|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Bernhard, Thomas (1931-1989)
Bernhard, Thomas (1931-1989)
Thomas Bernhard
“Die Mehrheit hat immer nur Unglück gebracht und auch heute
verdanken wir unser Unglück , wenn es ein solches ist, der Mehrheit. Die
Minderheit oder auch nur der einzelne werden ja gerade deshalb von der Mehrheit
erdrückt, weil sie viel zeitgemäßer sind als die Mehrheit, weil
sie viel zeitgemäßer handeln als die Mehrheit. Die
zeitgemäßen Gedanken sind immer
unzeitgemäß!”
“Ich ertrage ihre Redeweise genauso wenig wie ihre Kleidung, was sie
denken ertrage ich nicht, was sie zur Schau stellen, was sie getan haben und was
sie vorhaben. Was sie sagen ist gegen mich, was sie tun, ist gegen mich. Ihre
katholisch-nazionalsozialistische Lebensweise ertrage ich ganz einfach nicht,
ihren Tonfall ertrage ich nicht, nicht nur, was sie sagen, sondern auch,
wie sie das Gesagte gesagt haben, ertrage ich nicht!”
Diese beiden Gedanken aus Thomas Bernhards letztem großen Werk, der
Auslöschung, charakterisieren wohl seine Einstellung zu seiner Heimat und
Umwelt treffend genug. Thomas Bernhard wurde 1931 in Holland als Sohn
österreichischer Eltern geboren. Seine Mutter war Tochter des
Schriftstellers Johann Freumbichler. Bernhards Vater, ein Bauernsohn, starb als
dieser zwölf Jahre alt war. Bernhard wuchs bei seinen Großeltern
mütterlicherseits auf. Sein Vormund fand eine Anstellung im bayrischen
Traunstein, wo die Familie dann wohnte, bis Bernhard im Herbst 1943 in ein
Salzburger Internat eintrat. Von Herbst 1944 bis April 1945 arbeitet Bernhard in
einer Gärtnerei in Traunstein, ehe er vom Sommer 1945 an das Johanneum in
Salzburg besuchte. Zwei Jahre später bricht er seine Ausbildung ab und
beginnt eine Lehre bei einem Lebensmittelhändler. Im Jahr 1949 stirbt sein
Großvater. Kurz darauf auch seine Mutter. Bernhard beginnt danach ein
Schauspielstudium am Mozarteum. Von 1957 an lebt er als freier Schriftsteller.
1965 erwirbt er einen Bauernhof in Ohlsdorf. Im Februar 1989 stirbt der lungen-
und herzkranke Bernhard im Beisein seines Bruders, einem Internisten, in
Gmunden. Das Testament gelangte zwar nur fragmentarisch an die
Öffentlichkeit, zwei Verfügungen wurden aber dennoch
bekannt:
1.) Innerhalb der nächsten siebzig Jahre darf in
Österreich nichts von ihm aufgeführt, verlegt oder vorgetragen
werden, wohl aber in allen anderen Ländern der Welt
2.) Nichts aus seinem Nachlaß darf veröffentlicht werden.
Bernhard entzieht somit posthum sich und sein Werk dem Staat Österreich.
Nur seine Bücher dürfen weiterhin verkauft werden.
Thomas Bernhard war einer der schaffensfreudigsten Autoren der Gegenwart:
er verfaßte mehr als fünfzig Prosatexte, Theaterstücke und
Gedichtsammlungen. Seine Werke wurden vielfach übersetzt und brachten dem
Autor weltweiten Ruhm und Anerkennung. Bernhard wurde mit zahlreichen
Literaturpreisen geehrt, von denen er allerdings einige nicht entgegennahm.
Trotzdem war er in Österreich stets umstritten. Am deutlichsten zeigte sich
das in den Protesten gegen sein Theaterstück “Heldenplatz”,
dessen Uraufführung am Burgtheater ein Jahr vor Bernhards Tod einem Skandal
gleichkam. Auch wurden zahlreiche Werke Bernhards zensuriert und
zurückgehalten. Mir war es sechs Jahre nach Bernhards Tod immer noch nicht
möglich eine vollständige Ausgabe von diesem, seinem Werk zu erhalten,
über welches ich heute referieren werde: “Der Text entspricht der im
Beschluß des Landesgerichts Salzburg vom 25. 5. 1977 festgelegten Fassung.
Die Streichungen sind gekennzeichnet.”
“Die Ursache”, im Jahre 1975 geschrieben, ist ein
autobiographischer Rechenschaftsbericht, dessen Handlungsspielraum sich vom
Herbst 1943 bis Ende 1946 erstreckt. Thomas Bernhard setzt in den nächsten
Jahren mit den Werken “Der Keller”, “Der Atem”,
“Die Kälte” und “Ein Kind” seine, in beklemmendem
Stil formulierte, Lebensgeschichte fort.
In “Der Ursache” Bernhard beschreibt seinen Eintritt in die
Salzburger Andräschule und das Internat in der Schrannengasse zunächst
noch in der Er-Perspektive. Er bedient sich nach wenigen Seiten und einem
nochmaligen Wechsel, der Ich-Form und behält sie das ganze Buch
bei.
Die Schulstadt Salzburg ist für Bernhard nur bedrückend. Die
Kombination aus der Architektur ihrer Gebäude und den dort herrschenden
Witterungsverhältnissen nennt er einen “Todes-boden”, eine
“Todeskrankheit”, an der ein jeder zugrunde gehen muß. Das
Internat und die Schule sind in seinen Augen ein gegen den Geist gebauter
Kerker. Dessen Direktor Grünkranz präsentiert sich den Zöglingen
als stolzer Nationalsozialist, wird aber von diesen gleichermaßen
gefürchtet wie gehaßt. Bernhard ist so verzweifelt, daß er nur
noch den Selbstmord als einzigen Ausweg erkennt, ist aber zum entscheidenden
Schritt nie stark genug. Er ist der festen Überzeugung, jeder
feinfühlende Zögling in diesem Internat, das nur dem seiner
Zerstörung diene, werde entweder vom unvermeidlichen Selbstmordgedanken
gleich getötet, oder für sein ganzes Leben gebrochen. Der
Erziehungskerker, der sadistische Direktor und SA-Offizier Grünkranz und
das katholisch-nationalsozialistische Salzburg offenbaren sich Bernhard nur als
eine Maschinerie, den jungen Menschen zu demütigen und ihn hoffnungslos
für sein ganzes Leben zu vernichten und entstellen. Plötzlich kommt
zur Angst vor Grünkranz noch eine zweite: die vor den Fliegerangriffen.
Dröhnende Flugzeuge verdunkeln den Himmel, während alle Stadtbewohner
in die, in den Mönchsberg gehauenen Stollen drängen. Das Grauen
für den Zögling geht weiter: erstickende und vor Angst gelähmte
Menschen verharren in den feuchten Gängen. Dann setzt der erste
große, vernichtende Bombenangriff über Salzburg ein. Die
Internatsschüler bestaunen ungläubig und ziellos durch die
Straßen rennend die enorme Zerstörung. Sie sehen eingestürzte
Gebäude und qualmende Schutthäufen und die, die auf diesen Häufen
verzweifelt nach Überlebenden suchen. Für Bernhard schlägt in
diesen Augenblicken die pubertäre Gier nach Kriegssensationen in
persönliches Grauen, in einen persönlichen grauenhaften Eingriff der
Gewalt, um. Der Internatsbetrieb kann nur noch krank- und krampfhaft aufrecht
erhalten werden, meist wandert alles bereits nach der ersten Stunde in die
Stollen.
Trotz des herrschenden Chaos wird der Zögling auf Wunsch des
Großvaters, der von Bernhard verehrt und über alles geschätzt
und geliebt wird, im Geigenspiel und in Englisch unterrichtet. Die
Englischnachhilfe ist dem Zögling immer willkommen und die ihn lehrende
Dame aus Hannover dem stumpfsinnigen Geigenlehrer vorzuziehen. Auf dem Weg zu
ihr, steht er vor den Trümmern und Schutthäufen jenes Hauses, in
welchem sie ihn zu seinen Stunden zu empfangen pflegte. Sie ist tot. So bleibt
ihm nur noch der Unterricht auf der Geige, die für Bernhard ein ganz
besonderes Instrument ist. Einerseits ist ihm das disziplinierte Lernen, wie es
von seinem Lehrer Steiner verlangt wird, verhaßt und unmöglich -
Andererseits verwendet er die Geige als ein “Melancholieinstrument”,
das seine Stimmung und seine Selbstmordgedanken ermöglicht und begleitet.
Bernhards Großvater ist stets bemüht, den jungen Zögling zur
Kunst zu führen, ihn mit ihr vertraut zu machen, um in ihm das
Künstlerische und die Kunst zu entdecken. Nur die Liebe zu seinem
Großvater läßt Bernhard den fruchtlosen Unterricht nicht
abbrechen.
Nach dem dritten, verheerendsten Bombenangriff wird der Zögling von
seinen Großeltern ins bayrische Traunstein geholt. Das Internat besucht er
aber dennoch weiter. So muß er ab nun jeden Morgen mit dem Zug nach
Salzburg fahren. Unterrichtet kann nicht mehr werden, es ist nur noch ein
angsterfülltes Sitzen in den Klassenzimmern und Warten auf den
nächsten Fliegeralarm. Doch immer noch müssen Nazilieder unter der
Dirigentschaft Grünkranz´ gesungen werden und die Zöglinge an den
“Endsieg” zu glauben. Bernhard wandelt nur noch wie in einem
Alptraum durchs Leben. Die Verzweiflung und Menschenerniedrigung, das
fürchterliche Elend kann er sein ganzes Leben nicht mehr vergessen. Und
wenn er mit jemandem darüber zu sprechen versucht, stößt er nur
auf Stumpfsinn und Ignoranz, auf jene Eigenschaften, die dem Salzburger
“Todesboden” entspringen. Im Spätherbst wird dann das Internat
endgültig geschlossen. Bernhard beginnt in Traunstein in einer
Gärtnerei zu arbeiten. Wenige Tage vor Kriegsende erfolgt noch ein
sinnloser, aber vernichtender Angriff auf die bayrische Kleinstadt: die
Vernichtung des Bahnhofviertels ist vollkommen, hunderte Menschen werden
getötet. Für Bernhard Zeit seines Lebens ein Trauma.
Nach Ende des Krieges wird das “Nationalsozialistische
Schülerheim” in der Schrannengasse ein katholisches
“Staatsgymnasium”, das Gebäude notdürftig überholt
und Bernhard wieder Schüler dieser Anstalt. Anstelle Grünkranz´
leiten nun ein Geistlicher, der von den Schülern Onkel Franz genannt werden
muß, und ein ihm zur Seite gestellter Präfekt das Heim.
Gemäß Bernhard führt die jetzige Internatsleitung das Erbe der
nationalsozialistischen weiter. Änderungen manifestieren sich für ihn
nur in den Tatsachen, daß der Tagraum, in dem Nazilieder gesungen worden
sind, nun eine Kapelle ist, in der katholisches Liedgut gesungen wird und
daß das Hitlerbild in den Klassenzimmern gegen ein Kruzifix getauscht
worden ist. Die Erziehungs-, Lern- und Züchtigungsmethoden sind aber die
gleichen geblieben.
Bernhard, der im Besitz sowohl einer österreichischen als auch einer
deutschen Identitätskarte ist, unternimmt jedes zweites Wochenende
nächtliche Grenzgänge nach Traunstein, wo sich seine Großeltern
und sein Vormund aufhalten. Das Internat in Salzburg wird ihm immer mehr zur
Hölle. Die stumpfsinnige Zerstörung des jungen Geistes, die Perversion
und Niedertracht seiner Umwelt, die Verspottung und Verhöhnung ihrer Opfer,
dies alles droht Bernhard endgültig zu brechen und zu vernichten. Er sagt
sich innerlich vom Gymnasium los, wagt den tatsächlichen Schritt aber erst
Monate später. Ende 1946 geht Bernhard anstatt zur Schule auf das
Arbeitsamt und läßt sich eine Lehrstelle vermitteln, ohne daß
seine Angehörigen davon Kenntnis haben. Er ist zu diesem Zeitpunkt
fünfzehn Jahre alt.
Thomas Bernhard hat diesen Text in zwei Abschnitte gegliederte. Er benennt
sie entsprechend den beiden Internatsleitern vor und nach dem Kriegsende:
Grünkranz und Onkel Franz. Die erzählerischen Elemente und somit die
Autobiographie in strengerem Sinn treten nur fragmentarisch auf. “Die
Ursache”, die von Bernhard immer wieder als “nur eine
Andeutung” beschrieben wird, ist vielmehr von Gedanken und längeren
Ausführungen geprägt, die aber selbstverständlich stark auf
Bernhards Leben bezogen sind.
Im letzten Abschnitt des Buches reflektiert er vor allem seine Beziehung zu
seinem Großvater, der für seine Entwicklung eine enorm wichtige Rolle
gespielt hatte. Ich erachte “Die Ursache” als eine Offenbarung von
Bernhards Geistes- und Gedankenwelt für sehr wichtig. Und ich sehe dieses
Buch auch als einen Schlüssel zu weiten Bereichen seines Werkschaffens. Das
Attribut “katholisch und nationalsozialistisch”, das er immer wieder
dem Land Österreich und dessen Bewohnern gab, findet sich in diesem Text
begründete. Ebenso seine Zuneigung zu Gärtnern, seine Antipathie gegen
Mitläufer und Ja-Brüller, seine Sympathie gegenüber den von der
Gesellschaft Ausgestoßenen, usw.
“Die Wahrheit ist immer ein Irrtum”, schreibt Bernhard. Die
Lektüre der Bernhard´schen Lebensbeschreibung hinterließ bei mir
einen Eindruck der Beklemmung. Thomas Bernhard wurde immer wieder als Misanthrop
dargestellt; vielmehr habe ich aber den Eindruck, daß es ihm als einem der
wenigen gelungen ist, sich mit sich selbst und seinem Leben auseinanderzusetzen.
Der bittere Nachgeschmack, der bleibt, wenn Bernhard versucht den Leser mit
seinen Gedanken und Fiktionen vertraut zu machen, liegt meiner Meinung nach am
Unverständnis jedes einzelnen. Denn niemand kann den anderen restlos
ergründen und ihn verstehen, schon gar nicht Thomas Bernhard. Das sollte
aber niemanden abschrecken seine Bücher zu lesen. Sie sind alle
gewissermaßen Andeutungen, aber in ihrer Deutlichkeit und Drastik wertvoll
für das Werden einer jungen Persönlichkeit. Bernhard verstand es, so
meinte er in einem der seltenen Interviews, seinen persönlichen Tod zu
leben. Seine Bücher sind Zeugnisse davon.
Abschließend möchte ich noch drei Leseproben geben. Bernhard
formuliert darin Themen die er auch in anderen Werken immer wieder aufgreift.
Ich hoffe ihn damit besser zu charakteriseren als mit einer langen Analyse, die
seine Gedanken und Sätze zerpflückt und sicher nicht in seinem Sinn
wäre.
I.) Seite 81/82 “Wir werden nur erzeugt, nicht erzogen
...”
II.) Seite 98/99 “Die Texte sind immer die gleichen
...”
II.) Seite 127 “Mit ihrem professoralen Gehabe vernichten sie nur
...”
|