|
Du bist hier: Referate Datenbank | Erdkunde
| Varianzanalyse in der Marktforschung
Varianzanalyse in der Marktforschung
Prof. Dr. G. Silberer
vorgelegt von: Volker Riffert
durch Frau v. Werder Gutenbergstraße
2/11
SS 1995 37075 Göttingen
Seminar: Tel. 05 51/48 50 08
“Multivariate Verfahren in der
Marktforschung” 6. April 1995
Varianzanalyse in der
Marktforschung
1 Einleitung
Die Varianzanalyse ist eines der am häufigsten
verwendeten statistischen Verfahren bei der Auswertung von Experimenten.
Gründe dafür sind u.a. die leichte Verständlichkeit und die
einfache Handhabung des Verfahrens. Werden mehr als zwei abhängige
Variablen gleichzeitig betrachtet, spricht man von multivariater Varianzanalyse
(MANOVA) - ein Fall, der wegen schwieriger Handhabung durch enormen
Rechenaufwand selten vorkommt (vgl. Hüttner 1989 S.199). Bei der
Kovarianzanalyse (ANCOVA) wird versucht, den Einfluß einer oder mehrerer
unabhängiger Variablen auf die abhängige Variable zu eliminieren. So
hat Lindner (1964) bei einer Untersuchung von Schnittzeiten verschiedener
Sägeblätter versucht, Bäume verschiedener Durchmesser
vergleichbar zu machen, indem er deren Durchmesser als Kovariable betrachtete.
Im Folgenden werden auf die Zielsetzung und den Einsatz der Varianzanalyse im
Marketing eingegangen und anhand eines Beispieles Verwendungsmöglichkeiten
demonstriert. Dabei werden jedoch ausschließlich Beispiele der univariaten
Varianzanalyse (ANOVA)
herangezogen.
2 Grundlagen und allgemeine Zielsetzung der Varianzanalyse
Das Ziel der Varianzanalyse ist es zu erklären,
inwiefern bestimmte unabhängige Variablen für die Abweichungen der
einzelnen Werte der metrisch skalierten abhängigen Variable von ihrem
Mittelwert verantwortlich sind. Dabei wird versucht, die Varianz in einen
systematischen, durch den Einfluß der unabhängigen Variablen
erklärbaren Teil und einen nicht erklärbaren Teil zu zerlegen. Die
Prüfgröße zur Wirkung eines Faktors (F-Wert) errechnet sich aus
dem Quotienten von systematischer Varianz und Rest Varianz (vgl.
Cozby 1981 S.72), ist Fisher´s F verteilt und kann mit einem Tabellenwert
verglichen werden. Je größer der F-Wert ist, je höher ist die
Wahrscheinlichkeit, daß die unabhängige die abhängige Variable
tatsächlich beeinflußt. Durch moderne Statistikprogramme wird der
P-Wert errechnet. Er gibt das Niveau an, ab welchem die Nullhypothese
(Gleichheit der Mittelwerte) verworfen würde. Im allgemeinen wird bei allen
Variablen Normalverteilung und Unabhängigkeit
vorausgesetzt.
3 Einsatz der Varianzanalyse im Marketing
Durch den Vergleich verschiedener Gruppen eignet sich
die Varianzanalyse besonders zur Auswertung von Experimenten. “Im
Marketing werden Varianzanalysen hauptsächlich zur Überprüfung
der Wirkung von Marketing-Maßnahmen auf marktbezogene
Erfolgsgrößen eingesetzt.” (Nieschlag et al. 1985 S. 743) Die
gefundenen Ergebnisse können dann zur Vorhersage von Ereignissen und zum
gezielten Gebrauch effizienter Marketinginstrumente eingesetzt werden.
Mögliche Fragestellungen für die Verwendung der Varianzanalyse im
Marketing sind z. B. ob Verpackung und
Warenplazierung eines Produktes Einfluß auf den Absatz haben (Backhaus et
al.1994 S.
66-75)
oder welche Wirkung
Tonart und Tempo von Musik auf die Reaktion von Konsumenten haben (Kellaris,
Kent 1991 S.243-248)? Im
Folgenden wird anhand einer Zusammenfassung des letztgenannten Beispiels der
Gebrauch der Varianzanalyse demonstriert.
4 Beispiel: Untersuchung der Wirkung von Tonart und Tempo von Musik auf die
Reaktion von
Konsumenten
4.1 Allgemeines
Musik wird im Marketing in verschiedenen Situationen als
Kommunika-tionsmittel verwendet (Werbespot, Hintergrundmusik im Supermarkt,
etc.). Sie besteht aus mehreren Strukturelementen wie z.B. Tempo, Klangfarbe und
Klanghöhe. Bisherige Untersuchungen haben die An- oder Abwesenheit bzw. die
Wirkung von angenehmer und unangenehmer Musik erforscht. Schon in früheren
Studien wurde festgestellt, daß das Tempo der Musik eine wesentliche
Bedeutung für die Empfindungen der Hörer hat. Auch die Tonart übt
einen großen Einfluß auf die Reaktion der Zuhörer aus. Die zwei
häufigsten Tonarten Dur und Moll lösen im allgemeinen positive bzw.
eher negative Gedanken und Gefühle aus. Es gibt außerdem noch viele
atonale Tonarten, jede mit ihrem eigenen Charakter. Einzelne Musikkomponenten
wirken aber nicht nur für sich allein, sondern auch in Wechselwirkung
untereinander. Kürzlich erzielte Fortschritte in elektronischer
Musiktechnologie machen es möglich, einzelne Eigenschaften getrennt zu
verändern und dadurch deren Einfluß auf Konsumenten zu
untersuchen.
4.2 Versuchsdesign und Durchführung
Die Studie besteht aus zwei Experimenten, wobei das
erste darauf gerichtet ist mit Hilfe von durch Computer komponierter Musik, die
Effekte von Tempo und Tonart zu beweisen. Das zweite Experiment versucht die
Gültigkeit der Ergebnisse des ersten für allgemeine Musik zu
überprüfen. Eigens für das erste Experiment wurde eine
vierteilige Fuge im kontrapunktischen Stil des 18.Jahrhunderts komponiert. Es
gab 9 Versionen des Stücks, wobei sie sich durch Tempo (schnell=180
Schläge pro Minute [SPM], moderat=120SPM, langsam=60SPM) und Tonart (Dur,
Moll, atonal) unterschieden. Die Musik wurde mittels digitaler Klangbeispiele
und spezieller Software aufgenommen. Auf diese Weise war es möglich, sie so
zu verändern, daß orthogonale Kombinationen von Tonart und Tempo
entstanden, während alle anderen Eigenschaften konstant blieben. Im ersten
Experiment wurde von 180 Studenten einer Erstsemesterklasse der Universität
von Cincinnati ( Alter von 20-40, Durchschnittsalter 21, 54,2% männlich)
nach dem Hören der Musik über Kopfhörer ein Fragebogen
beantwortet. Dabei sollte nach dem Muster “Die Musik, die ich hörte
war ...” auf einer Skala von 1-7 zu 16 Eigenschaften der Musik Stellung
genommen werden. Die Punkte ‘ansprechend’, ‘schön’,
‘gefällig’ und ‘angenehm’ wurden unter der
Überschrift ‘Gefälligkeit’ (appealingness) und die
Antworten zu ‘aufweckend’, ‘stimulierend’,
‘kraftvoll’, ‘erregend’ und ‘laut’ unter dem
Oberbegriff ‘anregend’ (arousingness) zusammengefaßt. Die
Absicht, die Musik noch einmal zu hören, zu kaufen bzw. einer anderen
vorzuziehen sowie ein vierter Punkt wurden mit dem Stichwort
‘Reaktion’ (behavioral intent) überschrieben. Außerdem
wurden Fragen zu Interesse an Musik, Hörgewohnheiten, demographischen
Angaben, etc. gestellt, sie spielten aber bei der Auswertung keine
Rolle.
Im zweiten Experiment wurde unbekannte, kommerziell
aufgenommene Musik verwendet und in die schon oben genannten 9 Gruppen
eingeteilt. Aufgrund des relativ schwachen Effekts von Tempo auf
‘anregend’ wurden die Faktorstufen in ‘langsam’ =60SPM
und weniger, ‘moderat’ =120 SPM und ‘schnell’ =180SPM
und schneller korrigiert. Während die atonale Tonart im ersten Experiment
an eine Ganztonskala gelehnt war, wurde im zweiten Versuch eine
größere Anzahl atonaler Tonarten verwendet. Am Experiment nahmen 162
Studenten (Alter von 19-35, Durchschnittsalter 21, 53,7% männlich), von
denen keiner am ersten Versuch beteiligt war, teil. Jedem Teilnehmer wurden je 3
Minuten ein unbekanntes klassisches Orchesterstück, ein indisches
Ragastück und ein chinesisches Stück vorgespielt. Bei der Auswahl der
Komponisten, Instrumente, etc. wurde versucht, möglichst neutral zu
bleiben. Das Ziel war zu überprüfen, ob die bei der
“sauberen”, durch Computer produzierten Musik gefundenen
Sachverhalte auch in natürlicher Musik wiedergefunden werden
konnten.
4.3 Ergebnisse und Schlußfolgerungen
Tabelle 1
|
Haupteffekte
|
Wechselwirkung
|
|
abhängige Variable
|
Tempo
F-Wert P-Wert
|
Tonart
F-Wert P-Wert
|
Tempo -Tonart
F-Wert P-Wert
|
|
Gefälligkeit
anregend
Reaktion
|
9,02 0,0005
2,73 0,068
5,16 0,007
|
36,85 0,0005
2,1 0,12
8,71 0,0005
|
3,00 0,02
0,63 nicht signifikant
1,71 0,15
|
Überblick der Ergebnisse des 1.
Experiments
Quelle: Kellaris, Kent 1991
S.245
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Wirkung von Tempo auf die
‘Gefälligkeit’ der
Musik
Quelle: Kellaris, Kent 1991
S.245
Die Ergebnisse von Experiment 1 lassen sich aus Tabelle
1 und Diagramm 1 ablesen. So wurden signifikante Effekte und eine Wechselwirkung
von Tempo und Tonart auf die Variable ‘Gefälligkeit’
festgestellt. Im allgemeinen wurde Dur ansprechender als Moll und atonal
eingeschätzt. Während sich Musik in Dur bei moderatem Tempo
größter Beliebtheit erfreute, nahm diese bei atonaler und Moll Musik
mit dem Tempo zu. Die Varianzanalyse ergab für die Wirkung von Tempo auf
die Eigenschaft ‘anregend’ nur einen P-Wert von 0,068. Dieser
höher erwartete Wert könnte an den relativ dicht beieinanderliegenden
Tempi liegen und würde unter anderen Versuchsbedingungen vielleicht anders
ausfallen. Die Analyse der Reaktionen ergab einen signifikanten Effekt von Tempo
und Tonart sowie eine marginale Wechselwirkung mit einem P-Wert von 0,15.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Tonart Dur einen allgemein
positiven Einfluß auf Gefühle und Absichten ausübt, während
Moll dieselbe Stufe erst bei höherem Tempo erreicht. Atonale Musik wirkt
hingegen allgemein weniger positiv auf den Hörer.
Tabelle 2
|
Haupteffekte
|
Wechselwirkung
|
|
abhängige Variable
|
Tempo
F-Wert P-Wert
|
Tonart
F-Wert P-Wert
|
Tempo -Tonart
F-Wert P-Wert
|
|
Gefälligkeit
anregend
Reaktion
|
2,72 0,069
22,09 0,0005
3,19 0,044
|
2,18 0,12
2,97 0,05
3,99 0,021
|
1,94 0,106
1,14 nicht signifikant
2,01 0,095
|
Überblick der Ergebnisse des 2.
Experiments
Quelle: Kellaris, Kent 1991
S.247
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
Wirkung von Tempo auf die
‘Gefälligkeit’ der Musik
Quelle: Kellaris, Kent 1991
S.247
Die Ergebnisse des zweiten Experiments bezüglich
der ‘Gefälligkeit’ der Musik ähneln denen vom ersten,
jedoch sind die Effekte schwächer. Das Diagramm 2 zeigt auch hier eine
U-Kurve für Dur im Verhältnis zum Tempo. Die Effekte von Tempo und
Tonart auf den Grad der Anregung sind signifikant und bedeutend stärker als
beim ersten Experiment, eine Wechselwirkung konnte aber auch hier nicht
festgestellt werden. Der Effekt von Tempo war positiv, d.h. schnelle Musik wurde
animierender eingeschätzt. Während Dur in beiden Experimenten als am
wenigsten anregend galt, erschien im 2. Experiment Musik in Moll stimulierender
als atonale Musik. Für ‘Reaktion’ wurden signifikante Effekte
von Tempo und Tonart, aber nur eine schwache Wechselwirkung festgestellt. Die
Ergebnisse waren mit denen des ersten Experiments konsistent, langsames Tempo
und atonale Tonart ergaben die am wenigsten positiven Reaktionen.
4.2 Zusammenfassung und Kritik
Die Studie ergab, daß die Effekte von Tempo und
Tonart trotz unterschiedlicher Musik ähnlich waren. So wurde gezeigt,
daß Tempo positiv auf die Einschätzung von ‘Anregung’ und
‘Reaktion’ wirkt. Auch die Tonart beeinflußt beide
Eigenschaften, wobei atonale Tonarten am negativsten auf die
‘Reaktion’ wirken. Tempo und Tonart wirken interaktiv auf die
Gefälligkeit der Musik und teilweise auch auf die Reaktionen der
Hörer.
Kritikpunkte, welche die Allgemeingültigkeit
eventuell einschränken, sind u.a., daß die untersuchte instrumentale
Musik ausschließlich aus klassischen Quellen stammte. Daher könnte
das Gefundene eher auf klassische als auf kommerzielle Musik zutreffen.
Außerdem war die Zeit des Musikhörens (3 Minuten) relativ kurz. Es
könnten sich bei längeren Zeiträumen andere Ergebnisse zeigen.
Die Auswahl der Testpersonen hat den Vorteil der statistischen Homogenität,
verliert aber an Allgemeingültigkeit. Studenten hören im allgemeinen
öfter Musik als Erwachsene, und ihr Geschmack geht eher in die Rock/Pop
Richtung (68,5% gaben das
an).
5 Zusammenfassung
Die Varianzanalyse eignet sich besonders zur Auswertung
von Experimenten. Dabei muß die abhängige Variable metrisch skaliert
sein. Das Beispiel demonstrierte die Anwendung im Marketing. Dabei zeigte sich
die Varianzanalyse als geeignetes Werkzeug zur Untersuchung der Dependenz von
Variablen. Es wurde außerdem deutlich, daß wie bei allen
statistischen Verfahren größte Sorgfalt auf die Einschränkung
der Allgemeingültigkeit und die Interpretation der Ergebnisse gelegt werden
muß.
6 Literaturverzeichnis
BACKHAUS, K., ERICHSON, B., PLINKE, W., WEIBER, R.
(1994). Multivariate Analysemethoden. Eine anwendungsorientierte
Einführung, 7. Auflage, Berlin, Heidelberg, New York, etc. :
Springer-Verlag
COZBY, P.C. (1981). Methods in Behavioral
Research, 2. Auflage, Fullerton: Mayfield Publishing
Company
HüTTNER, M. (1989). Grundzüge der
Marktforschung, 4. Auflage, Berlin, New York : de Gruyter
KELLARIS, J., KENT, R.J. (1991). Exploring Tempo and
Modality Effects, On Consumer Responses to Music, in: Advances in Consumer
Research, Volume 18 (1991)
LINDNER, A. (1964). Statistische Methoden für
Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure, Basel :
Birkhäuser
NIESCHLAG, R., DICHTL, E., HöRSCHGEN, H. (1985).
Marketing, 14. Auflage, Berlin : Duncker & Humblot
|