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Callenbach, Ernest: Ökotopia
Buchbesprechung 28.11.95
Ökotopia
Ein Leitfaden zur Rückbildung zum Urmenschen
Der Autor Ernest Callenbach präsentiert ein Werk,
daß er Ökotopia nennt und womit er die Literaturkategorie
"wünschenswert aber nicht bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse"
beansprucht. Das allgemeine Unbehagen an der Natur hat schon immer
Schriftsteller dazu angeregt ihre Werke in einem romanhaften Stil zu verfassen
und alternative gesellschaftliche Zustände zu phantasieren. Im allgemeinen
wird Utopia auf einer Insel im weiten Meer oder ähnliches angesiedelt,
jedenfalls als ein abgeschlossenes Land oder Staatssystem dargestellt, welches
zu den gegenwärtigen Verhältnissen im Kontrast steht.
Callenbach benutzt in seinem Werk diese bekannte
literarische Vorlage "Utopia" um die ökologische Thematik in dieser Weise
zu dramatisieren. Zu diesem Zweck lässt er einen Reporter eine Reise in den
doch so unbekannten Staat Okotopia, der ein abgetrennter Teil der USA sein soll,
machen. Er läßt sich leider nicht genauer darüber aus, wie es zu
dieser Abtrennung gekommen sein soll. Man erfährt lediglich, daß so
etwas für einen Teil der Menschheit wünschenswert wäre.
Beispielhaft könnte man die vorgeschlagenen Verhältnisse unter dem
Aspekt "ökologische Lebensweise" einteilen in gesellschaftlich-soziale und
Technische Unterschiede. Parallel zum Bevölkerungsschwund, der durch die
größere Freiheit der Frauen, indem sie entscheiden können, von
wem sie ein Kind bekommen, hervorgerufen wird, ist auch die Kleinfamilie, wie
wir sie kennen, in einem raschen Auflösungsprozess begriffen. Es entstehen
vielmehr eine Art Wohngemeinschaften, die mit den vorindustriellen
Großfamilien vergleichbar sind.
In Bereichen der Technik ist Ökotopia einerseits
anderen Ländern weit voraus, andererseits scheinen sie sich rückwerts
zu entwickeln. Signifikanter Unterschied zu der gegenwärtigen Nutzung
technischer Errungenschaften besteht offensichtlich darin, daß die
Energiequellen Kohle und Atomkraft durch eine umweltfreundlich Solarenergie
ersetzt worden ist.
Angesichts dieser Ideen kommen schon enorme Zweifel an
der Produktivität der uns vorgestellten alternativen Konzepte auf. Auf der
technischen Ebene bewegt sich die gesamte Reportage in Form eines Tagebuches auf
der Ebene fortgeschrittener technischer Entwicklungen, die basierend auf der
Naturwissenschaft nur noch eine
Zeitfrage darstellt. Ein technisch orientierter Leser
würde gelangweilt nichts neues feststellen! Auf dem gesellschaftlichen
Gebiet bestehen die Vorschläge leider nur in längst überholten
Modellen. Als da wären zum Beispiel Wohngemeinschaften anstatt intimer
Kleinfamilien. Die Vorschläge zur Partnerwahl glänzen auch nicht durch
besondere orginalität wenn man für mehr Freiheit eintritt und nichts
anderes vorschlägt als eine freiwillige Übereinstimmung der beiden
Partner. Das ist doch schon jetzt fast realität. Ohne einer Wertung der
Vor- und Nachteile, die frühere Gesellschftsformen haben, kann es doch
nicht dem Anspruch Utopia und
Ökotopia genügen, wenn man frühere
Epochen im Sinne eines goldenen Zeitalters verherrlicht. Hieran wird sowohl der
konservative als auch der phantasielose Charakter dieser Reportage
deutlich.
Es erweist sich als schwierig die negativen Aspekte
unserer Zivilisation utopisch zu recyclen und die uns gewohnten Annehmlichkeiten
zurückzubehalten. Man kann nicht einfach das komplexe gesellschaftliche
System durch ein Wunderbares Sieb, genannt Ökotopia, gießen; das
vermeintlich Positive behalten und sich der lästigen Brühe so einfach
entledigen. Diese Art von Heilung ist sicherlich viel zu naiv.
Ein Naturwissenschaftler könnte dieses Buch nach
den ersten 20 Seiten vor Langeweile zerreißen und auf den Kompost geben.
Im übrigen sollte nicht verschwiegen werden, daß im Detail einige
lustige Einfälle vorhanden sind, die sich zur Lektüre am Strand
eignen, insbesondere dann, wenn sich der Sonnengeile Turist dorthin
umweltbelastend hat jetten lassen.
Ernest Callenbach: "ÖKOTOPIA". Aus dem Englischen
übersetzt durch Rotbuchverlag.
Originaltitel:"ECOTOPIA" Rotbuchverlag Berlin 1995. 223
Seiten, gebunden, DM 16.90, ISBN 3 88022 040 9
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