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Turrini, Peter (1944- )
Deutsch -
Spezialgebiet
von Florian
Hinterer
über
Peter
Turrini
(Das moderne Volksstück
und das kritische Volkstheater am Beispiel von Peter Turrini)
Inhaltsangabe:
1) a) Kurzbiographie über Peter Turrini
b) Charakterisierung des Autoren Peter Turrini
2) Das Volksstück von Raimund bis Turrini (Gattung und
Entwicklung)
3) Das Wiener Volksstück (Ferdinand Raimund, Johann N.
Nestroy)
4) Das neue Volksstück (Ödön v. Horváth,
Brecht, Fleißer, Franz X. Kroetz)
5) Anhang
Deutsch - Spezialgebiet:
Das moderne Volksstück und das
kritische Volkstheater am Beispiel von Peter Turrini
1.)
a) Kurzbiographie über Peter
Turrini:
Peter Turrini wurde am 26. September 1944 in Sankt
Margarethen im Lavanthal (Kärnten) geboren. Seine Mutter war gebürtige
Steirerin, sein Vater war Italiener.
1963 absolvierte er seine Reifeprüfung an der
Klagenfurter Handelsakademie.
Danach übte er bis 1970 verschiedenste Berufe
aus:
Metallarbeiter, Lagerarbeiter, Werbetexter,
...usw.
Nach seiner einjährigen Flucht auf die griechische
Insel Rhodos versuchte er sich diesesmal im Hotelgewerbe als Barmann und
Hotelmanager in Italien und in der BRD.
Seit 1971 lebt Peter Turrini als freiberuflicher
Schriftsteller hauptsächlich in Wien.
1972 erhielt Turrini den Förderungspreis des Landes
Kärnten für Literatur (Klagenfurt) und 1979 den Fernsehpreis der
österreichischen Volksbildung.
1981 wurde ihm der Gerhart-Hauptman-Preis (Berlin[West])
verliehen.
b)
Charakterisierung des Autoren Peter
Turrini:
Peter Turrini ist ein anderer Vertreter der Mundartwelle, er
fußt auf dem Bauerntheater und versucht dadurch Kommunikation mit dem
Publikum.
Turrini setzt sich hauptsächlich mit sozialen und
politischen Widersprüchen der österreichischen Realität
auseinander und versucht, diese künstlerisch zu gestalten.
Turrini geht es um den “Alltag der Unterdrückung,
die normale Katastrophe”.
Er steht voll und ganz in der Tradition des sozialkritischen
Volksstücks von Raimund bis Horváth und verwendet wie auch sie des
öfteren die Dialektsprache.
Im Unterschied zu seinen Vorgängern sind jedoch seine
Stücke parabelhafter.
Stichworte, die Peter Turrinis Gegenwartsliteratur
umreißen:
Lust an der Provokation und an der Zertrümmerung von
Moral-Werten und der heimatlichen Idylle, aggressive Gesellschaftskritik, die
sich manchmal in Verbal-
radikalismus und Revolutionsrethorik
erschöpft.
Hinter dem Image des Bürgerschrecks erkannte die Kritik
frühzeitig barocken Weltekel und eine bildhafte, dialektgespeiste
Sprachkraft, hinter der ausge-
breiteten Vulgarität den sensiblen Künstler. Die
zornigen Verbalinjurien Turrinis stehen durchaus in österreichischer
Tradition, und trotz demonstrativ vorgetragener Literaturfeindlichkeit
begnügt dieser Autor sich nicht mit dem Abbild-Realismus, sondern sucht die
Verbindung mit experimentellen Schreibformen.
2.) Das Volksstück von Raimund
bisTurrini
Gattung und Entwicklung:
Das Volkstheater ist ein Sammelbegriff für
volkstümliche Theaterpraxis (oft auch mit Laienschauspielern) und
Theaterliteratur, die keine Bildungsschranken setzt. Das
Volkstheater wird im Sinne synonym mit -> Volksstück, ->
Volksschauspiel,
-> Bauerntheater, Dialekt- und -> Lokalstück
gebraucht.
Man kann auch das Volkstheater als ein Theaterunternehmen
bezeichnen, das im Gegensatz zum Hof- und Bürgertheater inhaltlich und
finanziell von allen Schichten getragen wird. Die Bezeichnung
“Volkstheater” wird erstmals von Goethe im Gegensatz zum Hoftheater
gebraucht.
Das Volkstheater setzt eine soziale Trennung des Publikums
nach Bildung, Geschmack und Einkommen voraus, die dem Barocktheater Shakespeares
oder Calderóns noch unbekannt war, und die sich im 18. Jahrhundert auch
im süd-
deutschen Sprachraum weniger als im norddeutschen (J.Ch.
Gottsched) durchge-
setzt hatte. (Vgl. -> Wiener Volkstheater,
Volksschauspiel)
Feste Volkstheater entstanden für die ->
Wanderbühnen außerhalb des Einflußbereichs der privilegierten
höfischen oder bürgerlichen Theater als Vorstadttheater oder
Markttheater (Théâtre forain) oder Theaterhäuser der
->
Commedia dell´arte; Schwerpunkte solcher Volkstheater
waren Wien, Paris und Venedig.
Die Idee eines Volkstheaters lag bereits der Wiener
Theaterreform Josefs II.
(---> 1776, subventioniertes Nationaltheater für
alle Stände) zugrunde; diese
wurde in der Romantik im Gefolge der Neueinschätzung
volkstümlicher
Elemente aufgewertet und verband sich mit dem
Nationalgedanken und
schließlich mit sozialpolitischen und erzieherischen
Absichten. Dies führte zur
Errichtung von Volkstheatern mit populären Repertoire,
zum Teil mit Beteiligung
von Laienakteuren und verbilligten Eintritt. ( --->
Freilichttheater der Heimat-
kunstbewegung, -> Volksbühne)
Das Volksstück wird von professionellen
Schauspieltruppen (oder Laienorgan-
isationen) für ein breites Publikum teils auf
Wanderbühnen, teils an festen Vorstadtbühnen der Städte
aufgeführt. Charakteristisch ist die Integration literarischer,
sinnlich-theatralischer und schlicht volkstümlicher auch banaler Elemente
und die komödiantisch virtuose Darbietung, oft mit musikalischer
(Gesangsnummern), pantomimischer, tänzerischer oder Stehgreif-Einlagen
versehen. Das Volksstück übt gleichermaßen Anziehung auf
gebildete als auch auf ungebildete Kreise aus.
Die bedeutendste Ausprägung des Volksstücks findet
man im Wiener Volks-
theater. Besonders das süddeutsche
Volksstück galt immer als Modell für ein vitales Volkstheater, wie es
aus sozialen, politischen oder künstlerischen Motiven von so
unterschiedlichen Autoren wie Gerhart Hauptmann, Ludwig Anzengruber, Ludwig
Thoma, Hugo von Hoffmannsthal, Bert Brecht (Über das Volksstück)
angestrebt wurde.
Da Gesellschafts- Charakter -und Sprachkritik immer zum
Volksstück gehörten, brauchte das moderne Volksstück von
Ödön von Horvâth, Bert Brecht, Marie Luise
Fleißer, Heinrich Lautensack, Franz Xaver Kroetz,
Peter Turrini, Wolfgang Bauer, Wolfgang Deichsel, F.
Kusk, M. Sperr, u.a.
hier nur an alte Traditionen anzuknüpfen, um die
Klischees des kleinbürgerlichen Alltags anzuprangern.
Das Volksstück ist im Gegensatz zum bäuerlichen
Volksschauspiel, der Dorfkomödie (-> Bauerntheater), eine Gattung von
Bühnenstücken für städtische Volkstheater und
Vorstadtbühnen mit einer aus dem Volksleben entnommene Handlung in
volkstümlich schlichter, leichtverständlicher Form, die jedoch durch
Einlagen von Musik, Gesang und Tanz sowie Anwendung von Effekten,
Sentimentalitäten u. ä. niederen Elementen dem Geschmack des
Großstadtpublikums entgegenkommt, ohne den oft ernsten und zum Teil
tragischen Grundton zu verlieren. Reichste Entfaltung findet man in Hamburg,
Berlin und besonders in Wien, meist mit Übergang zum
Lokalstück.
Stranitzkys Wiener Volksstück geht aus dem Erbe des
Barockdramas hervor und ist als komisches Stehgreifstück noch von der
commedia dell´arte beeinflußt.
Über Prehausers Burleske reicht der Weg - nach der
literarischen Verfestigung durch Ph. Hafner im 18. Jahrhundert - zum
Zauberstück und der gemüthaften Tragikomik Raimunds (mit Einfluß
auf Grillparzer) und über zahlreiche Zwischenglieder zu Nestroys scharfer
Satire und volkstümlichen Parodie und Travesie, während aus dem
Charakterlustspiel -> Lokalstück und ->
Sittenstück
entstehen.
Anzengrubers realistisches Volksstück führt wie
vordem schon Raimund in die bäuerliche Umwelt und nunmehr auch in die
soziale Problematik, wie sie Hawel fortsetzt.
Während das bayrische Volksstück (Thoma) mehr
bäuerlicher Situations-
romantik zuneigt, kann das psychologische Bauernstück
der Alpenländer (Schönherr) nur noch im weitestem Sinn als
Volksstück bezeichnet werden.
(--> Lokalstück)
Das Volksstück ist eine Form des Schauspiels
für das Volk und über das Volk (breite Masse der
Bevölkerung im Gegensatz zu den “Oberen”). Es ist im Gegensatz
zum Theater der Oberschicht (Hoftheater) ein Theater des
Volkes.
Damit zeigt sich, daß echte Volksdramatik
Alternativdramatik zum Bildungsthaeter ist.
Bis ca. 1840 können die untersten, einkommensschwachen
Bevölkerungs-
schichten die in den damaligen Vorstädten Wiens
liegenden Volkstheater zu günstigen Preisen besuchen (Theater in der
Leopoldsstadt, Theater an der Wieden/Wien, Theater in der Josefstadt). Ab 1840
wird dann das Volk immer mehr ausgegrenzt: steigende Preise - diese Theater
müssen ihre Ausgaben durch den Kartenverkauf decken - erlauben nur mehr
bürgerlichen, später großbürgerlichen Kreisen den Besuch.
Diese Entwicklung zeigt sich auch in den großen Städten
Deutschlands.
1899 wird in Wien das Deutsche Volkstheater, 1890 in
Berlin die freie Volksbühne gegründet. Diese Institutionen
werden vom intellektuellen Bürger-
tum getragen und wollen einerseits neue Publikumsschichter
für das Theater gewinnen, andererseits die sozialen Probleme und Nöte
des Arbeiterstandes auf-
zeigen. Aufgeführt werden hier u. a. auch Dramen von
Gerhart Hauptmann, Ludwig Anzengruber oder Henrik Ibsen.
Neben diesen Theatern, die ihre Arbeit vorwiegend als
Bildungsauftrag verstehen, existieren Volkstheater, die anspruchslose, rein
unterhaltende Programme spielen und idyllische Heimatklischees transportieren.
Damit verkommt das Volksstück zur Klamotte oder zum kitschigen
Heimat- bzw. Bauerntheater. Die Stücke des engagierten Volkstheaters tragen
bis in unsere Zeit die verschiedensten Bezeichnungen. Oft verwendet werden
Ausdrücke wie Zaubermärchen (bei Raimund), Lustspiel/Posse (bei
Nestroy), Schwank oder auch Operette, die in Wien ab 1850 als musikalische
Weiterentwicklung des damaligen Volkstheaters gilt.
Um die Mitte 19.Jahrhunderts emanzipiert sich das
Volksstück zum Volkstheater als Institution und wird eine
eigenständige literarische Gattung.
Die Werke von Ludwig Anzengruber, Ludwig Thoma , Georg
Kaiser,
Zuckmayer, Ödön von Horváth, Bertholt
Brecht und Marie Luise Fleißer sind Stationen auf dem Weg zur
Volksdramatik der Gegenwart.
Volksstückhafte Elemente kann man z.B. bei Frank
Wedekind, Karl Valentin, Gerhart Hauptmann und Friedrich
Dürrenmatt feststellen.
Zum Teil an alte Traditionen anknüpfend (Nestroy;
Brecht, Horváth; Fleißer); zum Teil neue dramatische Formen
(Straßentheater, Dokumentartheater, Fern-
sehspiel) suchend und ausprobierend, verfassen nach 1945
österreichische Autoren Völksstücke. Diese dienen entweder der
Bewältigung der national-
sozialistischer Vergangenheit oder beschreiben die
gegenwärtige soziale und politische Realität der unteren Schichten
oder von Randgruppen (Wolfgang Bauer, Ulrich Becher, Felix Mitterer, Thomas
Baum,...)
In Deutschland schreiben Rainer Werner Fassbinder, Martin
Sperr und Franz Xaver Kroetz Volksstücke, in denen die
Außenseiterproblematik und die Aus-
wirkungen ökonomischer und gesellschaftlichen Drucks
auf die Kleinfamilien-
Beziehungen thematisiert werden.
3.) Das Wiener
Volksstück
Ferdinand Raimund (1776-1836) und Johann Nepomuk Nestroy
(1801-1862) sind die klassischen Vertreter des Wiener Volksstücks, das sich
in der 2.Hälfte des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert zu
voller Blüte ent-
wickelt Neben diesen beiden Schauspieldichtern schreiben zu
dieser Zeit noch
Alois Gleich, Karl Meisl, Adolf Bäuerle, Josef Anton
Stranitzky (Hans Wurst der Wiener Bühne)und Philipp Hafner, sie sind vom
Barocktheater und der Stehgreifbühne (commedia dell´arte)
beeinflußt und werden als die Väter des Wiener Volkstheaters
gesehen.
Ferdinand Raimund, der nichts wissen will von
Volkstheater, trachtet danach, Originalstücke zu schreiben und damit die
traditionellen und regionalen Grenzen zu sprengen. Er hat nur selten Probleme
mit der Zensur Metternichs, er kein Gesellschaftskritiker wie Nestroy, welcher
auch Raimund vorwirft, das Volks-
stück verraten zu haben. Andere Kritiker meinen
hingegen, daß Raimund ein Erneuerer und Vollender des Wiener
Volksstücks sei, da er Ernst und Komik, sozialen Alltag und
märchenhaften Zauber, Possenspiel und humanes Lehrstück, lokalen
Dialekt und Hochsprache verbindet. Das Zauberspiel bot ihm die Möglichkeit
über Gesellschaftliches zu schreiben, ohne daß die Stücke
ver-
boten oder zensuriert wurden. (Der Bauer als
Millionär, Der Barometermacher
auf der Zauberinsel, Das Mädchen aus der Feenwelt,
Der Verschwender,...)
Johann Nepomuk Nestroy ist ein realistischer,
kritischer und illusionistischer Dichter des Vor-und Nachmärz. Nestroys
dramatische Texte gliedern sich in Zauberpossen, in denen er das
Zauberstück der Metternich-Ära mit den Mitteln der Satire und Parodie
verspottet. Nestroy nimmt den Stoff aus dem Französischen, er schreibt also
keine “Originalstücke”. Außerdem ist er ein kritischer
Beobachter der gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit, die er auf der
Bühne öffentlich diskutiert.
4.) Das neue
Volksstück
Das neue Volksstück geht andere Wege als das
Volksstück des späten 19. Jahr-
hunderts. Es spielt im Milieu von Kleinbürgern und
Arbeitern und ist gesellschaftskritisch oder politisch orientiert. Vorbild
für die Autoren der Nach-
kriegszeit ist Ödön von
Horváth.
Ödön von Horváth (1901 -
1938)
Die Stücke von Horváths spielen im Milieu der
verarmten Handwerker, kleinen Beamten und Angestellten, in den Kreisen des
Kleinbürgertums in der Zeit der nationalsozialistischen
Diktatur.
Horváth hat im Gegensatz zu Bertholt Brecht kein
politisches Programm, er bietet keine Lösungen an, sondern will die
Zuschauer eher mit persönlichen Schandtaten konfrontieren, indem er die
Figuren seiner Dramen sich selbst im Dialog demaskieren läßt. In der
Wahrung der Tradition des österreichischen Volksstückes seit N e s t
r o y kritisiert er satirisch das Scheinmenschentum
und brüchig gewordene Gesellschaft.
Seine Stücke spielen vor dem Hintergrund der
politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen der 20er Jahre. Die
Krisenstimmung zerstört nicht nur die wirtschaftliche Basis der Menschen,
sondern stört auch ihre zwischenmensch-
lichen Beziehungen. So ergehen sich die Figuren in leeren
Sprachklischees, die ein eigenes Denken ersetzen sollen.
In dem satirischen Grundton seiner Werke bindet er stark an
Nestroy.
Horváth setzt Sprache als soziales Phänomen
ein, wichtig ist dabei nicht so sehr, was die Personen sagen, sondern wie sie es
sagen. Sprache ist für den Dichter ein Medium der Auseinandersetzung
zwischen Bewußtsein und Unter-
bewußtsein. In der und durch die Sprache der
handelnden Personen soll der Zuschauer auch die Kluft zwischen “Gut”
und “Böse” sehen, die Kluft zwischen dem Menschen als
verantwortungsbewußtem Individuum und seinem asozialen und aggressiven
Verhalten.
(Geschichten aus dem Wienerwald, Glaube Liebe Hoffnung,
Kasmir und Karoline, Der jüngste Tag,..)
Bertholt Brecht (1898 - 1956)
In der Zeit seiner ersten Schaffensperiode, die noch vom
Expressionismus beeinflußt ist, zeigt sich Brecht als schonungsloser
Ankläger der bürgerlichen Gesellschaft.
Brechts episches Theater bezeichnet einerseits dramatische
Werke, die auch von anderen modernen Dramatikern verfaßt werden,
andererseits eine Inszenierungs-
praxis am Theater, die sich von der klassischen Dramaturgie
in ihren Zielen und Methoden unterscheidet. Er will mit seinen dramatischen
Werken entweder auf tagespolitische Geschehnisse direkt Einfluß nehmen,
oder mit seinen Parabel-
stücken für eine revolutionäre
Weltveränderung im Sinne des Marxismus kämpfen.
Schon 1926 beginnt Brecht, die ersten Grundsätze des
epischen Theaters zu formulieren. Dabei ist ihm die Aktivierung des nur
konsumierenden, passiven Theaterzuschauers wichtig.
Er verwendet auch die Verfremdungstechnik, d.h.
alltägliche und selbstver-
ständliche Situationen werden auf eine alternative und
damit ungewohnte Weise dargestellt, die Wirklichkeit wird auf dem Theater
“verfremdet”. Dadurch soll der an das klassische Drama gewöhnte
Zuschauer, der sich mit dem auf der Bühne dargestellten identifiziert, aus
der Illusion und aus seiner konsumieren-
den Haltung herausgerissen, zum kritischen Mitdenken
angeregt und für eine Problemlösung motiviert werden. Voraussetzung
für diese Form des Dramas ist natürlich der Glaube an eine
veränderbare Welt.
Die Verfremdungstechnik soll eine emotionale Verwicklung des
Zuschauers in das Bühnengeschehen verhindern, eine kritische Betrachtung
der Thematik hingegen hervorrufen
Zu diesen Verfremdungstechniken
zählen:
* Anrede des Publikums durch einen Erzähler oder
Rollenträger
* Eingeschobene Lieder, Songs, Zitate
* Prologe oder Projektionen von Überschriften und
kurzen Inhaltsangaben am
Beginn einzelner Szenen
* Neugestaltung bestehender und bekannter
Theaterstücke
* Selbsteinführung von Personen
* Sichtbare Bühnentechnik, Verzicht auf Interieur und
Atmosphäre
* Einsatz von Medien und Rundfunk
* Gestische Darstellung: die Schauspieler dürfen sich
mit der Rolle nicht
identifizieren, sondern müssen diese demonstrieren,
erläutern, zeigen und die
Person, die sie spielen als fremd und kritisierter
erscheinen lassen.
Marieluise Fleisser (1901 -
1974)
Marieluise Fleisser behandelt das bayrische Volksleben
sozialkritisch. So demaskiert sie beispielsweise in dem Drama “Pioniere
in Ingolstadt”(1929) die Verlogenheit des Kleinbürgertums und
zeigt dessen beschränkte Selbstherrlich-
keit. Ihre Stücke wurden von Bertholt Brecht
gefördert.
Durch die späte Rezeption der Volksstücke
Ödön von Horváths und Marieluise Fleissers wurde nun eine Welle
von gesellschaftskritischen neuen Volkstücken ausgelöst, die alle vom
lokalen Kolorit des Handlungsraumes und des ver-
wendeten Dialekts ihre starke Wirkung beziehen. Die in
neorealistischer Drastik verfaßten Stücke weisen nicht selten eine
agitatorisch-politische Tendenz auf.
Franz Xaver Kroetz (1946)
Franz Xaver Kroetz ist der meistgespielte deutsche
Dramatiker der Gegenwart (42 Bühnenstücke). Neben Marieluise Fleisser
und Bertholt Brecht bezeichnet er Ödön von Horváth als Vorbild
für seine Volksstücke. Ähnlich wie dieser stellt Kroetz die
Probleme der kleinen Leute in ihrer eigenen Sprache dar.
Diese spllten nicht beredet oder analysiert, sondern durch
die Sprache selbst dargestellt werden. Dabei spielt in Kroetz´ ersten
Stücken (z.B. Stallerhof ´71)
die Sprachlosigkeit als Bild für Entfremdung,
Beziehungslosigkeit und Stummheit im Arbeitsprozeß eine wichtige Rolle.
Kroetz will mit seinem literarischen Engagement den sozial Sprachlosen helfen,
ihre Sprache wiederzu-
finden oder zu lernen. “Menschen”, die gelernt
haben zu reden, können sich verständigen, oder, was noch wichtiger
ist, sie können sich wehren.
Ging es Kroetz am Beginn seiner literarischen Tätigkeit
um das Schicksal von Menschen aus sozialen Randgruppen, so will er in einer
zweiten Phase seines Schaffens die Probleme der großen Masse der
Bevölkerung auf der Bühne beschreiben. Ein Beispiel dafür ist das
1972 erschienen Stück “Oberösterreich”.
5.) Anhang:
Gelesene Werke von P E T E R T U R R
I N I:
# Rozznjogd (1967)
# Sauschlachten (1971)
# Kindsmord (1972)
# Die Wirtin (1973), frei nach
Goldoni
# Die Minderleister (1988)
# Tod und Teufel (1990)
# Ein paar Schritte zurück (Gedichtesammlung;
Verarbeitung seiner
Kindheit)
# Liebe Mörder (Reden, gehalten von Peter
Turrini)
Von mir verwendete
Sekundärliteratur:
# Stichwort Literatur (Veritas
Verlag)
# Kindlers Kritisches
Literaturlexikon
# Killingers Literaturkunde
# Deutsche Literaturgeschichte (Brenner
Bortenschlager)
# Turrini Lesebuch
(Europaverlag)
# Von Lessing bis Kroetz (Einführung in die
Dramenanalyse)
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