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| Walser, Martin: Ohne einander (Literatur des 20. J
Walser, Martin: Ohne einander (Literatur des 20. J
Die nachfolgende Arbeit entstand als sogenannte Facharbeit im Schuljahr
1998/99 im Rahmen des Leistungskurses Deutsch der 13. Jahrgangsstufe der
Janusz-Korczak-Gesamtschule in Neuss. Mit Genehmigung der Schulaufsicht wurde
die zweite Klausur des ersten Schulhalbjahres durch diese Facharbeit
ersetzt.
Die fachlichen Grundlagen für die Realisation dieses
Projektes wurden durch die bisherige gemeinsame Arbeit gelegt:
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Kurshalbjahr
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Kursthemen, Unterthemen
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11/2
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- Die Rolle der Liebe und
von Partnerschaft im gesellschaftlichen Gefüge: Liebeslyrik in
verschiedenen literarischen Epochen an ausgewählten Beispielen
- Text und Wirklichkeit: der
Roman und die Novelle am Ende des 19.
Jahrhunderts
Fontane “Effi
Briest” und Keller “Romeo und Julia auf dem
Dorfe”
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12/1
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- Der
Aufklärungsgedanke im bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts am
Beispiel von:
a.) G. E. Lessing
“Nathan der Weise”
b.) Friedrich Schiller “Kabale und
Liebe”
- Der
Aufklärungsgedanke in der Literatur des 20. Jahrhunderts am Beispiel
von:
a.) Bertold Brecht “Das Leben des
Galileo Galilei”
b.) Max Frisch “homo faber”
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12/2
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- Die Wandlung des
Realitätsbegriffes in der Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts am
Beispiel von Franz Kafka
- Die Kurzgeschichte (bes.
nach 1945) als Widerspiegelung zeitgeschichtlicher Entwicklungen und
geistesgeschichtlicher Strömungen
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13/1
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- Die Weimarer Klassik am
Beispiel von Goethes “Faust I”
- Die Kunsttheorie der
Klassik
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Die Facharbeit wurde realisiert im Rahmen des Unterrichtsvorhabens
“Projekt: Literatur des 20. Jahrhunderts”: Aus einer vorgegebenen
Liste von Titeln der (deutschsprachigen) Literatur des 20. Jahrhunderts hatte
jede Schülerin / jeder Schüler einen Titel zu wählen, wobei es
möglich war, selbst Autoren bzw. Werke vorzuschlagen, die in der Liste
nicht erfasst waren. Es durfte allerdings kein Autor von zwei Schülerinnen
/ Schülern zugleich bearbeitet werden. Die Gesichtspunkte der Untersuchung
des gewählten Werkes waren vorgegeben: Sie spiegeln sich in den
Kapitelüberschriften wider.
Es war darüber hinaus Auflage, die Facharbeit - formatiert nach
vorgegebenen Kriterien - auf Diskette und als Ausdruck vorzulegen. Jeder
Schülerin / jedem Schüler stand ein Beratungstermin für seine
Facharbeit zur Verfügung: Bei dieser Gelegenheit konnte man sich
Hilfestellungen und Tipps holen.
Ins Internet gestellt wurden die Arbeiten, welche mit der Note
“ausreichend” und besser bewertet wurden. Bis auf drei
zufällige Ausnahmen wurden alle Arbeiten (ähnlich wie bei
Abiturarbeiten) nicht nur von mir, als dem Fachlehrer, sondern von Kolleginnen /
Kollegen als “Zweitkorrektoren/Innen” beurteilt. (Die dabei
feststellbaren Abweichungen in der Bewertung waren in der Regel gering und nur
in einem Fall gravierend: Die Zweitkorrektorin bewertete - zutreffend - eine
Arbeit mit “mangelhaft”, im Unterschied zu mir, der ich
zunächst “ausreichend” erteilt hätte.) Insgesamt erwies
sich, dass die Erstellung einer solchen Facharbeit ein Leistungsvermögen
erfordert, das unter gewissen Gesichtspunkten höher ist als das bei einer
“normalen” Klausur.
Über die Home-page der Schule (unter der Adresse
http://www.jkg-neuss.de)
bzw. unter der Email-Adresse der Schule
( popjkgs@pop-gun.de) oder unter der
Email-Adresse des verantwortlichen Lehrers
( bialke@online-club.de) können
weitere Informationen eingeholt und - was durchaus erwünscht ist -
Kommentare abgegeben werden.
gez. Bialké
(Kursleiter)
Inhaltsverzeichnis:
- Inhalte
- Die Darstellung der Thematik
- Skizze des Inhalts
- Stilistik
- Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung des Werkes
insgesamt
- Die detaillierte sprachliche Analyse einer typischen
Passage
- Die Frage nach der Angemessenheit der sprachlichen
Mittel
- Biographische
Bezüge
- Die Biographie der Autors
- Die Stellung des Werkes in der Vita des
Autors
- Bewertungen
- Die Bedeutung der Inhalte für das
Lesepublikum:
- Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall, oder wird mit
dem besonderen auch allgemeines erfaßt ?
- Gelingt über die gewählten Inhalte die
Kontaktaufnahme zur Leserin/zum Leser ?
- Die Bedeutung der Stilistik für die Rezipienten:
“lesbar” oder nicht ?
- Skizze eines projektorientierten
Interpretationsansatzes
- Zusammenfassende Darstellung der
Rezeptionsgeschichte
- Zusammenfassendes
Urteil
- Literaturverzeichnis
1.1 Die Darstellung der
Thematik
Martin Walsers Roman “Ohne einander”
erschien 1993 und knüpft thematisch an seine Novelle “Ein fliehendes
Pferd” und den Roman “Brandung” an, indem er den Problemkreis
der Vereinsamung, der Entfremdung des Individuums, der Beziehungslosigkeit, der
Sexualität und vor allem der Kommunikationslosigkeit wieder
aufgreift.
Weiterhin läßt sich in Walsers Roman die
Kritik an der Gesellschaft als Thema wiederfinden.
In Walsers Roman “Ohne einander” spiegeln
sich die aufgezählten Problemkreise im Leben der einzelnen Figuren des
Romans wieder.
Allein wie es schon der Romantitel “Ohne
einander” ausdrückt, gibt es kein Leben miteinander mehr, bzw.
zwischen den Romanfiguren sonder es lebt jeder sein eigenes Leben, so daß
es zu keiner Kommunikation zwischen den Romanfiguren mehr
kommt.
1.2 Die Skizze des
Inhalts
Der Roman “Ohne einander”(1993) handelt von
einer Tragödie, der Familie Kern, in der es kein Miteinander mehr gibt. Die
Handlungen des Romans spielen sich in München und am Starnberger See ab. In
sich ist de Roman in drei Kapitel aufgeteilt, Ellen, Sylvi, Sylvio.
Ellen ist eine Mitarbeiterin beim Magazin DAS. Ihr Mann
Sylvio ist von Beruf Apotheker, wurde jedoch Romanschriftsteller.
Als Ellen beauftragt wird einen philosometischen Bericht
über den Film “Hitlerjunge Salomon” zu schreiben ist sie jedoch
nur in Gedanken beim Ernest- Müller- Ernest (EME), der ein erfolgreicher
Geschäftsmann ist. Unterstützung zu diesem Bericht, bekommt sie daher
von Wolf Koltzsch, dem Fehlerverbesserer des Magazins, der als Gegenleistung
jedoch die sexuelle Hingabe von Ellen verlangt.
Sylvi, die Tochter der Familie Kern, hat schon
verschiedene Berufe hinter sich und hat sich nun schließlich für eine
Sportart, das Surfen entschieden.
Eines Tages erhält Sylvi von ihrer Mutter den
Auftrag, ihren Vater Sylvio und den Bruder Alf aus dem Haus zu schaffen, bevor
Ernest bei ihnen zu Hause eintrifft. Sylvi schafft es jedoch nicht den Bruder
und den Vater aus dem Haus zu schaffen und so kann sie ein Aufeinandertreffen
von Sylvio und Ernest nicht verhindern. Das Aufeinandertreffen von Sylvio und
Ernest verläuft jedoch so gut, daß es sogar zwischen den beiden zu
einer freundschaftlichen Beziehung kommt, in der sich Ernest sogar um Sylvio
kümmert, der sich nämlich den Knöchel verstaucht
hat
Eines Tages nimmt Sylvi, Ernest mit zum Surfen an den
Starnberger See mit, wo Ernest sich auch gleich in Sylvi verliebt. Als Ernest
sich beim Surfen zuviel zutraut, ertrinkt er in dem vom Sturm aufgewühlten
See.
Sylvio wird als Romanschriftsteller stets von dem
Kritiker König, “Erlenkönig” genannt kritisiert, der auch
großen Einfluß bei Sylvios Verleger Herzog hat. Zudem ist Sylvio
noch Alkoholiker und nimmt auch von den Seitensprüngen seiner Frau Ellen
kaum Kenntnis, oder sieht sie eher gelassen. In seinen Romanen verarbeitet er
seine Erlebnisse und verleiht ihnen dabei wie er meint, erst die echte
Wirklichkeit. Immer wieder bricht er in seitenlange Erfindungen mit seinen
Romanfiguren aus, die alle der Wirklichkeit nachgebildet sind.
Als Annelie Franz hinzukommt, die Sylvios Romane gelesen
hat, verführt sie ihn, woraus jedoch nur eine kurze Affäre wird, denn
auch Sylvio ist Seitensprüngen, vor allem mit Bewundern seiner Romankunst
durchaus nicht abgeneigt.
Der Alf Bruder ist eher eine Nebengestalt, da er
tagelang in einer Halle, in seinem Lehnstuhl sitzt und nur vor sich
hinträumt. Arthur, ein Posaunenspieler, der in Sylvi verliebt ist, spielt
genauso wie seine Schwester Katharina, die mit ihren fünfzehn Jahren
leichtlebig und unerfahren ist eine weitere Nebengestalt.
- Die Charakteristik der sprachlichen
Gestaltung des Werkes insgesamt
Martin Walsers Roman “Ohne einander”
zeichnet sich besonders durch wortreiche Kleinheit aus. Denn auch dieser Roman
lebt von einer Fülle von Details und Winzigkeiten.
Als Beispiel könnte man in dem Roman die genaue
Beobachtung der Körperdetails hervorheben, der Hände (Seite 88), aber
vor allem der Gesichtspartien, Augen, Nase, Mund und Ohren. Wie in einer
Großaufnahme beschreibt Walser Sylvios Bewegung mit dem Mund und seine
Ohren: “seine Lippen zu diesem Kußmündchen
zusammenschob”,
(Seite 110) oder “...diese großen Ohren...,
die Ohren ihres Vaters seien noch nie so groß gewesen” (Seite
110).
Bei der Beschreibung der Surfpartien greift Walser,
selbst Segler, auf die Fachsprache zurück, wobei der Leser mit Begriffen,
wie “Schot”, “Gabelbaum” (Seite 131),
“pumpen” (Seite 149) und “Halse” (Seite 150)
konfrontiert wird.
Vor allem schenkt Walser seine volle Aufmerksamkeit
Nomen und Adjektiven bei Beschreibungen der Personen, wie: “...junger,
freier, entwickelter, mutiger, fortschrittlicher” (Seite 182),
“...vollkommen, unglaubwürdig, überwältigend” (Seite
183), bei einigen anderen Aufzählungen kann man auch von einem Nominalstil
sprechen, wie: “Kapitalist, Kommunist, Anarchist, Atheist, Nationalist,
Militarist, Pazifist, Satanist, Sadist, Masochist, Liberalist, Bestialist (Seite
20) und “... die Psychoanalyse, den Marxismus, Strukturalismus,
Dekontruktivismus...” (Seite 187).
Seit seinem Schwächeanfall hat die Syntax bei ihm
eine neue Bedeutung bekommen.
In der einfachen Parataxe, in Satzfetzen und Ellipsen
ist das assoziative Denken der Figuren
sprachlich umgesetzt, wie das folgende knappe Zitat
belegen kann: “Die Verbindung war trostloser jetzt. Sie war trostlos. Eine
reichwirkende Trostlosigkeit.” (Seite 163).
Walsers bildreiche Sprache umfaßt Metaphern,
Vergleiche, Wortspiele, Wortneuschöpfungen wie:
”Selbstdurchschauungsunfähigkeit” (Seite 63),
“Abwesenheitsdemonstration” (Seite 108) und
“Restlosverschmelzungsphilosophie” (Seite 185).
Diese Wortschöpfungen bekommen besonders durch die
Länge der Komposita besonderes Gewicht.
In diesen Neuschöpfungen und Metaphern formulieren
die Personen Ihre momentanen Stimmungen, ihre Lebenssituation und die Deutung
des Gegenübers.
Auffällig sind auch die häufigen
Wortwiederholungen, die dabei mehrere Funktionen
übernehmen.
Besonders gut läßt sich das an einem Beispiel
zeigen wie: ”Die Welt nicht liefern als Scheußlichkeit... nicht
Scheußliches mehr sehen... als etwas scheußliches seine
Scheußlichkeit (Seite 134).
Walser formuliert einen Gedanken mehrfach um, wenn ihm
dieser besonders wichtig erscheint.
Die Wortwiederholungen verleiht dem Gedanken besonderen
Nachdruck und macht auch bei einigen auf Schlüsselworte aufmerksam.
“Aussicht” (Seite 82)”, “Hexe” (Seite
141).
Eine weitere Besonderheit fällt auch immer wieder
im Roman auf:
Die Umgangssprache, die zwischendurch immer wieder im
Roman auftaucht. “Na dann machen Se‘ s doch passend, ich wart‘
derweil.” (Seite 219), “Feigling find‘ ich ´ne
großes Buch.” (Seite 219).
2.2 Die detaillierte sprachliche Analyse
einer typischen Passage
...,,Es klopfte, eintrat der
Studienrat.
Ex officio komme er, aber con amore. Zu diesem Spruch
verbeugte er sich so gut es ging.
Wenn sie hier Namen zu vergeben hätte, hieße
der Alberich oder Mime. Daß das zwergenhafte boshafte herausgekommen
wäre. Studienrat, dieses durchaus harmlose Wort erhielt in Verbindung mit
diesem heuchlerischen Finsterling eine geradezu dämonische
Ladung.
Ellen kritisierte jeden, der Wolf Koltzsch in ihrer
Gegenwart Studienrat nannte.
Ellens Vater war Oberstudienrat gewesen.
Französisch und Latein. Ihr geliebtes Französisch hatte sie von
ihm.
Er hatte sich frühzeitig pensionieren lassen
müssen. Zu wenig Humor hatte er gesagt. Ihm sei der Humor
vergangen.
Und war gleich gestorben.
Il faisait ses adieux. Die Mutter hatte die Todesursache
Seeleninfarkt genannt.
Koltzsch sollte man nicht Studienrat nennen, sondern
Tartuffe. Aber darin käme das körperliche zu wenig vor. Die kurzen
Beine, der lange Oberkörper, dieser riesige Kopf, der schleichende Gang,
die lauernde Haltung.
Und dazu noch dieser komische Bart, der auf dem sonst so
spiegelglatt rasiertem Gesicht so umgehängt wirkte. An den Ohren
aufgehängt -, so sah dieser Bart aus. Eigentlich wartet man andauernd
darauf, daß Koltzsch diesen Bart lachend abnehme und in den nächsten
Papierkorb werfe. Man wartete vergeblich. Und wie der dieses Gesicht, daß
er meistens leicht nach vorne gesenkt trug, plötzlich heraufschraubte. Er
hob es nicht einfach, sondern beschrieb eine Kurve, als müsse er, um aus
seiner Lauer aufzutauchen, Schwung nehmen”...
In der voran aufgeführten Passage lassen sich
einige besonders auffällige sprachliche Besonderheiten feststellen. Zuerst
einmal fällt auf, daß es sich um einen Kurzsatzstil handelt, der
unter anderem durch die Anhäufung von Parataxen zu erkennen ist. “Die
kurzen Beine, der lange Oberkörper, der riesige Kopf...”. Durch diese
Schreibform wird das Aussehen und die Bewegung der Person Koltzsch genauestens
beschrieben und auch gleichzeitig damit charakterisiert. Auch die
äußerst knappen sprachlichen Mittel sind besonders auffällig,
welche oft dann eine bestimmte Kommunikationssituation betreffen. “Man
wartete vergeblich. Und wie der dieses Gesicht,...”
Die Mimik und die Gestik der Figuren, werden durch
Anhäufungen von Adjektiven besonders deutlich dargestellt und beschrieben.
Wie zum Beispiel: “Der riesige Kopf,” “...schleichende
Gang...” “... lauernde Haltung...” drücken eine gewisse
Gestik aus.
Besonders deutlich hervorgehoben werden die
Körperdetails, weshalb man hier auch von einer bildhaften Sprache sprechen
kann. “An den Ohren aufgehängt -, so sah dieser Bart aus.”
Durch diese bildhafte Sprache sind die Figuren viel
leichter für den Leser vorzustellen.
Einige Wortwiederholungen, wie sie aber nicht nur hier
in der typischen Passage auftauchen, sollen auf besondere wichtige und
bedeutende Sachen aufmerksam machen. Wortwiederholungen tauchen meist in
Sätzen hintereinander auf. “Zu wenig Humor...”. “Ihm sei
der Humor...”. Dieses Wort “Humor” hat im Bezug auf Ellens
Vater eine hohe Bedeutsamkeit, da er ja anscheinend an seinem ihm schon
längst vergangen Humor gestorben war. Somit hat dieses Wort
“Humor” eine sehr bedeutende Funktion für Ellens Vater
gehabt.
Außergewöhnlich in dieser Sprachform sind die
Fremdspracheneinschübe, wo es sich einmal um Französisch “Il
faisait ses adieux” und dann noch mal um Latein “Ex officio komme
er, aber con amore” handelt. Diese Fremdspracheneinschübe kommen
jedoch nicht nur in dieser Passage vor, sondern tauchen immer wieder im ganzen
Roman auf. Weiterhin fällt auf, daß in Sätzen, wo Ellen von W.
Koltzsch redet der Konjunktiv gebraucht wird, womit deutlich ausgedrückt
wird wie es vernünftiger oder besser wäre ihn zu nennen.
“Koltzsch sollt...”.
2.3 Die Frage nach der Angemessenheit der
sprachlichen Mittel
Die sprachlichen Mittel sind im Bezug auf den Inhalt
schon angemessen, da sie auf den Inhalt deutlich bezogen sind und auch
Zusammenhänge klar machen. Dies kommt zum Beispiel bei den
Fremdspracheneinschüben vor, welche im Roman von Ellen ausgehen und somit
ihre Fremdsprachenkenntnis mit einbeziehen. Eine hohe Bedeutsamkeit haben diese
Fremdspracheneinschübe besonders für den Leser, da er dadurch auf eine
wichtige Stelle im Text hingewiesen wird und zwar ohne eine Vorankündigung.
Die Wiederholungen einiger Sätze machen auf inhaltlich wichtige Aspekte
aufmerksam und sind durch diese Wiederholung für den Leser kaum zu
übersehen.
Aufgrund der kurzen Sätze, die für diesen
Roman typisch sind, kann es schon mal vorkommen, das der Leser den Satz noch
einmal lesen muß, um den Inhalt richtig erfassen zu
können.
Allgemein läßt sich trotz einiger
sprachlichen “ Hindernisse” für den Leser der Inhalt erfassen,
da der Leser immer wieder aufs Wichtige hingewiesen wird.
3.1 Die Biographie des
Autors
Martin Walser wurde am 24. März in Wasserburg am
Bodensee geboren. Walsers Eltern besaßen einen kleinen Gasthof und so
wurde der wirtschaftliche Konkurrenzkampf einer der stärksten
Kindheitserinnerungen denen er im Familienleben ausgesetzt war. Außer der
Gastwirtschaft betreiben die Walsers nebenbei einen kleinen Kohlehandel, wo von
dem 11 Jahre alten Martin auch körperlicher Einsatz für seine Familie
abverlangt wurde, als sein Zuckerkranker Vater mit 49 Jahren starb. Walsers
Mutter, die von einem Bauernhof stammte, übernahm das Geschäft und
führte es mit Ihren drei Söhnen weiter.
Das der junge Martin sich so unsicher und minderwertig
fühlte, lag wohl an dem, auf die Familie demütigend wirkende,
Schicksal des Vaters.
Die persönlichen und familiären Erlebnisse
erklären wahrscheinlich Walsers einfühlsame Porträts von sozial
verunsicherten und Versagern in seinen Hörspielen, Theaterstücken und
Romanen.
Martins Mutter überstand die Krisen mit Hilfe ihres
katholischen Glaubens, der ihr auch über den Nationalsozialismus
hinweggeholfen hatte.
Von 1938- 1943 besuchte Walser die Oberschule in Lindau
und kam dann 1944-45 zum Arbeitsdienst und zum Militär.
1946 holte Walser sein Abitur nach, da er 1943 als
Flakhelfer eingezogen worden war.
Im September 1946 immatrikulierte sich Walser an der
theologisch- philosophischen Hochschule Regensburg, wo er sich besonders eng dem
Studententheater anschloß und ihm die Studentenbühne wichtiger wurde
als das Studium.
1951 wurde er bei Friedrich Beissner mit der
Beschreibung einer Form, Versuch über die epische Dichtung Franz Kaffkas
(Tübingen 1952) promoviert.
Durch die Arbeit am auf der Bühne verschaffte
Walser sich Kontakte, als er dann im April 1948 nach Tübingen
wechselte.
Durch Heinz Schoeppes Fürsprache wurde Walser in
das Tübinger Ensemble aufgenommen, wo er sich als Schauspieler, Texter und
Organisator betätigte.
Im Jahre 1948 fand die Währungsreform statt, was
zur Folge hatte, daß seine Mutter ihm das Studium nicht mehr bezahlen
konnte. Durch seine Theaterbeziehungen bekam er das Angebot nach Stuttgart in
den Rundfunk zu gehen um selber Geld zu verdienen.
Die Notwendigkeit Geld zu verdienen verstärkte
sich, als er 1950 Katharina Neuner- Jehler, die wie Walser aus einem Gasthaus
stammte, heiratete und dann auch 1952 ihre erste Tochter geboren
wurde.
Von 1949-57 war Walser Mitarbeiter beim
Süddeutschen Rundfunk und Fernsehen, was für ihn auch eine willkommene
Einkommensquelle war.
Walsers Tätigkeit für den SDR war sehr
vielschichtig.
Da man ihn im Kabarett in Tübingen kennengelernt
hatte, wurde er zuerst in die Unterhaltungsabteilung geschickt, dann arbeitete
er in der politischen Abteilung als Reporter, bevor er dort kurzfristig
Redakteur wurde.
1953 stieß Walser zur Gruppe 47, wo er des Kaffka-
Epigonentums bezichtigt wurde.
Zwei Jahre später jedoch wurde er für seine
Erzählung des Bandes “Ein Flugzeug über dem Haus und andere
Geschichten (1955) mit dem Preis der Gruppe ausgezeichnet.
In der Folgezeit führten ihn Vorlesungsreihen zur
Poetik u.a. in die USA, eine Erfahrung, die sich vor allem im Roman Brandung
(1985) niederschlug.
1981 erhielt Walser den Georg- Büchner- Preis und
1987 das Bundesverdienstkreuz.
Walsers erster Roman “Ehen in
Philipsburg”(1937), beschreibt die Karrieregesellschaft in einer
süddeutschen Großstadt.
Ein weiterer Roman wo der Antiheld Anselm Kristlein
heißt ist der Roman “Halbzeit”(1960).
Erweitert wurde die Trilogie mit:,, Das
Einhorn”(1966) “Der Sturz” (1973). Im Roman
“Halbzeit”, ist eine spöttische Bestandsaufnahme der
bundesrepublikanischen Gesellschaft der 50-er Jahre.
Um Anpassung und gesellschaftliches Fortkommen geht es
auch in Walsers Theaterstück “Eiche und Angora”(1962). Ein
weiteres Stück “Zimmerschlacht” (zusammen mit “ Der
Abstecher”; 1967), karikierte Walser das Rollenverhalten in einer
Ehe.
Der Roman “ Brief an Lord Liszt”(1982)ist
die Selbsttherapie einer schweren narzißtischen Störung, der Abstieg
in einer Privathöhle. Walsers Helden schämen sich unentwegt kleinster
Vergehen und entwickeln Schuldgefühle, die ihnen schließlich
über den Kopf wachsen.
In “Verteidigung der Kindheit” (1991),
läßt W. seinen Helden Alfred Dorm das Leben als
Erwachsenen verweigern.
Weitere Werke:
- Prosa Lügengeschichten nach 1964: Fiction
1970; Die Gallistl‘sche Krankheit 1972; Jenseits der Liebe 1976; Ein
fliehendes Pferd 1978; Seelenarbeit 1979; Das Schwanenhaus 1980; Brandung 1985;
Dorle und Wolf 1987; Jagd 1988; der Gedichtband Zauber und Gegenzauber
(1995).
- Dramen: Überlebensgroß Herr Krott
(1964); Der Abstecher(1967); Ein Kinderspiel (1970); In Goethes Hand (1982) und
Die Ohrfeige (1986).
Zahlreiche Werke Walsers wurden auch verfilmt,
darunter: Eiche und Angora (1964), Das Einhorn (1977), Der Sturz (1978), Ein
fliehendes Pferd (1986).
3.2 Die Stellung des Werkes in der Vita des
Autors
Martin Walsers Roman “ Ohne einander”
erschien 1993 und wurde vom Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Thematisch
knüpft der Roman “Ohne einander” an Walsers vorherigen Werke,
der Novelle, ein fliehendes Pferd und dem Roman Brandung an. Die Novelle und der
Roman gelten auch als zwei seiner besten Arbeiten.
Weiter ist jedoch leider nichts über die Stellung
des Werkes in der Vita bekannt.
- Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall
oder wird mit dem Besonderen auch Allgemeines
erfaßt?
Die Thematik des Romans “ Ohne einander” ist
kein Einzelfall, sondern erfaßt auch Allgemeines.
Allein wie es der Titel des Romans “ Ohne
einander” schon ausdrückt, gibt es unter den Figuren im Roman kein
leben miteinander mehr, sondern jeder isoliert sich vor dem anderem und lebt nur
noch für sich. Diese Isolation der Menschen und das jeder nur noch für
sich im Leben kämpft, spiegelt der Roman auf die heutige Gesellschaft
bezogen sehr gut wieder. Denn auch heute ist immer deutlicher zu sehen,
daß es nur noch um den Kampf des Einzelnen in unserer Gesellschaft geht
und nicht mehr der gemeinsame Kampf und Zusammenhalt unter einander
besteht.
Sehr deutlich sieht man diese “Kämpfe”
untereinander in der Berufswelt, wo jeder Einzelne darauf bedacht ist Karriere
zu machen und dabei das Miteinander leben gar nicht mehr beachtet. Auch dieses
Thema, der Kampf des Einzelnen im Berufsleben wird im Roman sehr gut wieder
gespiegelt. Ganz besonders deutlich wird das an den Figuren, Ellen, die als
Redakteurin versucht weiter auf zusteigen und ihr Mann Sylvio der mit seinen
Romanen erfolgreich werden möchte. Obwohl Ellen und Sylvio sich gegenseitig
unterstützen könnten kämpft jeder für sich
alleine.
Ein weiteres zentrales Thema im Roman ist das Fremdgehen
der Figuren untereinander, wie es bei Ellen und Sylvio vorkommt, obwohl sie ja
verheiratet sind. Aber wie auch schon im Roman geschildert ist es für
Sylvio und Ellen unbedeutend, ob einer von ihnen ein Verhältnis mit jemand
anderem hat.
Diese Gleichgültigkeit wie sie in Sachen Beziehung
im Roman dargestellt werden, ist auch heut zu Tage kein Einzelfall mehr, sondern
schon fast alltäglich. In unsere Gesellschaft wird das Thema
“Fremdgehen” in den meisten Beziehungen nicht mehr groß
angesprochen, sondern wird einfach geduldet.
Auch die Ehe an sich, wie sie im Roman zwischen Ellen
und Sylvio dargestellt wird, ist in der heutigen Zeit schon normal. Dieses
aneinander vorbei leben und das Desinteresse gegenseitig, wie es die Ehe von
Sylvio und Ellen widerspiegelt, kommt in vielen Ehen unserer Gesellschaft auch
vor.
- Gelingt über die gewählten Inhalte
die Kontaktaufnahme zur Leserin / zum Leser
?
Meiner Meinung nach gelingt die Kontaktaufnahme zur
Leserin / zum Leser recht gut, da die Themen die im Roman dargestellt werden
auch noch heute sehr aktuell sind. Die Themen die auch noch in der heutigen
Gesellschaft auftauchen sind sie somit für den Leser / die Leserin auch
interessant.
Da der Autor sehr bildlich und detailliert schreibt,
kann sich der Leser /die Leserin alles genau vorstellen und vielleicht auch in
die eine oder andere Figur hineinversetzen.
Anhand der aufgezählten Kriterien würde ich
den Roman nicht als sperrig, oder als eine Qual ansehen.
- Die Bedeutung der Stilistik für die
Rezipienten: “lesbar” oder nicht
?
Um Wiederholungen zu vermeiden
lesen Sie sich bitte den Punkt 2.3 und den Punkt 4.1.1 durch.
Dabei finden Sie die Antworten auf die in der
Überschrift formulierte Frage.
- Skizze eines produktorientierten
Interpretationsansatzes
Zu dem Roman “ Ohne einander” lassen sich
einige Biographische Bezüge zwischen M. Walsers Leben und dem Roman
ziehen.
Schon in früherer Kindheit lernte Walser das
Konkurrenzdenken. Seine Eltern besaßen einen Gasthof und als sein Vater
stirbt muß er den Kohlehandel weiterführen den sein Vater nebenbei
betrieben hatte.
Und diesen Aspekt des “Konkurrenzdenkens” in
der Gesellschaft greift Walser in seinem Roman wieder auf, was sich sehr
deutlich an den Figuren Sylvio und Ellen widerspiegelt. Die Figuren Sylvio und
Ellen sind nämlich auch sehr deutlich vom Konkurrenzdenken geprägt, da
jeder nur an seinen eigenen Erfolg und sein eigenes Wohl denkt und nicht dabei
dem anderem hilft.
Ein weiterer Aspekt der zu vergleichen ist, ist Walsers
Heimat, die er in dem Roman mit einbezieht
Geboren ist Walser nämlich in Wasserburg am
Bodensee.
In dem Roman gibt Walser den Starnberger See und
München als Schauplatz an, welche sich in gewisser Weise mit seiner Heimat
vergleichen lassen, da sie von der Umgebung und Lage ähnlich
sind.
Das Haus der Familie Kern liegt direkt am See, wie es im
Roman genaustens beschrieben wird.
Es läßt sich auch ein Bezug zwischen Walsers
Hobby, dem Segeln und dem Roman finden.
Die Romanfigur Sylvi ist nämlich leidenschaftliche
Surferin und kann durch das Surfen mit Walsers Hobby gleichgesetzt werden. Im
Roman läßt sich nämlich gut der Bezug vom Surfen zu Walsers
Segeln zeigen, da er Fachwörter ohne weiteres mit einbezieht und auch
ansonsten über die Sportart genauste Informationen
liefert.
Zum Schluß läßt sich noch eine wichtige
Gemeinsamkeit zwischen Walsers Jugend und der Romanfigur W. Koltzsch zeigen.
Früher hatte Walser immer Angst vor der Schule, wo auch noch
Minderwertigkeitsgefühle hinzu kamen. Und da diese Ängste des
Jugendalters mit der Midlife-crisis eng zusammenhängen, versucht Walser
seine Gefühle mit der Figur W. Koltzsch auszudrücken, wo möglich
zu verarbeiten. Denn W. Koltzsch will immer noch jung und sportlich bleiben, was
sich im Roman sehr deutlich an den Gefühlen zu der jungen Sylvi zeigt, mit
der er auch später noch surfen geht, trotz seines hohen
Alters.
Allgemein läßt sich sogen, daß es viele
Figuren im Roman gibt die Bezüge zu Walsers Leben darstellen und somit auch
verkörpern.
- Zusammenfassende Darstellung der
Rezeptionsgeschichte
Zu diesem Roman, gab es aus Gründen des späten
Erscheinungsdatums (1993) keine Materialien zur Erfassung der
Rezeptionsgeschichte.
- Zusammenfassendes
Urteil
Insgesamt läßt sich zu dem Roman “ Ohne
einander” sagen, daß es in Sprache, Aufbau und Inhalt ein eher
traditioneller Roman ist, in dem die Realität der heutigen Zeit
widergespiegelt wird.
Es ist jedoch ein anspruchsvoller Roman, der den Leser/
die Leserin auch mal zum wiederholten lesen zwingt und damit auch zum nachdenken
anregt, was es zum Beispiel mit der Umgangssprache, oder den Fremdsprachen im
Roman auf sich hat.
Trotz einiger “Leserhindernisse”
erfaßt der Leser/ die Leserin jedoch immer wieder den Inhalt des Romans
und wird auf die wirklich wichtigen inhaltlichen Sachen hingewiesen. (siehe
2.3)
Weiterhin ist der Roman teilweise auch spannend
geschrieben, da er folgendes erst einmal dem Leser /der Leserin vorenthält
und damit Anregungen zur eigenen Phantasie läßt.
Allgemein läßt sich der Roman weiter
empfehlen, wobei er nicht als Bettlektüre geeignet ist, da er wie schon die
oben angesprochenen “Leserhindernisse” enthält und der Leser/
die Leserin dabei schon etwas tiefgründiger lesen muß, um den Inhalt
auch richtig erfassen zu können.
8. Literaturverzeichnis
Autorenbücher: Herausgegeben von Heinz Ludwig
Arnold und Ernst- Peter Wilckenberg
Herausgegeben von C. H. Beck‘ sche
Verlagsbuchhandlung (Oscar Beck) München 1980.
Marcel Reich- Ranicki: Martin Walser
Herausgegeben 1994 vom Amman- Verlag und Co.
Zürich
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