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Kafka, Franz: Der Prozeß
Projekt “Literatur des 20.
Jahrhunderts”
Franz Kafka
“Der
Prozeß”
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Therese Pietsch
13. Jahrgang/ LK Deutsch/ Schuljahr 98/
99
Janusz-Korczak-Gesamtschule,
Neuss
Hinweise zum Projekt
Die nachfolgende Arbeit entstand als sogenannte
Facharbeit im Schuljahr 1998/99 im Rahmen des Leistungskurses Deutsch der 13.
Jahrgangsstufe der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Neuss. Mit Genehmigung der
Schulaufsicht wurde die zweite Klausur des ersten Schulhalbjahres durch diese
Facharbeit ersetzt.
Die fachlichen Grundlagen für die Realisation
dieses Projektes wurden durch die bisherige gemeinsame Arbeit
gelegt:
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Kurshalbjahr
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Kursthemen, Unterthemen
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11/2
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- Die Rolle der Liebe und von Partnerschaft im
gesellschaftlichen Gefüge: Liebeslyrik in verschiedenen literarischen
Epochen an ausgewählten Beispielen
- Text und Wirklichkeit: der Roman und die Novelle
am Ende des 19.
Jahrhunderts
Fontane
“Effi Briest” und Keller “Romeo und Julia auf dem
Dorfe”
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12/1
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- Der Aufklärungsgedanke im bürgerlichen
Trauerspiel des 18. Jahrhunderts am Beispiel
von:
a.) G. E. Lessing
“Nathan der Weise”
b.) Friedrich Schiller “Kabale und
Liebe”
- Der Aufklärungsgedanke in der Literatur des
20. Jahrhunderts am Beispiel
von:
a.) Bertold Brecht
“Das Leben des Galileo Galilei”
b.) Max Frisch “homo
faber”
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12/2
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- Die Wandlung des Realitätsbegriffes in der
Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Beispiel von Franz Kafka
- Die Kurzgeschichte (bes. nach 1945) als
Widerspiegelung zeitgeschichtlicher Entwicklungen und geistesgeschichtlicher
Strömungen
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13/1
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- Die Weimarer Klassik am Beispiel von Goethes
“Faust I”
- Die Kunsttheorie der
Klassik
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Die Facharbeit wurde realisiert im Rahmen des
Unterrichtsvorhabens “Projekt: Literatur des 20. Jahrhunderts”: Aus
einer vorgegebenen Liste von Titeln der (deutschsprachigen) Literatur des 20.
Jahrhunderts hatte jede Schülerin / jeder Schüler einen Titel zu
wählen, wobei es möglich war, selbst Autoren bzw. Werke vorzuschlagen,
die in der Liste nicht erfasst waren. Es durfte allerdings kein Autor von zwei
Schülerinnen / Schülern zugleich bearbeitet werden. Die Gesichtspunkte
der Untersuchung des gewählten Werkes waren vorgegeben: Sie spiegeln sich
in den Kapitelüberschriften wider.
Es war darüber hinaus Auflage, die Facharbeit -
formatiert nach vorgegebenen Kriterien - auf Diskette und als Ausdruck
vorzulegen. Jeder Schülerin / jedem Schüler stand ein Beratungstermin
für seine Facharbeit zur Verfügung: Bei dieser Gelegenheit konnte man
sich Hilfestellungen und Tipps holen.
Ins Internet gestellt wurden die Arbeiten, welche mit
der Note “ausreichend” und besser bewertet wurden. Bis auf drei
zufällige Ausnahmen wurden alle Arbeiten (ähnlich wie bei
Abiturarbeiten) nicht nur von mir, als dem Fachlehrer, sondern von Kolleginnen /
Kollegen als “Zweitkorrektoren/Innen” beurteilt. (Die dabei
feststellbaren Abweichungen in der Bewertung waren in der Regel gering und nur
in einem Fall gravierend: Die Zweitkorrektorin bewertete - zutreffend - eine
Arbeit mit “mangelhaft”, im Unterschied zu mir, der ich
zunächst “ausreichend” erteilt hätte.) Insgesamt erwies
sich, dass die Erstellung einer solchen Facharbeit ein Leistungsvermögen
erfordert, das unter gewissen Gesichtspunkten höher ist als das bei einer
“normalen” Klausur.
Über die Home-page der Schule (unter der Adresse
http://www.jkg-neuss.de)
bzw. unter der Email-Adresse der Schule
(popjkgs@pop-gun.de)
oder unter der Email-Adresse des verantwortlichen Lehrers
(bialke@online-club.de)
können weitere Informationen eingeholt und - was durchaus erwünscht
ist - Kommentare abgegeben werden.
gez. Bialké
(Kursleiter)
Inhaltsverzeichnis:
Hinweise zum Projekt
1. Inhalt:
1.1. Die Darstellung der Thematik
1.2. Skizze des Inhalts
2. Stilistik:
2.1. Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung des
Werkes insgesamt
2.2. Die detaillierte sprachliche Analyse einer
typischen Passage
2.3. Die Frage nach der Angemessenheit der sprachlichen
Mittel
3. Biographische
Bezüge:
3.1. Die Biographie des Autors: Franz
Kafka
3.2. Die Stellung des Werkes in der Vita des
Autors
4. Bewertung:
4.1. Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall oder wird
mit dem Besonderen auch Allgemeines erfaßt ?
4.2. Gelingt über die gewählten Inhalte die
Kontaktaufnahme zum Leser ?
4.3. Die Bedeutung der Stilistik für die
Rezipienten: “lesbar” oder nicht ?
5. Skizze eines produktorientierten
Interpretationsansatzes
6. Zusammenfassende Darstellung der
Rezeptionsgeschichte
7. Zusammenfassendes Urteil:
“Leseempfehlung”
8. Quellenangabe
1. Inhalt
1.1. Darstellung der
Thematik
Als Hauptthemen des Prozeß-Romans drängen
sich die im Werk genannten juristischen Begriffe wie z.B. Verhaftung, Schuld,
Prozeß, Gericht, Urteil, Anklage, Verfahren und Gesetz auf. Handlung und
Geschehen kreisen um diese Aspekte, die vor allem durch die vielfach
dargestellte Gerichtswelt ihre Intensität erlangt. Die Schuld- und
Gerichtsthematik sind also die wichtigsten Aspekte dieses Romans.
Doch auch wie bei allen anderen Werken von Franz Kafka
läßt sich dieser Roman nicht allein auf ein Thema reduzieren. Als
weitere Themen ergeben sich zudem die Beziehung der Geschlechter, die
Identitätsproblematik der Hauptfigur, die Beziehung zwischen Real
(Wirklichkeit) und Irreal (Traum), die unerklärliche Schuldzuweisung und
das verleumderische Verhalten.
Als weiteres zentrales Thema ist die Vereinzelung und
Gespaltenheit des modernen Menschen zu nennen.
1.2. Skizze des
Inhalts
Am Morgen seines 30igsten Geburtstages bekommt Josef K.
im Zimmer der Pension, in der er wohnt, mitgeteilt, dass er verhaftet ist.
Zunächst glaubt er an einen Scherz, da er sich keinerlei Schuld
bewußt ist. Doch schon bald kommen ihm Zweifel. Auf die Frage, warum er
verhaftet ist, kann ihm auch der Aufseher keine Antwort geben, den er etwas
später im Zimmer der Frau Bürstner, die ebenfalls in der Pension
wohnt, trifft. Er rät ihm lediglich, nicht zu emotional zu reagieren und
seinem Beruf als Bankangestellter weiterhin nachzugehen. Daraufhin
verläßt Josef K. verwirrt die Pension und geht zur Arbeit. (Erstes
Kapitel)
Telephonisch teilt man Josef K. mit, dass am kommenden
Sonntag eine Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Er
geht hin, obwohl ihm der Ort, ein Mietshaus, sehr merkwürdig vorkommt. Als
er vor dem Untersuchungsrichter steht, beschwert er sich über dieses
sinnlose Verfahren und über das Vorgehen seiner Verhaftung. Seine
Beschwerde wird durch ein Kreischen gestört, das von einem Paar ausgeht,
welches in einer unmißverständlichen Pose am Ende des Saals steht.
Wütend über diese “Gerichts-verhältnisse”
verläßt er den Saal. (Zweites Kapitel)
In der Annahme, dass am darauf folgenden Sonntag wieder
eine Verhandlung ist, geht er abermals dort hin. Zufällig gelangt er in die
Kanzlei, die zu seiner Verwunderung im Dachgeschoß des Mietshauses liegt.
Ein Gerichtsdiener führt ihn durch die verwinkelten und endlos wirkenden
Gänge. Durch die schwüle Hitze, die unter dem Dach herrscht, wird ihm
immer schwindliger, er verläßt mit Hilfe eines Mannes die Kanzlei.
(Drittes Kapitel)
Einige Abende später wird Josef K. in seinem
Büro durch Geräusche aus der Abstellkammer gestört. Als er diese
öffnet, trifft er auf zwei Wächter, die bei seiner Verhaftung dabei
waren. Beide werden von einem Prügler des Gerichts bestraft , weil sich
Josef K. über seine Verhaftung beschwert hatte. K. fühlt sich
verantwortlich für die Bestrafung. Noch Tage später plagt ihn diese
Schuld und er öffnet abermals die Tür zur Abstellkammer. Zu seinem
Erstaunen befinden sich immer noch die beiden Wächter und der Prügler
unverändert in diesem Raum. (Fünftes Kapitel)
Eines Nachmittages erscheint K.s Onkel in der Bank und
bietet seine Hilfe an. Daraufhin fahren sie zu einem Advokaten, der trotz eines
Herzleidens ihnen seine Hilfe verspricht. Das darauf folgende Gespräch
empfindet K. als sehr langweilig. Zu seinem Glück wird er von der Pflegerin
des Advokaten aus dem Zimmer gelockt. Die gegenseitige Sympathie der beiden
endet mit dem Austausch von Zärtlichkeiten. Als K. das Haus
verläßt und auf seinen Onkel trifft, ist dieser über K.s
Verhalten entsetzt, da der Advokat mitbekommen hat, was er und die Pflegerin im
Nebenzimmer getan hatten. Der Onkel wirft ihm vor, seiner Sache in Bezug auf den
Prozeß schrecklich geschadet zu haben. (Sechstes Kapitel)
An einem Wintervormittag sitzt K. in seinem Büro
und denkt an den Advokaten. Bei ihren Treffen muß sich K. Erzählungen
anhören, die ihm das Verfahren und Wirken des Gerichts erklären
sollen, aber das Gegenteil bewirken. K. zweifelt seine Hilfe an. Er bekommt den
Tip, in Fragen bezüglich des Prozesses sich an den Maler Titorelli zu
wenden. Diesen sucht er sofort auf. Titorelli stellt sich als Vertrauensmann des
Gerichtes vor und verspricht K., ihn aus dem Prozeß herauszuholen. Er gibt
K. einen Überblick über das Gericht und nennt drei Möglichkeiten
der Befreiung. Die erste Möglichkeit schließt der Maler jedoch sofort
aus, da er auf sie keinen Einfluß hat. Zwischen den anderen beiden soll
sich K. entscheiden und ihm so schnell wie möglich Bescheid geben. Nach
diesem Besuch kommt es K. vor, als sei jeder mit dem Gericht verwickelt.
(Siebtes Kapitel)
K. soll einem Geschäftsfreund den Dom zeigen. Statt
des Erwarteten trifft K. dort auf einen Geistlichen, der sich als der
Gefängniskaplan des “Gerichts” herausstellt. Er war es, der ihn
zu sich bestellte, um mit ihm zu sprechen. Der Geistliche versucht, ihm das
Gericht näher zu erklären, indem er ihm das Gleichnis vom
Türhüter erzählt. K. identifiziert sich sofort mit dem Mann vom
Lande und ist überzeugt, dass dieser vom Türhüter getäuscht
wurde und dass er unschuldig sei. Trotz weiterer Auslegungsmöglichkeiten
des Geistlichen hält K. an seiner Meinung fest. Zuvor hatte der Geistliche
ihm noch mitgeteilt, es stehe um seinen Prozeß sehr schlecht und er hatte
ihm geraten, nicht zuviel fremde Hilfe zu suchen. (Neuntes
Kapitel)
Am Vorabend seines 31. Geburtstages kommen zwei in
schwarz gekleidete Herren in K.s Wohnung. Er weiß sofort, dass die beiden
seinetwegen da sind. Sie führen ihn zu einem verlassenen Steinbruch. Dann
ziehen sie K. aus und legen seinen Kopf auf einen Stein. Einer von ihnen zieht
ein Fleischermesser unter dem Mantel hervor. K. wußte, es wäre seine
Pflicht gewesen, sich selbst umzubringen, doch er wollte den Behörden nicht
alle Arbeit abnehmen. Dann nimmt einer der Herren das Messer und
stößt es K. ins Herz. (Zehntes Kapitel)
2.
Stilistik
2.1. Die Charakteristik der
sprachlichen Gestaltung des Werkes insgesamt
Die Sprache im “Prozeß”
läßt sich mit sachlich und genau, nüchtern und präzise
charakterisieren. Kafka bevorzugte eine knappe, kühle, unbeteiligte und
wortarme Sprache, welche auch als “Kanzleistil” bezeichnet wird.
Alltägliche Ausdrücke, umgangssprachliche Begriffe oder zu emotional
wirkende Beschreibungen fehlen weitgehend. Kafka verwendet konsequent das
Sprachmaterial: sachlicher Ausdruck und klar konstruierte Sätze.
“Jedes einzelne Wort, jede sprachliche Fügung, jede Metapher, jedes
Bild, jeder Ausdruck gewinnt eigenständige Bedeutung. Die Sprache
läßt sich leichter wortwörtlich nehmen und ist trotz der
größeren Abstraktheit greifbarer, konkreter durch den vertieften
Sinn...”.[1]
Damit ist die Doppeldeutung der einzelnen Wörter gemeint, die man
wörtlich oder abstrakt sehen kann. Der Sinn bei Kafkas Stil liegt darin,
dass nichts so ist, wie es scheint. So ist z.B. das im Roman auftauchende
Gericht auf der einen Seite real und auf der anderen Seite
irreal.
Kafkas Schreibstil wurde als kafkaesk bezeichnet.
“Ein Schlagwort, das Grauen, Angst, Entfremdung und Scheitern zum Ausdruck
bringen soll. Es weckt die Vorstellung des Ausgeliefertseins an ein
undurchschaubares, sinnloses Schicksal und erinnert an Terror, Schuld und
Verzweiflung, an die Bedrohung des Menschen durch bürokratische
Organisationen und anonyme Machtstrukturen, die ihn seine Nichtigkeit und
Machtlosigkeit fühlen
lassen.”[2]
“Literatur war für Kafka auch eine
Fluchtmöglichkeit und die Sprache ein Vehikel, dem Bereich des Vaters zu
entkommen.... Gerade im “Prozeß” ist der Kampf um die genaue,
reine und vollendete Sprache
ausschlaggebend.”[3]
2.2. Die detaillierte sprachliche
Analyse einer typischen Passage
In einer für die Sprache typischen Passage begegnet
Josef K. im Gang der Kanzleien einem wartenden Mann, der ebenfalls Angeklagter
ist. Er unterhält sich mit ihm:
“Sie glauben wohl nicht, daß ich angeklagt
bin ?” fragte K. “Oh bitte, gewiß”, sagte der Mann, und
trat ein wenig zur Seite, aber in der Antwort war nicht Glaube, sondern nur
Angst. “Sie glauben mir also nicht ?” fragte K. und faßte ihn,
unbewußt durch das demütige Wesen des Mannes aufgefordert, beim Arm,
als wolle er ihn zum Glauben zwingen. Aber er wollte ihm nicht Schmerz bereiten,
hatte ihn auch nur ganz leicht angegriffen, trotzdem schrie der Mann auf, als
habe K. ihn nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden Zange
erfaßt. Dieses lächerliche Schreien machte ihn K. endgültig
überdrüssig; glaubte man ihm nicht, daß er angeklagt war, so war
es desto besser; vielleicht hielt er ihn sogar für einen Richter. Und er
faßte ihn nun zum Abschied wirklich fester, stieß ihn auf die Bank
zurück und ging
weiter.”[4]
Diese scheinbar emotionslos erzählte Passage
läßt eine Spannung erkennen, die sich während des
Vorgesprächs auf Grund Josef K.s Verhalten, das sich z.B. in Ungeduld
äußert, aufgebaut hat. Die Frage : “Sie glauben wohl nicht,
daß ich angeklagt bin ?”, kann als eine rhetorische Frage bezeichnet
werden, denn Josef K. will bestätigt bekommen, kein Angeklagter zu sein.
Der Mann jedoch bejaht diese Frage und Josef K. äußert seine
Enttäuschung durch Aggression. Obwohl er glaubt, den Mann nur leicht
berührt zu haben, verrät die Sprache mit dem Wort
“angegriffen” sein gewaltsames Vorgehen. Die Beschreibung
“angefaßt” wäre wahrscheinlicher und vom Leser erwartet
worden. Dieser deutliche Widerspruch zwischen K.s bewußtem Verhalten und
seinem unbewußten Vorgehen ist also auch in der Sprache wieder- zufinden.
Die geheime Absicht, durch Gewalt den Mann dazu zu bringen, seine Antwort
rückgängig zu machen, wird durch den folgenden Satz verstärkt:
“..., als habe K. ihn nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer
glühenden Zange erfaßt.” Das Wort “als” kann man
durch “wie wenn” ersetzen und man erhält so einen
Vergleichssatz, der mit K.s Tat gleichgestellt werden kann. Außerdem wird
K.s Aggression durch das Bild der “glühenden Zange”
verstärkt.
An dieser Stelle kann man auch sehr gut erkennen, welche
Erzählhaltung Kafka in diesem Roman benutzte. Er verwendete das personale
Erzählen, bei dem zwar in der dritten Person erzählt wird, aber
ausschließlich aus der Sicht des Josef K. Es handelt sich um eine
besonders ausgeprägte Form dieser Erzählweise, denn der Erzähler
ist identisch mit der Hauptfigur. Der Erzähler teilt nur die Gedanken und
Vermutungen des Josef K. mit. Dieses Vorgehen nennt man einsinniges
Erzählen. Man erfährt in diesem Roman nicht mehr als die Hauptperson
weiß und preisgibt. Das ist auch der Grund, dass nichts in seiner
Abwesenheit geschieht und er durchgehend anwesend ist.
2.3. Die Frage nach der
Angemessenheit der sprachlichen Mittel
Meiner Meinung nach paßt die Sprache, gemessen an
der Thematik, sehr gut zum Roman. Adjektive wie kühl, sachlich, unbeteiligt
oder emotionslos werden mit dem Begriff “Gericht” problemlos
assoziiert. Gerade die Sprache ist ausschlaggebend für das Verständnis
der Situation und den Zustand des Josef K.. Durch Kafkas emotionslose
Schreibweise wird dem Leser die Ausweglosigkeit und vor allem Sinnlosigkeit des
Kampfes der Hauptfigur gegenüber dem Gericht vermittelt
3. Biographische
Bezüge
3.1. Die Biographie des Autors:
Franz Kafka
Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 als ältester von
sechs Kindern eines deutschjüdischen Kurzwarenhändlers in Prag
geboren. Im Herbst 1889 besuchte er die Deutsche Knabenschule. Schon damals
zeigte sich seine Ängstlichkeit und Ernsthaftigkeit, die aus der
elterlichen Erziehung hervorging, wenn man überhaupt von Erziehung sprechen
konnte, da Kafka unter der Obhut der Köchin, später eines
Kindermädchens und einer Gouvernante aufwuchs. Seine Eltern sah Kafka eher
selten und somit beschränkte sich die Erziehung auf Anweisungen bei Tisch.
Die Befehle seines Vaters blieben für Kafka unbegreiflich und so wurde er
immer unsicherer in allem, was er tat. Von 1893 - 1901 besuchte er das
altösterreichische humanistische Gymnasium in der Prager Altstadt. Seine
Schulleistungen waren überdurchschnittlich. Sein ungewöhnlicher Mangel
an Neugierde ist ein Beleg für das empfindliche Zurückweichen vor der
Umwelt. Seine Mitschüler sprachen immer von einer gläsernen Wand, die
ihn von der Welt trennte. In dieser Zeit (1897 - 98) begann Kafka zu schreiben.
Durch seine Vereinsamung und weltanschaulichen Probleme erlangte das Schreiben
für ihn eine immer stärkere Bedeutung. Nach seinem Abitur (1901)
wollte er Philosophie studieren, dem widersetzte sich jedoch sein Vater. Von
1901 - 1906 studierte er, nach häufigem Wechsel der Studienrichtungen, an
der deutschen Universität in Prag auf Wunsch des Vaters Jura. Mit dem
Jurastudium schien die Schuld gegenüber dem Elternhaus abgetragen. Nach
seiner Promotion, am 18. Juni 1906 zum Dr. jur., trat er zunächst als
Versicherungsangestellter in die “Assicurazioni Generali” (1907)
ein. Seine Berufswahl war ihm relativ gleichgültig, doch wollte er sich die
Unabhängigkeit vom Elternhaus sichern, weiter weg von zu Hause sein und
trotz des Berufes genügend Zeit zum Schreiben haben. 1908 wechselte er zu
der halbstaatlichen Arbeiter-Unfall-Versicherungsgesellschaft in Prag und wurde
Hilfsbeamter für das Königreich Böhmen. Er erweist sich als
tüchtiger Beamter. Kafka steigt von der Aushilfskraft zum Obersekretär
auf und wird später frühzeitig entlassen. Er leidet unter dem Beruf,
da er die Kraft zum Schreiben verzehrt. Während dieser Zeit schließt
er Freundschaft mit dem durchaus erfolgreichen Autor Max Brod, der ihn
bewundert. Er ist der einzige engere Freund aus dem Kulturleben Prags,
während er zum örtlichen Dichterkreis nur lockere Kontakte pflegte. Er
machte Vergnügungsreisen wie andere junge Leute: nach Helgoland, Paris,
Berlin, Venedig, Verona, Lübeck und Wien.
Anfang Mai 1912 lernte er die Berlinerin Felice Bauer
(geb.1887) kennen. Einige Wochen später schon bat er in einem Brief an
ihren Vater um die Verlobung. Ungeduldig wartete er auf eine Antwort und schrieb
währenddessen einen neuen Brief an ihren Vater, den er aber nie abschickte.
In diesem Brief schreibt er, dass seine Tochter mit ihm nicht glücklich
werden wird, da für ihn die Literatur alles sei. Auch eine Ehe würde
daran nichts ändern. Während er diesen Brief schreibt, kommt die
zustimmende Antwort. Im September gibt es den ersten Bruch zwischen den beiden.
Kafka fährt allein auf Reisen. Nach seiner Rückkehr nimmt er wieder
Kontakt zu Felice auf, im November besucht er sie auch. Der Schriftsteller
Ernst Weiss und eine Freundin von Felice, Grete Bloch, vermitteln zwischen den
beiden. Am 1. Juni 1914 kommt es in Berlin zur offiziellen Verlobung. Durch
diese Verlobung fühlt sich Kafka gebunden wie ein Verbrecher und sieht
seine Arbeit durch die Ehe gefährdet. Am 12. Juli 1914 löst Kafka in
Berlin die Verlobung.
Mit Grete Bloch entsteht ein ausführlicher
Briefwechsel, und auch ein intimes Verhältnis. Kafka erfuhr niemals, dass
Grete Bloch von ihm schwanger war und dass sein Sohn im Jahre 1915 geboren
wurde, der jedoch nach sieben Jahren verstarb. Sie verschwieg ihm seine
Vaterschaft aus Schuldgefühlen gegenüber Felice. Auch wußte sie,
dass Kafka in einer Ehe keine Kinder wollte. Im Januar 1915 trifft er erstmals
wieder mit Felice zusammen. Vor Kriegsende will er sich wieder mit ihr verloben.
Anfang Juli findet die zweite Verlobung statt. Doch auch diesmal funktioniert es
nicht. Im Sommer 1917 wird Kafka lungenkrank. Seine Krankheit war eine Befreiung
von allen Verpflichtungen für ihn. Ende Dezember 1917 trennen sich die
beiden endgültig. Es wird gesagt, dass seine Krankheit nur Vorwand für
die Lösung von Felice war. In diesem Zeitraum schreibt er die
Erzählungen: Das Urteil (entstanden: Sept. 1912), Die Verwandlung
(Nov./Dez. 1912), In der Strafkolonie (Okt. 1914), Der Verschollene (1912 und
1914) sowie Der Prozeß (1914).
Im November 1918 fährt Kafka nach Schlesien. Dort
lernt er Julie Wohryzek kennen, ein junges tschechisches Mädchen. Kafka
verlobt sich mit ihr, nachdem er sie ein halbes Jahr kennt. Diesmal denkt er,
wäre es die richtige Entscheidung. Die Hochzeit scheitert, weil ihnen am
Freitag eine zugesicherte Wohnung verloren ging und sie somit am Sonntag nicht
heiraten konnten.
Für Kafkas Vater war diese Verlobung eine Schande,
denn Julie´s Vater war Synagogendiener und gehörte somit zur letzten
gesellschaftlichen Stufe . Das Scheitern dieser dritten Verlobung bewirkte Ende
1919 die Niederschrift des “Brief an den Vater” (1925), indem er
sich konkret mit der übermächtigen erfahrenen Gestalt des
autoritären Vaters auseinandersetzt.
Anfang Juli 1923 lernt Kafka, bei einem Besuch einer
Ferienkolonie, die 25jährige ostjüdische Köchin Dora Diamant in
Muritz kennen. Sie arbeitete dort als eine der Helferinnen - ein naives,
hilfsbereites Mädchen. Kafka fühlt sich zu ihr hingezogen. Er
verläßt Prag ein Jahr vor seinem Tod, um mit ihr seine letzten
Monate zu verbringen. 1923/24 lebte Kafka mit ihr in Berlin.
Er stirbt am 3. Juni 1924 an Kehlkopftuberkulose im
Sanatorium in Kierling bei Klosterneuburg. Nach Kafkas Willen sollten seine
Manuskripte, von denen zu Lebzeiten kaum etwas veröffentlicht worden war,
nach seinem Tod vernichtet werden. Entgegen seinem Willen veröffentlichte
sein Freund Max Brod in den Dreißiger Jahren die Werke und begründete
damit Kafkas späten Ruhm.
3.2. Die Stellung des Werkes in der
Vita des Autors
Der Prozeß entstand zwischen August 1914 und
Januar 1915. Anlaß für den Roman, und somit der Schuld- und
Gerichtsthematik, war die Auflösung der ersten Verlobung mit Felice
Bauer.
Felice erscheint von Anfang an nicht als mögliche
Liebespartnerin, der Kafkas Verlangen und Begehren gilt, sondern als Objekt
für die Ehepläne und die Rolle im Häuslichen. Felice
repräsentierte die Ehe, Familie und das bürgerliche
Leben.
Schon während der Verlobung am 1. Juni 1914 in
Berlin im Beisein beider Elternpaare fühlte sich Kafka “gebunden wie
ein Verbrecher”. Diese Worte zeigen deutlich, wie sehr Kafka die
bevorstehende Heirat als eine Art Gefangenschaft und Strafe empfand. Die
Heiratspläne mit Felice waren zugleich aber ein Hebel für Kafka, sich
im Normalleben zu etablieren. So zog er aus den Konflikten Energie, um seinem
inneren Wirrwarr durch Schreiben ein Ventil zu schaffen. Dennoch gründete
sich Kafkas Schreiben aus dem Alleinsein heraus.
So fand die Entlobung am 12. Juli 1914 im Hotel
“Askanischer Hof” in Anwesenheit von Freunden (Grete Bloch und Ernst
Weiß) und Verwandten statt, sechs Wochen nach der offiziellen Verlobung.
Grund für diese Entlobung waren Kafkas Zweifel an der Institution Ehe, da
er die Verpflichtung zum Schreiben durch die Belastungen der Ehegemeinschaft
gefährdet sah. Bei dieser Verhandlung im “Askanischen Hof”
legte Grete Bloch, der sich Kafka in seinen Briefen genähert hatte,
vertrauliche Korrespondenz von ihr und Kafka vor, die für Felice den
letzten Ausschlag gaben, der Entlobung zuzustimmen. Kafka fühlte sich durch
Grete Bloch, die als “Richterin” ihm gegenüber auftrat,
hintergangen. Er suchte sowohl bei sich als auch bei ihr die Schuld. Aus dieser
Situation heraus entstanden die wichtigsten Elemente des
“Prozeß-Romans”, die Kafka zur inneren Konfliktlösung
drängten: Die Frage von Schuld und Gericht. Dies beweisen auch Kafkas
Tagebuchaufzeichnungen, in denen dieser Schauplatz als “Der Gerichtshof im
Hotel” bezeichnet wird.
Durch die Entlobung fühlte er sich einerseits
befreit, aber die Schuldgefühle, in den entscheidend wichtigen Fragen der
Ehe und Familiengründung versagt zu haben, waren unüberwindlich.
Verfolgt von dieser Schuld erfährt er einen inneren Prozeß der
Selbstanklage und des Selbstgerichts. Kafka beginnt, das Fiasko seiner Verlobung
sprachlich zu verarbeiten. Die Niederschrift des Prozesses diente ihm somit als
Selbstbefreiung.
4.
Bewertung
4.1. Ist die Thematik ein abstruser
Einzelfall oder wird mit dem Besonderen auch
Allgemeines erfaßt
?
Der Roman “Der Prozeß” beinhaltet
nicht nur Kafkas persönliche Problembewältigung, sondern spricht wegen
seiner Allgemein- und Vieldeutigkeit eine sehr große Bandbreite von Lesern
an. So wird es wohl kaum jemanden geben, der sich von all den angesprochenen
Problematiken freisprechen kann. Erstaunlich ist auch, dass der Roman, der
1914/15 entstand, für das heutige Leserpublikum immer noch aktuell ist.
Dies liegt wohl an seinen zeitlosen Themen, die man immer noch individuell auf
Personen oder allgemeine Lebenssituationen beziehen kann.
Die Konfrontation mit einer hierarchisch gegliederten
Welt, das Gefühl trotz großer An-strengung sein Ziel nie erreichen zu
können, sich klein und nichtig vorzukommen, weil man einer höheren
Macht gegenübersteht, der Konflikt zwischen Beschuldigtwerden und
deut-lichem Unschuldsgefühl oder gar das Gefühl der
Einschüchterung und Vergeblichkeit im bürokratischen und
institutionellen Bereich wird wohl niemandem fremd sein. Doch auch banal
erscheinende Themen, wie z.B. die Beziehung der Geschlechter, werden immer ein
Publikum finden.
4.2. Gelingt über die
gewählten Inhalte die Kontaktaufnahme zum Leser ?
Wer diesen Roman liest, wird über die skurrile
Handlung verwirrt sein. Der Leser wird sich vor allem über die Gerichtswelt
wundern, die nicht mit unserem Rechtsempfinden übereinstimmt.
Der Leser erfährt die Handlung aus der Sicht des
Josef K. und kann genau wie er den Gang des Prozesses nicht nachvollziehen. Der
Leser fühlt also von Anfang an, in welcher Misere Josef K. steckt. Dieses
Gefühl wird vor allem durch die Erzählhaltung erweckt. Der Leser wird
gezwungen, K.s Verwirrung mitzuerleben, ohne dass er je mehr über das
rätselhafte “Gericht” erfährt als K. selbst. Gerade diese
Erzählhaltung trägt zur Rätselhaftigkeit des Textes
bei.
Dennoch halte ich die Rätselhaftigkeit für
positiv, da sie den Leser dazu anregt, nach einer anderen Deutung des Inhalts zu
suchen. Gerade durch die skurrilen Inhalte des Romans gelingt die
Kontaktaufnahme zum Leser, der sich nicht der Tatsache entziehen kann, über
diesen Roman nachzudenken. Es gelingt dem Leser nicht, diesen Roman zu lesen und
ihn ohne weiteres aus den Händen zu legen. Die Rätselhaftigkeit
“zwingt” ihn, sich mit dem Roman
auseinanderzusetzen.
4.3. Die Bedeutung der Stilistik
für die Rezipienten: “lesbar” oder nicht
?
Mit Sicherheit kann man sagen, dass dieser Roman
durchaus gut zu lesen ist. Durch die sachliche und genaue Sprache kann es zu
keinerlei “Mißverständnissen” in Bezug auf den Inhalt
kommen. Ereignisse oder Situationen werden nicht langatmig umschrieben, sondern
schnell auf den Punkt gebracht.
5. Skizze eines produktorientierten
Interpretationsansatzes
Alle Werke von Franz Kafka lassen sich in einem direktem
Zusammenhang mit seinem Leben stellen, so auch der Roman “Der
Prozeß”. Er selbst und die Personen, mit denen er zu dem Zeitpunkt,
als er den Roman schrieb, zu tun hatte, tauchen in diesem Werk unter anderen
Namen auf. Dieser biographische Bezug läßt sich an Hand des Romans
beweisen. So erscheinen in Kafkas Manuskript die Abkürzungen
“K” für Josef K. und “F.B.” für Fräulein
Bürstner. Diese Initialen treffen auch auf Kafka selbst und Felice Bauer
zu.
Darüber hinaus gibt es Textstellen, die sich in
einen direkten Zusammenhang mit Kafka stellen lassen. Im Roman wird K. am
Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstages umgebracht. Am Vorabend
Kafkas einunddreißigsten Geburtstages entschließt er sich nach
Berlin zu fahren, um das Verlöbnis mit Felice zu lösen. Kafka stellte
also dieses Ereignis (Entlobung) einer Hinrichtung gleich.
Auch seinen Vater-Sohn-Konflikt versuchte Kafka in
diesem Werk zu bewältigen. Kafkas Vater war eine Machtgestalt (groß,
stark, breit), der Kafka (mager, schwach, schmal) gegenüberstand. Der
Prozeß verschärft die Einsichten in die Institutionalisierung des
Vaterprinzips durch die Darstellung einer abstrakten Instanz der Herrschaft und
des Richters. Der Vater erscheint Kafka als oberster Richter, als “letzte
Instanz”, worin sich die Prozeß-Welt andeutet.
Außer den überragenden Vaterfiguren
erscheinen auch viele Mutter- oder Ersatzfiguren , so z.B. die Zimmervermieterin
Josef K.s, Frau Grubach, die durch ihre Empfindlichkeit und Fürsorge an
Kafkas Mutter erinnert.
Das Erleiden einer unerklärlichen Schuldzuweisung,
die keinen Ausweg läßt, ist bezeichnend für die Thematik des
Prozeß-Romans und läßt sich auf Ereignisse in Kafkas Kindheit
zurückführen. Kafka wurde oft von seinem Vater bestraft, ohne dass
dieser einen berechtigten Anlaß dafür hatte. So wurde Kafka z.B. als
Junge in der Nacht auf den Balkon ausgesperrt, da er seinen Vater lediglich um
ein Glas Wasser bat. Parallelen zu Josef K. lassen sich ohne große
Mühe ziehen, da auch Josef K. nie einen Grund für seine Verhaftung
bzw. Verurteilung erfuhr.
Auch die Thematik des verleumderischen Verhaltens, das
Kafka durch eine Köchin erfuhr, die ihm androhte, den Lehrern sein
angeblich schlechtes Benehmen mitzuteilen, obwohl er gar nichts Böses getan
hatte, griff Kafka gleich zu Beginn des Prozeß auf, als Josef K. eine
Verleumdung vermutete, weil er verhaftet wird, “ohne daß er etwas
Böses getan
hätte”.[5]
Auch Kafkas unüberwindbares Schuldgefühl, das
er hatte, weil er in der Ehe und Familiengündung versagt hatte, spiegelt
sich auch bei Josef K. wider. Genau wie Kafka ist auch Josef K.
beziehungsunfähig. Dargestellt wird dies in den immer wieder auftauchenden
“Beziehungen” zu Frauen. Die meisten Frauen im
“Prozeß”, zu denen Josef K. Verbindungen sucht, haben in
seinen Augen einen hurenhaften Charakter. Es gibt nur einige wenige
Frauenfiguren, die diesem Charakter nicht entsprechen, so z.B. Fräulein
Bürstner, doch auch mit ihr konnte er keine dauerhafte Beziehung
aufbauen.
Zudem spielt Kafkas räumliche Lebenssituation in
diesem Werk eine große Rolle. Kafka verbrachte fast sein ganzes Leben in
Prag. Diese Eindrücke der Stadt spiegeln sich im Prozeß
wider.
Bezeichnend für Prags Stadtbild ist der Gegensatz
von Höhe und Tiefe, symbolisiert vom hochgelegenem Schloß und
Veitsdom zur niedriggelegenen Altstadt. Im Prozeß spielt der Dom als
zentrale Begegnungstätte für Josef K. eine entscheidende Rolle. Der
Dom wird Schauplatz seiner vergeblichen Sinnsuche. Die Bauwerke, die zu Josef
K.s Alltagswelt gehören, stehen im Schatten des Doms.
Der Gegensatz zwischen Höhe und Tiefe spiegelte
sich auch zur damaligen Zeit in den sozialen Schichtungen und
Machtverhältnissen wider. Auch hier tauchen Parallelen zum Text auf. Josef
K. gerät auf der Suche nach dem Gericht in unbekannte Gegenden, in
Arbeiterviertel, die mit ihrer armseligen Alltagswirklichkeit im Kontrast zu
seiner gewohnten bürgerlich geordneten Lebenswelt stehen.
Darüber hinaus mag der Beginn des Ersten
Weltkrieges, von dessen Teilnahme Kafka wegen Unabkömmlichkeit in der
Versicherungsbehörde verschont blieb, die Schuldthematik mittelbar
beeinflußt haben. So kommt im Nachhinein die Frage auf, ob “Der
Prozeß” mit den Motiven unvermuteter Verhaftungen, heimlicher
Prügelkommandos, unkontrollierbarer Behördenentscheide und brutaler
Tötungen sich auch auf den späteren nationalsozialistischen Terror
beziehen läßt.
6. Zusammenfassende Darstellung der
Rezeptionsgeschichte
Um einen Überblick der Rezeptionsgeschichte zu
bekommen, ist es notwendig, zu Beginn einige Rezensionen bekannter
Schriftsteller zusammenfassend wiederzugeben:
Im “Berliner Börsen-Courier” erschien
am 26. April 1925 unter dem Titel “Franz Kafka: Der Prozeß”
ein Artikel von Ernst Weiß.
Ernst Weiß beschreibt den
“Prozeß” als den Prozeß der eigenen Gewissensstimme. Das
Werk sei nichts anderes als der Detektivroman einer Seele, in dem ein Wesen die
halbverlöschten Spuren seiner selbst sucht. Von sich selbst angeklagt und
von sich selbst verurteilt. “Und dass dieses Urteil wider den Willen
dieses Richters und Angeklagten in einer Person, wider den Willen Kafkas an die
Öffentlichkeit kommt, nachdem er sein ganzes Leben lang die Heimlichkeit
des Verfahrens erlitten, das macht dies Werk zu einem echten Lebensdokument, zu
einer erschütternden
Tragikomödie.”[6]
In der Abendausgabe des Berliner Tageblattes vom 9.
September 1925 erschien unter der Überschrift “Franz Kafkas
Nachlaß” eine Rezension von Hermann Hesse.
In diesem Artikel beschreibt H. Hesse Kafka als einen
merkwürdigen Dichter, der mit seiner Arbeit selbst nie zufrieden war.
Über das Werk schreibt er, dass es viele von Kafkas Freunden
überraschen, alle entzücken und ergreifen wird. Es sei ein seltsames,
aufregendes, wunderliches und ein beglückendes Buch.
Hesse beschreibt dieses Werk als ein Gespinst aus
zartesten Traumfäden, die Konstruktion einer Traumwelt, hergestellt mit so
reinlicher Technik und geschaffen mit so intensiver Kraft der Vision, dass eine
unheimliche, holspiegelhafte Scheinwirklichkeit entsteht, welche zunächst
wie ein Alptraum wirkt, bedrückend und ängstigend, bis dem Leser der
geheime Sinn dieser Dichtung aufgeht.
Der Sinn seiner Dichtung, schreibt Hesse, stecke nicht
in der ungewöhnlichen Sorgfalt der Kleinarbeit, sondern sei ein
religiöser. Was dieses Werk ausdrücke, sei Frömmigkeit, was es
erwecke, ist Unterwürfigkeit und Ehrfurcht. Der “Prozeß”
sei nichts anderes als die Lebensschuld selbst und die “Angeklagten”
sind jene, denen eine beginnende Einsicht in die Furchtbarkeit allen Lebens das
Herz einschnürt. Aber sie können Erlösung finden auf dem Weg der
Ergebung, der frommen Hingabe an das Unvermeidliche. Diese Lebenslehre wird im
“Prozeß” gepredigt.
Jakob Elias Poritzky beschreibt in seiner
Sammelbesprechung, veröffentlicht in der literarischen
Informationszeitschrift “Die Literatur” (April 1926 in Stuttgart und
Berlin), unter dem Titel “Phantasten” Kafkas
“Prozeß” als ein Werk voll schmerzhafter Selbstqual und
herzaufwühlender Weltverlorenheit.
Es zeigt dem Leser, unter welchen dämonischen
Masken die Erinnyen (Rachegöttin) des Alltags sich verbergen. Der Leser
wandert durch eine traumhafte Hölle, voll eigen erfundener Ungeheuer und
grausiger Stationen. Weiter schreibt er, dass es eine Nerventortur
stärksten Grades sei, die man als Mitwanderer durchleidet. Die
Trostlosigkeit und Traumgebundenheit sei vollkommen. Man lebt im Purgatorium
(Fegefeuer), von Mächten umringt, denen man ohnmächtig und hilflos
ausgeliefert sei.
So und ähnlich klangen die Meinungen und
Äußerungen der meisten Kritiker unmitelbar nach der
Veröffentlichung des Romans. Kafkas Roman “Der Prozeß”
wurde in den höchsten Tönen gelobt. Viele sprachen sogar vom
bedeutendsten Werk Kafkas. Es sei ein Roman, der durch seine große
Stärke, nämlich der Allgemeingültigkeit, viele Leser
anspreche.
Kafka selbst wurde von seinen Kritikern als heimlicher
Meister und König der deutschen Sprache (Sprachkünstler) genannt, der
die Fähigkeit besaß, durch sorgfältige Kleinarbeit ein solch
komplexes Werk zu schreiben.
Hinzuzufügen ist, dass Kafkas Kritiker immer wieder
Dank gegenüber Max Brod äußern, da er gegen den Willen Kafkas,
zwei Jahre nach dessen Tod, den ersten Roman
veröffentlichte.
Der Roman “Der Prozeß” wurde bis zum
heutigen Tag immer wieder neu gedeutet. “Die Zeit des Faschismus
aktualisierte in der Kafka-Interpretation das jüdische Schicksal des
Verfolgtseins, das Max Brod schon 1933 Kafkas Roman zuschrieb als “all
das, was für die heutige Lage des Judenrtums charakteristisch ist”,
wobei er die zeitgeschichtliche Vorwegnahme des “SS-Mannes” in
Kafkas Roman fesstellen zu können
glaubte.”[7]
Die Vehemenz, mit der Kafka nach 1945 in der geistigen
Auseinandersetzung der Nachkriegszeit Furore machte, hing nicht zuletzt mit der
schwierigen Lage des Einzelnen im Dritten Reich zusammen. Die alten
Ordnungssysteme waren zerstört worden. Man war von einem Gefühl der
Orientierungslosigkeit und oft auch Hoffnungslosigkeit ergriffen und deutete
dementsprechend diesen Roman.
“Heutzutage geht die Dynamik des Processes eher
dahin, “unabhängige Akte einer Selbstbegegnung, die zur Ich-Findung
durch Schulderkenntnisse führt”, in den Geschehnissen des Romans
anzubieten. Der “wahre” Prozeß sei “das schwere
Durchringen von der Fremdbestimmung zur Selbsterkenntnis und
Selbstbestimmung.” Diese neueren Ansätze und Deutungen entlassen die
LeserInnen mit der Aufgabe, den unausdeutbaren Text als Sinnenergie, die das
eigene Denken, die Selbsterkenntnis vorantreibt, mitzunehmen, den Text als
Mitteilung
anzuhören.”[8]
7. Zusammenfassendes Urteil:
“Leseempfehlung”
Wer Kafka und seine Art zu Schreiben mag, der wird
diesen Roman zu schätzen wissen, denn “Der Prozeß” wird
nicht umsonst als Kafkas größtes Werk bezeichnet.
Ich persönlich hatte zu Beginn des Romans sehr
starke Zweifel. Schon wieder ein Werk von Kafka, der mit sich und der Welt nicht
zurechtkam und seine Probleme durchs Schreiben bewältigte.
Doch auf Grund der Biographie und der Umstände, die
zu diesem Roman führten, also als Hintergründe und Zusammenhänge
deutlicher wurden, wurde mir klar, dass dieser Roman geradezu ein Meisterwerk
der Verarbeitung ist. Wenn man Kafkas Lebenssituation kennt und sie sich
während des Lesens immer wieder vor Augen hält, erkennt man erst die
Komplexität, die dieser Roman, trotz seiner Einfachheit, mit sich bringt.
Kafkas Talent bestand darin, seine persönliche Situation in den Mittelpunkt
zu stellen. Trotzdem erreichte er unbewußt ein sehr hohes Maß an
Vieldeutigkeit, obwohl er eine Veröffentlichung seiner Werke nicht
vorsah.
Auch die einfach wirkende Schreibweise, die erst auf den
zweiten Blick ihre Vielfalt erkennen läßt, ist wirklich erstaunlich
und faszinierend. Genau wie das Zusammenspiel zwischen Real (Wirklichkeit) und
Irreal (Traum), welches fließend ineinander übergeht, so dass den
Leser nach einer gewissen Zeit nichts mehr verwundert, selbst wenn das Geschehen
zum Ende hin immer absurder wird.
Dieses Werk ist meiner Meinung nach erst dann
faszinierend, wenn man sich mit Kafkas Biographie beschäftigt. Als
“Bettlektüre”, also zum Vergnügen, eignet es sich nicht.
8.
Quellenangabe:
- Klaus Wagenbach, Rowohlt Taschenbuch Verlag Gmbh, Reinbek
bei Hamburg, 1964
- Franz Kafka: Tagebücher 1910-1923, S.Fischer Verlag,
1986
- Lektüre: Durchblick, Der Prozeß, von Friedrich
Hobek, Mentor Verlag München
- Franz Kafka, Eine kritische Einführung in die
Forschung, von Peter U. Beicken, Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag
- Kafka-Handbuch, in zwei Bänden, Band 2: Das Werk und
seine Wirkung, herausgegeben von Hartmut Binder, Alfred Körner Verlag
Stuttgart
- Kindlers Literatur Lexikon im dtv, Band 9: O,P,Q;
Deutscher Taschenbuch Verlag, München, März 1986
- Franz Kafka, Der Proceß: Interpretation/ von Peter
Beicken -1. Auflage- München: Oldenbourg, 1995
- Franz Kafka: Der Prozess, Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt am Main 1979, Nachdruck August 1992
- Franz Kafka: Kritik und Rezeption 1924-38, Herausgegeben
von Jürgen Born, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1983
- Hermes Handlexikon: Franz Kafka: Leben, Werk, Wirkung;
von Hartmut Müller, ECON Taschenbuch Verlag, Düsseldorf,
1985
[1] Kafka, Franz; Der
Proceß: Interpretation/ von Peter Beicken -1. Aufl.- München:
Oldenbourg, 1995, Seite 120.
[2] Hermes Handlexikon:
Franz Kafka: Leben, Werk, Wirkung; von Hartmut Müller, ECON Taschenbuch
Verlag, Düsseldorf, 1985, Seite 159.
[3] Kafka, Franz; Der
Proceß: Interpretation/ von Peter Beicken -1.Aufl.- München:
Oldenbourg, 1995, Seite 121.
[4] Kafka, Franz: Der
Prozess, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, März 1979,
Nachdruck August 1992, Seite 59.
[5] Kafka, Franz: Der
Prozess, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, März 1979,
Nachdruck August 1992, Seite 7.
[6] Kafka, Franz: Kritik
und Rezeption 1924-38, herausgegeben von Jürgen Born unter Mitwirkung von
Elke Koch, Herbert Mühlfreit und Mercedes Treckmann; S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main, 1983, Seite 98.
[7] Kafka, Franz; Der
Proceß: Interpretation/ von Peter Beicken -1. Aufl.- München:
Oldenbourg, 1995, Seite 177.
[8] Franz Kafka; Der
Proceß: Interpretation/ von Peter Beicken -1. Aufl.- München:
Oldenbourg, 1995, Seite 180.
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