es schon sehr spät ist und die
Kinder müde sind; da die Kinder aber nicht vorzeitig die Vorstellung
verlassen wollen, entschließt man sich noch zu bleiben.
Nach der Pause legt Cipolla erst richtig los. Immer
wieder macht er Scherze, auf Kosten einzelner Besucher, die er fast peinlich vor
allen Zuschauern bloßstellt. Schließlich läßt er einige
Personen aus dem Publikum anfangen zu tanzen. Er hat eigentlich leichtes Spiel
mit der Zuhörerschaft, was die psychische Beeinflussung angeht. Allerdings
stößt er bei einem Herrn, der sich nicht beeinflussen lassen will auf
vehementen Widerstand. Es kostet der Rhetoriker Cipolla einige Bemühungen,
diese Opposition auszuschalten und den Widerstand zu
brechen. Nun wird Mario, der der Familie als Kellner
bekannt ist auf die Bühne gebeten. Durch geschickte Kombination von
Hypnose, Einredungskünsten und der Reitpeitsche entlockt Cipolla dem jungen
Mann die intimsten Wünsche, die er vor der gesamten Zuhörerschaft
preisgibt. Der Illusionista gaukelt Mario vor, er sei das Mädchen
Silvestra, wegen dem Mario Liebeskummer hat, und treibt ihn sogar soweit,
daß dieser ihn küßt. Unter schallendem Gelächter
verläßt Mario die Bühne. Getrieben von Pein zieht er eine Waffe
und erschießt Cipolla. Wie erleichtert und befreit verläßt die
Familie fluchtartig den Schauplatz des Geschehens.
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CHARAKTERISIERUNG
VON MARIO
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Soweit dem Text zu entnehmen ist, würde ich sagen,
daß man Mario in die Kategorie der Träumer einordnen
könnte. Mario ist 20 Jahre alt. Durch sein
Auftreten und sein Äußeres wirkt er schwermütig, keinesfalls
aber brutal, was für seine spätere - man möchte ja fast sagen
Wandlung - von enormer Bedeutung ist. Mario ist
untersetzt gebaut, besitzt eine niedrige Stirn mit schweren Lidern über den
Augen, welche grau sind, aber grün- und gelbliche Einschläge haben.
Seine leicht eingedrückte Nase wird von einigen Sommersprossen geziert.
Außerdem verfügt er über dickliche fast wulstige Lippen. Mario
hat schmale feine Hände, die in Italien als besonders nobel gelten. Sein
Haar trägt er kurzgeschoren. Wenn Mario nicht
gerade seine Dienstkleidung, also seine Kellneruniform anhat, die ihm
übrigens gut steht, trägt er eher einfache Kleidung. Zur Vorstellung
kleidet ihn ein verschlossenes Complet von Jacke und Hose, dazu ziert ein
Seidentuch seinen Hals. Er stammt aus einfachen
Verhältnissen, sein Vater ist ein kleiner Schreiber im "Municipio",
während seine Mutter einfache Wäscherin ist. Er selbst hat früher
einmal in Portoclemente gearbeitet, ist aber nun als Kellner im "Esquisito"
tätig. Er wird als manchmal leicht
geistesabwesend beschrieben. Er hat eine ernste, aber träumerische Art,
manchmal sieht man ihn zerstreut melancholisch lächeln, allerdings besitzt
er eine besondere Dienstfertigkeit im Beruf. Er verzichtet auf
Liebenswürdigkeiten, die nur darauf abzielen, zu gefallen. In der Damenwelt
scheint er nicht so richtig Erfolg zu haben. Mario
ist ein höflicher Mensch. Als er von Cipolla auf die Bühne geholt
wird, was ihm nicht so recht paßt bedankt er sich bei all denen, die ihm
den Weg zur Bühne frei machen. Daß dieser Mensch nur wenig
später einen Mord begeht, kann man eigentlich gar nicht glauben, aber Mario
kann die Pein, die der Virtuose Cipolla ihm zugefügt hat, indem er ihn
gnadenlos bloßgestellt hat, nicht
ertragen. Die Tatsache, daß Mario eine Waffe
trägt, läßt darauf schließen, daß er doch etwas
gefährlicher zu sein scheint, als man am Anfang
annimmt.
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CHARAKTERISIERUNG
VON CIPOLLA
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Auf den Familienvater macht der Hypnotiseur Cipolla den
Eindruck eines Scharlatans. Er hat etwas von den "marktschreierischen
Possenreißern" des 18. Jahrhunderts an
sich. Zu Cipollas Äußerem ist zu sagen,
daß er dessen Alter, dessen Alter schwer bestimmbar, der aber gewiß
nicht mehr jung ist, ein scharfes, zerrüttetes Gesicht hat. Ferner wirkt
sein Mund stechend. Cipolla besitzt einen faltigen Mund und eine Vertiefung,
genannt "Fliege", zwischen Unterlippe und Kinn, sein kleiner Schnurrbart ist
schwarz gewichst, und seine Zähne sind splitterig. Seine Hände sowie
sein Gesicht haben einen gelblichen Teint. Cipolla ist verkrüppelt - er hat
schiefe Beine und einen Buckel. Erinnerungen an den Krieg fürs "Vaterland",
wie er sagt. Cipolla trägt einen weiten,
ärmellosen schwarzen Radmantel sowie einen weißen Schal, der zu
seinen weißen Handschuhen paßt. Sein Kopf wird anfangs von einem
Zylinder geschmückt. Seine Kleidung sitzt, durch seine Verkrüppelung
bedingt, falsch gestrafft und fällt in grotesken
Falten. Über die soziale Situation dieses
Mannes läßt sich nur sagen, daß er den Adelstitel "Cavaliere"
trägt. Unter dem Deckmantel des Zauberers übt er gnadenlose
Beeinflussung der Psyche seines Publikums
aus. Cipolla, der während seiner Darbietung
sehr viel raucht und trinkt, zeichnet sich durch strenge Ernsthaftigkeit aus. Er
lehnt "alles Humoristische" ab. Er besitzt eine große Portion
Selbstgefälligkeit sowie Stolz. Außerdem zeigt er dem Zuschauer immer
wieder seinen sehr stark ausgeprägten
Nationalstolz. Cipolla hat Spaß daran, andere
Menschen bloßzustellen und seine Zuschauer gegen- einander auszuspielen.
Mit gekonnter Rhetorik, Massenhypnose, Rabulistik und Brutalität
(Reitpeitsche) kann er jeden Widerstand brechen. Dies sind im Übrigen die
typischen Merkmale eines Diktators. Als er merkt, daß sich jeglicher
Widerstand aufgelöst hat kommt Cipolla erst richtig in Fahrt und beginnt
seine Macht, die er bislang nur spöttisch präsentierte, nun auch zu
mißbrauchen, und dringt in die innersten Regungen und gut gehüteten
Geheimnisse seiner "Opfer" ein. Bei Mario geht er sogar soweit, seine
Menschenwürde zu beleidigen, indem er ihn in höhnischster Weise
lächerlich macht. Das Geheimnis von Cipollas
fragwürdigem Erfolg beruht zum Teil auf seiner stark ausgeprägten
Selbstsicherheit, mit der er das Publikum in seinen Bann zieht, dem keiner
entkommen kann. Thomas Mann präsentiert uns Cipolla als willenbrechenden,
diktatorähnlichen Menschen.
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CHARAKTERISIERUNG
DES PUBLIKUMS
DER
ZAUBERVORSTELLUNG
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Das Publikum besteht größtenteils aus den
Bewohnern Torres, einige Gäste von außerhalb sind auch dabei. Die
einfachen Besucher befinden sich auf den Steh- plätzen, während sich
die "High Society" auf Stühlen niedergelassen hat. Das Publikum hat viele
Gesichter, von den drei wohl am auffälligsten sind: zum einen ein Herr aus
Rom, der den Widerstand verkörpert. Er stellt sich gegen die
willensraubende Rhetorik Cipollas, muß aber dann klein
beigeben. Zum anderen gibt es da den Jüngling,
der sich immer wieder anbietet, das Versuchs- objekt für Cipolla zu
spielen, und alles mit sich machen läßt. Er verkörpert ganz ein-
deutig die breite Masse der Mitläufer. Das
dritte Gesicht ist das des Mario. Er tötet Cipolla, den Peiniger. Er ist zu
denen zu zählen, die erst nach der Erkenntnis zum "aktiven
Widerstandskämpfer" werden.
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BEZIEHUNGEN
DER CHARAKTERE ZUEINANDER
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Es besteht eine gewisse Beziehung zwischen Mario und der
Familie. Mario bedient die Familie einige Male im Café "Esquisito", wobei
vor allem die Kinder, aber auch beide Elternteile eine relativ starke Sympathie
für den Kellner entwickeln. Was Mario über die Familie denkt, erfahren
wir nicht aus der Geschichte, aber da er die Kinder einige Male anlächelt,
was sonst nicht seine Art ist, scheint er sie zu
mögen. Eine Wechselbeziehung im eigentlichen
Sinne zwischen der Familie und dem Hypnotiseur Cipolla besteht nicht, allerdings
wird auch die Familie in Cipollas zweifelhaften Bann
geschlagen. Eine Verbindung besonderer Art besteht
zwischen Mario und dem Zauberer. Als Mario von ihm auf die Bühne geholt
wird, stehen sich die beiden zum ersten Mal gegenüber. Bedingt durch seine
Fähigkeiten, kehrt Cipolla recht schnell das Geheimste aus Marios
Gefühlswelt nach außen und macht sich darüber lustig. Mario, der
darüber in Raserei gerät tötet den Verächter der
Menschenwürde. Hier besteht eine sehr starke Wechselwirkung, die nur aus
der Sekunde heraus entstanden ist.
Thomas Mann will uns mit der Novelle "Mario und der
Zauberer" aufzeigen, wie ein machtbesessener, diktatorischer Mensch zum Ziel
kommen kann, indem er auf Kosten Einzelner die Masse, oder besser die
Mitläufer, amüsiert und die Macht- instrumente eines Diktators
einsetzt: Rhetorik, um die Masse zu begeistern,
Rabulistik, um Augenwischerei zu betreiben, Massenhypnose, um die Psyche der
Einzelnen zu beeinflussen und Brutalität, um sich Respekt zu verschaffen.
Das Element der Brutalität ist bei Cipolla seine Reitpeitsche, die er immer
wieder bedrohlich durch die Luft zischen läßt. Er bricht den Willen
und den Stolz jedes einzelnen, ganz nach dem Führerprinzip. Um leichtes
Spiel zu haben redet er den Leuten mit wortverdreherischen Methoden ein, es
würde ein Wohlgefühl eintreten, wenn sie willenlos seien. Das Leben
ist schließlich viel einfacher, wenn man nichts zu entscheiden braucht -
dies Einstellung ist ja auch heute noch weit
verbreitet... Thomas Mann zeigt uns hier aber auch
noch etwas anderes: Er erzählt, daß die Familie während der
Pause darüber nachgedacht hat, die Vorstellung zu verlassen, sicher auch
wegen der Kinder, aber höchst wahrscheinlich wegen der vorherrschenden
Atmosphäre. Und nach der Pause, so berichtet er weiter, legt Cipolla erst
richtig los, er ist sozusagen nicht mehr aufzuhalten. Ich bin der Meinung,
daß wir diese Pause sehr gut auf die herrschende Situation Italiens
übertragen können, hätte Cipollas Publikum eine "Revolution"
entfacht und die Vorstellung während der Pause verlassen, wäre es nie
soweit gekommen, wie es dann tatsächlich gekommen ist. Hätte man sich
damals in Italien zur Revolution gegen Mussolini durchgerungen, wäre es
wohl nie zur Gleichsetzung von Faschismus und Staat in Italien gekommen. Ohne es
vorherwissen zu können hat Mann auch einen Bezug zur deutschen Geschichte
geschaffen: Hätte die Bevölkerung damals 1935 gesagt: "Es reicht",
hätte sie, genau wie die Besucher von Cipollas Show, etwas bewirken
können. Des weiteren zeigt Mann, daß die
"Leidensfähigkeit" eines jeden einzelnen sehr begrenzt ist und es
irgendwann, bei zu hoher Belastung zur Explosion kommt.
Die Handlung von "Mario und der Zauberer" hat sich in
ähnlicher Form wirklich zugetragen. Es ist also eine "True Story". Sie
basiert auf dem Italienurlaub der vierköpfigen Familie Mann. Diese
Badeferien wurden vom 31. August bis zum 13. September des Jahres 1926 in Forte
dei Marmi, was dem Torre di Venere der Novelle entspricht,
verlebt. Thomas Mann beschreibt den Urlaub in
persönlichen Briefen in Hinsicht auf das Wetter und Strandleben als
gelungen, außerdem hatten die Kinder einen Rießenspaß.
Allerdings es an kleineren "Widerwärtigkeiten" nicht gefehlt, die mit dem
"unerfreuliche überspannten und fremdenfeindlichen nationalen
Gemütszustand zusammenhingen" (Reclam, S. 25). Thomas Mann hat den
aggressiven und arroganten Nationalismus und die faschistischen Machenschaften
Einiger am eigenen Leib zu spüren bekommen. Den
Zauberkünstler, der allerdings nicht Cipolla hieß, hat es in der Tat
gegeben, und Thomas Manns Familie hat ihn sozusagen live miterlebt. Aber in der
Realität hat der Künstler überlebt. Mann wurde erst durch seine
Tochter darauf aufmerksam gemacht, daß die Geschichte viel spannender
wäre, wenn Mario den Zauberer umbringen
würde. Die Erlebniserzählung "Mario und
der Zauberer" ist allerdings erst drei Jahre nach dem Italienaufenthalt und fast
zufällig entstanden. Die Manns verbrachten ihren Sommerurlaub diesmal, im
Jahre 1929 im samländischen Ostseebad Rauschen. Thomas Mann hat zur Zeit
gerade an seinem Werk "Joseph" gearbeitet, hat aber keine Lust gehabt, das
gesamte Manuskript mit in den Urlaub zu nehmen. Da ihm das Nichtstun in den
Ferien allerdings nicht lag, hat er sich entschlossen, etwas, was "was aus der
Luft gegriffen werden konnte", zu schreiben, und besann sich seines Italien-
aufenthaltes von 1926. Auf diese Weise ist "Mario und der Zauberer" entstanden.
Man kann sagen, aus einem etwas Privatem, wie einem "tragischen Reiseerlebnis",
ist etwas "ethisch-symbolisches" von allgemeingültiger Bedeutung
entstanden.
Die Novelle ist in einer Zeit überschwenglichen
Nationalstolzes entstanden, Faschismus wurde groß geschrieben. Thomas Mann
spielt hier, wie allgemein angenommen wird, auf die Machenschaften des "Duce
Mussolini" an. Zum Zeitpunkt des Erscheinens des
Buches war Mussolini schon lange an der Macht. Im November 1921 wird der
Kampfbund um Mussolini zur Nationalen Faschistischen Partei mit dem Ziel, die
Macht im Staate zu erlangen, umgewandelt. 1922 beginnt der faschistische Terror,
nichtfaschistische, größtenteils sozialistische und christliche,
Bürgermeister werden zum Rücktritt gezwungen, und am 28. Oktober
marschieren etwa 40.000 Faschisten in Richtung Rom und tragen Mussolinis Staats-
streich zum Sieg. Am 31. Oktober übernimmt Mussolini die Macht und wird
Regierungschef, Außen- und Innenminister. Im November verkündet er
vor der italienischen Abgeordnetenkammen das Ende der parlamentarischen
Herrschaft. Gesetze zu Gunsten der Faschisten werden verabschiedet, auch die
Opposition wird, nachdem das Freimaurertum schon ausgeschaltet worden ist,
verboten. 1929, im Entstehungsjahr von "Mario und der Zauberer", werden Staat
und Faschismus schließlich gleichgesetzt. In
Deutschland sind 1929 zwar schon nationalsozialistische Ideen vorhanden,
daß es aber zu einer Herrschaft des Faschismus
kommen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht
abzusehen.
Obwohl Thomas Mann gerade einen Nobelpreis erhalten
hatte, als die Novelle zum ersten Mal in Buchform erschien, konnte Thomas Mann
keinen Bestsellererfolg mit der Erzählung "Mario und der Zauberer
erreichen. Von namhaften Teilen der Deutschen Kritik
ist der private Tonfall der Erzählung gewürdigt worden, ebenso die
kunstvolle Ausgestaltung und Ästhetik der
Novelle. In Italien war das Gespür für die
politische Brisanz der Novelle viel stärker ausge- prägt und somit war
die Veröffentlichung der italienischen Übersetzung des Textes in
Italien verboten. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft wurde die
Erzählung schließlich auch in Deutschland
verboten. In der heutigen Zeit stellt der Leser aus
seiner Geschichtskenntnis heraus, automatisch eine Verbindung zwischen Novelle
und Faschismus her, während dies damals nicht
möglich war, da die Deutschen noch nicht mit ihm konfrontiert
wurden.
Thomas Mann hat mit "Mario und der Zauberer" einen - wie
er es selbst nennt - Reisebericht geschaffen. Dieser Reisebericht ist nicht in
Kapitel unterteilt, man kann ihn allerdings ganz deutlich in drei Abschnitte
gliedern: Den ersten könnte man als Einleitung betrachten, der Rahmen der
Handlung wird angesteckt. Es wird über die Örtlichkeiten und die
Jahreszeit berichtet. Man wird mit der geographischen Lage des
Handlungsgeschehens vertraut gemacht.
Dem folgt der zweite, durchaus längere Teil. Hier
wird uns mitgeteilt, wie das Urlaubsleben in Torre aussieht. Die Hauptaussage
dürfte wohl darin liegen, daß die Italiener ihren Nationalstolz in
fast unangenehmer Weise Fremden gegenüber
zeigen. Der dritte und letzte Abschnitt des Buches
berichtet von der Zauberveranstaltung. Anfangs könnte man meinen, es
gäbe keine Verbindung zwischen dem erstem und zweitem Teil zum dritten,
aber es wird dann mindestens im Nachhinein offen- sichtlich, daß die drei
Abschnitte durchaus zueinander passen. Es besteht eine ansteigende
Spannungskurve. Ein weiteres augenfälliges
Formelement ist, daß Thomas Mann die Geschichte in der Ichform schreibt.
Durch diese Form ist der Leser der Geschichte gleich etwas
näher. In dem Buch finden sich durchaus
Anmerkungen, aus denen man entnehmen kann, daß in Zukunft etwas geschehen
wird (z.B. "Wir bekamen Gründe, dies freundliche und etwas zerstreut
melancholische Lächeln [des Mario] im Gedächtnis zu bewahren").
Um ehrlich zu sein, ging ich da Buch "Mario und der
Zauberer" etwas skeptisch an, da mir von mehreren Seiten bereits berichtet
worden war, das Thomas Mann "unheimlich langweilig" zu lesen
sei. Um so angenehmer bin ich davon überrascht
worden, wie geschickt Thomas Mann seine Leser an die Geschichte fesselt. Ich
finde das Buch ferner dahingehend gut, als daß es zeitlos ist. Es
beschreibt den Aufstieg und den Fall eines Diktators, in diesem Fall den des
Zauberers Cipolla
Robert Vater
Ich bin zwar der Ansicht, ich hätte mehr als 11 Punkte
verdient, aber vielleicht hat mein Lehrer auch nur folgendes bemerkt: ©
by Wilderich Heising, 1997 (Deutsch | Jahrgangsstufe 11) Layout by
Microft
Korrigiert von: Herrn Dr. Frühauf
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