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Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker
Die
Physiker
von
Friedrich Dürrenmatt
Inhaltsverzeichnis:
1. Vom Wesen und den Werken Friedrich Dürrenmatts
.......... 2
2. Die Physiker
....................................................................... 4
2.1. Inhalt
................................................................................ 4
2.2. Interpretation
.................................................................... 6
3. Quellenverzeichnis
.............................................................. 8
3.1. Primärliteratur
.................................................................. 8
3.2. Sekundärliteratur
.............................................................. 8
1. Vom Wesen und den Werken Friedrich
Dürrenmatts
Friedrich Dürrenmatt wird am 5. Jänner 1921
in Konolfingen (Kanton Bern) als Sohn eines Pfarrers geboren. Sein
Großvater ist ein konservativer Nationalrat, der mit satirischen Gedichten
Bürokratismus und ähnliche Mißstände anprangert. Dieser
erreicht mit seinen Gedichten etwas, um das ihn Friedrich immer beneidet. Er
muß nämlich für ein Gedicht ins Gefängnis. Eine "Ehre", die
seinem Enkel nie zuteil wird. Im Gegenteil. Friedrich Dürrenmatt erringt
mit seinen gesellschaftskritischen Werken immer nur Ehrungen und
Ehrentitel.
Trotz seiner Erziehung in einem Pfarrhaus hat er zu Gott
und Glauben ein eher distanziertes Verhältnis. Ursprünglich will
Dürrenmatt Maler werden und wird von seinen Lehrern mit den
Naturwissenschaften bekannt gemacht. Einem Wissensgebiet, zu dem
Dürrenmatt auch später noch eine sehr enge Beziehung hat und das auch
Stoff eines seiner größten Werke wird. Friedrich Dürrenmatt
besucht das Gymnasium mit mäßigem Erfolg und studiert
anschließend Philosophie und Germanistik, ohne jemals einen Abschluß
zu machen.
Zu schreiben beginnt er während des Zweiten
Weltkrieges, den er, in der Schweiz lebend, durch Zeitungen und Rundfunk erlebt.
Seine ersten Werke haben eine apokalyptisch-phantastisch-schauerliche Note an
sich.
"Ein Mensch erschlug seine Frau und verwurstete sie
(...)" 1. So beginnt die Geschichte "Die Wurst". In diesem
Stück geht es um einen Mann, der seine Frau ermordet und sie zu Wurst
verarbeitet hat. Als er dann vor Gericht gestellt wird, wird er natürlich
zum Tod verurteilt. Er hat aber noch einen Wunsch: Er möchte die letzte
verbliebene Wurst, die als Beweisstück im Prozeß gedient hatte,
essen. Seinem Wunsch wird stattgegeben. Als die Wurst jedoch geholt werden soll,
stellt sich heraus, daß sie bereits der Richter vezehrt
hat.
In seinem gesamten Schaffen der damaligen Zeit sind derart
makabere und absurde Begebenheiten zu finden. Auch die Motive seiner Bilder sind
in dieser Zeit meist Folterknechte, Scharfrichter, Skelette, Krüppel,
Menschentiere und Figuren aus seinen Geschichten.
Erste abendfüllende Dramen von Dürrenmatt
erscheinen nach dem Zweiten Weltkrieg. Allen diesen Stücken ist eine
grausame und machthungrige Hauptperson gemeinsam. Er versucht in diesen
Stücken als einer der Ersten die noch keine fünf Jahre
zurückliegende Vergangenheit aufzuarbeiten und dem Trauma, das der Zweite
Weltkrieg bei allen Menschen hinterlassen hat, ein Ende zu bereiten oder doch
zumindest ihm Raum zu geben.
1 Goertz, Heinrich:
Duerrenmatt, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1987, ISBN
3-499-50380-8, Seite 19
Dürrenmatt gerät 1949 durch seine
Zuckerkrankheit, der Geburt seines zweiten Kindes und einigen Mißerfolgen
in finanzielle Bedrängnis und beginnt 1950 für die Zeitung "Der
Schweizerische Beobachter" an einem Fortsetzungsroman zu schreiben. Der Roman
mit dem Titel "Der Richter und sein Henker" erscheint in acht Folgen und wird zu
einem großem Erfolg.
Es ist der erste Kriminalroman Dürrenmatts. Ein Roman
voll überraschender Wendungen, aber auch voll von Satirischem über das
Genre des Kriminalromans, über die ganze Schweiz, die Polizei und über
die Gangster. Auch Dürrenmatts zweiter Kriminalroman "Der Verdacht", den er
1952 für die gleiche Zeitung schreibt, und der mehr oder weniger eine
Fortsetzung des Ersten ist, wird ein Erfolg.
Nach seinen Erfolgen als Kriminalautor beginnt sich
Dürrenmatt mehr mit Gesellschaftsproblemen zu beschäftigen. Es
entstehen die wahrscheinlich wichtigsten Werke Dürrenmatts: "Der Besuch der
alten Dame" (1956) und "Die Physiker" (1962).
Ab 1966 beginnt eine neue Schaffensphase, die Bearbeitung
fremder (König Johann nach Shakespeare, Play Strindberg nach Strindbergs
Totentanz, Urfaust nach Goethe) und eigener Werke für die Bühne.
Dürrenmatt nimmt eine Zeitlang eine feste Stelle beim Theater an. Die
historischen Stoffe treten nun in den Hintergrund und die aktuellen Themen
verstärken sich.
In den letzten Lebensjahren entwickelt sich zwischen
Dürrenmatt und seinem Publikum bzw. seinen Kritikern ein immer gespannteres
Verhältnis.
Friedrich Dürrenmatt stirbt am 14. Dezember 1990 im
Alter von 69 Jahren in seinem Haus in der Schweiz in Neuchatel.
2. Die Physiker
2.1. Inhalt
Die Handlung des Stücks spielt im Salon der Villa
eines privaten Sanatoriums, oder besser gesagt eines Irrenhauses. Während
im südlichen, neu gebauten Teil des Sanatoriums prominente Gäste ihr
Dasein zu horrenden Preisen fristen, leben in der schon etwas verlotterten Villa
nur mehr drei Patienten. Es sind dies drei Physiker. Sie nehmen gemeinsam ihr
Essen ein, diskutieren über physikalische Probleme oder leben eingesponnen
ihr eigenes Leben. Ihre drei Zimmer grenzen direkt an den Salon
an.
Leiterin und Gründerin des Irrenhauses ist
Fräulein Dr. h. c. Dr. med. Mathilde von Zahnd. Einzig noch lebender
Sproß einer einst angesehenen und mächtigen Industriellenfamilie. Sie
genießt einen Weltruf als Menschenfreund und Psychiater.
Es ist kurz nach halb fünf Uhr nachmittags. Aus einem
der den Salon angrenzenden Zimmer dringt Geigenspiel mit Klavierbegleitung. Auf
dem Boden des Salons liegt die Leiche einer Krankenschwester. Im Raum herrscht
Unordnung. Um die Leiche bemühen sich mehrere Kriminalbeamte. Inspektor
Richard Voß befragt gerade die Oberschwester zur Person des Opfers und des
Täters. Über den Täter muß er erfahren, daß es sich
um Ernst Heinrich Ernesti handelt. Ernesti ist einer der drei Physiker, er
hält sich für Einstein.
Während der Inspektor auf die Leiterin des Hauses
wartet, betritt Herbert Georg Beutler den Salon. Beutler, der sich für
Newton ausgibt, erkundigt sich nach dem Lärm, der im Salon herrscht. Als
Newton erfährt, daß Einstein seine Pflegerin erdrosselt hat, wundert
sich Newton, wie man nur eine Krankenschwester erdrosseln kann. Der Inspektor
entgegnet ihm, daß auch er, Newton, seine Krankenschwester erdrosselt hat.
Newton erklärt dem Inspektor, daß es bei ihm ganz anders gewesen sei.
Seine Krankenschwester hatte sich in ihn verliebt, und er erwiderte diese Liebe.
Dieses Dilemma sei nur noch mit einer Vorhangkordel zu lösen gewesen.
Allein schon der Altersunterschied, er mußte doch jetzt schon über
zweihundert Jahre alt sein, wäre ein Hindernis gewesen. Außerdem, so
vertraut er dem Inspektor an, sei er gar nicht verrückt. Er tut nur so,
damit Ernesti nicht verwirrt ist, denn Ernesti ist in Wirklichkeit Newton und er
ist Einstein.
Nach diesem verwirrenden Zwiegespräch betritt die
Leiterin des Hauses den Raum. Als ihr der Inspektor von seinem Gespräch mit
Newton erzählt, meint sie, daß er das jedem erzähle, daß
er sich aber tatsächlich für Newton halte, denn sie bestimme in diesem
Haus für wen sich ihre Patienten halten.
Der Inspektor weist Frau Zahnd darauf hin, daß der
Staatsanwalt nach diesem zweiten Mord nun darauf besteht, daß starke
männliche Pfleger die Betreuung der drei Physiker übernehmen
müssen. Nach einigem Zögern gibt sie nach und sichert zu, daß
sie hier von nun an männliche Pfleger einsetzen wird.
Nachdem der Inspektor verschwunden ist, erscheint Frau Rose
mit ihrem Mann und ihren Kindern. Sie ist die ehemalige Frau von Johann Wilhelm
Möbius, dem dritten Physiker. Frau Rose hat den Missionar Rose geheiratet
und will sich nun von Möbius verabschieden.
Sie erkundigt sich nach dem Befinden, und fragt ihn, ob ihm
König Salomo noch immer erscheine. Möbius kann sich nur schwach an
seine Kinder erinnern, und beginnt den Irren zu spielen. Er schüchtert
seine Familie ein und wirft sie mit wüsten Beschimpfungen aus dem
Raum.
Nachdem die Familie den Raum verlassen hat, beruhigt
Schwester Monika den aufgebrachten Möbius. Sie hat bemerkt, daß er
gar nicht verrückt ist. Dabei gesteht sie ihm ihre Liebe und berichtet ihm,
daß sie die Erlaubnis habe, mit ihm das Irrenhaus zu verlassen und in
einem kleinen Dorf eine neue Existenz aufzubauen. Möbius ist das zuviel,
und er erdrosselt sie. Nach diesem dritten Mord erscheinen nun riesenhafte
Pfleger, die Türen werden abgeschlossen und die Fenster
vergittert.
Beim Mittagessen überrascht Newton die beiden anderen
Physiker mit einem Geständnis. Er gesteht, daß er Alec Jasper Kilton
ist, der Begründer der Entsprechungslehre, und daß er sich in das
Irrenhaus eingeschlichen hat, um hinter das Rätsel um Möbius
Verrücktheit zu kommen. Er sei Angehöriger eines Geheimdienstes und
hat seine Krankenschwester nur deshalb umgebracht, weil sie seine wahre
Identität erahnt hat. Er hält Möbius für den
größten Physiker aller Zeiten, hat alle seine Dissertationen gelesen
und muß ihn nun bewachen und notfalls entführen, falls sich ein
gewisser Verdacht bestätigt.
Nach diesem Geständnis gibt Einstein ebenfalls zu,
daß er nicht verrückt ist. In Wahrheit ist er Joseph Eißler,
der Entdecker des Eißler-Effekts. Auch er arbeitet für den
Geheimdienst, und seine Aufgabe ist es, Möbius zu
bewachen.
Nun bekennt auch Möbius, daß er eigentlich gar
nicht verrückt ist. Weil er hinter das Geheimnis der Schwerkraft gekommen
ist und nun fürchtet, daß seine Entdeckung für die Menschheit
verheerende Folgen hätte, wenn sie bekannt würde, ist er ins Irrenhaus
geflüchtet.
Newton entgegnet Möbius, daß Physiker
Pionierarbeit zu leisten hätten und daß die Erkenntnisse, die sie
machen, der Menschheit zugeführt werden müssen. Ob die Menschen mit
diesen Erkenntnissen richtig umgehen, sei nicht Sache der Physiker. Darauf meint
Einstein, daß die Verantwortung des Physikers nicht außer acht
gelassen werden darf, und daß nur der Physiker entscheiden darf, was mit
seinen Erkenntnissen geschieht.
Beide Agenten bemühen sich um Möbius und halten
sich gegenseitig in Schach. Doch sie müssen sich eingestehen, daß nur
Möbius selbst entscheiden kann, welcher Seite er sein Wissen zur
Verfügung stellt.
Da gesteht Möbius, daß er seine Manuskripte
bereits verbrannt hat. Er begründet dies damit, daß er nicht in die
Abhängigkeit von Politikern kommen möchte. Es fällt der Kernsatz
des Stückes: "Es gibt Risiken, die man nicht eingehen darf: Der
Untergang der Menschheit ist ein solches" 2 . Er hat sich daher
entschlossen, sein Wissen nicht zu veröffentlichen. Die Menschheit ist
nicht reif genug für sein Wissen: "Wir müssen unser Wissen
zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen" 3.
Möbius bleibt im Irrenhaus. Nach diesem Geständnis entschließen
sich auch Newton und Einstein, ebenfalls im Irrenhaus zu bleiben, als
vermeintlich Irre wollen sie weiterleben: "Verrückt, aber weise.
Gefangen, aber frei. Physiker, aber unschuldig."
4.
Da erscheint die Leiterin des Irrenhauses mit ihren
Pflegern im Salon. Zur Überraschung der Physiker spricht sie sie mit ihren
richtigen Namen an. Aus ihrem Mund müssen die Physiker erfahren, daß
sie ihr Bündnis umsonst geschlossen haben. Seit Jahren hat die
Anstaltsleiterin alle Manuskripte von Möbius heimlich fotokopiert. In einem
mächtigen, von ihr geschaffenen Trust wird sie auch das System aller
möglichen Erfindungen für den Weg zur Weltherrschaft ausnutzen. Dies
alles geschehe im Auftrage des goldenen Königs Salomo, der auch ihr
erschienen sei. Es zeigt sich, daß die Irrenärztin selber
geisteskrank ist.
Die Lage der Physiker ist aussichtslos geworden. Sie
müssen, als gefährliche Geisteskranke zum Schweigen verurteilt, ihr
Dasein weiterhin im Irrenhaus fristen. In kurzen Schlußmonologen geben sie
ihrer tiefen Resignation Ausdruck.
2.2. Interpretation
Dürrenmatt bezeichnet das Stück als Komödie
mit der Begründung, daß in der heutigen Zeit nur noch das Komische
dem Realen beikommt. Die klassische Tragödie kann die heutige Zeit nicht
mehr darstellen. Die klassische Tragödie verlangt einen Helden, der frei
entscheiden kann und daher auch für sein Schicksal selbst verantwortlich
ist. In der heutigen Zeit ist dies jedoch nicht möglich. Jeder ist
eingeschlossen in einem Gesellschaftssystem, aus dem es für ihn kein
Entrinnen gibt. Er handelt nicht mehr nach freiem Willen, sondern muß sich
dem Willen vieler unterwerfen. Diese Komödie ist ein beklemmendes Beispiel
dafür.
2 Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20835-9
Seite 73
3 Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20835-9
Seite 74
4 Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20835-9
Seite 77
Der Physiker Möbius entdeckt eine Formel, die alle
Probleme der Physik löst. Er erkennt, welche Macht in dieser Formel steckt
und opfert sein Leben als freier Bürger, nur um die Menschheit vor dem
sicheren Untergang zu bewahren. Erst am Ende erkennt er, daß es umsonst
war: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen
werden" 5.
Die Geschichte des genialen Physikers Möbius ist
keineswegs eine Erfundene. Möbius steht in dem Stück stellvertretend
für Albert Einstein. Einstein legte mit seinen Erkenntnissen den Grundstein
für den Bau einer Atombombe und konnte, nachdem er die Gefährlichkeit
seiner Erfindung erkannt hatte, die Herstellung einer solchen nicht
verhindern.
Wissen ist hier zu Macht geworden. Sie hat dem Menschen
Macht gegeben, sich selbst zu vernichten. Das Stück ist ein Appell an die
Wissenschaft, manches Denkbare nicht zu denken.
5 Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20835-9
Seite 85
3. Quellenverzeichnis
3.1. Primärliteratur
Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Zürich
Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20835-9
3.2. Sekundärliteratur
Goertz, Heinrich: Dürrenmatt, Reinbeck bei Hamburg:
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1987, ISBN 3-499-50380-8
Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich
Dürrenmatt, Die Pysiker, Hollfeld: Bange 1991, ISBN
3-8044-0360-3
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