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Kästner, Erich (1899-1974)
ERICH KäSTNER - LEBEN
UND WERK
VON THORSTEN SANDFUCHS, TG
13 - 96/97
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KäSTNER)
Emil Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in
Dresden geboren. Er lebte mit seinen Eltern, sein Vater war Sattlermeister, in
einem einfachen Mietshaus. Erich Kästner war immer ein Primus in seiner
Klasse, wie übrigens viele seiner späteren autobiographischen
Hauptpersonen in seinen Romanen.
Es herrschten z.T. große Geldprobleme in der
Familie, deshalb entstand vielleicht auch schon früh der Wunsch Lehrer zu
werden, da dies ein sehr kostengünstiger Ausbildungsweg war. Um dies zu
finanzieren, erlernte seine Mutter im Alter von 35 Jahren den
Friseurberuf.
Erich Kästner besann sich:
"Ich war kein Lehrer, sondern ein Lerner. Ich wollte
nicht lehren, sondern lernen. Ich hatte Lehrer werden wollen, um möglich
lange Schüler bleiben zu können."
Nach dieser Einsicht ging er auf das Gymnasium und
wollte das Abitur nachmachen.
1917 wurde er im Alter von 19 Jahren, ein Jahr vor dem
Abitur, zum Krieg eingezogen. Während seiner Ausbildung bekam er ein
Herzproblem und wurde ins Lazarett überwiesen. Dann setzte er die
Ausbildung beim Militär fort, es kam jedoch nicht mehr zu einem
Fronteinsatz, da der Krieg 1918 beendet wurde.
Auf dem Gymnasium gefiel es Erich Kästner viel
besser als in der Kaserne. Er begann nach dem Abitur, das er mit hervorragenden
Noten und einem Stipendium an einer sächsischen Universität
abschloß, 1919 mit einem Germanistik- und Theatergeschichtestudium in
Leipzig. Nun war sein Berufsziel Regisseur. Er hatte starke Geldprobleme, auch
verursacht von der steigenden Inflation, und jobbte, so oft er konnte. Schon
damals schrieb er vereinzelt Gedichte und vor allem Theaterkritiken im Rahmen
seines Studiums. Er verließ Leipzig zeitweise und ging für ein
Semester nach Rostock, für ein weiteres nach Berlin.
Von 1925 an arbeitete Erich Kästner bei der
Neuen Leipziger Zeitung und schrieb auch Kritiken für andere
Zeitungen. Mit dem ersten selbstverdienten Geld flog er mit seiner Mutter in die
Schweiz. Sein Studium konnte schließlich abgeschlossen werden. Erich
Kästner schrieb einen satirischen Artikel über Beethoven, der ihn den
Arbeitsplatz kostete. Er ging daraufhin als Theaterkritiker nach
Berlin.
Satirischer Kritiker der zwanziger und
dreißiger Jahre
In Berlin verfaßte er mit Erich Ohser, einem
Karikaturisten (unter einem Pseudonym zeichnete er "der Vater und der Sohn"),
spitze Bemerkungen über Politiker, als freier Journalist und
Gesellschaftskritiker. Beide lebten von der Hand in den Mund, und sobald ein
bißchen Geld vorhanden war, reisten sie nach Paris und
Moskau.
1928 verfaßte Kästner Emil und die
Detektive, Pünktchen und Anton, beides bald beliebte
Kinderbücher, den Roman Fabian (1931) und wurde in den PEN-Club
gewählt, eine Vereinigung internationaler Schriftsteller, bei der er
später Präsident des deutschen Zweiges wurde.
Nach dem Ende der Weimarer Republik begann die
bedrückendste Phase in Erich Kästners Leben. Die Nationalsozialisten
kamen an die Macht und seine Bücher wurden zusammen mit den Bücher von
Brecht, Döblin, Mann, Tucholsky u.v.a. öffentlich mit den Worten:
"Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und
Staat!" verbrannt.
Warum war Kästner überhaupt in Deutschland
geblieben, fragt man sich; oder genauer: Warum war er dorthin
zurückgekehrt? Nach dem Reichtagsbrand im Februar 1933 hielt er sich auf
einer Ferienreise in Zürich auf. Gegen den Rat vieler Freunde ging er nach
Deutschland zurück und motivierte sogar andere es ihm gleich zu tun, um auf
"ihre Weise" dem Regime die Stirn zu bieten.
"Ich bin ein Deutscher aus Dresden in
Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht
fort.
Ich bin wie ein Baum, der - in Deutschland gewachsen
–
wenn`s sein muß, in Deutschland
verdorrt." (E. Kästner)
"Ein Schriftsteller muß mit seinem Volk das
Schicksal tragen, [...] um darüber zu schreiben." Er blieb sein ganzes
Leben lang ein überzeugter liberaler Demokrat und Pazifist, der gegen alles
demonstrierte, was ihm widersinnig war.
Ihr wollt die Uhrenzeiger rückwärts
drehen
und glaubt, das ändere der Zeiten
Lauf.
Dreht an der Uhr! Die Zeit hält niemand
auf!
Nur eure Uhr wird nicht mehr richtig
gehen.
Wie ihr`s euch träumt, wird Deutschland nicht
erwachen.
Denn ihr seid dumm, und seid nicht
auserwählt.
Die Zeit wird kommen, da man sich
erzählt:
Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen! (1932,
Marschliedchen, E. Kästner)
Es dauerte nicht lange, bis Kästner erfuhr, was
es heißt, unter einer Diktatur zu leben. Im September 1934 wurde sein
Konto gesperrt und am nächsten Tag wurde er verhaftet und verhört. Wie
es sich herausstellte wegen eines Gedichts, das er nicht geschrieben hatte. Man
ließ ihn also frei.
Die Nationalsozialisten versuchten ihn für ihre
Seite zu gewinnen, als Chefredakteur einer Anti-Emigranten Zeitung in der
Schweiz, doch er lehnte ab.
Ab 1934 herrschte ein Publikationsverbot von
Kästner im Inland, seine Bücher konnten aber noch im Ausland
publiziert werden, da dies wahrscheinlich Devisen für Deutschland brachte.
Der Atrium Verlag in Basel veröffentlichte seine Bücher, die in der
Zeit entstanden, bis auch die Möglichkeit der Auslandspublikationen
eingeschränkt wurde. So entstanden, natürlich nur unter Zensur, Das
fliegende Klassenzimmer (1933), Drei Männer im Schnee (1934),
Die verschwundene Miniatur (1935), Doktor Erich Kästners lyrische
Hausapotheke (1936), Georg und der Grenzverkehr und Till
Eulenspiegel (1938)
1937 wurde er ein weiteres Mal sehr lange
verhört, wurde aber noch einmal freigelassen. Doch 1942 kam das
endgültige Verbot der In- und Auslandspublikationen. Diesem Verbot folgten
Verhaftungswellen, bei denen sich Erich Kästner bei Freunden und Verwandten
in Dresden versteckte. Sein Freund Erich Ohser wurde 1944 verhaftet und brachte
sich selbst in der Gefängniszelle um. Was er in dieser Zeit "schrieb",
bewahrte er in seinem Kopf auf. Sein Haus in Berlin wurde 1944
zerbombt.
Nach der Bombardierung von Dresden, wo seine Eltern
immer noch lebten, floh Kästner auf abenteuerlichem Weg aus Berlin. Seine
neue Heimat wurde München. - ein neuer Lebensabschnitt
begann.
Kabarettist und
Journalist
Kästner ging, um zunächst bei einem neuen
Kabarett mitzuwirken. Wenig später wurde ihm die Leitung des Feuilletons
(Kulturteil) einer amerikanischen Zeitung zugesprochen, der Neuen
Zeitung. Nun entfaltete er eine enorme organisatorische Tätigkeit, und
er schrieb die Gedichte und Texte, die er schon lange in seinem Kopf geformt
hatte. Die Früchte seiner verfaßten Aufsätze, Gedichte, Kritiken
usw. wurden 1948 in Der tägliche Kram veröffentlicht. 1949
entstand das Kinderbuch Das doppelte Lottchen. 1951 wirkte Erich
Kästner bei dem Kabarett "Die kleine Freiheit" mit. Der Name implizierte
schon Kritik am deutschen Wiederaufbau, der sich immer mehr als Restauration
entpuppte.
Lyriker
Die große Freiheit ist es nicht
geworden.
Es hat beim besten Willen nicht
gereicht.
Aus Traum und Sehnsucht ist Verzicht
geworden.
Aus Sternenglanz ist Neonlicht
geworden.
Die Angst ist erste Bürgerpflicht
geworden
die kleine Freiheit - vielleicht! (aus: Die kleine
Freiheit, E. Kästner)
Kästner erhielt in dieser Zeit zahlreiche
Auszeichnungen, z.B. in Darmstadt (1957) den Büchnerpreis und 1960 in
Luxemburg die Hans-Christian-Andersen- Medaille.
Die ganzen Jahre hindurch versuchte Kästner einen
kindlich unbekümmerten Zugriff zur Wirklichkeit zu
bewahren.
Bürgerschreck, Gegner des
Establishments
Laßt euch die Kindheit nicht austreiben!
Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie
vergessen sie wie eine Telephonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt
ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was
gegessen worden ist, existiert nicht mehr. Man nötigt euch in der Schule
eifrig von der Unter- über die Mittel- zur Oberstufe. Wenn ihr
schließlich droben steht und balanciert, sägt man die
"überflüssig" gewordenen Stufen hinter euch ab, und nun könnt ihr
nicht mehr zurück! Aber müßte man nicht in seinem Leben wie in
einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste
erste Etage ohne den Keller mit den duftenden Obstsorten und ohne das
Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel?
Nun - die meisten leben so! Sie stehen auf der obersten Stufe, ohne Treppe und
ohne Haus, und machen sich wichtig. Früher waren sie Kinder, dann wurde sie
Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist
ein Mensch! (aus: "Ansprache zum Schulbeginn", E.
Kästner)
Am 9. Mai 1951 starb die geliebte Mutter von
Kästner, sie hatte große psychologische Probleme durch den Krieg
bekommen. Kästner besuchte den Vater, zu dem er bisher kein so gutes
Verhältnis hatte, und dieser half ihm bei der Autobiographie Als ich ein
kleiner Junge war (1957). Silvester 1957 verstarb auch der Vater im Alter
von 91 Jahren.
Romantiker
Inzwischen zog Kästner in München in ein
idyllisch gelegenes kleine Haus mit seinen drei Katzen. Er kam er in eine Phase
der Romantik. So entstand ein Gedichtband Die dreizehn Monate (1955),
Kinderbücher über Münchhausen und die
Schildbürger-Streiche und Don Quichotte (1956). Doch er hielt
auch an der Verarbeitung der Vergangenheit fest. Die Schule der
Diktatoren (1957)
Die Gesundheit machte Kästner immer mehr zu
schaffen, Kästner war schwer an Ischias erkrankt und 1961 stellte man
Tuberkulose fest. Auf Anraten seines Arztes verläßt er die Stadt und
wohnt zweimal, 1963 eineinhalb Jahre und 1964 von Januar bis August in einem
Sanatorium am Luganer See. 1974 erliegt er seinen Krankheiten.
Thorsten Sandfuchs, Zell a.H. den 3. März
1997
Quelle: Hans Wagener; Erich
Kästner; Colloquium Verlag, Berlin (1984)
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