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Süskind, Patrick: Das Parfum (Die Welt des Geruchs
Martin Behrens S3
25.11.1998
Deutsch-Referat
Die Welt des Geruchs im 18.
Jahrhundert
Patrick Süskinds Roman “Das Parfüm” basiert zum
größten Teil auf den wissenschaftlichen- und gesellschaftlichen
Erkenntnissen des 18. Jahrhunderts. Der geschichtliche Exkurs, den Patrick
Süskind uns durch seinen Roman ermöglicht, hat daher einen hohen Wert
an Richtigkeit. In wesentlichen Teilen beruht seine detaillierte Beschreibung
der Welt des 18. Jahrhunderts vor dem olfaktorischen Hintergrund auf dem Buch
“Pesthauch und Blütenduft” von Alain Corbin.
Die Situation in Frankreich im 18. Jahrhundert
Der Geruchsinn war in allen Bereichen des menschlichen Lebens
vernachlässigt worden. Die Philosophen behaupteten, daß der
Geruchssinn mit dem Aufbruch in die Neuzeit im Niedergang begriffen ist. Der
Geruchssinn galt als Sinn der Lust, der Begierde, der Triebhaftigkeit und somit
als etwas animalisches, welches in der Gesellschaft verachtet wurde. Manche
waren sogar der Auffassung, daß der Geruchssinn vollkommen
überflüssig sei, da der Mensch zum aufrechten Gang bestimmt war und
somit schon aus der Ferne erblicken konnte was ihm als Nahrung dienen sollte.
Die Gesellschaft war dazu da, um ihn über die Eigenschaften der ihm (den
Menschen) eßbaren Stoffe aufzuklären. Doch dies sollte sich alles
ändern!
Die Menschen im 18. Jahrhundert sahen sich einer neuen Bedrohung
ausgesetzt: die Luft!
Es entsteht ein Wunsch nach reiner Luft und es wächst die Angst vor
allem was stinkt. Die Luft ist plötzlich Träger allen Übels und
gilt als Ursache für Krankheiten und Tod. Eine Sensibilisierung bricht aus
die nicht mehr zu stoppen ist. Diese neue Erkenntnis kam durch den
“Fortschritt der Wissenschaft. Damals war die Luft noch ein elementares
Fluidum, welches auf den Körper einen direkten Einfluß hat. Die
Gelehrten waren sich einig, daß die Luft, die bis jetzt nicht sonderlich
beachtet wurde, einen Einfluß auf jedes organische Lebewesen hat. Damit
wurde auch die Tragweite des Problems der Luft klar. Wenn jedes Lebewesen auf
Luft angewiesen ist und die Art der Luft direkten Einfluß auf das befinden
des Lebewesens hat, dann muß es eine immense Vielfalt von
Zusammenhängen zwischen dem menschlichen Leben und der Luft geben. Diese
Vielfalt von Zusammenhängen galt es zu erforschen. Der Geruchssinn fand
wieder Einzug in die Wissenschaft. Jeder mußte sich den neuen Regeln des
Geruchs in der Wissenschaft beugen. Die Erwähnungen des Geruchs in der
Literatur des 18. Jahrhunderts nahm rapide zu. Man ging von der Annahme aus,
daß sich der Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit und andere Parameter des
Fluidums sich auf den menschlichen Organismus auswirken. Man wußte ebenso,
daß das Fluidum in der Lage ist fremde Partikel mit sich zu
transportieren. Die Belastung der Luft ändert sich ebenso wie seine
physikalische Beschaffenheit nach Zeit und Raum. Der Versuch einer
Bestandsaufnahme aller Aufgaben der Luft schien unmöglich, da sie endlos
erschienen. Doch einige Versuchten diese Aufgabe zu bewältigen und
veranstalteten Versuchsreihen, in denen sie verschiedene Pflanzen verschiedenen
Arten von Luft aussetzten, unter Einbeziehung von Jahreszeit, Temperatur und
Lichteinfall. Aber an einem zweifelte niemand: die Luft nimmt alle Absonderung
der Erde und des menschlichen Körpers auf. Damit galt die Atmosphäre
als riesen Behälter voll mit Ausdünstungen von Erde, Tier, Pflanzen
und Mensch. Man hielt die Atmosphäre für eine gefährliche
Brühe in der sich alles mischt. Man sagte sogar sie wäre Auslöser
von Epidemien. 1742 formulierte Arbuthnot, daß jedes Tier zum Gebrauch der
reinen, natürlichen und freien Luft bestimmt ist. Er war der Meinung,
daß sich die Menschen innerhalb der Zeit an den Gestank gewöhnt
hätten und ihn als solches nicht mehr bewußt wahrnehmen würden.
Weiterhin formulierte er, daß Tiere nicht dieselbe Toleranz gegenüber
der Stadtluft besäßen. Zu dieser Zeit wurde der Anspruch auf das
natürliche Recht laut, eine Luft zu atmen die nicht verpestet ist.
Daraufhin führte ein Mann namens Hallé einen unermüdlichem
Kampf gegen die übelriechenden Miasmen (außerhalb des Körpers
gebildete Ansteckungsstoffe, insbesondere Ausdünstungen des Bodens).
Hallé war erster Inhaber des 1794 in Paris geschaffenen Lehrstuhls
für Hygiene. Er lief das Ufer der Seine ab auf der Suche nach
übelriechenden Stoffen und führte Buch über seine Entdeckungen.
Er beschränkte seine Entdeckungsreisen jedoch nicht nur auf die Seine,
sondern durchlief ganz Paris. Seine Aufzeichnungen glichen einem Stadtplan,
jedoch ohne Hinweise auf etwas sichtbares. Die Entdeckung von diesen Miasmen war
in Paris nicht sehr schwer. An jeder Ecke stank es bestialisch. Doch er war
nicht der einzige, der sich mit der Bedrohung des Gestanks für die Stadt
Paris beschäftigte. Viele taten es ihm gleich. Eine Aufmarsch begann, der
ohne weiteres mit einer Hysterie zu vergleichen war. Es wurden aus heutiger
Sicht wilde, phantastische Theorien entworfen. 1786 wurde eine Abhandlung
über Bauern veröffentlicht, in der geschrieben stand, daß sich
diese einer unmittelbaren Gefahr aussetzen, wenn sie nach unten beugen um ihre
Arbeit zu verrichten. Das aufpflügen eines Bodens der längere Zeit
brach lag, setzt schädliche Gase frei die die Gesundheit des Bauern
bedroht. Die Gase hatten sich in dem brach liegenden Feld gesammelt. Man ging
davon aus, daß die erde nicht nur Gase freigibt, sondern auch aufnimmt um
sie dann vereinigt an irgendeiner Stelle wieder auszustoßen. Der Gestank,
der Krankheit und Leid mit sich bringen sollte war überall. Die Mauern der
Häuser waren verseucht, Krankenhäuser, Straßen und noch vieles
mehr. Man wußte nicht mehr wo man sich hinsetzen sollte um den Uringestank
zu entkommen. Das Gegenmittel war natürlich alles was gut roch und somit
wuchs die Beliebtheit von flüchtigen, aromatischen, öligen und warmen
Substanzen. Man wollte also mit Parfüm gegen die Pest kämpfen. Paris
wird zum Zentrum des Gestankes.
Auch die Medizin war von der Sensibilisierung betroffen. So formulierte
Bordeu folgendes: “Jeder organische Teil des lebenden Körpers hat
seine eigene Art zu sein, zu wirken und zu riechen [...]. Außerdem
verbreitet jedes Organ in seiner Umgebung in seiner Atmosphäre, seinen
Bereich unverwechselbarer Ausdünstungen, Geruchsschwaden, die seine
Eigenschaften und Merkmale übernommen hat”. Bordeu nennt sieben
Körperregionen, die man alle an ihrem Geruch erkennen kann: den behaarten
Teil der Kopfhaut, die Achselhöhlen, die Gedärme, die Harnblase, die
Samenwege, die Leisten und die Bereiche zwischen den Zehen.
Der Körper untersteht einer sich immer fortsetzenden Reinigung von
giftigen Stoffen durch den Urin, Schweiß, Stuhlgang und der Menstruation.
Die Menstruation wird fortan als Reinigung der körperlichen Säfte
gesehen.
Bordeu sprach auch in Zusammenhang mit Körpergerüchen von dem
Animalischen, welches zum Vorschein kommt, wenn der Körper in seiner
natürlichen Form, daß heißt ohne körperfremde Duftstoffe
Geruch verbreitet. Dieser Geruch hat eine luststeigernde Wirkung auf Menschen.
Allzu häufige Waschungen zerstören den natürlichen
Körpergeruch das Geschlecht kann dadurch seine Auszeichnung verlieren. Der
Mann und die Frau versprühen nämlich unterschiedliche
Körpergerüche die das andere Geschlecht wahrnehmen kann. Der
Körpergeruch setzt sich aus vielen verschiedenen Komponenten zusammen, die
ein ganz persönliches Geruchsbild eines Menschen ergeben. Die Faktoren
sind: das Klima in dem der Mensch lebt, die jeweilige Jahreszeit, die Nahrung
die er zu sich nimmt, die Leidenschaften denen er sich hingibt, die Arbeit, der
Boden auf den er arbeitet und schließlich die Luft die er atmet. Es
würde reichen eine Variable dieses komplexen Systems zu verändern um
ein völlig neues Geruchsbild zu erschaffen. Daraus folgt, daß der
Mensch im Laufe seines Lebens sein Geruchsbild ständig verändert, da
er ständig älter wird, seine Umgebung wechselt, seinen Beruf wechselt
oder sich die Jahreszeiten ändern. Der Zustand indem sich der Mensch
emotional befindet, das heißt ob er Freude verspürt oder Trauer,
verleiht seinem Geruchsbild kurzfristig eine neue Richtung.
der Zusammenhang mit dem Roman
Wer den oben stehenden Text gelesen hat, der hat sicherlich einige
parallelen zum Roman von Patrick Süskind entdeckt. Aber auch einige Sachen
die sich mit dem Roman nicht decken. Zum Beispiel die voranschreitende
Sensibilisierung der Bevölkerung wird in dem Buch nicht beschrieben. Die
ganze Hysterie in dieser Zeit um den Gestank wird in dem Roman nicht behandelt.
Sicherlich wäre dieses Kapitel zu dieser Zeit der Geschichte des Romans
auch nicht dienlich. Doch was die detaillierte Beschreibung und die menschlichen
Reaktionen auf Düfte angeht kann man einiges aus der Geschichte des Geruchs
ziehen. Ich möchte anhand einiger Beispiele die parallelen hervorbringen
und beziehe mich dabei auf den oben stehenden Text.
Die Philosophen am Anfang des 18. Jahrhunderts beschrieben den Geruch als
etwas animalisches, etwas Triebhaftes, als Sinn der Begierde. Grenouille der
sicherlich vermochte den natürlichen menschlichen Geruch analytisch zu
betrachten (S.191) fand seine Faszination in dem Geruch von jungen hübschen
Mädchen. Dieser Geruch weckte in ihm etwas animalisches, etwas triebhaftes,
etwas Böses, was zurecht in diesem Zusammenhang von der Menschheit
verachtet wurde. Das Animalische in ihm zeigt sich in seiner Entschlossenheit
den Geruch von seinen Opfern besitzen zu wollen (“... und er hatte nur
die eine Sorge, von ihrem Duft nicht das geringste zu verlieren.”).
Das Animalische wird auch öfter in dem Roman beim Namen genannt: Grenouille
der Zeck!
Nachdem Grenouille sein erstes Opfer getötet hatte, saugt er ihren
Geruch in sich auf. Dabei wird beschrieben wie er das genau macht und es zeigt
sich, daß Bordeu genau diese Körperstellen als eindeutig bezeichnet
hinsichtlich ihres Eigengeruchs. Der faszinierende Geruch der von den
Mädchen ausgeht, wird im Zuge der Sensibilisierung genaustens erklärt.
Der Geruch eines Menschen besteht aus vielen einzelnen Faktoren die sich
zusammenfügen und den eigentlichen Geruch bilden. Diese Faktoren
müssen bei Grenouilles Opfern alle so gegeben sein, daß sie die
richtige “Mischung” haben und somit Grenouille gefallen. Die 25
Mädchen die Grenouille in Grasse ermordete lebten alle an dem gleichen Ort,
erlebten also alle die gleiche Jahreszeit zur gleichen Zeit, sie atmeten alle
die gleiche Luft, nahmen alle die gleiche Nahrung aus dieser Region zu sich und
lebten alle im gleichen Klima. Diese Gemeinsamkeiten machten sie alle zu
potentiellen Opfern. da Grenouille keine männlichen Opfer hatte kann man
davon ausgehen, daß der weibliche Geruch eine besondere Faszination auf
ihn auswirkte. Aber er schätzte den Geruch von reifen Mädchen mehr als
den von Kindern (“Er wußte, daß Kinder nicht sonderlich
rochen, ebensowenig wie die grün aufschießenden Blumen vor ihrer
Blüte”). Er wartete also noch bis das Mädchen das richtige
Alter erreicht hatte um dann ihren Geruch an sich zu reißen. Das Kinder
nicht sonderlich riechen, läßt sich mit der Theorie bestätigen,
daß das Geschlecht erst seine geruchliche Auszeichnung erlangt, wenn es
zur Reife gekommen ist. Dann versprüht die Frau den für ihr Geschlecht
typischen Geruch, den Männer unbewußt wahrnehmen. Grenouille hingegen
kann diesen Geruch genaustens wahrnehmen und ergründen und er weiß,
daß der Geruch des Mädchens noch besser ist, wenn sie gereift ist.
Diesen geschlechtliche Geruch und die damit zusammenhängende Wirkung auf
das andere Geschlecht nannte Bordeu Animalisierung. Welche Auswirkungen der
menschliche Geruch haben kann verdeutlicht uns Patrick Süskind auf Seite
194 seines Romans. Grenouille hatte aus einfachen Mitteln einen Menschenduft
für sich entworfen. Diese analytische Arbeit, den menschlichen Geruch auf
seine Bestandteile aufzuspalten spiegelt die wissenschaftliche Arbeit im 18.
Jahrhundert wieder, die versuchte im Bereich der Gerüche jeden Geruch zu
analysieren und zu benennen.
Grenouilles Reise führt in unter anderem auch nach Montpellier. Dort
trifft er auf einen Menschen der eine Theorie vertritt, daß die von der
Erde ausgeschiedenen Gase für das Altern und das Gebrechen der Menschheit
verantwortlich sind. Diese Theorie erdachte sich Patrick Süskind nicht,
denn sie war Realität. Diese Theorie wurde in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts wirklich aufgestellt und vertreten. Das diese Theorie Erfolg
hatte läßt eher auf die hysterische Situation schließen, als
auf ihre Richtigkeit.
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