|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Zweig, Stefan: Schachnovelle
Zweig, Stefan: Schachnovelle
walter-ludwig skolud <waluliso@gmx.net>
Titel: Schachnovelle
Autor: Stefan Zweig
Ein als Schachspieler mäßig dilettierter Ich-Erzähler
berichtet von seiner Begegnung mit dem Weltschachmeister Mirko Czentovic, den
ein selbstgefälliger Millionär gegen Honorar zu einer Simultanpartie
herausfordert. Der primitive und zugleich arrogante Czentovic, ein "Spezimen der
intellektueller Eingleisigkeit", beherrscht fast automatisch die kalte Logik des
königlichen Spiels; er tritt als halb analphabetischer Roboter auf, der
alles mit "ordinärer Habgier" überspielt. Ein fremder Herr, der
österreichische Emigrant Dr. B., greift beratend in die hoffnungslos
verfahrene Partie ein und rettet gegen den eiskalt operierenden Weltmeister ein
schmeichelhaftes Remis. Dr. B., als Vermögensverwalter großer
Klöster von der Gestapo verhaftet, hatte sich - in einem Hotelzimmer von
der Außenwelt abgeschnitten - vor nervlicher Zermürbung und geistiger
Aushöhlung bewahrt, indem er Monate lang eine Sammlun von Meisterpartien
blind durchspielte und mit diesen intellektuellen Exerzitien jene
Widerstandskraft zurückgewann, die ihm tägliche Verhöre
abverlangten. Später dachte er sich zu den alten Partien neue aus und
überwand so die völlig raumlose und zeitlose Leere; schließlich
um nicht wieder in das Nichts der zermürbenden Langeweile
zurückzufallen, spielte er notgedrungen gegen sich selbst - eine Paradoxie
wie über den eigenen Schatten zu springen. Diese "Schachvergiftung"
verursachte ein Nervenfieber, das seine Entlassung bewirkte. Zum ersten Mal nach
seiner Entlassung spielt nun Dr. B. auf einem richtigen Schachbrett gegen einen
kongenialen Gegner. Sein Motiv ist einzig die posthume Neugier, festzustellen ob
das in der Zelle Realität oder schon Wahnsinn gewesen ist. In der ersten
Partie schlägt er den Weltmeister souverän; gegen seinen
ursprünglichen Willen läßt er sich auf eine Revanche ein und
verfällt wieder in jenes Nervenfieber, das damals seinen Zusammenbruch
herbeigeführt hatte. Er denkt in weiten Zügen voraus, und sagt seinem
Gegner schon ein Schachmatt an, welches sich erst im Laufe des Spieles gezeigt
hätte. Dr. B. muß die Partie abbrechen, entfernt sich, um nie wieder
ein Schachbrett zu berühren. Sensibilität und differenzierte
Intelligenz unterliegen dem brutalen Ungeist.
Zweig 1881-1942 erschienen 1941
...letzte abgeschlossene Prosadichtung Zweigs - kurz vor Selbstmord im
Exil. Sie prangert auf dem Hintergrund des 2. Weltkrieges die Brutalität
der fasch. Regime an und entlarvt im Geist bürgerl. Humanität die
natsoz. Terrormethoden.
Mit dem resignativen Schlußakkord der Novelle will Zweig gleichsam
metaphorisch auf die Gefährdung der abendländischen Kultur durch die
faschistische Gewaltpraxis hindeuten. Im Schicksal des exilierten, ehemaligen
Gestapohäftlings leuchtet schlaglichtartig ein größeres
Schicksal auf, unter dem zur Entstehungszeit der "Schachnovelle" Millionen von
Verfolgten in den Konzentrationslagern des Hitlerregimes zu leiden gezwungen
waren. Verselbstständigt sich Zweigs Kunst der psychologischen Analyse und
der effektvollen, auf spannende Höhepunkte berechneten
Handlungsführung in zahlreiche anderen Novellen, so steht sie hier im
Dienst einer politischen Anklage. Deren Hilflosigkeit ist freilich schon in der
von Zweig vertretenen bürgerlich-ästhetischen Humanität
begründet, die durch ihren unpolitischen Charakter notwendig Opfer des
Faschismus werden mußte.
|