|
Du bist hier: Referate Datenbank | Erdkunde
| Rußland
Rußland
Rußland
Grunddaten
Staatsname: Russische Föderation – Rußland
Staatsform: Republik
Lage: Die Russische Föderation erstreckt sich über 9.000 km von W
nach O (20° östl. Länge bis 170° westl. Länge) sowie
4.000 km von N nach S (zwischen 41° und 80° nördl. Breite) und
über 11 Zeitzonen und zwei Kontinente
Sprache: Amtssprache der Föderation Russisch; Sprachen der
übrigen Bevölkerungsgruppen; 89,6% Russisch (1989)
Internat. Mit-
gliedschaften: UNO, Ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates, OSZE,
Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS)
Bevölkerung: 147,5 Mio. Einwohner auf 17.075.400 km² = 8,6
Einw./km²
Hauptstadt: Moskau
Landenatur und Klima
Landesnatur: Gemäß seiner Ausdehnung verfügt
Rußland über vielfältige natürliche Bedingungen.
Großlandschaften sind westlich des Urals die Osteuropäische Ebene,
östlich die Westsibirische Ebene, die in das Mittelsibirische Bergland
übergeht. Unterbrochen wird die gebirgige Landschaft durch die
Zentraljakutische Ebene, die im Süden durch Baikalien und Transbaikalien
und im Osten durch das Ostsibirische Bergland begrenzt wird. Während das
Uralgebirge die Grenze zwischen Europa und Asien bildet, liegt im
europäischen Teil zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer der Kaukasus mit
dem höchsten Berg der Russischen Föderation dem Elbrus (5.642 m).
Es gibt ca. 2 Mio. Seen, vor allem im Nordwesten. Die größten
sind das Kaspische Meer, der Baikal-, Ladoga-, Onega- und Taimyrsee. An den
Flüssen wurden in Verbindung mit Wasserkraftwerken eine Reihe großer
Stauseen angelegt.
Von Norden nach Süden folgen auf die Zonen der arktischen
Kältewüste die Zonen der Tundra, Waldtundra, die Waldzone (Taiga), die
Waldsteppen-, Steppen- und Halbwüstenzonen. Die Steppen mit ihrer
fruchtbaren Schwarzerde sind fast völlig in Ackerland verwandelt
worden.
Klima: Von arktischen bis zum subtropischen sind alle Klimata in der
Russischen Föderation vertreten, allerdings nehmen die Gebiete mit
subtropischem Klima (am Schwarzen Meer) nur eine unbedeutende Fläche ein.
Der Hauptteil der Republik liegt in der gemäßigten Zone und hat
kontinentales Klima, die südliche Hälfte des Fernen Ostens
Monsunklima. Die Durchschnitts-Januartemperatur liegen mit Ausnahme der
Schwarzmeerküste überall unter dem Gefrierpunkt. In Ostsibirien sinken
sie bis auf –35 bis –50 °C ab. Im Winter herrscht kaltes,
trockenes Wetter. Die Sommertemperaturen sind sehr unterschiedlich.
Durchschnittstemperaturen sind im hohen Norden +1 bis +2 °C, in den
Halbsteppen und
Steppengebieten des Südens hingegen +24 bis +25 °C. Die
Osteuropäische Ebene hat beachtlich Niederschläge (bis 650 mm
jährlich). Nach Osten hin verringern sich die Niederschläge, und im
Bereich der Kaspiniederung werden nur noch 120 mm gemessen. Reichlich regnet es
auch im Süden des Fernen Ostens und im Südosten der Halbinsel
Kamschatka (bis zu 1.000 mm Regen jährlich). In vielen Gebieten Sibiriens
und in der Nordhälfte des Fernen Ostens herrscht Dauerfrostboden.
Politik
Staatsoberhaupt: Präsident Boris N. JELZIN, für vier Jahre
zum zweiten mal direkt gewählt in der Stichwahl am 3. Juni 1996 mit 53,82%
der Stimmen.
Volksvertretung: Zweikammerparlament mit Staatsduma als
Unterhaus und Föderationsrat als Oberhaus. Die Staatsduma mit
450 Abgeordneten wird – für vier Jahre – jeweils zur
Hälfte nach dem Verhältniswahlrecht auf der Basis von Parteilisten
sowie nach dem Mehrheitswahlrecht (pro Wahlkreis ein Abgeordneter) gewählt,
wobei beim Verhältniswahlrecht die Fünf-Prozent-Hürde gilt. Bei
den Wahlen am 17. Dezember 1995erzielten nur vier Parteien mehr als 5% der
Stimmen.
Nachdem es unter der Regierung Kirijenko im Sommer 1998 zu einer Finanz-
und Wirtschaftskrise mit negativen Auswirkungen auf den weltweiten Finanzmarkt
gekommen war, entließ Präsident Jelzin am 23. August 1998 wiederum
die gesamte Regierung. Wiktor Tschernomyrdin, der im März 1998 in
ähnlich überraschender Weise als Regierungschef entlassen worden war,
wurde als amtierender Premierminister eingesetzt. Nachdem die Duma diesem
zweimal die Zustimmung verweigert hatte, schlug Jelzin für den dritten und
letzten Wahlgang den früheren Außenminister Jewgenij Primakow vor,
der am 11. Sept. 1998 durch eine Abstimmung des Parlaments als neuer
Premierminister bestätigt wurde.
Bei der Bildung des neuen Parlaments kam es zu zahlreichen
Verzögerungen. Die Ernennung des Kommunisten Jurij Masljukow zum ersten
Vizepremier stieß bei russischen Reformen und westlichen Politikern auf
scharfe Kritik und löste die Befürchtung einer Rückkehr zu
restriktiver sowjetischer Politik aus. Nachdem der vorherige Finanzminister
Michail Sadornow in seinem Amt bestätigt worden war, trat der bereits
ernannte Vizepremier Alexander Schochin von seinem Posten zurück.
Angesichts der weiterhin akuten Finanzkrise wurde die langsame Regierungsbildung
und die mangelnde Entschlossenheit in bezug auf die Fortführung
wirtschaftlicher Reformen bereits scharf Kritisiert.
Im neuen Kabinett wurde das Amt des ersten Vizepremiers wieder
eingeführt und gleich doppelt vergeben. Am 1. Okt. berief Primakow
erstmalig eine vollständige Regierungssitzung ein, im Anschluß daran
beriet das Präsidium, bestehen aus Premier, Vizepremier, sowie
Außen-, Innen-, Finanz-, Verteidigungs-, Wirtschafts- und
Staatseigentumsminister.
Verfassung und Verwaltung
Politische Entwicklung: Das Jahr 1998 war – wie schon zuvor
1997 – u.a. gekennzeichnet durch die wachsende Wirtschafts- und
Finanzkrise, was wiederholt zu personellen Umbesetzungen in Regierung und
anderen Spitzengremien führte. Das im Sommer 1998 verabschiedete
Anti-Krisen-Programm der Regierung Kirijenko, das u.a. drastische Einsparungen
bei den geplanten Staatsausgaben vorsah, sowie den Versuch, das ca. 200
Einzelsteuern umfassende Steuersystem mit dem Ziel erhöhter Steuerdisziplin
zu vereinfachen, konnte die soziale und wirtschaftliche Krise nicht verhindern.
Hinzu kam der Dauerstreit zwischen Regierung und Parlament, Präsident
Jelzin geriet immer stärker in die Kritik, zahlreiche Duma-Abgeordnete
forderten seinen Rücktritt. Nach der Absetzung Kirijenkos wurde die
geschwächte Position des Präsidenten in der Frage der
Regierungs-bildung offensichtlich: Dem Parlament wurde ein größeres
Mitspracherecht bei der Regierungsbildung zugesichert. Zweimal lehnte die Duma
Tschernomyrdin, Jelzins ersten Kandidaten, ab; die Kandidatur Primakows im
dritten wurde als klares Zugeständnis an die reformfeindliche
Parlamentsmehrheit bewertet. Bei der Zusammenstellung seines Kabinetts
berücksichtigte Primakow vorwiegend Politiker, die die Wirtschafts- und
Finanzkrise Rußlands mit einem verstärkten staatlichen Eingreifen in
die Wirtschaft bekämpfen wollen.
Obwohl eine Reform der Streitkräfte ebenfalls als dringliche Aufgabe
angesehen wurde, wurde diese in den letzten Jahren beständig verschleppt,
was zu häufigen Umbesetzungen in der Armeeführung führte. Da
grundsätzliche Reformen weiterhin auf sich warten ließen, bildete
sich eine neue Oppositionsbewegung zur Unterstützung der Armee und
Förderung der Militärforschung und Rüstungsindustrie.
Staatsaufbau und Verfassung: In der neuen russischen Verfassung, die
am 12. Dez. 1993 per Referendum mit 58,4 % (Wahlbeteiligung: 54,8 %) angenommen
wurde, sind die üblichen Menschen- und Bürgerrechte garantiert. Doch
bietet, schätzen die Experten, die von Jelzin durchgesetzte Verfassung auch
die Möglichkeit einer Präsidialdiktatur. Zwar wird nach Artikel 11
Abs. 1 die Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative
garantiert, doch verfügt der (für vier Jahre gewählte)
Präsident über eine Machtfülle, die ihn weitgehend
unabhängig macht. Er trägt die Verantwortung für die Innen- und
Außenpolitik, ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, kann per Dekret
regieren und jeden Gesetzentwurf des Parlaments blockieren. Er kann den
Regierungschef ohne Zustimmung des Parlaments ernennen. Die Regierung ist dem
Präsidenten untergeordnet. Das aus zwei getrennt tragenden Häusern
(Föderationsrat und Staatsduma) bestehende Parlament ist kaum
funktionsfähig und wird von der Exekutive praktisch ignoriert.
Im Herbst 1991 wurde in Rußland ein Verfassungsgericht geschaffen.
Seit 1992 hat sich das Verfassungsgericht zunehmend in die politische
Auseinandersetzung zwischen Exekutive und Legislative eingeschaltet. Die
Unterstützung des Parlaments wurde mit der Sorge um die Bewahrung der
Verfassung und des Zusammenhalts der Föderation begründet.
Der nur vom Präsident koordinierte Sicherheitsrat wandelte sich im
Zuge der militärischen Aktionen in Tschetschenien von einem
Beratungsgrenium zum eigentlichen Entscheidungszentrum und gewinnt immer mehr
Bedeutung im politischen Machtkampf.
Wirtschaft
Wirtschaft im Überblick
Trotz der noch enttäuschend verlaufenden Entwicklung deuten einige
Indikatoren darauf hin, daß die russische Wirtschaft 1997 die Talsohle
durchschritten hat. Die Industrieproduktion ist in der ersten Jahreshälfte
um 0,8 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen, ein Anstieg, wie es ihn
seit sechs Jahren nicht gab. Auch stieg die Investitiontätigkeit der
Ausländer, die im ersten Quartal 1997 um 150 % gegenüber dem
Vorjahreszeitraum zunahm. Der dynamische Kapitalzufluß wirkte sich positiv
auf die Entwicklung der Aktienkurse und die Devisenreserven aus, so daß
der Devisenstrom 1997 die Verluste aus dem Vorjahr ausgleichen konnte. Erfolge
gab es auch bei der Bekämpfung der Inflation, die auf eine Jahresrate von
voraussichtlich 14 % zurückgeführt wurde. Unterstützt wird die
gewonnene Preisstabilität durch die Bemühungen der Regierung, das
Haushaltsdefizit durch Ausgabenkürzungen in den Griff zu bekommen. Zum
ersten mal hat sie mit dem Haushalt 1998 einen realistischen Etatansatz
vorgelegt. Diese Entwicklung verfehlte auch nicht ihre Wirkung auf die
Finanzmärkte: Am Markt für die Staatsanleihen sank die Umlaufrendite
für erstrangige Staatsschulden Ende Juni auf rd. 20 %, nachdem sie Mitte
1996 noch 200 % betragen hatte. Besonders die sinkenden Zinsen bilden eine
wichtige Voraussetzung für ein Anziehen der Konjunktur, da die Unternehmen
dann eher zu Investitionen angeregt werden als zur Anlage der Steuerkredite in
bisher hochverzinsliche Staatsanleihen. Rückschläge gibt es weiterhin
beim Export, der in der ersten Jahreshälfte 1997 nur um 0,4 % stieg nach 8
% im Jahr zuvor. Der anhaltend überproportionale Rückgang der
Investitionen und der Einbruch in der Bauindustrie tragen bislang ebenso zur
Dämpfung der Konjunkturaussichten bei wie der bestehende
Produktionsrückgang einer reformresistenten Landwirtschaft. Dennoch stehen
die Vorzeichen gut, daß es der Reformmannschaften im Kreml gelingen
könnte, die russische Wirtschaft 1998 auf lange erhofften Wachstumspfad zu
bringen. Ob damit allerdings ein dauerhafter Aufschwung eingeleitet wird, bleibt
ungewiß, da diesen nicht zuletzt von stabilen politischen
Verhältnissen abhängt.
Währung: Rubel (Rbl) zu 100 Kopeken. Offizieller Kurs (Nov.
1997): 1 DM = 3.091,19 Rbl (seit 1. Januar 1998: 1 neuer Rubel = 1.000 alte
Rubel)
Sozialprodukt (Mrd. US$)
|
1994
|
1995
|
1996
|
1997*
|
1998**
|
|
BIP
|
269
|
376
|
458
|
457
|
466
|
|
Wachstum (real; %)
|
-12,5
|
-4
|
-5
|
0,2
|
1,9
|
|
Nom. Pro-Kopf-Einkommen (US$)
|
1818
|
2530
|
3084
|
3098
|
3162
|
|
* geschätzt;
** Prognose
|
|
|
|
|
|
Preisentwicklung
|
1994
|
1995
|
1996
|
1997*
|
1998**
|
|
Inflationsrate
|
224%
|
131%
|
22%
|
14%
|
9%
|
Produktionswachstum (%)
|
1995
|
1996
|
1997*
|
1998**
|
|
Industrie
|
-3,0
|
-5,5
|
0,5
|
4,0
|
|
Landwirtschaft
|
-8,0
|
-7,0
|
-5,0
|
2,0
|
Staatshaushalt (Bio. Rubel)
|
1993
|
1994
|
1995
|
1996
|
1997
|
1998*+
|
|
Einnahmen
|
23,80
|
76,50
|
226,00
|
281,70
|
434,00
|
472,00
|
|
Ausgaben
|
32,60
|
125,50
|
277,70
|
429,30
|
530,00
|
340,00
|
Mrd. Rubel; + veranschlagt
Außenhandel (Mio. US$)
|
1993
|
1994
|
1995
|
1996
|
|
Exporte
|
44.297
|
67.642
|
91.611
|
99.112
|
|
Importe
|
32.806
|
50.518
|
78.884
|
84.737
|
Geld, Finanzen, Entwicklungshilfe
Die russische Finanz- und Wirtschaftspolitik konnte in den letzten drei
Jahren (1994-1997) einige Erfolge erzielen: Die Inflation hat sich drastisch
vermindert (s. S. 6), der Rubel ist stabiler geworden, für 1997 wurde ein
Wachstum von 0,3 % angenommen (1994 lag das BIP noch bei –12,5 %
gegenüber dem Vorjahr). Eine große Steuerreform ist ebenso in
Vorbereitung wie die Planungen zur Fortführung der Bodenreform.
Staatshaushalt: Der Haushaltsentwurf für 1998 sieht Ausgaben in
Höhe von 472 Bio. Rubel (152 Mrd. DM) und Einnahmen von 340 Bio. Rubel (109
Mrd. DM) vor. Das Bugetdefizit würde demnach 4,8 % des BIP betragen. Am 1.
Januar 1998 wurden beim Rubel drei Nullen gestrichen.
Der Haushalt für das Jahr 1997 sah Ausgaben in Höhe von 530 Bio.
Rubel vor bei gleichzeitigen Einnahmen von 434 Bio. Rubel, was einem
Bugetdefizit von 3,5 % des erwarteten BIP entspräche. Angesichts der
erwarteten niedrigen Staatseinnahmen wurde von der Regierung der Vorschlag in
der Duma eingebracht, die Ausgaben um 108 Bio. Rubel bzw. 20 % im Staatshaushalt
zu kürzen, ohne jedoch auf Zustimmung des Parlaments zu stoßen.
Für 1997 war eine Kreditaufnahme im Ausland in Höhe von insgesamt 9,8
Mrd. US$ geplant, von denen 7,3 Mrd. US$ als ungebundene Finanzkredite in den
Haushalt eingebunden werden sollten. Meist werden diese Mittel von der Regierung
fast vollständig zur Deckung des Haushaltsdefizits eingesetzt. Die
Hälfte der ungebundenen Kredite (3,65 Mrd. US$) werden vom IWF erwartet, 40
% sollen als Anleihen am internationalen Kapitalmarkt aufgenommen werden und,
die restlichen 10 % soll die Weltbank zur Verfügung stellen. Dem im
März 1996 vom IWF gebilligten Kredit von 10 Mrd. US$ folgte im April 1997
die Zusage weiterer 6 Mrd. US$ binnen zweier Jahre. Die Gesamtverschuldung des
Landes belief sich Ende 1997 auf 127,4 Mrd. US$, von denen allein 102,3 Mrd. US$
aus der sowjetischen Zeit stammen. Die Hauptschuld der russischen
Außenstände in Höhe von 35 Mrd. US$ werden auf der Grundlage
einer am 2.12.1997 in Kraft getretenen Vereinbarung der Gläubigerbanken des
Londoner Clubs (420 Geschäftsbanken) langfristig (über 25 Jahre)
unstrukturiert. Bereits 1995 und 1996 hatte sich Moskau mit dem Pariser Club auf
eine Streckung der Rückzahlung seiner Außenstände in Höhe
von 40 Mrd. US$ einigen können. Am 17.9.1997 ist Rußland, das selbst
als Gläubiger gegenüber Entwicklungsländer auftritt, in den
Pariser Club westlicher Gläubigerländer aufgenommen worden. 120 Mrd.
US$ sind Entwicklungsländer wie Kuba, Vietnam, Indien, Äthiopien,
Mosambik und Afghanistan Rußland schuldig.
Banken: Grundlage des heutigen Bankensystems in der Russischen
Föderation ist das Gesetz von 1988, das die Gründung kommerzieller
Banken gestattet sowie das Zentralbankgesetz von 1990. Von den rund 2.069
existierenden Banken (Okt. 1996) sind nur noch 35 % stabil. Allein im ersten
Halbjahr 1996 war fast 150 Kreditinstituten die Lizenz entzogen
worden.
Wirtschaft und Außenhandel
Wirtschaftsstruktur und Privatisierung: Die Überführung
staatlicher und kommunaler Unternehmen in Privatbesitz war zwischen 1992 und
1996 gut vorangekommen: Der Anteil des nichtstaatlichen Sektors am BIP betrug
Ende 1996 schon 70 %. Gemessen am Kapitalstock beträgt der staatliche
Anteil 1997 an der Wirtschaft 45 %, der gemischte 35,3 % und der Private 18,2 %.
Von allen Beschäftigten sind mittlerweile 36 % in der Privatwirtschaft und
24 % im gemischten Sektor tätig (1990: 13 bzw. 4 %). Ende 1996 gab es im
Land rund 2 Mio. Firmen, von denen 224.000 in staatlichen oder kommunaler Hand
verblieben. Am 1.1.1997 waren 126.793 Unternehmen privatisiert worden, das sind
55 % des staatlichen Sektors. Rund 30.500 Unternehmen befanden sich im
Frühjahr 1997 in Föderalbesitz. 1996 war es deutlich zu einer
deutlichen Verlangsamung des Privatisierungsprozesses gekommen, nachdem die
Massenprivatisierung über Anteilscheine von Bevölkerung und
Belegschaften sowie den Übergang zu Geldprivatisierung durch den Verkauf
von Aktien und Investitionswettbewerbe abgeschlossen war. Zwar hatte die
Regierung die unmittelbare staatliche Regulierung und zentrale Finanzierung der
Firmen generell aufgehoben, doch gelangten überwiegend nur Dienstleister,
kleinere Industriebetriebe sowie Bauunternehmen wirklich in Privatbesitz (85 %),
während die mittlere und Großindustrie oftmals nur formal in
Aktiengesellschaften umgewandelt wurden. Der Finanzsektor ist dagegen fast
vollständig privatisiert worden. Eine kleine, dennoch wachsende Zahl im
Finanz-, Verkehrs- und Rüstungsbereich tätiger Firmen wurden in sog.
Fiskalunternehmen umgewandelt, die vollständig in staatlicher Hand bleiben
sollen. In etwa 3.000 Firmen sicherte sich der Staat durch entsprechende
Beteiligungen (“Goldene Aktien”) ein gewissen Einfluß und
Mitspracherecht, in manchen Fällen sogar ein Vetorecht.
1997 hatte eine Neuauflage des Privatisierungsprozesses begonnen, das die
“Privatisierung nach individuellen Projekten” vorantreiben soll. Im
Mittelpunkt dabei stehen nicht mehr die Privatisierungserlöse für den
staatlichen Haushalt, sondern die Effizienz der Unternehmen. Eine
Regierungsverordnung vom 1.4.1997 hat dazu die Privatisierung festen Regeln
unterworfen und Wettbewerbskommissionen vorgesehen, die die Privatisierung von
Unternehmen nach individuellen Gesichtspunkten betreiben sollen. Parallel dazu
hat Präsident Jelzin mit dem Dekret über die “Grundlinien der
Strukturreformen im Bereich der natürlichen Monopole” die
Reforminitiative im ordnungspolitischen Bereich ergriffen und die Reform der
Monopole auf den Gebieten Gasversorgung, Stromerzeugung, Telekommunikation und
Transport eingeleitet. An den Gasmonopolisten Gasprom will Moskau aber ein
Anteil von 40% behalten und am Vereinigten Energiesystem EES wie an der
staatlichen Telekommunikationsgesellschaft mit 51 % beteiligt sein. Mit der
Durchführung der Reform wurde im Frühjahr 1997 Boris Nemzow
beauftragt.
Beschäftigung: Ende 1997 betrug die offizielle
Arbeitslosenquote 9,9 % und lag damit nur 0,6 % über der durchschnittlichen
Rate von 1996 (9,3 % bei 72,8 Mio. Erwerbspersonen, davon knapp 50 % Frauen).
Nachdem bereits im 4. Quartal 1996 eine konstante Arbeitslosenquote von 9,6 % zu
verzeichnen war, befürchtete man für das Jahr 1997 ein Anwachsen in
den zweistelligen Bereich hinein. Obwohl diese Entwicklung nicht eingetreten
ist, stellt sich die Lage differenzierter dar, als offiziell ausgewiesen, da die
versteckte Arbeitslosigkeit nicht berücksichtigt ist. Die Zahl der nur
scheinbar Beschäftigten ist nur schwer zu schätzen. Für das
Frühjahr 1997 ging man von 5,5 Mio. Kurzarbeitern, scheinbeschäftigte
und zwangsbeurlaubten Arbeitnehmern aus, doch dürfte die wirkliche Zahl
weitaus höher liegen.
Löhne, Preise, Lebenshaltungskosten: Die Entwicklung der
Geldeinkommen und ihre Struktur sind abhängig vom Verlauf der
Umstrukturierung der russischen Wirtschaft, der Herausbildung des privaten
Unternehmenssektors und der Höhe der Inflationsrate. Seit 1993 nimmt der
Anteil aus unselbständiger Arbeit ebenso stetig ab wie sich die Tendenz des
sinkenden Anteils der Löhne fortsetzt. Wenn auch die Löhne nicht mehr
Hauptbestandteil der Geldeinkommen der Bevölkerung bilden, bleiben sie doch
grundlegende Einkommensart für die meisten Haushalte. Jedoch bringt der
hohe Grad der Differenzierung der Geldeinkommen und der steigende Anteil der
Bevölkerung, der unterhalb des Existenzminimums lebt, große soziale
Probleme mit sich. Die soziale Schere geht weit auseinander. Im 1. Halbjahr 1997
verfügten bei einer Gesamtbevölkerung von 148 Mio. 31 Mio. Personen
(21 %) noch nicht einmal über das Einkommensexistenzminimums von monatlich
402.000 Rubel (ca. 70 US$ oder 120 DM). Abgefedert wird dieser Zustand durch die
wachsende Rolle, die die Schattenwirtschaft spielt, auf die 45 % aller
wirtschaftlichen Aktivitäten entfallen. Allgemein trat aber in der
Einkommensentwicklung eine leichte Besserung ein, nachdem die real
verfügbaren Einkommen 1995 um 13 % geschrumpft waren und 1996 stagnierten:
Im 1. Quartal 1997 stiegen sie um 4 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der
monatliche Durchschnittslohn stieg in diesen Monaten sogar um 19 % auf 830.000
Rubel, jedoch bliebt dem Arbeiter nur eine reale Lohnsteigerung von 1 %
gegenüber dem 1. Quartal 1996; die Renten stiegen im gleichen Zeitraum um 2
%. Die Lage der privaten Haushalte bleibt aber prekär, was großteils
auf die Summe der Lohnrückstände aus Staat und Wirtschaft
zurückzuführen ist: Mit insgesamt 200 Bio. Rubel, einem Viertel des
monatlichen BIP, waren Staat und Unternehmen im April 1997 bei ihren
Angestellten verschuldet. Die Lohnrückstände betrugen am 1. Aug. 1997
noch 4,2 Bio. Rubel für die Armeeangehörigen, 10,9 Bio. Für die
Angestellten von staatlichen und privaten Unternehmen. Ein Dekret Präsident
Jelzins vom 8.7.1997 sieht die Auszahlung der ausstehenden Löhne bis zum
31.12.1997 vor.
Mit der Preisliberalisierung ab dem 2.1.1992 sollten sich die Preise des
Binnenmarktes an die marktwirtschaftlichen Bedingungen anpassen. Erstmals war
1994 die monatliche Inflationsrate unter 10 % gesunken. Auf das ganze Jahr 1994
bezogen ergab sich eine Preissteigerungsrate von 224 %, die sich 1995 auf 131 %
abgeschwächt hatte. 1996 war es der Regierung gelungen, die jährliche
Inflationsrate auf 21,8 % zu drücken. Beigetragen haben dazu eine
zurückhaltende staatliche Ausgabenpolitik, eine straffe Geldpolitik der
russischen Zentralbank mit sehr hohen Realzinsen, ein stabiler Rubel sowie eine
abgeschwächte Nachfrage auf der Konsumentenseite. Diese günstige
Entwicklung setzte sich auch 1997 fort. In der ersten Jahreshälfte
kumulierte der Preisanstieg auf 8,9 %. Damit sank die gleitende
Jahresinflationsrate auf unter 15 %.
Bodenschätze: Die Russische Föderation verfügt
über gewaltige Vorkommen an Steinkohle, die zum Teil im Tagebau gewonnen
wird. Insgesamt verringerte sich die Kohleförderung 1995 auch infolge
anhaltender Streiks auf 166,3 Mio. t.
Auch die Produktion von Erdöl und Erdgas, den wichtigsten
Exportgütern der Föderation ist rückläufig. 1995 waren es
308,3 Mio. t Erdöl und 23.233 Petajule Erdgas.
Ursachen für die rückläufige Ölförderung sind der
schlechte Zustand der Anlagen, undichte Pipelines, Ersatzteilmangel, der Raubbau
an den Lagerstätten in den vergangenen Jahrzehnten und die fehlende
Motivation der Erdölarbeiter. Im ersten Halbjahr 1992 hat die russische
Regierung Maßnamen zur Neugestaltung der Erdöl- und Erdgasindustrie
eingeleitet. Danach dürfen Unternehmen, nachdem sie die
Lieferverpflichtungen gegenüber dem Staat erfüllt haben, 40 % und mehr
zu freien Preisen auf den Binnenmarkt verkaufen. In Rußland sind 4/5 aller
erforschten Erdgasvorkommen der GUS-Staaten konzentriert.
Beachtliche Lager gibt es von Gold, Kupfer, Blei, Zinn, Aluminium, Mangan,
Magnesium, Silber und Nickel. Reich ist die Föderation auch an
nichtmetallischen Bodenschätzen, Kalisalz, Steinsalz u. a. In Jakutien am
Wiljui wurden ausgedehnte Diamantenfelder erschlossen.
Wegen der mangelnden Finanzierung der geologischen Untersuchungen wurde die
Suche nach neuen Vorkommen erheblich reduziert (1994 etwa um 75 % im Vergleich
zu 1991). Seither übersteigt die Förderung der Bodenschätze,
besonders in der Erdöl- und Erdgasförderung und in der Förderung
der Buntmetalle, die Zunahme der Vorräte.
Industrie: Das Produktionsniveau in den einzelnen Branchen
fällt unterschiedlich aus. Während im 1. Quartal 1997 die Sparte
Investitionsgüter um 6 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurückging
und auch Konsumgüter – und Leichtindustrie (z.B.
Haushaltsgeräte, Textil und Bekleidung) weiterhin ihre Produktion drosseln
mußten, gelang der Grundstoffindustrie erstmals seit Jahren ein
Produktionsanstieg. Eisen, Stahl, Chemie, Petrochemie sowie die
Nichteisenmetalle verbuchten Zuwächse; Halbwaren und Zwischenprodukte
stiegen um 3,1 %.
Produktionswachstum (%)
|
1996
|
1997*
|
|
Elektrizität
|
-2,0
|
-6,0
|
|
Brennstoffe
|
-3,0
|
-0,6
|
|
Eisenmetalle
|
-4,0
|
-0,5
|
|
Nichteisenmetalle
|
-5,0
|
6,0
|
|
Chemie
|
-11,0
|
0,1
|
|
Maschinenbau
|
-11,0
|
1,0
|
|
Papier u. Zellulose
|
-22,0
|
-11,0
|
|
Bauindustrie
|
-25,0
|
-11,0
|
|
Leichtindustrie
|
-28,0
|
-6,0
|
|
Nahrungsmittelindusrie
|
-9,0
|
-8,0
|
|
Gesamt
|
-5,5
|
0,7
|
*1. Quartal
Außenhandel: Der russische Außenhandel konnte das
Wachstumsergebnis von 1995 mit 22,6% im Jahr 1996 nicht mehr erreichen. Es nahm
nur noch um 4,8 % zu. Das Exportwachstum reduzierte sich um 2/3 auf 8,5 % (85
Mrd. US$), während die Importe um rund 12,5 % mit einem
Handelsbilanzüberschuß von 20,9 Mrd. US$ zulegten. Im ersten Halbjahr
1997 gaben dagegen die Exporte um 2,5 % und die Importe um 6,5 % im Vergleich
zum Vorjahreszeitraum nach. Die Exporte wuchsen nur noch um 0,4 %.
Überdurchschnittlich von dem Rückgang betroffen waren davon Schwarz-
und Buntmetalle sowie Investitionsgüter. Das aktive Handelsbilanzsaldo
wurde für 1997auf ca. 25 Mrd. US$ geschätzt.
Auch mit den GUS-Staaten ist 1996 das Handelsvolumen gewachsen: Es
erreichte einen Wert von 29,7 Mrd. US$ und einen Überschuß von 1,5
Mrd. US$ zum Vorteil Rußlands. Die Europäische Union bleibt mit
Abstand Rußlands größter Außenhandelspartner, doch ist
ihr Anteil am russischen Außenhandel leicht von 35,4 % (1995) auf 33,0 %
(1996) geschrumpft. Deutschland nimmt unter den Außenhandelspartnern immer
noch den ersten Rang ein. Das Volumen den Handelsumsatzes zwischen beiden
Staaten stieg 1996 um 12,3 % auf 27 Mrd. DM. Im ersten Quartal 1997 lag der
russisch-deutsche Handel mit einem Gesamtvolumen von 7,3 Mrd. DM um 30,2 %
über den Ergebnisses des Vorjahreszeitraumes. Er setzte damit die Tendenz
fort, die er schon 1996 mit einem Wachstum von 23,3 % gegenüber 1995
zeigte. Allerdings hatte sich auch 1996 die Struktur im bilateralen Handel im
Vergleich zu 1995 weiter zuungunsten Rußlands verschoben. Deutschland
liefert vor allem Maschinen, während es von Rußland überwiegend
Rohstoffe bezieht. Der Anteil der russischen Rohstoffe bei den Exporten nach
Deutschland hat sich von 26,3 % auf 37,0 % erhöht. Wichtigste
Handelspartner Rußlands in Europa sind nach Deutschland
Großbritannien, Italien und die Niederlande, außerhalb Europas die
USA und China.
Quellenverzeichnis:
Berliner Morgenpost Die Zeit
MEYERS Lexikon Der Spiegel
LexiROM
Internet
|