|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Neumann, Johann Balthasar (1687-1753) und der kuns
Neumann, Johann Balthasar (1687-1753) und der kuns
1.Balthasar
Neumann
Sein Leben
Als siebentes von acht Kindern eines armen Buchmachers kam
Balthasar Neumann Ende Januar 1687 in der Schiffergasse zu Eger auf die Welt, wo
die Sorge ein ständiger Gast im Elternhaus war; am 30. Januar trug man ihn
in die nahe St.-Niklas-Kirche zu Taufe. Um die Jahrhundertwende kam er zum Paten
als Glocken- und Geschützgießer in die Lehre. 1709 hört man
erstmals von ihm: er half bei der Reparatur von
Wasserkünsten.
Viel mehr als den Gesellenbrief der Glocken- und
Geschützgießer, Büchsenmacher und Feuerwerker mag Neumann kaum
in der Tasche gehabt haben, als er vierundzwanzigjährig auf Wanderschaft
gen Westen zog und, angelockt von Ruf der Gießhütte Ignaz Koops und
ihrer reichlichen Arbeit, in Würzburg haltmacht, das ihm zur zweiten Heimat
wurde. In diese erste Würzburger Zeit fällt die Bekanntschaft mit dem
Ingenieurhauptmann Andreas Müller. Er wird Neumanns Schicksal: der Offizier
erkennt die besondere Begabung des Glockengießergesellen, die noch
brachliegt, und rät ihn an, Geometrie, Feldmesserei und die
französische Sprache zu erlernen.
Angesichts der ungewöhnlichen Fortschritte Neumanns
macht Müller sich die Mühe, ihn auch in der Zivil- und
Militärarchitektur zu unterweisen; Neumann ergreift die einzigartige
Gelegenheit solcher Lehre. Dazu gehören aber auch Bücher und
Instrumente, und weil er keinen anderen Ausweg weiß, schildert er im
März 1712 den Stadtvätern in Eger brieflich seine Sorgen, und sie
helfen mit Geld aus. Neumann ist nun mitten im Studium; von einem Rausch des
Lernens und Begreifens gepackt, findet er den Mut, seine Bitte im März zu
wiederholen, und man hilft ihm noch einmal. Man kann es dem
reichsstätdischen Rat nicht hoch genug anrechnen, daß er seinem armen
“Landeskind” ohne jede Sicherheit das Studiengeld vorausschoß,
denn selten ist wohl ein solches Darlehen besser angelegt worden. Neumann
arbeitete noch im erlernten Beruf des Glocken- und Geschützgießers,
als ihn die wirkliche Berufung zum eigentlichen Lebensziel, zum Baumeister,
erreichte und damit eine völlig neue, zweite Lehrzeit begann. So gab er
bald, um sich ganz dem Studium zu widmen, sein Handwerk und also auch seinen
Verdienst in der Hütte auf.
1714 trat er als Fähnrich in die
Schloß-Leibkompanie ein; damit war er wirtschaftlich versorgt, er
gehörte zur Garde des Fürstbischoffs und tat Dienst als Adjutant
seines Lehrers. Er hatte auch Gelegenheit, mit Joseph Greising, dem
führenden Zivilarchitekten im Fürstbistum, über Land zu reisen
und dessen Großbauten überall heranwachsen zu sehen; in Ebrach zog
der Meister ihn 1716 als Tiefbauspezialist zum Abteibau heran.
Da die Würzburger Truppen Karl VI. für den
Türkenkrieg überlassen wurden, nahm Neumann 1717 als Ingenieur an der
Belagerung und der viel besungenen Eroberung Belgrads unter Prinz Eugen teil.
Von dort rief ihn der kaiserliche Hofkriegsrat nach Wien, wo er nun auch der
künstlerischen Welt seines Heerführers begegnete, und bot ihm das
Hauptmannspatent an; so war einst auch Lukas von Hildebrandt nach Wien gekommen.
Der dreißigjährige Neumann schlug aber diese ehrenvolle Berufung aus,
um noch mehr zu sehen und zu lernen. man findet ihn 1718 beim Stab des
kaiserlichen Generalgouverneurs in Mailand, er arbeitete dort und lernte die
oberitalienische Barockarchitektur kennen. Nach der Heimkehr folgte alsbald die
Ernennung zum würzburgischen Ingenieurhauptmann. 1719 konnte Neumann sich
am Fuße der Festung Marienberg mit zwei Hofbeamten in einem schlichten
Reihenbau ein kleines Haus errichten.
Ein Regierungswechsel ist es, der in diesem Jahr die
Laufbahn Neumanns auf neuere, höhere Ebenen führt. Dompropst Johann
Philipp Franz Graf von Schönborn von dem die Domherren schon
fürchteten, daß ihm kein Equipage und kein Möbel mehr gut genug
sein würde, wenn er zum Regiment komme, bestieg im Herbst 1719 den
Würzburger Bischofsstuhl. Das wurde Neumanns große Stunde, als
Schönborn sich gleich nach der Wahl entschloß, die Hofhaltung vom
Marienberg in die Stadt zu verlegen und Würzburg großzügig zu
verschönern: es galt zu Vermessen und Pläne zu entwerfen; dazu rief
ihn der Bischof, seine Lehrer Müller und Greising übergehend, weil sie
durch das vorige Regime “belastet” waren.
Schon sehr bald wurde die behördliche Aufsicht
über das gesamte Bürgerliche Bauwesen verkündet; der
entsprechende Erlaß geht in seiner scharfen Formulierung auf Neumann
selbst zurück und ist ein echtes Gewächs absolutistischen Denkens.
1722 wurde eine Baukomission konstituiert, und nun konnte in Würzburg
nichts mehr ohne Vorwissen und Billigung Neumanns gebaut werden; er
wünscht: Verbot aller Erker, einheitliche Modellplanung, dafür aber
auch Steuervergünstigungen für Neubauten, je nach Aufbau und Schmuck.
So verdankte Altwürzburg sein Stadtbild mit der Fülle schöner
Barock- und Rokokofassaden und mit der Schar der Hausfiguren vor allem dem
städtebaulichen Wirken Neumanns.
Der Architekt steht gewissermaßen am Ende seiner
zweiten Lehrzeit, als er die zunächst noch nicht sehr große Planung
zum neuen Residenzschloß unter die Hände bekommt, die sich sehr rasch
zum bedeutendsten Format auswächst und schließlich dann sein
eigentliches Lebenswerk wird.
Neumann ist, als er 1719 auf die große Bühne
tritt, zwar ein fertiger Architekt im landläufigen Sinne, aber als
Künstler noch am Anfang seines Weges; er ist auch noch kein erfahrener
Bauleiter, der dem technischen und verwaltungsmäßigen Betrieb einer
solchen Großbaustelle schon vorgestanden wäre. Dafür hatte er
das große Glück, daß er jetzt im Rahmen einer kollegialen
Planung, wie sie die Bauherren bei Großbauten liebten, auf Jahre hinaus
mit den führenden Architekten Süddeutschlands und Frankreichs in enger
Zusammenarbeit stehen durfte. Was konnte einem Mann vom Schlag und Rang Neumanns
Erwünschteres zustoßen, als mit den Großen seiner Zeit an ein
und der selben Aufgabe zu arbeiten und dabei, im Zentrum der Planung sitzend,
lernend zu wachsen, aus der Fülle der Anregungen eine Einheit zu gestalten
und dem Werk schließlich doch den eigenen Stempel aufzudrücken?
Bischof Schönborn hatte schon als Dompropst die Idee
gefaßt, eine eigene Grabkapelle für seinen Großvater und seinen
Vater, die beiden Kurfürsten, und sich selbst am Würzburger Dom zu
bauen. Erst 1722, als der Bau, dem Welsch die äußere Gestalt gegeben
hat, bereits im Gange war, schaltete Neumann sich mit dem Vorschlag ein, die
Rotunde im Inneren mit Säulenpaaren zu bestellen, und entschied damit das
schließliche Raumbild durch ein sehr wirkungsvollesc für die deutsche
Kirchenbaukunst neues Motiv. Neumann hat sich hier- das ist sehr bezeichnend
für sein ganzes Schaffen- vor allem für Raumgestaltung interessiert.
Johann Dientzenhofer, der Baumeister Pommersfeldens, der
Schöpfer des Fuldaer Doms und der Banzer Kirche, wurde für die
Bauführung des sich bald ins riesenhafte dehnende Bauvorhaben der Residenz
- aber nur für diese- verpflichtet.
Es ist heute unbestritten, daß das Würzburger
Schloß, wie es vor Augen steht, Balthasar Neumanns Werk ist, daß er
nicht nur die ersten, für alles spätere grundlegende Entwürfe
lieferte, sondern aus der Fülle aller Einströmenden Wünsche und
Ideen ein einheitliches Ganzes werden ließ; daß er es war, der
schließlich mit souveräner Hand einen internationalen
Künstlerstab von überragenden Qualitäten und von stattlichem
Umfang zu verpflichten und nach seinen Ideen zu beschäftigen wußte
und damit ein Gesamtkunstwerk schuf, das tatsächlich einzigartig ist. Man
kann bei der Wertung des Erreichten wohl keinen unbestechlicheren Beurteiler als
Georg Dehio finden, der das Würzburger Schloß als den vollkommensten
Profanbau des 18.Jahrhunderts ansah.
Achtundreißig Jahre alt ist Neumann als er die Tochter
des Geheimen Hofrats Dr.Schild ehelicht und er kommt damit in engste
verwandtschatliche Bindung zu den alteingesessen Rats- und Beamtenfamilien.
Neumann war, als er sich 1727 vom dem Nürnberger Porträtisten Kleinert
Malen ließ, vierzig Jahre alt; er ist, was auch die Dokumente, seine
Briefe und die Handschrift verraten, ein kerngesunder Mann und ein völlig
lauterer Charakter.
Der Künstler steht nun vor der Höhe des Schaffens,
als ein neuer Thronwechsel ihn 1729 zu größter Aktivität und
herrlichen Aufgaben ruft. Es kam wider ein Schönborn auf den Stuhl des
heiligen Burkard; Friedrich Karl, der Reichsvizekanzler aus Wien und bereits
Fürstbischof von Bamberg, ein Mann von größtem
Kunstverstänndnis.
Neumann erhielt 1729 die Stelle des
Artillerieoberstleutnants beim fränkischen Kreistag. Damit trat er zu dem
ganz Franken umfassenden Reichskreis in ein Dienstverhältnis, das zugleich
eine willkommene Einkommensverbesserung bedeutete, denn er blieb Inhaber der
Ingenieur- und Artillerieoffizierstellen in Würzburg. 1741 wurde er, nun in
der Mitte der Fünfzig, zum Oberst der Kreisartillerie ernannt; damit hatte
er in einer für den Stabsoffizier ohne weiteren Kriegsdienst raschen
Karriere eine militärische Laufbahn abgeschlossen, die den Zeitgenossen
wegen seines
Herkommens aus dem Handwerk staunenswert genug erschien.
Zu seinen zahlreichen neuen Verpflichtungen kamen nun bald
neue, große Bauvorhaben dazu: das Schloß Werneck, die Kirche in
Gößweinstein und noch Münsterschwarzach, dann Vierzehnheiligen,
und im technischen Bereich die Fließendwasser-Versorgung von
Würzburg. Außerdem legten die fürstlichen Brüder
Kurfürst Franz-Georg von Trier und Kardinal Damian Hugo übertrugen ihm
praktisch die gesamte Aufsicht über die Moselfestungen, die
Zivilbauprobleme in Trier und Koblenz, aber auch in Worms und
Ellwangen.
Neumann erhielt 1731 einen akademischen Lehrauftrag für
Militär- und Zivilarchitektur an der Univerität in Würzburg, da
der Bischof bald den Wert Neumanns als Lehrmeister erkannte, und dessen Genie
erhalten wissen wollte. Er durfte im Sommer 1745 das neue Kaiserpaar Maria
Theresia und Franz Stephan, durch das nun vollendete Würzburger
Schloß führe.
Im gleichen Jahr, in dem Neumann einiger
Schloßpläne wegen in Stuttgart war, erreichte ihn auch ein
Kirchenauftrag aus dem Schwäbischen für die Reichsabtei Neresheim
(siehe Kapitel 3).
Am 19. August 1753, als Tiepolo noch im Treppenhaus der
Residenz seine Fresken vollendete, ging Balthasar Neumann in Würzburg aus
dieser Welt;
Am 22. August wurde er unter dem Dröhnen der
Salutbatterien nach feierlichem Leichenkondukt in der Marienkapelle am Markt zur
letzten Ruhe gebettet. Ihm war es beschieden gewesen, über jene
unvergleichlichen Schöpfungen süddeutscher Meister hinaus, die ihren
festen Platz in der Geschichte der europäischen Kunst haben, ein Werk zu
ersinnen, welches als ein letzter Höhepunkt der gesamten Barockarchitektur
überhaupt jenseits solcher Maßstäbe lebt.
2. Kunstgeschichtlicher
Hintergrund
In der Kunstgeschichte umfaßt die Stilperiode des
“Barock” die Zeit vom ausgehenden sechzehnten Jahrhundert an. Sein
Spätstil, das “Rokoko”, etwa ab 1720, schließt diese
Epoche um 1770 ab. Irdische Lebenskraft und Hingabe an das Geistige, wo immer es
aufspürbar ist, Weltlust und religiöse Ekstase offenbaren sich im
Barock. Aus solcher Lebenshaltung und aus exakter Schulung haben die
Künstler und Handwerker diese Werke geschaffen. Die barocke Natur hat immer
einen Schuß Großzügigkeit, Selbstbewußtsein, Mut und
Künstlerisches an sich.
Von Italien ausgehend, wurde der Barock in der ersten
Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts schon der allein zeitgemäße
Stil in Europa. Er ist ein Weltreich der Kunst. In seinen vielen Spielarten,
landgetrennt und zeitverschieden, bewahrt er doch sein überall erkennbares
Barockgesicht.
Die Peterskirche des Papstes zu Rom, der Escorial der
spanischen Könige, das Schloß des Sonnenkönigs zu Versailles,
tausend und mehr Kirchen und Schlösser mit vielen Bildern, Figuren und
Möbelstücken, über die Länder hin, bis hin zum Belvedere,
des Prinzen Eugen zu Wien, ja hinüber bis nach Latein-Amerika, die
Jesuiten- und Benediktinerkirchen dort, das alles ist Barock.
Der Barock ist immer Schaustellung. Er nimmt alle
Künste; er verflicht Architektur, Plastik und Malerei zum scharfsinnig
durchdachten Gesamtkunstwerk. Er verwischt die Grenzen des Gebauten und Gemalten
für die schwelgenden Betrachter: Wirkung ist ihm alles; er berechnet sie,
er weiß die Sonnenstrahlen aufzufangen, daß sie seine Räume
lebendig machen und die Figurengruppen in wechselndes Licht rücken. Selbst
die Natur verwendet er als Kulisse für seine Bauten. Er zwingt Bäumen
und Gärten geometrischen Formen auf und läßt in Brunnen die
Wasser hoch und künstlich springen: und hat mit allem den nachhaltigsten
Erfolg.
Der Barock entflammt die Könige und Fürsten zur
Baulust. Sie geben Millionen Golddukaten an die Künstler und an die Scharen
der Handwerker für Paläste, Prunkräume und Gärten. Dort wird
die Macht des absoluten Herrschers mit Nachdruck der Welt und den Untertanen
aufgezeigt. Dort kann das große Leben Feste feiern und üppig genossen
werden.
Die Katholische Kirche entwickelt den Barock als ein
funkelndes, die Völker begeisterndes Instrument der Gegenreformation. Sie
läßt alle seine Künste spielen und bezieht Musik und
Theaterspiel mit ein. Die schimmernden Kirchenhallen und die reichgeschnitzten
Beichtstühle sind
auch dem ärmsten Bettler zugänglich. Die gemalte
Glorie der Kirche und ihre Heiligen kann mit leiblichen Augen geschaut werden.
Durch Italien, durch Spanien, durch Deutschland, durch Österreich hebt ein
Kirchenauen an in Stadt und Dorf wie nie zuvor, und an den schönsten
Stellen der Landschaft bauen die großen Klöster.
Dort wo Neubauten nicht möglich sind, werden die alten
romanischen oder
Gotischen Kirchen umgebaut. Sie werden dem neuen Geschmack
einverleibt. Helles Licht flutet durch neue Fenster in den modisch neu
geschmückten Kirchenraum. Die alten Altäre und Figuren wandern auf
die Speicher oder zum Brennholz. Der Barock ist kühn und voll strotzender
Kraft. Er ergreift alle Stände und wird zur Volkskunst. Er steigt hinab zu
den Dörfern und braucht sich der Arbeit der Maler und Schreiner nicht zu
schämen. Der Bauernschrank ist ein Sproß , der noch im gleichen Saft
des Barocks der höfischen und städtischen Meister
steht.
Barock und Rokoko sind noch für zwei Jahrhunderte Kunst
in den Schlössern der Könige und noch in den Stuben der Bürger
und Bauern.
Die Baukunst im Barock
Die Baukunst des Barocks entwickelt sich aus der Renaissance
in Italien. Wie die Natur ihre Geschöpfe blühen, reifen und vergehen
läßt, so verwandelt der Mensch in den ihm überlassenen Gebieten
seine Gebilde ständig. Aus einer neuen Weltsicht hat die Renaissance ihre
Werke der Gotik entgegengestellt. Der Barock ist keine Umkehr, er entfaltet sich
organisch aus der Renaissance. Geht man durch italienische Städte, so kann
man in den Straßen und über die Plätze hin, an Kirchen und
Palästen, dieses Werden des Barocks mit Augen sehen und
begleiten.
Die Bauten der Renaissance erwecken ein Gefühl
gelassener Ruhe durch die unaufdringliche Ruhe der Einzelglieder bis zu den
Maßen eines jeden Mauersteins und durch ihren Zusammenklang im ganzen
Bau.
Im Barock verändert sich diese Ausgewogenheit. Das Wort
“Barock” hat die Bedeutung “schiefrund, sonderbar,
regelwiedrig” im Hinblick auf die Regeln der Renaissance.
Ursprünglich kommt es von einem Wort portugiesischer Juweliere: barocco,
die “unregelmäßige Perle”. Dies stimmt alles mit barocken
Bauten überein: sie scheinen zu quellen und neue Formen aus sich
herauszutreiben. Nun wird alles größer, massiger, lauter, plastischer
und später abenteuerlich. Die einzelnen Architekturglieder und
Schmuckformen, so kunstvoll und geistreich sie auch gearbeitet sind, werden der
Gesamterscheinung des Bauens untergeordnet. Sie verlieren jede
Selbständigkeit, sie sind dem ganzem einverleibt wie das Blütenblatt
der Blume.
Die Schwere des Barocks wird in seinem Spätstil
aufgelockert und besonders im Rokoko Österreichs und der süddeutschen
Länder leicht und voll sprühender Grazie, wie das spielerische
“roccaile”, das Muschelornament aus Frankreich, das dem
“Rokoko” den Namen gegeben hat.
Als Szenerie packt der Barockbau in seiner Erscheinung den
Beschauer; seine Innenräume bezaubern durch festliche Pracht. Das schier
Unbegreifliche aber ist, daß die Phantasien der Künstler aus ihren
eigenen
Händen sowie unterstützt von abertausend
meisterlichen Handwerkern Wirklichkeit geworden sind.
Die Zeit Balthasar
Neumanns
Um 1450 begann sich Europa von den wirtschaftlichen
Rückschlägen des 14. Jahrhunderts zu erholen. Die Bevölkerung
nahm schnell zu. Die rasche Zunahme im 16. Jahrhundert wurde jedoch im 17. durch
Kriege, Aufstände, Hungersnot und Pest gebremst und fand ihre Fortsetzung
erst im 18. Jahrhundert. Von geschätzten 69 Millionen Einwohnern im Jahre
1500 stieg die Bevölkerungszahl auf 188 Millionen im Jahre 1800. Die
Entwicklung war von Land zu Land unterschiedlich, am stärksten aber in
England und den Niederlanden.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts verlief ein schmaler
Industriekorridor von Norden nach Süden, von Antwerpen und Brügge,
über Ulm und Augsburg bis Mailand und Florenz.
Die enorme Steigerung des Überseehandels besonders nach
1700 begünstigte auch die Seefahrtnationen. Eine Folge davon war der
Niedergang der einst bedeutenden Handelsstädte Norditaliens, die zwei
Jahrhunderte dominiert hatten. Die Mehrzahl der aufstrebenden Städtischen
Zentren lag westlich des Rheins. London und Paris hatten bereits die
Halbmillionengrenze überschritten.
Die Kartoffel, welche sich nach ihrer Einführung um
1565 erst allmählich einen Platz eroberte, stieg um 1700 zur
Hauptfeldkultur auf.
Die von Ludwig XIV. in einer schon beinahe neurotischen
Furcht vor einer Wiederauferstehung des Reichs Karls V. und der Einkreisung
Frankreichs durch die Habsburger geführten Kriege schmälerten die
erstaunlichen Leistungen Ludwigs als Reformer und
Kunstliebhaber.
Durch frühere Niederlagen wurde Ludwig XIV. gezwungen,
sich einer Politik der indirekten Aggression zuzuwenden. Im Osten eignete er
sich deutsche Gebiete an, besonders im Elsaß. Sein Ziel bestand im Gewinn
des restlichen Burgund, das nach dem Tode Karls des Kühnen 1477 zwischen
Frankreich und Österreich aufgeteilt worden war.
Durch Ludwigs brutales Vorgehen bei Eroberungen und der
Hugenottenverfolgung wurde die Bildung der Großen Alianz (1689) unter
Führung Wilhelms von Oranien provoziert. Dieser hatte nach der Revolution
von 1688 und der Absetzung Jakobs II. den Englischen Thron bestiegen.
1697 wurde durch den Frieden von Rijswijk Ludwig XIV. eine
erste schwere Niederlage zugefügt.
Ein neuer Zeitabschnitt begann, als Karl II. von Spanien
1700 starb, ohne einen Thronfolger zu hinterlassen. Lange war das bereits
befürchtet worden. Doch die Seemächte England und Holland verhinderten
eine Teilung der spanischen Herrschaftsgebiete um das Gleichgewicht aufrecht zu
erhalten, weil sie fürchteten, daß Frankreich durch die
Übernahme der spanischen Überseekolonien ebenfalls zur Seemacht
aufsteigen könnte.
Es kam zum spanischen Erbfolgekrieg, der durch den Frieden
von Utrecht mit einem Kompromiß endete.
Die enormen Kosten der von Ludwig geführten Kriege
hatten Frankreich in eine verzweifelte Lage gestürzt. Die Finanzen waren
desolat, die Unzufriedenheit im Lande groß. Beide Faktoren machten den
Nachfolgern Ludwigs lange Zeit schwer zu schaffen.
3.Die Abteikirche Neresheim als Beispiel zu
Balthasar Neumanns
Stil
Geschichtlicher Überblick:
Neresheim liegt im östlichen Baden-Württemberg,
zwischen Heidenheim, Aalen und dem bayrischen Nördlingen, auf dem
Märtsfeld, einem Ausläufer der Schwäbischen Alb.
Schon im 9. Jahrhundert stand auf dem Ulrichsberg eine
beherrschende Burg der Grafen von Dillingen, die über die ganze Gegend als
Gaugrafen geboten. Im Jahre 1095 wandelte Graf Hartmann I. seine Burg in ein
Chorherrenstift um, das aber schon bald danach, im Jahre 1106, durch
Bedediktiner aus dem Kloster Petershausen bei Konstanz übernommen wurde. Im
Jahre 1119 kam weiterer Zuzug aus dem Kloster Zwiefalten. Nach dem Aussterben
der Dillinger Grafen 1258 unterstellten die Grafen von Oettingen-Wallerstein das
Kloster gewaltsam ihrer Vogtei, was zu einem 500jährigen Rechtsstreit
führte, bis die Abtei im Jahre 1764 reichsunmittelbar wurde.
Jahrhundertelang lebten die schwarzen Mönche des hl. Benedikt als
Kolonisten auf dem Ulrichsberg, ertrugen, wie die Chronik berichtet, Hunger und
Not, Krieg und Brand, Plünderungen und Flucht.
Eine Blütezeit erlebte die Abtei, als sie unter Abt
Johannes Vinsternau (1510-1529) die Melker Reform übernahm. Die Reformation
hat im Härtsfeldkloster keinen Widerhall gefunden. Abt und Mönche
haben sich entschlossen und nachhaltig für die Erhaltung des alten Glaubens
eingesetzt.
Die Entwicklung des Klosters wurde durch den
Dreißigjährigen Krieg jäh unterbrochen. Im Jahre 1647
zählte das Kloster nur noch 4 Mönche. Doch Ende des 17. Jahrhunderts
erhob sich die Abtei wie Phönix aus der Asche. Der neue Geist des Barock
führte zu einer Baublüte, die mit der Abteikirche Balthasar Neumanns
einen Höhepunkt europäischer Barockarchitektur erreichte. Als der
Reichsdeputationshauptschluß im Jahre 1802 die meisten geistlichen Stifte
in Deutschland auflöste, hatte auch für Neresheim die Stunde des
Untergangs geschlagen, kaum daß die neue, mit großem Aufwand
errichtete Kirche vollendet war. Alle einst dem Kloster gehörigen
Besitztümer und Gebäude wurden dem fürstlichen Hause Thurn und
Taxis zugesprochen. Dieser Zustand währte länger als hundert Jahre,
bis Fürst Albert die profanierten Gebäude zusammen mit der Kirche
ihrer alten Bestimmung zurückgab, indem er mit päpstlicher Genehmigung
heimatvertriebene Benediktiner aus dem Kloster Emaus in Prag nach Neresheim
berief und damit dem Orden die Möglichkeit gab, eine
siebenhundertjährige Tradition wiederaufzunehmen und das feierliche
Gotteslob zu halten. Die kanonische Wiedererrichtung als Abtei erfolgte am 14.
Juni 1920 durch Papst Benedikt XV.
In den Jahren 1966 bis 1975 wurde die Abteikirche umfassend
saniert und restauriert. Am 9. September 1975 konnte die Wiedereröffnung
mit der Weihe des Hochaltars gefeiert werden.
Beschreibung der Kirche:
Äußerlich recht unscheinbar und
größtenteils in der damals in dieser Gegend gängigen Form
gestaltet, entfaltet die Abteikirche Neresheim von innen ihr ganzes
majestätisches Ausmaß. Balthasar Neumann hat dem Licht eine
bedeutende Rolle zugewiesen. Die ganze Kirche wirkt wie aus Licht erbaut. Es ist
kein Vergleich zu den dunklen Domen wie sie im Mittelalter üblich waren.
Neumann läßt das Licht mit voller Wucht einströmen, jedoch so,
daß man beim Betreten der Kirche die hinter Säulen verborgenen
Fenster nicht bemerkt, was ein vom Barock mit Vorliebe eingesetztes
Illusionsmittel war.
Der Grundriß der Abtei ist ein lateinisches Kreuz. Die
bei Kirchen sonst üblichen ausgeprägten Querschiffe verkümmern
hier zu kleinen, längsgerichteten Ovalen. Das Oval der Hauptkuppel ist
ebenfalls längsgestellt, wohingegen sich im Schiff und Chor zwei
quergestellte elliptische Flachkuppeln anschließen. So entstanden die
sieben, ihre Eigenstädigkeit bewahrend, Kuppelräume. Die Kirche selbst
mißt in ihrer Gesamtlänge 83 Meter, wobei schon die von vier
freistehenden Säulenpaaren getragene Vierungskuppel allein 24:20 Meter in
der Weite mißt und vom Boden bis zum Scheitel eine Höhe von 32 Metern
besitzt.
Dehio spricht vom Innenraum der Kirche als von “einem
wunderbar schwebendem, schwingenden Reigentanz der Linien”. Dieser
Eindruck wird von dem sich in einem Bogen von Säule zu Säule
schwingenden Hauptgesims erweckt. Die über dem Gesims sich wölbenden
Kuppeln greifen in dei dazwischenliegenden Joche über und verbinden so die
verschiedenen Raumeinteilungen, die sich aber nicht überschneiden, sondern
sich nur berühren. Sie ruhen auf eigenartig geführten, sogenannten
“windschiefen” Doppelgurten, die für
Neumann typisch sind.
Dehio sagt, daß mit keinen Worten deutlich zu machen
sei, welch rhythmische Wucht und welcher Reichtum der perspektivischen Bilder
mit der gegensätzlichen Bewegung der Emporen und der darüber
aufsteigenden Wandfläche des Hauptgeschoßes erreicht ist. Die
Wandarchitektur selbst ist so komplex, daß es schwer fällt, ihre
Vielschichtigkeit zu beschreiben und sie dann auch noch jemandem zu
erklären. Dehio hat aber insofern recht, daß man mit jedem Besuch des
Klosters ein neues Detail entdecken kann, nicht nur im architektonichen Aufbau,
sondern auch in den Deckenfresken Martin Knollers.
Der Kirchenraum wirkt durch seine Kuppeln und Seitenschiffe
um einiges größer, als er tatsächlich ist. Verstärkt wird
dieser Eindruck noch durch die Durchflutung der Halle mit Licht. Beeindruckend
ist vor allem, daß Martin Knoller es allein durch die geniale
Tiefenwirkung seiner Fresken geschafft hat, den Raum für den Betrachter
noch höher wirken zu lassen, man beachte dazu besonders die Freske
“Der Himmel”, in der großen Kuppel der Vierung, in der der
Meister sage und schreibe 150 Putten, Engel, Heilige, die vier, den Himmel
“stützenden” Evangelisten und Apostel in perfekter
Tiefenwirkung darstellte.
Persönliche Meinung zu
Balthasar Neumann
und der Abteikirche
Neresheim
Stefan
Würdinger
Ich denke, man kann Balthasar Neumann als einen der
größten Künstler der Barocken Epoche bezeichnen. Sein Schaffen
versteht es auch heute noch, Menschen in seinen Bann zu ziehen, obwohl es in
unserer Zeit schon viel gewaltigere Bauwerke, wie zum Beispiel das Empire State
Building, das World Trade Center oder die Twin-Towers in Kuala-Lumpur
(Malaysia) gibt. Wenn man bedenkt, daß sicherlich schon viele große
Küstler ihrer Zeit in Vergessenheit geraten sind, ist es erstaunlich,
daß sich Menschen auch noch zweieinhalb Jahrhunderte nach Neumanns Tod von
seinen Bauwerken in ihren Bann ziehen lassen. Ich finde es bedauerswert,
daß das Neresheimer Kloster trotz seiner eindrucksvollen Ausstrahlung
lange nicht so bekannt ist wie Vierzehnheiligen oder die Würzburger
Residenz, obwohl es mit diesen anderen, bedeutenderen Werken Neumanns durchaus
mithalten kann.
Christian Witt
Nachdem wir vor knapp zehn Jahren auf die Alb gezogen waren
fingen wir an, praktisch jede Sehenswürdigkeit abzufahren, die wir hier
finden konnten. Darunter der Blautopf, das Ulmer Münster, das Wental, die
Charlottenhöhle und natürlich das Kloster Neresheim. Nachdem mein
Vater darauf bestanden hatte, das Kloster ungefähr zehnmal hintereinander
zu besuchen konnten wir ihn endlich davon überzeugen, einmal etwas anderes
zu besichtigen. Daraufhin fuhren wir zum “Münster
Zwiefalten.”
Es war eine herbe Enttäuschung. Das Münster
erschlägt einen förmlich mit einem Übermaß an Barocken
Verschnörkelungen. Aus allen Richtungen starren Putten, Engel und Heilige
auf einen herab, und jede Figur scheint einer anderen Stilrichtung zu
entstammen. Es sieht aus als hätte der Bauherr eine ganze Division an
Künstlern, Steinmetzen, Handwerkern und Malern, die alle bei weitem nicht
die Güte eines Balthasar Neumanns oder eines Martin Knoller erreichten, auf
das Münster losgelassen und anschließend versucht das alles irgendwie
unter einen Hut zu bringen.
Es wurde alles mögliche und unmögliche des
Münsters vergoldet und Verziert, aufgebauscht und übertrieben. So
wurden zum Beispiel sogar die Deckenfresken und die Gesimse der Säulen
golden umrahmt und die Jungfrau Maria und das Jesuskind mit goldenen Kronen
dargestellt.
Wir waren uns alle einig, daß das Münster
Zwiefalten einem Vergleich mit der Abteikirche Neresheim bei weitem nicht
standhält. Das Kloster wirkt erhabener und reifer und beeindruckt allein
durch seine Architektur, die alles in “Bewegung” hält und gar
nicht den Eindruck macht als wolle sie willentlich Beeindrucken. Das
Münster Zwiefalten dagegen wirkt auf mich einfach nur protzig, als wolle
man damit übertünchen, daß es in Wahrheit noch lange kein so
vollkommenes Produkt seiner Epoche darstellt als das es nach außen hin
wirken möchte.
Ich kann sagen, daß die Abteikirche Neresheim das
beeindruckenste ist, was ich in dieser Größenordnung bisher gesehen
habe. Balthasar Neumann
hat hier wohl die Summe aller seiner Erfahrungen verarbeitet
und damit ein Werk geschaffen, das auch den internationalen Vergleich nicht zu
scheuen braucht. Martin Knoller gehört wohl zu den am meisten
unterschätzten Malern des deutschsprachigen Raums, wenn man bedenkt,
daß alle Farben und jeder Pinselstrich noch genau so aussehen wie damals,
als Knoller sich mit Kusshand von seinem Lebenswerk
verabschiedete.
|