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Brecht, Bertolt: Leben des Galilei
walter-ludwig skolud <waluliso@gmx.net>
Titel: Leben des Galilei
Autor: Brecht
Inhalt:
Galilei, ein Lehrer der Mathematik in Padua will das neue kopernikanische
Weltsystem beweisen. Da die Gelehrten in der Republik vor der Inquisition sicher
sind , zahlt auch die Universität wenig . Die meisten Gelehrten sind somit
auf Privatschüler oder vom Staat verwertbaren Erfindungen angewiesen , so
auch Galilei . Galilei benötigt aber die Zeit um Beweise für das neue
Weltbild zu sammeln, und um zu forschen . Er unterrichtet nebenbei Andrea , dem
Sohn seiner Haushälterin , als ein reicher junger Mann ihn um Privatstunden
bittet . Von ihm erfährt Galilei , daß in Holland ein Fernrohr
entwickelt worden ist , welches er nun verbessert . Bei einem Disput über
eine Gehaltserhöhung mit dem Kurator , erwähnt er es nebenbei , da er
eine neue verwertbare Erfindung erst vorweisen muß . In einer feierlichen
Zeremonie wird dies Wunderding dem Dogen der Stadt übergeben . Galilei
erhält nun seine Gehaltserhöhung und kann nun weiterforschen . Der
Schwindel fliegt auf , aber Galilei weist darauf hin , daß er mit diesem
Fernrohr die Sterne studieren un so bessere Sternenkarten für die
Schiffahrt zeichnen kann . Er will außerdem auf den florentinischen Hof um
dort in Ruhe arbeiten zu können . Dort stoßen seine Theorien und auch
Beweise auf Unglauben . Vielmehr führen die dortigen Gelehrten Aristoteles
als unumstößliche Autorität an . Schließlich werden seine
Berechnungen dem Collegium Romanum in Rom zur Überprüfung
übergeben . Doch selbst die geistlichen Astrologen erkennen sehr zum
Unbehagen der geistigen Obrigkeit die Richtigkeit seiner Behauptungen . Auf
einem anschließenden Ball im Haus eines Kardinals wird Galilei nahegelegt
zwar weiter zu forschen , aber im Einklang mit der Kirche zu bleiben , und seine
Theorien nicht zu veröffentlichen . Acht Jahre schweigt nun Galilei , als
ein neuer Papst gewählt wird , welcher selber Wissentschaftler ist .
Galilei wendet sich somit wieder der Forschungen auf dem verbotenen Feld der
Sonnenflecken zu . Galilei will nun um seine Lehren unter das Volk zu bringen
nicht in Latein sondern in der Sprache des Volkes seine Theorien
veröffentlichen . Das Volk legt das neue wissentschaftliche Weltbild
allerdings auf das gesellschaftliche Gefüge des Staates um - somit wird
Galilei eine Schlüsselfigur in dem Kampf um die Freiheit neue Dinge zu
lehren . Galilei wird von der Inquisition nach Rom beordert . Ein
Eisengießer will Galilei zur Flucht überreden , doch der lehnt ab .
Als Galilei den Ernst der Lage begreift und fliehen will , ist es bereits zu
spät - er wird in einem Wagen nach Rom geschafft . Nachdem der Inquisitor
dem Papst nahegelegt hat , daß das in Zweifel stellen des bisherigen
Weltsystems auch zu einem Zweifel an der gesellschaftlichen Strukturen kommen
könnte , insofern ja Galilei in der Sprache des Volkes schreibt ,
erklärt sich der Papst , der zuerst Galilei verteidigt hat , bereit Galilei
wenigstens die Folterinstrumente zu zeigen , damit er seine Lehren widerrufe .
Galilei widerruft auch wirklich seine Lehre , und wird den Rest seines Lebens
von der Inquisition "behütet" . Doch trotz Kontrolle schafft er es ein
wissenschaftliches Werk über Mechanik und die Fallgesetze zu schreiben ,
welches er durch Andrea über die Grenzen nach Amsterdam schafft . Jetzt
erst erkennt Andrea , welcher zuerst die Einstellung Galileis , seine Lehren zu
widerrufen , verurteilt hat , daß Galilei auch auf dem Gebiet der Ethik
seiner Zeit voraus war , da Galilei durch den Widerruf überlebte und so
seine wissenschaftlichen Arbeite weiterführen konnte .
Interpretation:
Brecht zeigt, das die naturwissenschaftliche Haltung kritischer
Gegenstandsprüfung und wachsender Gegenstandskenntnis auch die
Gesellschaftswissenschaft leiten müsse, letztere müsse sogar die
Naturwissenschaft leiten, damit nicht Wissen über die Natur gegen
die
Gesellschaft angewandt wird .Wissen über die Menschen als
gesellschaftliches Wesen zu vermitteln sowie für Veränderungen
eintreten, wird ganz analog zur Naturwissenschaft als Aufgabe des epischen
Theaters dargestellt . Im Galilei zeigt sich das dadurch, daß durch das
naturwissenschaftliche Entdeckerauge Galileis nicht nur die Erde in Bewegung,
sondern auch die Gesellschaft in Fahrt kommt . Unruhe ergreift das Volk, das
Bürgertum schöpft soziale Kraft aus Galileis Physik, der Staat
formiert sich somit zur Gegenwehr : Die Veränderbarkeit der Gesellschaft
wird im Medium der erforschten Natur zur Hoffnung und Befürchtung aller .
Die Idee der Veränderbarkeit besagt in Brechts Theorie, daß zur
Diskussion steht, was bisher als ewiges, unabänderbares Phänomen galt
. Zur Diskussion stellt man es, indem man verfremdet, indem man dem Vorgang oder
Charakter das Selbstverständliche, Bekannte nimmt . und ein Staunen
auslöst was in neue Erkenntnisse mündet . Galilei verfremdet insofern
da er durch Kraft seines "fremden Blicks" das Weltbild neu sieht und somit das
alte Welt - und Gesellschaftsbild ins Wanken bringt . Die Verfremdung die
Galilei zugrunde liegt ist sein wissenschaftlicher Zweifel an allem . So zeigt
so in seinem Experiment mit dem Apfel Andrea , daß die Erde sich um die
Sonne drehen könnte wenn man die Welt anders nämlich rund sieht .
Mißtrauisch machen ,Zweifel säen gegen die überlieferte
Anschauung durch das anschauliche Experiment - das ist Galileis Pädagogik .
Diese komplexe Wahrnehmungsweise wird in diesem Stück zum Hauptthema
erhoben , um den Kunstbetrachter eine neue differenzierte Sehweise zu
fördern . Da Galilei erkennt daß sich die Erde um die Sonne dreht
("Himmel abgeschafft") , sieht er auch das Zusammenleben der Menschen in
großer Fahrt (" ...und sogar der Papst rollen mit ihr...") - so kann jeder
als Mittelpunkt angesehen werden und keiner . Wie ein Dichter schaffte er sein
naturwissenschaftliches Gesetz zu einem dynamischen Weltverständnisses um
wenn er sagt : "Eine neue Zeit ist angebrochen, ein großes Zeitalter, in
dem zu leben eine Lust ist." Brecht möchte somit den Zuschauer Mut zum
Verändern geben. Doch wer Mut zur Veränderung entwickeln will ,
muß erst zweifeln lernen .
Dazu fordert nun Galilei auf . Auch an Galileis Theorien werden gezweifelt
.(Balladensänger, der kleine Mönch). Galilei meldet aber an dem
Zweifel seiner Gegner wieder Zweifel an - durch seine Überzeugungskraft
vertieft sich nun der kleine Mönch in seine Schriften um seinen
Wissensdurst zu stillen. Eine herrschende Macht , die Kirche , erkennt die
Sprengkraft die im Zweifel liegt.Es sei ein entsetzliche Unruhe in die Welt
gekommen argumentiert der Inquisitor . Doch der Zweifel Galileis ist auch wie er
immert betont vernunftorientiert, den der Zweifel benötigt die Vernunft die
ihn leitet . Daher drängt auch Galilei nach Florenz um Beweise sammeln zu
können . Interessant ist auch die Darstellung wie das wissenschaftliche
Elemt mit der Wirtschaft verwoben ist . Um zu Geld zu kommen muß Galilei
Neues erfinden . So ist bei Galilei Broterwerb , Nutzen und neue Erkenntnisse
eng verwoben , da er um Geld zu bekommen , das Fernrohr erfindet , mit dem er zu
neuen Erkenntnissen kommt . Wie Galilei den Ratsherren wissen läßt ,
daß das Fernrohr für den Krieg als auch zum Verkauf geeinet ist ,
erkennt man wie die Wissenschaft im Dienste der Wirtschaft aber auch des
Militärs steht . Galilei der an die Vernunft im Menschen glaubt, wird durch
die Inquisition desillusionisiert . Er als Vertreter des vernunftgeleeiteten
Inviduums wird von der Kirche besiegt. Somit ist er ein Beispiel für die
Ohmacht des Einzelnen in unfreien gesellschaftliche Verhältnissen . Die
Selbstverachtung Galileis nachdem er widerrufen hat muß aufklärerisch
und idealistisch interpretiert werden - schließlich saget Galilei selber
"Unglücklich das Land welches Helden nötig hat". Außerderdem war
die Sache selber nicht verloren da durch das Fernrohr ,
Vergrößerungsglas sozialen Elends und durch die Naturwissenschaft als
Gesellschaftskritik bereits das Volk gewonnen war. Somit konnte durch den
Einzelnen nichts mehr verloren werden .Und da Galilei die Menschen als
vernunftbegabte Wesen sieht, verliert der Einzelne die Verantwortung
gegnüber ihr - die Pflege der Vernunft wird der gesamten Gesellschaft
übertragen . Zur militärischen Nutzung und der Verantwortung des
Wissenschaftlers: Der Wissenschaftler, Galilei , hat den Nutznießer seiner
Erfindung , den Staat, bereits vorgefunden , somit hat der Staat die
Verantwortung der Erfindung , denn : Wenn man behauptet , Galilei hätte als
sozialverantwortlicher Wissenschaftler die Wege des Staates ändern
können, verkennt die Macht des Staates, die noch kein Einzelner zu
untergraben vermochte . Der Scheiterhaufen der Inquisition hätte seine
Flammen genauso über Galilei schlagen lassen wie über Giordano Bruno ,
ohne daß daraus eine Revolution entstanden wäre.Und Galilei hat sich
auch nicht an dem Bürgertum vergangen welches hinter ihm stand - denn:
dasselbe Bürgertum welches sich während den Revolutionen als Vertreter
allgemeiner humaner Ziele sah, verwertete nach der Revolution die Wissenschaften
im Sinne der Ideale der eigenen Klasseninteressen . Selbst wenn sämtliche
Wissenschaftler Märtyrer spielen würden - der Staat fünde immer
noch genügend die Lücken zu schließen . (Beispiel : Arbeit an
der Bombe von Hiroshima in den USA ) - Auf den Punkt gebracht : Der staatliche
Wissenslieferant und der Systemveränderer wirken in verschiedenen
Sphären .
Die Feinde Galileis führen an , daß die Harmonie des alten
Weltbildes ein Gebäude von Ordnung und Schönheit sei , und daß
man wohl zögern sollte diese Harmonie zu stören.: Man sieht ,
daß hier die Sinnlichkeit , das Kunstgefühl gegen das
naturwissenschaftliche Element sich verschworen hat. - Brecht meint aber selber
daß das Theater ähnlich einem Wissenschaftler von den Gesetzen der
Gesellschaft unterrichten soll. Anhand der kirchlichen Würdenträger
sieht man den Menschen den sein Weltbild erschüttert wurde , und Brecht
meinte wohl damit seine Zuschauer . Aber er wußte auch, daß die
zerfallene Ästhetik ein Gegengewicht bräuchte welches er in der Figur
Galileis fand . Dieser ist überaus sinnlich, mit wissenschaftlichen
Schönheitssinn ausgestattet , dargestellt. Diese Sinnlichkeit war es auch
die Galilei hinderte sich zu opfern um einen lebensfeindlichen
Fortschrittspathos Platz zu gewähren.
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