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Mann, Thomas: Der Tod in Venedig
Autor: Andri Arn
E-mail: andri1@usa.net
Der Text darf für jegliche Arbeiten
weiterverwendet werden!
Thomas Mann - Der Tod in
Venedig
Eine Deutscharbeit von Andri
Arn, September `98
1. Struktur
Die Novelle von Thomas Mann ist in fünf Kapitel unterteilt. Sie tragen
keine Titel. Die Kapitel sind inhaltlich klar voneinander getrennt. So
beinhaltet das erste die Begegnung mit einem Fremden, der in Aschenbach eine
unwiderrufliche Reiselust auslöst, während das zweite einen
Überblick über Aschenbachs Leben und sein Werk verschafft. Die Reise
nach Venedig und der überstürzte Abreiseversuch sind der Inhalt im
dritten. Im vierten Kapitel wird die literarische Produktion und der Wandel in
Aschenbachs Arbeitsweise durch den Anblick des Schönen hervorgerufen. Gegen
Ende des Kapitels erkennt der Dichter, dass er den Jüngling liebt. Im
letzten Kapitel sind die letzten Tage von Aschenbachs Leben
beschrieben.
Auffallend ist, dass Venedig erst im fünften und letzten Kapitel im
Detail beschrieben wird. Bevor die Choleraepidemie ausgebrochen und verbreitet
ist, dominieren die Beschreibungen des Lidos.
Ich finde der Aufbau des Buches sehr passend und konsequent. Die
Beschreibung Aschenbachs Leben dürfte nicht schon im ersten Kapitel stehen,
denn der Leser ist nicht an einer Biographie interessiert, deren Person er gar
nicht kennt. Das zweite Kapitel ist auch notwendig für die
Verständigung der Novelle und zur nachfolgenden Interpretation.
2. Sprache
Die Sprache von Thomas Mann in “Tod in Venedig" ist durch auffallend
viele eingeschobene Nebensätze geprägt. Diese Einschübe helfen
dem Schriftsteller in einem Satz sehr viel und dichte Information zu vermitteln.
Dadurch werden die Sätze äusserst komplex, lang und der Satzaufbau
kompliziert, was das Textverständnis nicht gerade vereinfacht. Ein weiterer
Effekt dieser Nebensätze ist, dass sie dem Leser ein äusserst genaues
Bild der Umgebung verschaffen oder die Handlung präzisieren. Um dieses
extreme Verhältnis zwischen Haupt- und Nebensatz in Zahlen aufzuzeigen,
zitiere ich aus dem Thomas-Mann-Handbuch (Seite 856, siehe auch `5.
Quellenangabe`): “[...] Hauptsatz - Nebensatz 100:210, im Extremfall sogar
5:17."
Seine Ausdrücke sind in jeder Situation sehr treffend, was sich auf
eine äusserst vielfältige und abwechslungsreiche Wortwahl
niederschlägt. Oft verwendet er auch Synonyme, um die Aussage
hervorzuheben. Dasselbe gilt für die vielen Adjektive, die Thomas Mann
gezielt einsetzt.
Zusammengefasst finde ich das Sprachniveau sehr hoch, die Wortwahl
äusserst abwechslungsreich und (wie das ganze Buch) ansprechend.
Die Novelle wird auf der `Er-Sicht` erzählt, wobei der Leser
Aschenbachs Gedankengänge und Träume bis auf das letzte Kapitel klar
miterlebt. Die Wortwahl ist immer der Situation angepasst: Begegnet der
Schriftsteller einem Fremden, so wirkt die Sprache schleppend und es
werden unauffällig Wörter mit negativer Bedeutung gebraucht.
“Nötigte" (37) man ihn auf dem Schiff nach Venedig den Speisesaal zu
betreten, so “meldete" ihm im Hotel ein Kellner “auf englisch, dass
die Mahlzeit bereit sei" (52). Erblickt der Dichter hingegen Tadzio, so
wechselt die Sprache in einen ganz sanften und lieblichen Ton. Als sich
Aschenbachs Leben dem Tode neigt, werden die Vorgänge im Deutschen nicht
mehr klar dargestellt. Die Sprache ist nur noch spürend, es werden von
Aschenbach nur noch Gesundheitszustände und Wahrnehmungen vermittelt. Die
Umwelt wird nicht mehr so genau beschrieben. Dadurch wird eine Unsicherheit und
die Nähe des Lebensabends ausgedruckt.
3.
Interpretationn
Anmerkung: Die Seitenzahlen bei Zitaten beziehen sich auf die
ungekürzte Taschenbuchausgabe vom Fischerverlag (1992).
Der Dichter Gustav Aschenbach befindet sich zu Beginn der Geschichte in
einer grösseren Schaffenskrise. Er kann sich mit dem “entnervenden,
sich täglich erneuernden Kampf" (Seite 16), den seine Kunst für ihn
bedeutet, nicht mehr zurechtfinden. Die sonst immer vorhandene nötige Kraft
und Konzentration fürs Schreiben ist nicht mehr vorhanden. Als er auf einem
Spaziergang auf einen Mann trifft, welcher wie ein Reisender gekleidet
ist, empfindet Aschenbach ein tiefes Verlangen in die Ferne zu reisen. Doch
wie schon früher verdrängt er diese Gefühle, denn er hat Angst,
dass er schon an sein Lebensende gelangt, bevor er seine Arbeit zu Ende gebracht
hat. Trotz seines Widerstandes kann er diese Reiselust nicht vollständig
vergessen, so dass er entgegen seinem Verstand nach und nach Interesse daran
findet. Schliesslich kann der Schriftsteller seine schon früher
unterdrückten Gefühle nicht mehr länger verdrängen:
“Und so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei,
Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer erträglich und ergiebig
werde." (18) Gustav Aschenbach hatte in seiner Krise sicherlich schon mehrere
Male diese Gedanken und diese Sehnsucht nach etwas Neuem, machte diese jedoch
mit seinen streng rationalen Überlegungen wieder zunichte. Für ihn
besteht eine Pflicht gegenüber sich selbst, zuerst seine Arbeit
auszuführen und sich erst danach anderen Dingen zu widmen. Doch der Fremde
mit dem Ausdruck eines Reisenden bringt im Dichter einen diesmal
unaufhaltbaren Stein ins Rollen, in welchem all seine Wünsche und
unterdrückten Gefühle miteinander zum Vorschein kommen, so dass dieser
innige Wunsch nach Ferne viel stärker als seine eigentliche Grundhaltung in
dieser Beziehung wird. Der Künstler realisiert auch den Grund für
diese innigen Gefühle: “... diese Sehnsucht ins Ferne und Neue, diese
Begierde nach Befreiung, Entbürdung und Vergessen, - der Drang hinweg vom
Werke, von der Alltagsstätte eines starren, kalten und leidenschaftlichen
Dienstes." (16).
Dass Aschenbach ebenfalls der Ort und nicht nur die Ferne eine Rolle
spielt, zeigt sich in seinem nur kurzen Aufenthalt auf der Adriainsel. Obwohl er
“das Fremdartige und Bezugslose, welches jedoch rasch zu erreichen
wäre." (31) sucht, so hat er unbewusste konkrete Vorstellungen seines
Ferienortes. Gustav Aschenbach kann sich nicht einfach mit Ferne begnügen,
er sucht eine bestimmte Ferne, welche er in Venedig zu finden hofft.
Während der Überfahrt nach Venedig stört er sich an einem
alten Mann, der sich geschminkt und verkleidet hat, so dass er auf den
ersten Blick wie ein Fünfundzwanzigjähriger aussieht. Dieser
“greise Geck" (37) widert ihn aufs gröbste an und er fragt sich,
ob die jungen anwesenden Reisenden diese Verkleidung nicht durchschauen. Kurz
vor Ende der Schiffsreise ist der alte Mann kläglich betrunken und
wünscht Gustav “den glücklichsten Aufenthalt" (41), worauf sich
Aschenbach von Neuem empört. Die künstliche Verjüngung mit der
Schminke und der Perücke ekelt ihn an. So bezeichnet der Schriftsteller den
Geck als einen “schauderhaften Alten" (40). Genau diese Empfindung wandelt
sich jedoch beim verlassen des Schiffes in eine sonderbare Zuneigung.
Näheres über diese Wende wird in diesem Kapitel nicht zum Ausdruck
gebracht. Erst im fünften Kapitel lassen sich diese Gedanken wieder finden,
als sie bei der ebenfalls künstlichen Verjüngung Aschenbachs zum
Vorschein treten. Anstatt einer Perücke lässt er sich seine grauen
Haare schwarz färben und “... sah im Glase seine Brauen sich
entschiedener und ebenmässiger wölben, den Schnitt seiner Augen sich
verlängern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich
heben, sah weiter unten, wo die Haut bräunlich-ledern gewesen, weich
aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben noch,
himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die Runzeln der
Augen unter Crème und Jugendhauch verschwinden, - erblickte mit
Herzklopfen einen blühenden Jüngling." (130) Aschenbach verändert
sein Aussehen mit denselben Mitteln, welche ihn während der Überfahrt
angewidert haben.
Nach dem Besuch beim Coiffeur fallen zwei weitere, sicherlich nicht
zufällige, Gemeinsamkeiten zwischen dem Dichter und dem Geck auf:
Aschenbach trägt eine rote Krawatte und einen “breitschattender
Strohhut mir einem mehrfarbigen Bande umwunden" (131), während der alte
Mann “in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter
Krawatte" (34) gekleidet ist und einen “farbig umwundenen Strohhut" (35)
trägt. Der Schriftsteller verjüngt sich also nicht nur auf dieselbe
Weise, er trägt auch dieselbe Krawatte und einen Strohhut mit einem
farbigen Band. Der Hut und der hellgelbe Sommeranzug ist erst beim genauen
Studium der verschiedenen Personen unter anderem beim Reisenden wieder
anzutreffen: “Einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff" (12) “der
breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem Aussehen
ein Gepräge des Fremdländischen und Weitherkommenden verlieh." (11).
Der Reisende erhält neben dem Hut und dem gelben Kleid noch die
Prägung eines Fremden, genau so wie der Gondolier, welcher Aschenbach
anstatt zum Stadtteil San Marco direkt zum Lido fährt: Neben “einer
gelben Schärpe und einem formlosen Strohhut, dessen Geflecht sich
aufzulösen begann" (43) lassen ihn aufgrund seiner “Gesichtsbildung,
seinem blonden, lockigen Schnurrbart unter der kurz aufgeworfenen Nase [...]
durchaus nicht italienischen Schlages erscheinen." (43). Ebenso der Guitarrist
der Strassensänger: “Er schien nicht venezianischen Schlages,
vielmehr von der Rasse der neapolitanischen Komiker." (112) Der Guitarrist,
der Gondolier und der Reisende werden allesamt als Fremde bezeichnet,
Sinnbild für das Ungewisse und das Negative. Ein Fremder ist nicht
vertrauenerweckend, man wird misstrauisch, so wie Aschenbach während der
Fahrt mit dem Gondolier. Der Steuermann ist ihm vollkommen überlegen,
obwohl sich der Schriftsteller wehrt und ihm droht, dass er nicht zahlen
werde.
Ebenfalls fremd sind der Matrose, “ein ziegenbärtiger Mann von
der Physiognomie eines altmodischen Zirkusdirektors" (33), und der greise Geck,
der sich inmitten einer Gruppe Jugendlicher aufhält. Beide Personen sind
der Beschreibung nach nicht am passenden Ort, das heisst sie sind fremd am
Platz.
Nach der Dampfschifffahrt und der Begegnung mit dem greisen Geck, besteigt
Aschenbach eine venezianische Gondel, um zum Stadtteil San Marco zu gelangen.
Das “seltsame Fahrzeug" ist “so eigentümlich schwarz, wie sonst
unter allen Dingen nur Särge sind" (42). Mit dem weiteren Geschehen der
Novelle verglichen besteigt Aschenbach wirklich seinen eigenen Sarg. In der
Gondel wünscht er sich: “Die Fahrt wird kurz sein, dachte er;
möchte sie immer währen!" (42). Im übertragenen Sinne kann dies
folgendermassen formuliert werden: “Möge die Gondel meine ewige
Bleibe sein. Möge meine Reise unendlich sein. Hier ist der Ort, an dem ich
meinen Lebensabend verbringen will." Tatsächlich dauert die Fahrt etwas
länger als angenommen, denn der Gondolier fährt Aschenbach anstatt wie
gewünscht nach San Marco zum Lido, wo sich Gustavs Hotel befindet.
Aschenbach will dies jedoch auf keinen Fall, kann sich jedoch beim ersten
Widerstand nicht durchsetzen. Nach einer kurzen Zeit der Resignation rafft sich
Aschenbach noch einmal auf, denn sein Pflichtgefühl und sein Stolz
drängen ihn und so fragt er, was der Ortskundige für die Fahrt
fordere. Die unangemessene und freche Antwort des Gondoliers lautet: “Sie
werden bezahlen." (45). Dem Gondolier wird der Schriftsteller schliesslich
nichts bezahlen. Die Antwort beinhaltet doch ihre Wahrheit: Schlussendlich
bezahlt Aschenbach mit seinem Leben und wird Venedig nie mehr
verlassen.
In der Aufenthaltshalle seines Hotels sticht ihm zum ersten Mal
Tadzio ins Auge: “... ein langhaariger Knabe von vielleicht
vierzehn Jahren. Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen
schön war." (50). Das kindliche und “die reinste Vollendung der Form"
(50) des Gesichtes von Tadzio beeindrucken, ja erschrecken ihn. Er geniesst ohne
aufzufallen jeden Blick, den er vom “Haupt des Eros" (57) erhaschen
kann. Der Einfluss dieser Macht erkennt nur der Leser. Die Beziehung des
Schriftstellers zu diesem schönen Knaben ist für Aschenbach die des
Künstlers zum schönen Gegenstand oder des Vaters zum Sohn, denn nur
“eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigung dessen, der sich
opfernd im Geiste das Schöne zeugt, zu dem, der die Schönheit hat,
erfüllte und bewegte ein Herz." (65). Er fühlt sich an diesem Ort
äusserst wohl und beschliesst so lange in Venedig zu bleiben wie Tadzio
bleibt. Dass er Venedig wegen Tadzio nicht mehr verlassen kann, erkennt
Aschenbach erst auf der Rückreise von seinem überstürzten
Abreiseversuch.
Bis zu dieser missglückten Abreise bewundert er Tadzios Schönheit
im Hotel und am Strand. Aschenbach ist sehr glücklich und befreit von all
seinen Sorgen und seiner Schaffenskrise, was jedoch nicht heisst, dass er wieder
zu schreiben beginnt. “Er war erheitert und erschüttert zugleich, das
heisst: beglückt." (61) Der Dichter versucht unauffällig und ohne
nachzuspionieren mehr über diesen Jungen herauszufinden, angefangen bei
seinem Namen. Aschenbach ist nur erfreut über die Schönheit Tadzios
und hat keinerlei Hintergedanken. Stellvertretend für Aschenbachs
Gefühle können folgende Textstellen zitiert werden: “Aber sein
Name war es, der am öftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben,
bewundert." (63) “Und auch wenn Aschenbach ihn nicht betrachtete, sondern
einige Seiten in seinem Buche las, vergass er fast niemals, dass jener dort lag
und dass es ihn nur eine leichte Wendung des Kopfes nach rechts kostete, um das
Bewunderungswürdige zu erblicken." (65)
Eine aufkommende widerliche Schwüle beginnt Aschenbach jedoch zu
schaffen machen und er spürt: “Zum zweitenmal und nun endgültig
war es erwiesen, dass diese Stadt bei dieser Witterung ihm höchst
schädlich war. [...] Ein eigensinniges Ausharren erschien vernunftwidrig."
(68) Aschenbach beschliesst ohne abzuwägen und ohne zu zweifeln, dass er am
nächsten Morgen nach Triest in ein Bäderhotel abreisen will. Diese
überstürzte und rein rationale Entscheidung bereut er jedoch schon am
selben Abend wieder und er erwägt doch zu bleiben. Er hat noch nicht
begriffen, weshalb ihn seine Gefühle zurückhalten und zum bleiben
überreden wollen. Aschenbach zögert am Morgen der Abreise sein
Frühstück dermassen hinaus, dass sein Gepäck schon vor ihm zum
Bahnhof gebracht wird und er sich mit einer Gondel zum Abfahrtsort bringen
lässt.
In der Gondel beginnt eine Fahrt des Leidens und ein harter Kampf zwischen
seinen Gefühlen und seinem Verstand. Der Dichter bereut den Entschluss
dermassen, dass er sogar den fauligen Geruch von Meer und Sumpf, weswegen er
sich zur Abreise entschlossen hatte, in “tiefen, zärtlich
schmerzlichen Zügen" (72) einatmet. Er kann sich eine Abreise
überhaupt nicht vorstellen, eine Rückkehr jedoch auch nicht. Er ist
völlig ratlos und ist sich selber nicht im Klaren, was er wirklich will. In
diesem Gefühlszustand betritt er die Bahnhofshalle und erkundigt sich nach
seinem Gepäck, worauf er erfährt, dass dieses bereits nach Como
unterwegs sei. Der Zug mit dem in die falsche Richtung aufgegebenen Gepäck
ist jedoch schon abgefahren, so dass sich der Schriftsteller entschliesst wieder
ins Hotel zurückzukehren und auf das Gepäck zu warten. Gegen aussen
zeigt er ein wütendes Gesicht, innerlich jubelt er aber vor Freude
über das Missgeschick: “Eine abenteuerliche Freude, eine unglaubliche
Heiterkeit erschütterte von innen fast krampfhaft seine Brust." (74) Dank
diesem Aufgabefehler erhält Aschenbach einen akzeptablen Grund, um seinen
Aufenthalt zu verlängern und zu Tadzio zurückzukehren. Auffallend an
dieser Szene ist, dass Aschenbachs Verstand bei der Entscheidung um eine Reise
ohne Gepäck oder eine Rückkehr ins Hotel völlig in den
Hintergrund tritt - entschied sich dieser doch noch vor einem Tag ohne zu
überlegen für eine Abreise! Auf der Fahrt zum Hotel ist er
äusserst glücklich, dass sich “ein Unglück verhütet,
ein schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Rücken zu lassen
geglaubt hatte, eröffnete sich ihm wieder, war auf beliebige Zeit wieder
sein." (75)
Was dem Leser schon lange bekannt war, erkennt nun auch Aschenbach selber:
“Er [...] fühlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den
Schmerz seiner Seele und erkannte, dass ihm um Tadzios willen der Abschied so
schwer geworden war." (77) Dass der Schriftsteller sich von diesem Bann nicht
mehr lösen kann, druckt sich auch in der Umschreibung von ihm aus:
“Und so wurde der Flüchtling wieder einquartiert." (76) Das Wort
Flüchtling wird für Aschenbach zum ersten Mal verwendet, ist jedoch
auch erst jetzt passend: Er befindet sich nun in einem Gefängnis, aus
welchem ein entkommen unmöglich ist, was ihm auch bewusst wird.
Auffallend an Aschenbachs Arbeitsweise ist, dass der frühere Wille zu
strenger Rationalität und völliger Verdrängung
gefühlsmässiger Einflüsse nun verschwindet. Sein komplett neues
Prinzip lautet: “Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz
Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag." Ein
Gedanke soll nur noch aus Gefühlen bestehen. Aschenbach spürt ein
Verlangen, nur noch in Tadzios Nähe zu arbeiten. Ebenfalls beginnt er
seinen Polen zu suchen, um ihn bewundern zu können. Aus diesem Grund wird
Gustav Aschenbach als “der Enthusiasmierte" bezeichnet. Seine Hemmschwelle
gegenüber Tadzio sinkt weiter, worauf Aschenbach den Schönen eines
Morgens ansprechen will. Im entscheidenden Moment versagt er und sieht danach
ein, dass dieser Schritt nur zur “heilsamen Ernüchterung
geführt" (89) hätte. “Allein es war wohl an dem, dass der
Alternde die Ernüchterung nicht wollte, dass der Rausch ihm zu teuer war."
(89) Er ist nicht mehr stark genug, um seine sonderbare Beziehung zu Tadzio aufs
Spiel zu setzen. Er ist ebenfalls nicht mehr zur Selbstkritik aufgelegt, er
resigniert und akzeptiert die Tatsachen. Das einzige was ihm Sorgen macht ist
die mögliche Abreise des Polen.
Aschenbach fixiert sich nur noch auf Tadzio und beginnt seinen ganzen
Tagesablauf auf ihn auszurichten, so dass sein Tag nach dem Verschwinden des
Schönen beendet ist. Er will auf keinen Fall die heilsame
Ernüchterung, “denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so lange
er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein Erzeugnis
mangelhafter Erkenntnis." (94) Aschenbach würde eine Zerstörung dieser
Beziehung nicht überleben, denn er weiss, dass er ihn liebt.
Tadzio wird für den Schriftsteller immer mehr zur Droge und zu einer
unwiderstehlichen Manie. Er kann die Mitmenschen und die Umgebung nicht mehr
richtig wahrnehmen. So verbringt er den Tag mit dem Verfolgen Tadzios und
verliert seine anfänglichen Hemmungen fast gänzlich: “Neuerdings
begnügte er sich nicht damit, Nähe und Anblick des Schönen der
Tagesregel und dem Glücke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte ihm
nach." (101) Ein weiteres Beispiel dafür ist die Szene, als Aschenbach
einem Gondolier ein Extratrinkgeld gibt, damit dieser Tadzios Gondel verfolgt.
Die völlige Gleichgültigkeit der Meinung Anderer zeigt sich bei der
kosmetischen Verjüngung auf. Weil ihn sein eigener Körper anekelt und
er “wie ein Liebender zu gefallen wünscht" (129), lässt er sich
verjüngen.
Der Ausbruch der tödlichen Krankheit Cholera lässt den
Schriftsteller in dem Sinne kalt, dass er nicht abreist. Er ist sich der Gefahr
vollkommen bewusst. Er erkundigt sich mehrmals über die Vorgänge in
Venedig und findet eine Genugtuung darin, die Einwohner mit gezielten Fragen
absichtlich zur Lüge zu verleiten, damit die Wahrheit der Cholerabedrohung
möglichst nicht an die Öffentlichkeit dringt. Er bejaht dieses
verschwiegene Verhalten der Einheimischen, indem er Tadzio und sein Familie
nicht über die Umstände informiert. Dies tut er aus reinem Eigennutz,
denn nach dem informieren würden die Polen mit Bestimmtheit auf der Stelle
abreisen.
Unmittelbar vor seinem Tod sieht Aschenbach Tadzio zum letzten Mal am
Strand. Jaschu, sein Spielgefährte, verwickelt ihn in einen Ringkampf. Vor
diesem Gebalge war Tadzio immer der “Ausgezeichnete" (83), der in Jaschu
einen “Vasallen" (63), einen “Geringeren, Dienenden" (83) hatte. In
Aschenbachs letzter Stunde werden diese Rollen jedoch erstmals vertauscht:
“Aber als ob in der Abschiedsstunde das dienende Gefühl des
Geringeren sich in grausame Roheit verkehre und für eine lange Sklaverei
Rache zu nehmen trachte,..." (138) so endet der Kampf mit einer Niederlage des
“schwächeren Schönen" (138).
Tadzio wird noch als “eine höchst abgesonderte und
verbindungslose Erscheinung" (139) bezeichnet. Aschenbach findet keinen Bezug
mehr zu ihm. Er spürt, dass sein Lebensabend gekommen ist. Tadzios Anblick
kann er aber nicht mehr geniessen, er ist wie benommen. Sein Antlitz zeigt
“den schlaffen, innig versunkenen Ausdruck tiefen Schlummers" (139), bevor
“eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode
empfing." (140). Gustav Aschenbach erliegt einem Herzanfall. Seine leise
Todesahnung, die am Anfang der Novelle angetönt wird, hat sich
bestätigt.
Bevor Gustav Aschenbach in eine Schaffenskrise gerät, fällt er
alle Entscheidungen mit seinem Verstand. Gefühle haben keinen Platz in
seinem Leben, denn diese würden nur ablenken. Der Reisende löst
aber in ihm eine Wende aus, die er nie mehr rückgängig machen kann: Er
muss auf seine Gefühle hören. Jedes früher unterdrückte
Gefühl und Verlangen bäumt sich in ihm auf und er muss (nach Venedig)
abreisen. Der Gedanke der Weiterreise aufgrund des fauligen Geruches in Venedig
fällt wiederum nur sein Verstand, denn er will wie früher nichts mit
seinen Gefühlen zu tun haben, so dass er sie verdrängt. Sie sind zu
diesem Zeitpunkt aber zum zweiten Mal nicht mehr wegzudenken. Sein Leiden hat
mit dem Missgeschick bei der Kofferabfertigung ein glückliches Ende und er
kann mit einem guten Grund ins Hotel zurückkehren. Seine Meinung
gegenüber den Gefühlen ändert sich radikal und er möchte nur
noch Gefühlsdichtung. Er hört nur noch auf seine Gefühle und
handelt danach, was ihn trotz der Cholera zum Bleiben veranlasst. Die Aussenwelt
wird ihm gleichgültig, er fixiert sich nur auf Tadzio und dessen Leben.
Über eine rettende Abreise denkt er gar nie nach. Er wäre auch nicht
fähig, von seinem Schönen wegzugehen. Etwas anderes als Aschenbachs
Tod wäre unrealistisch.
4. Zeitbezug
Die Schaffenskrise, in der Aschenbach zu Beginn steckt, hatten zu dieser
Zeit viele bürgerliche Künstler. Die Krise wurde vor allem durch den
sich rasch vollziehenden wirtschaftlichen Wandel hervorgerufen. Das
neugegründete Kaiserreich entwickelte sich von 1871 bis 1914 zu einem
hochindustrialisierten Staat, wobei der Prozess durch zeitweilige Stagnation
unterbrochen wurde. Neben dieser Ungewissheit der Zukunft, machten den
Schriftstellern die Landflucht und die Verstädterung zu schaffen: Die
Bevölkerung der Grossstädte bildete Parteien, Vereine und
Verbände, so dass sie ihre Rolle als Sprecher und Repräsentanten ihrer
Schicht (des gebildeten Bürgertums), welche sie noch im 19. Jahrhundert
innehatten, in Gefahr sahen. Eine nächste Schranke wurde durch das
politische System aufgebaut. So hatte der Kaiser das Sagen, was Wilhelm II. auch
in der Kunst zu verstehen gab: “Eine Kunst, die sich über die von Mir
bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr."
Weil Thomas Mann als gesellschaftskritischer Künstler unter diesen
Umständen kaum überlebensfähig gewesen wäre, übernahm
er in “Tod in Venedig" die Grundüberzeugungen der Obrigkeit. So wird
bei Aschenbach auf “jene adelige Reinheit, Einfachheit und
Ebenmässigkeit der Formgebung, welche seinen Produkten fortan ein so
sinnfälliges, ja gewolltes Gepräge der Meisterlichkeit und
Klassizität verlieh" (28) geachtet. Sein Aufstieg zum repräsentativen
Künstler beruht auf der Unterwerfung unter die Gesetze und Schranken des
Kaisers Wilhelm II. Durch die Übernahme der preussischen Ideologie scheint
es Aschenbach gelungen zu sein, die Identitätsproblem zu bewältigen.
Jedoch bringt die neue Identität des repräsentativen
Nationalschriftstellers eine untragbare Verantwortung mit sich, so dass das
Ergebnis am Ende der Tod ist.
5. Quellenangabe der
Sekundärliteratur
Für eine gedankliche Anregung wurde verwendet:
Thomas-Mann-Handbuch, Helmut Koopmann, Alfred Körner Verlag,
1995
Note: 1.75 (in der Schweiz 5.25)
Nachträglich gefundene und sehr empfehlenswerte
Sekundärliteratur:
Verlag: Mentor, Lektüre - Druchblick, Thomas Mann,
Der Tod in Venedig, Band 320, ISBN 3-580-63320-1, Preis 9.80
DM
Kommentar der Lehrerin:
Sie äussern sich recht ausführlich und treffend zur Sprache und
geben den Inhalt sehr genau wieder. Die vielen Zitate haben Sie geschickt in
Ihren Text eingeflochten.
Was etwas fehlt, ist eine übergreifende Deutung. Auf Seite 4 schreiben
Sie im 2. Abschnitt zum "Haupt des Eros": "Der Einfluss dieser Macht erkennt nur
der Leser." Was dieser "Eros" bedeutet, der ja eng mit dem Tod una allen von
Ihnen erwähnten "Todesboten" verbunden ist, schreiben Sie später
nirgends. Man könnte den Eindruck bekommen, es handle sich in der Novelle
nur um ein Hervortreten von Gefühlen. "Gefühle" wären aber nicht
die richtige Bezeichnung für das Einbrechen dieser wild-dämonischen
Mächte, die aus einem tiefliegenden und nicht steuerbaren Grund
aufdrängen.
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