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Kulturpolitik im Ruhrgebiet am Beispiel Filmtheate
Hausarbeit WS 98/99
Stefan Fritz
Kulturpolitik im Ruhrgebiet am Beispiel
Filmtheater
Thema: Revolution der
Multiplexe
Gliederung:
- Einleitung
- Betreiber
- Besucher
- Multiplex-Philiosophie
- Overscreening
- Chancen
- Risiken
- Handlungsmöglichkeiten
der Kommunen
- Revolution
der Multiplexe?
Anhang:
- Grafiken
- Literatur
I) Einleitung
Die Kinolandschaft in der BRD ist seit einiger Zeit im Umbruch. Nach jahrelangem
Rückgang der Besucherzahlen stiegen diese seit 1990 wieder. Im Jahre 1997
konnten die bundesdeutschen Kinos die höchste Besucherzahl seit 1981
vermelden und im ersten Halbjahr 1998 waren im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
noch einmal 11,6% mehr Menschen im Kino. Als eine der Hauptursachen für
diese Entwicklung werden die für die Bundesrepublik neuen Kinotypen der
Multiplexe angesehen.
Unterscheiden sich diese Kinos so gravierend von den traditionellen Kinos,
daß man wirklich von einer Revolution der Multiplexe sprechen kann? Dazu
muß man zunächst wissen, was ein Multiplex überhaupt ist.
Eine einheitliche Definition für Multiplex-Kinos
existiert in Deutschland bislang nicht. Der Hauptverband Deutscher
Filmtheater (HDF) formuliert die Eigen-schaften von Multiplexen jedoch u.a.
wie folgt:
- Ein Multiplex (im folgenden MP) vereint mindestens
acht ”große und gekrümmte” Leinwände
sowie 1600 Sitzplätze.
- Die Ton- und Bildqualität ist auf dem jeweiligen
modernsten Stand der Technik.
- Ein MP beinhaltet neben den eigentlichen Kinosälen
verschiedene Gastronomie- und Freizeitangebote.
- Angegliedert sind eine größere Zahl von
Parkplätzen bzw. Parkdecks.
Die Definition der Filmförderungsanstalt (FFA)
bezieht den Begriff MP auf Kinoneubauten mit mindestens neun Sälen (ab 1994
wenigstens sieben) mit speziellen Nebengeschäften sowie Parkplatzangebot
und ÖPNV-Anbindung.
Die ersten Kinos dieses neuen Typs wurden 1976 in den USA
errichtet. In Europa entstanden die Ersten Mitte der 80er Jahre in
Großbritannien. Das erste deutsche MP wurde 1990 in Hürth bei
Köln eröffnet. Seitdem öffneten bis Ende 1996 insgesamt 30
Multiplexe.
Die FFA teilt diese MPe in Generationen (abhängig vom
Zeitpunkt der Eröffnung) ein:
- 1990 bis 1991
eröffnete MPe (1. Generation) – insgesamt sechs
- 1992 bis 1994
eröffnete MPe (2. Generation) – insgesamt sechs
- 1995 eröffnete MPe
(3. Generation) – insgesamt fünf
- 1996 eröffnete MPe
(4. Generation) – insgesamt 13
[1]
Per Ende Juni 1998 verdoppelte sich diese Zahl, es waren nun
bereits 60 MPe mit insgesamt 570 Leinwänden. Die 22 1997 eröffneten
werden nun als 5. Generation, die acht 1998 eröffneten als 6.
Generation eingeteilt. Diese Einteilung ist jedoch vollkommen
willkürlich gewählt, es gibt eigentlich keinen zwingenden Grund die
Kinos so und nicht anders einzugruppieren.
Als Umfeldkinos werden im folgenden die
traditionellen Kinos und Kinocenter in einer MP-Region bezeichnet. Es ist leicht
einzusehen, daß die MP-Entwicklung direkten Einfluß auf die
Umfeldkinos hat, sei es in wirtschaftlicher Hinsicht als auch im daraus
resultierenden Druck auf die Umfeldkinobetreiber
”nachzuziehen”.
Weitere Entwicklungen sind die sogenannten Mini- und
Megaplexe. Ein Miniplex ist ein kleineres Kino des MP-Typs mit vier bis
sechs Sälen (wie z.B. das Maxx der Flebbe-Gruppe in München); ein
Megaplex (das meines Wissens in Deutschland bislang nur theoretisch existiert,
wenngleich das Cinemaxx in Essen (16 Säle) oder das UCI in Bochum (18
Säle) vielleicht schon zu diesem Typ gezählt werden können) ist
analog ein riesiges MP.
II) Betreiber
Die MPe verteilten sich 1997 auf insgesamt 16 verschiedene
Unternehmen.
- Die Flebbe-Gruppe mit insgesamt neun MPe.
- Die UFA-Gruppe und UCI mit jeweils fünf
MPe.
- Warner und Kieft mit jeweils vier
MPe.
- Die Firmen Kinopolis und Rehs mit jeweils zwei
MPe.
- Constantin, Extra, Omniplex,
Weber, Vollmann, Thomas, Spickert, Paffrath
sowie die Sailer GmbH mit je einem MP.
(Stand: September 1997 – Mindestens eines dieser
Unternehmen (Warner) hat sich seither aus dem MP-Markt zurückgezogen und
seine Kinos in Deutschland verkauft.)
”Die Kinolandschaft ist voller
Ungleichmäßigkeiten. ... In ihr gibt es weder in unternehmerischer
Hinsicht jene konzentrierten Strukturen, wie sie in anderen Medienbranchen
üblich sind, noch gibt es in ihr eine erkennbare raumbezogene
Versorgungsordnung, nach der alle Menschen eine ähnliche Chance
hätten, ihr Kino zu erreichen.
Manche Eigentümlichkeiten der Kinobranche und manche
Auffälligkeit der Kinolandschaft kann nur aus der Geschichte erklärt
werden. ... In vielen Städten ist der Kinomarkt monopolisiert; die dort
vorhandenen Kinos gehören alle zu einer Unternehmensgruppe. ... Art und
Verbreitung der Kinos hängen oft von Zufällen und Biographie der
Betreiber ab.”[2]
Hans – Joachim Flebbe begann beispielsweise 1974 mit der
Programmgestaltung des Apollo – Filmtheaters in Hannover bis er drei Jahre
später sein erstes eigenes Kino ebenda eröffnete. Die Cinemaxx -
Gesellschaft wurde 1989 gegründet und besaß Ende 1998 20 Multi- und
Miniplexe und 14 traditionelle Kinocenter.
Die Kinobranche war lange Zeit zumeist regional
strukturiert. Kinobetreiber sind, wie erwähnt, oft ortsansässig und
–verbunden. Daß diese regionale Konzentration zunehmend aufgebrochen
wurde (und wird) ist zum großen Teil eine Folge der Entwicklung der MPe.
Von den bis Sept. 1997 in NRW gebauten MPe wurde keines von
nordrhein-westfälischen Unternehmen betrieben. Zumindest bis Anfang 1998
war NRW mit 15 MPe (zum Vergleich: Bayern – sechs MPe, Sachsen und
Baden-Württemberg – je fünf MPe) auch bevorzugter Standort der
MP-Betreiber.
”Unternehmerisch werden Multiplexe eine enge Allianz
mit dem Verleih
eingehen...”[3]
Einige Multiplexbetreiber sind ”global players”, sie machen weltweit
Geschäfte. Für sie sind nicht national interessante Filme wichtig,
sondern international vermarktbare, die möglichst zeitgleich auf der ganzen
Welt Umsätze einspielen. Da das Filmtheater an sich einen Teil des
Marketings eines Films ausmacht, wird die Zusammenarbeit zwischen Kinobetreiber
und Verleih immer enger. ”Das amerikanische Konzept ist nachzuvollziehen:
Die Produktion eines Filmes und das Marketing eines Filmes sind zwei Seiten
eines Erfolges. Der Erfolg ist dann am wirtschaftlichsten machbar, wenn die
Starttermine der großen amerikanischen Filme weltweit zusammengelegt
werden.”[4] Die
Flebbe-Gruppe hatte eine Zeitlang mit dem Impuls-Verleih einen eigenen
Verleih.
III) Besucher
Der Besucheranteil der MP am Gesamtkinobesuch stieg von
1991 mit 3,2% auf 14,6% im Jahre 1996. Im Zeitraum Januar 1997 bis September
1997 entfielen bereits 21,5% der Kinobesucher auf diese Kinos.
Aussagekräftiger dürften allerdings die Zahlen in
den Multiplexregionen (ein Gebiet mit einem Radius zwischen 20 und 30 km
um das untersuchte MP) sein. Hier stieg beispielsweise der MP-Besucheranteil in
den Regionen der ersten Generation von 34,8% im Jahre 1991 auf 67,6% im Jahre
1996.
Die FFA hat 1997 eine Indexrechnung aufstellen lassen, die
die Besucherzahlen von Umfeldkinos und MPe der ersten vier Generationen
erfaßt. Hier ist festzustellen, daß die Besucherzahlen der
Umfeldkinos zugunsten der MPe vor allem bei den Kinos der ersten Generation
zwischen 1990 und 1996 stark zurückgegangen sind (siehe Grafik
1)[5].
Die Indexberechnungen für die folgenden Generationen
sind aufgrund der hohen zeitlichen Streuung der Eröffnungen der MPe
(zweite Generation) und der kurzen Verlaufszeiten der Entwicklung (dritte und
vierte Generation) nicht so aussagekräftig wie die Darstellung der ersten
Generation. Es läßt sich aber feststellen, daß die MPe der
ersten Generation auch die größten Besucherzuwächse
realisieren.
Grafik
2)[6] zeigt den Anteil
der MP-Besucher an der Gesamtkinobesucherzahl in den einzelnen MP-Regionen in
%.
Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß
die MPe im Verlauf starke Besucherzuwächse aufweisen konnten. Die
Besucherentwicklung der Umfeldkinos ist in verschiedenen Ausprägungen
insgesamt rückläufig. Zum Teil kam es zu Schließungen von
Kinosälen die wirtschaftlich nicht mehr überleben
konnten.
Zur Indexberechnung: Die Indexberechnung
wurde für die Darstellung der Besucherschwankungen notwendig, da einige
Filmtheaterbetreiber mit der Ver-öffentlichung der exakten Besucherzahlen
nicht einverstanden sind. Dem Jahr 1989 wurde hier der Index 100 zugewiesen, da
dies das letzte Kalenderjahr ohne MP war.
Hier ist besonders auffällig, daß im Raum
Bochum mit dem 1991 eröffneten MP der Firma UCI der Index (neben dem
höchsten Wert von 268 im Jahre 1993) 1996 den Wert 235 erreichte, die
Kinobesucherzahl in MPe und Umfeldkinos zusammen sich also seit 1989 mehr als
verdoppelt hat (auch im ersten Jahr (1991) erreichte der Index hier direkt den
Wert 215). Davon entfielen über 70% der Besucher auf das MP, der Index
für die Umfeldkinos erreichte 1996 den Wert 67. Dennoch hat hier bislang
kein Kino geschlossen (das Union – Filmtheater wird wohl jedoch in diesem
Jahr aufgegeben).
Unter der hypothetischen Annahme daß sich der
Kinobesuch in den Multiplexregionen ohne MP entsprechend dem Besuch in den
Nicht-Multiplexregionen entwickelt hätte, läßt sich unter
Verwendung der Indexberechnung ein theoretischer Multiplexeffekt
berechnen. Dies wurde für die MPe der ersten Generation durchgeführt,
wobei außer Acht gelassen wurde, daß nach 1991 einige der
Nicht-Multiplexregionen zu Multiplexregionen wurden. Andere Effekte, wie zum
Beispiel die Modernisierungen von traditionellen Kinos im Zuge des Erfolges der
MPe und den Attraktivitätszugewinn
daraus[7], wurden ebenfalls
nicht berücksichtigt. Die tatsächlichen Zahlen sind also vermutlich
höher, aber es ergeben sich in den Jahren 1992 und 1993 jeweils
hypothetische 63% Mehrbesucher durch die MPe. In den Jahren 1994 und 1995 sind
es immerhin auch noch jeweils
52%.[8]
Man weiß allerdings auch, daß hier nur wenige
bisherige Nicht-Kinogänger ins Kino gezogen wurden. Vielmehr erhöhte
sich die Besuchsfrequenz des einzelnen Kinogängers, sowie die Zahl der
”Heavy-User”, die mindestens einmal pro Woche ins Kino gehen. Ein
erklärtes Ziel der MP-Betreiber, neue Bevölkerungsgruppen für das
Kino zu erschließen, wurde also nicht erreicht.
IV) Multiplex-Philosophie
Zwischen 1980 und 1990 verloren die bundesdeutschen Kinos
ca. 29% ihrer Be-sucher. Die daraus folgenden Umsatzeinbußen wurden durch
eine Eintrittspreis-erhöhung von 29% auf einen Nettoverlust (nach Abzug
von Mehrwertsteuer, Filmmiete sowie Filmabgabe and die FFA) von 8,5% begrenzt.
Dieser Verlust wurde durch eine Steigerung bei den Nebeneinkünften (Verkauf
von Getränken, Süßigkeiten, Eis, Popcorn u.ä.) zum Teil
kompensiert. Somit sind diese Nebeneinnahmen schon bei den traditionellen Kinos
ein wichtiger Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg. Der Stellenwert von
Nebeneinkünften ist bei den MPen noch größer.
Das MP ist denn auch eher als eine Art Freizeitzentrum denn
als Kino konzipiert: Der Film steht nicht mehr unbedingt im Mittelpunkt, er ist
vielmehr Lockmittel für den Besuch. Viele verschiedene Einrichtungen im und
um das MP herum sollen für Umsatz vor und nach dem Filmbesuch sorgen.
”Man kann Billard spielen oder in Kneipen gehen, man kann unendlich lange
Rolltreppen fahren, man kann natürlich auch ins Kino
gehen.”[9] Das Motto
von Hans – Joachim Flebbe lautet: ”Das Publikum ist da, man
muß ihm nur die richtigen Kinos
bauen!”[10]
Die Einnahmen aus Nebengeschäften (Concessions)
machen beispielsweise bei den MPe der Flebbe-Gruppe (Cinemaxx und Maxx) fast
20% des Gesamtumsatzes aus. Zitat: ”Cinema is O.K., but concessions are
far more important. Film is just something to attract people, and then we are
trying to sell them everything we
can.”[11]
Hinzu kommen Einnahmen aus Werbung, die mit etwa 10% zu
Buche schlagen. Der Kartenerlös macht somit 70% des Umsatzes aus, dem
gegenüber stellt dieser Posten bei den traditionellen Kinos etwa 80% des
Umsatzes dar.
[12] Der HDF
erwartet in Zukunft eine Verschiebung der Werbeeinnahmen von den traditionellen
Filmtheatern in die MPe.
Der Eintrittspreis liegt bei den MPe höher als bei
traditionellen Kinos. 1991 bezahlte man im Durchschnitt 10,04 DM für die
MP-Karte und 8,17 DM für den Eintritt in einem traditionellen Kino. Diese
Beträge stiegen bis 1995 auf 11,54 DM im MP und 9,51 DM im traditionellen
Kino.[13] Daraus
läßt sich schließen, daß die höheren Eintrittspreise
(genauso wie die zum Teil erheblichen Parkplatzkosten) kein Hinderungsgrund
für den Besuch des MP sind.
Das Filmprogramm in den MPe unterscheidet sich kaum von dem
in den traditionellen Kinocentern. Die Technik ist jedoch auf dem modernsten
Stand. Auch der Komfort der Säle und speziell der Sitze ist nicht mit den
bekannten traditionellen Häusern zu vergleichen. ”Das räumliche
Angebot ist vielfältig. Vom herkömmlichen Kinosaal bis zu Formen des
Amphitheaters mit verführerischen Liegesitzen integrieren die MPe
Lebenskultur und Filmlust. Das Kino... soll möglichst alle Bedürfnisse
der Besucher durch ein gemischtes Raumkonzept befriedigen. Dazu dient nicht nur
die Supertechnik für die Vorführung, das Spiel mit Licht und Ton und
ästhetischer
Wohlbefindlichkeit.”[14]
Auch Sonderveranstaltungen werden in einem MP abgehalten. So bieten die MPe der
Flebbe-Gruppe u.a. Live-Übertragungen von Kultur- und Sportveranstaltungen
an und bietet die Kinosäle für Vorträge und Kongresse an. Das
Cinemaxx Essen wurde beispielsweise von der Essener Universität für
Vorlesungen genutzt.
Auch die teilweise ausladende und aufwendige (Außen-
und Innen-) Architektur zumindest der MPe in den Innenstädten reiht sich in
dieses Konzept ein. Die MPe ”auf der grünen Wiese”, sprich: auf
Gewerbeflächen außerhalb der Städte, sind außen meist
nicht so aufwendig gestaltet, da hier weniger Auflagen seitens der Kommunen
gemacht werden.
Das reine Konkurrenzverhältnis traditionelle
Filmtheater (und speziell Filmkunsttheater/Programmkinos) vs. Multiplexe wird
zum Teil aufgebrochen. Da die MPe ein größtenteils
mainstreamorientiertes Programm anbieten, werden die bestehenden Programmkinos
eher weniger vom durch ein MP verursachten Besucherrückgang in
Mitleidenschaft gezogen. In Dortmund gibt es beispielsweise eine Kooperation
zwischen dem MP (CineStar, Betreiber: Kieft) und den Programmkinos (Roxy und
Kamera), die aus Werbung und Programmhinweisen für das jeweilig andere Kino
besteht.
V) Overscreening
Wenn zu viele MPe in einer Region miteinander konkurrieren
spricht man von einem Overscreening. Eine grobe Faustregel besagt hier,
daß ein MP dann rentabel arbeiten kann, wenn in einem Einzugsgebiet von 20
km um das MP mindestens 300.000 Menschen wohnen, wobei Marktuntersuchungen
gezeigt haben, daß der Einzugsbereich teilweise auch über dieser
Entfernung liegen kann.
Ein solches Überangebot führt zu einem starken
Konkurrenzdruck, dem nicht jeder Mitbewerber standhalten kann. Experten gehen
davon aus, daß innerhalb der nächsten zwei Jahre das erste MP
schließen wird. Im Großraum Berlin könnten nach der Faustregel
15 MPe existieren, geplant sind 30. In Hamburg sollen derer 16 gebaut werden,
rentabel wären 10. In Magdeburg existieren zwei Multiplex-Theater für
280.000 Menschen.
VI) Chancen
MPe tragen am richtigen Standort wesentlich zur
Wiederbelebung bzw. Verbesserung der Attraktivität der Innenstädte
bei. Das Hauptanliegen der Kommunen an die ein Investor herantritt sollte somit
sein, den (für den Betreiber unter Umständen wg. geringeren
Grundstückspreisen und weniger Bauverordnungen durchaus attraktiveren)
Standort an der Peripherie zu vermeiden, da durch einen solchen Standort die
Verwaisung der Innenstädte weiter vorangetrieben wird. MPe und ihr
Ergänzungsangebot stellen schließlich auch außerhalb der
Ladenöffnungszeiten einen Anreiz für den Besuch der Zentren dar und
können so bei absteigenden oder abgestiegenen Stadtvierteln zu einer
Revitalisierung beitragen.
Auch aus wirtschaftlicher Sicht werden MPe
begrüßt. Schätzungen besagen, daß pro 100.000 DM
Freizeitumsatz ein Arbeitsplatz (wenn auch überwiegend im Teilzeitbereich)
entsteht.1997 machten die MPe hochgerechnet einen Jahresumsatz von über 256
Mio. DM aus.
Bei einer Investitionshöhe von 35 bis zu 100 Mio. DM
für ein MP erwartet man sicherlich auch positive Effekte für die
heimische Bauwirtschaft.
VII) Risiken
Das größte Risiko für die Kommunen besteht
sicherlich in den Folgen eines Overscreening. Ein MP kann aufgrund seiner sehr
speziellen, auf den Kinobetrieb ausgerichteten Architektur nur sehr schwerlich
und durch erhebliche Investitionen für andere Zwecke genutzt werden. Bei
aller Euphorie über das Interesse eines Investors und den Imagegewinn, den
ein MP sicherlich bietet, sollten sich die Kommunen auch fragen, ob das zur
Disposition stehende MP auch rentabel arbeiten kann. Auch die Bedrohung für
existente herkömmliche Filmtheater ist zu bedenken. Die Erhaltung dieser
gewachsenen Vielfalt muß ebenfalls ein Ziel auf dem Weg zu attraktiveren
Innenstädten sein.
Wie bereits erwähnt, sollte der Standort für das
MP sorgfältig gewählt sein. Ein MP an einem für die
Stadtentwicklung schädlichen Standort führt unweigerlich zu einer
Fragmentierung und Auflösung städtischer Strukturen. Durch die
Verminderung der Attraktivität der benachbarten Zentren kann deren Niveau
sinken und durch das Ausbleiben von Kundschaft die bestehenden
Einzelhandelsbetriebe in ihrer Entwicklung
beeinträchtigen.
Die Realisierung von MPe außerhalb größerer
Zentren führt auch zu einer Zunahme der Verkehrsströme. Von 100
MP-Besuchern in der Innenstadt reisen 65 mit dem PKW und 35 mit dem ÖPNV
an, bei den MPe ”auf der grünen Wiese” liegt der PKW-Anteil bei
90%.
VIII) Handlungsmöglichkeiten der
Kommunen
Durch die weitere Entwicklung und immense Expansions- und
Bauwut einiger Betreiber entsteht vor allem bei den betroffenen Kommunen
Handlungsbedarf.
Es sollte zunächst ein verbindlicher
Freizeitentwicklungsplan verabschiedet werden, der in Verbindung mit dem
Erstellen oder der Änderung eines existierenden Bebauungsplanes das weitere
Vorgehen bestimmt.
Der deutsche Städtetag empfiehlt unter anderem die
Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte:
- Die Ansiedlung von
MP-Kinos hat auch Auswirkungen auf Nachbarstädte und -gemeinden. Eine
Abstimmung mit ihnen ist daher unabdingbar.
- Die Beteiligung der
verschiedenen Ressorts der Stadtverwaltung (Stadtentwicklung, Bauverwaltung,
aber auch Bibliotheken oder kommunale Kinos) ist bei der Planung zu
berücksichtigen.
- Die Seriosität des
Betreibers/Investors ist von Bedeutung, um in Zusammenarbeit nicht nur auf die
wirtschaftlichen Interessen, sondern auch auf die sozio-kulturellen
Gegebenheiten der jeweiligen Stadt Rücksicht zu nehmen.
- Die Städte sollten
mit einer Marktanalyse sicherstellen, daß sich das MP rentabel betreiben
läßt und es nicht zu einem Overscreening kommt.
- Die Architektur des MP
sollte sich in das Stadtbild einpassen. Dazu sollte nach Möglichkeit ein
Archtitekturwettbewerb stattfinden.
- Es sollte geprüft
werden, ob vorhandene, leerstehende Gebäude (wie z.B. Fabriken), die das
Stadtbild mitprägen durch Umbau zum MP nicht geeigneter sind, als der
komplette Neubau eines Komplexes.
- Der Standort an der
Peripherie ist nach Möglichkeit zu vermeiden. Dies kann durch eine
Änderung der entsprechenden Bebauungspläne erreicht
werden.
- Eine gute Anbindung an
den ÖPNV sollte zur Vermeidung von gesteigertem motorisiertem
Individualverkehr und daraus resultierenden zusätzlichen Umweltbelastungen
gesichert sein.
- Wünschenswert
wäre eine Zusammenarbeit von MP und anderen Kultureinrichtungen sowie die
Sicherung der Vielfalt des Filmprogramms jenseits der mainstreamorientierten
Auswahl im MP durch kommunale Kinos, Filmclubs und
Programmkinos.
IX) Revolution der Multiplexe?
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß durch
die Eröffnung von MPe in Deutschland schon eine Art von Revolution
stattgefunden hat: seit 1990 steigende Besucherzahlen, Modernisierungen von
traditionellen Filmtheatern und die beschriebene Philosophie des MP; all dies
hat zu einer umfassenden Veränderung in der Kino-branche
geführt.
Ob diese Veränderungen allerdings in letzter Konsequenz
begrüßt werden können ist sicherlich diskutierbar. Der
wirtschaftliche Druck hat immerhin im ersten Halbjahr 1998 erstmals seit Jahren
mehr Kinoschließungen als Neueröffnungen zur Folge gehabt. Auch die
Zahl der Kinostandorte sank in diesem Halbjahr (insbesondere in Städten mit
unter 20.000 Einwohnern).
Neuere Entwicklungen die vielleicht einen Beitrag zum
Überleben der traditionellen Kinos leisten können sind das
”One-Dollar-Kino” und das Luxuskino:
Das ”One-Dollar-Kino” soll nicht-aktuelle
Kinofilme und Filmklassiker zu einem geringeren Eintrittspreis um die fünf
DM bieten. Hierzu eignen sich vor allem traditionelle Kinocenter, die auf
mehreren Leinwänden verschiedene Filme anbieten können. Die
Verleihmiete für diese Filme ist denn auch geringer als die der aktuellen
Blockbuster, die unter Umständen auch schon nach kurzen Auswertungszeiten
aus den Kinos verschwinden (”Titanic” war und ist die große
Ausnahme).
Das Luxuskino ist ein Konzept, das zu einem höheren
Eintrittspreis umfangreichen Service vom Parkservice über die Garderobe bis
hin zur luxuriösen Einrichtung des Kinosaals mit Bar, Tischen und Bedienung
sowie beste Ton- und Bildqualität auf großen Leinwänden bietet.
Als Luxuskino lassen sich insbesondere alte Uraufführungskinos mit einem
oder zwei Sälen (wie z.B. die Essener Lichtburg)
umstrukturieren.
Der HDF erwartet weniger Investitionsruinen bei den MPe als
vielmehr eine Konzentration des Kapitals; daß ”wie im Einzelhandel
am Schluß Karstadt Hertie
kauft.”[15] Wann
die Sättigungsgrenze erreicht, läßt sich nicht schätzen,
der Markt ist jedoch nicht unendlich aufteilbar, zumal das anvisierte Ziel ,
neue Besuchergruppen ins Kino zu ”locken” bislang nicht erreicht
wurde. Der bundesdeutsche Durchschnitt von 1,7 Kinobesuchen pro Einwohner im
Jahre 1997 ist im internationalen Vergleich eher mittelmäßig (bei
Werten von z.B. 2,6 in Frankreich, 2,7 in Großbritannien oder 3,2 in
Irland; ganz zu schweigen von 5,2 in den USA) wenngleich hier auch eine
Steigerung erkennbar ist (1995: 1,52; 1996: 1,62).
Die oben beschriebenen neuen Entwicklungen und Konzepte
könnten hier ansetzen und mit dem Luxuskino auch ein älteres Publikum
ansprechen, das bisher gerade von den MPe als Hort der Jugendlichkeit und der
jugendorientierten Freizeitkultur eher abgestoßen wurde. Somit würde
ein nicht erreichtes Ziel der MP-Betreiber von den Betreibern der traditionellen
Häuser verwirklicht.
Die deutschen MP-Betreiber werden ihre weitere Expansion
verstärkt international ausrichten. Die Flebbe-Gruppe eröffnete 1998
bereits seine ersten MPe im europäischen Ausland.
Anhang
(a) Grafiken
Grafik 1
Indexergebnisse bezogen auf Besucher In
Multiplexregionen der ersten Generation
Grafik 2
Multiplex-Besucheranteil an
Gesamtkinobesucher in Multiplexregionen nach Generationen
Anhang
(b) Literatur
Literatur:
- Bähr, Rolf: 7 Jahre Multiplexe – Die unendliche
Geschichte ?, Berlin, 1997
- Pätzold, Ulrich und Röper, Horst:
Konzentrationstendenzen in der Filmbranche, in: Media – Perspektiven
4/93
- Bähr, Rolf und Neckermann, Gerhard: Kinostruktur und
Multiplexentwicklung, in: Media – Perspektiven 3/97
- Kulturausschuß des deutschen Städtetages:
Multiplexkinos in der Stadt –Bestandsaufnahme-Probleme-Perspektiven,
Landshut, 1998
- Nickel, Andrea und Ogbamichael, Huria: Thesenpapier –
Thema: Filmtheaterbetreiber/Hans Joachim Flebbe, Bochum,
1998
Quellen des
Zahlenmaterials:
- Bähr, Rolf: 7 Jahre Multiplexe – Die unendliche
Geschichte ?, Berlin, 1997
- Bähr, Rolf und Neckermann, Gerhard: Kinostruktur und
Multiplexentwicklung, in: Media – Perspektiven 3/97
- Pätzold, Ulrich und Röper, Horst:
Konzentrationstendenzen in der Filmbranche, in: Media – Perspektiven
4/93
- Flebbe – Geschäftsbericht 1997
- FFA – Intern Nr. 1/98
- FFA – Intern Nr. 2/98
- HDF – Geschäftsbericht 1997/1998
- Nickel, Andrea und Ogbamichael, Huria: Thesenpapier –
Thema: Filmtheaterbetreiber/Hans Joachim Flebbe, Bochum, 1998
- Eigene Berechnungen
[1] Bähr, Rolf: 7 Jahre
Multiplexe – Die unendliche Geschichte?, 1997, S. 10 ff
[2] Pätzold, Ulrich u.
Röper, Horst: Konzentrationstendenzen in der Filmbranche, in: Media -
Perspektiven 4/93, S.170
[7] Der HDF geht allerdings davon aus,
daß entgegen den vor einigen Jahren ausgesprochenen Empfehlungen zur
Modernisierung an die Betreiber der traditionellen Häuser dies auch kein
Patentrezept zur langfristigen Sicherung der Existenz dieser Kinos
darstellt.
[8] Bähr, Rolf u.
Neckermann, Gerhard: Kinostruktur und Multiplexentwicklung, in: Media -
Perspektiven 3/97, S.120ff
[9] Pätzold, Ulrich u.
Röper, Horst, 1993, S.178
[10] Nickel, Andrea und
Ogbamichael, Huria: Thesenpapier – Thema: Filmtheaterbetreiber/Hans
Joachim Flebbe, Bochum, 1998
[11] Nolens, Christian in:
The Hollywood Reporter 1991. International Exhibition Special Report,
20.10.1991, S.4; zitiert in Pätzold, Ulrich u. Röper, Horst, 1993,
S.178
[12] Quelle:
Flebbe-Geschäftsbericht 1997 und Pätzold, Ulrich u. Röper, Horst,
1993, S.172
[13] Bähr, Rolf u.
Neckermann, Gerhard 1997, S.119
[14] Pätzold, Ulrich
u. Röper, Horst, 1993, S.180
[15] Kuchenreuther, Steffen: Rede zur
Eröffnung des Filmtheater – Kongresses 1998, in: HDF –
Geschäftsbericht 1997/98
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