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Köhlmeier, Michael: Sunrise

Kurzinformation:
Wörter: 3300
Seiten:
Typ: Referat
Sprache: Deutsch
Autor: Unbekannt
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LITERATURPROTOKOLL, GABRIEL MARESCH 7C, IM FEBRUAR 1997
NOCH NICHT KORRIGIERTE UND VON TIPPFEHLERN BEREINIGTE VERSION

MICHAEL KÖHLMEIER


SUNRISE








AUTOR

Biographie

Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hohenems/Vorarlberg geboren. Er genoß eine humanistische Bildung und versuchte sich bald als freier Schriftsteller. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Kinderbücher, Drehbücher und Theaterstücke. Einem breiten Publikum wurde er erstmals durch die Ausstrahlung der Ö1-Rundfunksendungen “Die Klassischen Sagen des Altertums” im Sommer 1995 bekannt. Köhlmeier warf dabei die Idee, Textstellen von einem professionellen Schauspieler vortragen zu lassen, bald über Bord und erzählte statt dessen die Sagen aus dem Stehgreif. Der Erfolg dieser Produktion war so groß, daß die Reihe im nächsten Jahr fortgesetzt wurde. Ebenfalls in der Tradition der Antike steht Köhlmeiers bekanntester Roman, Telemach, der die Geschichte vom Sohn des Odysseus und dessen Gattin Penelope in die Neuzeit verlegt.

Werke

Moderne Zeiten, 1984
Der Peverl Toni und seine Reise durch meinen Kopf, 1984
Die Figur, 1986
Spielplatz der Helden, 1988
Sunrise, 1994
Telemach, 1996

Preise

Johann-Peter-Hebel-Preis, 1988
Manés-Sperber-Preis, 1994

VORLIEGENDES WERK

Inhalt

Während des nächtlichen Versuchs einen Autolenker dazu zu bewegen, die zwei Freunde ein Stück mitzunehmen, beginnt einer der beiden eine Geschichte zu erzählen: Leo Pomerantz, ein heruntergekommener Obdachloser, ist gerade im Begriff den Hollywood-Boulevard zu überqueren, um im Café auf der anderen Seite sein Frühstück einzunehmen. Leo sieht in der Mitte des Boulevards einen Mann, der ihm mit einem glänzenden Gegenstand zuwinkt, den er nicht sogleich erkennen kann. Er geht also auf den Fremden zu, als dieser ausholt und den Gegenstand, eine Sichel nach ihm wirft. Doch der Tod verfehlt sein Ziel. Die Sichel prallt von einem Auto ab und bohrt sich in die Brust der jugendlichen Stripperin Rita Luna. Die junge Frau ist aber nicht bereit diese Ungerechtigkeit hinzunehmen. Schließlich war die Sichel ja für Leo bestimmt gewesen, was dieser auch weiß. So beschließt der Tod jedem der beiden exakt 27 Minuten Zeit zu geben, um zu erklären warum man selbst und nicht der andere am Leben bleiben soll.
Leo beginnt nun seiner Geschichte. Er erzählt, von seiner Mutter, die gestorben ist als er 12 Jahre alt war und von seinem Vater der immer das Programm wechselte, wenn im Fernsehen Familienserien gezeigt wurden. Er spricht von seinem weltmännischen Onkel Leonhard, den er abgöttisch geliebt hat und von dessen Freundin Rosa-Linda, die wie er behauptet seine erste große Liebe gewesen ist. Und er führt mit dem Abstand von 40 Jahren die zwischen heute und damals liegen aus, wie er sich eingebildet hat ihr ein großes Geschenk machen zu müssen, und zu diesem Zweck die heimliche Finanzreserve der Eltern geplündert hat, um eine Handtasche zu kaufen. Leo endet damit, wie seine Eltern Rosa-Linda als Kleptomanin entlarven und sie vor dem mit Diebesgut angefüllten Wagen zur Rede stellen. Nur die Handtasche, die ihr der kleine Leo heimlich ins Gepäck geschmuggelt hat, behält sie. Deshalb, damit er noch weitere solche Momente erleben könne, und weil er ein Ziel habe, mit dem Trinken aufzuhören, dürfe er jetzt noch nicht sterben, appelliert er an den Tod.
Da ist seine Zeit auch schon abgelaufen und es beginnt nun ihrerseits Rita um ihr Leben zu reden. Sie hätte der Tod beinahe schon einmal geholt, obwohl sie auch damals nicht eigentlich an der Reihe gewesen wäre. Als sie in einer Klinik am Broadway auf das Ergebnis ihres Aids-Tests wartet, lernt sie den mexikanischen Schoscho kennen. Er ist am Boden zerstört und droht sich mittels bereitgehaltener Spritze sofort einen goldenen Schuß zu verpassen, sollte er HIV-Positiv sein. Doch beide erhalten einen negativen Bescheid, was der junge Mexikaner geschickt auszunützen weiß. Da Rita und er zur Zeit die einzigen wären, die wirklich hundertprozentig wüßten, daß sie nicht Aids hätten, müßten sie doch logischerweise zusammenbleiben und einander nicht aus den Augen lassen. Die beiden ziehen auch wirklich zusammen, doch droht Schoscho jedesmal, wenn ihm etwas nicht paßt mit Selbstmord. Insgesamt versucht er 12 mal sich zu töten. Rita hält das nicht mehr aus und schneidet sich bei einem erneuten Suizidversuch selbst die Pulsadern auf. Durch unglaubliches Glück aber überleben die beiden. Sie wäre eben noch nicht dran gewesen, weder damals noch heute, schließt Rita ihre Ausführungen.
Auch Richard, der diese Geschichte seinem Freund erzählt hat endet an dieser Stelle. Aber der gespannte Zuhörer läßt sogar eine Mitfahrgelegenheit aus um die Entscheidung des Todes zu erfahren. Richards Einwand die Erzählung wäre nun eben aus, und es könne sich ohnehin jeder selbst aussuchen wie es weitergehe, läßt er nicht gelten. Am liebsten wäre es ihm wenn der Tod den beiden ein Jahr Frist geben würde. Wenn dann keine Lösung gefunden werden sollte, müßten beide sterben. Sollte aber jemand eine Regelung finden, dann müßte eben dieser “Schlaukopf”[1] sterben, um Rita und Leo zu retten. Richard öffnet nun seinen Rucksack und holt eine Sichel heraus, holt aus und trifft seinen Zuhörer.

INTERPRETATION

Stoff und Quellen

Möglicherweise liegt Köhlmeiers Erzählung der Stoff von “Die Brücke von San Luis-Rey”[2] zugrunde. Wenngleich “Sunrise” auch in wesentlichen Punkten abweicht, sind die Parallelen doch unübersehbar. Ein Unglück, ein zufälliges Zusammentreffen dient als Anlaß die Lebensgeschichte einander unbekannter Personen zu erzählen, deren Wege sich erst in jenem besagten Augenblick kreuzten. Obwohl in Thornton Wilders Werk mehr Personen behandelt werden, die Art des Unglücksfalles ein gänzlich anderer ist und die Rückbezüglichkeit, auf die später eingegangen wird, keine bedeutende Rolle spielt, glaube ich doch, daß Köhlmeier beim Schreiben seiner Novelle davon inspiriert worden ist.







Thema

Thema ist die Unmöglichkeit zwei Leben auf die Waagschale zu legen, um zu entscheiden welches lebenswerter sei. Auf ungewöhnliche Weise wird damit das Recht auf Existenz mit Persönlichkeit und der eigenen Lebensgeschichte verwoben.

Motive

Der Tod:

Auf die Eigenschaften des personifizierten Todes wird zwar im Punkt Charaktere eingegangen, dennoch bildet er auch das Leitmotiv. Leo Pomerantz Mutter stirbt, als dieser 12 Jahre alt ist. Dieser Schicksalsschlag bleibt ihm lebenslang in Erinnerung. Beinahe ins Groteske zieht sich das Todesmotiv bei Rita und ihrem Freund Schoscho: nicht weniger als ein Dutzend mal versucht der junge Mann sich umzubringen, und treibt dadurch auch seine Freundin in den Selbstmord. Daß Rita damals überlebt hat, macht sie sozusagen mit dem Tod als Institution bekannt

Die Sichel:

“Sense” und “Sichel” besitzen einen verwandten Wortstamm (segede, sigde) und stammen von derselben Wurzel, nämlich sägen ab. Bereits in der Heiligen Schrift findet sich eine Textstelle, die den Tod mit diesen Begriffen in Verbindung bringt:
“Die Leichen der Leute, / liegen wie Dünger auf dem Feld / wie Garben hinter dem Schnitter; / keiner ist da, der sie sammelt.”[3]
Der Sensenmann[4] bzw. die Sichel als Zeichen des Todes geht auf das Mittelalter zurück, wo der Tod als Knochenmann mit Sense oder Sichel auf Totentanzbildern dargestellt wurde. Ein geistliches Lied des Mittelalters “Es ist ein Schnitter, der heißt Tod” gestaltete dieses Motiv des Totentanzes zum ersten Mal. Im Titel dieses Drucks, der im 17. Jahrhundert erschien, wird der Begriff “Menschenschnitter” synonym mit Tod verwendet.[5]

Wahl des Paris:

Von den Hochzeit der Meeresnymphe Thetis mit dem sterblichen Helden Peleus, wird die Göttin der Zwietracht, Eris, ausgeschlossen. Um sich zu rächen rollt sie einen Apfel mit der Aufschrift “Für die Schönste” in den Festsaal. Peleus, der den Apfel aufhebt, steht nun vor der Schwierigkeit die Schönste Göttin auszuwählen, um ihr den Preis zu überreichen. Da der Göttervater Zeus aber ahnt, daß derjenige, der dieses Wahl treffen muß, Unglück auf sich laden wird, nimmt ihm den Apfel aus der Hand. Nicht der frisch vermählte Bräutigam, sondern ein Hirtenjunge, Paris soll die Wahl treffen.

Ort der Handlung

Hollywood-Boulevard:

Der Boulevard ist sowohl jene Stelle, an der der Tod die Sichel nach Leo Pomerantz wirft, als auch der Platz an dem die Erzählung durch den Tod des Zuhörers ihr unerwartetes Ende nimmt. Messingumrandete Sterne, in die die Namen der Stars eingraviert sind, zieren diese Straße, ziehen aber andererseits auch den Schmutz an. Während Rita und Leo erzählen, setzt sich der Tod auf einen Stern, der rätselhafterweise keinen Namen aufweist. Zu dieser Zeit liegt dichter Nebel über dem verdreckten Boulevard, was dazu führt daß der Leser nicht den Eindruck eines vornehmen, sondern heruntergekommenen Schauplatze erhält.

Fame Café und Starship Trooper:

Der Besuch dieser beiden Lokale ist die einzige Gemeinsamkeit die Rita und Leo haben, bevor sie just im gleichen Augenblick die Straße überqueren. Das Fame Café fungiert als Frühstückslokal, das Starship Trooper als Nachtclub. Während Rita als Stripperin in der Bar arbeitet, hält sich Leo dort meist zum Vergnügen auf. Der häufige Besitzerwechsel dieses und anderer Lokale ist für den Unterstandslosen ein Segen, da keiner der neuen Besitzer weiß, wer bei seinem Vorgänger Lokalverbot gehabt hat, eine Strafe mit der Leo des öfteren belegt worden ist.

Charaktere und deren Konstellation

Leo Pomerantz, vulgo Squeezy:

Er ist ein Unterstandsloser, der sich in der Nähe des Hollywood-Boulevards hinter Ölfässern und Gaskartuschen einen Schlafplatz eingerichtet hat. Sein Alter gibt Köhlmeier mit 52 an. Das ist deshalb wichtig, da Squeezy, sich im Spiegel betrachtend, sich viel älter glaubt. Das ist auch der Grund weshalb er seinen Lebensstil verändern möchte. Sein großes Ziel, das er auch im Gespräch mit dem Tod immer wieder anführt, ist es in einem Jahr auszusehen wie 53 und nicht wie 70. Nach dem frühen Ableben seiner Mutter, verläßt Squeezy die Highschool vorzeitig und betätigt sich als Zimmermann am Strand von Malibu. So ausführlich der Autor einzelne Kindheitserlebnisse dieser Figur beschreibt, so wenig erfährt der Leser jedoch von Squeezies sozialem Abstieg, der ihn zu einem Außenseiter der Gesellschaft macht. Der Tod seiner Mutter prägte den Knaben, wohl aus deswegen weil er bis heute nie dessen den wahren Grund erfahren hat. Sein Vater war für ihn stets ein “Antivorbild”; Onkel Leonhard und dessen Lebensgefährtin dagegen zeigen die Welterfahrenheit und Großzügigkeit die er an seinen Eltern vermißt. Squeezy vermittelt zwar einen ungebildeten Eindruck, doch weiß er mit bruchstückhaften Zitaten (“Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da”[6] ) sein Gegenüber zu verblüffen. Selbst beim Tod versucht er mit Argumenten wie “Der Zufall ist das Höchste, denk an die Griechen”[7] Eindruck zu schinden. Er meint damit, daß es eben Schicksal sei, daß die Sichel ihn verfehlt und die junge Frau getroffen habe. Das sei unabänderlich, denn “es ist zwar ungerecht, aber es steht nirgends geschrieben, daß der Tod eine gerechte Sache ist.”[8] Squeezy möchte um jeden Preis weiterleben und während seiner Erzählung oft in Panik und vergißt, was er eigentlich ins Treffen führen wollte.

Rita Luna:

Sie ist eine noch junge Frau, kaum zwanzig Jahre, die im Striplokal “Starship Trooper” arbeitet. Rita Luna, ihren richtigen Namen erfahren wir nicht, ist eine außerordentlich gute Zuhörerin, die ob ihrer ansprechenden Gestalt von Generaldirektoren und Managern gleichermaßen geliebt wird. Sie trifft die Sichel des Todes nur aus Versehen, deshalb ist sie nicht bereit diese Ungerechtigkeit einfach auf sich sitzen zu lassen. Rita ist überzeugt, “daß es bei einer so gigantischen Sache, wie dem Sterben mit Sicherheit Listen oder so etwas ähnliches gibt.”[9] Obwohl also die Sichel bereits in ihrer Brust steckt gibt sie nicht auf, und pocht, ganz zum Unbill Squeezies, auf ihr Recht. Da Rita überzeugt ist, daß sie noch nicht zu sterben an der Reihe sei beginnt ihre Erzählung viel gelassener als Squeezy, wohl auch deshalb, weil sie dem Tod bereits einmal entgangen ist. Die bedeutendste Rolle in ihrem Leben spielt der achtzehnjährige Mexikaner Schoscho, den sie erst vor kurzem kennen gelernt hat. Im Gegensatz zu ihrem Freund regiert Rita beherrscht, bisweilen sogar stoisch und bringt diesen dadurch gehörig aus der Fassung, wie etwa mit dem Kommentar, sie bringe sich nicht um, sollte sie Aids haben[10] Die wegen jeder Kleinigkeit geäußerten Suizidgedanken ihres Partners bringen, die junge Frau aber dann doch aus der Ruhe. Sie schneidet sich, mehr aus Trotz denn aus Verzweiflung die Pulsadern auf. Rita gewichtigstes Argument am Leben zu bleiben, ist, daß der Tod offensichtlich beim Sichelwurf einen Fehler gemacht hätte. Dennoch verhält sie sich Squeezy gegenüber nicht feindselig, sondern hilft ihm sogar wieder auf die Sprünge als dieser vor lauter Aufregung in seinen Ausführungen steckenbleibt.

Der Dünne alias Richard:

Mit der Personifizierung des Todes greift Köhlmeier auf Elemente eines mystischen Weltbildes zurück. Der Tod, der wohlgemerkt nichts mit einem Teufel in mephistophelischem Sinne und somit einer aufgeklärten christlichen Religion zu tun hat, tritt in zweierlei Gestalt auf. Die wahre Identität des Autostoppers Richard, der wie beiläufig seinem Freund eine Geschichte erzählt, erfährt der Leser erst im letzten Abschnitt der Erzählung. Die Rolle des Todes, oder des Dünnen, wie Richard sich selbst nennt, in eben dieser Geschichte dagegen scheint klar. Die Gestalt des Todes scheint allgegenwärtig und mächtig, obwohl er sich (auch als Richard) einer einfachen, bisweilen saloppen Umgangssprache bedient:
“Der Tod kann doch alle Sprachen. Der kennt dir alle Wörter. Wenn der Tod redet, ist das, wie wenn du das größte Lexikon der Welt aufschlägst”[11]
“Ich stecke mit jedem unter einer Decke. Auch mit dir.”[12]
In der Person des Richard, läßt es sich der Tod nicht nehmen seinem Zuhörer Belehrungen zum Thema Sprache und Sprachgefühl zu erteilen. Köhlmeier nutzt diese Intermezzi beispielsweise, um der eigentlichen Bedeutung von “gleichgültig”[13] auf den Grund zu gehen und neue Wörter wie “Spätstück”[14] einzuführen. Auch erweist sich der Tod als überaus fair. Nicht nur daß er Rita und Leo Gelegenheit gibt ihr Leben zu retten, gibt er doch auch seinem, zugegeben ahnungslosen, Zuhörer noch kurz vor Schluß der Erzählung eine Möglichkeit sich aus der Angelegenheit zu winden, die dieser allerdings ungenützt läßt.

Der Zuhörer:

Von ihm, der sich nichtsahnend die Geschichte seines vermeintlichen Freundes Richard anhört, erfährt der Leser am wenigsten. Weshalb die beiden zu Autostoppen gezwungen sind, bleibt ebenso unerwähnt, wie eine Erklärung, wie sich er und Richard, der ja niemand geringerer als der Tod ist, überhaupt kennengelernt haben. Bemerkenswert ist jene Textstelle, an der er eine Mitfahrgelegenheit ausläßt, um den Ausgang der Geschichte zu erfahren. Als diese jedoch mit den Worten “Ich kann mich nicht entscheiden, wen von euch beiden ich mitnehmen soll, das sagte der Tod”[15] endet, erfindet er aus lauter Enttäuschung darüber einen eigenen Schluß. Daß er mit der Einführung der Person des “Schlaukopfes”, die eine Lösung für dieses Problem parat hat, sein eigenes Todesurteil ahnen er und der Leser nicht. Die Konsequenzen die sich daraus ergeben, finden im Abschnitt Rückbezüglichkeit Erwähnung

Form und Aufbau der Erzählung

Köhlmeier führt in “Sunrise” zwei, voneinander deutlich abgehobene, Erzählebenen ein, deren Aufbau weitgehend symmetrisch erfolgt. Ausgangspunkt der Handlung, ist der Hollywood-Boulevard, wo die beiden Freunde nach einer Mitfahrgelegenheit Ausschau halten und dabei abwechselnd die wenigen, vorbeifahrenden Autos zum Anhalten bringen wollen. Eine Ebene (in weiterer Folge kurz α genannt) bildet also das Gespräch zwischen Richard und dem Zuhörer, während sich der Inhalt dieser Geschichte von “Leo Pomerantz, Rita Luna und dem Dünnen”[16] auf einer zweiten Stufe (kurz β) abspielt. Richards Erzählung wird regelmäßig unterbrochen. Ein Wechsel der Ebenen findet nämlich immer genau dann statt, wenn ein Auto die beiden Freunde passiert. Diese Pausen nützt der Autor, um kurze Dialoge zwischen Richard und dem Zuhörer dazwischenzuschieben.


α-Ebene β-Ebene (Hauptteil) α-Ebene
Läßt man diese kurzen Unterbrechungen außer acht, erhält man vom Aufbau der Erzählung folgendes Bild: Am Beginn steht eine kurzen Einleitung in α, die nur dazu dient einen kurzen Einblick in die vermeintliche Situation zu geben und den Schauplatz zu verdeutlichen.[17]. Was folgt ist der Hauptteil in β, der sich in zwei Hälften gliedern läßt. Eine davon ist die Lebensgeschichte des Leo Pomerantz, die zweite, die der Rita Luna.[18] Dem Ende der Erzählung geht dann wieder ein Übergang nach α voran[19]. Erst dann stellt sich heraus, daß die eigentliche Handlung, die sich mit drei Sätzen zusammenfassen ließe, in der scheinbar unbedeutenden α-Ebene zu finden ist. Doch da das dem Leser erst im letzten Absatz klar werden kann, ist die Bezeichnung der β-Ebene als Hauptteil durchaus berechtigt.

Konflikte und deren Lösung

Köhlmeier bedient sich eines Kunstgriffs, um den Hauptkonflikt entstehen zu lassen. Daß der Tod sein Ziel verfehlt hat und statt des Obdachlosen Squeezy die junge Rita getroffen hat, mag Schicksal sein. Der eigentliche Konflikt entsteht erst dadurch, daß sich die junge Frau wehrt und diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen will. Die Lösung des Problems, wer von den beiden nun sterben müsse, macht das Bemerkenswerte dieser Erzählung aus. Der Erzähler der Geschichte weiß nämlich darauf selbst keine Antwort, sondern läßt seinen Zuhörer einen Schluß finden. Es kommen dabei nur vier Möglichkeiten in Betracht:
  1. Der Tod nimmt Rita mit
  2. Der Tod nimmt Squeezy mit
  3. Der Tod verschont die beiden
  4. Der Tod läßt alle zwei sterben[20]
Die Lösung des Konflikts findet dann in der Form statt, daß sich ein kluger Kopf finden soll, der eine Idee hat, um das Problem zu entschärfen. So geschieht es auch. Daß aber dieser “Schlaukopf” der Zuhörer ist, ahnt weder er, noch der aufmerksame Leser.

Die Rückbezüglichkeit in “Sunrise”

Es erscheint mit angebracht diesen Punkt einzuführen, um die außergewöhnliche Art der Konfliktlösung im vorliegenden Werken näher zu erläutern. Der Grundgedanken des Phänomens Rückbezüglichkeit ist eine Umkehrung des Modells von Ursache und Wirkung. Was entsteht, wenn ein Ergebnis (aus der Zukunft) Einfluß auf die Gegenwart hat, nennt man eine selbsterfüllende Prophezeiung:
“Dieser Mechanismus ist jedem Spekulanten an der Börse wohlbekannt. Wenn eine so weitverbreitete Zeitung wie das Wall Street Journal ein positives Urteil über die zu erwartenden Profite einer bestimmten Gesellschaft veröffentlicht, geht der Preis der Aktie noch am selben Tag hinauf - [...] und zwar nur, weil die Prognose gemacht wurde und nun viele Leute glauben, daß viele Leute glauben, der Preis der Aktien werde steigen, und sie daher kaufen - worauf der Preis der Aktien steigt. Damit aber wird der Zeitungsartikel zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.”[21]
Im vorliegenden Fall muß der Tod ja Kenntnis davon gehabt haben, daß der Zuhörer eine Lösung für sein Problem haben würde. Sonst hätte er sich wohl kaum zu seinem Freund Richard gemacht und ihm während des Wartens die besagte Geschichte erzählt. Die Lösung Konflikts entsteht also gewissermaßen schon als es auftritt, nur weiß der Tod noch nicht genau wie diese aussehen soll. Eine herkömmliche Kausalkonstruktion kann außerdem auch nicht erklären, warum der Tod Rita und Leo eine Jahresfrist gegeben hat, wenn der Zuhörer diese Idee erst nach jenem Morgen, an dem die beiden um ihr Leben geredet haben, ins Spiel bringt. Der Zuhörer scheint durch die Beendigung der Erzählung die Realität erst zu konstruieren, was die Interpretation neuerlich erschwert. Es finden sich in Köhlmeiers Erzählung also sowohl Elemente des Determinismus (der Tod wußte bereits von der Lösung des Problems) als auch des Konstruktivismus (die Realität muß erst erfunden werden), was auffällig einem bekannten Paradoxon gleicht.[22]

Wirkung und Wertung

Der außergewöhnliche Schluß in Köhlmeiers Erzählung stößt vielleicht manchen Leser vor den Kopf. Doch setzt der Autor das Stilmittel der Rückbezüglichkeit gekonnt ein, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Durch den unvermittelten Schluß gewinnt “Sunrise” enorm an Wirkung. Die absichtlich oberflächliche und dem Umfeld der Personen angepaßte Sprache, der sich der Autor bedient, läßt, wohl auch deswegen weil Köhlmeier mit Schimpfwörtern und derben Ausdrücken nicht spart, anfangs gar nicht die tatsächliche Tiefe des Werks erahnen. Auch ich muß gestehen, daß mich aufgrund des Zeitdrucks eher der geringe Umfang als die Rezension der Süddeutschen Zeitung (“Ein novellistisches Glanzstück”) dazu bewogen hat, Köhlmeiers Erzählung zum Gegenstand meines Literaturprotokolls zu wählen. Doch nach Lektüre und eingehenderer Beschäftigung mit dem Werk, offenbart sich immer mehr die große schriftstellerische Leistung, die ihm zugrunde liegt. So kann ich denn auch “Sunrise” nur weiterempfehlen und rate jedem, sich die zwei bis drei Stunden Zeit zu nehmen, die man zum Lesen desselben benötigt.

VERWENDETE LITERATUR

Primärliteratur

  1. Michael Köhlmeier, Sunrise
    Fischer Taschenbuchverlag
  2. Thornton Wilder, Die Brücke von San Luis Rey
    Fischer Taschenbuchverlag

Sekundärliteratur

  1. Etymologisches Lexikon
  2. Brockhaus Lexikon
  3. Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit
    Serie Piper
  4. Horst Glasenfeld, Einführung in den Konstruktivismus
    Beiträge zum Konstruktivismus, Serie Piper


[1] Zitat S.72
[2] Siehe Literaturhinweis
[3] AT Jeremia 9,21
[4] gleichbedeutend mit “Schnitter”
[5] Etymologisches Lexikon, Schlagwort “Sensenmann”
[6] griech.: “Ουτοι συνεχθειν αλλα συμιλειν ευν" Sophokles, Antigone 516
[7] Zitat S.19
[8] Zitat S.18
[9] Zitat S.19
[10] Zitat S.54
[11] Zitat S.23
[12] Zitat S.46
[13] im Sinne von äquivalent, gleich an Wert
[14] im Sinne von letzte Mahlzeit des Tages
[15] Zitat S.68
[16] Zitat S.7
[17] in der Dramatik entspräche dieser Abschnitt der Exposition
[18] die kurzen Intermezzi in a sind dabei wie gesagt unerheblich
[19] mit der Katastrophe in der Dramatik vergleichbar
[20] sinngemäß S.70
[21] gemäß den Theorien Paul Watzlawicks
[22] Das Newcomb-Paradoxon geht davon aus, daß ihnen ein Wesen, das die Fähigkeit besitzt ihre Handlungen vorherzusehen vor die Wahl steht. Es zeigt ihnen zwei Kästchen, in denen im ersten eine geringere Summe aufbewahrt ist, im zweiten aber entweder eine sehr hohe oder gar nichts. Es erklärt, daß wenn sie nur Kästchen 2 öffnen, der Inhalt die versprochene Summe sein wird und sie diese behalten dürfen. Wenn sie aber beide Kästchen öffnen, wird das zweite leer sein und ihnen nur die geringere Summe bleiben. Das Wesen macht nun stillschweigend seine Voraussage. Sie sollen nun so entscheiden, daß sie den größten Gewinn machen.










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