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Schiller, Friedrich: Die Räuber
Schiller: Die Räuber
- Hausaufsatz aus dem
Deutschen
7.1.
1997
Klaus Schurg
11b
- Setzen sie sich kritisch mit den Selbstmordgedanken von
Karl und Franz Moor
auseinander.
Literarische
Erörterung
A: Selbstmord - Eine einfache Art der
Problemlösung
B: Selbstmordgedanken von Karl und Franz Moor
berechtigt?
I. Argumente für den Selbstmord von Franz Moor
1. Materialismus
2. Konsequentes Leben
II. Argumente für den Selbstmord von Karl Moor
1. Zweifel über die Richtigkeit seines
Räuberdaseins
2. Tod Amalias
3. Verpflichtungen gegenüber seinen
Kameraden
C: Keine Wahl
In der Weihnachtszeit ist die Selbstmordrate bekanntlich
besonders hoch. Aufgrund des Selbstmordes eines Familienvaters, der wegen hoher
Schulden keinen Ausweg aus seiner Lage sah und sich im Wald erschoß,
überlegte ich mir, ob er es sich nicht etwas zu einfach gemacht
hat.
Diese Frage könnte man auch auf die Hauptfiguren
von Schillers Räuber beziehen. Franz und Karl Moor beenden ihr Leben am
Ende des Stücks. Das Drama spielt in Franken zur Zeit des Sturm und Drangs.
Schillers Räuber wurde in mehreren Versionen inszeniert und steht auch in
der heutigen Zeit noch auf den Theaterspielplänen. Das Buch gehört
außerdem zu den oft gelesenen Werken der Oberstufe. Aufklärend
muß allerdings gesagt werden, daß sich in diesem Stück nur
Franz erdrosselt, sein Bruder liefert sich der Polizei aus, wo er mit Sicherheit
zum Tode verurteilt wird, was allerdings einem Selbstmord
gleichkommt.
Als Grund für den Selbstmord von Franz Moor
wäre als erstes zu nennen, daß Franz Materialist ist und diesen
Materialismus bei Stürmung seines Schlosses und anschließendem Fall
in die Hände seines Bruders, nicht mehr hätte weiterleben können.
Daß Franz Materialist ist bedeutet, daß er davon überzeugt ist,
daß alle natürlichen (physischen) Vorgänge, die Folgen
materieller Veränderungen sind. Als Beweis für sein materialistisches
Denken zitiere ich folgende Zeilen (S.38 Z.7 “zähen Klumpen
Fleisch” und Z.11f “Soll sich mein hochfliegender Geist den
Schneckengang der Materie ketten lassen?”), womit er das Leben seines
Vaters beschreibt. Des weiteren äußert er sich selbst über das
Zusammenspiel von Körper und Geist (S. 38 Z. 24-26) “Philosophen und
Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Geistes mit den
Bewegungen der Maschine zusammenlauten.” Diese Materie geistig zu erfassen
und zu beherrschen, den Gang der Maschine nach seinem eigenen Willen zu lenken,
den Vater von der Psyche her zu töten und Herr zu werden im Schlosse Moor,
das ist das verbrecherisches Ziel dieses “hochfliegenden Geistes”,
der sich nicht an den Gang der Materie ketten lassen will.
Als zweiten Grund für seinen Entschluß seinem
Leben ein Ende zu setzen, ist anzumerken, daß Franz ein Leben nach seinen
eigenen Konsequenzen führt. In seinem Leben ist alles genau geplant.
Niemand soll sein Leben stören oder ihn daran hindern, Reichtum und Macht
zu bekommen. Seine Untertanen behandelt er menschenunwürdig. Die Steine,
die ihn an seinem Vorhaben hindern, werden beseitigt. Dies sieht man daran,
daß er erst seinen Bruder für tot erklären läßt und
dann seinen Vater “materialistisch” umbringen will. Als dieser zu
seinem erschrecken nicht tot ist, begräbt er ihn sogar lebendig. Der alte
Graf von Moor führt aus, daß er, als er die Nachricht vom Tod seines
Sohnes erfuhr, in eine tiefe Ohnmacht fiel, und als er wieder zu sich selbst
kam, lag er schon auf der Bahre und in ein Leichentuch gewickelt wie ein Toter.
Als er an dem Deckel kratzte, wurde er von Franz geöffnet, welcher mit
entsetzter Stimme rief, ob er denn ewig leben wolle. Anschließend fiel der
Sargdeckel wieder zu (vgl. S. 122 Z.7-15). Hier wird besonders deutlich,
daß Franz vor Nichts zurückschreckt um seine Ziele zu
erreichen.
Als nun die Räuber von Karl Moor dabei sind das
Schloß zu stürmen, sieht er zum einen seinen Besitz vernichtet, zum
anderen kann er sein konsequentes Leben nicht mehr weiterführen. Er wird
entweder getötet oder fällt in die Hände eines anderen und kann
somit seinen unbeirrbaren Weg nicht weiterführen. Dies ist natürlich
gleichermaßen ein Ereignis, das er nicht eingeplant hatte, welches aber
fatale Folgen für ihn und sein Leben hat. Deswegen beschließt er als
letzte, selbstbestimmte Tat, seinem Leben ein Ende setzen zu lassen, und als das
nicht geht, es selbst zu tun. Als Bestätigung dieser These könnte man
sehen, daß er sich umbringt, indem er sich mit seiner eigenen Hutschnur
erdrosselt, was sehr viel eigene Kraft und Willen kostet, da es eine grausamere
und langwierigere Art zu sterben ist, als sich in den Degen zu stürzen,
welchen sein Diener Daniel hätte benutzen sollen, um ihn zu töten,
dieser aber weigert sich (vgl. S.137 Z.31-36).
Im Gegensatz zu Franz, der nur seinen materialistischen
Kollaps und die Zerstörung seines konsequenten Lebens und Denkens als
Schreckensvision vor Augen hat, plagen Karl weitgehend psychische
Probleme.
Karl denkt über die Vergänglichkeit der Dinge
nach, und er sehnt sich danach sein bisheriges Leben ungeschehen zu machen. Er
führt aus, daß in einer Nacht Getreide durch Hagel vernichtet werden
kann und zieht als Schlußfolgerung, daß alles zugrunde gehen wird
(vgl. S.82 Z.30-S.83 Z.3). Als Räuber Schwarz sich über den
Sonnenuntergang freut, wird Karl zutiefst gerührt und verfällt in
Jugenderinnerungen, die beinhalten “wie sie zu leben und zu sterben”
(S.83 Z.28). Anschließend äußert er den Wunsch wieder Kind zu
sein, denn jetzt ist er ein Ungeheuer, “warum ich allein die Hölle
saugen aus den Freunden des Himmels?...Ich allein der Verstoßene, ich
allein ausgemustert aus den Reihen der Reinen...nimmer mir der Geliebten
schmachtender Blick ... nimmermehr des Busenfreundes Umarmung! Umlagert von
Mördern ... angeschmiedet an das Laster mit eisernen Banden...er allein sei
der einzige, der Verstoßene, aus den Reihen der Reinen. Er ist umlagert
von Mördern, angeschmiedet an das Laster mit eisernen Banden -
hinausschwindelnd ins Grab des Verderbens auf des Lasters schwankendes
Rohr” (S.84 Z.20-32).
Als anläßlich einer Befreiungaktion viele
unschuldige Menschen sterben, zürnt er über den Schufterle, einen
seiner Kameraden, dem das Ermorden Unschuldiger Spaß macht. Dann kommt er
ins Philosophieren und erklärt, daß man nicht kontrollieren
könne, ob es nur den Schlechten oder auch den Guten trifft. Er stellt fest,
daß diese schrecklichen Taten seine schönsten Werke vergiftet
hätten. Seine Werke vergleicht er mit dem Racheschwert der obern Tribunale.
Dann wirft er den Schufterle aus seiner Bande.
Seine darauffolgende Aussage, sich deswegen in
irgendeine Kluft der Erde verkriechen zu wollen, wo der Tag vor seiner Schande
zurücktreten würde (vgl. S.68 Z.38), kann man als Selbstmordgedanken
sehen. Zusätzlich wird ihm später bewußt, daß es falsch
ist, das Gesetz durch Gesetzlosigkeit aufrechterhalten zu wollen (vgl. S.147 Z.
10f). Hieraus kann man ebenfalls seine Verzweiflung über sein bisheriges
Leben sehen und gleichfalls gewisse Gedanken diesem Leben für immer
entfliehen zu wollen.
Diese Schwierigkeiten allein würden Karl zwar nicht
dazu bewegen, sein Leben zu beenden, aber als Amalia stirbt, nähert er sich
seinem Vorhaben doch um einen gewaltigen Schritt. Um die Bedeutung Amalias
für Karl deutlich zu machen, muß man wissen, daß Karl und
Amalia in sich verliebt waren und, daß Karl Amalia einen Ring geschenkt
hat, der vermutlich ein Verlobungsring sein sollte. Als Amalia die Nachricht vom
Tod Karls erhält, verfällt sie in tiefe Trauer, nimmt sich aber keinen
anderen Mann.
Bei der Zurückkehrung Karls nach vielen Jahren auf
das Schloß gibt er sich als Graf von Brand aus und trägt eine Maske.
Als er ihr begegnet, erkennt sie ihn nicht. Er entnimmt ihren
Äußerungen und ihrem Verhalten, daß sie ihn immer noch liebt
(vgl. S. 96 Z.5 und S. 109 Z.28f). Dadurch, daß Karl sich als Graf
ausgibt, Amalia ihrem Karl aber treu bleibt, ist es ihm unmöglich, Amalia
zurückzugewinnen, ohne sie mit seinem Räuberleben zu erschüttern.
Amalia hegt allerdings gleichermaßen Liebesgedanken gegenüber dem
Grafen. Diese Zwiespältige Liebe ist ein Musterbeispiel für
ausschweifende Empfindsamkeit. “und das sprach er mit einer Stimme! - mit
einer Stimme...Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Frevelbild - ich habe meinen
Eid nicht gebrochen, du Einziger!...im Herzen, wo Karl herrscht, darf kein
Erdensohn nisten... Nimmer sehen soll mein Aug diesen Fremdling!” (S. 108
Z. 4-21). Als Karl, als Graf verkleidet, die Gartenlaube betritt, eröffnet
ihm Amalia, daß sie immer noch in Karl einzig und allein verliebt ist,
gibt aber gleichzeitig ihre Neigung zu dem Grafen zu. (S.108 Z.27f )
“Nein, du sollst mir meinen Karl nicht entreißen!”. Als Amalia
Karl später im Wald zusammen mit seinen Räubern begegnet, erzählt
er, daß er Räuberhauptmann ist. Amalia ist nach dieser Nachricht zwar
kurz bestürzt, vergibt ihm dann aber (S.143 Z. 32f ) “Mörder!
Teufel! Ich kann diesen Engel nicht lassen.” Zwar möchte er erst vor
Scham fliehen, ist dann aber überglücklich, als sie ihm vergibt
“Einziger, Unzertrennlicher!” dann Karl “Sie vergibt mir, sie
liebt mich. - Weinenden Dank dir, Erbarmer im Himmel!” (S.144 Z.5-8). Karl
hat seinen Seelenfrieden wiedergefunden (vgl. S.144 Z.10f). Für Karl ist
die Welt jetzt zwar wieder in Ordnung aber seine Räuberkumpanen erlauben
ihm nicht, sein Räuberdasein zu beenden. Sie verlangen von ihm, Amalia, die
er gerade zurückgewonnen hat, wieder zu opfern “Opfer um Opfer!
Amalia für die Bande!“ (S. 145 Z. 4f). So faßt er
schließlich den Entschluß, Amalia zu verlassen und sein Leben weiter
als Räuber zu fristen. Dies kann Amalia aber nicht ertragen und
möchte, wegen des erneuten Verlustes ihres Karls, von ihm getötet
werden (vgl.S.145 Z. 19-35). Dieser weigert sich zunächst. Als ein anderer
Räuber allerdings Anstalt macht, dies zu tun, überwindet er sich doch
noch und ermordet sie.
Nachdem er nun Amalia verloren hat, gehen die
Räuber davon aus, daß er sie weiter anführen würde, da sie
alles sind was er hat. Er aber legt das Amt des Hauptmannes nieder, was klar
gegen seinen Treueschwur verstößt “Ich will euch niemals
verlassen”(S.86 Z. 16f). Er bedauert sich angemaßt zu haben, wie
Gott richten zu dürfen und beschließt, daß die einzige
Möglichkeit diese Ordnung wieder herzustellen, sich selbst zu opfern ist
(vgl. S.146 Z.9-30). Karl hat also keine Möglichkeit dem Räuberleben,
das er als falsch erkannt hat, zu entfliehen. Allerdings ist es interessant,
daß er den Selbstmord als Todsünde sieht, denn er entgegnet ihnen
“Meint ihr wohl gar, eine Todsünde werde das Äquivalent gegen
Todsünden sein,....Ich geh mich selbst in die Hände der Justiz
überliefern.”(S.147 Z.34-39), was allerdings einem Selbstmord genauso
gleichkommt, denn er hat mit der Todesstrafe zu rechnen. Allerdings möchte
er als ehrenvollen Zug sich einem Mann übergeben, der dann für seine
Auslieferung tausend Louisdore bekommt. Wegen seines Treueschwures lassen ihn
die Räuber vermutlich nicht lebend gehen, also muß er, um nicht noch
mehr Sünden zu begehen, sich selbst umbringen.
Wenn ich mich nun angesichts dieser Punkte frage, ob der
Selbstmord dieser beiden Figuren berechtigt ist, komme ich zu dem Schluß,
daß sowohl Franz als auch Karl aus ihrer Sicht keine wirkliche Alternative
hatten. Beide hätten, wenn sie weitergelebt hätten, ein für sie
höchst unbefriedigendes Leben geführt. Karl, der seine Amalia verlor,
in seinem Räuberdasein keinen Sinn mehr sieht, aber nicht die
Möglichkeit hat, sein Räuberdasein lebend zu beenden und selbst, wenn
ihn die Räuber gehen lassen würden, wäre er der Polizei schutzlos
ausgeliefert gewesen. Franz, der alles verloren hat, einschließlich seines
Stolzes, wenn er in die Hände von Karl gefallen wäre, vermutlich auch
sein Leben. So sind beide dem Tod durch Fremdeinwirkung nur
zuvorgekommen.
Der Familienvater, der wegen Finanzproblemen keinen
Ausweg mehr aus seiner Lage sah, hatte dagegen bessere Alternativen als seine
Familie auf diese Art im Stich zu lassen. Da ich persönlich auch drei Leute
kenne, die Selbstmordversuche hinter sich haben, wobei einer erfolgreich mit
seinen Bemühungen war, und mir ihre angegebenen Gründe anschaue, mit
denen sie ihr Ableben rechtfertigten, komme ich zu der Feststellung, daß
sie trotzdem noch Chancen gehabt hätten, ein anständiges Leben zu
führen.
Abgesehen davon existiert die verbreitete Meinung,
daß niemand Gott ins Handwerk pfuschen soll.
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