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Clemens Brentano (1778-1842)
Clemens Brentano -
Leben und Werk
1. Biographie - zum Leben Clemens Brentanos
Clemens Brentano wurde am 9. September 1778 als Clemens Maria
Wenzeslaus Brentano in Ehrenbreitstein bei Koblenz im Hause seiner
Großmutter Sophie La Roche geboren. Da der katholische Feiertag
“Mariä Geburt” auf den 8. September - einen Tag vor seinem
Geburtstag - fällt, gab er später diesen Tag als seinen Geburtstag
an.
Er stammte aus einem reichen Frankfurter Kaufmannshaus, seinem Vater Peter
Anton Brentano [1] gehörte das “Haus
zum Goldenen Kopf” - eine Ex- und Importfirma für
Südfrüchte und Spezereien, die von einem italienischen Vorfahren der
Brentanos gegründet wurde. Diese Firma hatte ein solch enormes
wirtschaftliches Wachstum, daß Brentano zeitlebens von den Zinsen seines
Anteils leben konnte und nie einen Beruf nachging. Auch als die Firma 1841
aufgelöst wurde, war es Brentanos größte Sorge, wie er wohl
seinen Anteil gewinnbringend anlegen könnte.
Seine Mutter war Maximiliane, geb. La Roche, mit der Peter Anton
Brentano in zweiter Ehe verheiratet war. Sie war die Tochter der
Schriftstellerin Sophie La Roche, der Freundin Wielands und Goethes. Goethe
berichtete 1775, es sei ein düsteres Handelshaus gewesen, in dem sich
Maximiliane nicht eingewöhnen konnte.
Clemens war das dritte von zwölf Kindern aus dieser Ehe. Seine Mutter
erschien ihm immer als Opfer der väterlichen Härte und
Sexualität, die sie mit Geduld ertrug und in Liebe für ihre Kinder
sublimierte. 1793 starb Maximiliane Brentano, vier Jahre später war er
schließlich Vollwaise; doch schon seit 1784 lag seine Erziehung in den
Händen seiner strengen Tante Luise Möhn in Koblenz-Ehrenbreitstein. In
den um 1818 entstandenen Einleitungsterzinen zu den “Romanzen vom
Rosenkranz” reflektierte er die Koblenzer Verhältnisse
so:
“Getrennt lebte fern ich von den Meinen
In strenger und unmütterlicher Zucht.
Denk’ ich der Zeit, seh’ ich sich mir versteinern
Die Tage in des Lebens Blumenflucht,
Wie kleine Gärten zwischen steilen Mauern,
Die nie ein Sonnenstrahl hat heimgesucht,
Wo kalte Marmorkinder einsam trauern,
Die wilder Buchs und Salbei trüb umkreist.
Ihr kennet wohl des Knaben einsam
Trauern!” [2]
Dort besuchte Clemens Brentano, von 1787 bis 1790, zusammen mit Joseph
Görres das Jesuitengymnasium. Vorher besuchte er ein in der Nähe von
Heidelberg gelegenen Pensionat eines Exjesuiten, welches ihn auf das
Jesuitengymnasium vorbereiten sollte. 1791 wechselte er dann ins Mannheimer
Philantropin, einem “kurpfälzischen öffentlichen
Erziehungsinstitut für Zöglinge des männlichen Geschlechtes aller
drei christlichen Religionsparteien” [3].
Während dieser Erziehung in der Fremde machte er leidvolle Erfahrungen, die
zusammen mit den Erinnerungen an ein “märchenhaftes
Kinderparadies” [4], welches er auf den
Speichern der Frankfurter Handlung fand, zu Schlüsselerlebnissen wurden,
die seine psychische Entwicklung weitgehend beeinflußten.
Seine seelischen Konflikte, die Brentanos unreflektierte Bindung an die
Mutter ausgelöst hatten, lassen sich aus den autobiographischen
Einschüben im Frühwerk ablesen.
“Meine Mutter starb, ich habe keine Bezeichnung für mein
Zurückbleiben, denn meine ganze äußre Welt sank mit mir. Lange
war es mir, als sei ich auch gestorben, alle Tätigkeit verließ
mich.” [5]
Die Versuche seines Vaters und seines Stiefbruders Franz, ihm eine
bürgerliche Berufsausbildung zukommen zu lassen, führten nicht zum
ersehnten Ergebnis. Seine Brüder stellten fest, daß er zum Kaufmann
nicht tauge, da Versuche, ihn als Lehrling im väterlichen Kontor (1794) und
bei einem Geschäftsfreund in Langensalza (1796) zu beschäftigen, ohne
Ergebnis blieben. Die kaufmännische Lehrzeit belächelte er literarisch
in seinem Märchen vom “Komanditchen” (ca. 1812). Auch
flossen Elemente seiner Ausbildung im väterlichen Kontor, besonders das
philiströse Element des Vaters, in die Abhandlung “Der Philister
vor, in und nach der Geschichte” ein.
Auch seine Studien in den Fächern Bergwissenschaft (1793/94 in Bonn
und 1797/98 in Halle), Medizin (ab 1798 in Jena) und Philosophie (1801 in
Göttingen) wurden von ihm offensichtlich nicht ernsthaft betrieben. Viel
lieber beschäftigte er sich mit dem Musizieren auf der Geige und seinen
Kontakten zum Schlegel-Tieck-Kreis in Jena, die er in den Jahren 1798 bis 1800
machte.
Tieck und Schlegel waren Persönlichkeiten, die Brentano entscheidend
prägten. Er übernahm von Schlegel die Kunsttheorie und das neue
Formenprinzip [6]; von Tieck erwarb er die
für die Praxis bestimmenden Dichtungselemente wie Stimmungskolorit und die
Übertragung von Spannungselementen des Innenlebens auf Märchenmotive.
Auch seine Freundschaften mit Achim von Arnim, Karl Friedrich von Savigny und
den Gebrüdern Grimm waren ihm wichtiger.
Von der Gruppe der frühromantischen Dichter um die Brüder
Schlegel mit ihren Partnerinnen Dorothea und Caroline in Jena wurde er als
Schriftsteller zunächst nicht ganz ernst genommen. Er versuchte, sein
Können zu demonstrieren, indem er die theoretischen Forderungen der
Frühromantik, die Schlegel und Novalis im Athenäum formuliert hatten,
in seinen Erstlingswerken “Gustav Wasa” (1800) und
“Godwi” (1801) besonders konsequent umsetzte.
In Jena besuchte Brentano auch seine Schriftstellerkollegen Schiller und
Goethe. Brentano lernte Goethe durch seine Großmutter schon sehr früh
kennen, man kann sagen, daß Goethe Brentano seit seiner Geburt kannte.
Auch rühmte Goethe das zu einem dramatischen Preiswettbewerb 1801
eingesandte Lustspiel “Ponce de Leon” von Brentano.
In Jena fand Brentano auch bald eine intensive Zuneigung zu der acht Jahre
älteren, unglücklich verheirateten Schriftstellerin Sophie Mereau, die
er im Salon von Caroline Schlegel kennengelernt hat. Sein intimes
Verhältnis mit ihr ging des öfteren zu Bruch - trotzdem heiratete er
sie, auch trotz des zunächst erheblichen Widerständen der Frankfurter
Familie, am 29. November 1803 in Marburg. Diese Ehe war für
Sophie die Hölle; Brentano verbot ihr zu reiten, sich zu schminken und ihr
dichterisches Werk unter ihrem Namen zu publizieren, da Brentano
“’die Verstümmelung’ ihres Wesens hasse weil sie eine
‘schlechte Künstlerin’ sei, ‘die über ein herrliches
Werk hergefallen ist’” [7]. Bereits im
Mai 1804 kommt ihr erstes Kind Achim auf die Welt, das schon nach fünf
Wochen stirbt. Auch die beiden anderen Kinder aus dieser Ehe sterben und Sophie
selbst stirbt bei der Totgeburt des dritten Kindes am 31. Oktober 1806
in Heidelberg. Schon kurz danach, am 21. August 1807 heiratete
Brentano die erst 16jährige Auguste Bußmann, die er in Frankfurt, wo
er nach Sophies Tod wieder hinzog, kennenlernte; die Ehe dieser beiden seelisch
unreifen Menschen war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, was
schließlich auch 1808 geschah. 1812 wurde die Ehe geschieden.
Zusammen mit seinem Freund und “Herzbruder” Achim von Arnim kam
es in dieser Zeit zu einer intensiven Phase des Sammelns von Volksliedern. Diese
Sammlung wurde im Herbst 1805 unter dem Namen “ Des Knaben
Wunderhorn” veröffentlicht. Der Briefwechsel zwischen den beiden
Schriftstellern zeigt aber, daß deren Sammeltätigkeit schon früh
einsetzte. Diese meist auf schriftlichen Quellen basierenden Gedichte wurden von
Arnim und Brentano verändert, d.h. dem Zeitgeschmack angenähert. So
wurden mundartliche Wendungen, Ungereimtheiten des Volksliedes und Zoten
getilgt, der volkstümliche Charakter wurde aber nie ganz beseitigt. Dadurch
entstanden romantische
“Kunstvolkslieder” [8], die im 19.
Jahrhundert dann für einen großen Teil der deutschen Lyrik zum Modell
wurden. Die Rezension zu “ Des Knaben Wunderhorn” ermutigte
Arnim und Brentano, zwei weitere Bände mit Volksliedern herauszugeben, die
mit einem Anhang von Kinderliedern 1808 erschienen. Der Schwerpunkt lag dabei
auf der Kunsterziehung und Geschmacksbildung des Volkes.
Der unerbittlichste Gegner der Wunderhorn-Sammlung war Johann Heinrich
Voß, der 1806 nach Heidelberg übersiedelte und dort eine scharfe
Polemik gegen die romantische Schule entfachte. Die Hauptangriffspunkte waren
die “Verfälschungen” der Wunderhorn-Dichtungen und die
Renaissance der Sonettform im Schlegelkreis. Diese Auseinandersetzungen mit
Voß trugen auch dazu bei, daß die romantische Gruppe um Joseph
Görres, der dort einen Lehrauftrag hatte, den Mythenforscher Professor
Friedrich Creuzer und die beiden Studenten Arnim und Brentano dort nicht
Fuß fassen konnte. Die von ihnen herausgegebene “Zeitung für
Einsiedler”, die sich zum einen mit der Kriegserklärung an das
philisterhafte Publikum und zum anderen als eine Musterkarte der neuen
Bestrebungen, der Beleuchtung des vergessenen Mittelalters und seiner poetischen
Meisterwerke, sowie den ersten Liedern von Uhland, Justinius Kerner u.a.,
darstellte, stellte vor Ablauf eines Jahres 1808 ihr Erscheinen ein und die
Heidelberger Gruppe löste sich auf.
Brentano verschlägt es daraufhin nach Berlin, wo auch Arnim und
Savigny ihren Wohnsitz nehmen. Savigny war damals an der Gründung der
Berliner Universität beteiligt, zu deren Einweihungsfeier Brentano im Jahre
1810 eine Kantate schreibt.
Auch gründete er zusammen mit Achim von Arnim im Januar 1811 die
“Christlich-deutsche Tischgesellschaft”, in der er seine Satire
“Der Philister vor, in und nach der Geschichte”
vorträgt, die das Gegenbild des erhofften neuen romantischen Menschen
aufzeigt. Diese Satire wirkt in der Literatur des 19. Jahrhunderts nach und
bestimmt auch Eichendorffs Drama “Kampf den Philistern” und
die Auseinandersetzung mit dem Philister Wilhelm Raabe.
Zwischen Mitte 1811 und 1813 lebt Brentano auf einem Gut in Bukowan in der
Nähe von Prag, welches sich in Familienbesitz befindet. Dort kommt es zu
einer sehr fruchtbaren Arbeitsperiode, solch wichtige und bedeutende Werke wie
“Die Gründung Prags” (erschienen 1814), “Die
drei Nüsse”, “Geschichte vom braven Kasperl und dem
Schönen Annerl” und “Die mehreren Wehmüller und
ungarischen Nationalgesichter” (erschienen 1817) entstehen.
Nach dem Aufenthalt bei Prag zieht es Brentano weiter, zuerst nach Wien
(Mitte 1813) und später auf den Arnimschen Besitz in Wiepersdorf im Herbst
1814. In Wien bemühte sich Brentano intensiv als Dichter und Rezensent.
Dadurch wollte er am Burgtheater Einfluß gewinnen. Er wäre sehr gerne
der Nachfolger des in den Freiheitskriegen gefallenen Theodor Körner als
Hofdichter geworden, scheiterte aber an den Versuch, die überarbeitete
Fassung des Dramas “Ponce de Leon” auf die Bühne zu
bringen. Daraufhin verließ er rasch Wien und nahm von seinen
Theaterplänen großen Abstand.
Danach plagten Brentano in Berlin wieder Irritationen, die ihn fast dazu
bewegt hätten, bei Schinkel Architektur zu studieren.
Ein Zweifel an der eigenen Sprachkraft, den er in einem Brief an Wilhelm
Grimm [9] vom 15. Februar 1815
formuliert, verschärften seine Lebenskrise, die 1816/17 dann sogar in eine
Glaubenskrise mündet. Er kehrte sein Leben total um, bis es in einen sein
Kunstverständnis radikal veränderten Katholizismus umschlug.
Die Grundlagen dazu waren schon in der Romantik, z.B. bei Novalis gelegt,
die eine tiefe Sympathie für die katholische Kirche und ihre Tradition
pflegte. Viele der Romantiker, unter ihnen auch Brentano, Friedrich Schlegel,
Werner, Eichendorff, wenden sich in einer zweiten Lebensphase der katholischen
Kirchentradition zu und empfinden ihr Frühwerk als leichtsinnige
Jugendschöpfungen.
Bei Brentano führte diese Zuwendung zur katholischen Kirche zur
Generalbeichte, die er zusammen mit seinem Bruder Christian am
27. Februar 1817 ablegt. Vorher wurde allerdings noch eines seiner
großen literarischen Werke fertig - “Die Geschichte vom braven
Kasperl und dem schönen Annerl”, welche in den von F. W. Gubitz
herausgegebenen “Gaben der Milde” erschien.
Aufgrund der Generalbeichte und der Rückbesinnung auf die katholische
Tradition verkauft Clemens Brentano einen großen Teil seines
Bücherschatzes [10], sammelt theologische
Literatur [11] und stellt seine
poetisch-künstlerischen Fähigkeiten in den Dienst der katholischen
Erneuerung. Auch seine damalige Freundin Luise Hensel, eine protestantische
Pfarrerstochter, die er im Oktober 1816 kennen und lieben gelernt hat,
konvertierte Ende des Jahres 1818.
Vieles in der Beziehung zwischen Clemens Brentano und Luise Hensel ist
ungeklärt, dazu gehört auch der Zeitpunkt ihres Kennenlernens. Luise
Hensel gab später den Sommer 1816 an, einige
Forscher [12] gehen aber auch vom Herbst 1816
aus. Auch ist umstritten, wie die beiden aufeinander mit ihren religiösen
Entschlüssen eingewirkt haben.
Brentano liebte Luise Hensel leidenschaftlich, sie schien aber diese
leidenschaftliche Liebe zu ihm nicht geteilt zu haben, da sie seinen
Heiratsantrag ablehnte. Grund mag die Abneigung von Luises Mutter gegenüber
Brentano sein, da er schon ein Zerwürfnis mit der Katholischen Kirche wegen
der ersten Heirat mit einer Geschiedenen und der Scheidung seiner zweiten Ehe
hinter sich hatte. Auch faßte Luise Hensel zur gleichen Zeit eine Neigung
zu Ludwig von Gerlach, den sie aber auch entsagte.
Den zentralen Punkt ihrer Beziehungen bildete das gemeinsame Interesse
für die stigmatisierte Augustinernonne Anna Katharina
Emmerick [13] aus der westfälischen
Kleinstadt Dülmen, zu der es Brentano nach seiner Generalbeichte zog, um
deren Visionen aufzuzeichnen.
Er siedelte 1818 nach Dülmen über und blieb bis zum Tode der
Nonne (1824) dort. Dort konterte er auch vehement gegen die amtliche
Untersuchungskommission aus Berlin, die den Fall Emmerick peinlich genau
untersuchte und die einen vermeintlichen Betrug zwecks der Visionen der Nonne
aufdecken wollte. Brentano wollte während dieser Zeit immer die
Realität des Wunders beweisen. Er experimentierte mit Reliquien, deren
Echtheit die ehemalige Augustinernonne in der Ekstase erkennen sollte und er
versuchte, den Tagesverlauf Jesu aus den ekstatischen Träumen der Nonne zu
rekonstruieren. Selbst nach ihrem Tode gab er nicht auf und veranlaßte
eine Exhumierung, um die überirdische Kraft des Leichnams zu
erforschen.
Es gab aber auch Stimmen gegen Clemens Brentano, der mit der
Augustinernonne nicht immer “menschlich” umging. Der Arzt der
Emmerick, Franz Wilhelm Wegener, berichtete in seinem Tagebuch:
“Das Kreuz des Freundes B drückt sie [Emmerick] noch immer
schwer; sie meint, es sei für sie beide und für die Sache [...]
besser, wenn er nicht so heftig, manchmal brutal in seinen Forderungen sei,
indem sie es ja doch nicht erzwingen könne, sondern von Gottes Hand
annehmen müsse, was und wie es sich
darbiete” [14]
Aus seinen protokollierten Aufzeichnungen der Visionen sollte ein
christliches Weltepos in drei Teilen entstehen. Der Lebensgeschichte von Anna
Katharina Emmerick sollte das Marienleben, die “Lehrjahre Jesu” und
“Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi” angeschlossen werden.
Aber nur die Leidensgeschichte Jesu erschien zu Brentanos Lebzeiten; das
Marienleben war beim Tode Brentanos im Satz und die Lehrjahre Jesu lagen in
einem satzfertigen Manuskript vor.
In den Jahren bis zu Anna Katharina Emmericks Tod widmete sich Brentano
außer der Nonne nur noch Luise Hensel. Seine Kontakte zur Außenwelt
hielt er aber trotzdem noch aufrecht. Er bekam oft Besuch von seinem Bruder
Christian, Achim von Arnim oder Mitgliedern der Familie Diepenbrock.
Nach dem Tode von Anna Katharina Emmerick hielt sich Brentano meist in
Koblenz oder Frankfurt auf, auch führten ihn kurze Reisen nach
Straßburg [15] und in die
Schweiz sowie nach Paris und Nancy. Schließlich siedelte Brentano im Jahre
1832 nach Regensburg über, wo er seine Freundschaft mit Johann Michael
Sailer auffrischte, und ein Jahr später nach München, wo er wieder auf
Görres traf. Dort fand sich später eine spätromantische Gruppe
zusammen, der auch Görres’ Sohn Guido, der Maler Schlotthauer und der
Arzt Ringseis angehörten. Joseph Görres gründete dort 1838 die
“Historisch-politischen Blätter”, die von seinem Sohn
herausgegeben wurden und sich als Kampfschrift der katholischen
Erneuerungsbewegung verstanden. Neben Brentano und Görres schrieb auch
Joseph Freiherr von Eichendorff Beiträge für diese Zeitung.
In München fand Brentano eine tiefe Zuneigung zu der Baseler Malerin
Emilie Linder, der wir heute das einzige Ölgemälde Brentanos
verdanken. Brentanos Werben um sie führte 1834 zu einem Heiratsantrag, den
Emilie Linder ablehnte. Durch sie nahm Brentano aber wieder Abkehr von seiner
radikalen Kritik an jeglicher weltlichen Dichtung. Brentanos Lebenskreis
schließt dort mit einer erneuten erotischen Bindung, die er diesmal fast
ins mythische erhebt. Er wendet sich wieder den Freunden seiner Jugendjahre zu
und nimmt die Arbeit an den “Märchen” wieder auf.
Am 24. Juli 1842 starb Clemens Brentano im Hause seines Bruders Christian
in Aschaffenburg. Dieser war auch aufgrund einer testamentarischen
Verfügung sein literarischer Nachlaßverwalter, dem er - mit Ausnahme
der Guido Görres übergebenen Märchen und religiösen Werke -
den gesamten dichterischen Nachlaß zur Veröffentlichung
überließ. Christian publizierte 1852 sieben Bände der
“Gesammelten Schriften” von Clemens Brentano.
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Die damalige öffentliche Meinung über den Dichter Clemens
Brentano war, daß Brentano mit der Revision seine poetischen
Fähigkeiten verlor und seine religiösen Werke daher kein lohnender
Gegenstand der Literaturwissenschaft seien. Erst in der Brentano-Forschung
dieses Jahrhunderts wurde mit
Nachdruck [16] darauf hingewiesen,
daß im Werk Brentanos Elemente der Kontinuität festzustellen
sind.
Brentano hatte sein Leben der Kunst verschrieben; er war ein radikaler
Künstler, dessen hoher Anspruch an die ästhetische Qualität die
Fertigstellung großer Werkkomplexe verhinderte.
Die sogenannte “Wende”, d.h. die Hinwendung zum Glauben und zur
katholischen Kirche, war eine der sich zwanghaft wiederholenden Krisen, in die
Brentano mehrmals in seinem Leben kam. Der Grund dafür war wahrscheinlich
seine verzweifelte Suche nach einer übergreifenden Ordnung.
Die Bedeutung des Werkes von Clemens Brentano ist nicht der
ästhetischen Botschaft der Frühwerke mit der Verherrlichung
subjektiver, spontaner Schöpfungspotenz noch in der religiösen
Botschaft der Spätwerke mit ihrem Appell für eine neue, von einer
erneuerten Kirche getragenen Frömmigkeit zu suchen.
Brentanos Werk bietet vielmehr eine Brücke zur literarischen
Moderne [17]. Alle seine
Bemühungen sind von einer verzweifelten Suche nach einer
übergreifenden Ordnung bestimmt. Aber das Scheitern dieser Suche zeigt den
frühzeitigen Verfall bzw. die Gefährdung der bürgerlichen
Welt.
2. Clemens Brentano - sein dichterisches Werk
2.1 Lyrik
2.1.1 Gedichte, Lieder und Balladen
Brentanos Ruhm in der deutschen Literaturgeschichte beruht auf seinen
Gedichten. Er verfaßte Zeit seines Lebens über 1000 Gedichte, von
denen allerdings nur knapp ein Drittel während seines Lebens gedruckt
wurden, da er selbst so lange er lebte eine Sammelausgabe seiner lyrischen Werke
verhinderte, obwohl er sie sogar selbst zusammen mit seinem Freund Johann
Friedrich Böhmer zwischen 1837 und 1842 geplant hatte. Brentano meinte, ein
Gedicht solle “lebendig und mitteilenswert erscheinen, es sollte zersungen
und situationsgerecht abgewandelt, in den Herzen und Ohren jener Menschen
klingen, denen es zugedacht
war.” [18].
So schrieb Brentano am 15. Januar 1837 an Böhmer:
“Sie nehmen ein ungemein rührendes Anteil an meiner armen Poesie
[...]. - Ich besitze zwar noch einige dutzend Lieder, habe sie aber seit 30
Jahren unter so speziellen Irren und Leiden geschrieben, daß ich sie kaum
zu lesen, vielweniger abzuschreiben
wage.” [19]
Als “bessere Lieder” dieser Zeit betrachtet er nur die Gedichte
aus den Dramen “Ponce de Leon” und den “Lustigen
Musikanten” sowie dem Roman “Godwi oder das steinerne Bild der
Mutter”.
Eine Lyrik-Ausgabe war aber trotzdem geplant, da Brentano die
Münchener Witwe Anna Barbara Sendtner beauftragte, die Gedichte Brentanos
zu kopieren, was sie bis zu ihrem Tode 1840 auch tat. Damit muß Brentano
dann aber auch die radikale Absage an die Gedichte seiner Frühzeit
zurückgezogen haben. Dieser Widerspruch scheint sich allerdings wieder
aufzulösen, da Brentano zu seinen Lebzeiten keinen Lyrik-Sammelband mehr
veröffentlichte.
Alle Gedichte Brentanos, die hoch gelobt wurden und werden, stammen aus
seinem Frühwerk vor seinen Lebenskrisen. Es handelt sich dabei um Gedichte
wie “Lureley”, “Der Spinnerin Lied”,
“Hör’ es klagt die Flöte wieder” und “Sprich
aus der Ferne”. Diese Gedichte nimmt aber Brentano auch aus seiner Schelte
über sein Frühwerk aus.
Brentano widmet sich schon früh der Lyrik. Als 19jähriger schrieb
er seinen Kommilitionen alkäische Odenstrophen ins Stammbuch.
Stolz sei wer Mensch sich fühlet! Sein Wesen ist
Gehoben aus dem ewigen Feuerborn,
Ein edler Funke; seine Seele
Ausguß der Gottheit und unvertilgbar.
Du bist ein Mensch; drum hebe zum Himmel stolz
Dein Haupt, und blick umher, und verachte den,
Der seines Menschenadels unwert,
Schmählichem Joche den Nacken
reichet! [20]
In Jena versuchte er sich dann in freien Versen, die sich an Goethes
Sturm-und-Drang-Hymnen orientierten. Außerdem nahm Brentano Ludwig Tiecks
gereimte freie Kurzverse auf.
Im Schlegel-Tieck-Kreis wurde er dann von deren Stanzenwut angesteckt, auch
wurden die italienischen und spanischen Formen wie Sonett, Madrigal, Romanze
(⇒ Trochäus als typisches Versmaß)
etc. wiederentdeckt. Von den Brüdern Schlegel und Ludwig Tieck wurde
Brentano allerdings als “Imitator” bezeichnet und er bekam eine
Lektion in Form der Satire “Der neue Herkules am
Scheideweg”.
In den Jahren 1816 bis 1818 wendete sich Brentano dann von der Lyrik seiner
Frühzeit ab und nahm den Ton der Pietisten auf. Es entsteht auch ein neues
lyrisches Werk zur Werbung um Luise Hensel. Es bildet sich in seiner Lyrik eine
tiefreligiöse Sehnsucht, die unerfüllt bleibt. Dies bildet dann
wiederum eine Brücke in das 20. Jahrhundert mit Themen wie das Ringen
um die Überwindung der Einsamkeit und die vergebliche Sehnsucht nach
Glaube, Harmonie und Liebe. Man kann ihn daher als einen Vorläufer des
Surrealismus und Symbolismus bezeichnen.
Die Gedichte Brentanos sind in zeitliche und thematische Kontexte
eingebettet, die ich im folgenden näher beschreiben werde.
Jugendlyrik
Zu Anfang machte Brentano vorlagengebundene Lyrikversuche im Stile
Schillers, Goethes und des Göttinger Hains. 1803 kam es dann zur ersten
Zäsur, der Eheschließung mit Sophie Mereau und den daraus
resultierenden Gedichten des Werbens um die Liebe Sophiens. Sie werden heute als
Sophiengedichte bezeichnet. In ihnen spiegelt sich die Liebe als Objekt einer
distanzierten Sehnsucht, die Geliebte wird fremd und dämonisch wie die
Loreley aus dem “Godwi”
Dirnenpoesie
Nach der Scheidung der Ehe mit Auguste Bußmann kamen Bilder der
Entfremdung in Brentanos Lyrik. Liebe wurde unter den Gestalten der Sklavin, der
Zigeunerin, der Einsiedlerin, der Undine und der Hure gesehen. Ein
Beispielgedicht ist das 1816 geschriebene “Ich kenn’ ein Haus, ein
Freudenhaus”.
Neupietismus
Nach seiner Inspirationskrise 1816 und der Begegnung mit Luise Hensel kam
es zusammen mit den Berliner Neupietismus zu der Entdeckung der Religion als
Lebensmacht. Es entstanden zum einen Erweckungsgedichte und zum anderen Gedichte
des Liebeswerbens um Luise Hensel, welche wiederum eine lyrisch vorweggenommene
Erfüllung und Umlenkung der enttäuschten Liebe auf Kunst und Religion
waren.
Brentano benutzte dazu barocke Vorlagen wie Heermann, Spee und Angelus
Silesius sowie Zitate aus der geistlichen Lyrik von Novalis.
Hier ist als Beispiel das Gedicht von der Gottesmauer (“Sang das
fromme Mütterlein”) zu nennen.
Münchener Romantik
1833 begegnete Brentano der Baseler Malerin und Kunstsammlerin Emilie
Linder in München. Daraufhin verfaßte er zwischen 1834 und 1837 ein
poetisches Tagebuch großer erotischer Gedichte. Die Vorlage davon bildeten
die Luisen-Gedichte des Neupietismus. Deshalb kam es auch nach Brentanos Tod zum
Streit zwischen Luise Hensel und Emilie Linder um die Adresse der Gedichte.
Deutlich sieht man diese Vorlagetechnik an dem Gedicht “Einsam will ich
untergehn”.
Diese Neigung, das einmal geschriebene weiter um- und fortzugestalten teilt
Brentano mit Hölderlin.
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Brentano und das Volkslied
Neben der Herausgabe der Volksliedsammlung “Des Knaben
Wunderhorn” zusammen mit seinem Freund Achim von Arnim beschäftigte
sich Brentano auch selbst mit dem Volkslied - man findet bei ihm viele
artifizielle volksliedartige Formen in der Lyrik. Brentano gilt heute in der
Literaturwissenschaft als der Begründer der Volksliedstrophe.
2.1.2 “Romanzen vom Rosenkranz”
Zum Begriff “Romanze”:
Der deutsche Begriff “Romanze” stammt vom spanischen “el
romance”, was soviel wie “das in der romanischen Volkssprache
geschriebene” bedeutet.
Es handelt sich dabei um eine episch-lyrische Gattung der spanischen
Literatur, ein kürzeres volkstümliches episodisches Erzähllied.
Mit der Romanze wurden Stoffe der altspanischen Sage und Geschichte gestaltet.
Die häufigste Versform der Romanze sind reimlose trochäische
16-Silbler mit Mittelzäsur und Assonanzen.
Der Stil und die Erzählstruktur entsprechen der Volksballade des
germanischen Sprachraumes. Man kann die Romanze von der Ballade aber durch die
größere Heiterkeit, Gelöstheit, Breite der Darstellung und mehr
musikalisch-klangliche Elemente unterscheiden.
Die Stoffkreise der Romanze sind
- historische Romanzen über geschichtliche Ereignisse oder Legenden
- Romanzen des karolingischen und bretonischen Sagenkreises
- sogenannte Grenzromanzen über die Kämpfe zwischen Mauren und
Christen, besonders in den letzten Jahrhunderten der Rückeroberung
Spaniens
- maurische Romanzen, entstanden nach 1492 (endgültiger Sieg der Christen
über die Mauren)
- romanhafte, religiöse und lyrische Romanzen
In Deutschland wurde die Romanze durch J. W. L. Gleim (1756)
eingeführt, zunächst allerdings als synonyme Bezeichnung für die
Kunstballade (im Sturm und Drang vor allem die Balladen Bürgers, Goethes,
Schillers). Herder weist später durch kogeniale Übersetzungen in
assonanz- und reimlosen trochäischen Achtsilblern (die sogenannten
spanischen Trochäen) auf den formal gebundenen volkstümlichen
Charakter der Romanze hin. Daraufhin kommt es in der Romantik zu einer
Blütezeit der Romanzendichtung.
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Das zweite große lyrische Werk Brentanos sind die “Romanzen vom
Rosenkranz”, obwohl sie Fragment geblieben sind.
1802 begann Brentano mit der Skizze einer Romanze von Lorenzos
unglücklicher Liebe zu einer Sängerin. Diese Romanze bestand aus 15
Strophen, in denen Assonanzen den Reim ersetzen.
Durch die längstgewohnten Straßen
Geht Lorenzo, Zugezogen,
Sieht er ihre Fensterladen
Und verschlossen ihre
Pforte. [21]
Es handelt sich dabei um vierfüßige trochäische Verse, den
spanischen versos rondillos nachgebildet. A. W. Schlegel experimentierte mit
diesen erstmals in seinen Romanzen “Die Erhörung”
(Göttinger Musenalmanach, 1792) und “Leonardo da Vinci”
(Gedichte, 1800)
Die ersten drei “Romanzen vom Rosenkranz” entstanden 1803. Ein
“häusliches Elend” unterbricht dann aber seine Arbeit, er nimmt
sie erst nach seiner Berliner Reise 1805 wieder auf. Es entstehen weitere drei
Romanzen, die drei vorher entstandenen werden so zu den “mittleren”.
Victor Michels klärt diese Verwirrung: Die neuen Romanzen sind die erste,
zweite und sechste, die legen sich wie ein Mantel um die Urromanzen 3, 4 und 5
herum.
1808 entstehen in Landshut die nächsten drei Romanzen. Diesmal lenkt
Brentano das Interesse auf Apo, den irdischen Diener der bösen Mächte
- die “Romanzen vom Rosenkranz” bekommen einen
Faust-Stoff.
Die Romanzen 10-12 müssen dann 1809 in Berlin geschrieben worden sein,
da Brentano den Maler Runge in seinem Brief vom 21. Januar 1810 bat, sein Werk
zu illustrieren.
“Während ich Solches erlebte, entstand in mir unbewußt die
Begierde, ein Gedicht zu erfinden, wie ich gern eines lesen möchte, und,
was mir nicht begegnet war, gewisse Bilder und Zusammenstellungen begegneten mir
immer wieder. Ich schaute sie mit gleichem Genuß an, ihre Farbe wurde mir
bestimmt, und ich entschloß mich, sie in einem historischen
Verhältnis zu einer ganzen Begebenheit auszubilden, die bald auch ein
Schicksal, eine Notwendigkeit, ihren Himmel, ihre Erde, Leben und Tod empfing.
Ich bildete sie in einzelnen Romanzen aus, die alle klar und bestimmt, ohne
vielen lyrischen Erguß, meist handelnd sind, und empfand bald, daß
sie mein gehörten, daß sie von mir waren und mich erfreuten. Ich
teilte sie den verschiedensten Menschen mit, sie machten allen einen gleich
angenehmen ernsten und rührenden Eindruck, und ich gewann diese Arbeit
lieb, von der ich leider durch betrübende Zeit und Selbstverhältnisse
nur zu oft getrennt wurde. Die Hälfte ungefähr liegt fertig, der Plan
des ganzen ist es auch, und ich bin in der Lage und Muße, den Rest bald zu
vollenden. Der Titel würde sein: Die Erfindung des Rosenkranzes. [...]
Zimmer in Heidelberg, der das Gedicht liebt und es bei seiner Vollendung drucken
wird, hat meinen heimlichen Wunsch, daß sie meine Arbeit mit ihren
Zeichnungen verzieren möchten, durch die Schilderung ihrer Güte schier
in mir zu einer Hoffnung gemacht, ohne deren Erfüllung ich meinen Mut,
fortzuarbeiten, sehr würde sinken
sehen.” [22]
Runge starb aber im Dezember 1810. Brentano arbeitete noch bis 1811 an den
Romanzen weiter, bricht dann aber die Arbeit mitten in der 20. Romanze ab.
Während Hoffmann der Meinung ist, daß Brentanos Thema eine unendliche
Melodie sei, für die es keine Schlußkadenz gäbe, da der Streit
zwischen Gut und Böse im Menschen niemals aufhöre und er deshalb das
Werk fragmentarisch ließ, würde ich eher sagen, daß der Abbruch
des Werkes mit dem Tode Runge in Verbindung zu bringen ist. Brentano flehte
Runge regelrecht an, die Romanzen zu illustrieren. So schrieb Brentano an
Runge
“[...] ich wollte ihnen nur sagen, daß ich sie liebe aus ihren
Werken, und daß ich den herzlichen Wunsch habe, sie möchten eine
Erfindung von mir mit der Ihrigen begleiten, damit sie mir selbst mehr Freude
machen könne.” [23]
Brentano wollte sogar den Reinerlös für die “Romanzen vom
Rosenkranz” Runge zukommen lassen, wenn er ihm nur sein Werk
illustriert.
Die Handlung der “Romanzen vom Rosenkranz” spielt im Bologna
des 13. Jahrhunderts.
Der Maler Kosme hat von seiner Frau Rosalaeta drei Söhne:
Jacophone, Meliore und Pietro. Er gerät in den Bann böser Mächte
und verführt Rosalaetas Schwester, die Nonne Rosatristis, die ihm zu einem
Madonnenbild Modell gestanden hat. Aus der Beziehung gehen drei Töchter
hervor. Die beiden älteren, Rosarosa und Rosadora wurden ausgesetzt, und
mit der jüngsten, Rosablanka, bei deren Geburt Rosatristis gestorben ist,
lebt Kosme als Büßer von Bologna. Die Halbgeschwister sind über
ihre Verwandtschaft im Unklaren. Jacophone, der Jurist und Rosarosa heiraten,
entgehen jedoch der Gefahr der Sünde durch die Hilfe des engelhaften Knaben
Agnuscastus und leben in keuscher Ehe. Meliore, Künstler und Student, liebt
Rosadora, die als Biondetta eine berühmte Sängerin geworden ist. Der
Gärtner Pietro wiederum ist Rosablanka zugetan, die jedoch eine Neigung zu
Meliore hegt. Meliore wird gehaßt von seinem Lehrer, dem dämonischen
Arzt und Magier Apone (Apo), der Rosadora-Biondetta selbst begehrt. Um Biondetta
zu entführen, setzt Apo, der mit dem Teufel Moles im Bunde ist, das Theater
in Brand, in dem sie ihre Abschiedsvorstellung gibt, bevor sie den
Nonnenschleier nimmt. Meliore kann Biondetta retten, aber Rosadora, die mit
Jacophone der Vorstellung beigewohnt hat, stirbt. An ihrem Sterbebett
enthüllt der engelhafte Agnuscastus ihre Verwandtschaft mit Biondetta. Die
bösen Mächte, an Biondettas Verderben interessiert, lassen zu,
daß Meliore nun von Apo mit einen Degen, der mit Liebesgift
präpariert ist, erdolcht wird. Biondetta indes rettet Meliores Leben, indem
sie ihm Blut und daher auch das Gift aus der Wunde saugt; dadurch jedoch
entflammt sie in Liebe zu ihm, und nur das Bild ihrer Mutter bewahrt sie vor dem
Inzest. Den weiteren Nachstellungen Apos kann sich Biondetta nur durch
Selbstmord entziehen. In ihren Leichnam schlüpft der Teufel Moles und
stiftet, als frech geschmückte falsche Biondetta, zusammen mit Apo
Verwirrung in Rosarosas Leichenzug. Beim Anblick der falschen Biondetta wird
Meliore ohnmächtig. Rosablanka und Pietro bringen ihn in
Sicherheit.
Damit schließen die ausgeführten Romanzen. Das spätere
Schicksal hat Brentano nicht mehr dargestellt. Am Ende sollte jedoch daraus ein
apokryphisches Gedicht werden, welches mit der Erfindung des Rosenkranzes
endet.
In der Handlung dieser 19 gedruckten Romanzen wiederholt sich mehrmals das
Inzest-Motiv. Man kann darin ein persönliches Problem des Dichters sehen,
der selbst eine Art Inzest begeht, indem er in jeder Frau, der er sich
nähert, die Mutter sucht. Er muß den Weg Jacophones, Meliores und
Pietros gehen.
Die Romanzen vom Rosenkranz sind aus vierfüßigen
trochäischen Versen gebildet und haben in der zweiten und vierten Zeile
entweder Reime
Als er ging zur Doktor-Ehre
Durch der Aula hohe Pforte,
War die Zücht’ge ihm begegnet,
Und er sprach zu ihr die
Worte: [24]
oder Assonanzen
Schöne Jungfrau! Ihr begegnet
Mir an so gefährl’chem Orte,
Jetzo ich zu streiten gehe
De bonorum possessione. [25]
Das Assonanzenschema ist meist a-e oder o-e.
Brentanos Quellen für die Geschichte der Stadt Bologna war
Ghirardaccis “Historia di Bologna” (Bologna 1596). Daneben benutzte
er noch marianische Literatur (die Bibliothek von ihm und seinen Bruder
Christian wies viele Titel zum Rosenkranz-Thema auf), Werke über
Heiligenviten, Schriften über das Judentum und Volksliteratur über
Wunder, Geister und Aberglauben.
In einem Nachwort zu den “Romanzen vom Rosenkranz”, den
Paralipomena, sollte die Vorgeschichte zu den Romanzen dargestellt werden, nach
denen sich eine Verwandtschaft der Personen von Liliths Nachfahrin, ebenfalls
Lilith genannt, bis zu Kosme und Apo.
Auch den weiteren Verlauf der Dichtung skizzierte Brentano in den
Paralipomena. Offenbar wollte Brentano verschiedene historische Ereignisse in
den “Romanzen vom Rosenkranz” verflechten. Auch wollte Brentano
wahrscheinlich die Einleitungsterzinen zu einem autobiographischen Gedicht
ausgestalten.
2.1.3 “Des Knaben Wunderhorn”
Die ‘Volksliedsammlung’ “Des Knaben Wunderhorn”
nimmt eine Sonderstellung in der deutschen Literatur ein. Sie ist zugleich auch
der Inbegriff des romantischen Kulturgutes und das wohl bekannteste Werk der
deutschen Romantik.
Der Ursprung des Wunderhorns ist wohl um 1800 zu sehen; der Impetus ging
dabei von Brentano aus, der sich damals begeisternd mit mittelhochdeutscher
Literatur, besonders der Lyrik und Versepik beschäftigte. Am 9. Juli 1802
sendet Arnim einige Lieder von Zürich aus an Brentano, der ihn in einem
Brief darum gebeten hatte.
Diese Idee einer Volksliedsammlung war nicht neu.
Herder [26], der auch den Terminus
“Volkslied” [27] einführte,
brachte genauso wie auch Nicolai, von Eschenburg, Gräter und Anselm Elbert
eine Volksliedsammlung heraus.
Die Intentionen der beiden Autoren waren aber nicht dieselben. Während
Brentano damit mehr ein Freundschaftsdokument der Liederbrüder Arnim und
Brentano sowie ein Kunstwerk aus romantischen Geist erstellen wollte, ging es
Arnim um eine nationale Opposition gegen Napoleon.
“Wären die deutschen Völker in einem einigen Geiste
verbunden, sie bedürfen dieser gedruckten Sammlungen nicht, die
mündliche Überlieferung machte sie überflüssig; aber eben
jetzt, wo der Rhein einen schönen Theil unsres alten Landes los löst
vom alten Stamme, andre Gegenden in kurzsichtiger Klugheit sich vereinzeln, da
wird es nothwendig, das zu bewahren und aufmunternd auf das zu wirken, was noch
übrig ist, es in Lebenslust zu erhalten und zu
verbinden.” [28]
Das Wunderhorn sollte daneben auch eine belehrende und erzieherische
Funktion haben. Man wollte nicht nur die Kunst regenerieren, sondern auch zur
Hebung des gesamten Lebens aus der damaligen Entartung beitragen.
Entstanden ist das Werk dadurch, daß Arnim und Brentano auf ihren
Reisen und Wanderungen Volkslieder gehört haben und diese in ihrem
Gedächtnis festhielten. Sie sollten später dem Volk wieder vorgesungen
werden. Rölleke sagt über Brentano:
“Was auf Dorfstraßen, in Spinnstuben und im Herzen alter Leute
lebte, wurde gesammelt. Brentano war der rechte Mann für dieses Werk.
Nichts war ihm lieber, als mit der Laute unterm Arm durch das Land zu streifen
und Volkslieder zu singen.” [29]
Brentano widmete sich einige Zeit intensiv dem Projekt. Der
anfängliche Eifer ließ aber schnell nach, sobald das Werk in die
“Arbeitsphase” überging. Im Endstadium überließ er
die Arbeit dann ganz Achim von Arnim. Daher ist dieses Werk wohl doch mehr ein
Werk Arnims als ein Werk Brentanos.
1805 begann der Druck des ersten Bandes, welcher Goethe zugeeignet war. Er
erschien zur Michaelismesse in Frankfurt. Goethe gefiel das Wunderhorn sehr gut,
wie Brentano an Friedrich Karl von Savigny am 7. Januar 1806 aus Heidelberg
schrieb.
“Von Arnim habe ich zwei Briefe [...], aus dem zweiten kann ich nur
erzählen, daß Göthe ihn mit Liebe überhäuft hat,
daß ihm unsre Lieder sehr wohl gefallen und er sie selbst rezensieren
will; um die Fortsetzung hat er
gebeten.” [30]
Diese angesprochene Rezension folgte am 21./22. Januar 1806.
Die meisten Lieder des Wunderhorns sind Kunstlieder, im Gegensatz zum
Volkslied; sie wurden weder vom Volk noch fürs Volk gedichtet.
Überhaupt war der Inhalt des Wunderhorn eine Mischung aus Altem und Neuem,
Fremden und Eigenem. Es stellte nie einen repräsentativen Querschnitt durch
den deutschen Volksgesang dar. Statt dessen findet man viele philologische
Ungenauigkeiten, d.h. Abwandlungen des überlieferten Materials.
Das Material der Wunderhorn-Lieder stammt aus den verschiedensten Quellen.
Von den 723 Liedern des ersten Bandes gehen ca. 340 auf gedruckte Bücher
oder Zeitschriften zurück, ca. 100 gehen auf sogenannte “Fliegende
Blätter” [31] zurück, ca. 40 auf
ältere handschriftliche Codices [32] und
nur ca. die letzen 250 gehen auf handschriftliche Beiträge jener Zeit
zurück.
Das Titelkupfer des ersten Bandes zeigt eine Abbildung des Oldenburger
Horns mit Stellenverzierungen am Rande des Horns. Es hat seinen Ursprung in der
Schrift “Des Oldenburgischen Wunder-Horns Ursprung” von Johann Just
Winkelmann. Im Hintergrund ist das Heidelberger Schloß zu
erkennen.
Außer von Goethe erntete die Volksliedsammlung meist negative Kritik.
Zum einen schrieb Friedrich Schlegel am 11. November 1805 an seinen Bruder
August Wilhelm Schlegel, daß das Wunderhorn “eine grosse Menge
Schund, Kropzeug, Crethi und Plethi mit vielen eignen
Bretanereien” [33] enthielte.
Der aber wohl hartnäckigste Gegner des Wunderhorns und somit auch von
Achim von Arnim und Clemens Brentano war Johann Heinrich Voß. Dieser
bezeichnete den ersten Band des Wunderhorns als “zusammengeschaufelten
Wust, voll muthwilliger Verfälschungen, sogar mit untergeschobenem
Machwerk.” [34].
Daraufhin wurde er von Goethe in seinem Faust-Paralipomenon Nr. 47
zitiert:
Eutiner
Mit Fleiß und Tücke webt ich mir
Ein eignes Ruhmgespinste
Doch ist mirs unerträglich hier
Auch hier find ich Verdienste
Wunderhorn
Hinweg von unserm frohen Tanz
du alter neidscher Igel.
Gönnst nicht den Teufel seinen Schwanz
Dem Engel nicht die
Flügel. [35]
Diese Kritik der Zeitgenossen (v.a. von Voß) verhinderte zwar nicht
den wirkungsgeschichtlichen Triumphzug des Wunderhorns, hatte aber zur Folge,
daß sich Goethe mehr und mehr von den Romantikern abwandte und die
Rezension des 2. und 3. Bandes, welche wegen der Kriegswirren erst nach 1807
erschienen, an den Germanisten von Hagen übergab.
Das romantische Element des Wunderhorns zeigt sich v.a. durch die
Stoffwahl, das Zurückgreifen auf das Ursprüngliche, das Unaffektierte
im Kunstwerk und die Form seiner Darbietung. Es wurde nie offiziell als
Volksliedsammlung bezeichnet, da es vielmehr aus einer Fülle von Neu- und
Umdichtungen besteht. [36]
Zum Abschluß dieses Abschnittes möchte ich noch ein
anerkennendes Zitat über das Wunderhorn bringen, welches sehr schön
die literarischen Ambitionen Arnims und Brentanos mit ihrem Gemeinschaftswerk
aufzeigt.
“Das Wunderhorn [...] bleibt der originellste und zugleich letzte
Versuch, Volks- und Kunstdichtung, alte und moderne Lyrik, Poesie aller
Schichten und Provinzen in einem Gemeinschaftswerk zu einem neuen Ganzen zu
verschmelzen, allen alles wiederzugeben, wie es Arnim
formuliert.” [37]
2.2 Epische Dichtung
2.2.1 Märchen
Brentano hatte seine ersten Kontakte zu Märchen schon in seiner
Kindheit. Seine 80jährige Amme erzählte ihm die Märchen
“Großmutters Schlangenkönigin”, “Vom
Machandelbaum” und “Vom Fischer und seiner Frau”. Er las
selbst Gozzis “Fiabe” und Basiles “Märchen vom Hahn und
dem Ring” aus der Bibliothek seines Vaters.
1800 erscheint in der von August Klingemann herausgegebenen Zeitschrift
Memnon das Märchenfragment “Die
Rose” [38]. Die Hauptschaffensphase seiner
Märchendichtung begann im Jahre 1805; Brentano arbeitete dann an den
Märchen bis etwa zu dem Zeitpunkt seiner Generalbeichte. Allerdings
erschienen zu seinen Lebzeiten nur das Märchen vom “Gockel, Hinkel
und Gackeleia” aus den Italienischen Märchen
(1838) [39] und ohne sein Wissen auf
Veranlassung eines Bekannten in der Frankfurter Zeitschrift “Iris”
ein Teil aus den “Märchen vom Rhein” und das
“Märchen vom Myrtenfräulein” (1826/27). Man wollte damit
erreichen, daß Brentano alle seine Märchen dem Lesepublikum
zugänglich machte. Brentano, der zu dieser Zeit seiner religiösen
Besinnung tiefe Zweifel an der Notwendigkeit und Lauterkeit aller Poesie hegte,
war darüber verärgert, bewilligte aber eine Publikation unter dem
Titel “Mährchen, nachläßig erzählt und mühsam
hingegeben von C. Brentano. Als Almosen für eine Armenschule erbeten,
geordnet, und herausgegeben von milden Freunden”, zu der es aber nicht
kam, da Brentano begann, die Märchen im Sinne seines damaligen Welt-,
Zeit-, Poesie- und Gottesbewußtseins umzuarbeiten. So erschien die erste
Gesamtausgabe seiner Märchen erst nach seinem Tod in den Jahren 1846/47,
herausgegeben von Guido Görres.
2.2.1.1 Italienische Märchen
Den italienischen Märchen, die zwischen ca. 1805 und 1811 entstanden,
liegt in einer freien Bearbeitung der einzelnen Stücke die
Märchensammlung “Pentamerone”
(1634) [40] des neapolitanischen Schriftstellers
Giambattista Basile zugrunde
Sie besteht aus der Rahmenerzählung “Liebseelchen” und
fünf der insgesamt 50 Spinnstubengeschichten des
“Pentamerone”.
Liebseelchen ist eine traurige Prinzessin, die ihr königlicher
Vater nur dadurch zum Lachen bringen kann, daß er ihre geschraubte Tanz-
und Anstandslehrerin Mademoiselle Pimpernelle bei Glatteis auf dem Marktplatz
durch ein listiges Manöver zu Fall bringt. Doch Pimpernelle ist eine Hexe,
und bevor sie aus Wut über den ihr angetanen Affront zerplatzt, verdammt
sie Liebseelchen dazu, den toten Prinzen Röhropp aus seinen Marmorgrab
herauszuweinen, falls sie nicht ledig bleiben will, denn sie kann nur ihn und
keinen anderen zum Manne bekommen. Liebseelchen hat ein gutes Herz, das
Marmorbild des Prinzen an seinem Grabe rührt sie, und sie weint den
Tränenkrug voll. Am Ende ist sie so abgeweint und müde, daß sie
einschläft. Währenddessen stiehlt ihr die böse Mohrin Russika den
Krug und den auferstandenen Prinzen. Das gute Liebseelchen läßt sich
alles gefallen und schenkt der Mohrin sogar noch einen Papagei, eine goldene
Glucke und eine Wunderpuppe, die sie drei alten Frauen, denen sie aus der Not
geholfen hat, verdankt. Russika legt die Gaben ihrem Kind an die Wiege, das in
Wirklichkeit nur ein in Windeln gehüllter Flederwisch ist. Die Wunderpuppe,
die spinnen kann, muß Tag und Nacht für sie arbeiten;
schließlich empört sie sich und droht der Mohrin, dem Prinzen ihren
doppelten Betrug zu verraten, wenn sie ihr nicht beim Spinnen zum Zeitvertreib
Märchen erzähle. Russika ist nicht imstande dazu, doch sie bringt zehn
alte Jungfern zusammen, die ihr die Arbeit abnehmen sollen. Sie erzählen
die fünf Spinnstubengeschichten “Myrtenfräulein”, das
Märchen von der Liebe eines Prinzen zu einem Myrthenbaum,
“Witzenspitzel”, ein Schwank von einem listigen
Tausendkünstler, der ein Riesenehepaar erlegt,
“Rosenblättchen”, die Geschichte einer launischen Prinzessin
und ihrer Tochter, der es wie Dornröschen und Schneewittchen ergeht,
“Hüpfenstich”, eine Groteske von einem König und einem
Floh, den er wie seinen eigenen Sohn liebt und nach vielen Zwischenfällen
mit seiner Tochter verheiratet, und das Märchen von dem glückhaften
Tölpel
“Dilldapp”.[41]
Brentanos Märchen stehen im Gegensatz zu den Volksmärchen, in
denen die Figuren nur allgemeine Bezeichnungen (wie z.B. Prinzessin, Schneider)
tragen. Brentano gibt seinen Figuren Namen, die den Träger charakterisieren
und zugleich Wortspielereien sind.
Der Wortsinn ist oftmals verfremdet, Redewendungen werden wörtlich
genommen. Aus dem Barock übernahm Brentano Worthäufungen wie z.B.:
“Du Plappermaul! Du Gänseschnabel! Du Entenpürzel! Du
Schnatterbüchse! Du Klappermühle! Du große Glocke! Du Ausrufer!
Du Stadt- und Landtrompeter! Du Knarre! Du
Schnarre!” [42]
Wie in der Fabel werden die Tiere vermenschlicht, wobei ihre
charakteristischen Wesenszüge aber nicht verwischt werden. Oft kann man als
Leser auch nicht erkennen, ob es sich nun um Tiere oder Menschen
handelt. [43]
2.2.1.2 Rheinmärchen
Die Rheinmärchen wurden von Clemens Brentano in den Jahren 1810-1812,
zur Zeit der Rheinromantik, verfaßt. In ihnen wurden lokale Rheinsagen mit
eigenen Erfindungen (z.B. der Lore Lay/Lureley, die Brentano zuerst als Ballade
im “Godwi” vorstellte) vermischt.
Die Rheinmärchen umfassen vier thematisch zusammenhängende und
motivisch miteinander verbundene Einzelmärchen. Den Rahmen bildet das
“Märchen von dem Rhein und dem Müller Radlauf”.
Der Müller Radlauf rettet die schöne Prinzessin Ameleya aus
den Fluten des Rheins und erwirbt sich damit, einem Versprechen des Königs
von Mainz zufolge, die Krone des Landes und die Hand seiner Tochter; der
treulose König aber betrügt den Müller um Glück und
Herrschaft. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Ein Krieg zwischen Mäusen
und Menschen bricht los, der König wird mit seinem Hofstaat vertrieben. Aus
Rache für die Beleidigung der Königin von Trier und des Prinzen
Rattenkahl lockt der Prinz Mauseohr die Kinder von Mainz mit Hilfe einer
Zauberpfeife in den Rhein, wo sie ihrer Erlösung harren. Derweil begeht des
Müllers Star, ein verzauberter Freier der Prinzessin, Selbstmord, ein
Vermächtnis hinterlassend, das seinen Herrn flugs ins zweite große
Märchen transponiert, wo der Müller, von Märchenepisode zu
Märchenepisode fortschreitend - der Geschichte seiner Ahnen nachspürt,
die zugleich die Geschichte des Hauses Starenberg ist.
In dem Märchenkomplex der “Rheinmärchen” wurden
verschiedene deutsche Sagen und Rheinsagen vermischt, so z.B. die Sagen vom
Rattenfänger von Hameln, Bischof Hatto von Mainz, Binger Mäuseturm und
die Melusinensage [44], aus der die Sage von der
Wasserfee Lureley hervorging. Diese Sagenfiguren stecken alle in der
Rahmengeschichte, die mehrere Einlagen hat - die Geschichte des Hauses
Starenberg. Die Märchen im ganzen blieben aber unvollendet. Abgeschlossen
sind nur das einführende “Märchen von dem Rhein und dem
Müller Radlauf”, das “Märchen vom Murmeltier” und
das Märchen vom “Schneider Siebentot auf einem
Schlag”.
2.2.2 “Godwi oder das steinerne Bild der Mutter”
Godwi, ein adeliger Kaufmannssohn, schreibt an seinen Jugendfreund Karl
Römer, den nüchtern-bürgerlichen, aber ironisch veranlagten
Verwalter der Güter von Godwis Vater. Godwi berichtet zunächst
über einen Aufenthalt in B., wo er Molly kennenlernte. Nach der Trennung
von ihr führt ihn der Zufall in das abgelegene Schloß eines
Landjunkers, dessen Tochter Joduno ihn vorübergehend als Kontrast zu Molly
anzieht.
Joduno steht wiederum im Briefwechsel mit Otilie, der Tochter eines in
der Nähe hausenden Einsiedlers, Werdo Senne. Godwi stattet ihnen auf
Drängen Jodunos einen Besuch ab und beschließt dann aber, dort
für längere Zeit zu bleiben.
Karl Römer unternimmt währenddessen eine Geschäftsreise,
die ihn ebenfalls nach B. führt, wo er auch Molly - eine in Deutschland
ansässige Lady Hodefield - trifft. Diese weist ihn aber bestürzt ab,
als sie seine Herkunft erfährt.
Molly Hodefield steht ihrerseits in Briefkontakt zu Werdo Senne, dem sie
offenbart, daß Karl Römer ihr Sohn ist und aus einem Verhältnis
zwischen ihr und Godwis Vater entstammt.
Den Schluß bilden die Briefe Karl Römers an Godwi, welche
einen Besuch Jodunos in B. ankündigen.
“Die Begebenheit steht zuletzt wie ein schwankendes Gerüst
da, das die Behandlung nicht mehr ertragen kann und jagt den Lesern Todesangst
für sich und sein Interesse
ein.”[45], befürchtet der
Autor des zweiten Bandes und Herausgeber der Briefe des ersten Bandes, Maria, in
der Vorrede des zweiten Bandes. Er entschließt sich, weitere Daten der
Handlung direkt bei Godwi zu beschaffen, da sie ihm von Karl Römer, der den
ersten Band in Auftrag gab, verwehrt bleiben. Mit der Hilfe des inzwischen
gealterten, nun abgeklärt-ruhigen Godwi sieht er sich imstande, den im
ersten Band geschürzten Knoten von Personenkonstellationen zu lösen.
Godwi führt Maria zu einigen Örtlichkeiten des ersten Bandes, tadelt
seinen Biographen (Maria gelang die Beschreibung der Otilie nicht besonders) und
steuert aus Briefen und eigenen Erzählungen die Lebensgeschichten
verschiedener Nebenfiguren bei. Godwis Bericht stiftet zwischen allen Figuren
enge verwandtschaftliche Beziehungen und klärt so die Verwirrungen des
ersten Bandes. Die Szene wird bereinigt, indem die gesamten Nebenfiguren nach
Italien geschickt werden.
“’An der Spitze flog Eusebio, hinter ihm Franzesko und
Otilie, und hinter diesen mein Vater nebst dem alten Joseph, in ihrer Mitte aber
Molly von Hodefield, so piramidalisch, wie die Störche fliegen - adieu
-.’
‘Glückliche Reise,’ sagte ich, ‘kommt um
Gotteswillen nicht wieder
-!’”[46]
Nach der Vollendung der Familiengeschichte erkrankt Maria, und Godwi
selbst bemüht sich um eine “fragmentarische Fortsetzung”. Seine
(zu Beginn des ersten Bandes unternommene) Reise führt ihn nach dem Besuch
auf dem Reinhardstein zu einem Schloß am Rhein, dessen Herrin, die
Gräfin von G., ihn an sich band. Als sie jedoch ihre Tochter Violette, die
ihn liebte, durch Godwi in die Mysterien ihrer erotischen Religion
einzuführen versucht, weigert er sich und flieht. Violette wurde zur Dirne,
die Godwi nach einem Italienaufenthalt wiedertraf und erschüttert auf
seinem Landgut aufnahm, wo sie dann starb.
In einem kurzen Epilog gibt es noch “Einige Nachrichten von den
Lebensumständen des verstorbenen Maria” und eine Auswahl seiner
Gedichte, darunter eines “An Clemens Brentano”.
Originaldokument enthält an dieser Stelle eine Grafik! Original document contains a graphic at this position!
“Godwi oder das steinerne Bild der Mutter” war Brentanos
einziger Roman und entstand zwischen 1798 und 1801 in zwei Teilen. Der erste
Teil erschien Ende 1800 und wurde auf 1801 vordatiert. Er besteht aus 28
undatierten Briefen von mehreren Briefautoren; in diesen Briefen sind
Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungsdokumente, Gedichte und Lieder eingebettet.
Ein Kreis zahlreicher Personen, die getrennt voneinander leben, finden darin
immer mehr zusammen und teilweise entdecken sie auch ihre Verwandtschaft
zueinander.
Die Ausgangskonfiguration bilden Godwi und Römer, die gemeinsam
aufwuchsen. Ihr Gegensatz ist nur ihre verschiedene Auffassung vom Reisen.
Während Godwi Reisen sein Ideal nennt (“Wenn draußen der wilde
Sturm in vollen Wogen braust, dann habe ich nie meinen so oft beklagten Drang
nach Reisen empfunden. Mein Ideal - kennst du es
noch?” [47]), wirft Römer ihm
unnützes Reisen vor (“Es ist mir unbegreiflich, Karl, daß er
dich so unnütze Reisen tun
läßt,[...]” [48]. Römer
ist mehr ein Mensch der “bürgerlichen Ordnung”, während
Godwi ein Freikünstler ist. Für Godwi sind seine Reisen ein Versuch,
sich selbst zu verwirklichen, aus der “bürgerlichen Welt”
auszutreten. So trifft Godwi auch auf die verschiedensten Frauen- und
Mädchengestalten, wie Molly Hodefield, Joduno von Eichenwehen oder Otilie
Senne.
Ein Schema zum Aufbau des ersten
Buches [49] soll mir helfen, die Beziehungen
näher darzustellen und den Verweis auf die einzelnen Briefe
erleichtern.
|
1
|
Godwi an Römer
|
(Die Reisen Godwis [sig!] und
|
|
2
|
Römer an Godwi
|
Römers)
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3
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Joduno an Otilie
|
|
|
4
|
Römer an Godwi
|
|
|
5
|
Otilie an Joduno
|
|
|
6
|
Römer an Godwi
|
|
|
7
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Werdo an Molly
|
|
|
8
|
Godwi an Römer
|
|
|
9
|
Molly an Werdo
|
|
|
10
|
Jost an Joduno
|
|
|
11
|
Godwi an Römer
|
(Godwi auf dem Reinhardstein)
|
|
12
|
“
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|
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13
|
“
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|
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14
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“
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|
|
15
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“
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|
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16
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“
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|
|
17
|
“
|
|
|
18
|
“
|
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19
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Joduno an Sophie
|
|
|
20
|
Antonio Firmenti an Godwis Vater
|
|
|
21
|
Römer an Godwi
|
(Römer im ‘Goldenen
Kopf’)
|
|
22
|
“
|
|
|
23
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“
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24
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“
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|
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25
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|
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26
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“
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|
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27
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“
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|
|
28
|
“
|
|
Kurz nach Godwi (Brief 2) bricht auch Karl Römer zu einer
Geschäftsreise auf. Auch er trifft zufälligerweise auf Molly Hodefield
und nähert sich damit unbewußt der Position Godwis an.
Zu Joduno, die Godwi dann trifft (Brief 1,3 und 4) hat er eine eher
geschwisterliche Beziehung, da sie beide durch empfindsame Naturschwärmerei
verbunden sind. Joduno schickt Godwi dann auch zu ihrer Freundin Otilie und
deren Vater Werdo Senne, der als Einsiedler auf dem Reinhardstein lebt. Man kann
diesen Teil (Brief 11-18) auch als den Hauptteil des ersten Teiles bezeichnen,
da hier die Gemütszustände der einzelnen Personen sich abrupt
ändern. So leidet Werdo an einer geheimnisvollen Trauer und Todessehnsucht,
die sich zum Teil auf Otilies Mutter, zum anderen aber auch auf eine andere,
geheimnisvolle Frau bezieht. In den Briefen 7 und 9 wird darüber
berichtet..
Ein anderer Punkt ist der Rückzug in die Natur, der durch Godwis Liebe
zu Otilie hervorgerufen wird. Diese Liebe wird von Godwi als ein umfassendes
Gefühl der Einheit mit der Natur bezeichnet, so wird die Liebe bei Godwi
zur Wunschvorstellung.
“Wenn mich Tilie liebt, so habe ich keinen Wunsch, kein Begehren,
keine Geschichte mehr, ich bin aus dem Leben in die Natur
getreten.” [50]
Mit dem Eintritt in die Natur vollzieht sich auch ein Rückzug aus der
Gesellschaft, wodurch die Leiden aus der Vergangenheit beruhigt werden
sollen.
Etwa zur gleichen Zeit findet Römer Aufnahme in dem Salon des
‘Goldenen Kopfes’, dessen Mittelpunkt Mademoiselle Budlar ist (Brief
21-28).
Wie ein Fremdling erscheint der 20. Brief des ersten Bandes - der Brief
Antonio Firmentis an Godwis Vater. Hier wird zum ersten Mal in diesem Roman
chronologisch erzählt. Firmenti teilt hier seine Familiengeschichte dem
alten Godwi mit, der Firmentis Bruder Francesco gefunden hat, um diesen auf ein
Wiedersehen mit Antonio Firmenti vorzubereiten.
Im zweiten Teil, ein Erzählroman in der Ich-Form, wird erstmals der
Dichter Maria als Romanfigur eingeführt, der Godwi, den Helden des ersten
Bandes, aufsucht. Es stellt sich heraus, daß Maria der Herausgeber und
Bearbeiter der Briefe des ersten Bandes ist, der von Karl Römer den Auftrag
dazu erhalten hat. Er erledigte diese Arbeit aber nicht zur Zufriedenheit
Godwis. Somit sucht Maria Godwi auf, um sein begonnenes Werk zu vollenden. Der
Aufbau ist wie folgend:
|
Vorrede
|
Verbindung zum ersten Teil des
Romans
|
|
1
|
Ankunft, Bekanntschaft mit Godwi, Haber und
Flametta
|
|
2
|
|
|
3
|
|
|
4
|
|
|
5
|
|
|
6
|
|
|
7
|
|
|
8
|
|
|
9
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|
|
10
|
|
|
11
|
|
|
12
|
|
|
13
|
|
|
14
|
|
|
15
|
Violettens Denkmal
|
|
16
|
|
|
17
|
|
|
18
|
Geschichte von Godwis Mutter und ihrer Schwester;
Bilder
|
|
19
|
|
|
20
|
|
|
21
|
|
|
22
|
|
|
23
|
|
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24
|
|
|
25
|
|
|
26
|
|
|
|
|
|
27
|
|
|
28
|
Vollendung des ersten Bandes durch Godwis
Erzählung
|
|
29
|
|
|
30
|
|
|
31
|
|
|
32
|
Fragmentarische Fortsetzung, teils von Maria,
teils von Godwi
|
|
33
|
|
|
34
|
|
|
35
|
|
|
36
|
|
|
37
|
|
|
38
|
|
|
39
|
|
|
Lebensumstände des verstorbenen
Maria
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Hier werden nun, von allem in den Kapiteln 18 bis 27, die dunklen Stellen
des ersten Bandes geklärt. Godwi übergibt dazu Maria einen Bündel
Papiere mit fragmentarischen
Aufzeichnungen [52].
Das besondere Merkmal an diesem zweiten Band ist die
“verblüffende Pointe”, wie sie Benno von
Wiese [53] bezeichnet. Der Autor stirbt,
während die Hauptperson am Leben bleibt und sein Werk vollendet.
Auch wurden die “Nachrichten über die Lebensumstände des
verstorbenen Maria” nicht mehr von Brentano, sondern von einem seiner
Jenaer Kollegen verfaßt, der über die literarischen Beziehungen des
Dichters berichtet. So schreibt Brentano im August 1801 an Savigny:
“Heute ist mein ganz Manuskript 2. Band abegangen. Es ist wüst,
wüst, hinten stirbt Maria und eine satirische Lebensbeschreibung von ihm
hat Winkelmann dazu gemacht, in der Sonette an Sie sind und Parodien auf
Gedichte großer Meister als
Leichengedichte.” [54]
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Brentano gestaltete seinen Roman nach dem Vorbild Schlegels Romantheorie,
worauf auch der Begriff “verwildert” im Untertitel hinweist.
Für Schlegel war die Handlung eines Romans nicht die Folge notwendiger,
sondern zufälliger Begebenheiten, die sich ohne Ende aneinanderreihen
lassen. Vorbild war Goethes “Wilhelm Meister”, da er nach F.
Schlegel die Elemente aller Gattungen in sich trägt. In seinem “Brief
über den Roman” sagte Schlegel:
“Ich kann mir einen Roman kaum anders denken, als gemischt aus
Erzählung, Gesang und anderen Formen... Gibt es einen Roman, in welchem
dies nicht stattfindet und nicht stattfinden kann, so liegt es nur an der
individuellen Beschaffenheit des Werkes, nicht im Charakter der
Gattung...” [55]
Nach diesem Prinzip verfuhr auch Clemens Brentano. In seinem Roman
vermischte er Prosa, Lyrik und dramatische
Reflexionen [56], den Dialog zwischen Godwi und
Otilie im ersten Band (Brief 11-18) sowie den Dialog zwischen Godwi und dem
Mönch im zweiten Band (Kapitel 36).
Die Grundlage des Romanstoffes ist autobiographisch. Dorothea Veit schrieb
darüber am 13. März 1801 an Brentano:
“Ich habe gestern an meine Freundin in Berlin, die mich nach Ihrem
Roman fragte, etwas recht Hübsches darüber geschrieben. Ich will es
Ihnen auch schreiben. Rührend, [...] ist der immer wieder kommende
Haß gegen den Vater, die Liebe zur Mutter, und die Anhänglichkeit an
die Geschwister. Seine Romane sind wie eine Galerie der Ahnen und der Bekannten,
an deren Ende man ihn selbst in Lebensgröße erblickt, und zwar so,
daß man ihn von Anfang an immer in den Augen hat, und ihn nicht wieder
verliert; oder er geht auch wie ein gesprächiger Cicerone neben einem her,
und erklärt einem die
Gesichter.” [57]
So stellt der alte Pietro Firmenti seinen Vater dar, die Frau Firmentis
stellte seine Mutter dar. Im ‘Goldenen Kopf’ portraitierte Brentano
einige seiner Geschwister. Die ‘Blonde’ stellt Kunigunde, die Gattin
Savignys, dar; als die ‘Rabenschwarze mit den Locken der Nacht’
bezeichnete sich seine Lieblingsschwester Bettine selbst. Seine spätere
Ehefrau Sophie Mereau verleiht Lady Hodefield und Elise aus den
“Lebensumständen des verstorbenen Maria” ihre Zügeff. In
dem Dichter Haber aus dem zweiten Band wird der Tasso- und
Ariost-Übersetzer Johann Dietrich Gries (1775-1842) lächerlich
gemacht, der tatsächlich drei Tage zusammen mit Brentano verbrachte (Herbst
1800). Brentano selbst projizierte seine Eigenschaften auf Godwi, Römer und
Maria.
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Brentano hielt nie viel von seinem Werk, ein Grund dafür ist
vielleicht die herbe Kritik, die auf seinen Roman herabprasselte. So tadelten
besonders seine Vorbilder Tieck und F. Schlegel sein Werk. In einem von Caroline
Schlegel überlieferten Distichon vom Dezember 1801 sagte er:
“Hundert Prügel vorn A[rsch] - die wären Dir redlich zu
gönnen, Fr[iedrich] Schl[egel] bezeugts, andre Vortrefliche
auch.” [58]
Zu Brentanos Ehrenrettung möchte ich noch zum Schluß ein Zitat
von Joseph Freiherr von Eichendorff bringen, der beschreibt, was den Roman
für die Literaturgeschichte so interessant macht.
“Dieser Roman enthielt schon damals (1801 und 1802) ungefähr
alle Elemente, womit die jetzige Literatur als mit neuen Erfindungen prahlt:
Weltschmerz, Emanzipation des Fleisches und des Weibes und revolutionaires
Umkehren der Dinge. Und dennoch ist er wieder gänzlich verschieden von
jener neuesten Literatur. Denn einmal klingt auch im Godwi in den einzelnen
eingestreuten Volksliedern überall schon ein tieferer, ja religiöser
Ernst fast sehnsüchtig hindurch; und sodann überkommt dem Dichter
selbst mitten in dieser Verwirrung die tödlichste Langeweile, Ekel und
Abscheu davor, und er vernichtet sofort, was er im ersten Band geschaffen, im
zweiten Bande schonungslos wieder durch die bitterste
Ironie.” [59]
2.2.3 “Die Chronika eines fahrenden Schülers”
Im Mai 1358 erwacht Johannes am Morgen seines zwanzigsten Geburtstags,
der bis dahin als bettelnder Schüler durch das Land gezogen war, in einer
ihm völlig fremden Umgebung: am Abend zuvor hatte ihn der Ritter Veltlin
von Türlingen als Schreiber in sein Straßburger Haus aufgenommen. Im
Lauf dieses Tages erzählt Johannes seinem neuen Herrn seine
Kindheitsgeschichte, den Anfang der traurigen Liebesgeschichte seiner Mutter,
die als einfaches Mädchen einen Ritter liebte, Episoden aus seiner
Wanderzeit und die Parabel von dem Wunderspiegel, der seinen Erfinder zur
Hoffart verführte und ihn mitsamt der ganzen Stadt ins Verderben riß.
Die Erzählungen werden immer wieder unterbrochen, da Johannes die drei
Töchter des Ritters kennenlernt und Gespräche über Kunst
führt. Am Abend liest der Schüler schließlich aus einem alten
Buch das Märchen “Vom traurigen Untergang zeitlicher Liebe”
vor, an dessen Ende der Text abbricht.
Die Chronika eines fahrenden Schülers - eine der frühen
Erzählungen von Clemens Brentano neben “Die Rose” und
“Der Sänger” - ist Fragment geblieben. Unter dem Titel
“Aus der Chronika eines fahrenden Schülers” erschien eine
gekürzte und überarbeitete Fassung 1818 in Friedrich Försters
Almanach “Die Sängerfahrt”. Das Originalmanuskript lag bis 1923
versteckt im elsässischen Trappistenkloster Ölenberg.
Die “Chronika eines fahrenden Schülers” entstand in
Brentanos Jenaer Zeit. 1803, kurz nach der Vollendung des “Godwi”
begann Clemens Brentano mit der Arbeit an der Chronika, die sich, mit mehreren
Unterbrechungen dazwischen, bis 1810 hinzog. Der Text schließt sich
perfekt an das Konzept der “Progressiven
Universalpoesie” [60] von Schlegel an, die
das Ganze der Wirklichkeit in der Poesie erfassen will. Somit ist die Chronika
ein typisch romantisches Kunstwerk. Sie ist ein tiefer Selbstausdruck Brentanos
sowie seiner Kunstauffassung und reflektiert zugleich wesentliches im Denken und
Kunstempfinden der damaligen Zeit.
Wie alle Erzählungen Brentanos ist auch die Chronika eine
Rahmenerzählung. Den Rahmen bildet die Ankunft und der Aufenthalt von
Johannes auf der Burg des Ritters. Als Binnengeschichte wird die
Kindheitsgeschichte des Johannes, die Geschichte seiner Mutter, die Parabel
“von dem Untergang zeitlicher Liebe” sowie verschiedene Gedichte
eingefügt. Vollendet wäre aus der Chronika wahrscheinlich eine Art
Roman im Sinne des Godwi geworden.
Auch das mystische ist vorhanden. So lassen sich die vier Töchter des
Ritters Veltlin mit den esoterischen Lebenselementen Luft, Erde, Feuer und
Wasser in Beziehung setzen.
2.2.4 “Die Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen
Annerl”
Die “Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl”
ist wohl das bekannteste Werk Brentanos; ein hochartifizielles Kunstwerk. Sie
ist aber auch das wohl am höchsten bewertete und in der Forschung am
häufigsten analysierte und interpretierte Werk Brentanos. Es entstand
zwischen 1815 und 1817 [61], auf jeden Fall noch
vor der Generalbeichte 1817, also in der Zeit der Zweifelskämpfe.
Brentano war damals in einer fast ausweglosen Situation, da er einen Stoff
für eine Geschichte benötigte, die für einen wohltätigen
Zweck in dem Taschenbuch “Gaben der Milde”, herausgegeben von F. W.
Gubitz, erscheinen sollte. Nach Diel / Kreiten erzählte die Pastorin Hensel
ihm zwei Gedichte, die er zu einer Geschichte verband.
Weltlich Recht
Joseph, lieber Joseph, was hast du gedacht,
Daß du die schöne Nanerl ins Unglück gebracht.
Joseph, lieber Joseph, mit mir ists bald aus,
Und wird mich bald führen zu dem Schandthor hinaus.
Zu dem Schandthor hinaus, auf einen grünen Platz,
Da wirst du bald sehen, was die Lieb hat gemacht.
Richter, lieber Richter, richt nur fein geschwind,
Ich will ja gern sterben, daß ich komm zu meinem Kind.
Joseph, lieber Joseph, reich mir deine Hand,
Ich will dir verzeihen, das ist Gott wohl bekannt.
Der Fähndrich kam geritten und schwenket seine Fahn,
Halt still mit der schönen Nanerl, ich bringe Pardon.
Fähndrich, lieber Fähndrich, sie ist ja schon todt:
Gut Nacht, meine schöne Nanerl, deine Seel ist bei
Gott. [62]
Lied vom jüngsten Gericht
Wann der jüngste Tag soll werden,
Da fall’n die Sternlein auf die Erden,
Da neigen sich alle Bäumelein,
Da singen die lieben Engelein,
Da kommt der liebe Gott gezogen
Auf einem schönen Regenbogen.
“Ihr Todten, Ihr Todten, sollt auferstehn
Und sollt vor Gottes Gerichte gehen.
Heran, heran auf diesen Plan,
Gott nimmt alle Sünder zu Gnaden an!”
Als Jesus in den Garten ging,
Sein bitt’res Leiden sich anfing.
Da trauerte Laub und grünes Gras
Und alles, was auf Erden war.
Da kamen die falschen Juden gegangen,
Die haben den Herrn Jesum gefangen.
Sie führten ihn in des Richters Haus,
Mit blanken Schwertern wieder heraus.
Sie führten ihn vor den Kreuzesstamm,
Mit Nägeln wurd’ er angehang’n.
Die hohen Bäume neigten sich,
Die harten Steine zerknirschten sich.
Der Morgenstern verlor seinen Schein,
Alle Vöglein ließen das Singen sein.
Die ganze Welt ist sehr betrübt
Um unseren Herrn Jesu
Christ. [63]
Daraus bastelte Brentano seine “Geschichte vom braven Kasperl und dem
schönen Annerl” mit folgendem Inhalt:
Ein “Schreiber” trifft nachts auf eine ältere Frau
(Großmutter), die ihn bittet, ihr eine Petition an den Herzog aufzusetzen,
damit ihr toter Enkel Kasper und ihre zum Tode verurteilte Nichte Annerl, die
sich liebten, beieinander im Tode ruhen könnten.
Nacheinander erzählt sie deren Geschichten: Ihr Enkel Kasper hatte
ein solch übertriebenes Ehrgefühl, daß auch die Großmutter
ihn oft mahnen mußte “Gib Gott allein die Ehre”. Vor wenigen
Tagen, als er auf Urlaub kam, wurde er von seinem eigenen Vater und Stiefbruder
beraubt und niedergeschlagen. Aus Pflichtgefühl überlieferte er beide
dem Gericht und erschoß sich am Grab seiner Mutter, da er es nicht ertrug,
eines Diebes Sohn zu sein. In seinem Abschiedsbrief bat er um ein ehrliches
Begräbnis.
Auch Annerl wurde ihre Ehre zum Verhängnis. Sie war in der Stadt
als Magd tätig. Dort gab sie einen adligen Verführer nach, der ihr
erzählte, daß ihr Verlobter Kasper in Frankreich gefallen sei. Um der
Schande zu entgehen, erstickte sie ihr Kind nach der Geburt. Doch den Namen des
Vaters gab sie vor Gericht nicht preis. Nun sollte sie am folgenden Morgen
hingerichtet werden. Trotz der nächtlichen Stunde dringt der Dichter beim
Herzog vor, der unverzüglich einen Offizier, den Grafen Grossinger, mit
einer Begnadigung zum Richtplatz schickt. Doch er kommt zu spät. An Annerls
Leichnam bekennt er, Annerls Verführer zu sein und vergiftet sich kurz
darauf. Als Lehre aus der Geschichte entschließt sich der Herzog, seine
Geliebte, Grossingers Schwester, zu heiraten. Die Großmutter bricht bei
der kirchlichen Bestattung von Kasper und Annerl tot zusammen.
Kasper und Annerl sind sich sehr ähnlich - sie handeln nicht mit dem
Verstand, sondern handeln gemäß ihrer Ehre. Auch sind sie beide Opfer
eines Verhängnisses, daß ihnen schließlich aus falschem
Ehrverständnis das Leben kostet.
Ein anderer interessanter Punkt ist das Gattungsproblem. Aus dem Namen kann
man nach Kluge schließen, daß es sich um eine Novelle handelt. Dies
bestätigen auch andere Autoren der Sekundärwerke. Benno von Wiese geht
sogar so weit, daß er von drei Novellen spricht: der Novelle von der Ehre
(Kaspers Geschichte), der Novelle vom unglücklichen Annerl und der Novelle
von Grossingers Schwester und dem Herzog, welche ein Parallelschicksal zu dem
Annerls und ihres Verführers ist.
Auch findet man in der “Geschichte vom braven Kasperl und dem
schönen Annerl” die beiden wichtigsten Elemente einer Novelle -
Wendepunkt und Falke. Alewyn nimmt an, der Wendepunkt ist die Erklärung der
Großmutter, daß Annerl um vier Uhr Morgens hingerichtet werde. Den
Falken sehe ich in dem Begriff der Ehre, der sich durch die Novelle
zieht.
Die “Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl”
ist außerdem ein Vorläufer der
Dorfgeschichte [64] des Realismus. Die Figuren
stehen hier allerdings nicht in Verbindung zum Gemeinschaftsleben und es
herrschen keine bäuerlichen Lebensvorstellungen vor.
Alewyn bringt noch eine dritte epische Gattung ins Spiel. Er sieht in der
“Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl” eine
moralisierende Kalendergeschichte [65] mit dem
Motto: “Gib Gott allein die Ehre!”.
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Viel diskutiert in der Sekundär ist auch folgendes Zitat aus Brentanos
“Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen
Annerl”:
“Aber ein sogenannter Dichter ist am übelsten daran, weil er
meistens aus dem Schulgarten nach dem Parnaß entlaufen, und es ist auch
wirklich ein verdächtiges Ding um einen Dichter von Profession, der es
nicht nur nebenher ist. Man kann sehr leicht zu ihm sagen: ‘ Mein Herr,
ein jeder Mensch hat, wie Hirn, Herz, Magen, Milz, Leber und dergleichen, auch
eine Poesie im Leibe; wer aber eines dieser Glieder überfüttert,
verfüttert oder mästet und es über alle andre hinüber
treibt, ja es sogar zum Erwerbszweig macht, der muß sich schämen vor
seinem ganzen übrigen Menschen. Einer, der von der Poesie lebt, hat das
Gleichgewicht verloren, und eine übergroße Gänseleber, sie mag
noch so gut schmecken, setzt doch immer eine kranke Gans
voraus.’” [66]
Hier kann man, wie schon Frühwald erkannte, ein Paradoxon erkennen -
in einem Kunstwerk wird die Berechtigung eines Kunstwerkes in Frage
gestellt.
Brentano ist sogar schon so weit, daß er sich wegen seiner
bürgerlichen Berufslosigkeit mit den Worten der Großmutter auf eine
Stufe mit Tagedieben [67] setzt. Er nennt sich
dann selbst allerdings einen “Schreiber”, also einen Menschen, der
“mit der Feder
dient” [68]. Auch führte
Brentano damals in der “Deutschen Christlichen Tischgesellschaft” in
Berlin den Namen “Schreiber”.
In dieser Novelle wird die Abnormalität eines Lebens für die
Poesie drastisch durch den Vergleich mit der “gemästeten
Gänseleber” verdeutlicht. Eine solche ist zwar lecker und
schmackhaft, sie setzt jedoch immer eine kranke und gequälte Gans voraus.
So ist auch der Berufsdichter für Brentano ein Mensch, der trotz seines
angenehmen Berufs ein unerfülltes Leben führt.
2.3 Dramatische Dichtung
2.3.1 “Ponce de Leon”
Don Sarmiento kehrt nach langer Abwesenheit inkognito in seine spanische
Heimat zurück, um das Glück seiner Kinder zu fördern. Nur den
Schneider Valerio weiht er in seine Pläne ein. Sein Sohn Felix ist in ein
Mädchen namens Lucilla verliebt; seine Töchter Isidora und Melanie
leben streng bewacht von seiner Schwester Juanna auf einem benachbarten Gut.
Felix’ Freund Ponce de Leon hat Valeria, der Tochter Valerios, den Kopf
verdreht, ohne daß sie ihn wirklich zu fesseln vermag. Auf einem
Maskenball fallen die wesentlichen Entscheidungen: Sarmiento rät seinem
Sohn, Lucilla zu entführen und auf das Gut seiner Schwestern zu bringen.
Ponce sieht am Hals einer Dame das Brustbild eines Mädchens, in das er sich
sofort verliebt: Es ist Isidora, die bereits durch die Erzählungen ihres
Bruders seine tiefe Neigung erregt hat. Von Sarmiento aufgemuntert,
beschließt er, mit seinem Freund Aquilar heimlich die Schwestern zu
besuchen. Sarmiento schickt unterdessen zur Vorbereitung der kommenden
Ereignisse Valerio und dessen Findelsohn Porporino, der Valeria vergeblich
liebt, auf das Gut voraus und ersetzt Juanna durch eine andere Aufseherin:
Isabella. - Auf dem Gut finden sich nacheinander alle Verliebten ein: die als
Mohrin verkleidete Valeria, Ponce und Aquilar, die sich als von Räubern
überfallene Pilger beherbergen lassen, Felix mit der entführten
Lucilla. Nach turbulenten Szenen entwirrt sich schließlich das
Handlungsknäuel. Sarmiento, der wie ein allwissender Gott über dem
Ganzen steht, klärt vor den versammelten Personen der Handlung alle
Verhältnisse auf und führt die Liebenden einander zu: Isidora und
Ponce, Melanie und Aquilar, Lucilla und Felix, Valeria und Porporino, der sich
als Bruder Lucillas und Sohn Sarmientos von Isabella entpuppt.
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Entstanden ist dieses Lustspiel aus einer Preisaufgabe heraus, die Goethe
und Schiller Ende 1800 in den Propyläen ausgeschrieben hatten. Auf das
beste Intrigenstück war ein Preis von 600 Dukaten ausgesetzt. In den
Propyläen hieß es:
“Es sei ein herrschender Fehler auf unserer komischen Bühne,
daß das Interesse noch viel zu sehr aus der Empfindung und aus sittlichen
Rührungen geschöpft wird. Das Sittliche aber sowie das Pathetische
macht immer ernsthaft und jene geistreiche Heiterkeit und Freiheit des
Gemüts, welche in uns hervorzubringen das schöne Ziel der Komödie
ist, läßt sich nur durch eine absolute moralische
Gleichgültigkeit
erreichen.” [69]
1801 reichte Brentano das Stück unter dem Titel “Laßt es
euch gefallen” als einer von 13 Bewerbern ein. Keines dieser Manuskripte
wurde mit einem Preis bedacht. Goethe bescheinigte Brentano aber, daß es
sich unter den eingesandten Stücken “durch seinen guten Humor und
angenehme Lieder” [70]
besonders auszeichne. Man kann dies aber auch als eine Freundschaftsgeste
gegenüber dem Sohn der mit Goethe bekannten Frankfurter Familie und dem
Enkel seiner Freundin Sophie La Roche interpretieren.
Goethe war auch das künstlerische Vorbild Brentanos, von ihm hatte er
die Auffassung, daß sich ein Autor in allen Gattungen zu bewähren
habe. So versuchte sich auch Brentano am Drama, ohne jedoch äußeren
Erfolg zu haben. Sein Stück galt als unaufführbar, da ein üppig
wuchernder Sprachwitz [71] es immer
weiter von der Bühne entfernte. Auch die Bühnenbearbeitung, 1814 als
“Valeria oder Vaterlist” in Wien uraufgeführt,
scheiterte.
So ist “Ponce de Leon” kein Drama im herkömmlichen Sinne,
von dem man erwartet, daß es auf der Bühne aufgeführt wird. Es
ist vielmehr ein ‘Lesedrama’, welches den Leser Freude mit den
vielen Wortspielen bringen
soll.
“Ponce de Leon” und der zweite Band des “Godwi”
wurden zugleich geschrieben. So ergänzen sie sich auch teilweise auf
überraschende Art und Weise. So sind Godwi und Ponce narzisshaft und
egozentrisch. Ponce ist ein gesteigerter Godwi, er gibt sich melancholisch. Als
Vorläufer von ihm kann man Julius aus F. Schlegels “Lucinde”
sehen; einer seiner Nachfahren ist Prinz Leonce aus Büchners “Leonce
und Lena”.
“Es kommt mir ein entsetzlicher Gedanke, ich glaube es gibt Menschen,
die unglücklich sind, unheilbar, blos weil sie
sind.” [72]
Diese Worte Lenas sollen Brentano in seinem damaligen Zustand
portraitieren, welcher sein unstetes, innerlich zerrissenes Wesen auf seine
Helden spiegelte.
2.3.2 “Gustav Wasa”
Die Literatursatire “Gustav Wasa”, Brentanos dramatisches
Erstlingswerk, richtet sich gegen das gleichnamige Stück des damals sehr
beliebten und erfolgreichen Bühnenschriftsteller August von Kotzebue. Von
ihm erschien 1799 das parodistische Lustspiel “Der hyperboreische Esel
oder die heutige Bildung”, welches sich gegen die Jenaer Romantiker,
besonders aber gegen A. W. Schlegel richtet. Es bezieht sich auf ein
Athenäumsfragment:
“Schwerlich hat irgend eine andre Litteratur so viele Ausgeburten der
Originalitätssucht aufzuweisen als unsre. Es zeigt sich auch hierin,
daß wir Hyperboreer sind. Bey den Hyperboreern wurden nämlich dem
Apollo Esel geopfert, an deren wunderlichen Sprüngen er sich
ergötzte.” [73]
Genau so wie Kotzebue für seinen Hyperboreischen Esel mit aus dem
Athenäum entlehnten Zitaten eine Figur gestaltete, die F. Schlegel glich,
benutzte Brentano diese Methode, um Kotzebues 1800 uraufgeführtes
historisches Drama “Gustav Wasa” zu verspotten, um damit die
Gebrüder Schlegel zu rächen. Zweifellos hatte Brentano auch die
Ambition, Nachfolger von Kotzebue als beliebter Bühnenautor zu
werden.
Zunächst setzt Brentano im “Gustav Wasa” Kotzebues
Hyperboreischen Esel fort und führt ihn ad absurdum. Später werden
Szenen aus Kotzebues “Gustav Wasa”, welcher im
Blankvers [74] geschrieben ist, parodistisch in
Knittelversen [75]
nachgedichtet.
Brentanos “Gustav Wasa” erschien im Sommer 1800, allerdings
arbeitete Brentano daran schon seit 1798, was ein Brief an Heinrich Remigius
Sauerländer zeigt:
Ich kann dir in diesem Augenblick nicht mehr schreiben, ich muß noch
an Rein schreiben, bei dem Ostern eine Satire herauskommen wird gegen Kotzebue
und seinen Esel aber schweig, der Bote geht gleich in die
Stadt.” [76]
Im Sommer 1800 muß es dann erschienen sein, da Goethe ihn bereits am
29. Juli 1800 in einen Brief an Schiller zitiert. Auch Dorothea Veit schreibt am
16. Juni 1800 etwas über die Entstehung des Stückes an Friedrich
Schleiermacher.
“Wir haben seit einiger Zeit hübschen Spaß mit einigen
Bewundrern und Nachahmern von Tieck und Friedrich [Schlegel], die auch in Tiecks
Journal tüchtig persifliert werden. Der eine ist Clemens Brentano; der legt
sich darauf, Tiecks Nachahmer zu sein; und schämt sich seiner sentimentalen
Ader, die er doch gar nicht verleugnen kann. Er hat eine Farce geschrieben,
‘Gustav Wasa’, worin er glaubt, der Tieck der Tiecks zu sein; es ist
aber herzlich dumm und toll, und klingt doch wie Tieck ungefähr, so
daß sich dieser tüchtig darüber erboßt, und darum hat er
ihn auch so derb mitgenommen im Journal. Uns hat er aber den Anfang eines
sentimentalen Romans [‘Godwi’] zu lesen gegeben; der ist ungleich
besser, und das verdrießt ihn nun wieder; er will von Teufels Gewalt
satyrisch sein. Kurz, es ist ein
Hauptspaß!” [77]
Tatsächlich war Tieck Brentanos Vorbild, nicht nur in seinen lyrischen
Anfängen. So ist diese Satire ganz nach den Literaturkomödien Tiecks,
dem “Gestiefelten Kater”, der “Verkehrten Welt” und dem
“Prinzen Zerbino” gestaltet. Auch hier ist ein diskutierendes
Publikum sowie der Autor mit einbezogen, das ganze ist mit lyrischen Einlagen
ausgeschmückt.
2.4 Religiöse Schriften
Brentanos religiöse Schriften, ein dreiteiliges Prosaepos der
Heilsgeschichte, das aus einem Marienleben, dem Leben Jesu und der Passion nach
den Geschichten der Anna Katharina Emmerick bestehen
sollte [78], sind zugleich sein
Lebenswerk oder sollten es zumindest werden. “Das bittere Leiden unseres
Herrn Jesu Christi” ist ohne Zweifel große epische Dichtung, obwohl
die religiösen Schriften Brentanos lange als Beweis dafür galten,
daß durch die Rückkehr Brentanos zum katholischen Glauben die
erfindende Kraft des Dichters gemindert und gelähmt
wurde. [79]
Zum Stoff der “Leben-Jesu”-Trilogie kam
Brentano über die von ihm aufgezeichneten Visionen der
stigmatisierten[80]
Dülmener Nonne Anna Katharina Emmerick.
1816 hörte Brentano im Hause seines Schwagers Friedrich Karl von
Savigny in Berlin das erste Mal von Anna Katharina Emmerick. Einer der Studenten
Savignys, der 21jährige Ernst Ludwig von Gerlach, erzählte, er
hätte im April 1815 zusammen mit einem Kommilitonen die Nonne in
Dülmen gesehen. Gleichzeitig berichtete er von ihrer Stigmatisierung.
Brentano entgegnete ihm damals: “Was? Das haben sie gesehen und sitzen
hier noch und
essen?” [81].
In Berlin eignete sich Brentano die pietistischen Leitvorstellungen an. Er
erteilte einer natürlichen, nicht-religiösen Kunst, wie sie in seinem
Frühwerk zu finden ist, eine Absage, wie man in einem Brief an Wilhelm
Grimm vom 15. Februar 1815 erkennen kann.
“Ich weiß nicht, lieber Wilhelm, ob ich noch zu ihren Freunden
gehöre, denn mir ist oft, ja meist, als gehöre ich nicht mehr zu den
Lebendigen. [...] Der Blick auf mich selbst vernichtet mich, und nur wenn ich
die Augen flehend zu dem Herrn aufrichte, hat mein zitterndes, zagendes Herz
einigen Trost [...]. Meine dichterischen Bestrebungen habe ich geendet, sie
haben zu sehr mit dem falschen Wege meiner Natur zusammengehangen, sie ist mir
alles mißlungen, denn man soll das Endliche nicht schmücken mit dem
Endlichen, um ihm einen Schein des Ewigen zu geben; jedes, auch das gelungenste
Kunstwerk, dessen Gegenstand nicht der ewige Gott und seine Wirkung ist, scheint
mir ein geschnitztes Bild, das man nicht machen soll, damit es nicht angebetet
werde.” [82]
In der Maikäferei, ein von Brentano angeregter Freundeskreis, las er
seine patriotische Dichtung, seine Dirnengedichte und seine Märchen vor.
Doch schon 1818 wurde die Situation in Berlin für Brentano
unerträglich. Am 14. September verläßt Brentano Berlin und reist
nach Dülmen, wo er Quartier “auf der Post” nimmt.
Dort begann er ein Tagebuch für Luise Hensel, in dem er in langen
Briefen euphorisch die körperliche und seelische Verfassung der Emmerick
beschrieb.
Mehrere Kommissionen versuchten damals aufzudecken, was sich hinter Anna
Katharina Emmerick verbirgt, ob sie wirklich ein Medium Gottes war. Brentano
versuchte, die Emmerick darauf vorzubereiten, damit ihre Stigmatisierung
unwiderruflich festgestellt würde und somit alle Ungläubigen
beherrscht würden. Beim Besuch der Kommission verschwanden aber ihre Wunden
und die Kommission kam zu dem Ergebnis, daß es sich teilweise um einen
Betrug handelte.
In Dülmen war Brentano der Biograph der Emmerick. Er zeichnete an
ihrem Bett alle Beobachtungen und Äüßerungen in Tagebuchform mit
Datum auf. Außerdem suchte er die Stätten auf, an denen die Nonne
gelebt hat und sammelte Einzelheiten aus ihrem Leben.
Um zu seinen Aufzeichnungen zu kommen, ließ Brentano die Nonne
Personen und ihre Kleidung, Bewegung, die Sprach- und Denkweise sowie Orte,
Gebäude und Geschehnisse scharf und genau beschreiben. Dies waren zum Teil
für Anna Katharina Emmerick unerfüllbare Forderungen, und sie wertete
diese Suggestivbefragung Brentanos als einen brutalen Eingriff in ihr inneres
und äußeres Leben. Brentano war aber auf der Jagd nach diesen
Details, da das Unerhörte, das Heilige in der visionären, poetischen
Teilhabe als der eigentliche Grund des Seienden und der Geschichte angesehen
werden, welche eine angestrengte Detailtreue verlangen.
Von diesen Aufzeichungen sind ca. 15.000 Folioseiten mit Stichwörtern,
die nur auf der linken Seite beschriftet sind, erhalten.
Vorhandene Lücken in den Aufzeichnungen wurden von Brentano
eigenmächtig ergänzt. Seine Quellen kamen zum Teil aus seiner eigenen
umfangreichen theologischen Bibliothek, z.B. das Werk des Kapuziners Martin von
Cochem “Das Leben Christi” (1677-92), die Vita Christi des Adam
Walasser (Köln 1657), des Mystikers Thomas de Jesu (Thomas d’Andrade)
und des Märtyrers Philipp a Jesu (Philipp de Las Casas). Ferner die
Apokryphen, besonders das Protoevangelium des Jacobus, das arabische
Kindheitsevangelium und das Nikodemus-Evangelium, sowie
Palästinabücher und Reiseliteratur, aus denen er Modelle der Stadt
Jerusalem selbst anfertigte und der Nonne vorführte.
“Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi” zählte zu
Brentanos erfolgreichsten Schriften. Bis zu seinem Tode 1842 erlebte es 6
Auflagen, ab der 2. Auflage 1834 wurde es um ein Abendmahl-Kapitel erweitert.
Das “Leben der heiligen Jungfrau Maria”, daß außerdem
die Kindheitsgeschichten Jesu behandelt, erschien erst nach seinem Tod 1852. Es
war damals ein Eingriff in die mariologische Diskussion um die
‘unbefleckte’ Empfängnis Marias, die 1854 zum Dogma erhoben
wurde. Das “Marienleben” ist nur mit Vorbehalt als Werk Brentanos zu
betrachten, da er die Redaktion des Manuskriptes nicht mehr zu Ende führen
konnte.
Benutzte Literatur:
Primärliteratur:
BRENTANO, CLEMENS: Werke. Band 1-4, herausgegeben von Friedhelm Kemp.
München ²1978.
BRENTANO, CLEMENS: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen
Annerl. München 1994.
BRENTANO, CLEMENS: Gedichte. Hrsg. von Hartwig Schultz. Stuttgart 1995.
(= RUB Nr. 8669)
BRENTANO, CLEMENS: Godwi. Hrsg. von Ernst Behler. Stuttgart 1995
(= RUB Nr. 9394)
Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder gesammelt von L. Achim von
Arnim und Clemens Brentano. München 1957.
BüCHNER, GEORG: Werke und Briefe. Münchner Ausgabe, hrsg. von
Karl Pörnbacher u.a. München 61997
Sekundärliteratur:
BRENTANO, CLEMENS: Der Dichter über sein Werk. Hrsg. von Werner
Vordtriede. München 1970.
BUSSE, GüNTHER: Romantik. Karlsruhe 1982.
CATHOLY, ECKEHARD: Das deutsche Lustspiel. Von der Aufklärung bis zur
Romantik. Stuttgart u.a. 1982.
Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Romantik I. Hrsg. von Otto
F. Best und Hans-Jürgen Schmitt. Stuttgart 1974 (= RUB Nr.
9629)
EMMEL, HILDEGARD: Geschichte des deutschen Romans. Band 1. Bern /
München 1972.
FRüHWALD, WOLFGANG: Clemens Brentano. In: Deutsche Dichter der
Romantik. Ihr Leben und Werk. Hrsg. von Benno von Wiese. Berlin
21983. S. 344-376
DERS.: Das Spätwerk Clemens Brentanos (1815-1842). Romantik im
Zeitalter der Metternich’schen Restauration. Tübingen 1977.
GAJEK, BERNHARD: Der romantische Dichter und das Christentum. Clemens
Brentanos religiöse Schriften. In: Schultz, H. (Hrsg.):Clemens Brentano.
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Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Bd. 7 (hrsg. von Gerhard Schulz), Teil 1 und 2. München 1989
HOFFMANN, WERNER: Clemens Brentano. Leben und Werk. Bern / München
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Kindlers Neues Literatur-Lexikon. München 1989. Band 2, S.
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KLUGE, GERHARD: Clemens Brentano. Geschichte vom braven Kasperl und dem
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1979.
KOLL, ROLF-DIETER: Des Dichters Ehre. Bemerkungen zu Brentanos
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Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1978. S. 256-290.
NEUNZIG, HANS A.: Lebensläufe der deutschen Romantik. Schriftsteller.
München 1986.
RILEY, HELENE M. KASTINGER: Clemens Brentano. Stuttgart 1985. (= Sammlung
Metzler Band 213)
RILEY, HELENE M. KASTINGER: Achim von Arnim. Reinbek 1979.
RöLLEKE, HEINZ: Anmerkungen zu “Des Knaben Wunderhorn. In:
Clemens Brentano. Beiträge des Kolloquiums im Freien Deutschen Hochstift
1978. Tübingen 1980. S. 276-294.
ders.: Die gemästete Gänseleber. Zu einer Metapher in Clemens
Brentanos “Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen
Annerl”. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1974. S.
312-322
SCHLOSSER, HORST D.: dtv-Atlas zur deutschen Literatur. Tafeln und Texte.
München 61994
SCHULTZ; HARTWIG: Clemens Brentano. In: Deutsche Dichter, Band 5. Romantik,
Biedermeier und Vormärz. Hrsg. von G. E. Grimm und F. R. Max. Stuttgart
1989. (= RUB Nr. 8615)
DERS. (Hrsg.): Clemens Brentano. 1778-1842. Zum 150. Todestag. Bern
1993
VON GERSDORFF, DAGMAR: Dich zu lieben kann ich nicht verlernen. Das Leben
der Sophie Brentano-Mereau. Frankfurt/Main 1984.
Auf diese Hauptseminararbeit bekam ich die Note 1,7.
Wenn du damit arbeitest, würde es mich freuen, wenn du mir eine e-Mail
schickst und mir deine Meinung mitteilst.
Danke, Steffi
e-Mail: seglassl@phil.uni-erlangen.de (bis etwa März 1999)
1010-486@online.de (nach März 1999)
[1] In der
Sekundärliteratur wird auch die italienische Form seines Namens - Pietro
Antonio Brentano - verwendet.
[2] Aus: Clemens
Brentano: Werke. München ²1978. Bd. 1, S. 654
[3] Aus: Helene M.
Kastinger Riley: Clemens Brentano. Stuttgart 1985. S. 14.
[4] Aus: Hartwig Schultz:
Clemens Brentano. In: Deutsche Dichter Band 5 - Romantik, Biedermeier und
Vormärz. Stuttgart 1989. S. 180-198
[5] aus: Brentano
²1978, Band 2, S. 505
[6] Das romantische
Selbstbewußtsein; der Dichter als Vermittler des Wahren; Ironie; Brechung;
Polarität; Witz; Mischung des Genres; usw. (Entnommen aus: Kastinger Riley
1985, S. 19f)
[7] Aus: Kastinger Riley
1985, S. 24
[9] Abgedruckt im
Kapitel: 2.4 Religiöse Schriften
[10] Im Dezember 1819
in Berlin
[11] Heiligenviten,
Mystiker, Kirchenväter
[12] z.B. Spiecker,
Cardauns etc. (nach Riley 1985, S. 50)
[13] In der Literatur
auch Anna Katharina Emmerich genannt
[14] Aus: Riley 1985,
S. 56
[15] dort lebte sein
Freund Joseph Görres im Exil
[16] vor allem durch
die Habilitationsschriften von Bernhard Gajek und Wolfgang
Frühwald
[17] Beginnend mit der
Tatsache, daß Brentano keinen Beruf ausübte, wie viele seiner heute
lebenden Schriftstellerkollegen dies tun. Zu seiner Zeit war dies allerdings
unüblich, da die Schriftsteller nicht alleine von ihrem literarischen
Schaffen leben konnten. Außer, sie hatten solch große Geldreserven
wie Clemens Brentano.
[18] Aus: Kindlers
Literatur-Lexikon, München 1989, Band 2, S. 129
[19] Aus: Clemens
Brentano: Gedichte. Hrsg. von Hartwig Schultz. Stuttgart 1995. S.
233.
[20] Aus: Brentano
1995, S. 7.
[21] Aus: Hoffmann, S.
242
[22] Aus: Brentano
1970, S. 154f
[23] Aus: Brentano
1970, S. 158
[24] Aus: Brentano
1973, 9. Romanze, S. 798.
[25] Aus: Brentano
1973, 9. Romanze, S. 798
[26] Seine
Volksliedsammlung erschien postum 1807 unter dem Titel: “Stimmen der
Völker in Liedern”
[27] abgeleitet von dem
englischen popular song
[28] Aus:
Frühwald, W.: Clemens Brentano. In: Deutsche Dichter der Romantik. Ihr
Leben und Werk. Hrsg. von Benno von Wiese. Berlin 21983. S.
353.
[29] Aus: Rölleke,
Heinz: Anmerkungen zu “Des Knaben Wunderhorn”. In: Clemens Brentano.
Beiträge des Kolloquiums im Freien Deutschen Hochstift 1978. Hrsg. von
Detlev Lüders. Tübingen 1980. S. 278.
[30] Aus: Clemens
Brentano. Der Dichter über sein Werk. München 1970. S.
113
[31] billige
Einzelblattdrucke des18. und des frühen 19. Jahrhunderts
[32] hauptsächlich
aus dem15. bis 17. Jahrhundert
[33] Aus: Helene M.
Kastinger Riley: Achim von Arnim. Reinbek 1979. S. 52.
[34] Aus: Kastinger
Riley 1979, S. 52
[35] Aus: Kastinger
Riley 1979, S. 53
[36] Dazu Rölleke
1980, S. 279:
1. Was Arnim und Brentano mit
“Mündlich” bezeichnen, sind nur höchst selten Lieder, die
sich selbst etwa aus mündlicher Tradition gewonnen hätten; vielmehr
kennzeichnet dieser im Wunderhorn häufigste Herkunftsvermerk fast
ausschließlich gravierende Eingriffe in einen überlieferten Text oder
die meist vage Vermutung, ein durch einen Mittelsmann eingesandter Text sei von
diesem nach mündlicher Tradition aufgezeichnet - was selten genug der Fall
ist.
2. Wirklich direkt aus lebendiger
Volksüberlieferung sind von Brentano neben einigen Kinderliedern nur
verschwindend wenig Texte gewonnen, [...].
[37] Aus: Kastinger
Riley 1985, S. 81.
[38] In den Gesammelten
Werken (Brentano ²1978) ist dieses Märchenfragment allerdings im
zweiten Band bei den Erzählungen und nicht im dritten Band bei den
Märchen abgedruckt.
[39] Zu diesem
Zeitpunkt war es von Brentano als Spätfassung um das vierfache erweitert
worden.
[40] Im Original
“Lo cunte de li cunti”
[41] Nach: Werner
Hoffmann: Clemens Brentano. Leben und Werk. Bern / München 1966. S.
271f
[42] aus: Brentano
1978, Band 3, S. 380.
[43] Beispiel: Hinkel
steht “so betrübt und beschämt und kümmerlich”
vor Gockel, “als ob sie den Pips
hätte.” (Brentano 1978, Band 3, S. 485). Der Pips
ist eine Hühnerkrankheit.
[44] Von Tieck 1800
dramatisiert, von Görres 1807 in den Teutschen Volksbüchern
behandelt.
[45] Aus: Brentano
1978, S. 225
[46] Aus: Brentano
1978, S. 387
[47] Aus: Brentano
²1978, Band 2, S. 17
[48] Aus: Brentano
²1978, Band 2, S. 32
[50] Aus: Brentano
²1978, Band 2, S. 119
[51] Wegen eines
Fehlers Brentanos bei der Kapitelnumerierung ist das Kapitel 26 zweimal
vorhanden.
[52] Das Kapitel 27
besteht fast nur aus diesen Fragmenten.
[53] Entnommen aus:
Handbuch des Deutschen Romans.
[54] Aus: Brentano
1970, S. 91
[55] Aus: Günther
Busse: Romantik. Personen - Motive - Werke. Freiburg 1982. S.
38
[56] Siehe dazu auch:
dtv-Atlas zur deutschen Literatur. München 61994. S.
182
[57] Aus: Brentano
²1978, S. 1178f)
[58] Aus: Clemens
Brentano. Godwi. Stuttgart 1995, S. 557
[59] Aus: Kastinger
Riley 1985, S. 98
[60] Friedrich Schlegel
schrieb im 116. “Athenäum”-Fragment: “Die romantische
Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht blos,
alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der
Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. [...] Sie umfaßt
alles, was nur poetisch ist, [...] Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei
ist und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des
Dichters kein Gesetz über sie leide. Die romantische Dichtart ist die
einzige, die mehr als Art und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem
gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein. (Aus: Die deutsche
Literatur in Text und Darstellung. Romantik I. Hrsg. von Otto F. Best und
Hans-Jürgen Schmitt. Stuttgart 1974. S. 22-25
[61] wegen dem Bericht
der Großmutter “Der Ulan stand wieder in Frankreich...”
(Clemens Brentano: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.
München 1994), welcher die kriegerischen Ereignisse der napoleonischen
Kriege nach Napoleons Rückkehr aus Elba meint.
[62] Aus: Brentano
1994, S. 172.
[63] Volkslied aus
Böhmen. Aus: Clemens Brentano. Geschichte vom braven Kasperl und dem
schönen Annerl. Hrsg. von Gerhard Schaub. Stuttgart 1990. S.
62f
[64] Erzähltypus
des 19. Jahrhunderts, in dem ein Geschehen durch eine spezifische Wertung des
bäuerlich-dörflichen Milieus geprägt ist. Das idealisierte
ländliche Dasein wird einer städtischen, als bindungslos gesehenen
Existenzform als realer Raum der Wertbeständigkeit und Geborgenheit
gegenübergestellt, dessen Kräfte allen andrängenden
Verunsicherungen und Veränderungen trotzen.
[65] Kurze,
volkstümliche, meist realitätsbezogene Erzählung, oft
unterhaltend und stets didaktisch orientiert.
[66] Aus: Brentano
1994, S. 21
[67] Eine
“Person, welche Gott und der Zeit gleichsam die Tage stiehlet, sie mit
Müßiggange zubringet” (Aus: Heinz Rölleke: Die
gemästete Gänseleber. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts
1974, S. 313f.
[68] Aus: Rölleke
1974, S. 315.
[70] Aus:
Frühwald, Wolfgang: Clemens Brentano. In: Deutsche Dichter der Romantik.
Ihr Leben und Werk. Hrsg. von Benno von Wiese. Berlin ²1983. S.
351
[71] Brentano
ließ die Sprache mit sich selbst spielen
[72] aus: Büchner,
Georg: Werke und Briefe. München 61997, S. 179
[73] Aus: Kastinger
Riley 1985, S. 130f.
[74] fünfhebiger
Jambus ohne Reim
[76] Aus: Brentano
1970, S. 87
[77] Aus: Brentano
1978, Band 4, S. 903
[78] es wurden nur zwei
Teile, das Marienleben und das Leben Jesu, fertig.
[79] Zum Beweis des
Gegenteils kann gesagt werden, daß Brentano in der Phase der
Rückbesinnung zu seinem Glauben auch einen Höhepunkt seiner Lyrik
hatte.
[80] D.h. sie hatte
Wunden an den Hand- und Fußrücken sowie an der Brust und blutete an
Stirn und Haaransatz; sie trug also die Wunden des gekreuzigten
Jesus.
[81] Aus: Gajek 1993,
S. 110
[82] Aus: Gajek 1993,
S. 112
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