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Fontane, Theodor: Frau Jenny Treibel
Theodor Fontane «Frau Jenny
Treibel» Kommerzienrat Treibel im Jahre 1888
Herausgearbeitet und Copyright ©1998 by Stefan
Böhnel
Mein Name ist Treibel. Ich bin
Kommerzienrat und wohne seit 16 Jahren in einer modischen Villa(14) in Berlin.
Wo ich zum erstenmal im Roman auftrete, wird einem die Widersprüchlichkeit
in meinem Charakter doch ganz deutlich. Ich möchte euch das einmal
näher beschreiben. Ich sitze also in meinem Zimmer, lese das Berliner
Tageblatt mit der Wochenbeilage Ulk und denke mir, sehr gut... Ausgezeichnet...
Aber ich werde das Blatt doch beiseiteschieben oder mindestens das Deutsche
Tageblatt darüber legen müssen(16). Meine Maxime je freier, je
besser(45) gilt aber nur der Erotik zugewendeten Wege(44), und die gilt
natürlich auch nur bei Abwesenheit der Damen.
Ich bin jovial(18), immer artig,
besonders Frauen gegenüber(88), außerdem zeichne ich mich durch meine
große Höflichkeit und mehr noch durch Herzensgüte aus(116).
Meistens bin ich gut gelaunt(109) und als Frühaufsteher immer gestiefelt
und gespornt und immer in sauberster Toilette(87). Ich nehme mich nicht allzu
ernst, bin aber auch nicht ganz von Eitelkeit frei(110) und achte meist nur auf
das, was mir persönlich Gefällt(110 f.). Um jetzt noch mal auf meinen
Titel zurück zu kommen, der Titel Kommerzienrat bedarf meiner Meinung nach
einer Ergänzung(32). Würde ich nach den Wünschen meines Strebens
gehen, so wäre der Titel eines Kommerzialrates, oder besser der eines
Generalkonsuls(24) für mich wünschenswert. Aber da ich meinen Weg
genau berechnet(32 f.) habe, muß ich sagen, dass dieser Titel mich einfach
besser kleidet.
Wenn ich noch einmal Absichten zu
sprechen kommen, so kann man sagen, wenn ich gewartet hätte,
könnt‘ ich jetzt, in viel besserer Gesellschaft, auf Seiten der
Regierung stehen. In meinen politischen Ambitionen stellt Fontane die
Schwächen des Bürgertums meiner Zeit dar.
Ich bin der Mann, der die Sachen von zwei
Seiten her betrachtet(161). Den Toast, den ich beim Diner ausbringe zeigt, dass
ich mich in der Gastgeberrolle wohl fühle und mich darin mit Sicherheit
bewege. Die Schillerzitate, welche in der damaligen Zeit zum Sprachgebrauch
gehören, habe ich immer parat. Aber beim Sprechen streue ich gerne
französische Brocken ein, auch Wörter lateinischer Herkunft. Dass ich
nicht lüge, zeige ich euch anhand einiger Ausdrücke:
L’appétit vient en mangeant (32) und gutta cavat lapidem.
Nichts desto trotz, kann ich mich auch mühelos anderen Jargons anpassen.
Dies wird deutlich, wenn ich mit den Worten kapitales Weib(42) dem Vogelsang
anschließe. Bei mir kommen natürlich wie bei jedem anderen Menschen
auch derbe Wörter vor. Zum Beispiel Klimperkasten(159) und um es
berlinerisch zu sagen, ihren uns aufgebuckelten Ehrengast(89). So wird der
Wechsel zwischen den verschiedenen Ebenen für mich typisch. Hier aber
verbinde ich die Extreme mit Sprüchen, wie Der eine hat den Beutel, der
andere das Geld(125) oder der Gebrannte scheut das Feuer(115). Ich selbst, und
auch der Autor sehen mich als einen ganz klugen
Kerl(159).
Klett ISBN 3-12-351120-0
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