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Norwegische Volksmärchen und –sagen
Norwegische Volksmärchen und –sagen
Von Nicole Pauli, Norwegen-Hopee 98/99
Wenn Hexen Geistern das Leben schwer machen, Riesen
Zwerge auslachen, und Drachen eine kleine Fee bedrohen, dann befinden wir uns
nicht im neuen Spielberg-Streifen, sondern eher mitten in einem Märchen
oder einer Sage – in dem Spiel zwischen Gut und Böse, wo am Ende
meist das Gute auf dem Siegertreppchen steht. Märchen werden seit
Jahrhunderten mündlich von Generation zu Generation überliefert, und
gehören zur Volksdichtung. Sie werden in Phantasiesprachen mit
unzähligen Symbolen erzählt.
In Norwegen ist man besonders stolz auf diesen Teil
des Kulturerbes, denn sie weisen auf die Wurzeln der norwegischen Kultur
hin.
Der Märchenstil
Typisch für diesen Stil der Erzählung ist,
daß wir mit einer Einleitungsformel (z.B. “Es war einmal...”)
in die Märchenwelt geschickt werden, und mit einem Schlußsatz (z.B.
“Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.”)
wieder in die Realität zurückgeholt werden. In der Volksdichtung sind
Schematisierungen üblich. Zumeist ist der Personenkreis im Märchen
begrenzt, wobei der Aschenhans die wichtigste Rolle spielt. Am Anfang ist
er immer der Unglückliche oder Verachtete. Er wartet auf den richtigen
Zeitpunkt, tritt in das Geschehen ein, und alles wendet sich zum
Guten.
Die Zahl Drei und Wiederholungen spielen in norwegischen
Märchen eine bedeutende Rolle. Die Schwierigkeiten werden von Mal zu Mal
größer; häufig kommt es beim dritten Mal zu einer Lösung.
Das Märchen beginnt und endet ruhig – natürlich mit Happy End.
Die Guten haben die Belohnung bekommen, die Schlechten bereuen ihre Tat, und
wurden bestraft.
Die verschiedenen Arten von
Märchen
Norwegische Märchen lassen sich in drei
Hauptgruppen einteilen: Tiermärchen, Wunder- und Zaubermärchen
und Schwankmärchen.
In den Tiermärchen spielen
hauptsächlich der Bär, der Fuchs und der Wolf mit. Auch Märchen
mit Haustieren wie Katze, Ziege oder Hund sind beliebt. Sie können zwar
sprechen und sich wie Menschen verhalten, doch ihre tierischen Eigenschaften
gehen ihnen nicht verloren. Das Thema einer Vielzahl von Märchen liegt
einer bestimmten Eigenschaft eines Tieres zugrunde.
Die bedeutendste und größte Gruppe stellen
die Wunder- und Zaubermärchen dar. Sie erzählen von besonderen
Wesen wie Riesen, Drachen, Trollen, sowie Menschen mit übernatürlichen
Kräften. Man findet Phantastisches wie Tarnkappen, Schlösser aus Gold
oder gläserne Berge. Die Struktur folgt einem festen Muster: Zuerst wird
von einem Unglück oder Schaden berichtet; der Held wird dann mit den
nötigen Hilfsmitteln ausgerüstet. Meist trifft der Held auf eine
Prinzessin; nach anfänglichen Schwierigkeiten wendet sich alles zum Guten,
und er hat “die Prinzessin und das halbe Königreich gewonnen”.
Viele Zaubermärchen handeln von Verwandlungen und
Trollen – ebenfalls mit glücklichem Ausgang. In norwegischen
Volksliedern werden diese Themen oft aufgegriffen. Verwandlungsmärchen
haben ihren Ursprung teilweise bei griechischen Mythen, und erzählen davon,
wie Menschen oder Tiere in andere Geschöpfe verwandelt werden.
Typisch für die Schwankmärchen ist eine
Anhäufung von wunderlichen Ideen und witzigen
Einfällen.
Die ältesten Spuren norwegischer
Märchen
Märchen haben sich über alle Kontinente hinweg
verbreitet. Sie sind eine der ältesten Form der Überlieferung. Bereits
in der altnorwegischen Sprache des 12. Jahrhunderts finden wir das norwegische
Wort für Märchen (eventyr). Es bedeutet “Ereignis”
oder “wunderbare Begebenheit”. Obwohl es Märchen schon so lange
Zeit gab, wurden sie vor dem 19. Jahrhundert nicht aufgeschrieben. Das lag
daran, daß die “high society” Märchen nicht
schätzte. Sogar der führende norwegische Dichter Ludvig Holberg
(18. Jahrhundert) glaubte, Märchen seien wertlos und sollten verboten
werden. Seit der Zeit der Romantik in Deutschland fiel ein anderes Licht auf die
Volksdichtung. Von nun an galt sie als Spiegel des Volksgeistes. Diejenigen, die
zuerst nicht nur den nationalen und künstlerischen Wert in der
Volksdichtung sahen, sondern auch die wissenschaftliche Bedeutung erkannten,
waren die deutschen Gebrüder Grimm. In deren Fußstapfen traten
schnell die ersten norwegischen Märchensammler und –herausgeber
Peter Christen Asbjornsen und Jorgen Moe.
Die Sammlungen von Asbjornsen und
Moe
Schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die
erste Ausgabe von gesammelten Märchen herausgebracht. Die Ausgaben von
Asbjornsen und Moe geben einen Eindruck darüber, was
norwegische Märchen sind. Heute sind die beiden zum klassischen Ausdruck
norwegischer Märchentradition geworden, und auch außereuropäisch
berühmt geworden. Diese Märchensammlung beinhaltet knapp die
Hälfte aller in Norwegen bekannten Märchen, vor allem die aus dem Raum
Ostnorwegen. Im Laufe der Zeit sind ihre Märchen immer wieder in neuen
Ausgaben erschienen. Die Sprache und der Stil sind jedesmal überarbeitet
worden, so daß ihr Werk immer ursprünglich war, und dennoch neu
belebt wurde.
Wie norwegisch sind die
Märchen?
Es ist schwierig, das typisch norwegische an einem
Märchen festzulegen, da sie über die ganze Welt wandern, und man
gewissen Züge überall wiederfindet, die vorher für norwegisch
gehalten wurden. Trotzdem kann man sagen, daß der norwegische
Märchenstil von Objektivität geprägt ist. Das Thema kann sehr
übernatürlich sein, doch die Erzählweise ist sehr realistisch.
Auch Illustrationen geben den Märchen oft ihren “realistischen
Touch”. Der realistische Stil verzichtet auf das Schildern von
Gefühlen und berichtet kaum von Einzelheiten.
Märchenerzählung und
Märchenerzähler
Obwohl sie Volksmärchen heißen, durften sie
nicht von jedermann erzählt werden. Nur wenige Leute beherrschten die
Fähigkeit, lange und komplizierte Wunder- und Zaubermärchen zu
erzählen. Sie mußten ein gutes Gedächtnis und Erzähltalent
haben. Jedesmal wurden die Märchen ein wenig anders erzählt, der
Erzähler gab dem Märchen damit seine persönliche Note. Deshalb
kann man auch nicht sagen, daß eine bestimmte Erzählung eines
Märchens die richtige ist. Zu den Märchenerzählern gehörten
hauptsächlich Tagelöhner, Diener und Reisende. Zwischen dem Geschlecht
der Hauptfigur und dem Erzähler gab es oft einen Zusammenhang. Bei einer
männlichen Heldenfigur wurde das Märchen natürlich auch von den
Herren der Schöpfung erzählt. Er konnte das erzählen, was er gern
vollbracht hätte. Märchen dienten als eine Art Tagtraum, in die sich
Erzähler und Zuhörer hineinträumen konnten.
Volkssagen
Im Gegensatz zum Volksmärchen steht die Volkssage,
über die häufig gesagt wird, sie sei wahr. In der Volkssage wird das
Leben so beschrieben, daß die Menschen sich eher darin wiederfinden
können. Eine Sage ist kürzer als ein Märchen und abhängig
von Ort und Zeit.
Mythische Sagen
Norwegens Natur ist ein ständig wiederkehrendes
Thema in den Sagen. Sie sind oft bis zum heutigen Tage lebendig. Vor allem ein
rauhes und gebirgiges Land wie Norwegen hat eines Vielzahl von Sagen zu bieten,
die mit Naturphänomenen verbunden sind. Mythische Sagen handeln von
übernatürlichen Geschöpfen.
Beispiele:
- Draugen ist der Geist
aller, die ihr Leben auf See verloren haben. Er wird hörbar, wenn jemand zu
ertrinken scheint.
- In Flüssen und Seen kann
man die Bekanntschaft mit Nöck machen, der versucht, durch seinen
Gesang Menschen zu sich ins Wasser zu locken.
- Trolle spielen eine
wichtige Rolle in norwegischen Sagen. Heute sollen Schluchten, oder riesige
Steine auf die ehemalige Existenz von Trollen hinweisen.
- Die Unterirdischen
gehören zum wichtigsten Teil der norwegischen Sage. Sie werden im
Gegensatz zum Menschen oft als “niedere Wesen” beschrieben, weil sie
nicht unter der Sonne, sondern in Bergen oder unter der Erde leben, obwohl ihre
Welt der der Menschen sehr ähnlich ist. Oft sagt man, man könne die
Unterirdischen in den Bergen hören. Manchmal wurden Leute von den
Unterirdischen ins Berginnere gelockt, kehrten nicht immer zurück.
Umgekehrt können auch Unterirdische in unserer Welt
erscheinen.
Historische Sagen
Grundlagen für diese Art von Sagen finden wir in
zum allergrößten Teil in der neueren Zeit. Viele erzählen von
der Pest in den Jahren 1349/50 in Gestalt einer alten Frau, die mit einem Besen
und einem Spaten durch das Land zog. Dort wo sie kehrte, starben alle. Wenn der
Spaten zum Einsatz kam, blieb das Gebiet von der Pest verschont.
Eine andere große Gruppe von historischen
Lokalsagen handelt von Beamten. Die Sagen aber, die am besten erinnert werden,
sind die über seltsame Priester. Vertreter der Kirche, die mit der
Dorfbevölkerung in Streit lagen, waren vorherrschende
Gestalten.
Glauben die Norweger an ihre
Sagen?
Im Gegensatz zu Märchen, die hauptsächlich in
einer übernatürlichen Welt spielen, glauben die Leute eher an Sagen,
die auf wahren Tatsachen beruhen könnten. Sagen sind im Grenzgebiet
zwischen Realität und Phantasie einzuordnen.
Man kann nicht genau sagen, ob Sagen auf
tatsächlichen Ereignissen beruhen. Häufig werden sie so erzählt,
als seien sie wahr. Menschen, die an die Existenz von zum Beispiel
Unterirdischen im Berginneren glauben, glauben auch an die Sagen. Da dieser
Volksglaube mehr und mehr verschwindet, dienen Sagen immer häufiger zur
Unterhaltung.
Trotzdem hat die Volksdichtung auch heute noch einen
hohen Stellenwert in Norwegen!
“Einander kennenlernen
heißt lernen, wie fremd man einander ist.”
(Christian
Morgenstern)
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