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| Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame
Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame
“DER BESUCH DER ALTEN
DAME”:
"Der Besuch der alten Dame" ist eine tragische Komödie
und handelt von dem Besuch einer Multimillionärin in ihrem ehemaligen
Heimatdorf.
In der Kleinstadt Güllen irgendwo diesseits oder
jenseits der deutsch-schweierischen Grenze erwartet man den Besuch einer reichen
alten Dame, der Multimillionärin Claire Zachanassian, die als Klara
Wäscher in Güllen geboren und aufgewachsen ist. Ihr Vermögen ist
unübersehbar, die Zahl ihrer Gatten bereits so groß, daß sie
ihre Ehemänner durcheinanderwirft; der erste war ein armenischer
Ölquellenbesitzer, der ihr seinen Reichtum vererbt hat, danach hat sie sich
umschichtig durch die verschiedensten Berufe durchgeheiratet und geschieden.
Augenblicklich ist sie mit Gatten VII im Anzug.
Während der Bürgermeister und die
Notabilitäten des einst wohlhabenden, nun aber völlig verarmten und
heruntergekommenen Städtchens sich vor dem verwahrlosten Bahnhof
versammeln, um Claire Zachanassian einen rührenden Empfang in der alten
Heimat zu bereiten - sie hoffen natürlich, daß sie eine ansehnliche
Stiftung machen wird, die Finanzen der Stadt und den Lebensstandard ihrer
Bürger wunderbarlich heben könnte -, erzählt der Kaufmann Ill,
eine Mann von Mitte Sechzig, was die Kläri Wäscher für ein
bildhübsches, wildes und leidenschaftliches Mädchen gewesen ist und
daß leider das Leben sie nach einer stürmischen Liebe von ihm
getrennt hat.
Noch ehe er damit zu Ende ist, erscheint Frau Zachanassian
- sie hat einfach die Notbremse des D-Zuges gezogen, der
fahrplanmäßig in Güllen nicht hält - mit ihrem Gatten und
ihrem Gefolge, vier unentwegt Kaugummi kauenden ehemaligen Gangstern und
Zuchthäuslern, die ihre Sänfte tragen, und zwei kindisch
fröhlichen, blinden Eunuchen. Die Ovationen, die ihr dargebracht werden,
unterbricht sie kurz und bündig mit der Ankündigung, sie werden der
Stadt die Summe von einer Milliarde stiften, unter der Bedingung, daß sie
sich dafür "Gerechtigkeit" kaufen könne - d.h. daß jemand sich
bereit findet, Ill zu töten. Er hat sie nämlich im Jahre 1910 mit
einem Kind sitzen lassen und in einem Vaterschaftsprozeß, den sie
anstrengte, zwei bestochene Zeugen mitgebracht, die beschworen, ebenfalls ein
Verhältnis mit Kläri Wäscher gehabt zu haben.. Es sind die beiden
Eunuchen, die sie, als sie reich geworden war, aufspüren, entmannen und
blenden ließ und dann in ihr Gefolge aufnahm; ihr Butler aber ist der
Oberrichter, der damals den Vorsitz in dem Prozeß gegen Ill führte. -
Nun geht eine seltsame Veränderung in Güllen vor. Natürlich hat
der Bürgermeister sich geweigert, die Milliardenstiftung unter der
abstrusen Bedingung eines "Gerechtigkeits"-Mordes anzunehmen, aber alle
Einwohner fangen mit einemmal an, auf größerem Fuß zu leben,
Anschaffungen zu machen, besser zu essen und zu trinken - kurz alle leben so,
als ob sie sicher mit einem beträchtlichen Vermögenszuwachs rechnen
könnten. Sie lassen überall anschreiben, und merkwürdig, die
Kaufleute gewähren ihnen ebenso sorglos Kredit, wie jene ihn in Anspruch
nehmen.
Ill wird es unbehaglich. Zwar gewährt auch er seinen
Kunden jeden Kredit, aber er fühlt, daß sich etwas gegen ihn
zusammenzieht. Claire Zachanassian aber, die inzwischen Gatten VII gegen VIII,
einen Filmbeau, getauscht hat und einen Nobelpreisträger als IX erwartet,
sitzt ruhig im Hotel zum Goldenen Apostel und beobachtet die Entwicklung der
Dinge. Als ein schwarzer Panther, den sie als Haustier bei sich hat, ausbricht
und die männlichen Bewohner von Güllen infolgedessen alle mit
Schußwaffen herumlaufen, fühlt Ill sich zum erstenmal wirklich
bedroht. Er will die aufblühende Stadt verlassen, ist aber innerlich
bereits so im Netz seiner Angst, seines schlechten Gewissens und seines
Schuldgefühls verstrickt, daß er es nicht mehr vermag, ja daß
er sich eines Tages, als Claire suggestivpassives Abwarten genügend gewirkt
hat, bereit findet, sich dem Gericht seiner Mitbürger zu stellen. Er selbst
und alle wissen, wie es ausgeht, der Bürgermeister aber findet einen
genialen Dreh, den moralisch verurteilten Ill nach außen hin zu
rehabilitieren: Die Presse wird informiert, daß die Milliardenstiftung von
Frau Zachanassian durch Vermittlung des Herrn Ill, ihres "Jugendfreundes",
zustande gekommen ist. Die Bürger bilden eine Gasse, durch die Ill auf
einen "Turner", der ihn an ihrem Ende erwartet, zuschreitet. Die Gasse
schließt sich. Als sie sich wieder öffnet, liegt Ill am Boden, tot.
"Herzschlag", stellt der Stadtarzt fest, "aus Freude", kommentiert die Presse.
Claire Zachanassian läßt ihn in den Sarg legen, den sie unter ihrem
Reisegepäck mitgebracht hat, und dem ankommenden Gatten IX bestellen, er
werde nicht mehr benötigt: "Ich habe meinen Geliebten gefunden." Der
Bürgermeister erhält den Scheck über eine
Milliarde.
Natürlich geht es dem Autor in diesem Stück nicht
darum, die banale Wahrheit "Mit Geld läßt sich alles kaufen" durch
eine Bühnenparabel zu erhärten. Vielmehr wollte er zeigen, daß
die Aussicht auf die Milliarde das "sittliche Gewissen" der Güllener so
mobilisiert, daß sie in der Tat Gerechtigkeit zu üben glauben, wenn
sie ihren Mitbürger Ill töten. Kein Mensch hätte je danach
gefragt, wenn einer aus ihrer Mitte ein armes Mädchen hätte sitzen
lassen - der "Frevel an der Milliardärin" aber verlangt Sühne. Mag das
Recht auch eine integrale Größe sein, die "Gerechtigkeit" ist eine
relative und wird dem zuteil, der sie zu kaufen vermag. Dies ist die
vernichtende Vorstellung dieser wirklich tragischen
Komödie.
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