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Tirol und Südtirol
Anna Wittwer & Jan Philipp Amos
(jan.philipp.amos@hamburg.netsurf.de)
Erdkunde 11. Klasse
1. Geographische Lage Tirols und
Südtirols
Tirol ist ein Bundesland von Österreich.
Die Hauptstadt von Tirol ist Innsbruck, und liegt ca 20 km von der deutschen
Grenze entfernt. In Tirol befindet sich ein alpiner Höhenzug in
west-östlicher Richtung, der das nörliche und südliche
Flußgebiet Tirols teilt. Nach Norden fließt der Inn und nach
Süden die Etsch. Der Brenner ist mit 1.370 m Höhe der niedrigste
Übergang über die Hauptkette der Alpen und die kürzeste
Verbindung von München über Innsbruck nach Italien. Südtirol
besteht aus zwei Teilen, Trentino-Südirol und dem nördlichen Teil
Südtirols. Die wichtigsten Städte südlich des Brenners sind Bozen
und Trient. Politisch liegt Südtirol im Einflußbereich von
Österreich und Italien, indirekt durch die deutsche Sprache und die
frühe Besiedlung durch die Bayern auch im Einflußberich Deutschlands.
Die Besiedlung des Gebiets südlich des Brenners durch Italiener,
Österreicher und Deutschen hat in der Geschichte Südtirols zahlreiche
heftige Konflikte ausgelöst.
2. Die Geschichte von
Südtirol
Anmerkung: Wenn im Folgenden von "Deutschen"
oder "Deutschsprachigen" gesprochen wird, ist damit immer die
österreichische und die ladinische Bevölkerung
gemeint.
In Südtirol leben drei
verschiedensprachige Gruppen. Die Italiener (italienischsprachig), die
Österreicher (deutschsprachig) und die Ladiner (ladinischsprachig). Die
Ladiner gelten als "Reste" einer keltischen Urbevölkerung in
Südtirol.
Südtirol ist heute eine autonome Region
Italiens und wird Trentino-Tiroler-Etschland bzw. auf italienisch
Trentino-Alto-Adige genannt. Bei uns wird die Region i.d.R. Südtirol
genannt. In der frühen Siedlungsgeschichte der Alpenregion wird das heutige
Südtirol von den Römern und später von den Bayern bewohnt. Die
heutigen Konflikte führen auf zahlreiche Eroberungen und Teilungen in den
vergangenen tausend Jahren zurück. Erst 1814 wurde Tirol geeint und ein
Teil von Österreich. Durch den starken Einfluß Italiens im
südlichen Teil von Tirol erhob Italien im Jahre 1866 das erste Mal
Ansprüche auf die Region Südtirol. Der Gebietsanspruch blieb jedoch
erfolglos.
48 Jahre später begann der 1. Weltkrieg
und Italien schloß mit Deutschland und seinen Verbündeten ein
Neutralitätsabkommen ab, in welchem sich Italien zur Neutralität im
Krieg bekannte.
Bereits ein Jahr später wurde dieses
Abkommen wieder gebrochen. 1915 wurde in London der "Londoner Geheimvertrag"
aufgesetzt, in dem Italien den Alliierten militärische Unterstützung
zusicherte. Im Gegenzug gingen die Alliierten auf Italiens erneute Forderung
nach Südtirol ein und sicherten der italienischen Führung vertraglich
die Einverleibung Südtirols von Italien zu, für den Fall daß die
Alliierten den Krieg gewinnen.
Im Jahr 1918 gewannen die alliierten
Mächte den 1. Weltkrieg und 1919 wurde in einem kleinen Pariser Vorort der
Friedensvertrag von St. Germain en Laye aufgesetzt. In diesem Vertrag wurde die
Abtretung Südtirols von Österreich an Italien
festgelegt.
Italien, das nun sein Ziel erreicht hatte,
begann unter der Herrschaft von Mussolini im italienischen Faschismus
Südtirol verstärkt zu "italienisieren". Mussolini baute mit seiner
Italienisierungswelle auf das Werk Ettore Tolomeis auf, welcher seit jeher
für das italienische Südtirol propagiert und gekämpft hatte.
Tolomei vertrat die Meinung, die Brennergrenze sei die natürliche Grenze
Italiens. Südlich von ihr handle es sich nicht mehr um deutsches
Kulturgebiet. Dieser "Fakt" sollte den italienischen Ursprung des Bodens und den
Anspruch Italiens auf Südtirol bestätigen. Verstärkt wurden
italienische Ansiedler nach Südtirol gebracht und die deutsche Sprache in
dieser Region wurde unterdrückt. Wie aus der Tabelle im Anhang zu ersehen
ist, stieg die Zahl der italienischen Bürger in Südtirol in wenigen
Jahren um 200% an.
Durch den Einmarsch der deutschen Truppen am
12.3.1938 in Österreich wurde gewaltsam der Anschluß Österreichs
an Deutschland vollzogen. Am 10.4.1938 ließ Hitler durch Volksabstimmung
den Anschluß billigen, der bald darauf auch völkerrechtlich anerkannt
wurde. 1939 wurde zwischen Deutschland und Italien der Umsiedlungsvertrag
abgeschlossen. Die deutschsprachigen Südtiroler wurden vor die Wahl der
italienischen oder der deutschen Staatsangehörigkeit gestellt. 86% der
Wähler wählten den deutschen Staat und wurden ins deutsche Reich
ausgesiedelt. Italienische Staatsbürger rückten statt dessen nach
Südtirol nach. So war nach damaligen Maßstäben beiden
Staatsoberhäuptern gedient: Mussolini "italienisierte" erfolgreich das
südtiroler Gebiet und Hitler bekam neue deutsche Staatsbürger für
seine Armee.
1943 wurde Südtirol nach der
Verbündung von Italien und dem deutschen Reich unter die Leitung eines
deutschen Gauleiters gestellt und damit inoffiziell von Deutschland einverleibt.
Die Umsiedlung der deutschsprachigen Südtiroler wurde unterbrochen. Bis
1943 wurden 75.000 Menschen umgesiedelt.
1945 endete der 2. Weltkrieg mit dem Sieg der
alliierten Mächte. Das italienische Südtirol wurde von Österreich
zurückgefordert, doch die Alliierten lehnten diesen Antrag ab.
Südtirol blieb italienisch.
Der Südtiroler Bevölkerung, die im
unklaren über ihre Region lebte, wurde 1946 im Gruber-de-Gasperi Abkommen
Gleichberechtigung gegenüber den italienischen Staatsbürgern,
kulturelle, d.h. insbesondere die Wiederzulassung der deutschen Sprache, und
administrative Autonomie und wirtschaftliche Förderung zugesichert. Das
Abkommen wurde jedoch nur ungenügend erfüllt.
Es fand Aufnahme in den Friedensvertrag vom
10.2.1947, aus dem heraus ein Autonomiestatut für die Region gebildet
wurde. Dieses Statut schuf einen Regionallandtag aus 48 Mitgliedern, in dem die
italienischen Parteien die Mehrheit besaßen. Da durch das Autonomiestatut
alle wesentlichen Angelegenheiten bei der Region liegen, entscheidet somit
über alle wichtigen Angelegenheiten die italienische Mehrheit. Die Art der
Durchführung hat in der Folgezeit zu scharfen Protesten durch die
Südtiroler Volkspartei geführt, die die politische Vertretung des
größten Teils der deutschsprachigen Bevölkerung
ist.
Zwischen den Jahren 1956 und 1960 gab es viele
gescheiterte Verhandlungen zwischen Italien und Österreich. Zahlreiche
österreichische Proteste gegen das italienische Südtirol wurden laut.
1960 griffen die Vereinten Nationen ein. In
der UN-Vollversammlung wurde beiden Ländern auferlegt, die
Südtirolfrage auf dem Verhandlungswege endlich
beizulegen.
Die von der UNO geforderten Verhandlungen
zogen sich über neun Jahre hinweg bis 1969. Während dieser Zeit wurden
sie einige Male durch Sprengstoffanschläge extremistischer, südtiroler
Gruppierungen gestört.
1969 kamen beide Länder zu einer
Einigung, die den Konflikt offiziell beilegte. Das erweiterte Südtirolpaket
war ausgearbeitet. Es beinhaltete den Sonderstatus der Region Südtirol
durch ein Verfassungsgesetz und gewährte der deutschen und der ladinischen
Bevölkerung weitgehende, auch sprachliche Autonomie. Sowohl das
österreichische Parlament, als auch die SVP (Südtiroler Volkspartei)
und das italienische Parlament erklärten sich mit dem Südtirolpaket
einverstanden
3. Was ist
Selbstbestimmung
Um den Unterschied zwischen Autonomie und
Selbstbestimmung zu klären, muß man etwas genauer auf beide Formen
eingehen. Autonomie herrscht stets in einer Region, in einem Landsrich oder
einem Bezirk, unabhängig von der Herkunft der sich dort befindlichen
Personen. Autonomie kann sich auch nur auf einzelne Aspekte in einer
Gesellschaft beziehen. Innerhalb eines politischen Gebildes bedeutet laut
Lexikon der Begriff autonom "zur selbständigen Gesetzgebung berechtigt".
Auf Südtirol übertragen bedeutet dies, daß alle wichtigen
Angelegenheiten von der Region über die Verabschiedung von Gesetzen und
Vorschriften selbst geregelt werden. Es gelten also eigene regionale Gesetze und
nicht italienische oder österreichische. Diese Gesetze sollten mehrheitlich
auf demokratischem Wege von den Bewohnern der Region erlassen
werden.
Normalerweise deckt sich Selbstbestimmung mit
Autonomie. Beide Begriffe bedeuten, daß die eigenen Angelegenheit selbst
und ohne Eingriffe Anderer geregelt werden können. Im Fall Südtirol
ist es etwas komplizierter, da sich zumindest 2 große Gruppen, die
Italiener und die deutschsprachige Gruppe gegenüberstehen, die für
sich in Anspruch nehmen, selbständig in ihren eigenen Traditionen zu leben.
Selbstbestimmung bezieht sich somit eher auf die kulturellen Eigenarten einer
Volksgruppe, also auf die traditionellen Bräuche und die Sprache. Nach dem
Völkerrecht kann Selbstbestimmung in Südtirol so ausgelegt werden,
daß keine Gruppe der anderen Gruppe ihre Lebensweise streitig macht,
kulturelle Feste untersagt oder gar Andere verfolgt.
4. Der aktuelle Südtiroler Konflikt
(Südtirol und die
Selbstbestimmung)
Die deutschsprachigen Südtiroler, die
"Ur-Südtiroler" sind es, um die sich der Konflikt dreht. Seit dem
Inkrafttreten des Südtirolpaketes 1969 herrschen in Südtirol
Unzufriedenheit mit der aktuellen Lage und vielerlei verschiedene Meinungen
darüber.
Es wäre falsch, zu sagen, daß die
gesamte deutschsprachige Südtiroler Bevölkerung danach strebte, das
Selbstbestimmungsrecht auszuüben, jedoch ist ein großer Teil der
Bevölkerung daran gelegen. Doch die, die statt der Autonomie im
italienischen Staatsverband die Selbstbestimmung wünschen, teilen sich noch
einmal deutlich in zwei Gruppen. Die einen wollen die Rückkehr
Südtirols zu Österreich, die anderen wollen Südtirol als eigenen
Staat. Prozentual sah das Ergebnis einer Umfrage im Jahre 1984 so
aus:
Südtirol zu Österreich:
37%
Eigener Staat Südtirol:
48%
Keine Nennung :
15%
Der Wunsch nach einem eigenen Staat
Südtirol dominiert also über der Rückkehr zu Österreich,
wenn auch beide Meinungen nicht sehr weit
auseinanderliegen.
Doch der Konflikt liegt nicht in dieser
Meinungsverschiedenheit. Er liegt vielmehr an der verhinderten Selbstbestimmung.
Denn es besteht ein Unterschied zwischen dem
Recht auf Selbstbestimmung und der Ausübung dieses Rechtes. Wie Felix
Ermacora das Selbstbestimmungsrecht in seinem Buch über Südtirol
beschreibt ist an dieser Stelle vielleicht angebracht zu
zitieren:
"Selten ist ein Recht so papieren geblieben
wie das Selbstbestimmungsrecht, weil seine Ausübung in kritischer Lage
schwieriger ist, als sich zu ihm zu bekennen." (Felix Ermacora in "Südtirol
- Die verhinderte Selbstbestimmung", S. 78)
Die Südtiroler, die das
Selbstbestimmungsrecht seit ihrer Trennung von Österreich 1919 haben, sind
nie dazu gekommen es auszuüben. Italien, dessen Wunsch es war,
Südtirol innerhalb der italienischen Grenzen zu behalten, hat nie etwas
dafür getan, das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler zu fördern
und auch Österreich hat die südtiroler Bevölkerung nie dazu
ermutigt. Auch den Südtirolern ist ein Teil der Schuld an der verhinderten
Selbstbestimmung zuzuschreiben. Sie haben nicht gekämpft um ihr Recht oder
auf ihren Stimmzetteln ihren Wunsch nach Selbstbestimmung deutlich gemacht. Die
Selbstbestimmung in Südtirol gab es also noch nie, sie wird aber gefordert
von den südtiroler Bürgern.
Eine Lösung des Konflikes zwischen
Südtirol, Italien und Österreich ist heute noch nicht
abzusehen.
5. Zusammenfassung und
Stellungnahme
Südtirol hat sich seit der Trennung von
Österreich 1919 ständig gewandelt und verändert. Immer wurde um
das kleine, unscheinbare Stück Land gekämpft. Der ständige
Wechsel der Fronten und die Uneinigkeit innerhalb der Bevölkerung
führten dazu, daß sich der Konflikt über so lange Zeit hinzog
und immer noch hinzieht.
Ein Ende ist bis heute nicht gefunden, obwohl
sich die drei betroffenen Länder offiziell geinigt haben. Trotz des
Südtirolpakets, welches von allen drei Parteien angenommen wurde, ist keine
Einigung erzielt worden. Den Südtirolern geht es um die Selbstbestimmung,
die sie nicht bekommen konnten und die auch jetzt nicht in Aussicht ist.
Am Beispiel Südtirol ist zu sehen, was
aus einer Region werden kann, wenn sich Großmächte uneinig sind, was
mit ihr passieren soll. Es wird wenig Rücksicht genommen und oft vergessen,
daß in dem Landstück, das in Zahlen und Prozenten auf dem Papier
festgehalten wird Menschen leben. In erster Linie sollte auf die Menschen und
ihre Wünsche eingegangen werden. Es ist falsch nicht darüber
nachzudenken, ob es den Bewohnern der Region recht ist, hin- und her geschoben
zu werden, wenn einfach über die Köpfe der Einwohner hinweg
Verträge von Supermächten oder Kriegsgewinnern gemacht werden. Wenn
die Südtiroler die Selbstbestimmung wollen, dann sollten die verwickelten
Parteien und Länder dem nicht länger im Wege stehen.
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