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Bernstein, Leonard: West Side Story (Musical)
ROMEO &
JULIA WESTSIDE
STORY
Es gibt auf dieser Welt wohl unzählige
Liebesgeschichten, aber niemals hat mich eine Erzählung so beschäftigt
wie jene von Julia und ihrem Romeo. Vielleicht liegt es an der Leidenschaft des
Begehrens oder der Bedingungslosigkeit der Liebe, warum mich Shakespeares
Tragödie fasziniert, auf jeden Fall bin ich dem Charme der Poesie, die in
jedem Wort mitschwingt, erlegen. Nicht umsonst ist es die bekannteste, wohl aber
auch traurigste romantische Tragödie. Viele schufen Filme darüber oder
versuchten dieses Thema modifiziert wiederzugeben, eine wahrhaft gleichwertige
Aufarbeitung des Stoffes gelang nicht. Selten wird die Qualität des
Originals in Nachfolgewerken erreicht, doch ein Schauspiel bewältigte
meiner Meinung nach diese Herausforderung:
Westside
Story.
1. INHALT
1.1. ROMEO &
JULIA
Im italienischen Verona leben um 1500 zwei angesehene
Familien, die seit jeher verfeindet sind. Romeo ist der einzige Sohn der
Montagues. Trotzdem will er einen Maskenball im Haus seiner Feinde, der
Capulets, besuchen. Dort trifft er auf Julia, die Tochter des Hauses. Die beiden
verlieben sich auf den ersten Blick ineinander und erfahren erst danach die
Identität des jeweils anderen. Trotz Unbehagens und obwohl Julia bereits
Graf Paris versprochen ist, halten sie vehement an ihrer Liebe fest und
beschließen zu heiraten. Die Amme des Mädchens, die vermittelt, und
Pater Lorenzo, der sie traut, sind die einzigen Eingeweihten. Tybalt, Julias
Vetter, hat Romeo und sein Gefolge am Ball erkannt und schwört Rache. Romeo
ist nicht bereit, gegen Tybalt zu kämpfen. Mercutio, Romeos bester Freund,
greift schließlich Tybalt an, um Romeo zu beschützen. Mercutio
stirbt. Romeo läßt den Tod seines Freundes nicht ungesühnt und
tötet Tybalt. Wegen dieser Tat verbannt ihn der Prinz von Verona nach
Mantua. Doch vorher kann er noch eine Nacht mit seiner Frau verbringen, die ihm
verzeiht, daß er ihren Vetter tötete. Julias Vater zwingt sie, den
Grafen Paris zu heiraten. Um diesem Schicksal zu entgehen, schluckt sie in der
Nacht vor der Hochzeit ein Gift, das sie 40 Stunden schlafen läßt,
damit ihre Familie und der Graf glauben, sie sei tot. Der Pater will Romeo von
dem Plan informieren, doch der Brief kommt nie bei Romeo an. Dieser vernimmt in
der Zwischenzeit die Nachricht von Julias Tod und kommt nach Verona zurück.
In der Gruft der Capulets tötet er vorher noch den Grafen Paris und nimmt
nun das vorher gekaufte Gift zu sich. Er stirbt neben der eben erwachenden
Julia. Pater Lorenzo versucht sie zum Leben zu überreden, aber Julia nimmt
den Dolch ihres Mannes und tötet sich selbst. Durch die verbindende Trauer
um ihre Kinder können die Herren Capulet und Montague endlich den Haß
begraben.
1.2. WESTSIDE
STORY
An der Westside von New York stehen
einander zwei rivalisierende Gangs gegenüber. Die Jets, Amerikaner unter
der Führung von Riff, und die Sharks, Puerto-Ricaner unter der Führung
Bernardos. Um die Vorherrschaft auf der Straße zu klären, soll ein
Kampf stattfinden. Riff überredet Tony, Ex-Jet und sein bester Freund, dem
Kriegsrat beizuwohnen. Bernardos Schwester Maria, die gerade erst in N.Y.
angekommen ist, um Chino zu heiraten, ist ebenfalls da. Tony und Maria verlieben
sich sofort ineinander. Die einzige, die etwas von der Beziehung weiß, ist
Anita, Bernardos Freundin. Am Tag danach heiraten sie im Hochzeitsladen, in dem
Maria arbeitet. Tony will daraufhin die Auseinandersetzung zwischen Jets und
Sharks nicht zulassen und versucht zu vermitteln, indem er Bernardo seine
Freundschaft anbietet. Der stößt ihn nur fort und Riff greift ein, um
Tony zu schützen, dabei wird er verwundet und stirbt. Tony tötet
daraufhin im Affekt Bernardo. Chino teilt es Maria mit und bemerkt an ihrer
Reaktion, daß sie Tony liebt. Tony flieht zu Maria, die ihm verzeiht. Als
Officer Kruppke Maria befragen will, müssen sich die Liebenden trennen. Die
trauernde Anita kann nicht verstehen, daß Maria dem Mörder ihres
Bruders verzeiht, läßt sich schließlich aber doch
überreden Tony, der sich im Keller von Doc’s Laden versteckt, eine
Nachricht zu überbringen. Doch als Anita im Laden eintrifft, wird sie von
den anwesenden Jets am Treffen mit Tony gehindert, gedemütigt und
beschimpft. In ihrem Ärger erzählt sie, daß Chino Maria
erschossen hat. Tony erfährt dies durch Doc und will Chino finden, damit
dieser auch ihn töten kann. Auf einmal sieht er Maria und läuft auf
sie zu, aber im gleichen Moment kommt Chino und erschießt ihn
tatsächlich. Tony stirbt in den Armen Marias. Die Jets und die Sharks
tragen ihn gemeinsam weg.
2. VERGLEICH
2.1.
JULIA
/
MARIA
Julia ist zum Zeitpunkt des Geschehens erst
14 Jahre alt und unerfahren, was die Liebe betrifft. Als sie die Nachricht der
Mutter erhält, daß Graf Paris um sie wirbt, ist sie unsicher, was zu
tun ist. Fromm will sie sehen, ob Neigung entsteht. Sie scheint vorher nicht
über die Liebe nachgedacht zu haben.
Maria hingegen ist nicht so
schüchtern, sondern voller Tatendrang und bereit für Amerika und die
Liebe. Bernardo hat Chino für sie als Bräutigam ausgewählt, doch
sie weiß, daß er nicht der Richtige ist. Im Beisein Chinos trifft
Maria Tony.
Diese Szene ist wie bei Romeo & Julia:
Während Julia mit Graf Paris tanzt, nähert Romeo sich ihr und beide
wissen sofort, daß sie einander gefunden haben, obwohl Julia sich anfangs
sanft distanziert um nicht den Kopf zu verlieren. Sie deutet sein Begehr als
“sittsam andachtsvollen Gruß eines frommen
Pilgers”[1]
und läßt sich trotz der bereits entflammten Leidenschaft
füreinander erst auf sein Bitten hin von ihm küssen. Kurz darauf
erfährt sie, wer er ist. “So einz’ge Liebe aus großem
Haß entbrannt, ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt”.
Julia ist sich durchaus des Risikos der Entdeckung mit allen Konsequenzen -
sogar dem Tod Romeos (“die Stätt’ ist Tod, bedenk nur, wer du
bist”) - bewußt.
Der temperamentvolle, überraschende
Einbruch der Liebe in ihr Leben verklärt gewiß den Blick, doch sie
zweifelt stets an der Richtigkeit dieser Hingabe: “Obwohl ich mich dein
freue, freu ich mich nicht des Bundes dieser Nacht. Er ist zu rasch, zu
unbedacht, zu plötzlich”. Das gesamte Geschehen passiert innerhalb
von nur vier Tagen, dh Julia fällt ihre Entscheidungen spontan und
emotionsgeleitet. Sie entscheidet sich für die Liebe und geht so wissend
die Gefahr des Jähzorns ihres Vaters und der Ächtung der gesamten
Familie ein.
Maria in der Westside Story
vergißt in dem Moment, als sie Tony zum ersten Mal sieht und auf ihn
zugeht, alles um sich herum. Mit der Selbstverständlichkeit eines lang
verheirateten Paares scheinen sie sich durch und durch zu kennen. Die beiden
müssen die Herkunft des jeweilig anderen ahnen, sind doch nur Jets und
Sharks anwesend. Bernardo erkennt die Gefahr und stört die weltvergessene
Zweisamkeit. Auf die Frage ihres Bruders “Hast du denn nicht gesehen,
daß er einer von denen ist?” antwortet Maria mit ”Nein, ich
habe nur ihn gesehen”. Maria ist die einzige, die sich von Liebe, nicht
von Haß leiten läßt, da sie erst seit kurzem hier ist und so
haben sich die Aggressionen ihrer Landsleute gegenüber den Amerikanern auf
sie noch nicht ausgewirkt. Wahrscheinlich würde Maria auch nicht durch die
Beeinflussung anderer Puerto-Ricaner zulassen, daß Vorurteile ihre
Beziehung zu Menschen ändern würden. Sie weiß, daß Tony
die Liebe ihres Lebens ist und negiert die Tatsache, daß sie ihm
eigentlich feindlich gesinnt sein müßte, wenn sie ihr Umfeld (Bruder,
Eltern, andere Sharks) nicht enttäuschen will.
Als Tony Maria später
findet (die Szene auf der Feuerleiter gleicht der Balkonszene bei rj sehr), ist
für beide bereits klar, daß sie ihr Leben gemeinsam erleben wollen:
“Es begann heute nacht, ich sah dich und der Rest der Welt verschwand, es
gibt nur mehr dich für mich”. Maria weiß, daß ihre Liebe
zu Tony nicht geduldet werden wird, darum stellt sie sich einen Ort vor, wo sie
beide gemeinsam leben können. “irgendwann, irgendwo gibt es einen Ort
für uns, für unsere Liebe”. Maria glaubt an die Erfüllung
dieser gemeinsamen Sehnsucht, selbst nachdem Tony Bernardo getötet hat.
Trotz der Verschärfung der Situation gibt Maria nicht auf.
Julia hingegen ahnt ein
verhängnisvolles Schicksal (“Oh, Gott. Ich hab ein Unglück
ahnend Herz. Mir deucht, ich seh’ dich, da du unten bist, als lägst
du tot in eines Grabes Tiefe”), als Romeo die Nacht bei ihr verbringt. Als
ihr Vater sie zwingt den Grafen Paris zu heiraten, verzweifelt sie und
flüchtet zu Pater Lorenzo. Mutlosigkeit und Schwermut haben Julia derart
übermannt, daß sie Suizid begehen will. Erst als der Pater ihr seinen
Plan mitteilt, schöpft sie neue Hoffnung, der Hochzeit entgehen und mit
Romeo gemeinsam leben zu können.
Der Akt der Selbsttötung kann zu dieser
Zeit noch durch den Pater vereitelt werden, in der Schlußszene jedoch wird
er Realität. Als Julia erwacht und den toten Romeo vorfindet,
küßt sie seine von Gift benetzten Lippen in dem Versuch den Tod zu
finden “Gift seh ich, war sein Ende vor der Zeit. - Oh, Böser! Alles
zu trinken, keinen güt’gen Tropfen mir zu gönnen, der mich zu
dir brächt? Ich will dir deine Lippen küssen, vielleicht hängt
noch ein wenig Gift daran und läßt mich an einer Labung
sterben”. Unfähig ohne ihren Geliebten Sinn in ihr Leben zu bringen
und wegen ihres Ungehorsams von den Eltern verstoßen nimmt sie sich mit
dem Dolch ihres Gemahls das Leben.
Kurz nachdem Tony in ihren Arm
starb richtet Maria die Waffe gegen die anderen und erwägt auch sich selbst
mit chinos Waffe zu richten “Wieviele kann ich damit töten? Wieviele,
um noch eine Kugel für mich übrig zu haben.” Doch sie legt die
Waffe weg und begegnet dem Haß und der Aggression mit dem Willen zum
Lieben und Verzeihen, indem sie sich für ein Weiterleben entscheidet.
Für jemanden, der so liebt, wäre der Tod und somit die Vereinigung mit
dem Geliebten wahrscheinlich der wünschenswertere Ausweg, aber Maria trotzt
dem Schicksal und erreicht durch ihren Entschluß eine Annäherung der
beiden Feinde. Ihr Mut und das Bestreben weiter zu existieren mahnt alle
Beteiligten. Während Julia ihrem Gefühl und der Todessehnsucht
nachgibt, fällt Maria den reiferen und für die Gesellschaft
wichtigeren Entschluß.
2.2. ROMEO
/
TONY
Romeo wird in der Pose eines melancholischen
jungen Mannes gezeigt, der mit all seinen Sinnen liebt und darum lebt. Er
schwärmt für Rosalinde (die übrigens das ganze Stück
über nicht auftreten wird), man muß aber - aufgrund der
Bedingungslosigkeit, mit der Romeo dieses Mädchen nach dem Kennenlernen
Julias vergißt - annehmen, daß der Verzicht auf sie nicht der
wirkliche Anlaß für seinen Kummer ist, sondern eher das allgemeine,
romantische Verlangen nach tiefer Zuneigung. Diese Sehnsucht unterscheidet ihn
von seinem Freundeskreis, deren Interessen und Gedanken weit trivialer sind.
Romeos übertrieben philosophische
Attitüde die Liebe betreffend (“ Lieb’ ist ein Rauch, den
Seufzerdämpf erzeugten, geschürt, ein Feu’r, von dem die Augen
leuchten, gequält, ein Meer von Tränen angeschwellt,..”)
vereinnahmt seine gesamten Empfindungen, verstrickt in Gedanken ist er an den
Kämpfen zwischen den beiden Familien weder beteiligt noch interessiert.
Romeos Bewußtsein konzentriert sich allein auf das Erfahren von
Liebe.
t wird als ein reifer,
intelligenter Mann beschrieben, dessen einstige pubertären Interessen nicht
mehr mit seinen Erwartungen von heute übereinstimmen. Er war es
nämlich, der gemeinsam mit Riff, die Jets zum Leben erweckte und so eine
Gang schuf, die für ihre Mitglieder mehr bedeutet als
Freizeitbeschäftigung und Gemeinschaft, sie ist auch ihre Familie, eine Art
Zuflucht vor Eltern und Gesellschaft. Die Jets verstehen es als ihre
ideologische Pflicht “ihr” Land, dh den Spielplatz und die
umliegenden Häuserblocks, zu verteidigen.
Tony kann sich damit nicht mehr
identifizieren, denn seine Wertvorstellungen und Ziele im Leben kollidieren mit
diesen typischen Motiven der Halbstarken. Die Jets verhöhnen die
Erwachsenen (“hü, Officer Krupke, wir sind wirklich verrückt,
wir hatten nie die Liebe, die jedes Kind braucht, wir sind keine Verbrecher,
sondern nur unverstanden, tief in uns da sind wir gut”), während Tony
mit Doc, seinem Arbeitgeber eine fast freundschaftliche Beziehung
unterhält. Die Notwendigkeit der Gewalt wird von den Jets selbst nicht in
Frage gestellt, ist das doch die einzige Möglichkeit für sie, sich
auszudrücken und Stärke zu demonstrieren. Tony ist von der Macht der
Jets nicht mehr überzeugt (Riff: “Die Jets sind die
größten.”, Tony darauf: “Waren!”), und nimmt diese
Art von Freizeitgestaltung nicht weiter ernst: “Jetzt geh und spiel
schön mit den Jets”.
Tony spürt, daß sich
in seinem Leben etwas ändern wird, er nimmt ein positives Ereignis in
seiner Zukunft wahr: “etwas wird kommen, etwas gutes!”, er kann noch
nicht wissen, daß er dieses Etwas genau dort trifft, wo er es am wenigsten
vermutet. Nur mit Mühe kann Riff Tony davon überzeugen mit zum
Tanzabend zu gehen, wo sie sich mit den Sharks treffen werden, und genau da,
läuft Tony Maria über den Weg. Abseits vom Trubel der abwechselnden
Tanzszenen, bei denen sich in Form von Übertrumpfungsversuchen schon die
angespannte Situation und die Aggressionen zeigen, bemerkt Tony m. Sofort
weiß er, daß er gefunden hat, was er suchte und erwartete.
“Ich fühlte, ich wußte, etwas - vorher nie dagewesenes -
würde passieren, mußte passieren.” waren seine Worte, nachdem
er Maria zum ersten mal gesehen hatte.
Shakespeare inszeniert das Treffen der
beiden noch romantischer. r sieht aus der Ferne j mit dem Grafen Paris tanzen
und ist - ohne zu wissen, um wen es sich handelt - so sehr von ihrer
Schönheit verzaubert, daß er sogar abstreitet, je vorher geliebt zu
haben. “Hat mein Herz je geliebt? Nein, schwört es ab, ihr Augen,
denn wahre Schönheit sah ich erst heut nacht.” r versucht ihr
nahezukommen, indem er seine bisher für ihn unbekannte Gefühlserregung
etwas versteckt um j durch die atemlose Leidenschaft nicht zu überfahren.
Durch seriöse, unaufdringliche Gesten und Worte versucht er ihr
jungfräuliches Herz zu erobern. Seine Versuche sind erfolgreich, denn j
läßt sich schließlich von ihm küssen.
Im Zustand der Entrücktheit, gefangen
in ihrer Leidenschaft ignorieren die beiden anfangs die Schreie der Amme, die
bereits als Metapher für die später auftretende Bedrohung durch die
Außenwelt gedeutet werden können. Als er erfährt, daß j
die Tochter des großen Feindes Capulet ist, “ängstigt das
seinen Sinn”, trotzdem unternimmt er riskante Klettereien um zu ihr zu
gelangen, denn die Liebe treibt ihn trotz aller Vorbehalte in ihre Arme. Er
hört Julias Traurigkeit über seine Herkunft und seinen Namen und ist
bereit, dem allen abzuschwören, um j glücklich zu machen: “Nenn
Liebster mich, so bin ich neu getauft und will hinfort nicht r mehr sein.”
Die Intensität der Worte, mit der r j von seiner Liebe überzeugt,
verleitet sie dazu ihren Gefühlen nachzugeben und eine Hochzeit zu
forcieren. r bittet den Pater um sein Stillschweigen und seinen Segen. Dieser
ist verstört über Romeos Unbeständigkeit, vermählt die
beiden aber. r ehelicht j bereits einen Tag nach ihrem
Kennenlernen.
Anders als bei Shakespeare, wo
ein gültiger Ehebund im Beisein des Paters geschlossen wird, hat die
Hochzeit bei Westside Story nur symbolischen Charakter. Eine ohne Pfarrer, mit
Schaufensterpuppen als Publikum, von den beiden allein inszenierte Zeremonie
spiegelt Tonys Willen wider, eine tiefe Liebe zu leben ohne auf die nötigen
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu achten.
Die eigentlich geplante
Auseinandersetzung zwischen Jets und Sharks, die alle Bandenmitglieder umfassen
sollte, wurde dank Tonys Einmischung wenigstens auf einen fairen Kampf zwischen
zwei Rivalen reduziert, m durch ein Versprechen verpflichtet, will t den Akt der
Aggression ganz verhindern. Als er den Schauplatz erreicht, - das Geschehen ist
bereits im Gange - streckt er Bernardo seine Hand als Zeichen des Respektes
entgegen, doch Bernardo nimmt die Geste nicht an. Die guten Absichten Tonys
verhärten die Fronten immer mehr, denn durch seine pazifistische Haltung
und die daraus resultierende Weigerung gegen Bernardo zu kämpfen (Bernardo:
“Vielleicht hast du jetzt den Mut, deine eigenen Kriege zu
kämpfen”, t: “Ich brauche keinen Mut, nur weil du eine
Schlacht hast. Aber wir haben keine!”) provozieren Bernardo und t erreicht
so den gegenteiligen Effekt, nämlich das Eskalieren des Konfliktes, bei dem
Riff getötet wird. t ist sich über seine Teilschuld am Tod seines
besten Freundes bewußt, im Affekt ersticht er den Mörder: Bernardo,
Bruder seiner Liebsten und gleichzeitig verhaßter Feind. Zerrissen und
verstört über die eigene Tat, flüchtet er zu m. “Ich
versuchte es zu stoppen, ich wollte es stoppen. Ich weiß nicht wie es
passiert ist,...Ich wollte ihm nicht weh tun, aber Riff, ... er war wie mein
Bruder!” t erbittet Marias Verzeihen bevor er die Polizei aufsuchen will,
er verbringt aber schließlich, von m dazu überredet, die Nacht bei
ihr.
Tonys Kraft und Optimismus in
einer derart verdrießlichen Lage und der starke Wille das Leben gemeinsam
mit m zu verbringen (“Wir werden einen Ort finden, wo uns nichts und
niemand etwas anhaben kann, keiner von ihnen.”) bewirken beim Leser
Hoffnung auf ein glückliches Ende.
Romeos Haltung ist meist die eines
unzufriedenen, selbstmitleidigen und dekadenten jungen Mannes, vom Pech verfolgt
und vom Schicksal verhaßt. Im Kontrast dazu steht seine
überschwengliche, positive Liebe zu j, die ihn seiner grauen,
gedankenverhangen Welt entreißt, die ihn das Tageslicht meiden und die
Nacht verherrlichen läßt. “Allein sobald im fernsten Ost die
Sonne, die all’erfreu’nde, von Aurora’s Bett den
Schattenvorhang wegzuziehn beginnt, stiehlt vor dem Licht mein finstrer Sohn
sich heim und sperrt sich einsam in sein Kämmerlein, verschließt dem
schönen Tageslicht die Fenster und schaffet künstlich Nacht um sich
herum.” Diese Attitüde veranlaßt r auch dazu, an der vom
Prinzen verhängte Strafe für sein Verbrechen fast zu
verzweifeln.
Als Tybalt den Streit mit r sucht, weil er
sein Auftauchen beim Maskenfest im Hause der Capulets als Verspottung seiner
Sippschaft deutet, ist der junge Montague nicht bereit mit ihm zu kämpfen,
ist doch der frühere Feind ein Vetter seiner Frau. r versucht Tybalt davon
zu überzeugen, daß es keinen Anlaß gibt für Aggressionen
und Kämpfe gegen ihn. “Ich liebe mehr dich als du denken kannst, bis
du die Ursach’ meiner Liebe weißt. Drum, guter Capulet, ein Name,
den ich Wert wie meinen halte, sei zufrieden”. Tybalts Wut steigert sich
durch die für ihn unangebrachte Demut bis ins Unendliche, und so erreicht r
durch sein friedvolles, anti-aggressives Auftreten, genau wie Tony, das
Gegenteil seiner Absicht. Die Situation eskaliert, als Tybalt Mercutio
tötet und r - wissend, den Gegner durch seine unfreiwillige
Brüskierung zu der Tat bewogen zu haben - ersticht daraufhin den
Mörder seines besten Freundes. Die Strafe für Romeos Verbrechen ist
,lt. dem Prinzen von Verona, die Verbannung nach Mantua. Doch anstatt den
Entschluß des Prinzen, der ihm sein Leben läßt, freudig
entgegenzunehmen, ist r betrübt über sein Schicksal.
“Verbannung? Sei barmherzig? Sage: Tod! Verbannung trägt den
Schrecken mehr im Blick, Weit mehr als Tod! - O, sage nicht Verbannung!”
Die Angst davor von j getrennt zu sein und das Gefühl alles zu verlieren
bewirken Undankbarkeit dem Fürsten gegenüber, denn der Tod scheint
für ihn die willkommenere Alternative zu sein.
Tonys Wille, das alles zu
überstehen, ist, unterstützt von Marias Glaube an ihre Liebe,
grenzenlos und alles überwindend. Erst als er von Marias vermeintlichen Tod
erfährt, ist Tony an einem Punkt angelangt, an dem die Resignation seine
ganzen Gedanken erfaßt und er keinen anderen Ausweg mehr sieht als Maria
zu folgen, er will sterben um mit ihr zu leben. Die Ironie in dieser tragischen
Szene liegt darin, daß Tony, im Glauben Maria sei tot, versucht Chino
herbeizurufen um wie Maria von ihm getötet zu werden. Während Tony
nach Chino sucht, taucht Maria auf, doch just in diesem Moment kommt Chino
tatsächlich und streckt Tony nieder.
Bevor er in ihren Armen stirbt,
entwickelt sich noch ein Dialog zwischen den beiden, der zeigt, daß die
Liebe für beide richtig war, nur der Ort und das Umfeld waren falsch. Tony:
“Ich habe wohl nicht genug daran geglaubt.”, Maria: “Lieben
ist genug!”, Tony: “Nicht hier, sie würden uns nicht in Ruhe
lassen.”; Maria: “Dann werden wir weggehen.”, Tony: “Ja,
wir können. Ja, wir werden!”. Das Vertrauen in die Liebe ist für
Tony Garantie dafür, daß die Liebe siegt. Doch er muß
feststellen, daß Lieben und Glauben allein eben nicht reicht um nach
seinen Vorstellungen leben zu können bzw. leben zu
dürfen.
Die Nachricht von Julias Tod stürzt
Romeo nicht in den zu vermutenden Zorn, er versinkt auch nicht in Depression,
denn seine Trauer ist viel zu tief, als das er sie zur Schau stellen würde.
Sein Leiden betrifft die ganze Seele und die Entscheidung, was zu tun ist,
fällt ihm nicht schwer. Mit scheinbar kühlem Kopf und motiviert sein
Geschick selbst zu bestimmen um nicht länger den Launen des Glücks
ausgeliefert zu sein, beschließt Romeo seiner Frau in den Tod zu folgen,
um die Liebe, die auf Erden unmöglich war, wenigstens im Jenseits zu
finden. Mit folgenden Worten verabschiedet sich Romeo von der toten Julia um
gleichzeitig - durch seinen Tod - eine Vereinigung mit ihr zu feiern:
“Umarmung! und o Lippen, ihr, die Tore des Odems, siegelt mit
rechtmäß’gem Kusse den ewigen Vertrag dem Wucherer
Tod.”
2.3.
TYBALT/BERNARDO
Tybalt, Neffe des großen Capulet und
somit Julias Cousin, sieht sich selbst als Vertreter seiner Familie in bezug auf
die Auseinandersetzung mit den Montagues. Er hat nicht die Absicht das
Friedensangebot von Benvolio, dem besonnen Vetter Romeos, anzunehmen, geschweige
denn, selbst für das Ende des Kampfes zu sorgen. Benvolio: “Ich
stifte Frieden, steck dein Schwert nur ein! Wo nicht, so führ es, diese
hier zu trennen!”, Tybalt: “Was? Ziehn und Friede rufen? Wie die
Hölle hass’ ich das Wort, wie alle Montagues und dich!” Sein
Stolz ein Montague zu sein und die Vehemenz, mit der er für den Ruf und das
Ansehen seiner Familie, und somit auch für sich, kämpft, lassen ihn
blind werden für Kompromisse. Ist sein Kampfgeist erst einmal geweckt - und
dazu braucht es keinen plausiblen Grund - steigert sich seine Aggressivität
ins Unermeßliche. Als Romeo es wagt am Maskenball der Capulets zu
erscheinen, erzürnt dies Tybalts Gemüt derart, daß er am Fest
Unfrieden stiften will. Von Capulet davon abgehalten, sinnt Tybalt auf Rache zu
einem späteren Zeitpunkt. “Ich gehe, doch so frech sich aufzudringen,
was Lust ihm (Romeo) macht, soll bitt’ren Lohn ihm
bringen.”
Die Rolle des
unglückbringenden Verwandten der Geliebten übernimmt in der Westside
Story Bernardo, Bruder von Maria und Anführer der Sharks. Er, als
patriarchalischer Puerto Ricaner, ist stolz auf seine Herkunft und hält von
den Amerikanern nicht viel. Er fühlt sich dazu bemüßigt, sich um
seine kleine Schwester zu kümmern, und so verbietet er Maria, nachdem sie
mit Tony getanzt hat, zu bleiben. Anita macht ihn auf sein Verhalten aufmerksam:
“Bernardo, sie hat eine Mutter, auch einen Vater!”, Bernardo:
“Sie kennen dieses Land genauso wenig wie sie”, Anita: “Du
kennst es doch auch noch nicht! Mädchen dürfen hier Spaß haben.
Sie-ist-jetzt-in-Amerika!”, Bernardo: “Aber
Puerto-Rico-ist-jetzt-in-Amerika!”
Bernardo behandelt seine
Schwester wie ein kleines Mädchen, er hält es nicht für
möglich, daß Maria andere Ansprüche an ihr Leben stellt, als
Bernardo sie ihr vorschreibt, darum sucht auch er den passenden Bräutigam
für sie. Ohne Maria zu fragen, nimmt er an sie stimme ihm bei seiner Wahl
zu und er ist überrascht über ihre Selbstinitiative und ihren
Ungehorsam, als sie mit Tony tanzt. Abgesehen von dieser Bevormundung
verhält er sich ihr gegenüber freundlich und sanft. Seine
Attitüde die Jets betreffend ist äußerst aggressiv und
ablehnend. Dies zeigt sich vor dem stattfindenden Kampf ganz akut, als Riff
Bernardo auffordert in die Mitte zu kommen, um seinem Gegner die Hand zu
schütteln, Bernardo: “Ich stehe nicht auf diese Heuchelei, die euch
allen in diesem Land so gefällt. Jeder von euch haßt jeden von uns
und wir hassen euch ebenso. Ich trinke nicht jemandem, den ich hasse und ich
schüttle niemandem die Hand, den ich hasse. Also, fangen wir an!”.
Bernardo hat eigentlich erwartet gegen Tony zu kämpfen, um sich an ihm zu
rächen, denn für den hochmütigen Puerto-Ricaner ist es eine
Schande, daß seine Schwester mit dem großem Feind, der noch dazu
Amerikaner ist, tanzt und ihn offensichtlich gern hat. Als von Riff ein anderes
Gangmitglied auserkoren wird um mit Bernardo zu kämpfen, steigert das seine
Aggressionen gegenüber Tony noch mehr.
Tybalt ist entschlossen, sein Versprechen zu halten.
Unwissend, daß er es mit dem Mann seiner Cousine zu tun hat, will er Romeo
zum Kampf zwingen. Doch selbst das Wissen um Julias Liebe hätte Tybalt
nicht davon abgehalten, im Gegenteil, aus der tiefen Verachtung wäre
rasende Besessenheit ihn zu töten geworden. Romeos Friedens- und
Freundschaftsangebot lehnt Tybalt ab und drängt ihn dazu, sich gegen seine
Attacken zu wehren um einen Kampf entstehen zu lassen. Für Tybalt ist sein
Handeln gerechtfertigt, sieht er doch den Einlenkungsversuch Romeos als
Heuchelei und Verhöhnung seiner Familie an.
2.4
MERCUTIO/RIFF
Mercutio ist ein geschwätziger, frivoler Bursche, der
an zweideutigen Aussagen nicht zu übertreffen ist. Romeos bester Freund und
Verwandter des Prinzen von Verona ist durch seinen Spott, die Capulets allgemein
und Tybalt im besonderen betreffend, oft mitverantwortlich für das
Entstehen von Straßenschlachten. Durch seine egozentrische Art genügt
es ihm nicht allein anwesend zu sein, nein, er will provozieren. Tybalt:
“Guten Tag, meine Herren, ein Wort mit einem von euch.”, Mercutio:
“Nur ein Wort mit einem von uns? Gebt noch was dazu: laßt es ein
Wort und ein Schlag sein.” Tybalt: “Dazu werdet ihr mich bereit
genug finden, wenn ihr mir Anlaß gebt.” Mercutio:
“Könntet ihr ihn nicht nehmen, ohne, daß wir ihn
geben?”
Seine, den Konflikt forcierenden, Äußerungen, die
er mit Sarkasmus vorbringt verschärfen die gespannte Situation und lassen
den Frieden noch unmöglicher werden. Als Tybalt Romeo angreift und dieser
sich voll Demut weigert sich zu verteidigen, sieht es Mercutio als seine Pflicht
an, dem Freund beizustehen. Er fordert Tybalt zum Duell um Romeos Würde zu
retten, doch Tybalt verwundet ihn so stark, daß er selbst um seinen Tod
weiß. Bevor er stirbt klagt Mercutio Romeo noch der Mitschuld an:
“Die Pest auf eure beiden Häuser! Was? von einem Hunde, einer Maus,
einer Ratze, einer Katze zu Tode gekratzt zu werden? Von so einem Prahler, einem
Schuft, der nach der Rechenbude ficht! - Warum Teufel, kamt ihr zwischen uns?
Unter eurem Arm wurde ich verwundet.” Durch die Beeinflußung
Mercutios und wegen seiner unbändigen Wut über das Geschehene
läßt sich Romeo tatsächlich dazu hinreißen, Tybalt zu
töten.
Riff ist ein typischer Halbstarker,
gesellschaftsverachtend, von seinen Motivationen überzeugt und von der Gang
nahezu besessen. Er glaubt an die Macht und die Zusammengehörigkeit der
Jets, während Tony durch seine reifere und weniger naive Einstellung
erkennt, daß es andere Ziele im Leben zu erreichen gilt als die
Vorherrschaft auf der Straße oder die pauschale Auflehnung gegen die
Erwachsenenwelt. Riff sieht die Puerto-Ricaner als ein wirkliches Problem an,
schließlich dringen sie in < sein Revier > ein, um diese
Angelegenheit für sich zu entscheiden ist er bereit zu kämpfen. Am
Anfang des Stückes erfährt man, daß Riff bei Tony zuhause wohnt
“Viereinhalb Jahre wohne ich bei einem Freund und seiner Familie.
Viereinhalb Jahre denke ich, ich kenne den Charakter dieses Mannes. Tony, du
enttäuschst mich!”.
Riff ist der Anführer der Anführer
der Gang und keiner der Mitglieder stellt seine Autorität in Frage. Er
dominiert, entscheidet und befiehlt innerhalb der Gruppe allein, der einzige von
dem er sich etwas sagen läßt ist Tony. Seine Meinung nimmt er ernst
und für ihn riskiert er alles. So auch als Bernardo Tony zum Kämpfen
provozieren will und dieser versucht den Kampf einzustellen, worauf sich
Bernardo aber nicht einläßt und Tony weiterhin beschimpft. Die Jets
versuchen Tony zum Kämpfen zu animieren, doch er lehnt es strikt ab, Gewalt
gegen Bernardo anzuwenden. Bis sich schließlich Riff für ihn in die
Schlacht stürzt und durch Bernardo getötet wird, erst jetzt ist Tony
bereit sich zu rächen und ersticht Bernardo. Riff hat also, wie Mercutio
bei Romeo & Julia, die Aufgabe Initiator des eskalierenden Konfliktes zu
sein und somit einen Kreislauf von Rache und Mord in Bewegung zu setzen. Bei
Westside Story ist Maria diejenige, die den Mut und das Verständnis
für die Menschen besitzt um den Kreislauf zu beenden und nicht der Gewalt
mit Gegengewalt begegnet.
Bei Romeo & Julia wird das Rad, das sich durch Mercutios
Tod zu drehen begann, durch den Urteilsspruch des Prinzen angehalten, aber erst
durch den Doppelselbstmord der beiden Liebenden endgültig
gestoppt.
3. CAPULET VS.
MONTAGUE/SHARKS
VS. JETS
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