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Aschenbach: Tod in Venedig (1912)
Tod in Venedig (1912)
Werk teils autobiographisch:
- Beschreibung von Aschenbachs Schriften ergibt
fast eine Liste von Manns eigenen Schriften, oder Werken von denen er die
Absicht hatte sie zu schreiben
- Beispiel: Aschenbach hat einmal an wenig
sichtbarer Stelle unmittelbar ausgesprochen, daß “beinahe alles
Große, was dastehe, als ein Trotzdem dastehe, trotz Kummer und Qual,
Armut, Verlassenheit, Körperschwäche, Laster, Leidenschaft, und
tausend Hemmnissen zustande gekommen sei”. Mann gebrauchte selbst einmal
diese Worte in einer Antwort auf eine Zeitungsumfrage auf den Alkohol als
schöpferischen Stimulus
Aussagen:
- Grundaussage Manns Werk: “Kampf”
zwischen Leben (tätsächliches, sinnliches Erleben) und Geist (Ideale,
Kultur), wobei das Leben dominierend ist:
Aschenbach, der
scheinbar über allen Verdacht erhaben in seinem zuchtvollen Dienst an der
Kunst stürzt ab aus der Höhe seiner disziplinierten Tugenden und
zivilisierten Leistungen ins Chaos; er kann sich dem Zudrang des wirklichen
Erlebens nicht erwehren
Aschenbachs Werke sind im klassischen Stil geschrieben, den der Sieger
über den Abgrund verwendet. Mann schreibt den Tod in Venedig auch im
klassischen Stil, jedoch um zu zeigen, wie der Abgrund letztendlich doch
über seinen vermeintlichen Überwinder triumphiert
- Leistungsethik: vgl. Leistungssport ->
Aschenbachs Beispiel ...., aber ohne daß ein Glaube dahintersteht und
stützt
- gleichgeschlechtliche Liebe als allgemeines Thema
Manns
- Form hat zwei Gesichter: ein sittliches und ein
unsittliches: sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich aber und
selbst widersittlich, insofern, als sie von Natur aus eine moralische
Gleichgültigkeit in sich schließt. Somit hat sie auch eine Richtung
in den Abgrund. So können auch die Formen der Kunst nicht sein, ohne
daß sie vom dunkeln Grund aller Schöpferkraft genährt werden.
-> näheres am Ende
zum Werk:
- Richtung: extremer psychologischer Realismus
- im Tod in Venedig gibt es kein Detail, das
überflüssig ist. Jedes ist symbolisch, aber trotzdem wirkt die
Symbolik nicht unrealistisch
- Tod ist stets zugegen, als Richter und
schließlicher Sieger
- Die Gefahr der Formlosigkeit ist nicht nur ein
Thema der Novelle, sondern es wird auch zur Bereicherung der Form
verwendet
- auf den ersten Seiten des Tod in Venedig finden
wir eine Ouvertüre, die das ganze Drama enthält und doch nur der
Anfang der Geschichte ist: Auftritt des Todes (Vagabund, einzelne seiner
Züge kehren immer wieder; sein Aussehen erinnert an das Dürer-Bildnis
von Gevatter Tod) und von Venedig. Der Kampf zwischen dem klassischen Menschen
und dem Chaos tritt das erste Mal auf, als Aschenbach von einer Vision des
Dschungels überkommen wird.
- buckelige, unreine Matrose, der mit grinsender
Höflichkeit den Fahrschein verkauft: personifizierter Zwang, der Aschenbach
treibt
- falscher Jüngling: erzeugt in Aschenbach ein
Gefühl, das seine objektive Entsprechung in Venedig hat: Venedig als die
Hauptstadt des Reichs der Unwirklichkeit, der Taubenschlag der romantischen
Unruhe. Sie ist auch in der neueren deutschen Literatur die Residenz des Eros
Thanatos (Liebestod)
- Tadzio ist eine Überraschung für
Aschenbach, da Aschenbach immer geglaubt hat, die vollkommene Schönheit in
der Kunst zu finden, entdeckt sie jetzt aber in der
Realität
Kampf zwischen Form und Chaos, zwischen Leben und
Geist tritt auf:
vom heiter betrachtendem Geist zur zerstörenden Leidenschaft
zwischen Hexametern und lang ausgedehnten u-Lauten
Tadzio wird später selbst zu einem Todesboten, als er “die
Füße gekreuzt, die rechte Hand in der tragenden Hüfte” -
vgl. Vagabund in München- am Geländer steht, während die Musiker
spielen
Aschenbachs Liebe an Tadzio entspricht der Liebe zu Narziß, einer
Liebe, die zur Niederlage führen muß, da Narziß nur sich selbst
liebt
Aschenbachs Liebe ist der Krankheit verschwistert, sie ist der Rausch des
kranken Lebens, sie entspricht dem Liebestod Aschenbachs in Venedig. Es ist der
pessimistische Rausch der Liebe, die keine Liebe ist, sondern eine erotische
Verstrickung ohne Auflösung, es ist eine hoffnungslose Leidenschaft, nicht
wegen der Verweigerung des Objekts, sondern weil es die Hoffnung nicht gibt.
Enttäuschung gehört zu ihrem Wesen, da ihr nach berauschender Illusion
gelüstet.
Wobei der Wille nach permanentem Abenteuer und Ekstase, nach einem
Glück, das höher ist als die Vernunft und auf ewig währt die
romantische Variation des Themas des Todes ist.
- Venedig: Temperatur steigt von Tag zu Tag, das
Blau des Himmels wird bleifarben, der Scirocco setzt ein und der Geruch nach
Karbol - und somit die Krankheit - breitet sich in den Gassen aus
- musikalischer Clown, als letzte Todesgestalt:
sein Abschiedslied endet in Hohngelächter, das die ganze Hotelgesellschaft
mitzieht. Er ist die Vereinigung aller vorhergegangenen Todesboten mit seinem
hageren, stumpfnäsigem Gesicht, seinem auffälligen Adamsapfel, seinen
bleckenden Zähnen, seinem despotischen Ausdrucks, dem Vagabundentum (alle
Todesboten kommen aus der Fremde), seiner ungewöhnlichen Daseinsform,
seinen Grimassen, seinem Anflug von Laszivität und dem Anreiz, der von ihm
ausgeht, die Regeln der wachsamen Disziplin zu brechen. Dabei kommt bei ihm der
Geruch der Krankheit hinzu sowie zweifelhafte Assoziationen mit der
Musik.
Aschenbach ist sittlich vernichtet:
- seine Häufung von Sinnesfreuden führt
zum Exzeß, sein ästhetisches Vergnügen wird zur Verliebtheit,
die zur Liebe wird, die zur erniedrigenden Selbstpreisgabe führt und im Tod
endet.
- nach einiger Zeit will Aschenbach nicht mehr
zurück: das letzte Aufbegehren seines sittlichen Willens - die Abreise aus
Venedig - mißlingt, und je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr
will er nicht mehr nach Hause, er ist erfüllt von wilden, schwindeligen
Hoffnungen, er hofft auf eine von Tod und Panik verwüstete Stadt, eine von
zwei Überlebenden geteilte Einsamkeit, einen Schrecken von ungeheurer
Süßigkeit. “Tugend und Kunst zählen nichts im Vergleich
mit den Vorteilen des Chaos”
- er ist kosmetisch verjüngt, wie der falsche
Jüngling
- verfolgt hilflos Tadzio
=> Tod in Venedig ist mehr als eine tragische Parodie:
Der Tod in Venedig ist ein Werk der Kunst, in welchem sich eine so radikale
Kritik an der Kunst verkörpert, daß sie ihrer Verwerfung gleichkommt.
Die Kunst wird von vielen moralischen Fragen eingekreist.
Es geht z.B. um den sittlichen Wert oder Unwert der Kunst.
Die Kunst wird auch als ein ästhetischer Nihilismus gedeutet, und auf
die Lebensfremdheit des Künstlers hingewiesen.
Ein Problem der Kunst ist, daß sie das stumme Chaos des Seins den
ordnenden Gesetzen de Geistes unterwerfen möchte. Dies führt zu immer
mehr Vergeistigung und alles stofflich-wirkliche wird hinter sich gelassen. Am
Ende wird selbst der Glaube an die Wirklichkeit abgelehnt, die dann um so
sprachloser ist. Das ist auch der Punkt, an dem Aschenbachs Welt der
Vollkommenheit, des Maßes und der Helligkeit den blinden, unbegrenzten
Mächten unterliegt. So kommt es auch zu Aschenbachs Einsicht, daß es
nur dort, wo es keine Worte gibt, wahres Glück zu finden ist, denn Worte
sind stets matt, kühl, durch Förmlichkeit und bürgerliche
Übereinkunft bestimmt, bedingt und geprägt. Jedes einzelne Wort wird
zur Phrase.
Ästhet: (überfeinerter, schwärmerischer) Freund des
ästhetisch Vollkommenen
Ästhetik: Lehre von den Gesetzen u. Grundlagen des Schönen, bes.
in der Natur und Kunst
Am Beispiel Aschenbachs wird auch gezeigt, daß der Künstler ohne
Gewissen nur ein Ästhet ist.
Für Mann ist die Kunst für Mann nur ein Mittel, sein Leben
ethisch zu füllen.
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Quelle: Erich Heller: “Thomas Mann”, suhrkamp
taschenbuch
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