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Brandstetter, Alois: Zu Lasten der Briefträger
Literaturprotokoll, Gabriel Maresch 5.C Mai/Juni
1995
Alois Brandstetter: “Zu Lasten der Briefträger”
Der bekannte österreichische Gegenwartsautor Alois Brandstetter wurde
am 5. Dezember 1938 im oberösterreichischen Pichl bei Wels als
jüngster Sohn einer Müllersfamilie geboren. Früh entwickelte er
eine starke Beziehung zur ländlichen Umgebung und Sprache. Nach der Matura
1957 ging Brandstetter nach Wien, wo er Germanistik und Geschichte studierte.
Brandstetter dissertierte über “Laut- und bedeutungskundliche
Untersuchungen an der Mundart von Pichl bei Wels”. Ab 1960 arbeitete er
als Assistent an der Universität des Saarlandes, ehe er 1970 mit der Arbeit
über “Prosaauflösung. Studien zur Rezeption der höfischen
Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman” habilitierte. Ein Jahr
später wurde er zum Professor für deutsche Philologie ernannt. In
dieser Zeit entstand auch “Überwindung der Blitzangst”,
Brandstetters erstes Werk. Seit 1974 lehrt er an der Klagenfurter
Universität und hat sich mittlerweile endgültig in Kärnten
niedergelassen, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebt.
Brandstetter wirkte 1979 in der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises mit und ist
Mitglied des österreichischen PEN-Clubs.
Werke (Auszug):
“Überwindung der Blitzangst - Prosatexte”, 1971
“Ausfälle - Natur- und Kunstgeschichten”, 1972
“Daheim ist daheim - Neue Heimatgeschichten”, 1973
“Zu Lasten der Briefträger”, 1974
“Der Leumund des Löwen”, 1976
“Die Abtei”, 1977
“Vom Schnee der vergangenen Jahre”, 1979
“Von den Halbschuhen der Flachländer und der Majestät der
Alpen”, 1980
“Die Mühle”, 1981
“Über den grünen Klee der Kindheit”, 1982
“Die Burg”, 1986
“Kleine Menschenkunde”, 1987
“Hier kocht der Wirt”, 1994
Preise:
• Förderungspreis für Literatur
des Landes Oberösterreich, 1973
• Förderungspreis für Literatur
des Landes Kärnten, 1973
• Ehrengabe der Stiftung zur
Förderung des Schrifttums, 1975
• Kulturpreis des Landes
Oberösterreich für Literatur, 1980
• Rauriser Bürgerpreis,
1983
• Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt
Braunschweig, 1984
“Die Abtei”, 1982
“Zu Lasten der Briefträger”, 1984
“Die Enthüllung” (=“Altenehrung”),
1985
Weiters:
• Essays
• In der Presse veröffentlichte
Aufsätze
• Gemeinsame Herausgabe von Büchern
zusammen mit anderen Autoren
Inhaltsangabe
Der gesamte Roman besteht aus einem einzigen Monolog, mit dem sich der
anonyme Beschwerdeführer an den Postmeister des kleinen niederbayrischen
Ortes Prach wendet. Gegenstand der Beschwerde ist die Post im Allgemeinen und
die drei Briefträger der Pracher Landpost im Besonderen. Vom Erzähler
selbst erfährt man nur, daß er “draußen an der
Tierkadaververwertung” lebt; seine Unzufriedenheit richtete sich aber
ebenfalls gegen den Kaufmann, den Tierarzt, den Fleischhauer, die Lehrer und
andere.
Die Post des anonymen Erzählers bekommt dieser von Ferdinand
Ürdinger, einem Briefträger, der dem Biergenuß nicht abgeneigt
ist und dessen Gestalt eine “gewisse Diskrepanz zu einem federleichten
Luftpostbrief auf Seidenpapier” [2]
darstellt. Als Entschuldigung für das nur sporadische Eintreffen der Post
beginnt Ürdinger von Rationalisierungsmaßnahmen zu sprechen, die
nötig seien, da das Pracher Postamt hoffnungslos überlastet sei.
Glaubt man aber dem Erzähler so liegt es nicht am Einholen und Sortieren
des Postgutes, wenn die Arbeit die Briefträger überfordert, sondern
allein an der Tatsache, daß das Lesen der Post die meiste Zeit in Anspruch
nimmt; und dabei ist nicht das Lesen der Adressen gemeint, sondern vielmehr das
der Briefinhalte und -texte. Die drei Briefträger haben überdies
nämlich ein ganz besonders Verhältnis zum Briefgeheimnis: Was die Post
mit ihren Briefen macht ist allein ihre Angelegenheit, ein Geheimnis eben, das
niemanden etwas angeht und im Grundgesetz verankert ist.
Im Grunde interessieren sich die Angestellten des Postmeisters nur für
verschlossene Post, denn “ein Brief kann gar nicht so gut verschlossen
sein, daß er sich bei entsprechender Behandlung nicht von selbst
öffnet” [3]. Jeder der drei
Briefträger Ürdinger, Deuth und Blumauer hat daher seine eigenen
individuellen Techniken, um Briefe kunstvoll zu öffnen und später
unbemerkt wieder zu verschließen. Und da die Adressen immer schwerer zu
entziffern sind, bleibt den Postboten nichts übrig als die Briefe zu
öffnen, um zu wissen, was sie überhaupt geheimhalten sollen. Weil die
drei ein Team sind, lesen sie sich die besonders interessanten und delikaten
Schriftstücke gegenseitig vor, was den übrigen Postbetrieb
natürlich aufhält.
Besonders sorgsam wird die ausländische, und da die englische Post,
bearbeitet: Sie wird zwecks Übersetzung der Gattin Blumauers vorgelegt. Da
Maria “Mary” Blumauer aber grundsätzlich aus jedem Brief
herauszulesen glaubt, daß dem Empfänger ein reicher Onkel aus Amerika
gestorben sei und der Verwandte in Prach nun der Universalerbe wäre, wird
das Poststück gleich mit Beileids- und Glückwunschsbezeugungen
zugestellt. Überhaupt ist Englisch, wenn es nach Ürdinger geht, gar
keine richtige Sprache; um Englisch sprechen zu können, müsse man
“im wesentlichen nur einen Knödel in den Mund
nehmen” [4], denn wo das Deutsche beim
Knödel den Mund des Sprechers verlasse, genau da befinde sich die
Sprachgrenze.
Eine der Ausreden der Briefträger ist weiters die Behauptung, wer sich
so weit draußen ansiedle wie der Erzähler, sei ein Einsiedler und
hätte also gar kein Interesse an einer regelmäßigen
Postzustellung; ein sensibler Mensch, wie es ein Briefträger sei, habe also
gar kein Recht in diese Privatsphäre einzudringen. Außerdem
täten die Hunde ihr übriges tun um den Briefträger von seiner
Pflicht-erfüllung abzuhalten. Bemerkt sei aber, daß sich Hund auf den
Höfen wesentlich von ihren domestizierten Artgenossen im Zentrum
unterscheiden; die rustikalen Caniden also im Gegensatz zu ihren urbanen
Artgenossen Hatz auf alles machten, was sich bewege.
Ein weiterer Dorn im Auge der drei Briefträger sind die
Wochenendhäuser der Münchner, die die Abkürzungen und
Schleichwege der Postboten zunichte gemacht haben und nun die Postaustragerei
einem Geländelauf gleichen lassen. Eigentlich sind die Landhäuser nur
Stadthäuser am Land; das Land ist vielmehr Raum zwischen den Städten,
der von den Stadtmenschen erschlossen werden möchte. Das Landproblem wird,
glaubt man dem Erzähler, folgenderweise gelöst: Das Land wird mit
Schnellstraßen durchzogen und zubetoniert, so daß es gar kein Land
mehr gibt, das ein Problem darstellen könnte. Wird ein städtischer
Erholungsraum erst erschlossen, werden Bars und Hotels gebaut, so ist dieser
kein Erholungsraum mehr; Ruhe wird erst einkehren, wenn alle Erholungsräume
zu Ballungszentren geworden sind. Froh ist der Erzähler, daß Prach
nicht als Erholungsort anerkannt ist, denn “für die Einheimischen sei
es in einem Erholungsort nämlich gar nicht so
erholsam” [5].
Deuth, der verhinderte Akademiker, behauptet, daß die Post “mit
dem Quadrat der Entfernung vom Amt
abnehme” [6], sich der Erzähler also
gar nicht erst zu beschweren brauche. Außerdem sei es gar nicht
einsichtig, ein Haus nur wegen einiger Drucksachen und Postwurfsendungen
anzugehen. Der Begriff “Postwurfsendung” ist bei den drei
Briefträgern äußerst doppeldeutig zu gebrauchen, landet doch ein
Großteil dieses Postgutes in der Aist . Für die Zeit des Wahlkampfes,
in der die Haushalte von Propagandaschriften der Parteien nur so
überschwemmt werden, haben der Sozialist Deuth und der Konservative
Ürdinger ein Abkommen geschlossen: Es werden weder rote noch schwarze, und
schon gar keine blauen Werbesendungen zugestellt. Da auch Blumauer neutral
bleibt, glauben die Postboten Ruhe und Frieden in Prach gesichert zu
haben.
Der Erzähler schweift nun kurz vom Postbereich ab und klagt über
den eigentümlichen Gemeinschaftsgeist der Landleute. Fleischhauer und
Tierarzt gäben beim Zeremoniell der Fleischbeschau ein einmaliges Team ab:
Während sich die beiden über das gestrige Kartenspiel unterhalten,
erklärt der Tierarzt seinem Freund zuliebe alle Schweine- und
Rinderhälften; auch die von Maden durchzogenen mit einem Stempel für
“Unbedenklich”. Zum Dank erhält der Tierarzt am Schluß
einen schönen Schlögel. Doch auch der Briefträger Ürdinger
ist mit dem Tierarzt befreundet. So haben die beiden in einer durchsoffenen
Nacht mit dem “Unbedenklich”-Stempel des Veterinärs aus Jux
Ürdingers Briefe gestempelt.
An Ürdinger hat der Erzähler einiges auszusetzen. Ein Lichtblick
ist aber, daß die Pensionierung des besagten Postboten in nicht
allzuferner Zukunft bevorsteht. Doch Ürdinger weiß dem Pensionsschock
vorzubeugen: Indem er immer mehr Arbeit abbaut, kann er fast unbemerkt in den
Ruhestand hinübergleiten, wo sein liebstes Hobby, das Trinken, “nicht
mehr durch den lästigen Dienst unterbrochen
wird” [7]. Ürdinger hinterließe
aber ein nicht zu stopfendes Loch für seine zwei Kollegen, ist er doch als
einziger in der Lage in Kurrentschrift geschriebene Briefe zu lesen.
Ürdingers Verhängnis sind die sieben Gasthäuser, an welchen er
auf seinem Weg zur Verwertung vorbei muß. Meist ist sein Wille jedoch im
fünften gebrochen, wo er sich zu seinen Saufkumpanen gesellt und ihnen
Dichterlesungen hält. Als ein aufbegehrender Fremder sich einmal gegen die
ürdinger’sche Verletzung des Briefgeheimnisses aufgelehnt hat, ist
dieser kurzerhand von dessen Freund, dem Gendarmerieinspektor Naderhirn aus
Lokal entfernt worden.
Franz Blumauer ist der Ästhet unter den dreien. Sein Ideal ist ein
Briefträger an dem eine zierliche und schicke Posttasche hängt und
nicht ein zentnerschwerer Behälter, an dem ein schwitzender
Briefträger hängt. Blumauer hat hauptsächlich mit Frauen zu tun
und er versteht es sich bei ihnen in Szene zu setzen. Seine Methode ist das
Loben und Preisen, um dem Bedürfnis der Frauen nach Anerkennung und
Ermutigung gerecht zu werden. Meist kopiert Blumauer die abgegriffenen Floskeln
der Werbesprache und lobt die ach so weiße Wäsche der Damen, um sich
so Gehör zu verschaffen. Manchmal animiert er aber auch nur zu Eigenlob und
bestätigt dann die Betreffende mit einigen “Ah”,
“Oh” oder “Was sie nicht sagen”. Blumauer hält sich
selbst für die Harmonie in Person, da er seine eigene Meinung stets
zurückhält und so immer mit anderen übereinstimmt.
Ürdinger trägt ebenso wie Deuth seine Post zu Fuß aus. Da
er auch im Krieg bei der Infanterie gewesen ist, hält er nichts von
übertriebener Mobilität, einzig für ein Waffenrad alten Baujahres
könnte er sich begeistern. Heute seien alle Räder, ob Damen-, Herren
oder Kinderrad, ohnehin nur mehr Montagsfahrzeuge, die sofort
zusammenbrächen, setzte sich der gewichtige Postbote auf sie. Da auch die
neuen Waffenräder nicht mit den alten zu vergleichen seien und Ersatzteile
für die Originale nicht mehr zu bekommen sind, leistet Ürdinger
“einen echten Beitrag zur Verkehrssicherheit und Unfallverhütung in
Niederbayern” [8], indem auf die
Fortbewegung zu Rad verzichtet. Deuth hingegen benutzt etwaige Tote bei
Auto-rennen in Le Mans oder Indianapolis um seinen Verzicht auf Fahrzeuge zu
rechtfertigen, denn man solle sich “Zeit nehmen und nicht das
Leben” [9]
Wieder läßt der Erzähler für kurze Zeit die Post
beiseite und wendet sich dem Bruder des Postmeisters, dem Kaufmann von Prach,
zu. Der Erzähler traut dem Kaufmann am ehesten den Beruf eines Pfarrers
oder Politikers zu, als Kaufmann sei er aber gänzlich ungeeignet. So
scheint er eine Antipathie gegen bestimmte Artikel zu haben; nur wenn die
Nachfrage selbst nach Monaten noch nicht nachgelassen hat, kann er sich
entschließen das gewisse Produkt doch nachzubestellen. Wechselgeld fehlt
beim Kaufmann, der vom Erzähler nur als Krämer eines
übergroßen Bauchladens bezeichnet wird, grundsätzlich.
Mark-beträge werden mit Briefmarken, Pfennigbeträge mit diversen
Süßigkeiten abgegolten. Frauen, die für ihre Männer
Beißzangen kaufen sollen, werden Baumscheren mitgegeben, einer Dame hat
der Kaufmann sogar schon statt eines Kopftuches Filzpantoffel verkauft oder
statt der verlangten Glühbirnen Grablichter veräußert. Um sein
zu kleines Sortiment zu vertuschen, hält er sogar einem Kunden, der ein
ganz bestimmte Delikatesse erwerben möchte, einen Vortrag über Askese,
um nicht eingestehen zu müssen, daß er diesen Artikel nicht auf Lager
hat.
Nun rückt der Erzähler den Postboten Karl Deuth ins Zentrum
seiner Kritik. Wieder einmal zeige sich, daß der körperlich
Schwächste seine Kollegen aufstachle und nach seiner Pfeife tanzen lasse.
Deuth, der verzweifelt versucht, seinem Kollegen Blumauer die Vorzüge eines
Bildungserlebnisses gegenüber einem Naturerlebnis zu erklären,
resigniert. Blumauer, für den die Naturerlebnisse meist in Gestalt von
Frauen auftreten, schwärmt immer wieder von einer Kombination aus seinem
Körper und Deuths Verstand. Deuth führt des weiteren auch die
Heimatchronik. Er ist somit nicht nur über die erste urkundliche
Erwähnung des Postfräuleins und -botens informiert, sondern Kraft
seines Amtes auch für die Pflege des Brauchtums verantwortlich, was ihn
daher in gewichtigem Maße von seiner postalischen Pflichterfüllung
abhält. Einzig Jagd- und Posthorn würden miteinander kollidieren,
meint der Chronist.
Sein Kollege Ürdinger hat dagegen eine ganz andere Einstellung zur
Jagd. Ürdinger bewegt sich gemäß der hohen Schule der
Kriegskunst, wobei es ihm vor allem um liegengebliebenes Wild geht, dessen er
sich annehmen kann. Hat der Briefträger einen unentdeckten Hasen in seiner
Posttasche verstaut, sucht er den nächstbesten Wirten auf und
läßt die Zustellung der Post für die Dauer des Mahles und der
anschließenden obligatorischen Tischlesung ruhen. Für Deuth sind alle
Jäger unzurechnungsfähig, der Jagdschein sei ihre Berechtigungs- und
Krankheitsbestätigung. Wie leicht könnte ein die Felder
durchstreifender Briefträger angeschossen werden; “Zu einer
Schußwunde komme man leicht, anschließend zu seinem Recht nur
schwer” [10]. Die Jäger hielten dann
zusammen, der Unglücksschütze sei unbekannt, nur den
Unglücklichen, den das verirrte Geschoß getroffen hat, kenne man. Die
Jäger würden aufgrund des krassen Mangels an flurschädigendem
Getier zunehmend auf Bäckerjungen, Passanten und eben Briefträger
ausweichen. Da sei es doch viel sicherer in der guten Stube zu sitzen und an der
Chronik zu schreiben.
In den Augen des Erzählers müßte eigentlich ein Lehrer die
Dorfchronik schreiben. Die Lehrer wären einmal die kulturell Versiertesten
gewesen, nun säßen sie aber nur mehr vor dem Fernseher oder
wären auf Seminaren über Mengenlehre und Ganzheitsmethode. Die
Ganzheitsmethode erregt ganz besonders den Unmut des Erzählers. Am Ergebnis
selbst ändere sich nichts, nur der Weg dorthin wäre ein einziger
Umweg; keine Ganzheits- eher eine Verzögerungsmethode. Der Schüler
könne nach einem halben Jahr nicht nur noch gar nichts wissen, er
dürfe auch noch gar nichts wissen; nämlich solange bis sich das
Ahaerlebnis eingestellt habe. Allein das Einsehen, daß drei und vier
sieben sei, könne seine Zeit dauern, mitunter komme das Ahaerlebnis erst
gegen Ende des Grundschulunterrichtes. Die Mengenlehre wiederum müsse eine
sehr komplizierte Wissenschaft sein, daß die Lehrer nun schon über
zwanzig Jahre lang jedes Wochenende bei Vorträgen über die Mengenlehre
wären. So beginnt der Erzähler die Mengenlehre zu erklären, indem
er die Lehrer in Teilgruppen gliedert. Das Vorhaben endet in einer
Wahrscheinlichkeitsrechnung, welche besagt, die Chance, daß ein
Schüler einen nicht provisorisch geführten Zeichenunterricht bei einem
kunstgeschichtlich gebildeten Lehrer genieße nähere sich stark null.
Da dies auch für Mathematik, Deutsch, Chemie und alle anderen Fächer
gelte, könne sich ein Schüler “nicht wegen des niederbayrischen
Schulsystems bilden, sondern
trotzdem” [11]. Wer also diese Schulen mit
einem gewissen Wissen verlasse, erweise sich unverwüstlich und von hoher
eigenwüchsiger Intelligenz. Glaubt man dem Briefträger Ürdinger,
so ist die ganze Problematik um die Schule nur durch das Fehlen der
Prügelstrafe bedingt. Zum Entsetzten seiner beiden Kollegen stellt er immer
wieder fest, daß eine Schule ohne Prügelstrafe, wie eine Suppe ohne
Salz sei.
Ein wesentlicher Bestandteil der Pracher Dorfgemeinschaft ist die hiesige
Blasmusikkapelle. Doch die Mitglieder harmonieren beim gemeinsamen Spiel nicht
miteinander. Die eine Gruppe der Musikanten beherrscht ihr Instrument und
besitzt ein absolutes Gehör, kann aber nicht marschieren, hat Spreiz- oder
Plattfüße oder ein anderes Gebrechen. Die andere Gruppe marschiert,
wie sie es einst im Militär gelernt hat, spielt jedoch das Instrument wie
ein Anfänger. Im Musikzug erweist sich diese Kombination jedoch als
äußerst unglückselig und disharmonierend. Eine ganz besondere
Attraktion der Blasmusikkapelle ist der Hund Kara, der die große Trommel
zu ziehen hat. Doch beginnt der Trommler zu heftig mit dem Einschlagen, kann es
schon sein, daß das Tier “dem Vordermann einen Fetzen aus der
Uniform reißt oder überhaupt
ausreißt” [12]. Beschränkt ist
auch das Repertoire der Kapelle, welches meist noch aus alten Nazimärschen
besteht. Der Teufel Alkohol, dem die meisten der Musiker erlegen sind, ist auch
schuld, wenn in der Hitze des Gefechts Noten vertauscht werden und bei einer
Hochzeit Trauermärsche zum besten gegeben werden.
Für ein Faß Bier darf die Blasmusikkapelle, die dann ein
“Hoch soll er leben” spielt, von einem Gastdirigenten geleitet
werden. Meist ist es der Freiherr von und zu Rietbach und Hallershausen, kurz
“Von-und-zu” genannt, der den Musikern das edle Getränk aus
eigener Brauerei spendet. Der Erzähler beschwert sich über die
stinkende Hühnerfarm des Freiherren. Alles, was vom Freiherrn komme sei
gut, selbst wenn es, so wie der Hühnermist, zum Himmel stinke; vom
“Von-und-zu” spreche man gar nicht, und wenn doch, dann nur gut.
Ganz Prach verwandle sich in einen Freiluftstall, wenn der von den industriell
ernährten Hühnern produzierte Mist auf die Felder des
“Von-und-zu” aufgebracht werden. Viele Pracher, so auch
Ürdinger, trösten sich in dieser Zeit des Gestankes mit dem
freiherrlichen Bier und kehren vermehrt ein, während sich dieser bei seinen
Verwandten in Schleswig-Holstein aufhält. Selbst Deuth, der sonst
sozialistisch gesinnt ist, stellt sich nicht gegen den Freiherrn, da er von Zeit
zu Zeit Führungen durch das Rietbacher und Hallershausener Anwesen leiteten
darf, und so seinem Drang nach Wissensvermittlung gerecht wird. Deuth sei mit
wehenden Fahnen übergelaufen und wäre, nachdem er von einem Adeligen
eingeladen worden sei, “entweder sofort Monarchist oder aber für den
Status quo” [13].
Deuth ist ein sehr kränklicher Mensch. Das muß er auch sein,
denn alle Künstler seien sensibel und empfindlich, man dürfe sie aber
nicht mit der großen Mehrheit der Hypochonder verwechseln. Deuth ist an
sich öfter im Krankenstand als im Dienst; dann leidet neben dem
Briefträger auch die große Zahl der Pracher, die vergeblich auf die
Postzustellung wartet. Deuth, der die meisten seiner Erkrankungen allerdings nur
simuliert, hat bereits ein Gespür entwickelt, um sich vor Kontrolleuren der
Krankenkasse zu schützen. Deuth genießt außerdem das
äußerst seltene Wohlwollen des Amtsarztes, wobei laut Erzähler
“Deuths Genie sicherlich in einer gewissen Weise mit seinem Glück
zusammenhängt” [14]. Attestieren
Amtsärzte für gewöhnlich einem Armamputierten allerhöchstens
eine “unerhebliche Arbeitsbeinträchtigung mangels linken
Armes”, um so den Staat, und damit letztendlich auch wieder die
Bürger, zu beschützen, so halten sie sich auch ein bis zwei
Alibikranke. Deuth ist einer davon; kommt er wegen Kopfweh, so wird ihm
“unerträgliche Migräne” bescheinigt, fällt ihm ein
Paket auf den Kopf, dann heißt es sogleich
“Arbeitsunfall”.
Weihnachten ist eine besonders harte Zeit für die drei
Briefträger. Nicht nur, daß das Postamt von Briefen überschwemmt
wird, auch die Paketpost beginnt die drei zu überfordern. Besonders Pakete
mit der Aufschrift “Vorsicht Glas” haben es den Briefträgern
angetan. Es ist für sie dann eine regelrechte Aufforderung herauszufinden,
ob sich in dem Paket wirklich Gläsernes befunden hat, indem sie mit ihm
herumwerfen oder es zu Boden fallen lassen. Drei Viertel aller Pakete, auf denen
“Vorsicht Glas” stünde, wären falsch deklariert. Da
müsse man eben nachprüfen, was nun wirklich aus Glas sei und was
nicht.
Wenn dann Reklamationen über zerbrochenes Postgut einlangen, schieben
es die drei Briefträger auf die Bahn. Post und Bahn dürften
überhaupt gar nicht in einem Atemzug genannt werden. Während sich die
Post gewissenhaft um Briefe und Pakete kümmere und Gewinn mache, litte das
Postgut beim Bahntransport; die Verluste schreibende Bahn gehöre
überhaupt unter die Verwaltung der Post gestellt. Für Deuth, der das
Kursbuch der Bahn zum Lachen findet, dient dasselbe nur dazu, “um die
Verspätungen ausrechnen zu
können” [15]. Im Kursbuch
stünden nur Pläne und Absichten, es sei nichts anderes als eine
Beispielsammlung der abstrakten Zahlentheorie.
Der Erzähler schließt seinen Beschwerdemonolog mit dem Vergleich
der drei Pracher Briefträger mit Karl Kalab, einem kriminellen
Briefträger aus dem Österreich des vorigen Jahrhunderts. Dieser sei
sogar den selbst schon verbrecherischen Landbriefträgern in jeder Hinsicht
überlegen gewesen. Kalab sei man aber kurz vor seiner Erhebung in den
Adelsstand auf die Schliche gekommen und habe ihn verhaftet. Für die
über 56.000 zurückgehaltenen Briefe sei ein Sonderstempel angefertigt
worden. Das Postgut sei damals mit dem Vermerk “Unterschlagen gewesen und
wieder zustande gebracht” erst nach über dreijähriger
Verspätung wieder auf die Reise geschickt worden.
Stoff
Brandstetter wurde wahrscheinlich durch die Vorgänge und Ereignisse in
seiner Heimat zur Niederschrift des vorliegenden Romans inspiriert. Die
Beschreibung der dörflichen Antiidylle im niederbayrischen Prach verwendet
er, um gekonnt und satirisch Gesellschaftskritik zu üben. Seine Gabe des
treffenden und witzigen Formulierens, wobei es der Autor aber durchaus auch
vorzieht, einen einfachen Sachverhalt umständlichst und kompliziertest
darzulegen, setzt dieser in seinem ersten Roman so ein, daß er die etwas
eigenartige Lebensbewältigung seiner Mitmenschen und deren teils schon
kriminelle Auswüchse im Alltag, in einem, das ganze Buch füllenden
Monolog beschreibt, wobei Brandstetter aber geschickt genug ist, die oftmals
scharfzüngige Kritik den drei Briefträgern oder anderen Personen in
den Mund zu legen. Entstanden ist “Zu Lasten der Briefträger”
sicherlich auf Grund der bemerkenswerten Beobachtungsgabe des Autors und dessen
Fähigkeit und Freude das Gesehene in Worte zu fassen.
Thema
Gegenstand der das gesamte Buch einnehmenden Beschwerde sind die drei
Postboten des niederbayrischen Ortes Prach. Der Unbekannte klärt seinen
Freund, den Postmeister aber nicht nur über die Machenschaften und Untaten
von Ürdinger, Deuth und Blumauer auf, sondern übt auch heftige Kritik
an anderen bedeutenden Personen und Einrichtungen von Prach.
Motive
Herkömmliche literarische Motive sind im vorliegenden Roman wohl nur
schwer zu finden, da es sich um keine gewöhnliche, in sich geschlossene,
Erzählung handelt. Das Werk ist in Absätze gegliedert, wobei in jedem
ein Themenbereich behandelt wird. Die Handlung beschränkt sich im
wesentlichen auf die Erwähnung der von den Briefträgern begangenen
Schandtaten und deren Ausreden, um ihre ständig unterlassene
Pflichterfüllung zu rechtfertigen. Als wiederkehrende Motive, so weit das
möglich ist, kann man bezeichnen:
- Das systematische Öffnen der Briefe, und die dadurch bedingte
Verletzung des Briefgeheimnisses, sowie dessen absichtliche
Fehlinterpretation. Begründung: “Was die Post mit der Post mache, sei
allein ihre Sache und ausschließlich ihre Angelegenheit, ein eigenes
Geheimnis eben”[16].
- Die Verwendung von absurdesten Entschuldigungen, um das
unregelmäßige Eintreffen der Post zu
rechtfertigen.
- Die Einstreuung von Zitaten und Redewendungen in lateinischer Sprache durch
den gebildeten Briefträger Karl Deuth.
- Die Bezeichnung des Erzählers als kritischen Geist und Querulanten
durch die drei Briefträger.
- Die satirische Durchleuchtung der ländlichen Strukturen und der
Gesellschaft durch den Erzähler. Kritik in alle Richtungen,
Rundumschläge gegen die moderne Zeit, gehen vom Anonymus aus. Ziel der
Beschwerde, die an den Postmeister von Prach ergeht und teilweise auch allgemein
gehalten ist, ist die Unterhaltung des Lesers durch Beobachtung und Aufdeckung
von Schwächen und
Fehlentwicklungen.
Schauplatz & Milieu
Ort der Handlung ist das kleine niederbayrische Dorf Prach. Die
örtliche Landpost wird von den Behörden nur als Viererposten und somit
als wenig bedeutend anerkannt, was gelegentlich den Unmut der Briefträger
nach sich zieht. Über den Ort und seine Bewohner wacht wie ein Schutzpatron
der Freiherr von und zu Rietbach und Hallershausen in seinem Schloß. Ihm
gehören auch weite Felder sowie eine Hühnerfarm und eine Brauerei. Im
Dorf befinden sich Gemischtwarenhandlung, Fleischerei, Schule, Musikheim und ein
Gendarmerieposten. Auch gibt es in Prach, sehr zum Gefallen des Postboten
Ürdinger, insgesamt sieben Gasthäuser: Zur Post, Wurmhöringer,
Zur Lokalbahn, Tante Pepi, Kallinger, Paulus und die Kantine der
Tierkadververwertung. Außerdem durchzieht den niederbayrischen Ort, in
welchen viele Münchner ein Feriendomizil ihr eigen nennen, die Aist, ein
Fluß, in welchen die drei Briefträger Postwurfsendungen und
ähnliche Drucksachen zu versenken pflegen. Der Erzähler wohnt weitab
vom Zentrum, in der Nähe der Tierkadaververwertung in Haus Nr.
23.
Charaktere & Konstellationen
Ferdinand Ürdinger:
Ürdinger ist das Paradebeispiel eines Alkoholikers, dessen
Hauptbeschäftigung der übermäßige und uneingeschränkte
Konsum von Bier ist. Nicht umsonst hat der Autor wohl den gewichtigen Postboten
nach einer bayrischen Schnapssorte benannt. Ürdinger, dessen Motto
“Dienst ist Schnaps und Schnaps ist Dienst” lautet, erweist sich
naturgemäß als ein begnadeter Wirtshausbesucher und ist somit auch
kulinarischen Genüssen nicht abgeneigt. Mit der Gestalt Ürdingers, der
mit seinen Schrullen und Eigenheiten ein unverwechselbares Original ist,
prangert Brandstetter den engstirnigen Gemütlichkeitsmenschen an.
Ursprünglich wegen einer Kriegsverletzung eingestellt, läßt er
nichts Schlechtes über die Post kommen; verbissen wehrt er sich gegen den
Versuch Post und Bahn zu vergleichen. Er spricht als einziger über seine
Vergangenheit und seine Zeit beim Militär, von woher auch seine Vorliebe
für die Jagd und das Entwenden von liegengebliebenem Wild herrührt. Er
ist politisch konservativ eingestellt und eher für traditionelle Werte zu
begeistern. So hält er alle Schulprobleme für gelöst, würde
man nur endlich wieder die Prügelstrafe einführen. Für
Motorisierung ist Ürdinger nicht zu haben, nur ein altes Waffenrad
hält er für erstrebenswert. Wenn es um Ausreden geht, die mangelhafte
Postzustellung zu rechtfertigen, zeigt sich Ürdinger, so wie seine zwei
Kollegen auch, in der Regel recht erfinderisch. Hauptgrund, warum er die
außerhalb gelegenen Häuser so selten angehe, sei sein
Einfühlungsvermögen, das ihm verbiete in die Privatsphäre, der
offensichtlich ruhebedürftigen Menschen einzudringen. Außerdem
machten die nicht domestizierten Hunde auf den Höfen eine
regelmäßige Zustellung für den Briefträger zu
gefährlich; daß der Erzähler gar keinen Hund besitzt, stört
ihn aber nicht weiter. Ürdinger verletzt, ebenso wie seine Kollegen,
systematisch das Briefgeheimnis und rühmt sich sogar seiner
Fähigkeiten, einen Brief zu öffnen und anschließend so zu
verschließen, daß man ihm die Sonderbehandlung durch den
Briefträger nicht anmerkt. In nicht mehr ganz nüchternem Zustand gibt
Ürdinger auch meistens in diversen Gasthäusern vor der grölenden
Zuhörerschaft seiner Freunde besonders delikate und interessante Briefe zum
Besten. Ürdinger ist der einzige der drei Postboten, der der Kurrentschrift
noch mächtig ist, und stellt somit eine wichtige Stütze im Entziffern
und Rezitieren der Briefe dar.
Karl Deuth:
Deuth ist der Gelehrte und Intellektuelle unter den drei Briefträgern.
Seine hohe Allgemeinbildung weiß er publikumswirksam zu verwenden, er
liebt es seine Kollegen zu belehren und sein Wissen zu präsentieren.
Außerdem weiß er durch mehr oder weniger passende Zitate, meist auf
Lateinisch, zu bestechen, was ihm Ehrfurcht und Anerkennung seiner Freunde
einbringt. Deuth fühlt sich als Künstler und ist der Meinung, er
müsse als ein solcher sehr sensibel sein, was mit sich bringt, daß er
mehr Zeit im Krankenstand verbringt, als im Dienst. Von seinen Kollegen als
kränklich beschrieben, sitzt er während seiner Abwesenheit aber
keineswegs zu Hause, sondern fühlt sich berufen, das Brauchtum zu erhalten,
indem er an möglichst vielen Bräuchen aktiv partizipiert. Einzig wenn
er weiß, daß ihm ein Kontrolleur der Krankenkasse den Besuch
antragen möchte, setzt er sich in die Stube und spielt den Kranken.
Bemerkenswert an Deuth ist seine Eigenschaft, Ürdinger und Blumauer wie
nach Belieben zu kommandieren. Die Initiative zur mutwilligen Zerstörung
von Paketen zerbrechlichen Inhalts sowie zur Entledigung von lästigen
Postwurfsendungen, indem sie in die Aist geworfen werden, gehen von ihm aus, und
seine Kollegen tun es ihm gleich und übertreffen ihn sogar. Der begnadete
Dichter reimt dann: “Ein Paket ist wie ein Ball, doch wird’s erst
rund durch öfteren Fall; Pakete werden geschupft oder mit dem Fuß
getupft” [17]. Als Gebildeter sieht es
Deuth, der übrigens auch die Heimatchronik führt, als seine Pflicht
an, neben den widerrechtlich geöffneten Briefen auch fingierte Schriften
anzufertigen, um sie Ürdinger zu seinen Lesungen mitzugeben; daß
darin in wenig schmeichelhafter Manier aber von wirklich existierenden Personen
die Rede ist, berührt ihn nicht. Deuth ist Sozialist, hat seine politische
Gesinnung aber gründlich revidiert, seit ihm erlaubt ist, Führungen
durch das Schloß des Freiherrn zu veranstalten. Seither hat er sich sehr
gemäßigt und stellt die sozialistischen Ideale seinem Drang nach
Anerkennung als intellektuelle Kapazität hintan. Deuth ist eine
ängstliche Natur und zieht es bei der geringsten Gefahr vor den
Rückzug anzutreten. So ist während der Jagdsaison eine termingerechte
Postzustellung äußerst unwahrscheinlich, denn da sitzt der
große Meister zu Hause und schreibt an der Chronik.
Franz Blumauer:
Blumauer ist der Ästhet und Frauenheld. Er nützt seinen Beruf
geschickt aus, um die Pracher und Fürstenfelder Hausfrauen für sich zu
gewinnen. Er gibt vor ein Kenner der menschlichen, aber besonders der
weiblichen, Psyche zu sein. Seine Uniform und die Posttasche, verwendet als
Repräsentationsstücke; am liebsten möchte er sie auch sonntags
tragen, um sich gekonnt in Szene zu setzten und die Frauen zu erobern.
Stadtbriefträger, die man aufgrund ihrer völlig überfüllten
Posttasche gar nicht mehr erkennen könne, verachtet er, der er das
Schöne und Ästhetische im Postboten sieht. Blumauer trägt als
einziger der drei Briefträger seine Post mit dem Moped aus, natürlich
wieder nur aus dem Grund des um zu gefallen. Er träumt stets von einer
Kombination aus seinem Körper und dem Geist Deuths, den er genauso verehrt
wie sein Kollege Ürdinger. Mit Deuths Verstand würde er sich nicht mit
Pracherinnen begnügen, da würde man ihn schon eher in Monte Carlo oder
Hollywood finden. Blumauer der ganz im Gegensatz zu Karl Deuth auf
Naturerlebnisse, die für ihn meist Frauengeschichten bedeuten,
eingeschworen ist, hat seine speziellen Techniken, um das andere Geschlecht zu
gewinnen. Er bedient sich der Methode des Lobens und Preisens, wie er selbst
sagt. Ganz nach dem Grundsatz “dreckig reden, nicht
sein” [18] stellt sich Blumauer auf die
einzelnen Damen ein und versucht zuerst Tonart und Lautstärke des
anzustimmenden Lobgesanges herauszufinden. Das alleine müßte ihm
schon einen Lehrstuhl für Panegyrik an der Universität einbringe,
meint Deuth. Weiß er dann endlich, wie anzufangen, bedient er sich der
Werbesprache um Anerkennung und Zufriedenheit zu spenden. Für Blumauer
gilt: je einfacher und abgegriffener die Floskel, desto besser. Und so lobt der
Postbote die “kuschelweiche” Wäsche, die Gardinen, um die die
Hausfrau von allen beneidet wird, und den Sohn, der ein wahrer Prachtkerl sei,
“dank Mutti”. Manchmal begnügt sich Blumauer aber auch nur den
Anstoß zu Eigenlob zu geben und die Betreffende dann mit Ausrufen der
Verwunderung weiter zu animieren. Blumauer gehört keiner Partei oder
Gruppierung an, was sein Lob für jedermann empfänglich mache. Er
hält auch seine eigene Meinung zurück, damit “göttliche
Harmonie herrscht, keine Spur von Widerspruch, kein Oppositionsgeist den
himmlischen Frieden stört” [19], wie
er sich auszudrücken beliebt.
Andere:
Neben den drei Hauptcharaktern kommen im Roman auch wiederholt andere
Personen, wie der zur Fremdenfeindlichkeit neigende Gendarmerieinspektor
Naderhirn, die dem Alkohol verfallenen Mitglieder der Blasmusikkapelle, der
Tierarzt und sein Freund der Fleischhauer, der zur Unfähigkeit gestempelte
Schuldirektor, sowie der kapitalistische Aristokrat Freiherr von und zu Rietbach
und Hallershausen vor. Abgesehen vom Kaufmann, dem Bruder des Postmeisters, wird
aber keine der Figuren näher charakterisiert. Vom Krämer erfährt
man, daß er ein zwar großes Rednertalent, zur Leitung eines
Geschäftes aber gänzlich ungeeignet ist. Seine Antipathie gegen
bestimmte Waren bringt er mit grundsätzlichen Reden und Vorträgen zum
Ausdruck, was natürlich nicht für seinen Geschäftssinn spricht.
Andererseits versteht er es zu überreden und unverlangte und nicht
benötigte Produkte zu verkaufen.
Erzähler:
Der Erzähler ist ein kritischer Geist, von dem man nur weiß,
daß er nahe der Tierkadaververwertung wohnt. Noch weniger ist über
den Adressaten der Beschwerde, den Postmeister bekannt; man erfährt nur
etwas über seine Mitarbeiter Ürdinger, Deuth und Blumauer.
Erzählform & -perspektive:
Brandstetter gliedert den gesamten Roman in einen Monolog. Er verzichtete
dabei sogar auf die Einteilung in Kapitel. Es werden nur in einem fort die
Missetaten der drei Briefträger behandelt. Unverkennbar ist dabei der dem
Autor eigene Stil, der sich durch gewollte Umständlichkeit und ellenlange
Abschweifungen auszeichnet. Typisch für Brandstetter ist die Verwendung des
Wörtchens “sagt”, bei Gebrauch der indirekten
Rede [20]; das besagte Verb kann bis zu drei-
oder viermal in einem einzigen Satz vorkommen, wobei er sicherlich die
sprachliche Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit mancher Dorfbewohner vor
Augen hat. Der Autor versteht es, durch seinen Stil und die von ihm
gewählte Darstellungsform des Monologes, die Abartigkeiten des wenig
idyllischen Lebens in Prach, an welchen vor allem die erwähnten Postboten
Schuld tragen, satirisch und bisweilen auch sarkastisch wiederzugeben.
Zugang
Der Roman “Zu Lasten der Briefträger” machte den Autor
bekannt, seinen etwas eigenwilligen, aber unverwechselbar humorvollen Stil
berühmt. Die Werke Brandstetters reihen sich an die, anderer berühmter
österreichischer Gegenwartsautoren nahtlos an; sein literarisches Vorbild
Thomas Bernhard kann selbst der Autor nicht leugnen. So ist es geradezu die
Pflicht eines literarisch interessierten Lesers, Brandstetter wenigsten zu
streifen, denn hat er erst einmal einen Roman gelesen, wird er sich auch anderen
Bücher Brandstetters nicht mehr verschließen können. Ich habe
“Zu Lasten der Briefträger” bereits vor dem Verfassen des
Literaturprotokolls zum ersten Mal gelesen und es als Paradeexemplar des
humorvollen Erzählens der Gegenwart schätzen gelernt.
Verständnis
Brandstetters Besonderheit, immer wieder lateinische Zitate einzustreuen,
überträgt er in diesem Roman der Figur des gebildeten
Briefträgers Karl Deuth. Die berühmten Aussprüche antiker
Persönlichkeiten können mit Grundkenntnissen in Latein und mit Hilfe
eines Wörterbuches übersetzt werden. Dem geringen Teil der
Redewendungen, die sich noch immer nicht übersetzten lassen, kann mit dem
Zitatenteil des Fremdwörterduden auf den Grund gegangen werden. Ein
Fremdwörterbuch empfiehlt sich überhaupt, wenn Deuth seinem Kollegen
Blumauer zum Beispiel einen Lehrstuhl für “Panegyrik”
anträgt, wenngleich auch solche Ausdrücke nicht oft zu finden
sind.
Wirkung
Die Darstellung der drei Originale Ürdinger, Deuth und Blumauer durch
den Erzähler wirkt auf den Leser befremdlich bis erheiternd. Die drei
Postboten, deren Fähigkeiten oder Unfähigkeiten durch die monolgische
Erzählform noch übersteigert werden, ziehen den Unmut des
Erzählers auf sich. Wenngleich er auch mit ihnen manches Mal
übereinstimmt, bleibt die bestimmende Aussage doch, daß die drei
“die Wahrheit lügen würden”. Den Autor auf die Kritiken
festzulegen, ist schier aussichtslos, da alles über die Post hinausgehende,
als die Ausreden und Meinungen der Postboten ausgegeben werden kann. In gewissen
Aussagen kommt der Erzähler nicht umhin sich augenzwinkernd mit den
Aussagen Ürdingers, Blumauers, besonders aber Deutsch zu sympathisieren, um
sich im nächsten Moment aber von den Grotesken und Banalitäten zu
distanzieren. Der Leser wird durch die Schilderung der Briefträger, deren
Freunde und des Ortes Prach, vor allem köstlich unterhalten.
Wertung
“Zu Lasten der Briefträger” stellt eine ganz besondere
Form der unterhaltenden Erzählung dar. Brandstetter stellt sich als einer
der schaffensfreudigsten Autoren der Gegenwart dar, und zeigt sich
befähigt, den Leser an seiner Sichtweise der Auswüchse unserer
Gesellschaft teilhaben zu lassen und ihn dabei oft zum Lachen oder zum
Schmunzeln zu bringen. Der Autor ist imstande, dem Wortspiel, mit dem einst
Nestroy auf seine unvergleichliche Weise die Zuschauer zu begeistern
wußte, in der heutigen Zeit, wenigstens in seinen Romanen, zu der
Bedeutung zu verhelfen, die ihm gebührt. Brandstetter weiß mit seinen
sprachlichen Mitteln zu bestechen und begeistern. Die bereits beträchtliche
Leserschar, zu der auch ich mich zähle, weiß seine Werke zu
schätzen und darf sich bei jedem der meist satirischen Romane des
Klagenfurter Universitätsprofessors auf ein Leseerlebnis und
-vergnügen von gehobenem österreichischen Niveau freuen.
Gabriel Maresch,
5C
LITERATURPROTOKOLL
ALOIS BRANDSTETTER - ZU
LASTEN DER BRIEFTRäGER
[1] Bei sämtlichen drei Filmen
führte Georg Madeja Regie
[3] Zitat S. 13 (Ürdinger)
[4] Zitat S. 29 (Ürdinger)
[8] Zitat S. 100 (Naderhirn)
[10] Zitat S. 125 (Deuth)
[15] Zitat S. 206 (Deuth)
[17] Zitat S. 192 (Deuth)
[18] Zitat S. 84 (Blumauer)
[19] Zitat S. 94 (Blumauer)
[20] Brandstetter schrieb andere ebenfalls
erfolgreiche Romane wie “Die Abtei” oder sein neuestes Werk
“Hier kocht
der Wirt” auch in der von ihm bevorzugten monologischen
Form.
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