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Stadtentwicklung und Raumdynamik im Gefüge deutsch
Ralph Horstkötter
Stadtentwicklung und Raumdynamik
im Gefüge deutscher Städte
seit dem zweiten
Weltkrieg
– vom Wiederaufbau zur
Stadterneuerung –
Ausarbeitung zum Referat im Rahmen des kulturgeographischen Oberseminars
von Herrn Prof. Günter Glebe im SS 1999 an der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
“ Freunde, unser Einsatz kann ein Wunder
verwirklichen!
Für wen soll es geschehen? Für das
Publikum.
Für welches Publikum? Man hat geantwortet: für das
Volk.
Ich glaube: für die Menschen.”
Le Corbusier
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung 4
- Stadtentwicklung und Raumdynamik in der BRD 4
- Die Phase des Wiederaufbaus (1945-1960) 5
- Raumdynamik 5
- Stadtentwicklung 5
- Die Phase des Wachstums (1960-1975) 7
- Raumdynamik 7
- Stadtentwicklung 7
- Die Phase der Konsolidierung und Differenzierung (seit 1975) 9
- Raumdynamik 9
- Stadtentwicklung 9
- Stadtentwicklung und Raumdynamik in der DDR bzw. den neuen
Ländern 12
- Stadtentwicklung in der DDR bzw. den neuen Ländern 12
- Die Phase der Anknüpfung an die nationale Bautradition
(1945-1955) 12
- Die Phase des industrialisierten Städtebaus (1955-1970/75) 13
- Die Phase des qualitativen Stadtumbaus (1970/75-1991) 15
- Die Phase der Vermarktwirtschaftlichung (seit 1991) 16
- Raumdynamik in der DDR bzw. den neuen Ländern
17
- Abschließende Betrachtung und Ausblick: Die Zukunft der deutschen
Stadt 18
- Literatur 19
- Einleitung
Selbst die einrückenden alliierten Truppen waren vielfach selbst
betroffen vom Ausmaß der vorgefundenen Schäden. Die
Großstädte Deutschlands in den Grenzen von 1937 waren bombardiert
worden. Von jenen blieben nur Erfurt, Halle und Regensburg in ihrer alten
Gestalt erkennbar. 13 Millionen Menschen waren obdachlos, von 18,8 Millionen
Wohnungen waren 4,8 Millionen zerstört. (vgl. von Beyme 1987,
25ff)
Der Wiederaufbau gestaltete sich in den einzelnen Zonen unterschiedlich, so
daß heute noch, einige Jahre nach der Wiedervereinigung,
Ost-West-Gegensätze sich schon durch Städtebau und Architektur
ausdrücken. Ursächlich kann die politische Einstellung der alliierten
Mächte als prägende Kraft gesehen werden: “Die Ideologie der
Bundesrepublik wurde die Kulturnation, die der DDR die Klassennation”
(von Beyme 1987, 13).
Stadtentwicklung in Deutschland stellt sich nicht als einheitliches
Geschehen dar – zeitlicher Ablauf und Methodik glichen sich in den beiden
Staaten nicht.
- Stadtentwicklung und Raumdynamik in der BRD
Die Stadtentwicklung in der Bundesrepublik wird nachhaltig durch die
historisch gewachsene Struktur des Städtesystems beeinflußt. Durch
das Fehlen der historisch gewachsenen Hierarchiespitze Berlin – bedingt
durch ihre Zweiteilung – agieren die Funktionsräume stärker
untereinander. Man unterscheidet die deutschen Städte in Unter-, Mittel-,
Ober-, Regionalzentren sowie in Hauptstädte. Die Regionalzentren
(Düsseldorf, München, Stuttgart, Hannover, Frankfurt, Köln)
übernehmen für die Region hochrangige administrative, kulturelle und
wirtschaftliche Funktionen. Hauptstadtfunktionen übernehmen in der
Bundesrepublik gleich mehrere Städte: So ist Hamburg Hauptstadt der Medien,
Frankfurt die der Wirtschaft, des Verkehrs und der Finanz, München die der
Kultur und Bonn die administrative Hauptstadt (vgl. Blotevogel und Hommel
1959, 158). Diese polyzentrische Struktur führt zu besonders intensiven
Interaktionen und bedingte sehr früh den Ausbau einer guten Infrastruktur
und einer gleichmäßigeren Verteilung des Arbeitsplatzangebotes. Mit
diesem Hintergrund läßt sich das Stadtentwicklungsgeschehen im
letzten halben Jahrhundert aufzeigen.
2.1. Die Phase des Wiederaufbaus (1945-1960)
- Raumdynamik
In der Zeit des zweiten Weltkriegs flüchtete
das Gros der deutschen Stadtbevölkerung in die ländlichen Gebiete, um
dort Schutz vor den starken Bombardements zu finden. “Sie drängten
nach dem Krieg in ihre Heimatstädte, in ihre alten Lebens- und Wohnumwelten
zurück und versuchten, in den Trümmermassen ihr Leben zu
gestalten” (Hewitt et al 1993, 438). Diese Land-Stadt-Wanderung
wurde jedoch quantitativ noch von der Flüchtlingswelle aus den
östlichen Gebieten überlagert. Die westdeutschen Klein- und
Mittelstädte erfuhren in dieser Zeit von 1945 bis 1961 den
größten Aufschwung. Besonders mittelgroße Städte konnten
durch das erheblich gestiegene Arbeitskraftangebot nachhaltig eine Industrie
aufbauen, die den zentralörtlichen Einzugsbereich ausweitete. Die
wirtschaftliche und soziale Eingliederung der Ostflüchtlinge, die durch das
rasche Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit wesentlich erleichtert wurde,
führte zu einem erneuten starken Wachstum des gesamten Städtesystems,
das in seinen “Größenordnungen und seinen Folgen nur mit der
intensiven Verstädterungsphase im letzten Drittel des vorherigen
Jahrhunderts verglichen werden kann” (Köhler und Schäfers
1986, 30).
Die Abwanderung aus dem peripheren Raum in die Kerngebiete der Entwicklung
führte auch zu einer Selektion der Bevölkerung. Vorwiegend junge
Altersgruppen, die in den Städten ein erhöhtes Ausbildungs- und
Arbeitsangebot finden, zogen in die Ballungszentren. Zu den so entstehenden
Rückstandsgebieten zählen das nördliche Schleswig-Holstein,
Ostfriesland, die westliche Eifel, die Grenzgebiete zur DDR und CSSR sowie
Niederbayern. (vgl. Blotevogel und Hommel 1980, 161)
- Stadtentwicklung
Im Städtebau sind die Jahre von 1945 bis
1949 “faktisch die Zeit der Trümmerbeseitigung und der
Notmaßnahmen sowie planerisch die der einzigen groß angelegten
Gesamtplanungen und der vielen Wettbewerbe und detaillierten Planungen für
die zerstörten Innenstädte” (Müller-Raemisch 1987,
19). Währungsreform und Marschallplan machten den praktischen Beginn des
Wiederaufbaus möglich.
Die Aufgaben das Wiederaufbaus wurden schnell umrissen: Die
Tätigkeiten sollten sich auf die Trümmerbeseitigung, den Neuaufbau der
Kommunalverwaltungen sowie der Behebungen von Notsituationen beschränken.
Diese Vorhaben wurden jedoch vom Mangel an Baumaterialien und finanziellen
Mitteln gehemmt. (vgl. Hewitt et al 1993, 439) Diese Mißstände
wurden als Vorteile gewertet: “Das langsame Anlaufen der Bautätigkeit
hat den einen Vorteil, daß das Bearbeiten der durch die Zerstörung
der Städte erforderlichen Wiederaufbaupläne mit der nötigen Ruhe
geschehen kann” (Fischer 1948, 87). In städtebaulichen
Dimensionen gedacht, verlief der Wiederaufbau jedoch viel zu überhastet und
schnell; im wesentlichen war er um 1960 schon abgeschlossen. Das trug dazu bei,
daß wertvolle Bausubstanz nicht nur durch die Bombardierungen, sondern
auch durch den Wiederaufbau zerstört wurden (vgl. Durth und Gutschow
1988). Die historischen Stadtbilder blieben vorwiegend nur in den Klein- und
Mittelstädten erhalten.
Die frühe Phase ist aufgrund der starken Zuwanderung aus den
Ostgebieten, sowie aus der Peripherie in die Stadt, durch eine starke
Orientierung auf Wohnungspolitik gekennzeichnet. “Was wir brauchen sind
Wohnungen, Wohnungen und nochmals Wohnungen” (Rappaport 1949, 11).
So schätzte man den Bedarf auf 5 Millionen neue Wohnungen.
Über die Konzeption des Wiederaufbaus entbrannten in den
Nachkriegsjahren starke Diskussionen. Die Entwürfe reichten vom identischen
Wiederaufbau bis hin zum völligen Neubau. Zu dieser Zeit sind die Modelle
von Le Corbusier (“Ville Contemporaine”), Reichow (“Organische
Stadtbaukunst”) und Schwangenscheidt (“Die Raumstadt”)
prägend. Alle Leitbilder dieses Abschnitts “fußen bei aller
sonstigen Differenzierung auf der Gliederung der Stadt in überschaubare
Einheiten” (Müller-Raemisch 1987, 24). Gliederung und
Überschaubarkeit, so lautet der allgemeine Tenor der Stadtplaner in den
Nachkriegsjahren. Alle Modelle, die von Neubau bis hin zum historischen
Wiederaufbau reichen, finden im deutschen Städtebau der Nachkriegszeit
Anwendung: So entstand in Düsseldorf das Thyssenhochhaus (Abbildung 1) und
in Köln wurde der mittelalterliche Gürzenich wiederhergestellt (vgl.
Hewitt et al 1993, 439). Tendenziell richtet man sich jedoch am
historischen Stadtgefüge aus. Schöller sieht die Gründe
dafür in der überkommenen Bodenordnung, im bestehenden
Straßennetz, in den erhaltenen Anlagen des unterirdischen Städtebaus
und nicht zuletzt im Traditonswillen der Bevölkerung (vgl. Schöller
1967, 78).
Der Lemgoer Entwurf, in dem man eine Neustrukturierung der Innenstädte
durch Zusammenlegung von Parzellen mit gleichzeitiger Umwandlung des
Individualeingentums in Gemeinschaftseingentum erreichen will, fand keine
Anwendung. Besonders in der britischen Besatzungszone konnte dieser
sozialistisch anmutende Ansatz nicht Fuß fassen – zu jener Zeit war
die “Labour Party” in der Regierungsverantwortung. So blieb in
Köln das historische Parzellengefüge erhalten. Als Folge entwickelten
sich stellenweise nur eingeschossige Ladenbauten, da für einen weiteren
Ausbau die Häuser schlichtweg zu schmal sind. Anders verlief die
Entwicklung in Gießen, wo eine Neustrukturierung der Besitzparzellen
gelang (vgl. Hewitt et al 1993, 442).
- Die Phase des Wachstums (1960-1975)
- Raumdynamik
Schon “in der zweiten Hälfte der
fünfziger Jahre erlaubt der wachsende Wohlstand und die steigende
Motorisierung immer breiteren Bevölkerungsschichten, den zunehmenden
Wohnumfeldbelastungen in den Zentren zu entfliehen und sich den Wunsch von einer
Wohnung im Randbereich der Städte zu erfüllen” (Köhl und
Beck 1996). Diese Suburbanisierungstendenz in den Großstädten und
den großstadtfernen Mittelstädten wird in den ersten Jahren durch
Ausgleichswanderungen ausländischer Immigranten ausgeglichen. Die steigende
Industrialisierung in Verbindung mit dem Wirtschaftswunder hat zu Folge,
daß immer mehr Gastarbeiter aus dem europäischen Ausland einwandern.
Eine selektive Entmischung, wie man bereits in den ersten Nachkriegsjahren in
den Rückstandsregionen beobachten konnte, zeigte sich auch in anderer Form
in den 60er Jahren: “Innerhalb der innenstadtnahen Wohngebiete kam es zu
Segregationsprozessen [...], von denen besonders immobile Familien, alte
Menschen und Ausländer sowie alle Bevölkerungsgruppen betroffen waren,
die es sich nicht leisten konnten, aus der Stadt zu ziehen” (Daase
1995, 29). Nur Studenten, Künstler und Alternative zogen auch in schlechter
ausgestattete Altbauwohnungen und wirkten dieser Tendenz – wenn auch nur
marginal – entgegen, nicht auch zuletzt aufgrund des niedrigen
Mietpreisniveaus dieser Wohnungen und deren “Charme”. (vgl.
Daase 1995, 29)
Die steigende Wohnstandortmobilität zeigt sich in den 60er Jahren
nicht nur in der Suburbanisierung, sondern auch in einer Abwanderung der
vornehmlich älteren Bevölkerung in den attraktiveren Süden.
Andere Gründe dieser Fernwanderungen aus den Verdichtungsräumen
Norddeutschlands, dem Ruhrgebiet und dem Saarland in die indurstriebetonten
großstadtfernen Mittelzentren sind das hier gestiegene Arbeitsplatzangebot
im Zuge des Wirtschaftswachstums und der Wunsch nach einem Haus im Grünen,
der hier günstiger zu realisieren war. (vgl. Blotevogel und Hommel
1980, 156)
“Die Abwanderung von Erwerbstätigen und ihren Familien aus den
Kernstädten in die Randzonen der Verdichtungsräume und in die
benachbarten ländlichen Gebiete wird seit dem Anwerbestopp für
ausländische Arbeitnehmer im Jahre 1973 nicht mehr wie in den sechziger
Jahren durch zuziehende Ausländer im Saldo ausgeglichen”
(Blotevogel und Hommel 180, 161).
- Stadtentwicklung
Bis in die erste Hälfte der 60er Jahre
expandierten die Städte “meist nicht in den weiter entfernt gelegenen
Vororten, sondern vornehmlich durch Flächenwachstum an den Rändern der
älteren, innerstadtnah gelegenen Bebauung” (Heineberg 1988,
25). Folglich entwickelte sich eine Stadtstruktur, in der die
Grunddaseinsfunktionen weitestgehend getrennt sind: Die Wohnfunktion
drängte in randliche Gebiete. Die städtebaulichen Konzepte der
“aufgelockerten Stadt”, die bis in die frühen 60er Jahre
hineinreichten, entsprachen in abgewandelter Form den Vorstellungen der
Gartenstadt und der Charta von Athen (vgl. Heineberg 1988, 25).
Diese funktionale Entmischung zog den Ausbau der Infrastruktur mit sich,
der die verbleibenden Elemente der Stadtplanung ins Abseits drängte.
“Die wachsende Motorisierung sowie die anhaltende Tendenz zur Abwanderung
in die Peripherie der Städte führen zu starken Belastungen, nicht
selten zu Überlastungen der Verkehrswege, einer Entwicklung, der mit einem
rapiden Ausbau der Verkehrsinfrastruktur begegnet wird” (Köhn und
Beck 1996); insbesondere wird der Ausbau des öffentlichen
Personennahverkehrs durch Anlage neuer Schnellbahnlinien und Einrichtung von
Verkehrsverbundsystemen gefördert. Statt der Anlage von pfeilertragenden
Hochstraßen, die den Charakter der Altstädte völlig umgeformt
und beherrscht hätte, wählten die meisten Städte den Bau
unterirdischer Verkehrsanlagen. Doch erlaubten die hohen Kosten derartiger
Großprojekte nur eine schrittweise Ausführung. So vermutete
Schöller: “Unsere Städte werden auf unabsehbare Zeit
mächtige Baustellen bleiben” (Schöller 1967, 82).
Der tertiäre Sektor suchte seine Standorte nicht mehr wie die
produzierende Industrie am Rande der Städte mit guten Verkehrsanbindungen,
sondern legte Wert auf die repräsentativen “1A-Lagen” in den
Stadtkernen (vgl. Müller-Raemisch 1987, 55 und 70). So wurden in der
Hochphase der Konjunktur nicht nur die baulichen Lücken in den
Innenstädten geschlossen, vielmehr kam es in dieser Zeit auch zu einer
funktionalen und architektonischen Aufwertung: Banken und Versicherungen bauten
ihre repräsentativen Bürogebäude, Kaufhausgroßbauten
entstanden; zu Beginn der 70er Jahre wurde der Bau von multifunktionalen
Shopping-Centern vorangetrieben. Im Zuge dieser Tertiärisierung der
Innenstädte in den 60er Jahren entstanden – zunächst vorwiegend
in den Mittelstädten und auch später in den Großstädten
– Fußgängerzonen und größere Parkplätze am
Stadtrand; die Übersichtlichkeit der Innenstädte sollte gesteigert
werden (vgl. Heineberg 1988, 21). “Diese funktionale Entfaltung der
Großstadtkerne [...] stand auch im Zusammenhang mit dem
beträchtlichen Ansteigen der Bodenpreise bzw. mit der durch die
Bodenpreisentwicklung ausgelösten stärkeren Konkurrenz um die
profitabelste Nutzung in den zentralen Standorträumen der westdeutschen
Großstädte nach 1960” (Heineberg 1988, 22). Folge war,
daß viele kleinere und flächenintensive Industriebetriebe ihren
Standort in der Innenstädten aufgaben und sich in den Vororten
beziehungsweise in die in dieser Zeit entstehenden Gewerbegebieten
ansiedelten.
Eine Verdichtung der Wohnfunktion in den Innenstädten, die mit dem
aufkommenden neuen Leitbild “Urbanität durch Dichte” in den
60er Jahren einhergeht, scheint in bezug auf die Miet- und Bodenpreisentwicklung
aussichtslos. “Statt dessen entstehen [...] bis zum Anfang der siebziger
Jahre Großwohnsiedlungen mit extrem hohen Wohnungsdichten, die die
weiterhin hohe Wohnungsnachfrage befriedigen und darüber hinaus das urbane
Leben in die Wohnquartiere zurückbringen sollen” (Köhl und
Beck 1996). Als Beispiele dieser so entstandenen Trabantensiedlungen dienen
Chorweiler in Köln und Gropiusstadt in Berlin. In dieser Zeit – ab
etwa Mitte der 60er bis Ende der 70er Jahre – erlebt der
Suburbanisierungsprozeß innerhalb der Wohnbevölkerung seinen
quantitativen Höhepunkt in der deutschen Geschichte. Dabei ist zu
beobachten, daß die Bevölkerung als auch die Betriebe des
sekundären Sektors in immer stadtfernere Gebiete eindringt und so den
Großraum Stadt ausweitet. “Die gegliederte und aufgelockerte Stadt
wurde zum Teil dort verwirklicht, woran sicher nicht gedacht war: vor den Toren
der Stadt, im immer entfernteren suburbanen Raum” (Köhler und
Schäfers 1986, 30).
Das Leitziel der “Urbanität durch Dichte” ist in dieser
Zeit nicht verwirklicht worden. Vielmehr ist es zu einer Verdichtung der
tertiären Funktionen in den Innenstädten unter Ausschluß der
Wohnbevölkerung gekommen. “Das gibt keinen Ort für die zwanglose
Begegnung von Bürgern, aus der eben jene ersehnte Urbanität entstehen
könnte” (Müller-Raemisch 1987, 58).
- Die Phase der Konsolidierung und Differenzierung (seit
1975)
- Raumdynamik
Wegen der großen Pendlerströme, die
viele Straßen täglich überlasten, ziehen viele junge, im
Dienstleistungssektor beschäftigte Menschen in die Städte zurück.
Andere Gründe für diese Resuburbanisierung sind in der gesteigerten
Attraktivität der Innenstädte zu sehen sowie im Aufkommen eines neuen
Denkens, in welchem das Stadthaus, eine neue urbane Lebensform, als
erstrebenswert gilt. Die Suburbanisierung der Bevölkerung – diese
setzte bereits in den 60er Jahren ein – hatte inzwischen zwar abgenommen,
prägte aber weiterhin die Entwicklung des innerstädtischen und
suburbanen Siedlungsraumes.
“Ein grundsätzlich wichtiger Vorgang der Gegenwart ist die
Aufspaltung der Wohnfunktion und damit die Entstehung von Arbeits- und
Freizeitwohnungen. Sie beeinflußt die Gebiete der Stadterweiterung und
Stadterneuerung in unterschiedlichen Ausmaß [...]”
(Lichtenberger 1985, 8).
- Stadtentwicklung
Mit dem “Ölschock” und der
sich anschließenden Rezession Anfang der 70er Jahre setzte in der
Stadtentwicklungs- und Stadtplanungspolitik ein schnelles Umdenken ein. Auf die
Zeit der Großformen und der raschen Entwicklung folgt die der
Gegenbewegung der Bürgerinitiative mit der Forderung nach Mitbestimmung.
Das politische Klima der Zeit, das in der außerparlamentarischen
Opposition, den Studentenbewegungen und Bürgerinitiativen einen sichtbaren
Ausdruck fand, führte zu der Erkenntnis, daß Stadtplanung als Dialog
verstanden werden müsse (vgl. Müller-Raemisch 1987, 86).
Die negativen Folgen der verstärkten Suburbanisierungs- und
Verdichtungsprozesse in den vorangegangenen Jahren zeigten sich nun immer
deutlicher. “Im Zeichen der Zeit – es sei unter anderem an die
wissenschaftliche Studie des Club of Rome erinnert, in der die Grenzen des
Wachstums in globaler Dimension aufgezeigt werden – reift in der
Stadtplanung die Einsicht, [...] daß Wachstum kein Naturgesetz sei und man
sich möglicherweise mit dem Vorhandenen begnügen müsse, daß
es sogar reizvoll sein könne, sich um die Erhaltung des Bestehenden zu
kümmern” (Köhn und Beck 1996). Erneuerung statt Expansion
wurde nun gefordert. Jedoch konnte man sich nicht auf eine einheitliche Linie
einigen. So gab man zunächst einmal an, was man nicht mehr wollte:
“Keinen Abbruch von alten Wohnhäusern mit billigen Mieten, keine
weiteren Bauten für den Autoverkehr, keine Hochhäuser, keine Trennung
der Funktionen Wohnen und Arbeiten” (Müller-Raemisch 1987,
89). Dem ehemaligen Leitbild der aufgelockerten Stadt wurde nun ein harsches
Ende bereitet.
Aufgrund der mangelnden Steuereinnahmen, welche die Städte durch die
abgezogenen Einwohner und Industriebetriebe zu verzeichnen haben sowie der
aufkommenden Rezession, sind die Städte nunmehr dazu gezwungen, rationaler
zu handeln. So wird die Bestandspflege “auch aus Gründen der
Wirtschafts- und Arbeitsplatz-Basis zur Devise” (Brake 1985, 5).
Kernelemente der “erhaltenen Erneuerung” sind:
- die Abkehr von der flächenhaften Sanierung,
Hinwendung zur Objektsanierung
- Wohnumfeldverbesserung
- Schaffung neuer urbaner Wohnformen (vgl.
Köhn und Beck 1996)
Abbildung 2 zeigt die Frankfurter
Römerbergbebauung (als Beispiel für extrem verstandene
Stadterneuerung) bei der man versuchte, mittelalterliche Häuser wieder zu
errichten, bzw. bereits bestehende Gebäude im alten Stil umzugestalten.
Köhn und Beck sprechen dieses Phänomen der Zeit als “extremen
Neo-Historismus” (Köhn und Beck 1996) an.
Problembeladen wird der Vorgang der Stadterneuerung in den letzten Jahren
diskutiert. Zwar sind die Ziele der Stadterneuerung weitestgehend erreicht
worden, nur setzten später (seit Mitte der 80er Jahre) gerade in den
Großstädten Verdrängungsprozesse ein, die zu einer neuen
Wohnbevölkerungsstruktur in einigen Stadtteilen führte.
Erst in den 80er Jahren erhält ökologisches Denken in die
Stadtplanung Einzug. Die breiten Verkehrsachsen werden immer mehr als
Emmisionsquellen und Barrieren empfunden. Das neue Leitbild der 80er Jahre
heißt “Rückbau” mit der dazugehörigen
“postmodernen” Architektur. Die bisherigen
Stadterneuerungsmaßnahmen werden mit neueren ökologischen und
modernen ästhetischen Ansätzen vermischt:
- Stärkere Hinwendung zum Denkmalschutz
- Vermischung historischer und moderner Baukunst
als “Postmoderne”
- Stärkere Begrünung der
Innenstädte
- Bau von Stadtbrunnen (vgl. Heineberg 1988,
22)
Mit Inkrafttreten des neuen Baugesetzbuches, welches das
Städtebauförderungsgesetz von 1971 ablöste, ermöglichte man
durch einen erheblich größeren finanziellen Rahmen, nachhaltige
städtebauliche Sanierungstätigkeiten durchzuführen. Von 1985 bis
1988 haben Bund und Länder für Städtebau- und
Modernisierungsförderung insgesamt über 32 Milliarden DM zu
Verfügung gestellt (vgl. Heineberg 1988, 23f). Städtebauliche
Sanierungsmaßnahmen sollten auch dazu beitragen, daß die
Siedlungsstrukturen den Erfordernissen des Umweltschutzes und den Anforderungen
an gesunde Wohn- und Arbeitsbedingungen entsprechen. Die wichtigsten
Maßnahmen der “behutsamen Stadterneuerung” und ihre Ziele
(Sanierungsziele) sind in Tabelle 1 zusammengefaßt:
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Maßnahmen
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Ziele
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Instandsetzung von Gebäuden und
Wohnungen
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Erhalt von Altbausubstanz, Schutz des städtebaulichen
Milieus, Bestandspflege
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Modernisierung von Wohnungen (mit
Mietpreisbindung)
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Erhalt von günstigem , innerstadtnahem Wohnraum,
tragbare Mieten für die Bewohner
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Gestaltung von öffentlichen Plätzen
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Wohnumfeldverbesserung
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Verkehrsberuhigungsmaßnahmen
|
Mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer,
insbesondere für Fußgänger und Radfahrer
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Ökologischer Stadtumbau
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Entkernung von Innenhöfen und deren Begrünung,
Entsieglung von Flächen
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Schwerpunkt “Ökologische
Stadterneuerung”
|
Förderung von technischen Sanierungsmaßnahmen wie
Einrichtungen zu Verringerung des Trinkwasserverbrauchs, Solaranlagen zur
Brauchwassererwärmung
|
|
Verbesserung des Angebots von Sport- und
Freizeitstätten
|
Ausstattung der Gebiete mit Freizeiteinrichtungen für
Jugendliche und Erwachsene
|
Tab.1: Stadterneuerungsmaßnahmen und ihre Ziele (nach
Daase 1995, 16)
Die Erfahrungen der frühen Phase der Stadterneuerung haben gezeigt,
daß eine überhastete Stadterneuerung nicht den Vorstellungen einer
sozialen Stadtplanungspolitik entsprechen. Der räumlichen Segregation ist
nur mit einer behutsamen Entwicklungsunterstützung entgegenzuwirken.
Beispielhaft ist das vom Hamburger Senat 1980 ins Leben gerufene Programm
“Stadterneuerung in kleinen Schritten (Siks)”.
- Stadtentwicklung und Raumdynamik in der DDR bzw. den neuen
Ländern
Die DDR ist in ihrem Aufbau des Städtesystems der BRD ungleich. Die
Einteilung in Haupt-, Bezirks- und Kreisstädte zeigt eine stark
hierarchisch ausgerichtete Gefügestruktur auf. Die
Stadtentwicklungsgeschichte der DDR wird dadurch nachhaltig geprägt: Die
Planung und Durchführung neuer Tendenzen richten sich zunächst auf die
Hierarchiehöchsten. So blieben die Kriegsfolgen in den untergeordneten
Städte noch lange sichtbar: “Ein genereller Schlußpunkt des
Wiederaufbaus konnte hier hingegen nie gesetzt werden” (Hewitt et
al 1993, 444). Die im zweiten Kapitel angesprochenen Auswirkungen der
Besatzungsmächte auf Politik und Städtebau zeigen sich in der DDR wohl
am deutlichsten.
Die Leitbilder des Städtebaus lassen sich nach von Beyme in drei
Phasen einteilen. Diese “sind nicht so grundsätzlich von den Perioden
des Wiederaufbaus in Westdeutschland unterschieden, wie beide Seiten gern
annehmen. In der DDR sind neue Phasen mit einer gewissen Verzögerung
eingeführt worden, haben sich dann jedoch in einem zentral geplanten System
rascher durchsetzten können” (von Beyme 1987, 287). So
beeinflußt und prägt gerade auch die Sowjetunion als Bruderstaat in
den ersten Phasen nachhaltig den Städtebau.
Im Gegensatz zur Strukturierung des vorangegangenen Kapitels steht als
determinierender Aspekt die Stadtentwicklung voran, da in der DDR raumdynamische
Prozesse vorwiegend durch die staatlich gesteuerten städtebaulichen
Maßnahmen initiiert werden.
- Stadtentwicklung in der DDR bzw. den neuen
Ländern
- Die Phase der Anknüpfung an die nationale Bautradition
(1945-1955)
Die Hauptziele der ersten Nachkriegsjahre waren in der
sowjetischen Besatzungszone schnell aus der sozialistischen Ideologie
abgeleitet: So standen nicht wie in den Westzonen städtebauliche
Aufbauarbeiten im Vordergrund, vielmehr war man darum bemüht, die
Versorgung der Bevölkerung zu sichern. So wurden anfangs verstärkt
Industriebetriebe instand gesetzt und Neubauerngehöfte errichtet (vgl.
Hewitt et al 1993, 444).
Neben der Wiederherstellung der Bewohnbarkeit der zerstörten Wohnungen
waren größere städtebaulichen Maßnahmen wegen der hohen
Reperationsleistungen an die Sowjetunion unmöglich. Der Mangel an
Materialien und an finanziellen Mitteln blieb nicht lange ohne Folge: “Ein
Befehl der zonalen Wirtschaftskommision verbot im Juni 1948 jegliche private
Bautätigkeit” (Schöller 1967, 75). Betrug 1950 der Bau
von Eigenheimen noch 61% am Gesamtbauvolumen, so sank dieser aufgrund der
staatlichen Lenkung bis 1968 auf 5% (vgl. von Beyme 1987, 323). Als Folge
des Ausbleibens öffentlicher Investitionen im Bauwesen fielen die
Wohnbedingungen im Vergleich zur BRD stark ab.
Als prägend für die weitere Entwicklung im ostdeutschen
Städtebau sollten sich die “sechzehn Grundsätze des
Städtebaus” vom 27.6.1950 erweisen. Diese bildeten einheitliche
Grundlagen für die Erschaffung komplexer Gestaltungen. Im einzelnen sind
dies:
- Steuerung des Wachstums der Städte
(Grundsatz 4)
- Betonung einer monumentalen Stadtkrone (Grundsatz
6)
- Ablehnung der Gartenstadtidee (Grundsatz 12)
- Befürwortung der vielgeschossigen Bauweise
aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen (Grundsatz 13) (vgl. von Beyme
1987, 283)
Gleichzeitig wurde mit diesen Grundsätzen das
Verfügungsrecht über Grund und Boden geregelt. Der sozialistische
Grundgedanke wird auch im Grundsatz 3 stark betont: “Die Städte
werden in bedeutenden Umfange von der Industrie für die Industrie
gebaut” (von Beyme 1987, 282). Der Wohnungsbau war in Folge dessen
eng mit der industriellen Expansion verknüpft: Wohnungen entstanden vorerst
dort, wo ein gesteigerter Arbeitskräftebedarf vorhanden war. In dieser Zeit
entstanden die Großprojekte Stalinstadt (später:
Eisenhüttenstadt), Schwedt und Halle-Neustadt. (vgl. Schöller
1986, 13ff)
Die einzelnen Neubauten sollten nun dem Bild des sowjetischen
Städtebaus gerecht werden: “National in der Form, sozialistisch im
Inhalt” (Köhn und Beck 1996). Mit diesem gesetzlich
verankerten Leitbild wurde in der DDR schneller eine einheitliche Richtung
für den Städtebau geschaffen, als es in der BRD geschehen war, die
sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Planungsphase befand. Die Ausführung
jedoch bereitete schlichtweg aufgrund des vorherrschenden Materialmangels
Schwierigkeiten und kam deshalb nur schleppend voran.
- Die Phase des industrialisierten Städtebaus
(1955-1970/75)
Wie stark der sowjetische Einfluß war, zeigte sich auch mit dem
Beginn der zweiten Phase. Stalins Tod bewirkte in Moskau die städtebauliche
Umorientierung zum industrialisierten Wohnungsbau ohne
“Zuckerbäckerei und Fassadenkosmetik”. In der ersten
Baukonferenz der DDR im April 1955 propagierte man die Losung: “Besser,
schneller, billiger bauen” (vgl. von Beyme 1987, 291). Der
industrielle Wohnungsbau, der die Vollbeschäftigung der Bevölkerung
zur Grundlage hatte, wurde in der DDR aus der Wiege gehoben.
Beispielhafte Städte für diesen neuen Baustil sollten Hoyerswerda
(Abbildung 3) und Dresden werden. In diesen meist trabantenartigen
Wohnsiedlungen vor den Toren der Stadt konnten die Ziele der Industrialisierung
im Wohnungsbau verwirklicht werden, mit denen man versuchte, der bestehenden
Wohnungsknappheit besonders in den Industrieregionen entgegenzuwirken. Die
offene Bauweise der in Zeilen angeordneten Häuser forderte Platz. Zudem war
das Endprodukt dieser Entwicklung, die Großplattenbauweise nur beim Bau
von Großwohnsiedlungen ökonomisch zu verwirklichen. Solch
flächenextensive Neubauten konnten demnach nur auf der grünen Wiese
entstehen – oder besser montiert werden, da einzelne Teile vor Ort nur
noch zusammengefügt werden mußten. Elemente der neuen Baukunst,
insbesondere die Plattenbauweise, finden sich später in der ganzen DDR
wieder. “Dies hatte jedoch die Vernachlässigung der Zentren zur
Folge, [...] da sich das Baugeschehen vorwiegend an den Stadträndern
vollzog” (Hewitt et al 1993, 444).
Erst später als Ende der 50er Jahre vom Parteitag die Aufgabe gestellt
wurde, die Zentren bis 1965 wiederherzustellen, bezog man die Stadtkerne mehr in
das Planungsgeschehen ein. Die westliche Sicht der Innenstädte als
wirtschaftliches Zentrum eines Ballungsraumes entsprach nicht der
sozialistischen Ideologie: Sie waren administratives Zentrum. Neben der
Enttrümmerung witmete man sich ganz der repräsentativen Gestaltung auf
den zahlreichen Freiflächen. Die Innenstädte wurden als
administratives Zentrum gesehen: Wahrzeichen und Verwaltungsgebäude sollten
den Mittelpunkt der Stadt bilden und die allgegenwärtige Stellung der
Partei demonstrieren. Die Folge dieses “stalinistischen
Fassadenkults” wird bei der Betrachtung des Gesamtbildes einiger
Städte deutlich. Abbildung 3 zeigt den Stadtkern von Bautzen, wo man ohne
Rücksicht auf die historische Substanz sozialistische
Repräsentativbauten erstellte. Schöller vergleicht – aus
westdeutscher Sicht zur Zeit des “kalten Krieges” – die
Innenstädte beider deutscher Staaten: “Statt dem Reiz bunter, enger,
überraschenden Mannigfaltigkeit herrscht kalte Strenge,
Weitflächigkeit und oft Öde” (Schöller 1967, 79),
ein Bild, welches nicht auf alle ost- und westdeutschen Städte zu
übertragen ist.
- Die Phase des qualitativen Stadtumbaus (seit
1970/75-1991)
Das Stichwort “Urbanität” war in der Mitte der 70er Jahre
zum neuen Leitbild geworden; eine Entwicklung, die nicht wie die Phasen zuvor
von der Sowjetunion geprägt war, sondern aus eigener Kraft geschaffen
wurde. Man verstand sie als eine Mischung der einzelnen Grunddaseinsfunktionen.
Es durfte nun auch von “der ‚sozialistischen
Menschengemeinschaft‘ im Städtebau gesprochen werden” (von
Beyme 1987, 302): Den Menschen der Arbeiterklasse verbunden mit ihren
Wünschen wurde mehr Beachtung zuteil.
Die steigende Wohnungsknappheit, der man mit der industriellen Bauweise in
der vorangegangenen Phase entgegentrat, verbunden mit der weiterhin engen
Finanzlage, ließ in der Städteplanung die Erkenntnis reifen, auf die
bestehende Altbausubstanz zurückzugreifen. Ein Wohnungsbauprogramm regelte
die Modernisierung. In der Zeit von 1971 bis 1990 schuf man so rund zwei
Millionen neue Wohnungen. (vgl. Köhn und Beck 1996) Man griff nun
auf die heruntergekommene marode Altbausubstanz zurück, die in den
vorangegangenen Jahren dem Verfall preisgegeben war. “Doch sind wohl
weniger die Besinnung auf Erhaltung historischer Bauten als ökonomische
Gründe für diese Entwicklung verantwortlich zu machen, denn die
wirtschaftliche Situation in der DDR erforderte es, material- und energiesparend
zu bauen” (Hewitt et al 1993, 444).
Obwohl die DDR ein fortschrittliches Denkmalschutzprogramm hat, erledigt
sich das Erhaltungsproblem geschützter Gebäude oft genug durch
“Selbstvernichtung” mangels Pflege. Nicht mehr viele der historisch
wertvollen Gebäude konnten restauriert werden. “Überhaupt ist es
wohl für die heutige Altstadtsanierung in der DDR charakteristisch,
daß sie meist nur noch Teil-Rekonstruktionen unternimmt und die anderen
Gebiete flächenhaft abreißt” (Schöller 1986, 34).
So ist das historische Werningerode (Abbildung 5) nur eines der wenigen
Beispiele erhaltener Altstadtsanierung.
Neubauten waren nur noch innerhalb der bereits bebauten Flächen der
Städte und Gemeinden zu errichten. So lautete ein Artikel aus dem neuen
Baulandgesetz, welches 1985 in Kraft trat. Damit wurde das Ende der
Trabantensiedlungen besiegelt und das Wohnungsbaugeschehen verlagerte sich in
die Innenstädte. Die Fertigbauweise als ökonomisch sinnvolles Prinzip
wurde dennoch beibehalten.
Im Zuge der aufkommenden Ästhetisierung setzte sich in der DDR in den
80er Jahren nun auch die Fußgängerzone als beliebte
Modernisierungsmaßnahme durch. Betrachtet man die Entwicklung in der
Sowjetunion, so ist dort eine solche Tendenz noch nicht zu erkennen gewesen. In
Verbindung mit den gesteigerten Bedürfnissen der Bevölkerung steht
auch der Wunsch nach mehr Spezialgeschäften. Diese sollten zum einen die
funktionale Vielfalt der Innenstädte erweitern und zum anderen den
mittlerweile unbeliebten Universalgroßmarkt vom sowjetischen Typ
“Univermag” ablösen; diese Einkaufshallen stellten bis zu
diesem Zeitpunkt in vielen Städten die einzige Einkaufsmöglichkeit
dar. (vgl. von Beyme 1987, 302)
- Die Phase der Vermarktwirtschaftlichung (seit 1991)
Nach der
deutschen Vereinigung zeigen sich erneut die Probleme der
Großwohnsiedlungen, mit denen sich die Bundesregierung bereits in den 70er
Jahren auseinandersetzen mußte. Eine starke Abwanderungstendenz in die
westlichen Bundesländer ließ sich gerade hier feststellen. Folge
sind, wie bereits in den westdeutschen Trabantenstädten der 60er, erheblich
wachsende Leerstandsquoten und steigende soziale Segregation (vgl. Rietdorf
und Knorr-Siedow 1997).
“Für die Städte in den neuen Bundesländern ist in
vielen Bereichen [...] eine nachholende Entwicklung kennzeichnend”
(Henckel et al 1993, 16). Die gilt vor allem für den Banken- und
Versicherungssektor, das Messewesen, dem Verkehrsbereich und den Handel (vgl.
Henckel et al 1993, 16). In den Innenstädten der neuen
Bundesländer setzt die Vermarktwirtschaftlichung ein. Sozialistische
Prachtbauten werden durch die westliche “postmoderne” Architektur
degradiert und umgewandelt. Der Einzelhandel blüht gerade in den
Stadtzentren, aber auch in der randlichen Langen auf. Eine Entwicklung, die man
bereits auch in der BRD der 60er bis 70er Jahren beobachten konnte.
Zahlreiche Wettbewerbe zur Neugestaltung der ostdeutschen Städte
werden in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung ausgeschrieben, mit
internationaler Beteiligung. Eine behutsame Stadterneuerung wird auch in den
neuen Ländern zum Planungsziel gesetzt. “Tragfähige
Lösungen können dabei grundsätzlich nicht von außen kommen.
Sie setzen voraus [...], daß alles, was realisiert werden soll, stets mit
den betroffenen [...] Menschen gründlich beraten wird [...]”
(Rietdorf und Knorr-Siedow 1997): Die Fehler in der deutschen
Städtebaugeschichte sollen nicht wiederholt werden.
- Raumdynamik in der DDR bzw. den neuen Ländern
Tiefgreifende Wanderungsbewegungen in der ostdeutschen Bevölkerung
traten erstmalig in den ersten Nachkriegsjahren auf. Zunächst schleppend
schwappte in diesen Jahren eine Flüchtlingswelle aus dem Osten in die
westdeutschen Besatzungszonen. Diese verstärkte sich mit zunehmender
Konsolidierung der politischen Lage in der SBZ. Bis zum Berliner Mauerbau gaben
rund zwei Millionen Menschen ihren Wohnstandort in den östlichen Gebieten
auf. (vgl. Schöller 1967, 77f)
Die Phase des industrialisierten Wohnungsbaus ist geprägt von einer
starken Verstädterungstendenz: “So fällt der extrem hohe
Einwohnerrückgang aller Umlandregionen in den 70er Jahren auf, als die
räumliche Konzentration des Wohnungsbaus auf die Großstädte
ihren Höhepunkt erreichte und die Bevölkerung des Umlandes durch
Land-Stadt-Wanderung regelrecht ‚aufgesaugt‘ wurde”
(Henckel et al 1993, 105). Diese Entwicklung ging einher mit einer
zunehmenden “Vergreisung” der Bevölkerung in den
Abzugsgebieten. Von einer Bevölkerungssuburbanisierung, wie sich in de BRD
durch die gesamte Entwicklung hindurchzieht, kann zu keiner Zeit die Rede sein.
(vgl. Graphiken aus Henckel et al 1993, 374f)
“Besonders gravierend sind die Verluste durch Abwanderung junger
Bevölkerung nach Westdeutschland seit 1989, wovon [...]
überdurchschnittlich stark Leipzig, Dresden, Erfurt und Ost-Berlin
betroffen waren” (Henckel et al 1993, 105). Rund 2,2 Millionen
Menschen zogen in der Zeit von 1989 bis 1991 in den Westen.
- Abschließende Betrachtung und Ausblick: Die Zukunft der deutschen
Stadt
Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR ist die
städtebauliche Geschichte, besonders in den ersten Nachkriegsjahrzehnten,
von den jeweiligen Besatzungssaaten geprägt: “Beide rezipierten
zunehmend die Fortschritte ihrer Schutzmacht” (von Beyme 1987,
340). Sie glaubten, ein grundsätzlich anderes System zu schaffen als die
andere Seite. Vergleicht man einzelne Städte untereinander, so mag diese
auch zutreffend sein (Abbildung 6 zeigt den deutlichen Einfluß der UdSSR
und Abbildung 7 den amerikanischen). “Dennoch bleibt erstaunlich, wie ganz
unterschiedliche politische Zielsetzungen und wirtschaftliche Randbedingungen
noch so viele Ähnlichkeiten in der Städtebaupolitik zulassen, wie sie
zwischen den beiden deutschen Staaten bestehen” (von Beyme 1987,
339).
Für iskussionsstoff unter bundesdeutschen Politikern sorgen aktuelle
Stadtentwicklungstendenzen. Am Beispiel “Neue Mitte” in Oberhausen
zeigt sich die zunehmenden “Amerikanisierung” (Guratzsch
1997) in Architektur und Städtebau. Das äußert sich unter
anderem, so der ehemalige Bundesbauminister Klaus Töpfer, in der weiter
voranschreitenden Suburbanisierung der Bevölkerung: “Danach wohnt das
Gros der Bevölkerung in den meisten Stadtregionen schon nicht mehr in der
Kernstadt, sondern im Umland [...]” (Guratzsch 1997).
Welche Rolle die Innenstadt der Zukunft übernehmen soll, bleibt noch
unklar. Sicher scheint aber zu sein, daß sich auch in der Wirtschaft der
Hang zur Dezentralisierung ausbreitet. “Noch drastischer formulierte es
der Darmstädter Planungsprofessor Thomas Sievers. Die ,fürchterliche
Amerikanisierung‘ der Städte habe längst eingesetzt. Noch vor
100 Jahren hätten Städte eine fünfmal so hohe Sichte gehabt.
Heute jedoch hätten sich städtische Aktivitäten derartig
verdünnt, ,daß man von Städten kaum noch reden
kann‘” (Guratzsch 1997). Wie hat das neue Stadtmodell
auszusehen und wie kann man diesen Entwicklungsprozeß in Gang setzen bzw.
steuern? Das sind die Fragen, die in der aktuellen Planungsdiskussion für
erhitze Gemüter sorgen.
- Literatur
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In: Nagel, F. (Hrsg.): Stadtentwicklung und Stadterneuerung. Mitteilungen
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Träume in Trümmern. Planungen zum Wiederaufbau zerstörter
Städte im Westen Deutschlands 1940-1950, Braunschweig/Wiesbaden.
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- Guratzsch, D. (1997): Die deutschen
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Funktionsänderungen in der Nachkriegszeit. In: Geographische Rundschau 40
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- Henckel, D., Grabow, B., Holbach, B., Usebeck,
H. und H. Niemann (1993): Entwicklungschancen deutscher Städte –
Die Folgen der Vereinigung. Stuttgart/Berlin/Köln.
- Hewitt, K., Nipper, J. und M. Nutz (1993):
Städte nach dem Krieg – Aspekte des Wiederaufbaus in Deutschland. In:
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- Köhl, W. und T. Beck (1996): Stadt
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In: Politik und Zeitgeschichte (Beilage zu: Das Parlament), Ausgabe 46-47/1986,
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Konzepte zur Stadtentwicklung. In: Geographischer Jahresbericht aus
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- Müller-Raemisch, H. (1987): 40 Jahre
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Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (Hrsg.):
Städtebau und Landesplanung im Wandel. Mitteilungen der Deutschen Akademie
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Wirklichkeit des deutschen Wiederaufbaues. Frankfurt.
- Rietdorf, W. und T. Knorr-Siedow (1997):
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- Schöller, P. (1967): Die deutschen
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- Schöller, P. (1986):
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- von Beyme, K. (1987): Der Wiederaufbau.
München.
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