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NATO - North Atlantic Treaty Organization
NATO - North Atlantic Treaty
Organization
Nach Ende des 2. Weltkrieges im August 1945, nach der
Kapitulation Japans, gab es tiefgreifende Änderungen in der Weltgeschichte.
Es begann nicht nur das “Atomwaffenzeitalter” sondern auch der
“Ost-West-Konflikt”. Die Gründung des westlichen
Verteidigungsbündnisses NATO stellte eine unmittelbare Reaktion auf die
Bedrohung aus dem Osten dar.
Entstehungsphase (1945-49)
Großbritanniens Außenminister Ernest Bevin
einigte sich im Dezember 1947 mit dem französischem Außenminister
Georges Bidault auf die Gründung einer westeuropäischen
Sicherheitsgemeinschaft.. Mit diesem Bündnis wollten die Politiker die USA
für ein stärkeres Engagement in Europa gewinnen. Die amerikanische
Regierung hatte nämlich zu erkennen gegeben, daß ohne eine derartige
Vorleistung kein Bündnis zustande kommen würde. Daran waren jedoch
Frankreich und Großbritannien sehr interessiert, da die Furcht vor dem
wachsenden Einfluß der UdSSR wuchs. In der Tschechoslowakei hatten die
Kommunisten am 22.2 durch einen Staatsstreich die Macht an sich
gerissen.
Die Verhandlungen über eine Westunion nahmen rasch
Gestalt an. Mit den Franzosen einigten sich die Briten in den darauffolgenden
Wochen auf eine Erweiterung des “Vertrags von Dünkirchen”. Mit
diesem Vertrag hatten Großbritannien und Frankreich am 4. März 1947
einen Beistandspakt für den Fall eines erneuten Angriffs Deutschlands
geschlossen. Zu den Gesprächen über den neuen Vertrag zog man Belgien,
Niederlande und Luxemburg hinzu. Diese 5 Länder schlossen dann am 17.3.48
den “Brüsseler Vertrag”, in dem sie nicht nur politische und
wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern auch kollektive Verteidigung
vereinbarten. Der Vertrag beinhaltete automatische Beistandspflicht.
Der Beistandspakt stellte für die Europäer die
Basis dar, um mit den Vereinigten Staaten und Kanada ein atlantisches
Bündnis etablieren zu können. Schon im April 1948 nahmen die drei
Regierungen Gespräche auf. Es gab allerdings noch keine genauen Pläne,
wie ein solches Sicherheitssystem aussehen müßte. Nur soviel stand
fest: Es sollte an die Seite der Westunion treten.
Dies wurde nicht sofort von der Regierung Trumans
realisiert, da es starke Vorbehalte aufgrund der außenpolitischen
Tradition der USA gab, keine Militärallianz in Friedenszeiten einzugehen.
Erst als am 11.6.48 vom amerikanischen Senat die
“Vandenberg-Resolution” verabschiedet worden war, war
Verfassungsrechtlich der Weg frei. Einen ersten Höhepunkt erreichten die
Spannungen zwischen Ost und West mit der “Berlin-Blockade” am
24.6.48. Diese drastische Maßnahme der Sowjetunion löste im Westen
einen weiteren Schock aus, denn man befürchtete, daß sowjetische
Truppen in Westdeutschland einmarschieren könnten. Die Gespräche
über ein nordatlantisches Verteidigungsbündnis wurde nun mit Nachdruck
gefordert. Ab Juli 1948 beteiligten sich auch Frankreich und die
Benelux-Staaten. Am 10.12.48 begannen die offiziellen Verhandlungen zwischen den
fünf Staaten der Westunion, den USA und Kanada.
Währenddessen lief das 1948 auf dem Hintergrund des
Marshall-Plans initiierte “Europäische-Wiederaufbau-Programm”
(ERO - European Recovery Programme) auf Hochtouren. Dieses Angebot der
finanziellen und wirtschaftlichen ERP-Hilfe richtete sich auch an die
osteuropäischen Staaten, doch die Sowjetunion untersagte diesen die
ERP-Mittel anzunehmen. Um einen Ausgleich zu schaffen, schloß die UdSSR
mit Bulgarien, Polen, Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei im Januar
1949 einen Vertrag über wirtschaftliche Zusammenarbeit bzw. die Errichtung
eines “Rats für gegenseitige
Wirtschaftshilfe”.
Auch in Skandinavien beobachtete man diese Aktionen mit
großer Besorgnis. Die Verhandlungen über ein regionales
Verteidigungsbündnis zwischen Dänemark, Norwegen und Schweden
scheiterten im Januar 1949, da Schweden neutral bleiben wollte. So kam es,
daß die Regierungen Dänemarks und Norwegens, daß ihnen am
15.3.49 unterbreitete Angebot, dem geplanten Nordatlantikvertrag beizutreten,
bereitwillig an - ebenso wie Italien, Portugal und Island.
Die Auswahl der Beitrittsstaaten kam nicht zufällig
zustande. Sie waren strategisch wichtig, und nicht kommunistisch geführt.
Die irische Regierung lehnte ihren Beitritt mit dem Verweis auf die
Neutralität des Staates und das von britischen Truppen besetze Nordirland
ab. Am 4.4.49 unterzeichneten die Außenminister von 12 Staaten in
Washington den Nordatlantikvertrag. Damit gingen 10 westeuropäische
Staaten, die USA und Kanada zu Friedenszeiten ein Militärbündnis ein.
Als Geburtsstunde der NATO (North Atlantic Treaty Organization) kann man also
den 4.4.49 bezeichnen.
Aufbauphase (1949 - 55)
Es dauerte nur vier Monate, bis alle Parlamente den
Nordatlantikvertrag ratifiziert hatten. Am 24. August 49 trat er
schließlich in Kraft, jedoch dachten die Bündnispartner im ersten
Jahr nach Vertragsabschluß noch nicht ein enges institutionelles Geflecht
oder eine militärische Organisation aufzubauen. Doch schon bald sollte die
militärische Zusammenarbeit beginnen: Im Juni überfielen
kommunistische Truppen Nordkoreas den Südteil des Landes. Auch wenn die
Sowjetunion an dem Überfall auf Südkorea nicht direkt beteiligt war,
so bestand bei den Allianzstaaten Einigkeit darüber, daß Nordkorea
ohne Rückendeckung aus Moskau einen derartigen Angriff nicht gewagt
hätte. Dies warf die Frage auf, ob es nicht auch in Deutschland, das
zwischen Ost und West gelegen war, zu einem neuen Krieg kommen könnte. Um
für einen solchen Fall gewappnet zu sein, beschloß der
Nordatlantikrat kurze Zeit später den Aufbau einer gemeinsamen
NATO-Streitmacht und die “Vorwärtsstrategie”. Die als
“MC 14/1” bezeichnete Militärstrategie sah vor, einen Angriff
der Roten Armee soweit im Osten wie möglich abzuwehren, also in
Deutschland. Jedoch war das Problem bei einer Vorwärtsverteidigung,
daß man über zu wenig Waffen und Soldaten verfügte. Schnell
wurde klar, daß ein westdeutscher Verteidigungsbeitrag notwendig
war.
Diesem Vorhaben stand allerdings das “Petersberger
Abkommen” vom November 1949 im Wege, in dem sich Deutschland
verpflichtete, keine bewaffneten Streitkräfte aufzustellen. Im Dezember
1950 erteilte der Nordatlantikrat den drei Besatzungsmächten der
Bundesrepublik den Auftrag, zusammen mit der Bonner Regierung Lösungen
für das Problem zu erörtern. Die Gespräche begannen im Januar
1951 und standen unter einem klaren Vorsatz: Die Zustimmung zum Aufbau
westdeutscher Streitkräfte käme nur in Frage, wenn die Bundesrepublik
fest in das westliche System integriert werden würde. Jedoch machte
besonders Frankreich der Gedanke an ein wiederbewaffnetes Deutschland Angst. Der
französische Ministerpräsident René Pleven plädierte
deshalb am 24. Oktober 1950 dafür, eine europäische Streitmacht
aufzustellen, die unter einem einheitlichen politischen und militärischem
Kommando stehen sollte. Die Absicht dieses “Pleven-Plans” war, das
westdeutsche Militär einer Kontrolle zu unterwerfen.
Die Briten und die Amerikaner befürchteten, daß
eine Europaarmee die NATO schwächen könnte. Desweiteren hielt man es
für unpraktikabel, Soldaten verschiedener Länder in gemischten
Verbänden zusammenzuführen. Auch die Bundesregierung lehnte den
Pleven-Plan zunächst ab. Erst nachdem man in Paris das umstrittene
Integrationsmodell fallen ließ und sich mit einer deutschen Division
einverstanden erklärte, stimmten die Bündnispartner zu, und die
Verhandlungen über eine “Europäische
Verteidigungsgemeinschaft” (EVG) konnte beginnen. Eine Einigung war
dringend notwendig, da ohne deutsche Soldaten der rasche Aufbau starker
Kräfte vor dem Eisernen Vorhang nicht hätte gelingen können. Doch
selbst mit dieser Aufrüstung hätte das westliche Bündnis den
Umfang der vorhandenen konventionellen Waffen der Sowjetunion und der von ihr
dominierten osteuropäischen Staaten nicht erreicht.
Die EVG-Verhandlungen näherten sich im Frühjahr
´52 dem Ende. Um eine Westbindung Deutschlands zu verhindern, schickte die
sowjetische Regierung am 10.3.52 die erste von insgesamt vier
“Stalin-Noten” an die drei Westmächte. Darin machte Moskau das
Angebot, daß sich beide deutsche Staaten vereinigen könnten,
vorausgesetzt der Gesamtstaat erkläre seine Neutralität. Bundeskanzler
Konrad Adenauer lehnte den Vorschlag jedoch ab, da er befürchtete,
daß ein neutrales Deutschland in den Sog des Sowjetreichs geraten
würde. Auch die Westmächte waren gegen eine Vereinigung. Die
Unterzeichnung des EVG-Vertrags am 27.5.52 zwischen den Benelux-Staaten,
Frankreich, der Bundesrepublik und Italien konnte die UdSSR also nicht
verhindern. Zwischen dem EVG-Vertrag und dem einen Tag zuvor unterzeichneten
“Deutschlandvertrag” bestand ein Junktim: Erst wenn alle Parlamente
den EVG-Vertrag akzeptiert hätten, würde die Bundesrepublik ihre
Souveränität erhalten.
Der EVG-Vertrag scheiterte jedoch an der französischen
Nationalversammlung, die die Ratifizierung Ende August 1954 wegen großer
Vorbehalte gegen ein wiederbewaffnetes Deutschland ablehnte. Desweiteren waren
sie nicht zu einem teilweisen Souveränitätsverzicht bezüglich der
Befehlsgewalt über die Streitkräfte bereit, den der EVG-Vertrag
verlangt hätte. Somit konnte der Deutschlandvertrag nicht in Kraft treten
und die Bundesbürger mußten weiterhin auf ihre staatliche
Unabhängigkeit warten. Auf Grundlagen dieser Initiative unterzeichneten am
23. Oktober 1954 die Mitglieder der Westunion, die Bundesrepublik und Italien
die “Pariser Verträge”. Zu deren wesentlichen Bestimmungen
gehörte es, daß:
- Frankreich, Großbritannien und die USA ihre
Besatzungsstatut in der Bundesrepublik Deutschland beendeten, die damit ihre
Souveränität erlangen konnte, gleichzeitig stimmte Westdeutschland der
Stationierung von Truppen der NATO-Staaten zu;
- die Westunion sowie die Bundesrepublik und Italien die
“Westeuropäische Union” (WEU) gründeten, die dem
NATO-Oberkommando unterstellt wurde;
- Die Bundesrepublik eingeladen wurde, der NATO beizutreten
und ihre Truppen zur Verfügung zu stellen; Westdeutschland verpflichtete
sich, keine atomaren, biologischen und chemischen Waffen (Abc-Waffen)
herzustellen.
Diese Verträge ratifizierte auch das französische
Parlament. Am 5.5.1955 wurde die Bundesrepublik in die Unabhängigkeit
entlassen; am 9.5. wurde sie das 15. NATO-Mitglied. Die Türkei und
Griechenland waren am 18. Februar 1952 beigetreten. Im eigenen Land setzte
Adenauer den Beitritt gegen heftigen Widerstand durch. Die Sowjetunion hatte bis
zuletzt versucht, den Beitritt der Bundesrepublik zur NATO zu verhindern. So
rechtfertigte sie mit der deutschen Mitgliedschaft offiziell die am 14.5.55
erfolgte Gründung der Warschauer-Vertrags-Organisation (WVO). Der NATO
stand nun ein östlichen Bündnis gegenüber. Als Legitimation
für diesen Schritt diente der Sowjetunion der von der NATO verneinte
Aufnahmeantrag, den die sowjetische Regierung am 31.3.54 gestellt
hatte.
Die Konsolidierungsphase (1955-66)
Bereits kurz nach Abschluß der Aufbauphase belastete
die Suez-Krise das Bündnis. Der ägyptische Präsident Gamal Abd el
Nasser verstaatlichte im Juli 56 den für den internationalen Schiffsverkehr
wichtigen Suezkanal. Dadurch schien die freie Durchfahrt gefährdet. Im
Kreis der NATO-Mitglieder kam es zu keiner Einigung, wie auf die Situation zu
reagieren sei. Schließlich landeten britische und französische
Truppen in Port Said an der Kanalmündung. Großbritannien und
Frankreich, die ihren Einfluß in der Region sichern wollten, hatten jedoch
die USA von diesem Schritt nicht unterrichtet. Unter dem Druck der USA und der
UNO mußten die beiden Westmächte ihre Soldaten wieder abziehen. Diese
Krise offenbarte den noch schwach ausgeprägten Konsultationsprozeß in
der NATO. Deswegen nahm der Nordatlantikrat im Dezember 56 die in dem Bericht
der “Drei Weisen” (ein von drei Außenministern gebildeter
Ausschuß) gemachte Empfehlung an: Der Konsultationsmenchanismus sollte
intensiviert, Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern friedlich beigelegt
werden.
Während sich die Beziehungen untereinander
verbesserten, verschlechterten sich die Beziehungen zum “Ostblock”.
Mit dem gewaltsamen Niederwerfen des Volksaufstandes in Ungarn Anfang November
1956 stellte die Sowjetunion unter Beweis, daß sie nicht gewillt war,
demokratische Tendenzen in den osteuropäischen Staaten zu dulden. In den
westeuropäischen Staaten jedoch wurde die Furcht vor der kommunistischen
Supermacht um so größer. Der Ausbau des sowjetischen
Atomwaffenpotentials tat sein übriges. Auf die neuen militärischen
Gegebenheiten reagierte die NATO im März 1957 dadurch, daß sie die
US-Militärstrategie der “massiven Vergeltung” von 1954 leicht
abgeändert als “MC 14/2” übernahm. Nach dieser Strategie
sollten konventionelle Kräfte und taktische Atomwaffen einen
“Schild” bilden, um begrenzte Angriffe abzuwehren. Einen
konventionell geführten Großangriff hätte die NATO mit einem
massiven Einsatz strategischer Atomwaffen (“Schwert”)
beantwortet.
Genauso wie Stalin setzte auch der nachfolgende Kremlchef
Nikita Chruschtschow auf einen Konfrontationskurs gegenüber dem Westen. Mit
der Aufforderung an die Westmächte, binnen 6 Monaten ihre Truppen aus
West-Berlin abzuziehen, löste er im November 1958 eine neue Krise um Berlin
aus. Der westliche Teil Berlins sollte entmilitarisiert und von der
Bundesrepublik Deutschland eine unabhängige freie Stadt werden. Die
Westmächte lehnten dies jedoch ab und im März 1959 lenkte
Chruschtschow ein.
In den sowjetische “Satellitenstaaten” kam es
immer wieder zu schweren Krisen, und immer mehr Bürger flohen aus der DDR.
Um dies zu stoppen ergriff die Staatsführung am 13.8.61 die drastische
Maßnahme und baute trotz Protest der NATO-Staaten, zwischen Ost- und
West-Berlin eine Mauer. Den Höhepunkt der Blockkonfrontation wurde im
Herbst 1962 erreicht. In diesem Jahr hatte die Sowjetunion auf der Karibik Insel
Kuba mit dem Bau von Abschußanlagen für Atomraketen begonnen. Als
US-Präsident John F. Kennedy dies am 14. Oktober erfuhr, forderte er den
unverzüglichen Abzug der Raketen und Stellungen. Einige Tage lang stand die
Welt am Abgrund eines atomaren Schlagabtausches zwischen den Supermächten.
Die Gefahr eines Atomangriffs der USA vor Augen gab Chruschtschow am 28. Oktober
den Abbau der Stellung und den Rücktransport der Raketen bekannt. Im
Gegenzug sicherten die USA den Abzug der in der Türkei stationierten
Atomraketen zu, die die Sowjetunion bedroht hatten. Aufgrund dieser Krise
wollten die USA das Projekt einer Multilateralen Atomstreitmacht verwirklichen.
Der Staatspräsident Charles de Gaulle kündigte daraufhin am 10.3.66
offiziell an, daß Frankreich bereits zum 1. Juli seine Streitkräfte
wieder unter nationalen Oberbefehl stellen werde. Dies bedeutete den
Rückzug aus der militärischen NATO-Organisation und den Abzug aller
NATO-Institutionen aus Frankreich bis zum 1.4.67. Die Mitgliedschaft in der
Allianz blieb jedoch unberührt und de Gaulle versicherte, daß
Frankreich auch künftig zu seiner Beistandspflicht stehen
würde.
Der Beginn der Entspannungspolitik
(1967-75)
Auch wenn der Austritt Frankreichs aus der
Militärorganisation keine ernsthaften negativen Folgen für das
Bündnis nach sich zog, so wurde befürchtet, daß Frankreich die
Allianz 1969 möglicherweise ganz verlassen könnte. Der belgische
Außenminister Pierre Harmel nahm dies zum Anlaß, um im Dezember 1966
die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zu empfehlen, die die künftigen Aufgaben
der NATO untersuchen sollte. Ein Jahr später nahm der Nordatlantikrat den
Harmel-Bericht an. Neben der Verteidigungspolitik war nun die
Entspannungspolitik ein gleichwertiger Bestandteil der künftigen
NATO-Politik. Bei ihrer Tagung im Dezember 1967 trafen die NATO-Mitglieder noch
eine weitere wichtige Entscheidung, indem sie die neue
NATO-Militärstrategie verkündeten. Die “flexible
Erwiderung” sah vor, daß die Allianz bei einem Angriff flexibel
reagieren werde, also sowohl mit konventionellen Waffen als auch mit
Atomwaffen.
Der erste unmittelbare Ausdruck des
“Harmel-Geistes” war der vom Rat Ende Juni 1968 an die UNO
geschickte Vorschlag, in Gespräche über beidseitige und ausgewogene
Truppenreduzierung einzutreten. Nach dem Einmarsch von WVO-Truppen in die
Tschechoslowakei am 21. August nahm die NATO aber wieder Abstand von diesem
Plan.
Eine sichtliche Verbesserung der Ost-West-Beziehungen trat
ab 1969 ein. Die WVO-Staaten starteten im März 69 die Initiative für
eine Konferenz über die Sicherheit in Europa. Bei den NATO-Staaten
stieß dies auf Wohlwollen und sie kamen überein, mit der WVO
Gespräche über eine solche Konferenz zu führen. Im Zeichen der
Entspannungspolitik kam es zur
Unterzeichnung einiger Verträge, dazu
gehörten:
- das am 3.9.71 zwischen den USA, GB, F und der UdSSR
unterzeichnete “Viermächteprotokoll”, das erstmals das
Verhältnis zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik
regelte
- das “Interimsabkommen zur Begrenzung strategischer
Offensivwaffen” und der “Vertrag über die Begrenzung von
Raketen-Abwehr-Systemen” zwischen den USA und der UdSSR, beide vom 26. Mai
1972.
- der “Vertrag über die Grundlagen der Beziehung
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR” vom 21.12.72, der die
innerdeutschen Beziehungen verbesserte.
- das am 22.6.73 von amerikanischer und sowjetischer Seite
unterschriebene “Abkommen zur Verhinderung eines Atomkriegs”, das
die Gefahr eines unbeabsichtigten Atomkriegs in Krisenfällen verhindern
sollte. Bereits 63 hatten die USA und die UdSSR ein Abkommen über die
Einrichtung eines “Heißen Drahts” zwischen beiden
Präsidentenbüros beschlossen (“Rotes
Telefon”)
Das durch diese Verträge verbesserte Klima
beeinflußte nachhaltig die zwischen der NATO und der WVO geführten
Gespräche über eine europäische Konferenz zum Thema Sicherheit.
Die erste Phase der “Konferenz über die Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa” (KSZE) fand vom 3. Bis 7. Juli 73 in Helsinki statt. Daran
nahmen alle Staaten der beiden Bündnisse NATO und WVO sowie die neutralen
Staaten Europas teil. Die von der NATO angelegten Verhandlungen mit der WVO
über “beiderseitig ausgewogene Truppenverminderung” starteten
am 30. Oktober 73. Zur Halbzeit dieses Gesprächs verschärfte sich die
politische Lage zwischen den beiden NATO-Mitgliedern Griechenland und
Türkei dramatisch. Auslöser war zum wiederholten Male der
Zypernkonflikt. Ungeachtet dessen nahmen beide Länder an den
KSZE-Verhandlungen teil, die im Sommer 1975 mit der von Staats- und
Regierungschefs der 35 Teilnehmerstaaten verabschiedete KSZE-Schlußakte
ihren ersten Abschluß fanden.
Bereits kurz nach Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte
belastete abermals ein Konflikt zwischen zwei NATO-Mitgliedern das Bündnis.
Das von den Fischbeständen in seinen Hoheitsgewässern wirtschaftlich
abhängige Island erweiterte 1975 sein Hoheitsgebiet auf dem Meer von 50 auf
200 Seemeilen, um einer Überfischung, besonders durch britische und
deutsche Trawler, vorzubeugen. Als aber 1975 britische und deutsche Trawler in
die 200-Meilen-Zone eindrangen, beschossen isländische Küstenwachboote
einige Schiffe. Großbritannien entsandte daraufhin zum Schutz seiner
Fangflotte Kriegsschiffe. Daraufhin drohte Island mit dem Austritt aus der NATO.
Um das zu verhindern, einigten sich im November 1975 unter Vermittlung der NATO
die deutsche und die isländische Regierung schließlich auf eine
Begrenzung der Fangmenge. Großbritannien lenkte erst im Juni 1976 ein,
nachdem Island zwischenzeitlich die diplomatischen Beziehungen zum
Königreich abgebrochen hatte.
Der NATO-Doppelbeschluß
(1976-84)
Die KSZE-Schlußakte war Ausdruck eines merklich
verbesserten Verhältnisses zwischen den beiden Blöcken. Jedoch blieb
der Eiserne Vorhang weiterhin geschlossen. Mißtrauen beherrschte weiterhin
die Politik, was sich auch an der Aufrüstung zeigte.
Die Sowjetunion hatte bis Mitte der 70er Jahre im Bereich
der interkontinentalen strategischen Atomwaffen mit den USA gleichgezogen. Eine
andere Kategorie von Atomwaffen bedrohte Westeuropa. Die landgestützten
Mittelstreckenraketen vom Typ “SS-20”. Ab 1977 stationierte die
UdSSR auf ihrem Gebiet diese neue Atomrakete, in deren Reichweite von ca. 4600
km die europäischen NATO-Staaten lagen. Die NATO hatte der SS-20 nichts
entsprechendes entgegenzusetzen. Im Ernstfall eines Angriffes hätten die
USA einen Angriff zwar mit ihren Atomwaffen vergelten können, jedoch
hätte dies einen sowjetischen Atomschlag gegen die USA zur Folge gehabt.
Aufgrund dessen sahen die Europäer die amerikanischen Schutzgarantien
wieder skeptisch an, und die NATO prüfte auf Initiative des deutschen
Bundeskanzlers Helmut Schmidt die verschiedenen Optionen, wie sie reagieren
könnte. Das Ergebnis war der im Dezember 1979 gefaßte
NATO-Doppelbeschluß. Dieser besagte, daß die NATO in Europa
Atomraketen stationieren werde, darauf aber verzichten würde, wenn die
UdSSR zu Verhandlungen über INF-Waffen bereit wären. Dies scheiterte
jedoch, und es begannen die Stationierungen der Raketen.
Das Ost-West-Verhältnis kühlte nun zu Anfang der
80er Jahre wieder deutlich ab. Verantwortlich dafür war der
NATO-Doppelbeschluß auf der einen, sowie der Einmarsch sowjetischer
Truppen in Afghanistan im Dezember 79 und die Verhängung des Kriegsrechts
in Polen zwei Jahre später auf der anderen Seite. Als unmittelbare Reaktion
auf die Invasion in Afghanistan setzten die USA im Januar 1980 das
Ratifizierungsverfahren für den SALT-II-Vertrag vom 18. Juni 1979 aus.
Dieses Abkommen sah die Begrenzung der Trägersysteme für Atomwaffen
auf jeweils 2250 vor. Hinzu kam, daß die Allianz mit der Nachrüstung
auf heftigen Widerstand in den von der Stationierung betroffenen Ländern
stieß (Deutschland, GB, Belgien, I, NL). Eine neue Friedensbewegung
entstand und erfaßte besonders in der Bundesrepublik weite Kreise der
Bevölkerung. War Sicherheitspolitik bis dahin ein Thema, für das sich
nicht viele Bürger interessiert hatten, so mußten die
Allianz-Mitglieder jetzt ihre Politik stärker rechtfertigen. Eine
unmittelbare Konsequenz bestand in einem erstmals im Mai 1982 von der NATO
vorgelegten “Streitkräftevergleich” zwischen dem westlichen
und dem östlichen Bündnis in dem die zahlenmäßige
Überlegenheit der WVO an konventionellen Waffensystemen und an
Mannschaftsstärke herausgestellt wurde. Der Vergleich stieß auf
heftige Kritik, da manche Truppenverbände auf Seiten der NATO (wie z.B.
die Spanischen Streitkräfte, die am 30. Mai 82 als 16. Mitglied beigetreten
waren) nicht berücksichtigt worden und die Zahlen für die WVO auf
Schätzungen beruhten.
Die beiden Verteidigungsgemeinschaften anführenden
Supermächte USA und UdSSR nahmen unterdessen 1982 Gespräche über
die Verringerung ihrer strategischen Atomwaffen auf (START
à Strategic
Arms Reduction Talk). Bis dahin ging es lediglich um eine Begrenzung der
Atomwaffenpotentiale der Supermächte, die längst über
“Overkill”- Kapazitäten verfügten. Das heißt, die
Sprengkraft reichte aus, um die gesamte Menschheit gleich mehrfach zu
töten. Ein halbes Jahr zuvor hatten sie bereits vor dem Hintergrund des
NATO-Doppelbeschlusses Verhandlungen über atomare Mittelstreckenwaffen
begonnen. Lange Zeit kam es zu keinem nennenswerten Fortschritt. Im Gegenteil.
Das Klima verschlechterte sich zunächst erheblich, als US-Präsident
Ronald Reagan im März 83 seinen Plan für eine “Strategische
Verteidigungsinitiative” (SDI
à Strategic
Defense Initiative) bekannt gab. Die USA würden zu Land und im Weltraum
Abwehrstationen errichten, die feindliche Atomraketen vor ihrem Wiedereintritt
in die Atmosphäre zerstören sollten. Dies kritisierten jedoch nicht
nur die WVO-Staaten, sondern auch die europäischen Partner der Vereinigten
Staaten. Sie befürchteten, daß sich die USA mit SDI einen Schild der
Unverwundbarkeit zulegen könnten, hinter dem sie ihrerseits keinen Schutz
finden. Neue Akzente setzten die USA in ihrer Verteidigungspolitik auch mit der
AirLand Battle-Doktrin. Gegen die auf militärische Stärke ausgelegte
Politik der amerikanischen Regierung und die sich abzeichnende
INF-Nachrüstung (Intermediate-Range Nuclear Force) demonstrierten im Herbst
1982 in der Bundesrepublik wie in anderen NATO-Ländern Hunderttausende von
Menschen (“Heißer Herbst”). Da die Verhandlungen keinen Erfolg
zeigten, begann die NATO am 23. November 83 mit der Nachrüstung. Die ersten
teile für die landgestützten Mittelstreckenwaffen vom Typ
“Cruise Missiles” trafen in Großbritannien und in der
Bundesrepublik ein. Die sowjetischen Unterhändler brachen daraufhin die
INF-Gespräche und START sowie die nunmehr acht Jahre dauernden
Verhandlungen über Truppenreduzierung (MBFR) ab. Der Konflikt zwischen den
USA und der UdSSR, der NATO und der WVO loderte ein weiteres Mal auf. Man
beschuldigte sich gegenseitig der nicht gerechtfertigten Aufrüstung und
schob der jeweils anderen Seite die Schuld für das Scheitern der
Abrüstungsverhandlungen zu.
Ein Lichtblick während dieser Zeit war der Beginn der
“Konferenz über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen
und Abrüstung in Europa” (KVAE): Am 17.1.84 begannen die Staaten der
KSZE in Stockholm darüber zu verhandeln, wie das Mißtrauen zwischen
Ost und West abgebaut werden könnte.
(Sebastian Nolte)
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