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| Marokko - Ein Königreich, in dem die Zeit still zu
Marokko - Ein Königreich, in dem die Zeit still zu
MAROKKO
Ein Königreich, in dem die Zeit still zu stehen
scheint.
Paris, Gare du Austerlitz, kurz vor Mitternacht.
Ich werde durch das plötzliche Aufreißen der Abteiltür und
den hereindringenden Lärm geweckt. Ein Schaffner steckt seinen Kopf ins
Zugabteil und verlangt mein Ticket und den Reisepaß. Geblendet von der
Deckenbeleuchtung blinzle ich von meinem Bett herunter und bemerke, daß
ich nicht mehr alleine im Abteil bin. Ein Mann und eine Frau liegen auf den
untersten Betten. Dazwischen türmt sich ein gewaltiger Berg von
Gepäckstücken, der bis zur halben Höhe des Fensters reicht. Der
Kleidung und der Hautfarbe nach zu schließen, dürfte es sich um
Nordafrikaner handeln.
Endlich, der Zug setzt sich in Bewegung. Durch das leichte Rumpeln das den
Liegewagen erschüttert, erwacht der Mann unter mir. Unsere Blicke treffen
sich. Er lächelt und ich lächle verschlafen zurück. In seinen
Augen sehe ich, daß er genauso froh ist wie ich, daß wir Paris
endlich verlassen und Richtung Süden fahren.
Vom Gedanken an das Unbekannte, das mich erwartet, erhöht sich mein
Puls und ich fühle schlummernde Lebensenergien erwachen. Zufrieden
beobachte ich die Lichter, die vor dem Fenster vorbeifliegen. Der Zug donnert
durch die verschlafenen Außenbezirke von Paris. Gemütlich lehne ich
mich im Halbdunkel des Abteils zurück und male mir in Gedanken aus, was
alles auf mich zukommen wird.
Übermorgen um 6 Uhr morgens sollten wir in Algeciras
(Südspanien) sein, so hat man es mir zumindest gesagt. Vom rhythmischen
Schaukeln des Zuges lasse ich mich wieder in den Schlaf wiegen. Als ich wieder
erwache, ist es schon hell und die Sonne steht sehr hoch. Wieder ist es die
laute Schiebetür, die mich aus dem Schlaf reißt. Aber diesmal ist es
nicht der Schaffner, der ins Abteil kommt, sondern der großgewachsene
Mann, der auf dem Bett unter mir geschlafen hat. In seinen Händen hält
er drei Becher mit wohlriechendem heißen Kaffee. Lächelnd
überschüttet er mich mit einem französischen Wortschwall und
hält mir einen der Kaffeebecher vor die Nase. Ich nehme dankbar an und
gleichzeitig gebe ich ihm zu verstehen, daß ich nicht französisch
spreche. Weil er aber nicht Deutsch versteht, einigen wir uns auf Englisch.
Dabei erfahre ich, daß Mohammed und Riza Geschwister sind und sich auf dem
Weg nach Hause, nach Casablanca, befinden.
Riza kramt aus einer ihrer Reisetaschen ein großes Stück
Fladenbrot hervor und teilt es sorgsam unter uns auf. Das einfache
Frühstück tut dem Magen gut und läßt ein angenehmes
Gespräch aufkommen. Es stellt sich heraus, daß Riza in Paris
gearbeitet hat und jetzt wieder nach Marokko übersiedelt, dorthin wo ihre
Wurzeln sind und wo ihre Familie auf sie wartet. Ihr Bruder Mohammed ist in
geschäftlichen Angelegenheiten auf der ganzen Welt unterwegs und hilft
seiner Schwester beim Umzug. Dabei zeigt er lachend mit dem Daumen auf die
vielen Gepäckstücke, die sie schon in Paris stundenlang
herumgeschleppt haben.
Zu Mittag gibt es eine längere Fahrtunterbrechung. Wir befinden uns
gerade in Irun, an der Grenze zu Spanien. Es ist hier sehr heiß und jeder
versucht irgendwie eine Abkühlung zu bekommen. Kaum jemand hält es
noch im Zug aus. Die meisten Fahrgäste sitzen im Schatten des Zuges, andere
waschen sich an einer alten Wasserleitung das Gesicht um gleich darauf mit
frischer Energie einen kleinen Imbißstand zu plündern. Auch Mohammed
und Riza haben sich in die heiße Schlacht um die kühlen Getränke
geworfen.
Eine Stunde später sitzen wir wieder im Zug und lassen uns bei
geöffnetem Fenster den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Ich bin froh, daß
die Zeit doch rascher verstreicht als ich anfangs befürchtet hatte. Die
eintönige Landschaft und das gleichmäßige Rumpeln und Schaukeln
des Zugs bewirken, daß ich bald wieder einschlafe.
Früh am Morgen werde ich durch die allgemeine Aufbruchsstimmung im Zug
geweckt. Ich schaue etwas ungläubig auf meine Armbanduhr und stelle fest,
daß es schon halb sechs Uhr am Morgen ist. Wir müssen kurz vor
Algeciras sein. Als würde er Gedankenlesen können,
bestätigt mir Mohammed die bevorstehende Ankunft in der südlichsten
Stadt Spaniens.
Vor dem Verlassen des Zugabteils werfe ich einen Blick auf die
Gepäcksmassen der beiden und schaue in die verzweifelten Augen von Riza,
die sich ebenfalls auf dem Kofferhaufen umschauen. Natürlich biete ich
ihnen an dieser Stelle meine Hilfe an, worauf mir beide wie auf Kommando ihre
makellosen Zahnreihen unter ihren vor Dankbarkeit blitzenden Augen zeigen.
Der Zug hält. Nun gilt es, keine Zeit zu verlieren. Mit dem Rucksack
auf dem Rücken rase ich auf den Bahnsteig hinaus und nehme die Koffer,
Reisetaschen, Plastiktaschen, Teppichrollen und Bilderrahmen in Empfang.
Während mir Riza noch die letzten Sachen aus dem Zugabteil herausreicht,
flitzt Mohammed schon mit einigen Koffern beladen zum nahegelegenen Busbahnhof,
wo er einen Buschauffeur mit einigen Pesetas bestochen hat, damit dieser ihm
drei Plätze reserviert.
Die Menschen rings um uns herum sehen uns belustigt zu, wie wir wie von der
Tarantel gestochen mit Gepäckstücken beladen durch die Gegend wieseln.
Endlich haben wir es geschafft. Die Türen des Busses fallen zu, das
Gepäck ist verstaut und wir lassen uns erschöpft in die zerrissenen
Kunststoffsitze sinken. Doch die Fahrt zum Hafen dauert nicht lange und bald
schon sehen wir uns wieder kofferschleppend durch die Gegend sausen.
Immer wieder versichern mir Riza und Mohammed wie unglaublich froh sie
sind, mich getroffen zu haben.
Ich muß mir ein Ticket für die Überfahrt nach Marokko
besorgen. Gerade wie ich mich auf den Weg zum Ticketschalter machen will,
hält mich Mohammed am Arm zurück. Er will das machen, meint er mit
einem Augenzwinkern. Gleich darauf kommt er wieder zurück und
präsentiert mir eine Fahrkarte die wesentlich preiswerter ist als ein
gewöhnliches Ticket. Als ich ihn frage, wie er das gemacht hat, winkt er
nur lächelnd ab.
"You help me and I help you, that’s normal". Ich lade ihn daraufhin
auf einen Kaffee ein.
Die dreistündige Überfahrt von Algeciras durch die
Straße von Gibraltar ist sehr erfrischend und ich genieße die
salzige Meeresluft, die mir durch die Heftigkeit der Windböen fast den Atem
raubt. Zuerst geht es immer der spanischen Küste entlang. Links sieht man
hinter einem Dunstschleier die afrikanische Küste steil aufragen. Der
Atlantik zeigt sich sehr stürmisch, sodaß immer wieder Gischtspritzer
bis zur hochgelegenen Reeling und in die Gesichter der gutgelaunten Passagiere
gelangen.
Als wir im Hafen von Tanger von Bord gehen, wiederholt sich die
Prozedur mit dem vielen Gepäck von Riza und Mohammed zum dritten Mal. An
der marokkanischen Einreisebehörde lerne ich gleich eine der wichtigsten
Verhandlungspraktiken Afrikas kennen. Der Zollbeamte verlangt von uns, daß
wir unser Gepäck öffnen und auf einem der großen Tische
ausbreiten. Mohammed verhält sich so, als hätte er die Aufforderung
nicht gehört und überreicht dem Beamten seinen Reisepaß, worin
dieser einen hundert Dirham-Schein findet. Der Zöllner sieht sich
verstohlen um, steckt das Geld ein, gibt den Paß zurück und winkt uns
mit einer kleinen Handbewegung am Schalter vorbei. Mohammed sagt, wenn er an
jeder Grenzkontrolle den herkömmlichen Weg gehen würde,
müßte er sein halbes Leben in Warteschlangen verbringen und
dafür hat er keine Zeit und schon gar keine Lust.
Mohammed und Riza laden mich ein, mit ihnen nach Casablanca zu fahren. Sie
wollen mir ihre Mutter vorstellen und ich könnte in ihrem Haus wohnen. Es
ist genug Platz und zu essen gibt es auch reichlich, versichern sie
mir.
Ich bin von Natur aus neugierig und der Gedanke, daß ich direkt am
marokkanischen Leben teilhaben würde, macht es mir leicht, meine
festgesetzte Reiseroute zu ändern und ihre Einladung anzunehmen.
Gegen Mittag fährt der Zug pünktlich aus Tanger ab. Wir
sitzen in einem großen geräumigen Abteil und genießen die
klimatisierte Luft. Mohammed zählt immer wieder die Gepäckstücke
weil er glaubt, daß eine Tasche verlorengegangen ist. Schließlich
stimmt die Zahl doch und er lehnt sich zufrieden zurück und schläft
augenblicklich ein.
Die Fahrt dauert an die sechs Stunden, und es ist schon finster als wir in
Casablanca ankommen. Am Bahnsteig steht eine große Menschenmenge und
wartet auf das Kommen des Zuges. Als wir den Zug verlassen, kommt plötzlich
Bewegung in eine Gruppe von etwa zwanzig Leuten, die alle mit dem Finger auf uns
zeigen und vor Freude mit den Händen winken. Noch lange werde ich an die
nun folgende Begrüßungszeremonie denken, bei der mit freudig erregten
Stimmen und Tränen in den Augen das Wiedersehen gefeiert wurde. Minutenlang
wird umarmt, geküßt, auf die Schultern geklopft und laut gelacht.
Etwas verloren stehe ich unbeachtet daneben und beobachte die fröhliche
Szene. In diesem Augenblick muß mich Mohammed seinen Freunden vorgestellt
haben, denn plötzlich befinde ich mich mitten in der Menge und werde zum
Kuß herumgereicht. Sofort fühle ich mich in die Gruppe aufgenommen
und marschiere mit ihnen mit. Jeder vom Begrüßungskommando trägt
jetzt ein Gepäckstück. Damit ist wohl die Kofferschlepperei vorbei,
denke ich mir.
Wir marschieren eine breite palmenbewachsene Straße hinauf, in der
sich Verkaufsläden der verschiedensten Arten aneinanderreihen. Beim
Vorbeigehen verwandelt sich der Ledergeruch, der aus einer Schusterwerkstatt
dringt, schnell in den Duft verschiedener Gewürze, oder in den Geruch von
Brochettes, das sind Fleischspieße, die auf einer Holzkohlenglut
gegrillt und an jeder Straßenecke verkauft werden. Die Straßen sind
überfüllt mit Taxis, buntbekleideten Menschen, Eselkarren und vielen
spielenden Kindern, die wie selbstverständlich die Fahrbahnen der Stadt zu
ihrem Spielplatz machen.
Die Gehsteige werden hauptsächlich von den zahlreichen
Verkaufsständen und von den kleinen Tischen der Restaurants in Anspruch
genommen. Überwältigt von den vielen neuen Eindrücken, gehe ich,
ohne zu wissen wohin und wie weit, hinter den kofferschleppenden Freunden her.
Die warme Luft ist erfüllt von Benzingeruch und vom Gestank der
Müllsäcke, die in jedem Hauseingang herumliegen. Mohammed beobachtet
mich aus den Augenwinkeln wie ich alles um mich herum aufsauge und er merkt an
meinem Gesichtsausdruck, daß es mir sehr gut geht. Von nun an, sagt er,
wird alles ein bißchen anders sein als ich es gewohnt bin.
Die Straßenbeleuchtung wird jetzt spärlicher und ich merke,
daß wir das Zentrum von Casablanca verlassen und eine verwinkelte
Wohngegend erreichen, wo unsere Karawane von vielen mißtrauischen Blicken
verfolgt wird.
Ich bin sehr froh, daß ich mir in dieser Stadt nicht erst eine
Unterkunft suchen muß, denn ich bin nicht sicher, ob ich mich im Dunkeln
auf die Suche nach einer preiswerten Bleibe gemacht hätte. Bestimmt
hätte ich das erstbeste Hotel gewählt.
Plötzlich stoppt die Kolonne. Wir sind da. Die Mutter von Riza und
Mohammed steht im hellerleuchteten Türrahmen mit ausgebreiteten Armen und
heißt die Ankommenden mit tränenerstickter Stimme willkommen.
Diese große korpulente Frau ist das uneingeschränkte Oberhaupt
der Familie. Bei den langen und ausführlichen Berichten der Heimkehrer
sitzt sie im Mittelpunkt des Geschehens und hört gespannt zu, wobei ihr
unaufhörlich die Tränen über die wohlgeformten Wangen
rinnen.
Leider wird seit unserer Ankunft nur noch arabisch gesprochen, und ich kann
mich nur noch auf die Gestik und auf die Körpersprache konzentrieren.
Mohammed versucht zwar, mir das wichtigste zu übersetzen doch muß er
selbst so viele Fragen beantworten, daß für Erklärungen keine
Zeit bleibt und er es schließlich ganz sein läßt.
Wir sitzen im großen Hauptraum des Hauses auf sehr weich gepolsterten
Bänken die an der Wand entlang aufgestellt sind. Vor uns stehen sehr lange
etwa kniehohe Tische. Ich bin so sehr damit beschäftigt, die neue Umgebung
zu verarbeiten, daß ich erst merke wie hungrig ich bin als das Essen
aufgetragen wird. Die jüngeren Geschwister meiner Reisegefährten
servieren auf großen Messingtabletts gebratene Hühner, Reis und viele
verschiedene Saucen, wozu noch jede Menge weißes Fladenbrot gereicht wird.
Vor der Mahlzeit trägt die jüngste Tochter eine silberne Schüssel
mit warmen Wasser durch die Reihe worin sich jeder der Anwesenden eher
symbolisch als hygienisch die Hände wäscht. Verlockend steigt uns
allen der Duft der Brathühner in die Nase, doch keiner wagt es, die
Köstlichkeiten zu berühren, bevor die Mutter ihr Tischgebet gesungen
hat.
Gegessen wird mit den Fingern. Nur zum Zerteilen der Hühner verwendet
man ein Messer. Der Reis und die Saucen werden mit dem Brot, das man zwischen
Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger klemmt und so eine Schüssel formt,
aufgegabelt. Nach dem Essen wird dann noch der berühmte marokkanische
Pfefferminztee serviert, der mit sehr viel Zucker aus kleinen Gläsern
getrunken wird. Danach kommt die Jüngste erneut mit der Wasserschüssel
und eine weitere Reinigungszeremonie beendet schließlich das
Abendessen.
Obwohl ich von der angeregten Unterhaltung kein Wort verstanden habe,
fühlte ich mich in der angenehmen Atmosphäre der Familie Taossile sehr
wohl und geborgen. Später zeigt mir Riza das Zimmer, in dem ich schlafen
kann und stellt noch einen Krug mit Wasser auf den Waschtisch, der mit allerlei
Zierrat und Plastikblumen geschmückt ist.
Nach einer notdürftigen Körperpflege falle ich ins weiche Bett,
lasse die wunderschönen Augenblicke des Tages noch einmal revue-passieren
und schlafe kurz darauf erschöpft ein.
Der Morgen dringt heiß beim offenen Fenster herein und obwohl es erst
halb sechs ist, scheint ganz Casablanca schon auf den Beinen zu sein. Ich ziehe
mich an und gehe in den großen Raum, in dem am Abend gegessen wurde. Die
meisten Hausbewohner sind schon außer Haus, nur Mohammed und seine Mutter
sitzen in der Küche und sind in ein angeregtes Gespräch vertieft.
Mohammed will mir heute das alte Casablanca zeigen, da er sowieso in die Stadt
muß, um einige Erledigungen zu machen.
Als wir das Haus verlassen, brennt die Sonne schon erbarmungslos auf die
sporadisch asphaltierte Straße nieder. Wir marschieren durch die
verwinkelten Gassen, durch die wir gestern gekommen waren. Ich muß
zugeben, daß ich ohne fremde Hilfe kaum mehr aus diesem Labyrinth von
Häuserzeilen herausgefunden hätte. In der neuen Stadt fällt mir
die Orientierung schon bedeutend leichter. Hier gibt es Hochhäuser und eine
riesige Moschee, deren Minarett ich nicht aus den Augen lasse, um mich
zurechtzufinden.
Vom Hafen her kommend gehen wir auf dem Boulevard Felix
Houphouet-Boigny in Richtung Stadtmitte. Diese breite
Geschäftsstraße bietet dem Besucher eine reiche Auswahl an
kunsthandwerklichen Erzeugnissen aus sämtlichen Regionen des Landes. Dieser
Boulevard endet am Brennpunkt Casablancas, am Place des Nations Unies.
Die großen Verkehrsadern treffen sich hier. Zur linken zweigt die
Avenue des Forces de l`Armee Royale ab, in der die Luxushotels Mansour,
Sheraton und Safir miteinander konkurrieren. Straßencafés, Kinos,
Banken und Reisebüros findet man rund um den Platz der Vereinten Nationen,
der von der modernen Glasfassade des Hyatt Regency Hotels beherrscht wird. Durch
die riesige Glaswand der Hotellobby sehe ich über der Bar ein
überlebensgroßes Bild vom unvergessenen Humphrey Bogart, der auf die
cocktailtrinkenden Hotelgäste herunterblickt.
An diesem Verkehrsknotenpunkt treffen zwei total verschiedene Welten
aufeinander. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes beginnt die
Medina, so heißt der alte Kern einer marokkanischen Stadt. Durch ein
großes bogenförmiges Tor wechselt man aus der Gegenwart in eine
längst vergangene Zeit. In der belebten Hauptgasse namens Derb Omar
entströmt aus kleinen Restaurants der Duft von gebratenen Fischen, von
Kefta (faschierten Bällchen) und Kebab
(Fleischspießchen), dazu wird überall Harira-Suppe
angeboten.
Ein Freund Mohammeds lädt uns zu einem Besuch in seinem
Gewürzladen ein. Er serviert uns frisch gebrühten Pfefferminztee und
dazu eine ganze Schüssel Chebakia, das ist ein sehr klebriges
Honiggebäck. Nach langem Händeschütteln und den besten
Wünschen für die Zukunft, gehen wir schließlich weiter durch die
engen verwinkelten Gassen. Vorbei an lärmenden Marktschreiern, die
lautstark ihre Waren anpreisen, an ganzen Scharen von Kindern, die permanent mit
ausgestreckten Händen um einen Dirham betteln und an
fliegenübersäten Fleischmärkten, wo man ganze Rinderhälften
in der prallen Sonne zur Schau gestellt hat.
Rotgewandete Wasserverkäufer mit quastenbesetzten Strohhüten,
behängt mit Ziegenschläuchen, machen mit Glöckchen Durstige auf
sich aufmerksam.
Mir fällt auf, daß innerhalb der Medina das traditionelle lange
Gewand der Einheimischen noch vorherrschend ist, während man in der neuen
und modernen Metropole fast ausschließlich europäische Kleidung
sieht. Hier in den Souks (Marktviertel) gibt man sich traditionell
konservativ. Es gibt hier auch die größte Ansammlung von kleinen
Moscheen, in denen zu jeder Tageszeit gebetet wird. Außerhalb der
hektischen Medina steht auf einer Felszunge über dem Meer die nagelneue
Moschee Hassan II., deren 175 m hohes Minarett sich wie Allahs Zeigefinger zum
Himmel streckt. Das Volk hat seinem König (Hassan II.) das Gebetshaus zum
60. Geburtstag geschenkt. Die Spenden - fast sieben Milliarden Schilling (!) -
wurden von Beamten im ganzen Land eingesammelt. Das Ergebnis kann sich sehen
lassen. Die vollständig mit kostbaren Fliesen verzierte Moschee ist, nach
Mekka und Medina in Saudi Arabien, die drittgrößte der Welt. Sie
bietet 100.000 Gläubigen Platz, verkündet Mohammed stolz, der für
mich einen hervorragenden Reiseführer abgibt.
Wieder zurück im Zentrum von Casa, essen wir in einem kleinen
Restaurant in der Rue du Prince Moulay Abdallah ein ausgezeichnetes
Fischgericht, auf das ich Mohammed einlade, zum Dank für die informative
Führung durch die Stadt. Doch er winkt nur lächelnd ab und meint,
daß das doch selbstverständlich sei. Mir gefällt die herzliche
Art der Menschen in diesem Land immer besser und ich denke belustigt an die
vielen Ratschläge, die ich von zuhause mitbekommen habe: ich soll mich ja
vor den Taschendieben und Gaunern in acht nehmen, die überall herumlungern
und es auf Touristen abgesehen haben.
Am Nachmittag hat Mohammed leider keine Zeit mehr für mich, da er
seinen Geschäften nachgehen muß, erklärt er mir, wobei er sich
vielmals für seine Unhöflichkeit entschuldigt. Er gibt mir noch die
Adresse seiner Mutter, damit ich mich, wenn ich mich verlaufe, jederzeit in ein
Taxi setzen kann, das mich dann sicher wieder zu Hause abliefern wird. Kurz
darauf ist er in der Menschenmenge verschwunden. Bei einem Glas Pfefferminztee
beobachte ich die auffallend modisch gekleideten und hübschen
Marokkanerinnen, die hier in der für Autos gesperrten Straße,
bummelnd durch die Kaufhäuser spazieren, während die Männerwelt
eher in diversen Straßencafés ihrem speziellen Lebensgefühl
nachgeht. Dabei wird beinahe jede schöne Frau, die vorbeikommt, irgendwie
angesprochen oder anerkennend mit einem langgezogenen Pfiff durch die Zähne
gewürdigt.
Ich mache mich auf den Weg, um noch mehr von Casablanca zu sehen. Am
Boulevard Mohammed V. gelange ich zufällig an den Bahnhof der
Marrakeschlinie, von wo ich mein nächstes Reiseziel, Marrakesch, ansteuern
will.
Auf beiden Seiten des belebten Boulevards gibt es Geschäfte,
Buchhandlungen, Restaurants, Eissalons, Cafés, Konditoreien und Kinos.
Schuhputzer bieten schreiend ihre Dienste an und Losverkäufer halten
für jedermann das große Glück bereit. An den zahlreichen Kiosks
finde ich reichhaltig internationale Zeitungen.
Die Hauptattraktion der Straße ist zweifellos die Markthalle des
Marche Central. Die Käufer erwarten Fleisch und Wurstwaren (für
Christen auch vom Schwein), Geflügel und Käse, Obst und Gemüse,
Meeresfische und Schalentiere.
Alles sauber geordnet und appetitlich dargeboten. Sogar Schildkröten
und Kanarienvögel sind zu haben. Die zuvorkommenden Händler haben
für jeden Passanten ein freundliches Wort übrig und sind durchwegs
bester Laune. Das Angebot der Blumenstände ist von einer Farbenpracht und
Vielfalt, die in Europa ihresgleichen sucht. Das Aroma von frisch
geröstetem Kaffee, der Duft von Blüten und Gewürzen
läßt kaum einen Spaziergänger gleichgültig
vorüberziehen.
Auf meiner ‘Expedition’ durch die fremde Stadt gelange ich auch
an den Park der Arabischen Liga, der der größte Park Casablancas und
gleichzeitig eine Oase mitten im hektischen Verkehrslärm ist. Blumenbeete,
Palmen und schattenspendende Prichardiya-Bäume verbreiten eine
Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit. Studenten finden hier die Muse zum
Studium ihrer Lehrbücher, die sie im Auf- und Abgehen lesen.
Die Zeit vergeht wie im Flug, und wie ich am Abend plötzlich merke,
daß ich schließlich doch die Orientierung verloren habe, suche ich
den Zettel mit der Adresse, den mir Mohammed gegeben hat, und winke eines der
vielen Taxis herbei. Die marokkanischen Taxis sind preiswert und seitdem
Taxameter vorgeschrieben sind, kein finanzielles Abenteuer mehr mit ungewissem
Ausgang. Doch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß der fröhliche
Taxler, der die ganze Zeit über ohrenbetäubende arabische Musik
hört, bei weitem nicht die kürzeste Strecke fährt.
Als ich am Ziel der Fahrt aus dem Taxi steige, fühle ich hunderte
Blicke auf mich gerichtet. Es ist in dieser etwas ärmlicheren Gegend
anscheinend nicht alltäglich, daß sich jemand chauffieren
läßt.
Mohammed, der inzwischen wieder daheim ist, erzählt mir, daß
seine Mutter große Angst um mich gehabt hat als ich da draußen in
der fremden Welt alleine war. Die Türe zur Küche geht auf, und mit
wehendem Gewand stürzt
Frau Taossile auf mich zu, dankt Allah, daß ich gesund wiedergekommen
bin und schließt mich in ihre Arme. Etwas verdutzt stehe ich da und
weiß nicht wie mir geschieht. Mohammed lacht schallend auf, wie er mein
Gesicht sieht, gibt mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und
meint, ”That`s Africa”. Langsam fange ich mich wieder und kann auch
mitlachen.
Etwas später lerne ich Hamila ben Joussif und ihre kleinere
Schwester Safi, zwei Mädchen aus der Nachbarschaft, kennen, die auch ein
bißchen Englisch verstehen. Die beiden haben diese Fremdsprache gelernt,
weil sie später einmal die Welt bereisen wollen. Vor allem Europa und
Amerika wollen sie sehen. Ich bin erfreut, solch lustige Gesprächspartner
gefunden zu haben und ich beantworte geduldig die vielen Fragen, die sie mir
über Europa und Österreich stellen. Safi, die sehr westlich angezogen
ist, holt von zuhause einen französischen Katalog, zeigt auf die bunten
abgebildeten Mountainbikes und fragt, ob man auch in Österreich so etwas
kaufen kann. Auf meine zustimmende Antwort hin bekommt sie ein
träumerisches Glänzen in den Augen.
Hamila will wissen, ob wirklich alle jungen Leute aus den westlichen
Ländern ein Auto besitzen, und wieviel es kostet in ein Rockkonzert zu
gehen oder wie es in Italien aussieht, ob ich schon einmal in Frankreich war und
was dort eine Wohnung kostet ...
Obwohl es mir hier sehr gut geht, und ich mir keinen angenehmeren Ort
vorstellen kann, will ich doch meine begrenzte Urlaubszeit nützen und auch
die anderen Gegenden Marokkos kennenlernen.
Am nächsten Morgen, nach einer langen Abschiedszeremonie, bei der ich
versprechen muß, eines Tages wiederzukommen, gehe ich durch den
frühen Morgenverkehr hinaus in die Stadt. Ich muß zugeben, daß
auch mir der Abschied von dieser überaus netten Familie schwer fällt.
Auch Hamila, die mir am vergangenen Abend noch lange Gesellschaft geleistet hat,
wird mir fehlen. Lächelnd denke ich an die vergangenen Tage, in denen es
mir sehr leicht gemacht wurde, mich an das fremde Land zu
gewöhnen.
Zielstrebig steuere ich den Gare des Voyageurs an, von dem aus ich
nach Marrakesch gelangen werde. Der Zug fährt pünktlich ab, und ich
genieße den ersten Teil der Fahrt, weil ich ein ganzes Abteil für
mich alleine habe. Die Landschaft vor dem Fenster zieht wie ein Film an mir
vorüber. Ich kann mich gar nicht satt sehen an der gewaltigen Ebene, in der
nur ab und zu einmal ein karger Baum, eine Stromleitung, große alte
Kakteen oder eine einsame Hütte in meinem Blickfeld auftaucht. Von Zeit zu
Zeit rattert der Zug an kleinen Bauerndörfern vorbei, die zur Gänze
aus gestampften Lehm bestehen. Diese Dörfer, die alle mit einer hohen und
dicken Mauer umgeben sind, wirken wie eine Befestigungsanlage, und
wahrscheinlich haben sie wirklich einmal als solche gedient. Man sieht kaum
einen Menschen im diesen Lehmburgen, wodurch diese Dörfer noch viel
unnahbarer wirken. Die Felder ringsherum sind jetzt, Mitte August, schon
abgeerntet, und man sieht nur noch die staubige, verbrannte Erde, die der Wind
in langen Staubfahnen davonträgt. Marokko ist in erster Linie ein
Agrarland. Die Arbeit der Bauern hat eine Kulturlandschaft geprägt, die
jedes Jahr, der immer näherrückenden Sahara aufs neue abgerungen
werden muß. Dazu kommt noch, daß das Abholzen der Wälder im
Rif- und im Atlasgebirge dazu führt, daß in den Wintermonaten das
Schmelzwasser die kleinen Bäche und Rinnsale überfluten und die
dünne Humusschicht fortträgt.
Ungefähr zwei Drittel der Marokkaner leben von der Landwirtschaft.
Allerdings ist die Spannweite der Berufe groß: vom Ziegenhirten, dessen
Tiere auf mühseliger Nahrungssuche in die Wipfel von
Argan-Bäumen klettern, bis zum Agraringenieur, der etwa an der
Universität Rabat Computerprogramme zur automatisierten Düngung von
Export-Erdbeeren entwickelt. Bauer nennt sich der Kleingartenbesitzer, der sich
ein paar Hühner hält. Bauer ist aber auch der traditionelle
Grundstückspächter, der im benachbarten trockenen Hügelland mit
mittelalterlichen Methoden versucht, Getreide anzubauen - trotz schicksalhaft
wiederkehrender Dürrejahre.
Schon von weitem sehe ich in der vor Hitze flimmernden Haouz-Ebene,
daß wir uns einer Stadt nähern. Das könnte eigentlich schon
Marrakesch sein, denke ich, und ein Blick auf meine Uhr bestätigt meine
Annahme.
Die öffentlichen Verkehrsmittel sind sehr zuverlässig und
Fahrpläne werden exakt eingehalten, sodaß das Reisen Spaß macht
und nicht zu einem ungewissen Abenteuer wird.
Der Zug hält. Ich verlasse den klimatisierten Waggon und habe das
Gefühl, daß mit der Schlag trifft. Die unglaubliche Hitze hier im
Landesinneren, wo die frische Meeresluft gänzlich fehlt, scheint mich zu
Boden drücken zu wollen. Ich spüre, wie meine Sandalen auf dem
heißen Bahnsteig kleben bleiben und wie die sengende Sonne auf meinen
Unterarmen sticht. Nicht umsonst witzeln die Marokkaner, daß um diese Zeit
nur Touristen und Kamele in die Sonne gehen.
Einer meiner ersten Gedanken ist, daß ich hier unmöglich bleiben
kann. Doch an eine Umkehr ist gleich darauf nicht mehr zu denken. Innerhalb von
Sekunden bin ich umringt von allerlei selbsternannten Stadtführern, die mir
alle versichern, daß man ohne Führer in der Stadt verloren und den
professionellen Taschendieben schutzlos ausgeliefert ist. Außerdem sind
alle Hotels ausgebucht und jeder einzelne weiß, wo noch ein Zimmer zu
haben ist. Was dann folgt sind filmreife Szenen. Erst streiten die Männer,
welcher das schönste und komfortabelste Zimmer anzubieten hat. Als ich
dankend abwinke, geht der Streit um die billigste Unterkunft gleich wieder
weiter. Schließlich gebe ich ihnen zu verstehen, daß ich einen
Freund besuche und daß sie sich nicht weiter bemühen brauchen. Ich
ahne, daß solche Dienste bestimmt viel Geld kosten würden und mache
mich deshalb aus dem Staub. Dabei bemerke ich, daß ich noch einen Zettel
mit einer Adresse in der Hand halte, den mir einer der eifrigen Werber
zugesteckt hat. Ein Blick auf den Stadtplan sagt mir, daß das beschriebene
Hotel nicht allzu weit entfernt liegt. Also mache ich mich auf die Suche. In der
brütenden Hitze des Nachmittags wandere ich durch das neue Marrakesch.
Schweißüberströmt muß ich immer wieder an die Touristen
und an die Kamele denken und ich bin froh, auch jetzt noch über mich lachen
zu können.
Das neue Marrakesch erinnert stark an europäische Städte. Breite,
frisch asphaltierte Straßen, gesäumt von Wohnblöcken aus Beton -
dazwischen blüht und grünt es in künstlich bewässerten
Gärten. Unter schattenspendenden Palmen schlafen die Hausbewohner in ihren
Liegestühlen und die vielen Kinder planschen vergnügt im Pool herum.
Ein Königreich für einen Swimmingpool denke ich mir und schleppe
meinen Rucksack, der ständig an Gewicht zuzunehmen scheint, weiter durch
die Straßen.
An der nächsten Straßenecke bleibe ich plötzlich wie
angewurzelt stehen. Vor mir erstreckt sich die gewaltige Stadtmauer, die das
alte Marrakesch umschließt als müsse sie sich auch heute noch gegen
Tausende Eindringlinge wehren. Mehr als zwölf Kilometer erstreckt sich die
Mauer um die ehemalige Almohaden-Hauptstadt. Sie ist ungefähr neun Meter
hoch und zwischen eineinhalb und zwei Meter breit. Als Baumaterial wurde nur
roter gestampfter Lehm verwendet, was der Stadt auch den Beinamen ‘die
Rote’ verliehen hat.
Marrakesch, die über den Atlas geworfene Perle, liegt vor mir
und wartet darauf, von mir betreten zu werden. Also will ich sie nicht
enttäuschen und setze mich in Richtung des Bab Doukala in Bewegung.
An der Stadtmauer ist man mit der Jahrhunderte alten Geschichte der Stadt auf
Schritt und Tritt konfrontiert. So ist zum Beispiel das Bab Doukala eines
der ersten Stadttore, das schon im zwölften Jahrhundert angelegt wurde.
Nördlich davon liegt das hufeisenförmige Almohaden-Tor Bab el
Khemis, an dem jeden Donnerstag ein Viehmarkt stattfindet. Darauf folgt das
Bab Debbagh, das Tor der Gerber, dessen Terrasse einen guten
Überblick über das Gerber-Viertel bietet.
Am Bab Ailen erlitten die Almohaden 1130 bei ihrem ersten
Versuch, Marrakesch einzunehmen, eine vernichtende Niederlage. Durch das Bab
Aghmat soll die christliche Almoravidenmiliz 1146 die
Almohadentruppen in die Stadt gelassen haben. Das Bab Ahmar (das
rote Tor) aus dem 18. Jahrhundert führt unmittelbar zum Königspalast.
Im Ganzen sind es so an die zwanzig Tore, die das Leben in der Medina mit der
Aussenwelt verbinden. Das Stadttor liegt nun schon einige Zeit hinter mir. Ich
bewege mich durch enge, verwinkelte Gassen und versuche, die beschriebene
Adresse ausfindig zu machen. Ich habe zwar die Rue Ibn Rochd schon
gefunden, doch scheint es in der ganzen Straße kein Hotel zu geben. An der
nächsten Ecke sitzt ein alter Mann und verkauft Obst und Gemüse, das
er in einem Plastik-Wäschekorb vor sich auf dem Boden stehen hat. Mit einem
lauten Merhaba (guten Tag) hocke ich mich daneben hin und versuche aus
ihm herauszubekommen, wo das Hotel Qued Souafine ist. Zuerst habe ich den
Eindruck, daß er mich gar nicht gehört hat. Statt dessen fixiert er
unaufhörlich meine Armbanduhr. Ich lehne mich daraufhin etwas weiter zu ihm
hinüber und frage erneut mit lauter Stimme nach dem Hotel und mache mit den
Händen suchende Gesten vor seinem Gesicht. Zwischen seinen langen
Bartstoppeln zeigen sich zwei oder drei einzelne gelbe Zähne. Der Mann
lächelt mich verständnislos an, wobei seine Augen fast zur Gänze
in seinem faltendurchzogenen Gesicht verschwinden. Da bin ich wohl an den
Falschen geraten, denke ich mir und zeige ihm als letzte Hoffnung den
zerknitterten Zettel mit der Adresse des Hotels.
Plötzlich weiten sich seine glänzenden Augen. Er springt auf,
packt mich an der Hand und rennt mit mir, mit einer Geschwindigkeit die ich ihm
nicht zugetraut hätte, in die enge Gasse, aus der ich gerade gekommen bin.
An einer blau gestrichenen Holztür bleibt er stehen und klopft laut
mit der Faust auf die Bretter der Haustüre. Wir warten einen Augenblick und
der Alte weist mit dem Finger auf den arabischen Schriftzug über dem
Eingang und sagt lachend: ”Hotel Qued Souafine.” Jetzt war mir klar,
warum ich das Haus nicht finden konnte.
Die Tür geht auf und ein junges Mädchen läßt uns
hinein. Der Alte und das Mädchen scheinen sich zu kennen. Sofort wird mir
der Rucksack abgenommen und bei einem Glas Pfefferminztee gebe ich meine
Personalien dem jungen Inhaber des Hotels bekannt. Der alte Mann ist inzwischen
wieder zu seinem Obststand zurückgekehrt. Der junge Hotelier versichert mir
amüsiert, daß er schon nächste Woche ein Schild in englischer
Sprache über dem Eingang anbringen wird. Eine Zeit lang sitzen der Hotelier
namens Ismail, seine Tochter und ich im kühlen Hof des Hauses, in dem ein
großer schattenspendender Baum steht, dessen Krone ein natürliches
Sonnendach bildet. Der Lärm der Stadt dringt nur sehr gedämpft von
draußen herein. Der geflieste Innenhof, die gepflegten Pflanzen und die
angenehme Atmosphäre im Haus bewegen mich dazu, meine Miete gleich im
voraus, ohne das Zimmer gesehen zu haben, zu bezahlen. Ismail wehrt sich anfangs
noch das Geld anzunehmen, doch als ich ihm die geforderten 250 Dirham auf den
Tisch lege, steckt er sie doch dankend ein.
Das Zimmer ist klein und zweckmäßig eingerichtet, also genau
richtig für mich. Sofort nehme ich die Dusche am Gang in Beschlag und
wasche mir die dicke Schicht aus Schweiß und Staub vom Körper. Danach
fühle ich mich wie neugeboren.
Am Abend ziehe ich, mit meinem Fotoapparat bewaffnet, durch die Gassen und
halte nach Motiven Ausschau. Dabei sehe ich immer wieder zurück, um mir den
Rückweg einzuprägen.
Das Rot der Häuser, das im späten Sonnenlicht noch intensiver
wirkt als am Tag, bildet einen herrlichen Kontrast zu den weißen langen
Gewändern der Handwerker und der Händler, die jetzt von ihrer Arbeit
nach Hause kommen und in den Hauseingängen verschwinden. Überall
duftet es nach Abendessen und auch bei mir macht sich der Hunger bemerkbar.
Ohne lange zu zögern betrete ich ein kleines Lokal, in dem nur wenige
Tische besetzt sind. Die Gäste sind ausschließlich Männer, die
bei Tee und Wasserpfeife den Tag ausklingen lassen. Ich nehme an einem der
Tische Platz und beobachte das geschäftige Treiben auf der Straße.
Mir fällt ein Stein vom Herzen als mich der Kellner, ein riesiger
schwarzhaariger Mann, gleich auf Englisch fragt, ob ich etwas essen möchte.
Auf mein Verlangen legt er mir eine Speisekarte vor, mit der ich aber wenig
anfangen kann, weil ich kaum marokkanische Speisen kenne. Gleich das erste
Gericht auf der Karte heißt ‘Tajine’ und klingt, zumindest dem
Namen nach, gar nicht so schlecht. Meine spontane Wahl stellt sich als wahrer
Glücksgriff heraus. Tajine ist das Nationalgericht der Marokkaner, besteht
aus allerlei frischem Gemüse, Hammel- oder Hühnerfleisch und wird mit
Olivenöl und einer speziellen Gewürzmischung in einem irdenen Topf,
sehr heiß serviert.
Der Weg zurück ins Hotel stellt kein besonderes Problem dar und schon
bald schlafe ich, müde von den Geschehnissen des Tages, in meinem sehr
weichen Bett ein. In der Nacht finde ich, durch die drückende Hitze, kaum
Schlaf. Erst gegen vier Uhr morgens beginnt es etwas kühler zu werden, doch
um halb sechs Uhr ist es dann mit der Nachtruhe endgültig vorbei. Vom
nahegelegenen Minarett einer Moschee plärrt ein Lautsprecher mit einer
scheußlichen Tonqualität das Morgengebet über die Stadt. Gleich
darauf beginnt ein anderer Lautsprecher und wenig später scheint die ganze
Stadt in das ohrenbetäubende Geräusch eingehüllt zu
sein.
Mittlerweile wird es durch die Sonne, die durch die desolaten
Fensterläden hereinscheint, schon wieder ziemlich heiß. Also
beschließe ich, auch wenn ich noch nicht ausgeschlafen bin, mich
anzuziehen und in die Medina zu gehen.
Der Morgen in den engen Gassen ist noch kühl und es riecht nach
gegerbtem Leder, das in einem Hinterhof zum Trocknen in der Sonne liegt. Mir
fallen die vielen Mädchen auf, die aus den Hauseingängen hervorkommen
und auf ihrem Kopf, lange Tabletts mit Brotteig tragen und mit diesen in den
verschiedenen Backstuben verschwinden. Durch die Stadttore kommen die Bauern und
Gemüsehändler aus der Umgebung auf Eselskarren herein, um ihre
Erzeugnisse auf dem täglichen Markt zu verkaufen. Hier kennt anscheinend
jeder jeden, denn die Händler grüßen jeden Passanten freundlich
von ihrem Fuhrwerk herunter. Ich folge der lustigen Karawane und gelange
schließlich auf den Jemaa el Fna. Der Platz Jemaa el Fna ist
das pulsierende Herz der Medina. Schon seit dem Mittelalter hat sich dieser
Platz praktisch nicht verändert. Vorher wollte hier der Saadiersultan
Ahmed el Mansour die Moschee Jemaa el Hana errichten, doch durch
eine Reihe von unglücklichen Ereignissen konnte der Sultan sein Vorhaben
nicht mehr verwirklichen. Seither nennt man diesen Platz Jemaa el Fna
(Ruinenmoschee). Später wurden auch Hinrichtungen durchgeführt, was
dem Platz auch den Beinamen ‘Versammlung der Toten’ eingebracht hat.
Rund um den Platz befinden sich Cafés mit Dachterrassen, die einen sehr
schönen Überblick auf das bunte Treiben bieten. Schon jetzt, am
frühen Morgen, wimmelt es auf dem Platz und das laute Geschrei der
Händler und Gewerbetreibenden erfüllt die Luft. Auf einer der
Dachterrassen trinke ich in aller Ruhe einen herrlich schmeckenden Kaffee. Dazu
gibt es die kleinen, köstlichen Cornes de Gazelle - diese Kipferl
sind mit Mandelpaste gefüllt und werden geschmacklich mit Rosenwasser
verfeinert. Wenn man über den Jemaa el Fna geht, fühlt man sich
in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt und ich bin froh,
daß es tatsächlich noch solche geschichtsträchtige Oasen
gibt.
Besonders beeindruckend sind die vielen kleinen Gewerbetreibenden, die sich
auf dem Platz einen Stand ergattert haben, der meist nur aus einem Klappsessel
und einem Sonnenschirm besteht. So findet man hier noch richtige
Straßen-Barbiere, von denen sich die älteren Männer rasieren
lassen. Flickschuster bemühen sich, die alten und zerschlissenen Schuhe der
Händler und Passanten wieder zusammenzunähen oder die Sohlen
aufzudoppeln. Gleich daneben hat ein Dentist seine ‘Werkstatt’.
Unter einem blauen Sonnenschirm sitzt auf einem Campingsessel ein junger Mann
und läßt sich einen Zahn ziehen. Der Zahnarzt muß ganz
schön Kraft anwenden, um das Übel zu beseitigen. Dabei sehen die
Gesichter der umstehenden Menschen genauso schmerzverzerrt aus wie das des
Patienten. Noch immer hat sich der Zahn nicht gelockert. Der Junge wimmert und
der Dentist plagt sich mit hochrotem Kopf. Ich kann nicht länger hinsehen
und verschwinde in der unübersehbaren Menschenmenge. Unter den vielen
Obstverkäufern entdecke ich auch den alten Mann, der mich gestern zum Hotel
gebracht hat und ich kaufe ihm Weintrauben ab. Er freut sich, mich wiederzusehen
und schenkt mir zum Abschied noch ein Stück einer Zuckermelone. Ich bedanke
mich mit einem lauten schukran, worauf der Alte sehr erstaunt ist,
daß ich das Dialektwort für Danke benutzt habe und er gibt mir
lachend noch ein salam alaikum mit auf den Weg.
Zur Erklärung muß ich erwähnen, das schukran einfach
leichter zu merken ist als barakallahufik, das eigentlich im Arabischen
für Danke steht. Bei einem Orangensaftpresser gönne ich mir eine
Pause. Für zwei Dirham bekommt man ein großes Glas
frischgepreßten Orangensaft, der für die durstige Kehle eine wahre
Wohltat ist. Erneut lasse ich mich in den bunten und immer dichter werdenden
Menschenstrom hineintreiben.
Der Platz wirkt wie ein bunter Freiluftzirkus mit seinen malerischen
Gestalten. Ein Wasserverkäufer in der roten Rifi-Tracht, mit breitkrempigem
Strohhut verlangt von mir einen Dirham - aber nicht für das kostbare
Naß aus dem umgehängten Ziegenschlauch, sondern vielmehr als
Entschädigung, weil ich ihn fotografiert habe.
Ebenso professionelle Fotomodelle sind die Schlangenbeschwörer, die
zur Abwechslung manchmal auch Skorpione über ihre Stirn kriechen lassen.
Dem Besucher, der eine Kamera bei sich trägt, wird auf jeden Fall eine
angriffslustige Kobra präsentiert. Ist das Tier zu schlapp, tritt ihm der
Meister auf den Schwanz, sodaß sich das Reptil vor Schmerz aufbäumt.
Wenn man danach keine Münzen herausrückt kommen plötzlich viele
selbsternannte ‘Assistenten’ und der Schlangenbeschwörer
selbst, dem Fotografen ziemlich nahe und man zahlt gerne, denn der Meister
trägt das bessere (zischende) Argument in der Hand.
Um die Mittagszeit wird der Lärm der schlangenbeschwörenden
Trompeten von dumpf tönenden Trommelschlägen, begleitet vom harten
Schlagen von Eisenklappern, übertönt. Die Gnaoua, die schwarzen
Musikanten haben ihren Auftritt. Gekleidet sind die dunkelhäutigen
Männer in lange weiße Ganduras (Hemdröcke). Ihren Kopf
ziert eine muschelbestickte Kappe, an der eine lange Kordel mit einer Quaste
hängt, die im Rhythmus hin- und herschwingt. Rasend wirbeln sie im Kreis,
in jeder Hand eine Eisenklapper. Der Älteste schlägt die Trommel und
der Jüngste, vielleicht acht Jahre alt, kassiert mit treuherzigem Blick die
Spenden. Mir fallen seine abgearbeiteten und harten Hände auf, mit denen er
die Dirhams von den Zuschauern einsammelt.
Doch der Platz bietet noch mehr. Rotgekleidete Akrobaten bilden lebende
Türme und schlagen rasante Saltos. Sie gehören zur Bruderschaft
Sidi Ahmed ou Moussa, deren Zentrum bei Tiznit liegt. Selbst in
Europa kann man diese talentierten Künstler manchmal im Zirkus bewundern.
Ich werde auf ein kleines Glücksspiel eingeladen, doch ich lehne dankend
ab. Erst will mich der Schausteller zu meinem Glück zwingen, doch als ich
ihm zu verstehen gebe, daß ich kein Geld dabei habe, läßt er
mich gehen. Gleich darauf hat er einen anderen Touristen am Handgelenk, der
sofort bereitwillig das Spiel aufnimmt. Auf einem Karton liegt eine Schnur mit
zwei Schlaufen.
Gewinner ist der, der errät welche Schlaufe sich zuzieht. Der Tourist
hat auf Anhieb 100 Dirham gewonnen, doch sogleich wird er genötigt weiter
zu spielen. Um einen Einsatz von 50 Dirham geht es, und schon hat er 50 von
seinen 100 wieder verloren. Natürlich haben die Gauner kein
Wechselgeld und der Arme muß weiter spielen und verliert erneut. Schneller
als er gedacht hat, hat er dem Gaukler 50 Dirham aus der eigenen Tasche bezahlt
und kehrt ihm mit erhitztem Gesicht den Rücken.
Die wahren Helden des Platzes sind jedoch die Märchenerzähler.
Sie locken die meisten Zuschauer an. Sie sind Schauspieler, Prediger,
Pantomimen, Spaßmacher und Akrobaten in einer Person. Dank ihrer
brillanten Körpersprache kann man ihre Geschichten auch verstehen ohne der
Sprache mächtig zu sein. Stundenlang könnte ich noch staunend zwischen
den duftenden Gewürzständen verbringen, doch langsam werde ich vom
langen Herumstehen müde und beschließe, ein Stück zu
gehen.
Gleich vom Jemaa el Fna aus sieht man das Wahrzeichen der Stadt. Das
Minarett der altehrwürdigen Koutoubia Moschee. Benannt wurde sie
nach dem in ihrer Nachbarschaft gelegenen Souk el Koutoubiyyin, dem Basar
der Buchhändler - das war wohlgemerkt im 12. Jahrhundert, also zu einer
Zeit, in der die christlichen Europäer kaum das Wort ‘Buch’
schreiben konnten. Die Hallenmoschee hat 17 Schiffe und 112 Pfeiler. Sie bietet
25.000 Gläubigen Platz und gehört somit zu den größten
ihrer Art. Die Moschee ist natürlich für Touristen nicht
zugänglich, doch bietet sie auch von außen einen imposanten Anblick.
Unter den Zinnen des Minaretts lassen sich noch Reste der alten
grünlasierten Kacheln erkennen. Der Turm hat eine Höhe von 69 Metern
und im Inneren konnte früher der Muezzin (Gebetsausrufer) bequem zu
seinem Arbeitsplatz hinaufreiten! Nach Einbruch der Dunkelheit verbreitet sich
ein wunderbarer Essensduft über dem Jemaa el Fna. Fischbrater und
Suppenköche nehmen die von den Gauklern geräumten Flächen mit
Tischen und Bänken in Beschlag und animieren die vielen hungrig gewordenen
Schaulustigen zum Einkehren. Auch ich lasse mir einen ordentlichen Teller mit
Harira-Suppe vorsetzen. Harira ist eine dicke braune Bohnensuppe mit
Hammelfleischeinlage und schmeckt so köstlich, daß ich mir auch noch
einen zweiten Teller hole. In dieser orientalischen Umgebung fühle ich mich
sehr wohl und Europa, insbesondere Österreich, erscheint mir in diesem
Augenblick unendlich weit weg. Spät am Abend kehre ich ohne Schwierigkeiten
ins Hotel zurück und stelle fest, daß ich mir einen kapitalen
Sonnenbrand eingehandelt habe.
Am Morgen reißt mich das plärrende Geräusch der
Lautsprecher erneut aus den Federn. Daran könnte ich mich wohl nie
gewöhnen, denke ich und wälze mich mit spannender Haut aus dem Bett.
Wenig später setze ich meine Erkundungstour durch das unendliche
Gassengewirr fort. Mein Weg führt mich wieder über den Jemaa el
Fna, wo das lautstarke, geschäftige Treiben erneut voll eingesetzt hat,
Richtung Norden, dort wo das Marktviertel der Souks liegt.
In der Nähe der Ouessabine-Moschee betritt man durch ein
großes weißes, hufeisenförmiges Tor, die Rue Souk
Smarine, einst der Markt der Binsenflechter - inzwischen findet man hier
fast nur noch Textilien. Ein Händler lädt mich auf einen obligaten
Pfefferminztee im Schatten seines Ladens ein, und weil ich sowieso noch nicht
gefrühstückt habe, setze ich mich zu ihm auf die alte abgewetzte
Ledercouch. Sofort fängt der Händler an mir seine,
zugegebenermaßen sehr schönen Waren, zu präsentieren. Er zeigt
mir gewebte Taschen, Jellabah’s (bodenlanges Übergewand),
Schal’s, Kopftücher und Kaftane, die auch die selbe Funktion
wie die Jellabah’s haben, jedoch mit einer Kapuze versehen sind.
Der Händler nötigt mich, eine Jellabah zu probieren und weil
ich annehme, daß ich sonst kaum Chancen habe den Laden bald wieder zu
verlassen, mache ich ihm die Freude und ziehe mir eines der angebotenen
Übergewänder an. Ich betrachte mich im Spiegel und erkenne mich
beinahe selbst nicht wieder. Der Kaufmann erwähnt lachend, daß die
Jellabah ein guter Sonnenschutz für mich wäre. Dabei muß
ich ihm recht geben. Außerdem gefällt mir der Gedanke immer besser,
daß ich mit der Kleidung nicht gleich von weitem als Tourist erkannt
würde. Mein festes Vorhaben, mir nichts aufdrängen zu lassen, ist in
diesem Moment gescheitert. Der Händler nennt mir den Preis, der mir
übertrieben hoch erscheint. Jetzt fällt mir ein, daß ich nun
Handeln muß. Dabei fallen mir ein paar Zeilen von Elias Canetti
ein, der in Die Stimmen von Marrakesch schreibt: ”In Ländern
der Preismoral, dort wo die festen Preise herrschen, ist es überhaupt keine
Kunst, etwas einzukaufen. Jeder Dummkopf geht und findet was er braucht, und
jeder Dummkopf, der Zahlen lesen kann, bringt es fertig, nicht angeschwindelt zu
werden. In den Souks hingegen ist der Preis, der zuerst genannt wird, ein
unbegreifliches Rätsel. Man möchte meinen, daß es mehr
verschiedene Arten von Preisen gibt als verschiedene Menschen auf der
Welt.”
Also beschließe ich, mich in der Kunst des Feilschens zu versuchen.
Ich biete ihm etwa ein Viertel des von ihm genannten Preises, was mir auch noch
etwas zuviel vorkommt. Der Kaufmann beobachtet mich mit größtem
Interesse und kommt mir sogleich deutlich mit dem Preis entgegen. Etwas
zögernd erhöhe ich mein Angebot und auch er schraubt es deutlich
zurück. Nach einer Weile sind wir an einem Punkt angelangt, wo er sich
weigert den Preis noch weiter zu verringern. Weil mir der Preis immer noch zu
hoch vorkommt, mache ich Anstalten den Laden zu verlassen. Sofort hält mich
der Händler am Arm zurück und auch sein Preis hat sich beinahe meinem
Angebot angeglichen. Ich schlage in die mir entgegengestreckte Hand ein. Der
Handel ist perfekt. Mit meiner neuen Errungenschaft, die ich natürlich
gleich angezogen habe, setze ich meinen Weg durch das Gassenlabyrinth fort. Das
Gewand verfehlt seine Wirkung nicht und macht aus mir (fast) einen
Marokkaner.
Auf dem Place Ragba Kedima, dem alten Sklavenmarkt, werden
Gewürze, Teppiche und Berber-Kosmetika feilgeboten. Rund um den malerischen
Platz sind Naturmedizin-Apotheken zu finden, die Arzneien wie Dornschwanzechsen
oder potenzsteigernde spanische Fliegen anbieten. Ein fast schon vertrauter
fester Griff zieht mich plötzlich in einen Gewürzladen, in dem
Kostbarkeiten wie Safran oder das marokkanische Paradegewürz Ras el
Hanud, was soviel wie ‘Krönung des Ladens’ bedeutet, zu
finden sind. Ras el Hanud ist eine Mischung aus mindestens 15
verschiedenen Gewürzen wie Gelbwurz, Kreuzkümmel, Koriander, Paprika,
Anis etc. und ist der gängigste ‘Geschmacksverfeinerer’ in der
marokkanischen Küche.
Ich ahne, daß es auch hier sehr schwer sein wird, den Laden wieder zu
verlassen, ohne etwas gekauft zu haben. Außerdem stelle ich
enttäuscht fest, daß meine marokkanische Verkleidung nicht so richtig
zu funktionieren scheint. Ich kaufe ein kleines Stück von einem
natürlichen Parfum, das aussieht wie ein Stück Seife. Der
Verkäufer versichert mir, daß das Parfum ausschließlich aus
natürlichen Substanzen hergestellt ist und will mir dabei gleich auch noch
ein paar andere Sachen andrehen, doch ich nütze die Gelegenheit und
verschwinde im Menschengewühl der Gassen. Gleich darauf will mich ein
Teppichverkäufer in sein Verkaufslokal verschleppen, doch ich gebe ihm zu
erkennen, daß ich kein Geld mehr habe. Darauf würdigt er mich keines
Blickes mehr. Ich wage es nicht die wunderschönen Berber-Teppiche, die an
den Hauswänden ausgestellt sind näher zu betrachten, weil ich meine
Geldtasche nicht allzusehr in Mitleidenschaft ziehen will.
Den Souk Teinturiers bildet die Färbergasse, durch die sich ein
eigenartiger Geruch zieht, den die gefärbten Wollbündel verbreiten,
die bunt und pittoresk zum Trocknen über der Straße aufgehängt
sind. Im Souk Attarine sind Kupfer- und Eisenschmiede bei ihrer Arbeit zu
sehen und im anschließenden Souk el Kebir lassen sich Juweliere und
Silberschmiede über die Schulter schauen. Im benachbarten Souk
Cherratine, haben wiederum die Lederhändler ihre Läden.
Ziellos lasse ich mich durch das geschäftige Basar-Viertel treiben und
sauge das orientalische Lebensgefühl in mich auf. Das Flair dieser alten
und traditionellen Stadt zieht mich so sehr in ihren Bann, daß ich mich
dem kaum zu entziehen vermag. Schließlich wird mir die ungewohnte
permanente Hektik der Medina doch zu anstrengend und auch die ewig bettelnden
Kinder werden mit der Zeit eine echte Plage. Ich beschließe, nächsten
Tag Richtung Süden weiterzuziehen.
Mein nächstes Ziel ist der hohe Atlas, insbesondere der Jebel
Toubkal, der höchste Berg Nordafrikas, den ich unbedingt besteigen
will. Gesagt, getan. Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages marschiere
ich, vollbepackt mit meinem Rucksack, durch die Gassen Marrakeschs, die mir in
diesem Augenblick schon sehr vertraut und heimisch vorkommen, und verlasse am
Bab er Robb die Medina. Vor dem Tor befindet sich der Standplatz der
Sammeltaxis, die Richtung Atlas unterwegs sind. Ich frage einen Taxifahrer, ob
er auch nach Asni fahre. Der Fahrer nickt und verstaut mein Gepäck
im Kofferraum seines uralten Mercedes. Nach mir besteigen noch acht (!) andere
Fahrgäste das Taxi. Zumeist handelt es sich bei den Passagieren um
Einheimische aus der Gegend um Marrakesch sowie einen britischen Touristen, der
genauso amüsiert ist über die Reisegewohnheiten der Marokkaner wie
ich. Wir sitzen dicht aneinandergedrängt im heißen Auto, die Kleidung
klebt an unseren Körpern und der Fahrer, ein älterer Mann in
traditioneller Kleidung fährt mit hoher Geschwindigkeit durch die endlose
Haouz-Ebene, wobei die Stoßdämpfer bei jeder
Straßenunebenheit durchschlagen. Den Taxler scheint das nicht zu
stören. Er ist so sehr mit dem Fahren und der lauten arabischen Musik
beschäftigt, daß er dabei alles rundherum vergißt. Durch die
Moulay Brahim-Schlucht, das Tor des Atlas, geht es immer weiter hinauf in
das Vorgebirge. Die kühn in den Fels gesprengte Trasse ist reich an
unübersichtlichen Kurven, doch unser Chauffeur ist mit der Strecke
sichtlich vertraut. Gefürchtet sind in der Gegend die Linienbusse, die von
Taroudannt nach Marrakesch fahren und keinen Millimeter von der
Ideallinie abweichen. Zahlreiche verstreut umherliegende Karrosserieteile zeugen
von solchen Begegnungen.
In Asni wechsle ich das Taxi, mit dem Engländer und den meisten
Passagieren, die etwas zerknittert aus dem Wagen herausgekrochen kommen. Doch
zum Vergleich mit dem Taxi, mit dem wir den Rest der Reise fortsetzen
werden, war der Mercedes ein wahrer Luxus. Die Fahrt von Asni nach
Imlil legen wir auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens
zurück, der die lange, steil ansteigende, unasphaltierte Bergstraße
gerade noch bewältigt. Dabei stößt der LKW riesige, schwarze
Rauchwolken in die klare Bergluft. Die Temperatur ist hier in 1500 m
Seehöhe bei weitem nicht mehr so heiß wie in Marrakesch.
An jeder Wegkreuzung stehen Menschen, die entweder mitfahren wollen oder
dem Fahrer ein Paket, ein Huhn oder ein Schaf anvertrauen, der es dann an der
genannten Adresse abliefert. Schon bei der Hälfte der Fahrt glaube ich,
daß die Ladefläche schon voll wäre, doch irgendwie schaffen es
die neuen Fahrgäste immer wieder noch einen Platz zu ergattern.
Nach zweistündiger Fahrt haben wir Imlil, ein kleines Bergdorf
in einer Flußoase, erreicht. Von da an kann man nur noch zu Fuß
weiterkommen. Imlil Ist ein kleines Dorf, daß sich auf dem Talboden
unter den hohen und üppigen Bäumen versteckt. Auf den ersten Blick
läßt sich gar nicht sagen, wie viele Häuser und Hütten der
Ort umfaßt. Am Leben gehalten wird das Dorf durch ein ausgeklügeltes
Netz von künstlichen Bewässerungsgräben, die dem Vieh auch als
Tränke dienen. Die meisten Bewohner leben von der Landwirtschaft, wobei
sich jeder Bauer im flächenmäßig sehr begrenzten Lebensraum der
Flußoase mit einem kleinen Grundstück zufriedengeben muß.
Das Bergdorf bietet aber auch vieles, was das Trekkerherz begehrt. Ein
schlichtes Terrassencafé und unzählige winzige Läden bestimmen
den Marktplatz. Für meine Wanderung auf den Jebel Toubkal nehme ich
mir fünf bis sechs Tage Zeit, und weil ich nicht erwarten kann, irgendwo
eine Verpflegungsstation in den Bergen zu finden, decke ich mich hier mit
Proviant ein. In einem der vielen ‘Supermärkte’ erstehe ich ein
paar Fladenbrote, Käse, eine lange luftgetrocknete Wurst, verschiedene
Gemüsesorten, Orangen, Datteln und einen Kranz gedörrter Feigen. Das
muß reichen denke ich und stopfe das Verpflegungspaket mitsamt den
Wasserflaschen in meinen Rucksack, der jetzt um einige Kilo schwerer geworden
ist.
Ich will mich sofort auf den Weg in die Berge machen und beginne auf der
vielbegangenen Hauptgasse bergwärts zu gehen. Freundlich grüßen
die Menschen, die mir begegnen, und zeigen mir den richtigen Aufstieg zum
Toubkal. Schon nach kurzer Zeit verlasse ich an einer Wegkreuzung, an der
ein Schild mit der Aufschrift Jebel Toubkal 18h angebracht ist, das
schattenspendende Blätterdach des Dorfes und wandere auf einem breiten
Pfad, in engen Serpentinen, den steilen Berghang hinauf.
Hoch über dem Dorf bietet sich ein wunderschöner Ausblick
über Imlil. Das üppige Grün, das dem kargen Erdboden
abgerungen wird, wirkt von hier oben, angesichts der unwirtlichen und
wüstenhaften Umgebung der Berge, sehr zart und zerbrechlich. Der Pfad
führt hoch über dem linken Ufer des Mizane-Flusses nach
Süden.
Die Hitze des Tages vertrage ich jetzt schon sehr gut und ich genieße
die Wanderung durch diese großartige Landschaft. Nach einer halben Stunde
erscheint am anderen Flußufer das Berber-Dorf Aroumd, das an einem
steilen Felshang in 1900 m Höhe liegt. Die terrassenartig in den Hang
gebauten Bruchsteinhäuser sind meistens mit Süd-Balkonen versehen, auf
denen man hie und da teppichknüpfende Frauen sieht. Von Zeit zu Zeit
begegne ich Händlern , die ihre Erzeugnisse, mit ihren
‘trittsicheren’ Mulis auf den Markt nach Imlil bringen. Jeder
der Berber grüßt schon von weitem, wobei aus dem französischen
‘Bon jour’, in ihrer Sprache ein ‘Bonn schorr’
wird.
Weiter taleinwärts wird das Tal etwas breiter und man sieht
vereinzelte Bauernhöfe stehen, die ihre kargen Felder mit Steinwällen
abgegrenzt haben. Ich überquere den Mizane Fluß und mache eine
kurze Pause unter dem einzigen Baum der Umgebung. Sofort werde ich umringt von
vielen Kindern, die plötzlich von irgendwoher aufgetaucht sind. Einige
wollen sofort einen Dirham geschenkt haben und strecken mir ihre schmutzigen
kleinen Hände entgegen. Andere wollen mir aus einer nahegelegenen Quelle
Trinkwasser verkaufen und ein besonders gewieftes Kerlchen will mir sogar seine
kleine Schwester verkaufen, wobei er beim verpflichtenden Handeln bis auf 50
Dirham heruntergegangen ist.
Ich gebe einem Jungen, der meine halbleere Wasserflasche an der Quelle mit
frischem kalten Wasser gefüllt hat, einen Dirham und mache mich wieder auf
den Weg. Ein kleines Mädchen verfolgt mich noch eine ganze Weile und will
unter allen Umständen auch einen Dirham bekommen. Also lasse ich mich
erweichen und gebe ihr eine Münze. Nach vier Stunden erreiche ich die
Koubba des Sidi Chamharouch in 2300 m Seehöhe. Die Baraka des
Heiligen kann Gnuns (böse Geister) vertreiben und auch die leidige
Unfruchtbarkeit heilen. Viele Pilger kommen jährlich hier herauf, um in der
Hütte des Schutzheiligen zu beten und ihm sein Leid zu klagen.
Am Abend schlage ich auf einem Felsrücken etwas oberhalb des Pfades
mein Nachtlager auf, koche aus dem mitgebrachten Gemüse eine kräftige
Suppe und beobachte einen grandiosen Sonnenuntergang, der den Himmel über
dem Atlas von einem leuchtenden Orange in ein farbenprächtiges Lila
wechseln läßt, bis die Nacht hereinbricht und die schwarze Silhouette
der Berge ganz verschwindet. Es ist hier oben auf 2400 m Höhe schon
ziemlich kalt, doch im Schlafsack ist es sich auszuhalten und ich beobachte im
Schein meines Lagerfeuers den sternenübersähten Nachthimmel.
Die ersten Sonnenstrahlen wecken mich, und ich nütze die kühlen
Morgenstunden um auf meinem Treck weiterzukommen. Lange schon habe ich nicht
mehr im Freien geschlafen und ich bin erstaunt, wie frisch und ausgeschlafen ich
mich fühle, nachdem ich die ganze Nacht auf dem harten Steinboden gelegen
hatte. Zur Mittagszeit komme ich an der Neltner-Hütte, auf einer
Seehöhe von 3200 m, wo schon einige Zelte von anderen Bergsteigern stehen,
an. Der Hüttenwirt verkauft Getränke, die eine willkommene Abwechslung
zum Quellwasser sind. Obwohl die Gegend so lebensfeindlich wirkt, muß ich
zu meiner Freude doch feststellen, daß es nirgends an frischem Wasser
mangelt. Beinahe überall kann man aus den kleinen Bächen und Rinnsalen
der Umgebung Trinkwasser schöpfen.
Den Nachmittag verbringe ich auf der idyllischen Wiese, unterhalb der
Neltner-Hütte. Gleich neben meinem Zelt sprudelt ein schmales
Rinnsal mit eiskaltem Wasser vorbei, und rund um mich grasen friedlich einige
Mulis, die die Hütte mit Proviant beliefern. In dieser Höhe ein Feuer
zu entfachen, stellt sich als schwierig heraus, weil es hier überhaupt kein
Brennholz gibt. Doch Not macht erfinderisch und so verbrenne ich Schachteln und
Zeitungen, die ich auf der Müllhalde hinter der Hütte gefunden habe.
Für kurze Zeit gelingt es mir, genügend Wärme zu erzeugen um ein
Essen zuzubereiten.
Schon am Nachmittag beginnt es wieder kalt zu werden und ich bin froh,
einen Pullover und eine Windjacke auf die Reise mitgenommen zu haben. Am Abend
entzündet der Hüttenwirt ein kleines Feuer zwischen den Zelten und es
dauert nicht lange, bis sich eine buntgemischte Gruppe aus europäischen
Bergsteigern und einheimischen Mulitreibern eingefunden hat, um in
fröhlicher Runde den Tag ausklingen zu lassen. Ich geselle mich dazu und
versuche den ausführlichen Geschichten der Einheimischen, die alle ein
bißchen Englisch sprechen, zuzuhören, was aber nicht immer
gelingt.
In der Hütte finden sich allerlei Trommel- und Schlaginstrumente, mit
denen wir noch bis spät in der Nacht musizieren, bis sich nach und nach die
Musikanten verabschieden und nur noch ein einziger Mann ein marokkanisches
Volkslied in arabischer Sprache singt. Müde verkrieche auch ich mich in
meinem Zelt und lausche noch eine Weile dem Gesang des Mannes. Als dann auch
seine Stimme verstummt, kehrt absolute Stille in das Lager ein.
Gegen fünf Uhr am Morgen erwache ich vor Kälte zitternd im Zelt.
Es wird gerade hell und im Lager ist noch kein Laut zu hören. Ich packe in
meinen Rucksack das Notwendigste für einen Tagesmarsch ein, lasse mein Zelt
neben dem Bach stehen und beginne mit dem Aufstieg auf den 4000er. In der
glasklaren und kalten Luft des Morgens marschiere ich sehr flott über die
ersten Geröllfelder bergan. Zusätzlich zum überwältigenden
Panorama beflügelt mich das geringe Gewicht des Rucksacks und die
Vorstellung, zum erstenmal auf einem 4000er zu stehen. Auf halber Höhe,
zwingt mich der aufkommende Wind zu einer Pause, die ich im Windschatten eines
großen Felsens dazu nütze, erst einmal kräftig zu
frühstücken. Eine halbe Stunde später läßt der Wind
etwas nach und ich setze meinen Aufstieg fort. Da ich mit meinem Rucksack eine
große Angriffsfläche für den Wind biete, versuchen mich immer
wieder vereinzelte Böen von den Beinen zu reißen.
In gut drei Stunden schaffe ich es doch, den Gipfelgrat zu ersteigen. In
einer Höhe von 4167 m steht ein dreibeiniges trigonometrisches Zeichen (es
gibt keine Gipfelkreuze im Land der Muslime), das 1931 vom französischen
Alpenverein errichtet wurde. Dieser Gipfel ist der höchste Nordafrikas. Der
Ausblick von diesem Punkt ist einzigartig und mit nichts zu vergleichen. Auf der
einen Seite sieht man in der klaren Luft über das marokkanische Tiefland,
wobei der Blick nach Westen bis zur Atlantikküste reicht. Im Norden ist der
Niedere Atlas zu erkennen, dessen 2000 Meter hohe Berge von hier oben ziemlich
flach aussehen. Im Südosten des Berges schweift der Blick bis weit in die
Sahara hinein und ganz deutlich sind vereinzelt kleine Flußoasen zu sehen,
die wie winzige grüne Punkte in der Ferne aussehen.
Obwohl ich warm angezogen bin und die Sonne vom wolkenlosen Himmel scheint,
friere ich, das mir die Zähne klappern. Ich schieße noch ein paar
Fotos und beginne gleich darauf mit dem Abstieg über den Nordwest-Grat.
Mit den abnehmenden Höhenmetern steigt auch die Temperatur wieder
deutlich an, was ich als sehr angenehm empfinde. Schon in der Nähe der
Neltnerhütte ist es wieder so warm, daß man an einem kleinen
Wasserfall im kalten Wasser eine Dusche nehmen kann. Danach fühlt man sich
wie neugeboren. Zu Mittag breche ich mein Lager auf der Wiese ab und folge dem
Treck um den Toubkal weiter über den Pass Tizi
n’Ouanoums (3664 m), zum Lac d’Ifni (2312 m). Auf dem Weg
dorthin sind oft spuren der letzten Eiszeit zu sehen, die vor zehntausend Jahren
dem Land seine Form gaben. Der Lac d’Ifni ist ein kleiner See, der
noch in dieser Zeit entstanden ist. Ein Bad im eiskalten Wasser ist zwar sehr
erfrischend, aber an ein Schwimmen ist dabei nicht zu denken. Das Nachtlager
bereite ich etwas abseits des Sees, weil ich annehme, daß die Temperaturen
am See in der Nacht noch tiefer sein werden.
Die folgenden Tage verbringe ich damit, auf dem relativ ebenen, restlichen
Wanderweg dahinzumarschieren, die wunderbare Landschaft in mich hineinzusaugen
und das Zigeunerleben zu genießen Dabei bin ich ständig damit
beschäftigt, die vielen Eindrücke, die in mich hineinfließen, zu
verarbeiten. Am Ende des Trecks gelange ich wieder nach Imlil, wo ich
mich im kleinen Terrassencafé einquartiere. Das Zimmer im ersten Stock
ist sehr sauber und eigentlich komfortabler als ich es mir vorgestellt habe. Ich
kann es gar nicht erwarten, endlich wieder mit warmen Wasser zu duschen und den
Dreck der vergangenen Tage abzuwaschen. Voller Vorfreude werfe ich meinen
Rucksack auf das Bett, schließe das Zimmer ab und verschwinde unter der
Dusche. Bei der Rückkehr ins Zimmer stelle ich erschreckt fest, daß
jemand herinnen war und sich an meinem Gepäck zu schaffen gemacht hat. Der
Inhalt meines Rucksacks ist auf dem ganzen Bett verstreut und meine Geldtasche
liegt geöffnet auf dem Fußboden. Ich möchte mich am liebsten
selber ohrfeigen, weil ich vergessen habe, die Geldtasche ins Bad mitzunehmen.
Zu meiner Verwunderung stelle ich fest, daß nur die großen Scheine
im Wert von umgerechnet etwa 2500 Schilling fehlen. Zum Glück hat der Dieb
die kleineren Scheine übersehen, die in einem Nebenfach steckten.
Außerdem sind meine Fotoausrüstung, der Reisepaß und mein
Zugticket unangerührt geblieben. Erst jetzt bemerke ich, daß eines
der Fenster nicht zu verschließen ist und genau davor steht ein
großer Baum, der als Leiter wie geschaffen ist. An der Rezeption bedauert
man zwar den Vorfall, jedoch macht sich niemand die Mühe, nach dem
Täter zu suchen. Nach anfänglichem Zorn gebe ich mich
schließlich damit zufrieden, ohnehin an einen recht humanen Gauner geraten
zu sein. Es hätte ja auch viel schlimmer kommen können. Trotzdem wird
das Geld auf dem Weg nach Hause zuwenig werden. Gleich Morgen in der Früh
will ich nach Rabat fahren und die österreichische Botschaft um Hilfe
bitten.
Am Abend zeigt man sich im Café dann aber doch sehr menschlich und
bietet mir ein reichhaltiges Abendessen, das ich nicht bezahlen brauche. Damit
ist mein Groll auch schon wieder verschwunden. Ich betrachte es als eine weitere
wichtige Erfahrung, die ich bis dato von Marokko nicht gekannt hatte. Mit einem
Stück Spagat habe ich in der Nacht das Fenster fest zugebunden, um eine
weitere Überraschung auszuschließen. Am Morgen stehen die Sammeltaxis
schon wieder abfahrbereit auf dem Marktplatz. Weil sowieso all diese Kleinlaster
nach Asni fahren, ist es auch wo ich aufsteige. Eine halbe Stunde
später setzt sich das Gefährt in Bewegung und rumpelt über die
steile Schotterstraße talwärts. An einer besonders steilen Stelle,
winkt ein Mann dem Taxler, um mitgenommen zu werden. Doch an ein Bremsen ist in
diesem Augenblick gar nicht zu denken. Rutschend versucht der Fahrer den LKW zum
Stillstand zu bringen, doch als sich das Auto gefährlich nahe an den
Abgrund heranschiebt, läßt er das Bremsen sein und fährt einfach
weiter. Erbost schleudert uns der wartende Mann einen Stein hinterher, was ihm
nur höhnisches Gelächter von der Ladefläche her einbringt. In den
engen und steilen Bergab-Kurven fällt es mir oft schwer, den Bremsen des
klapprigen Lasters zu vertrauen und ich kann nicht hinsehen wenn der Fahrer
schon zum wiederholten Mal ein Überholmanöver mit ungewissem Ausgang
riskiert. Heilfroh springe ich in Asni, von der Ladefläche und
suche, um keine Zeit zu verlieren, nach einem weiteren Taxi, das mich
zurück nach Marrakesch bringt.
Ein junger Mann bietet sich an, mir bei der Suche nach einem geeigneten
Taxi zu helfen. Und tatsächlich hat er auch gleich eines gefunden. Für
seine Dienste läßt er sich sogleich zwei Dirham ausbezahlen und mein
Bargeld schwindet unaufhörlich dahin. Jetzt bleibt mir nur noch etwas mehr
als das Fahrgeld nach Marrakesch, dann bin ich pleite. Außerdem stelle ich
mit einem Blick auf die Uhr fest, daß ich wahrscheinlich den Zug nach
Rabat gar nicht mehr erwischen werde. Diese Aussichten lassen meine Stimmung
wieder ein wenig sinken. Bei der Ankunft in Marrakesch sehe ich gerade noch wie
der Zug nach Rabat den Bahnhof verläßt. Auf der Anzeigetafel des
Bahnhofs entdecke ich, daß heute noch ein Zug nach Casablanca fährt
und mir fällt sofort Mohammed ein, der mir in dieser Situation helfen
könnte. Der Zug fährt erst in zwei Stunden.
Ich sitze vor dem Bahnhofsgebäude im Schatten einer Palme und versuche
nicht an den nagenden Hunger, der mich plötzlich befallen hat, zu denken.
Es ist schon eigenartig, daß man diese Art von Hunger nur dann
verspürt, wenn man genau weiß, daß nichts mehr zu Essen da ist.
Würde ich noch ein Stück altes Brot im Rucksack haben, wäre der
Hunger bestimmt nicht so groß. Eine Weile später krame ich im
Gepäck herum auf der Suche nach etwas Eßbarem. Doch ich weiß
schon vorher, daß nichts mehr da ist. Also warte ich ungeduldig auf die
Abfahrt der Bahn. Als würde mich das Schicksal prüfen wollen, setzt
sich eine ältere Frau genau gegenüber von mir hin und ißt einen
Apfel um den anderen. Auf der abendlichen Fahrt, muß ich irgendwann
eingeschlafen sein, denn ich bin sehr überrascht, vom Bahnhofslärm
Casablancas geweckt zu werden.
Beim Betreten der abendlichen Stadt kommt mir alles sehr vertraut vor, als
ob ich hier zu Hause wäre. Den Weg zur Familie Taoussile finde ich sofort
und Riza öffnet mir die Tür. Sie freut sich wirklich, mich
wiederzusehen und trommelt sofort das ganze Haus zusammen, damit alle mich
begrüßen können. Ich muß in allen Einzelheiten
erzählen, was ich so alles erlebt habe und alle hören gespannt zu, wie
Mohammed meine Erzählung übersetzt. So erfahren sie erst ganz zum
Schluß, warum ich wieder zu ihnen gekommen bin. Sofort will mir
Mohammed’s Mutter Geld leihen und holt ihr Erspartes aus einem Kasten in
der Wand, doch ich lehne entschieden aber höflich ab. Mohammed versucht ihr
zu erklären, daß ich morgen in Rabat ohnehin mein Geld bekomme, doch
die Vorstellung, daß ich ohne Geld nach Rabat fahren werde,
läßt die gute Frau nicht zur Ruhe kommen. Das Thema ist erst beendet
als die braven Töchter des Hauses mit dem Abendessen den Raum betreten.
Erst jetzt merke ich, daß ich schon eine ganze Weile nicht mehr an den
Hunger gedacht habe. Nach dem Essen ziehe ich mich bald zurück und ich bin
froh, nicht mehr alleine zu sein.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen steckt mir Mutter
Taoussile einen 50 Dirham-Schein zu und besteht darauf, daß ich ihn
annehme. Dankend stecke ich das Geld ein. Der Abschied von der netten Familie
fällt mir auch diesmal wieder recht schwer, weil ich in ihnen inzwischen
echte Freunde sehe, auf die ich mich verlassen kann. Vor dem Hauseingang begegne
ich Hamila, der Tochter des Nachbarn und ich erzähle ihr von meinen
Erlebnissen. Kurz entschlossen begleitet sie mich zum Bahnhof und erzählt
mir dabei wie schwierig es ist, als Frau in einem muslimischen Land zu leben, in
dem die Männerwelt das Sagen hat. Der Mann, so sagt sie, hat
‘seine’ Moschee und ‘seinen’ Gott. Die Frau ist
überall auch in der Religion nur zweite Wahl. In den modernen Städten
sind inzwischen die Schleier schon gefallen und die moderne Frau nimmt sich auch
kein Blatt mehr vor den Mund, doch sind diese Frauen bestimmt in der Minderheit.
In der traditionellen marokkanischen Gesellschaft ist die Frau als Tochter
Sklavin im Elternhaus, als Ehefrau Sklavin im Haus ihres Gatten. Oft hat die
Frau eine vom Leben enttäuschte Schwiegermutter zu ertragen, die sich das
Recht nimmt, sie zu schlagen, und über das Ehepaar zu entscheiden, die Ehe
in Frage zu stellen und sogar den Ehevertrag zu zerreißen. Inzwischen sind
wir am Bahnhof angekommen. Ich merke natürlich, daß Hamila sehr gerne
mit nach Europa fahren würde, doch ich möchte sie in ihrem Wunsch
nicht ermutigen und lenke vom Thema ab. Ich wünsche ihr zum Abschied,
daß sie keine der traditionellen Ehefrauen wird. Lange noch winkt sie dem
abfahrenden Zug hinterher. Ich weiß, daß sie nicht zur großen
Masse gehört und daß sie ihren Weg machen wird. In Gedanken
wünsche ich ihr sehr viel Glück. Am Bahnhof von Rabat merkt man ganz
deutlich, daß man sich hier in einer Stadt befindet, in der der König
residiert. In der riesigen Empfangshalle sind drei überdimensionale Bilder
von König Hassan und seinen beiden Söhnen aufgehängt.
Überall spiegelt sich der blanke Marmor und die reiche Ornamentik der
Deckenfriese ist größtenteils vergoldet. Nirgendwo ist ein
Stäubchen zu finden. In den Straßen der marokkanischen Hauptstadt
herrscht zwar das gleiche Bild wie in Casablanca, jedoch ist Rabat noch eine
Spur sauberer. Mit dem Geld von Mutter Taoussile besteige ich ein Taxi und lasse
mich zur Ambassade d’Autriche in die Rue de Tiddes
chauffieren, die ich ohne Hilfe wahrscheinlich erst nach Stunden gefunden
hätte. In der Botschaft zeigt man sich zuerst sehr passiv, weil es
inzwischen Freitag nachmittag geworden ist und weil man befürchtet,
daß in Wien sowieso keiner mehr arbeiten wird. Erst als eine freundliche
Sekretärin der grantigen Botschafterin die Sache in die Hand nimmt, beginne
ich wieder Hoffnung zu schöpfen, daß ich heute vielleicht doch noch
mein Geld bekomme. Zuerst erfolgt ein Anruf beim Bundeskanzleramt in Wien, das
wiederum das Postamt in meiner Heimatgemeinde verständigt. Danach
telefoniert die Sekretärin mit meinen Eltern, die meine 2500 Schilling auf
dem Postamt an das Bundeskanzleramt überweisen und als das Kanzleramt
schließlich die Bestätigung der Einzahlung erhält, bekomme ich
mein Geld auf der Botschaft in Rabat ausgehändigt. Zu meinem Schaden
muß ich jetzt auch noch die Telefonate bezahlen. Na ja!
Die Nacht verbringe ich in einer einfachen Herberge, in der es aber ein
ausgezeichnetes Fischrestaurant gibt.
Der nächste Tag ist der letzte der mir noch zur Verfügung steht,
ehe ich mich wieder auf die Heimreise machen muß. Nach meinem Streifzug
durch die Stadt stehe ich plötzlich am Strand, wo der Atlantik mit hohen
Wellen gegen die Küste rollt. Ich mache einen ausgedehnten
Strandspaziergang und lasse dabei meine Erlebnisse in diesem wunderschönen
Land noch einmal revue-passieren. Vom Strand gehe ich durch die Medina, die
genauso verwinkelt und unübersichtlich ist wie in den anderen Städten,
die ich kennengelernt habe, und komme auf der anderen Seite der Altstadt, durch
das Bab Zaer wieder aus dem Trubel heraus. Unweit vom Tor liegt die
Totenstadt Chellah, die einst von den merinidischen
Wüstensöhnen im 13. Jahrhundert errichtet worden war. Sie haben zu
ihrer Zeit den gesamten Maghreb erobert und mauserten sich unter dem
Eindruck höfischen Wohllebens von rauhen Nomaden zu kultivierten
Städtern. Das bezeugt auch das reich ornamentierte Tor der merinidischen
Totenstadt. An dieser Stelle errichteten auch schon die Römer ihren
westlichsten Außenposten und gaben ihm den Namen Sala Colonia, von
dem auch heute noch einige Reste zu sehen sind. Die hohen Mauern schirmen heute
ein Gartenidyll von der Großstadthektik ab. Unter den blühenden
Sträuchern, die den abwärts zu den Gräbern führenden Weg
säumen, fallen die weißen trompetenähnlichen Blüten des
Stechapfels auf. Weil sie giftig ist, nennen die Einheimischen die Pflanze gerne
auch Schwiegermutterbaum.
Weiter bergab gelangt man zu einem Olivenhain mit zahlreichen
Heiligengräbern, die der Volksislam in magische Verbindung mit der
benachbarten Quelle der Heiligen Aale bringt. An dieser Stelle soll zur
Römerzeit eine Therme und Jahrhunderte später ein muslimisches
Badehaus gestanden haben. Die hohen Stampflehmmauern bergen die Ruine der
Grabmoschee der Meriniden. Nur eine ganz schlichte Marmorleiste bedeckt, mit
Arabesken und Koransuren markiert, das Grab des ‘Schwarzen Sultans’
Abu el Hassan, dessen zwanzigjährige Regierungszeit von seinem
eigenen Sohn gewaltsam beendet wurde.
Eine später errichtete Koranschule liegt direkt neben der Grabmoschee
und ist dem unaufhörlichen Verfall geweiht. Das mit Mosaiken verkleidete
Minarett dient heute nur noch den Störchen als Nistplatz.
Einige Zeit verbringe ich noch unter dem kühlen Blätterdach der
ungestört dahinwuchernden Bäume und Sträucher, bevor ich mich
wieder auf den Weg in die Stadt mache. Über eine breite Prachtstraße
gelange ich direkt vor den Königspalast, dem Zentrum der Macht im
Maghrib. Der Paradeplatz ist umgeben von einem
Hain afrikanischer Tulpenbäume, deren orangefarbenen Blüten die
Form von Tigerkrallen haben. Davor steht die Moschee el Faeh, die jeden
Freitag vom Hofstaat zum Mittagsgebet aufgesucht wird. Wenn der König an
der Prozession teilnimmt, reitet er hoch zu Roß zur Moschee und fährt
mit einer prunkvollen Kalesche zurück zum Dar el Makhzen
(Königspalast). Neben den königlichen Gemächern sind auch die
Amtsräume des Premierministers, das Religionsministerium, das
Gerichtsgebäude, die Gardekaserne und die Eliteschule, in der die Prinzen
unterrichtet und untergebracht werden. Ungefähr 2000 Palastbeamte leben
hier, zu deren Tracht auch der rote Fez gehört. Den Eingang zum
Machtzentrum bewacht die schwarze Leibgarde des Königs.
Am Abend mache ich mich dann auf den Weg zum Bahnhof um nach Tanger
zu fahren. Dabei begleitet mich eine lustige Schar von Kindern, die ständig
herumhüpfen und scherzen. Obwohl wir keine gemeinsame Sprache sprechen,
haben wir bald Freundschaft geschlossen und sie lassen mich nicht aus den Augen
bis ich in den Zug einsteige und ich ihnen zum Abschied, aus dem Fenster
zuwinke.
Tags darauf betrete ich die Fähre, die mich in Algeciras in die
europäische Wirklichkeit zurückbringen wird. Beim Anblick der Stadt
Tanger, die sich über einen nahegelegenen Hügel erstreckt,
kommt mir der Gedanke, daß ich erst einen winzigen Teil dieses Landes
gesehen habe und somit steht fest, daß ich nicht zum letzten Mal hier
gewesen bin. Das Schiff legt ab und das Königreich, in dem die Zeit still
zustehen scheint, bleibt in seinem Traumzustand hinter mir liegen.
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